Theater an der Wien: Porgy and Bess

Oktober 21, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Catfish Row als Flüchtlingslager an Europas Küste

Das Container-Bühnenbild von Katrin Lea Tag, vorne mit Fussball Eric Greene als Porgy und Jeanine de Bique als Bess. Bild: © Monika Rittershaus

Deutlicher kann man #BlackLivesMatter nicht singen. Der beinortheste Held, eben von der Missachtung des Gesetzes zurück, ergeht sich in Liebe zur Anti-Heldin, während sich rundum die Gesichter verdüstern. Ist doch die untreue Drogensüchtige mit ihrem Dealer nach New York abgehauen. Macht nichts, meint Porgy, weder Wegstrecke noch Gehbehinderung können ihn aufhalten, seine Bess zu retten.

Die „Summertime“ ist zwar vorüber, aber im Gelobten Land für alle Platz. Also auf, never give up, never give in – das bessere Leben muss einfach ums nächste Eck liegen … Wohl jeder kennt „Porgy and Bess“ und die wunderschönen Melodien, nur aufgeführt wird George Gershwins Meisterwerk in Europa selten. Das liegt zum einen an der strikt vorgeschriebenen Besetzung, zum anderen an der Genregrenzen sprengenden Komposition, diese mit Blue Notes, Spirituals und Swing ein Opera meets Popculture, an das sich die wenigsten heranwagen.

Das Theater an der Wien hat den Grenzgang nun gewagt, nach mehr als 50 Jahren die erste szenische Premiere in der Stadt – und alles gewonnen. Ein beglücktes Publikum bedankte mit Jubel und Applaus nicht nur die Aufführung, sondern auch den Mut, diese – in #Corona-Zeiten – zu planen und auszuführen. Ging doch die vereinbarte Kooperation mit der Cape Town Opera in Kapstadt Pandemie-bedingt in die Binsen; die Anreise der Choristen aus Südafrika wurde unmöglich, weshalb das Theater an der Wien in Windeseile einen internationalen Cast aus vier Kontinenten zusammenstellen musste.

Norman Garrett und Zwakele Tshabalala. Bild: © Monika Rittershaus

Jeanine de Bique und Eric Greene. Bild: © Monika Rittershaus

Zwakele Tshabalala und Tichina Vaughn. Bild: © Monika Rittershaus

Dies durchaus nicht gegen das Ansinnen des südafrikanischen Regisseurs Matthew Wild. Der im Programmheft-Interview seine Intentionen, in seiner Inszenierung die globale Migrationsdebatte zu thematisieren, so formuliert: „Unsere Produktion ist in unserer Gegenwart angesiedelt, an der Peripherie einer nicht genauer bezeichneten europäischen Küstenstadt, wo wir die Catfish Row neu erfinden als eine multi-kulturelle Gemeinschaft von Flüchtlingen und Asylwerbern, die gezwungen waren, ihre Heimatländer zu verlassen …“ – das bessere Leben, es muss einfach ums nächste Eck liegen …

Die Überführung von Gershwins Opernpersonal in die Problemzone der Gegenwart erweist sich als stimmig. Als Schauplatz hat Ausstatterin Katrin Lea Tag eine Containersiedlung entworfen, 32 Stück verteilt auf drei drehbare Stockwerke, ideal für Massenszenen, Parallelerzählungen und als Versteck für intime Arien und Duette. Den Gedanken, dass die Menschen in Moria froh wären, wenn …, darf man dabei nicht zu Ende führen, ebenso wenig wie den an die eine Hijab tragende Frau als klischeehafte Kostümierung von – Zitat Wild – multikulturell, ebenso wenig wie jenen, ob statt des Hurricans eine Altkleidersammlung über dem Ganzen niedergegangen sei. Denn die Solistinnen und Solisten, Ensemble wie Tänzerinnen und Tänzer überzeugen auf ganzer Linie.

Allen voran Norman Garrett als Crown. Als brutaler Ex-Lover von Bess verströmt sein Klang-/Körper die krude Erotik eines wilden Tiers. US-Bariton-Kollege Eric Greene als Porgy steht Garrett in beidem in nichts nach. Er ist trotz Krücke eine imposante Erscheinung und geht mit seiner samtig-souligen Stimme, man merkt’s, den Zuschauerinnen unter die Haut. Schön, wie sich dieser leichtgläubige Tropf zu einer ungeahnt empfindsamen Intensität steigert, Greene ein Quarterback-Goliath mit David’scher Seele. Schön auch, wie kristallklar und grazil die aus Trinidad stammende Jeanine De Bique ihren Sopran zu führen versteht, ihre Bess ein liebenswerter, aber in seiner Labilität verlorener Junkie.

