Karikaturmuseum Krems: Sokol Auslese

März 19, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Österreichische Prominente und American Natives

Erich Sokol, Plakat für die Wiener Festwochen,1986. Bild: Erich Sokol Privatstiftung, Mödling

Ab 25. März zeigt das Karikaturmuseum Krems die Ausstellung „Sokol Auslese“. Sokol  ist vor allem bekannt durch seine großen, farbigen Porträts von Persönlichkeiten des kulturellen und politischen Lebens, etwa Erwin Steinhauer, Helmut Qualtinger und Paula Wessely. Er gilt als Wegbereiter der neuen österreichischen Schule der Porträtkarikatur.

Als Art-Direktor des ORF war er auch mitverantwortlich für die Entwicklung des Corporate Designs des ORF Senders. Erich Sokol zeichnete bereits als junger Künstler für Die Presse, die Wiener Bilderwoche und die Arbeiter-Zeitung. 1957 absolvierte er eine Ausbildung am Institute of Design in Chicago, wo er Hugh Hefner, Herausgeber des Playboy, begegnete. Daraus entstand eine langjährige Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Männermagazin. Sokol hielt seine persönlichen Eindrücke vom American Way of Life treffend in satirischen Charakterstudien, den „American Natives“, fest. Nach seiner Rückkehr aus den USA wurde er als editorial cartoonist von der Arbeiter-Zeitung engagiert, und auch bei internationalen Medien, wie dem Stern, der New York Times und The Sunday Telegraph, galt Sokol als gefragter Zeichner. Erich Sokol war als Art-Direktor des ORF prägend für viele Generationen und das ORF-Auge wird noch heute mit ihm assoziiert.

Erich Sokol, Thomas Bernhard, 1990. Bild: © Erich Sokol Privatstiftung, Mödling

Erich Sokol, Cap – Cha Cha Cha, 1983. Bild: © Erich Sokol Privatstiftung

In der diesjährigen Hauptausstellung des Karikaturmuseum Krems „SOKOL Auslese“ werden mehr als 220  seiner besten Karikaturen und herausragenden Zeichnungen gezeigt. Beginnend bei den frühen Karikaturen für die ArbeiterZeitung, über die satirischen Zeichnungen aus Amerika und die Cartoons für den Playboy bis hin zu seinen politischen Karikaturen und der satirischen Porträtgalerie. Nur selten sind Erich Sokols Auftragsarbeiten im Original zu sehen. Besonders die „Genießerserie“ für das Cateringunternehmen Do & Co, Arbeiten für das Wiener Gasthaus Plachutta und das Plakat für die Wiener Festwochen (1986) sind Highlights dieser vielfältigen Ausstellung.

www.karikaturmuseum.at
19. 3. 2018

Ensemble21: Der Sturz der Möwe

November 16, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Szenen einer Ehe mit Simon und Mascha

Rita Hatzmann und Erich Knoth Bild: ensemble21

Rita Hatzmann und Erich Knoth
Bild: ensemble21

Das Ensemble21 zeigt ab 20. November im so.vie.so-Saal, einem ganz neuen Aufführungsort im Favoritner Sonnwendviertel, die Uraufführung von „Der Sturz der Möwe“. Die Tschechow-Bearbeitung ist die erste gemeinsam entwickelte Produktion dieser freien Künstlergruppe, die inspiriert von klassischen Stoffen gesellschaftlich relevante Themen auf die Bühne bringen will. Die Premieren „Warten auf WG“ von Michael Lippitsch und „Schönwettermenschen im Wolkenbruch“ von Tina Goebel und Rita Hatzmann sollen folgen.

In „Der Sturz der Möwe“ werden Simon und Mascha zu zeitgenössischen Hauptrollen. Die Geschichten der Charaktere rundherum, die Generationen übergreifenden Verstrickungen, werden durch das Leben und Empfinden der beiden erzählt. Margarita Kinstner, bekannt durch ihre bei Deuticke erschienenen Romane „Mittelstadtrauschen“ und „Die Schmetterlingsfängerin“, schrieb die Dialoge.

