Akademietheater: Rosa oder Die barmherzige Erde

März 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tobias Moretti beeindruckt als Romeo in Alterswindeln

Susanna Ernst, Waltraud Hackinger, Tobias Moretti und Marta Kizyma. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es kann am Theater einen eigenen Zauber entfalten, wenn Rätsel offen bleiben, wenn nicht jede Leerstelle besetzt wird und Texte nicht bis zu ihrem Ende durchdekliniert werden. Auf diesen Zauber setzt Luk Perceval bei seiner Inszenierung von „Rosa oder Die barmherzige Erde“. Eine Uraufführung am Akademietheater, für die der 60 Jahre alte Burgdebütant Shakespeares „Romeo und Julia“ und Dimitri Verhulsts Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war, als zu Hause bei seiner Frau“ ineinander verschränkt hat. Das Resultat dieser Bemühungen ist ein ungemein spannender und unheimlich anstrengender Abend mit einem herausragenden Tobias Moretti als Bibliothekar Désiré/Romeo.

Somnambul ist das Wort, das einem zu dessen Darstellung einfällt. Wie geistesabwesend steht Moretti auf der Bühne, und ist doch ganz bei sich, stemmt den hundertminütigen Kraftakt quasi im Alleingang, denn die Mitschauspieler auf der Bühne sind kaum mehr als Staffage, um die Story über die Rampe zu bringen. Deren Inhalt nach Verhulst: Désiré ist ein Mann Mitte der 70, der sein Leben an der Seite seiner Frau so satt hat, dass er beschließt, den Demenzkranken zu geben und sich in eine

entsprechende Einrichtung einweisen zu lassen. Hier möchte er seine letzten Lebensjahre ohne Gezänk verbringen. Doch trifft er auf seine tatsächlich an Alzheimer erkrankte unerfüllt gebliebene Jugendliebe. Und hier nun Perceval – seine „Julia“, deren stilles Verlöschen ihn verzweifeln lässt. Aus Désiré wird Romeo, Pastor, Pfleger und Schwestern werden als Lorenzo, Benvolio oder Mercutio zu Stichwortgebern, und es ist nun Percevals Aufgabe, die viele Parallelen im Verhulst’schen Text zu Shakespeare zu ent- und aufzudecken. Von der Balkonszene bis zum Doppeltod. Denn Désiré wird nach dem Sterben Julias nicht mehr weiterleben wollen und sich in die Tiefe stürzen …

Für all das hat Katrin Brack ein Odeon erdacht, eine runde, sich drehende Spielstätte und eine Tribüne aus Sitzbänken, auf denen der Vergissmeinnicht-Chor, Damen zwischen 85 und 95, Platz genommen haben. Davor Moretti. Mal via Lautsprecher verstärkt, über den auch Geräusche wie ein beständig irres Frauenkichern eingespielt werden, mal ein Wispern von Liebe und Tod, die Stimmung seltsam bodenlos, mal resignativ, mal stockend-zögerlich, mal unflätig und wütend. Sein Désiré gibt die Demenz, scheint’s, nicht vor, er ist wirklich von ihr angekränkelt. Und dann wieder lichte Momente, wenn die Anverwandten, ob seiner Begriffstutzigkeit jede Hoffnung aufgebend, abtreten und er zu verstehen gibt, er hätte genau gewusst, was die wollten. Und genauso wie als Bibliothekar beeindruckt Moretti als Romeo in Alterswindeln.

Sabine Haupt und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Sabine Haupt, Gertraud Jesserer und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In einer der eindrücklichsten Szenen wird er vom Chor gerufen. „Papa!“ Immer mehr Stimmen, immer lautere, da versteht man, dass da ein Mensch unter  jahrelanger Verantwortung zusammenbrach, versteht, dass nicht mehr ging, was andere von ihm erwarteten, und ergo der Rückzug erfolgen musste. Nicht zur Kenntnis nehmen wollen/können das Sabine Haupt als Tochter Charlotte – eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs – und Gertraud Jesserer mit Tremolostimme als Ehefrau Moniek. Sylvie Rohrer, Daniel Jesch, Marta Kizyma und Stefan Wieland fungieren als Hauptschwester, Pfleger und Pastor und als Shakespeare-Personal. Mariia Shulga ist eine anrührende Rosa.