Tanz auf dem Altkleiderberg. Bild: © Monika Rittershaus

Jeanine de Bique als Bess (Mi.). Bild: © Monika Rittershaus

Eric Greene als Porgy. Bild: © Monika Rittershaus

Norman Garrett als Crown. Bild: © Monika Rittershaus

Als Milieustudien fügten sich die von Louisa Ann Talbot choreographierten Tanzszenen organisch in die Handlung ein. Der von der Metropolitan Opera ausgezeichneten und von der New York Times für ihr „distinctive earthy coloring“ gefeierten Brandie Sutton kommt als bekopftuchter Muslima Clara die Aufgabe zu, mit einer „Summertime“ im strömenden Regen den größten Hit der Oper zu präsentieren. Ryan Speedo Green als christlicher Ehemann und mit seinem Boot untergehender Jake verleiht seiner Figur ein starkes gesangliches wie darstellerisches Profil. Und apropos: Der südafrikanische „Sportin’ Life“ Zwakele Thabalala stattet den Rauschgifthändler in Baseball-Kappe und Zuhälter-Anzug mit einem aufreizenden Machismo aus.

Großartig sein Prügelbeziehen von Tichina Vaughn als blondgefärbter Maria, sein angekratztes Angebergehabe ist für den einen oder anderen Lacher gut und sängerisch wie von Speed befeuert. Selbiges gilt auch für das um Jazzmusiker erweiterte Wiener KammerOrchester – special extended unter der Laid-Back-Leitung des afrobritischen Gershwin-Spezialisten Wayne Marshall, das mal mit Big Band Sound die Dezibel-Skala sprengt, wenn’s auf der Bühne heftig, mal butterweiche, leise Jazztöne erklingen lässt, wenn’s romantisch wird. Marshall verzichtete auf allzu viel Schmelz & Schmalz bei Standards wie „I Loves You, Porgy“, „I Got Plenty o’ Nuttin’“ oder „It Ain’t Necessarily So“ und dirigiert einen für CD-Aufnahmen umschmeichelte Ohren ungewohnt harten, aber zum Geschehen oberhalb des Grabens passenden Gershwin.

Die Vorstellungen bis inklusive Samstag sind restlos ausverkauft. Bleibt zu hoffen, dass jemand daran gedacht hat, diesen fulminanten Abend auf Film zu verewigen. Special thanks to Intendant Roland Geyer und seinem Team. Mit seiner Beherztheit, das „Porgy and Bess“-Projekt trotz aller Widrigkeiten nicht aufzugeben, beweist er einmal mehr, dass das Überwinden von Zäunen und Verzagtheit stets ein Türöffner zur Vielfalt anderer Welten ist.

www.theater-wien.at

  1. 10. 2020

Vincent Cassel in „Alles außer gewöhnlich“

Dezember 26, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Was heißt das schon – normal?

Malik und Bruno helfen Valentin vom Minivan auf die Koppel zur Pferdetherapie: Reda Kateb, Marco Locatelli und Vincent Cassel. Bild: © Prokino Filmverleih

Szene eins, und Action: Ein Mädchen hetzt durch eine Fußgängerzone, stößt dabei Passanten nieder, hinter ihr Männer – sie wird gejagt, die Menschenmenge denkt das Schlimmste und will sich den Verfolgern wütend in den Weg stellen. Da bekommt Malik die junge Frau zu fassen, und in seiner Umarmung beruhigt sie sich von all den Eindrücken, die aus dem lauten Draußen in ihr stilles Inneres eingebrochen sind. Émilie ist Autistin.

Szene zwei, und Action: Bruno durchmisst im Laufschritt eine Metrostation, fällt hastig ins dortige Polizeirevier ein, um einen jungen Mann auszulösen. Der hat, nicht zum ersten Mal, im Zug die Notbremse gezogen, mitten in der Stoßzeit, und bei der Festnahme auch noch um sich gebissen. Die Beamten sind verärgert, wollen eine saftige Geldstrafe kassieren, doch Bruno ist ein gewiefter Um-den-Finger-Wickler, und so bekommt er seinen Schützling bald frei – Joseph, er ist Autist.