Es sind drei unterschiedliche Variationen „Szenen einer Ehe“ entstanden, die sich jedesmal in eine völlig andere Richtung entwickeln. Die Szenen spielen in der Gegenwart. Simon versucht krampfhaft die Ordnung zu erhalten, Mascha ist unglücklich mit ihrer Situation. Als sie bei ihrer Arbeit für die städtische Bücherei einen jungen Autor kennen lernt, erwachen in ihr vergrabene Sehnsüchte. Durch die bevorstehende Scheidung ihrer Eltern wird Mascha klar, dass auch sie eine Entscheidung treffen sollte. Aus dem vermeintlichen goldenen Käfig auszubrechen, würde für sie jedoch bedeuten, alles hinter sich zu lassen. Sogar ihren zwölfjährigen Sohn, der sich hinter seiner lauten Musik verschanzt. Die drei Akte zeigen jeweils den selben Abend. Während Mascha in den ersten zwei Versionen nach Streitigkeiten doch wieder bei ihrem Mann bleibt, wagt sie im letzen Teil den Ausbruch, diese Konfrontation spitzt sich zu

Regie führt Michael Grimm, es spielen Rita Hatzmann und Erich Knoth.

Trailer: vimeo.com/120725517

www.ensemble21.at

Wien, 16. 11. 2015

Landestheater Niederösterreich: Front

Februar 21, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Luk Perceval gastiert wieder in St. Pölten

3012796098_6599034d5f_b„Front“ heißt die Polyphonie nach „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, „Le Feu“ von Henri Barbusse und Zeitdokumenten, die der flämische Starregisseur diesmal mitgebracht hat. Dazu verwendet er Zitate aus „The Forbidden Zone“ von Mary Borden, „The Backwash War“ von Ellen Newbold La Motte, „Chef de Section“ von Guillaume Apollinaire und „Erziehung von Verdun“ von Arnold Zweig. Perceval nennt seine Arbeit ein Requiem für den unbekannten Soldaten, nicht „Theaterstück“. Er will, dass das Publikum den Schmerz des auf der Bühne Dargebotenen teilt. Und das gelingt so großartig wie grauenvoll.

Erster Weltkrieg. In diesem Falle natürlich nach Belgien verlegt. Kaiser Wilhelm II. erklärte in einem Brief lapidar, seine Truppen würden durch das neutrale Belgien marschieren, weil das der kürzeste Weg nach Frankreich sei. Der belgische König Albert I. lehnte das ab. Mit dem Rechtsbruch des deutschen Nachbarn begann für Belgien „Der große Krieg“ (La Grande Guerre, de Grote Oorlog), dessen Ende am 11. November 1918 noch heute nationaler Gedenktag des Königreichs ist. Für die Deutschen wurde der Überfall wesentlich folgenschwerer, als es die siegesgewissen Generäle sich vorstellten. Großbritannien als Garantiemacht Belgiens nahm den Überfall zum Anlass, in den Krieg einzutreten. Und natürlich standen auch die Franzosen Gewehr bei Fuß. Ein Gemetzel. So weit die Historie.

Doch Perceval zeigt nicht die Befehlshabenden, sondern die Befehlsempfänger. Neun Notenständer sind an der Rampe des Landestheater aufgestellt, dazu Kisten als Sitzgelegenheiten. Im Hintergrund ein Gebilde, das sich im Laufe des Abends als riesiges stählernes Schlagwerk, das knallend, schabend, als ohrenbetäubendes entmenschlichtes Kreischen, als Geschützfeuer, als Donner, Stahl, der auf Stahl reibt, äußern wird. Ein Trompetensignal hebt an. Das Ensemble – Patrick Bartsch, die Ausnahmeschauspieler Bernd Grawert als Paul Bäumer und Burghart Klaußner als Stanislaus Katczinsky, Benjamin-Lew Klon, Oscar von Rompay, Peter Seynaeve, Steffen Siegmund, Oana Salomon, Katelijne Verbeke, Steven van Watermeulen, Gilles Welinski und Ferdinand Frösch (Live-Musik) – betritt die Bühne, gekleidet in Frack oder schwarze Abendanzüge, stellt oder setzt sich in Position und lässt seine Instrumente erklingen: seine Stimmen. Viersprachig.

Franzosen, Engländer, Belgier und Deutsche liegen sich, kaum 100 Meter voneinander entfernt, in Schützengräben gegenüber, schießen aufeinander, singen gegen einander an, graben sich ein und werden von Ratten, Läusen, Feuchtigkeit und Hunger geplagt. Es sind die Frontschweine, einfache Soldaten, die in dieser Produktion zu Wort kommen, wie der Landwehrmann Stanislaus Katczinsky, der über den sechsten Sinn für dicke Luft, sprich: Chlorgas, verfügt, oder der belgische Kompanieführer De Wit, der sich besinnungslos in den Krieg stürzt, aus Verzweiflung über die vermeintliche Untreue seiner Frau im besetzen Heimatdorf. Da ist die flämische Mutter, die vom Handel mit den Soldaten leben muss, und die englische Krankenschwester, die nach dem Tod ihres Verlobten an die Front zieht, um verwundete Soldaten zu pflegen. Immerhin gibt es für sie eine kleine, wenn auch nicht zu Ende erzählte Lazarett-Loyestory. Ansonsten: Allüberall menschliches Leid. Soldatisches und ziviles. Längst verteidigen sich diese gerade noch lebenden Gespenster nicht mehr vor einem „Feind“, sondern vor dem Tod an sich. Oft ist im Halbdunkel unklar, wer gerade spricht. Doch, es ist klar, nicht der Mensch, sondern der Krieg.

Es ist kaum auszuhalten. Die Geräusche sterbender Menschen und Pferde. Wimmern, weinen, wiehern. Bei Granatenangriffen drehen sich die Schauspieler wie Derwische. Die Schilderung entsetzlicher Verstümmelungen; Selbstverstümmelung als vermeintlicher letzter Ausweg. Projektionen auf den Bühnenhintergrund. Die Gratulationen der Kameraden an Amputierte. Heimwärts geht’s – röchelnd, ohne Bein oder ohne Arm. Der Irrsinn lauert an jeder Ecke. Oft lacht er. Katelijne Verbeke spielt als Mutter, deren Kinder nach und nach vom Schlachtfeld genommen werden, eindrucksvoll ein langsames Wahnsinnigwerden. „Wer hier nicht den Verstand verliert, muss zumindest das Gefühl verlieren“, heißt es an einer Stelle. Perceval gelingt es, die im Antikriegsgenre lauernde Heroisierung zu vermeiden, indem er seine Figuren mit respektvoller Distanz führt. Er verweigert sich dem Kommentar, bietet keine Erklärung für das Unbegreifbare. Einen Krieg, dessen Sinn seine Figuren nicht verstehen und dessen Struktur sie nicht durchschauen. Und so stehen einander im Schlussbild  Steven van Watermeulen und Bernd Grawert gegenüber und sprechen jeder für sich einen Monolog, zweisprachig. Zu verstehen ist: nichts.

„Front“, gerade auf Europa-Tournee, ist ein Abend, dem man sich ausliefern muss. Er tut weh, das muss man aushalten. Aber ihn nicht gesehen zu haben, ist keine Option.

Noch heute, 21. 2., im Landestheater Niederösterreich.

www.landestheater.net

Trailer: https://www.youtube.com/watch?V=zJQQfs8M81A

Wien, 21. 2. 2015

Kammerspiele: Frühstück bei Tiffany

Dezember 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ruth Brauer-Kvam erfüllt Capotes Traum