Es wird ziemlich viel gerannt in „Alles außer gewöhnlich“, dem neuen Spielfilm des „Ziemlich beste Freunde“- Erfolgsduos Éric Toledano und Olivier Nakache, der am Christtag in den Kinos anläuft. Das liegt daran, dass andauernd Krisensituationen zu bewältigen sind, größere und kleine Katastrophen, und immer sofort, schnell, stante pede. Vor allem Bruno ist einer, der immer in Eile ist, und doch stets Zeit für andere findet. Für seine Pfleglinge und deren verzweifelte Familien, für überforderte Ärzte und seine nicht minder strapazierten Mitstreiter.

Vincent Cassel spielt Bruno, Reda Kateb den Malik, beide Begründer von privaten Organisationen, die jenseits aller Konventionen und behördlicher Protokolle, ja diese in der Regel sogar austricksend, jugendliche Autisten betreuen. Auch schwere Fälle, die sie aus staatlichen Einrichtungen, Psychiatrien, in denen sie weggesperrt, fixiert, sediert waren, zurück in eine Art Alltag holen. Für viele sind Brunos „Stimme der Gerechten“ und Maliks „L’escale“, „Die Zwischenlandung“, die letzte Rettung, Hoffnung und Zuflucht, Brunos Antwort auf jede Bitte, die an ihn herangetragen wird: „Ich finde eine Lösung!“ Cassel zeigt diese Bürde mit der schönen Geste heiterer Unerbittlichkeit, die Überlastung als Brunos Lebenselexier, seinen Dauereinsatz als Preis und Lohn zugleich.

Mit Joseph fing für Bruno alles an: Benjamin Lesieur und Vincent Cassel. Bild: © Prokino Filmverleih

Bei der „Stimme der Gerechten“: Vincent Cassels Bruno mit einem von dessen Schützlingen. Bild: © Prokino Filmverleih

Gemeinsam mit Dylan (Bryan Mialoundama) nähert sich Valentin den Pferden: Marco Locatelli. Bild: © Prokino Filmverleih

Malik und Dylan gehen mit den Kids eislaufen: Reda Kateb, Émilie und Bryan Mialoundama. Bild: © Prokino Filmverleih

Denn selbstverständlich machen Toledano und Nakache aus dem Autismus kein Drama. Die Meister dessen, was französische Filmkritiker als Sozialkomödie etikettiert haben, durchweben die Geschichte sehr subtil mit tragikomödiantischem Humor und Szenen feiner Poesie. Auf Spaß beim gemeinsamen Eislaufen folgt ein gebrochenes Nasenbein, auf eine Tanzchoreografie die Frage „Darf ich meine Mutter hauen?“. Die Regisseure und Drehbuchautoren mixen Sozialthriller-Spannung mit Buddy-Film mit Love- und wie schon bei Philippe und Driss einer True-Story: Bereits in den 1990er-Jahren haben die zwei Stéphane Benhamou und Daoud Tatou und deren Vereine „Le Silence des Justes“ und „Le Relais Île-de-France“ kennengelernt, und aus der aus dieser Begegnung entstandenen Doku „Man müsste einen Spielfilm daraus machen“ wurde nun einer.

„Alles außer gewöhnlich“ folgt seinen Protagonisten auch diesmal wie mit der Dokukamera, ohne viel erklärt zu bekommen, wird der Betrachter ins Geschehen gestoßen, was da gerade abgeht, entschlüsselt sich einem nach und nach. Von den kaleidoskopisch sich drehenden Episoden rücken Toledano und Nakache einige in den Vordergrund. Etwa die von Joseph, jenes einstmals von jeder Institution abgelehnte Kind, das Brunos erster „Fall“ wurde, und dem er nun, zum Techniktüftler herangewachsen, einen Arbeitsplatz in einer Reparaturwerkstatt zu schaffen versucht. Oder die von Valentin, der bei Problemen mit dem Kopf gegen die Wand donnert, so dass er einen Schutzhelm wie fürs Sparringboxen tragen muss.

Benjamin Lesieur hat die Figur des Joseph übernommen, ihn, wie viele der Mitwirkenden, fanden die Filmemacher in der Künstlerkolonie „Turbulences“, die mit Menschen zusammenarbeitet, die autistische Verhaltenszüge oder besondere Kommunikationsstörungen aufweisen. Im Gespräch erzählt Toledano, man hätte sich von Benjamin Verhaltensweisen abgeschaut, die Weise, wie er anderen gern den Kopf auf die Schulter legt, was übrigens Josephs Kollegin Brigitte zutiefst verstört, seine in Endlosschleife wiederholten Sätze „Ich bin unschuldig!“ und „Wir haben es fast geschafft!“ – der zum Leitmotiv zwischen Joseph und Bruno wird, jedes Mal, wenn er die Notbremse eine Station näher zum Ausstiegsziel zieht.