Ruth Brauer-Kvam und Christian Nickel Bild: Sepp Gallauer

Ruth Brauer-Kvam und Christian Nickel
Bild: Sepp Gallauer

Nein, es gibt kein Happy End. Es gibt kein Kleines Schwarzes samt Perlenkette samt Riesensonnenbrille vorm Schaufenster des Nobeljuweliers. Es gibt den oscarprämierten Song „Moonriver“. Sonst hat Michael Gampes „Frühstück bei Tiffany“ an den Kammerspielen nichts mit Blake Edwards Filmfantasie zu tun, die Autor Truman Capote übrigens wörtlich „zum Kotzen“ fand. Gampe hät sich streng an den 1958 veröffentlichten Kurzroman. Beziehungweise an die Bühnenfassung von Richard Greenberg (Österreichische Erstaufführung). Und darin ist alles nicht sooo leicht und lustig – was einige Damen im Parkett zum Seufzen brachte. Buch (erschienen 1958) und Stück handeln vom Leben eines exzentrischen Partygirls, der künstlerbenamsten Hollyday Golightly (eigentlich: Lula Mae), erzählt aus der Perspektive ihres Nachbarn, der sie wegen ihrer ansteckenden Lebendigkeit liebt und bewundert, schließlich die Wahrheit über ihre sorgfältig versteckte Herkunft zutage fördert und als Einziger wirklich zu ihr steht.

Sie ist vollkommen mittellos, schlägt sich aber tapfer mit unverschämtem Charme und überraschendem Einfallsreichtum durchs New Yorker Leben, lässt ihre Verehrer am ausgestreckten Arm verhungern, dreht ihnen trotzdem die Taschen um, ist für jeden Unsinn zu haben, bis  sie das „rote Elend“ überkommt. Holly Golightly, ein von den Eltern wegen deren Tuberkulosetodes verlassenes Kind und bereits mit vierzehn Jahren verheiratet, plant New York zu verlassen und in Brasilien einen reichen Mann zu heiraten. Als sie einen Brief bekommt, in dem steht, dass ihr Bruder Fred beim Militär ums Leben kam, bricht alles zusammen Sie steht unter Verdacht, für den Mafia-Boss Sally Tomato gearbeitet zu haben (den sie gegen Bezahlung jeden Donnerstag in Sing Sing besuchte, um naiv den „Wetterbericht“ durchzugeben: Blitz und Donner in Palermo), und wird deshalb verhaftet. Da ist sie bereits vom Brasilianer schwanger, wird das Kind jedoch durch die brutale Behandlung im Gefängnis verlieren. Ihre geplante Heirat in Brasilien wird abgesagt, da ihr Verlobter ein wichtiges politisches Amt besetzt und keine Frau will, die derart öffentliches Interesse auf sich zieht. Holly will trotzdem ein neues Leben zu beginnen.Jahre später – hier setzt Gampe ein – sehen Barmann Joe Bell (Martin Zauner) und Nachbar „Fred“ (Christian Nickel, benannt nach Hollys Bruder) Fotografien aus Afrika. Holzschnitzereien eines Frauengesichts, das Holly ähnelt …

Die Inszeniernung macht  kein Geheimnis daraus: Holly, als Heranwachsende sexuell missbraucht, ist eine Edelprostitierte. Ruth Brauner-Kvam gibt der Figur Konturen, wie man sie vielleicht noch nie sah. Überdreht, verrückt französisch sprechend, eine Verdrängungsspezialistin, eine Überlebenslügnerin, der die Depression nach der Manie doch oft und oft nicht erspart bleibt. Ihre Anziehungskraft lässt Männer sie wie die Motten das Licht umflirren. Eine spätgeborene Cousine der „Kameliendame“, die bald an der Josefstadt Premiere hat. Die Herren der High Society kommen für ihre Gesellschaft für ihren Lebenswandel auf. Und da hat sie sich ein perverses Panoptikum zusammengestellt. Allen voran Siegfried Walther als großsprecherischen, aber ebenso großherzigen Filmproduzenten O. J. Berman, Nicolaus Hagg als faschistenfreundlichen Rusty Trawler … wunderbar, wie der nicht alle Tassen im Schrank hat. Christoph Zadra als brasilianischer Verlobter José … Fred. Christian Nickel, gleichzeitig auch Erzähler, ist im Versuch seriös zu sein, kein weniger verträumter Verehrer. Der Spießbürger wird in eine Welt gestoßen, in der im Großen der Wahnwitz regiert. In den intimen Szenen sind er und Holly ganz bei sich, ein schönes Paar, schön auch, wie Brauer-Kvam auf der Ukulele und Nickel mit der Trompete harmonieren. Wahrscheinlich erfüllt Brauer-Kvam mehr Capotes Traum von Holly, als er zu Lebzeiten erwarten durfte.