Marco Locatelli hat für die Rolle des Valentin vorgesprochen, ohne irgendjemanden einzuweihen. Toledano: „Er kam zum Casting und sagte: ,Ich habe einen kleinen Bruder, der Autist ist, wenn ich in diesem Film mitspiele, könnte mir das vielleicht helfen, ihm näherzukommen, ihn zu lieben.‘“ Und da sowohl Daoud Tatou in der Realität als auch Malik auf der Leinwand ihr Team aus Jugendlichen in sogenannten sozialen Brennpunkten rekrutieren, sind auch diese echt. Dylan, den Malik als Betreuer mit Valentin zusammenspannt, verkörpert Bryan Mialoundama, nominiert für einen César in der Kategorie „Bester Nachwuchsdarsteller“ und nach einer Schlägerei im November in Untersuchungshaft.

Auch diese beiden sind ziemlich beste Freunde: Vincent Cassel als Jude Bruno und Reda Kateb als Muslim Malik. Bild: © Prokino Filmverleih

Wie der unkontrollierbare Valentin und der unangepasste Dylan bei der Pferdetherapie zueinander finden, gegenseitig Vertrauen fassen, die Systemsprenger fast so etwas wie Freunde werden, wie man dem Augenblick entgegenfiebert, in dem Valentin endlich seinen Helm abnehmen darf, gehört zu den berührendsten Momenten des Films, ist ein Fingerzeig auf die Sinnlosigkeit der Frage nach dem, was „normal“ ist, und auf die zu bergende, überbordende Lebensenergie

der Kids in den Banlieues. Und dann ist da noch Valentins Logopädin Ludivine, Lyna Khoudri, in die sich Dylan unsterblich verliebt. Wie zwischen diesen die Hautfarbe kein Thema ist, so macht „Alles außer gewöhnlich“ auch um die Religion kein Aufheben. Wie nebenbei sieht man Brunos Kippa und Zizit, wie nebenbei nennt sich Malik einen praktizierenden Muslim, Kneitsch sitzt neben Hijab, man isst mal Challa, mal Couscous. So einfach kann’s sein. So liebenswert, weil authentisch.

Alldieweil sitzen Bruno zwei Kontrollbeamte der Inspection Générale des Affaires Sociales, Frédéric Pierrot und Suliane Brahim von der Comédie française, zwecks Schließung seines ohne Genehmigung agierenden Vereins im Nacken, heißt: im Büro. Ihre Interviews mit Josephs Mutter, Hélène Vincent, oder Valentins Ärztin, Catherine Mouchet, die Schlüsse, die sie daraus ziehen, und ihr Report, der perfide erst im Abspann und dann langsam, Wort für Wort, enthüllt wird, lässt einen erst vor Zorn Zähneknirschen, dann vor Angst Nägelkauen. Auch mit den Inspektoren redet Bruno voll Engelsgeduld mit Engelszungen, Cassels verschmitzter Charme adelt die ganze Sache, macht sie „leicht“, nicht zuletzt durch die skurrilen Dating-Desaster, die Shidduchs, zu denen ihn Freund und Wirt Menachem, Alban Ivanov, beharrlich schickt.

Ein Lichtblick ist da erst Mme Diabatés, gespielt von Fatou-Clo, Tochter, Manda Touré, die unverblümt ihr Interesse an Bruno äußert, als sie ihre Mutter begleitet, um den kleinen Bruder abzuholen. Der, ist Mme Diabaté überzeugt, verhext wurde, weshalb sie zur Aufhebung des Fluchs noch ihr letztes Geld nach Dakar sendet … Cassel als Bruno, der Besonnene, und Kateb als Malik, der Aufbrausende, wenn er seinen Problemkids Bildung, Benehmen und Pünktlichkeit beibringen will, sind ein ebenso geniales Gespann, wie die Schöpfer ihrer Charaktere, Toledano und Nakache.

Ihr Weihnachtsmärchen von den guten Menschen überzeugt nicht nur durch Vermeidung rührseliger Behinderten-Klischees, sondern vor allem mit einer gnadenlosen Gesellschaftskritik, die dem Feel-Good-Movie wie ein Subtext unterlegt ist. Zum Ende wartet nämlich nicht nur der IGAS-Endbericht, die Ereignisse spitzen sich insgesamt zu, als Dylan vors Haus rauchen geht und Valentin aus seinem Zimmer Richtung Stadtautobahn abhaut. Wie zu Beginn wird jetzt gerannt, alle preschen nach allen Seiten auseinander, ein Aufruhr, den die Polizei naturgemäß für verdächtig halten muss – weshalb sie flugs alle dunkelhäutigen Helfer verhaftet …

 

www.alles-ausser-gewoehnlich-derfilm.de

  1. 12. 2019

Die Erscheinung

März 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Welche Wahrheiten braucht ein Wunder?

Ein Wunder oder doch Geschäftemacherei? Die 18-jährige Novizin Anna wird umringt von Gläubigen: Galatéa Bellugi. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dass Regisseur Xavier Giannoli ihm das Drehbuch auf den Leib geschrieben hat, macht sich ab der ersten Szene bemerkbar. Frankreichs Leinwandstar Vincent Lindon schlüpft nicht nur in die Rolle des schwer traumatisierten Kriegsberichterstatters Jacques Mayano, er hat sich diesen Charakter anverwandelt. Zu Beginn von Giannolis aktuellem Film „Die Erscheinung“, ab 15. März in den heimischen Kinos, sieht man ihn in einem syrischen Hotelzimmer.

Sein bester Freund, ein Fotograf, ist gerade während der Arbeiten zu einer Reportage erschossen worden, und Mayano putzt mit einem Handtuch das blutbefleckte Objektiv von dessen Kamera. Später, zurück in Paris, wird er zum Schrecken seiner Frau, die Fenster mit Kartons verrammeln. Ohne, dass diese seelischen Wunden vernarbt wären, setzt ihn das Schicksal auf die Fährte eines angeblichen Wunders. Der Anruf kommt vom Vatikan höchstselbst, wo man wünscht, der absolut integere, für seine messerscharfen Analysen bekannte Journalist möge in einem Provinzkaff den Fall einer jungen Frau namens Anna untersuchen, die von so aufsehenerregenden Marienerscheinungen berichte, dass die Ströme der Katholiken die Kleinstadt mittlerweile regelrecht überfluten. Diesem Mysterium soll Jacques als Teil einer kanonischen Untersuchungskommission aus Geistlichen, Historikern und Psychiatern auf den Grund gehen. Und tatsächlich, als er ankommt, wird er von einem Pilgerbus beinahe überfahren und gerät in einen Jahrmarkt von nach Erlösung suchenden Menschenmassen.

Die Kamera von Eric Gautier schwebt über diesen Beladenen, die andächtig zu einer Marienstatue aufsehen, und selten wurde eifrige Entrückung in der Mimik so eindrücklich festgehalten, wurde die Kraft eines Wallfahrtsorts auf so elegische Weise im Bild gebannt. Dann aber schwenkt er frech über Heilige Jungfrauen en miniature – in Schneekugeln. Und während unter den Begutachtern die Horrorfilmworte „Exorzismus“ und „Satans Werk“ fallen, fragt sich der Betrachter, wie lukrativ die Geschäftemacherei mit den Devotionalien wohl ist. Ein Zynismus, der am Drama abprallen muss. Denn Xavier Giannoli zeigt große Achtung vor dem Glauben und den Gläubigen.

Skeptisch liest Journalist Jacques Mayano die Vatikan-Akte über die Marienerscheinungen: Vincent Lindon. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Die Erscheinung“ ist keine reißerische Abrechnung mit der Religion, sondern ein leiser, unaufgeregter Film, ohne Voreingenommenheit und ohne Dogmatismus, weder anmaßend noch arrogant, Giannoli auf Augenhöhe mit dem Thema, stets Beobachter, nie Beurteiler. Doch, wer Subtext lesen will, der kann. Wenn Giannoli die Schuld der Nonnen zeigt, deren täglich Brot das Befüllen von Decken mit Gänsedaunen ist – denn diese stammen immer aus tierquälerischem Lebendrupf.

Wenn Bischof und Pater einen kirchenpolitischen Autoritätsstreit austragen, der der Sache in keiner Weise dient, andererseits, wenn im improvisierten, riesigen Gebetszelt ein „Flüchtlinge willkommen“-Transparent weht und Annas Beschützer Père Borrodine, dargestellt von Patrick d’Assumçao, eine Predigt gegen „die Globalisierung der Gleichgültigkeit“ hält. Wieder andererseits, wenn Anatole Taubman als deutscher Priester Anton bereits die weltweite Vermarktung des Phänomens Anna samt Fernsehübertragungen bis in die USA plant. Inmitten dieser entlarvenden Sequenzen über Vermögen und Unvermögen der Kirche, tut Giannoli den Teufel, das Geheimnis um Annas Visionen zu lüften.