Dennoch klar: Das Stück ist vulgärer, roher, politischer als der allseits bekannte Filmkitsch. Das Lachen ist hier als Capotes Lebenszynismus angelegt. Kaum ein Stoff kommt ihm näher. „Fred“, der erfolglose Autor, der schließlich (kurzzeitig) Journalist wird, ist Capote. Seine Mutter, Lillie Mae, ließ ihn als Kind allein zurück, um Männer in Motels zu treffen. Sie beging später Selbstmord. Adoptivvater Joseph Capote landete wegen Urkundenfälschung in Sing Sing. Kaum wagt man es zu schreiben, dass Hagg eine Art Andy-Warhol-Perücke trägt. Mit dem unvollendeten Roman „Erhörte Gebete“ (1975) löste Capote einen Skandal aus, der ihn für immer von der High Society abschnitt. Und wie Holly wollte das Kind aus Alabama nirgends dringender hin.

Taucht noch Alexander Strobele als „Doc“ auf. Ein Bruch in Gampes Arbeit. Ein „guter Mensch“, der zwei verlassene Kinder bei sich aufgenommen hat und sich nichts dabei dachte, das Mädchen von 14 Jahren zu heiraten und zu beschlafen? Der Teenagerschänder kommt allzu lieb daher. Auch, wenn’s nur eine Empfindung unserer Zeit ist und weiland in den US-Südstaaten möglicherweise durchaus üblich Da wäre anno 2014 mehr Schärfe angebracht gewesen.

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/michael-gampe-im-gespraech/

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=PnA3hoYoJK8#t=16

Wien, 5. 12. 2014

Volkstheater: Die Physiker

November 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genie getarnt als Wahnsinn

Rainer Frieb, Thomas Kamper, Erich Schleyer Bild: © Christoph Sebastian

Rainer Frieb, Thomas Kamper, Erich Schleyer
Bild: © Christoph Sebastian

Es ist eine Schande. Dass Elias Perrig so lange brauchte, um seinen ersten Dürrenmatt zu inszenieren. Es ist ein Glück. Dass er damit ausgerechnet am Volkstheater begonnen hat. Die Eidgenossen verstehen einander augenscheinlich prächtig. Denn da hat es einer gewagt, dem Schweizer Nationalheiligtum das Pathos, das hohe Lied, das „Intellektuelle“ runterzuräumen, den Dichterfürsten vom Olympier-Sockel zu stoßen – und auf ein Zirkuspodest zu stellen. Großartig! Und das alles, ohne Friedrich den Großen auch nur eine Sekunde zu „verraten“. „Die Physiker“ – er selbst nannte sein Werk eine Komödie. Perrig nutzt das genussvoll und zum Vergnügen des Publikums aus und versteht es trotzdem, nicht den Text detailtreu darzustellen (beziehungsweise darstellen zu lassen), sondern das wirklich Wichtige. Das zwischen den Zeilen steht. Bühnenbildner Wolf Gutjahr – die passenden Kostüme sind von Katharina Weissenborn – hat auf wunderbare Weise auf alles Sanatoriumsweiße verzichtet; er hat die Bühne mit einer Reproduktion von Rudolf Ritter von Alts „Das Atelier vor der Versteigerung“ tapeziert, setzt also auf Hans-Makart-Opulenz, und eine Unzahl plüschiger Sitzgelegenheiten. Die zur Nervenheilanstalt umfunktionierte Villa des Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd ist damit fertig. Für die Krimisatire, die Mordstravestie, die Spionagegroteske, die da kommen mag. Für das Vorgeben, die Unwahrheiten, die Lügen, die Geheimnisse, den Schrecken.