Das gelingt, durch das wunderbare Nachwuchstalent Galatéa Bellugi, deren Darstellung des süßen Leidens eine Auserwählte zu sein, an Jennifer Jones als Franz Werfels Bernadette erinnert. Bellugis stille Präsenz trägt den Film ebenso wie Lindon mit seinem vom Leben zerknautschten Gauloises-Gesicht und seinem zwischen Zorn und Resignation changierenden Spiel. Alles an Bellugis Anna ist intensiv, scheu, aufrichtig, immer wieder zeigt die Kamera ihr Gesicht in Großaufnahme, und da ist die Einsamkeit und die Niedergedrücktheit dieses von der Menge bedrängten Mädchens beinah mit Händen zu greifen.

Rund um Lindons Journalisten Mayano entwickelt sich ein kompliziertes Verweisspiel. Denn Anna, vom Heim- zum Pflegekind zur Novizin geworden, wird ihm rätselhafter, je mehr er über sie recherchiert. Zwar ist auch er fasziniert von der streng gläubigen Anna, doch zugleich stößt er auf Ungereimtheiten, lose Enden im Lebenslauf, die ein Indiz dafür sein könnten, dass sie Teil einer mächtigen Manipulationsmaschine ist. Indes, je mehr er aufdeckt, umso weniger scheint die Kommission an diesen Zusammenhängen interessiert. Mayano steigt hinab in eine brutale Welt aus Erziehern, Pflegefamilien, ehemaligen Mitinsassen in den Kinderheimen. Und siehe: Die ganze Angelegenheit scheint mehr mit ihm zu tun zu haben, als es ihm zur Wahrung seiner kritischen Distanz recht sein kann. Denn umarmt von Anna macht er eine spirituelle, eine heilende Erfahrung, die er für sich nicht für möglich gehalten hätte …

Doch Anna wird auch Jacques berühren und ihm zu einer spirituellen, heilenden Erfahrung verhelfen: Vincent Lindon und Galatéa Bellugi. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Die Erscheinung“ einen raffinierten Thriller zu nennen, ist nicht verkehrt. Giannoli hat mit französischer Eleganz und psychologischer Präzision inszeniert, und sich nicht der Eitelkeit ergeben, Wahrheiten hinter dem Wunder zu suchen oder das Mysterium bis zum letzten Buchstaben durchzudeklinieren. Dies neben den brillanten Schauspielern die größte Stärke dieses Films, der noch dazu mit Arvo Pärts betörender Musik zu punkten vermag.

www.filmperlen.com/lapparation.html

15. 3. 2019

durchhaus: Bash! Das Fremde in uns

April 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Mörder sind wie du und ich

„Eine Meute von Heiligen“: Eric Lingens und Lilian Jane Gartner bespielen Neil LaButes kontroversielles Figurenkabinett. Bild: © Mirjam Koch

Ein Glück. In der Galerie von Les Tardes Goldscheyder und seinem Künstlerkollektiv, dem „durchhaus“, wird endlich wieder Theater gespielt. Der Raum, einer der spannendsten Wiens, eignet sich ganz hervorragend zum Spielort – und in seiner Zerrissenheit zwischen zwei Abbruchhäusern, einem überdachten Innenhof und einer stehengebliebenen Fensterfassade, vor allem für die zwischenmenschliche Tragödie.

Entsprechend hat Regisseur Peter Gruber hier Neil LaButes „Bash! Das Fremde in uns“ inszeniert. „Bash!“, das sind drei kurze Stücke über das Töten. Ein Versicherungsvertreter beichtet den „plötzlichen Kindstod“ seiner neugeborenen Tochter. Eine Schülerin, mit 14 Jahren von ihrem Lehrer verführt, geschwängert und verlassen, tötet nach einem letzten Wiedersehen mit dem Kindsvater ihren Sohn. Ein Collegepärchen erzählt von einer rauschenden Ballnacht, an deren Rande der junge Mann mit seinen Freunden einen Schwulen zu Tode prügelt. Drei Bestien ohne Grund. LaButes Protagonisten sind Teilhaber am so glänzenden wie düsteren Amerika, und sie bekennen, was für sie gar kein Bekenntnis, sondern nur die nüchterne Feststellung eines Faktums ist: Der Tod von anderen als Nebenprodukt des eigenen tödlich normalen Lebens.

Peter Gruber hat im ersten Teil die beiden Monologe „Iphigenie in orem“ und „Medea redux“ ineinander verschränkt. Lilian Jane Gartner und Eric Lingens spielen die beiden Kindermörder beinhart, sie sind einander Stichwortgeber, sie sind intensiv in ihrer Beiläufigkeit; die Eskalation des Geschehenen haben ihre Figuren längst verschluckt, alle Gefühle schon beiseite geschoben. Das Sterben wird als ein „kalkuliertes Risiko“ gesehen. Der Detroiter Autor LaBute fordert seine Schauspieler maximal heraus, auf dem schmalen Grat zwischen lockerem Plauderton und monströsem Inhalt zu balancieren, und den beiden gelingt die Übung. Sie schaffen es, das Entsetzliche von der Warte der Normalität aus zu berichten, ohne Reue, ohne Zweifel an der Tat, ohne einen Hauch von Selbsterkenntnis.

Antike Mythen jetztzeitlich interpretiert: „Iphigenie in orem“ überschneidet sich mit „Medea redux“. Bild: © Mirjam Koch

Monströse Inhalte in lockerem Plauderton: Die beiden Kindermörder zweifeln nicht an ihren Taten. Bild: © Mirjam Koch

Die Geschichten, die sie erzählen, sind zu wahr, um nicht echt zu sein. Derlei begegnet einem täglich in den Schlagzeilen: Die Mörder sind wie du und ich. In Grubers Inszenierung entschlüsseln sich die Gräueltaten, wiewohl entlarvend gespielt wird, nur langsam. Immer wieder stellen Gartner und Lingens Augenkontakt her. Man sucht Komplizenschaft – miteinander und mit dem Publikum. Dieses soll verstehen, warum …, soll das Unbegreifbare abnicken. Ist er Zyniker, so ist sie Pragmatikerin, dabei hat die Dimension der von ihnen vorgestellten Schrecken, wie die Szenentitel schon sagen, antik-mythologisches Ausmaß.

Nach der Pause übersiedeln Schauspieler und Zuschauer in den oberen Spielraum, es folgt der Dialog „Eine Meute von Heiligen“, und erstmals fällt einem auf, dass es auch darin wieder um die Glaubensgemeinschaft der Mormonen geht. LaBute hat diesbezüglich einiges aufzuarbeiten. Eine Clique studentischer Landeier fährt zum Ball nach Boston – und begegnet einem schwulen Liebespaar. Und weil nicht toleriert werden kann, was irgend „anderes“ ist, folgt die Auslöschung des „Anormalen“.

Vor allem Gartner schafft es, im Sprung von der vordergründig bedauernswerten Teenie-Mutter zur hektisch-überdrehten Fröhlichkeit der Studentin, nun eine gänzlich andere Figur auf die Bühne zu stellen. Lingens bleibt mehr oder minder bei der Rolle seines moralisch bedrängten jungen Mannes, der glaubt, dass zu seinem Seelenheil nur der letzte Ausweg führen kann. Erstaunlich ist, dass diese Abfolge von Einaktern bereits aus dem Jahr 1999 ist. Oft und oft fühlt man sich beim Hören und Sehen an die Trump-USA erinnert, und wie dort rechtskonservative Kräfte in einer Kombination aus schierer Wut und nackter Angst über alles herfallen, das nicht systemkonform ist. Harmlose Durchschnittsmenschen werden zu „Sumpfmonstern“, gerade weil sie eben diesen trocken legen wollen. In Europa kennt man das seit „Tausend“ Jahren, in den Vereinigten Staaten … – wie sich die Bilder gleichen.

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Wien, 3. 4. 2017

Theater zum Fürchten: The Lyons

November 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine schrecklich nette Familie

Während Ben noch mit dem Krebs kämpft, plant Rita schon ihr Leben nach seinem Tod. Bild: Clemens Aap Lindenberg und Sylvia Eisenberger

Während Ben noch mit dem Krebs kämpft, schildert ihm Rita schon ihr Leben nach seinem Tod: Clemens Aap Lindenberg und Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Nicky Silvers Komödie „The Lyons“. Das Stück hat sich der erfolgreiche New Yorker Dramatiker buchstäblich aus der Seele gerissen, der Sohn einer jüdischen Mittelklassefamilie kennt das Milieu über das er schreibt, und wie er ist der einzige Sympathieträger weit und breit schwul.