Nun ist diese Rezension natürlich eine Hommage an Grande Dame Vera Borek. Keine spielt Dürrenmatt wie sie. Die Borek-Stimme, sie ist unverkennbar und sollte als solche in die Bücher eingehen. Wie ihre „buckelige, alte Jungfer“ Zahnd lakonisch und mit staubtrockenem Humor auf die Strangulierung ihrer Krankenschwestern reagiert, gleich darauf in gespenstisches Gekicher verfällt, das ist schon große Kunst. Irr-Witz. Da ahnen selbst die Unbedarften, welch Ungeheuer sich da noch aufblähen wird, die Kapitalismushexe, die längst die Fäden zieht, längst ausgewertet hat, was es auszuwerten gab – und mit ihrem neu gegründeten Konzern nun die Ländern, ja selbst das Universum ausbeuten will. Genie und Wahnsinn sind Geschwister. Manchmal Kinder, an deren Entwicklungen man Freude haben kann, manchmal garstige Teufel, zuständig für die menschheitliche Höllenfahrt. Nur wenige große Geister waren in der Zeitgeschichte in der Lage zwischen dem Gut und Böse ihrer Erfindungen, ihrer Entdeckungen zu unterscheiden. Und unwillkürlich fällt einem während des Spiels ein, wie enttäuscht Einstein – vermutlich auch, weil er im Stück noch vorkommen wird – in Princeton war, dass so viele Wissenschaftler, die er vor der Phrenesie des Dritten Reichs in die USA retten konnte, sich dem Manhattan-Projekt  anschlossen.

Dürrenmatts Protagonist, der Physiker Johann Wilhelm Möbius, hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er hat die „Weltformel“ entwickelt und das verheerende Resultat ihrer Nutzbarmachung erkannt. Eingedenk der Folgen ließ er sich folglich einweisen, mimt den von König Salomo Heimgesuchten, hofft, dass zumindest im Irrenhaus die Gedanken frei sind, und bedenkt nicht, dass die Zahnd einen Kopierer hat. Thomas Kamper ist fabelhaft als Normaler unter den „Narren“, als vernunftbegabter Mensch, den die Seelenqual schier um den Verstand bringt. Der vor der Wirklichkeit nicht kapituliert, sondern, wie er glaubt, ihr sein Wissen genommen hat. Ihm zur Seite stehen die Patienten Beutler (Erich Schleyer), der sich für Newton hält, und Ernesti alias „Einstein“ (Rainer Frieb). Die tatsächlich ebenfalls nicht krank, sondern Physiker (Um nicht aufzufliegen, nahmen die drei selbst die Tötung der Pflegerinnen in Kauf. Das Schweigen der Schwestern.), das heißt: Geheimdienstler feindlicher Nationen sind, die Möbius, den größten Kopf aller Zeiten, dieses „Allgemeingut“ für die Gemeinschaft, auf ihre Seite ziehen wollen. Ihm sogar den Nobelpreis – man kennt die Geschichte seiner Erschaffung – verschaffen wollen. „Ob die Menschheit den Weg zu gehen versteht, den wir ihr anbieten, ist ihre Sache“, so ihr Credo.

Bis es dahin kommt, gibt es eine Menge zu Lachen. Erich Schleyer ist als Sir Isaac mit langlockiger Perücke und spitzenmanschettigem Hausmantel zum Niederknien. Wie er auf seinen drei Grundgesetzen der Bewegung herumreitet, so macht es Rainer Frieb mit der Relativitätstheorie – die Newtons Überlegungen zur Mechanik übrigens als Spezialfall enttarnte. Frieb ist entzückend mit wallendem Haar und Schnauzer, mehr Tschapperl als Weiberer, wie’s der wahre war, sich an der Geige (Beethovens „Kreutzersonate“, deren gefidelter Versuch die anderen schon aufjaulen lässt) abmühend – worüber er sich noch ausführlich beschweren wird. Mit einem dann doch nicht ausgeführten Pistolenduell legen die beiden ein Kabinettstück hin. Unterstützt wird das Forschertrio unter anderem von „Oberschwester“ Claudia Sabitzer und „Kriminalinspektor“ Thomas Bauer, der sich einen Kojaklolli in Grün zugelegt hat.

Am Schluss gewinnt die Zahnd. Die Opulenz ist mit ein paar Handgriffen abgeräumt. Newton, Einstein und Möbius verschwinden in einer Holzkiste. Eine Botschaft von Elias Perrig. Am Ende jedes Sieges steht da immer für jemanden ein Sarg.

www.mottingers-meinung.at/elias-perrig-im-gespraech/

www.volkstheater.at

Wien, 15. 11. 2014