So ist die stärkste, die wahrhaftigste Szene des Abends, die, als Curtis Lyons, der weit vom Stamm gefallene Apfel des Chaos-Clans, bei einer Wohnungsbesichtigung den Immobilienmakler Brian kennenlernt. Aus einem wie zufällig begonnen Flirt wird eine beinharte Szene über Selbstverleugung und Sexlügen – bis rohe Gewalt ausbricht. Randolf Destaller als Curtis und Eric Lingens als Brian spielen das überzeugend, und machen so klar, dass „The Lyons“ wohl eine der brutalsten Komödien ist, die es in den vergangenen Jahren vom Broadway hierzulande angeschwemmt hat.

Der Inhalt an sich ist alles andere, als der Stoff, aus dem das Lachen ist. Familienpatriarch Ben Lyons stirbt an Krebs. An seinem Krankenhausbett versammelt sich die Sippschaft, ungeduldig auf den Tod wartend, weil das eigene Leben schließlich weitergeht. Ehefrau Rita ist auf dem Sprung zum Neuanfang, bevor der „Alte“ ein Ende hat, sie sucht ungeniert nach einer eleganten Wohnzimmereinrichtung, und weil Ben das nicht positiv sehen kann, beginnt sie mit ihm die Niederlagen ihrer Ehe durchzuhecheln. Deren zwei größte sind die Kinder.

Rita denkt schon an die Renovierung des Wohnzimmers: Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Rita plant mit Tochter Lisa die Renovierung des Wohnzimmers: Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Sohn Curtis muss alle mit seiner Grünpflanze übertrumpfen: Randolf Destaller, Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Sohn Curtis kommt mit der denkbar größten Topfpflanze: Randolf Destaller, Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Curtis, der homosexuelle Sohn, ein erfolgloser Kurzgeschichtenautor und Mamas finanziell unterstützter Liebling, und Lisa, alleinerziehende, alkoholkranke Tochter des Hauses, Daddys schwer verstörter Darling, deren Dasein so durcheinander ist wie der Inhalt ihrer Handtasche. Die Gräben brechen auf, auf rücksichtslos folgt respektlos, immer wieder werden neue Allianzen gebildet. Alte Wunden werden aufgerissen, neue zugefügt, dazwischen ergeht man sich in den typischen Krankenhausthemen: das Essen, die Schwester, der Tropf.

Der Tonfall ist drastisch, das F-Wort im Deutschen halt nicht so universell gebräuchlich wie im Englischen, überhaupt hatscht die Übersetzung dem Original ein wenig hinterher. Dennoch ist jeder Satz ein Zynismus, die Dialoge schnell und die Luft schneidend wie ein Ping-Pong-Match. Inszeniert hat Hermann Molzer, es ist seine erste Arbeit für das Theater zum Fürchten, und er lässt das Ensemble von Anfang an Vollgas fahren. Sylvia Eisenberger ist eine exaltierte, überkandidelte Rita, Martina Dähne eine weinerlich hysterische Lisa. Zu geht es wie in „Eine schrecklich nette Familie“, und ja, sie geht einem allmählich auf die Nerven, diese große Aufgeregtheit auf der Bühne, die es unmöglich macht, den Text mit Lakonie und einem gewissen Understatement, einer gespielten Beiläufigkeit im Sprechen zu brechen.

Curtis trifft den Immobilienmakler Brian und fühlt sich zu ihm hingezogen: Randolf Destaller und Eric Lingens. Bild: Bettina Frenzel

Curtis trifft den Immobilienmakler Brian und fühlt sich zu ihm hingezogen: Randolf Destaller und Eric Lingens. Bild: Bettina Frenzel

Clemens Aap Lindenberg versteht es zum Glück, den sterbenden Ben mit mehr Nuancen auszustatten. Hinter seiner Unflätigkeit erkennt man die Angst vor dem Sterben, seine ordinären Schimpftiraden enttarnen sich als sein Bewältigungsmechanismus für das unvermeidlich Kommende. Und auch Eisenberger hat noch ihren Moment als jüdische Mame, wenn eine wutentbrannte Fürsorge-Attacke, die sie gegen ihre Kinder reitet, von diesen abgeschmettert, zu einem Akt der Emanzipation wird.

Am besten gelingt es Randolf Destaller seinen Charakter zu gestalten; sein Curtis ist genau so viel karikierte Komödienfigur, dass dahinter ein Mensch aufblitzt. Das mag auch daran liegen, dass Silver an ihm seine ganze Empathie austobt. Wie Curtis in der Krankenschwester, gespielt von Angelika Auer, schließlich eine Ersatzmutter findet, das geht doch unter die Haut. Aber so wird’s nicht bleiben. Familie, das bedeutet lebenslänglich, mit höchstens ein paar Stunden Freigang.

www.theaterzumfuerchten.at/

Wien, 30. 11. 2016