Sie umrahmen das zähflüssige Spiel vom Sterben des alten Mannes, das sich mehr als Stimmung, denn in Klarheit erschließt. Zu denken gibt immerhin, dass hier einer am Ende den Prototyp jugendlicher Lebens- und Liebesgier gibt, das macht grübeln über verpasste Chancen und verflossene Gelegenheiten … Am Ende gab es Jubel für alle, allen voran Tobias Moretti, der einmal mehr bewies, dass man nicht nur beim Film, sondern auch auf der Bühne auf ihn zählen kann.

www.burgtheater.at

  1. 3. 2018

Volkstheater: Zu ebener Erde und erster Stock

November 22, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Who killed Johann Nestroy?

Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater ist derzeit alles g’schissen, weil überall Oarschlöcher sind, die einem sagen, man soll Gusch sein. Wappler. Da kann man gar ned so viel fressen, wie man speiben möcht‘ – und es ist auch wurscht, wer nachher slapstickig auf dieser Speibspur ausrutscht, weil am Ende steht eh der Brunzkübel zum Eineschiffen. Fäkaliendrama Werner Schwab? Geh‘ nein, „Zu ebener Erde und erster Stock“!

Die Posse als Punk. Und der Punk schlägt Purzelbaum. Und in diesem Sinne: Who killed Johann Nestroy? Susanne Lietzow inszenierte diese dramaturgische Autoerotik. Im Bühne-Interview schwärmte sie von Nestroys „Formulierwut“, seinem „mit einer unglaublichen Bildhaftigkeit gespickten Sprachwitz“. The king is gone, but not forgotten. Lietzow hat Nestroy den Nestroy runtergeräumt, und was bleibt, wenn man einen Sprachgewaltigen, einen Satzdrechsler, einen Witz-im-Magen-Umdreher seiner einzigen scharf geladenen, aber dennoch geschmeidigen Waffe beraubt? Nichts zu lachen. Wie aus dem Publikum zu hören.

Folgerichtig, dass die Regisseurin Nestroys Zitatenschatzkästlein als ebensolches behandelt, und Sätze wie den von der Nation-Resignation als Sinnsprüche aufsagen lässt, Josef Bierbichler hat in diesem Tonfall schon einmal einen „Wilhelm Tell“ gespielt. Im Zusammenhang inkonsequent, dass Hans Rauscher – und dies der Höhepunkt des Abends – für Diener Johann ein tagesaktuell zu änderndes Couplet getextet hat, in dem der österreichischen Innenpolitik ihre Grenzwertigkeit aufgezeigt wird – großartig geistreich im Sinne des Erfinders. Wer inszeniert einen Nestroy, in dem Hans Rauscher, bei aller gebotenen Verbeugung vor seinem Werk, der bessere Nestroy ist? Die Musik ist überhaupt das beste. Gilbert Handler, Paul Skrepek und Martin Zrost schrammeln als Garagenband, was das Zeug aushält. Wiener Lied, Free Jazz, Electro. Sie spielen auf zum Pflanztanz.

Und Sebastian Pass. Er rockt das Haus. Er zeigt mit seinem Diener Johann die wahre Wesensart des Nestroy’schen Gemütsmenschen, er ist der rechte „kleine Mann“, dem der Ungeist der Zeit den Katzbuckel stärkt. Er hat sich mit allen außer sich selbst entsolidarisiert. Der Wind der Geschichte weht wieder für ihn und trägt seine verqueren Wertevorstellungen mitten in die Gesellschaft. Wenn dieser Abend gegen Krisengewinnler aller Art aufzeigen will, dann in dieser Figur. In die Pause entlässt er mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“. Eine starke, die stärkste Leistung. Stefan Suske ist ein dazu passender Herr von Goldfuchs, ein Spekulant und Lobbyist, auch optisch ein Graf Ali, der mit Vogelgrippemasken handelt. Dies ist zwar nicht mehr ganz neu, hat aber Ablaufdatum 2016 und ist wichtig, weil schließlich die Armen am Virus verrecken. Trotz unvermuteten Vermögens. Wer draufgeht, sind immer die unten: Lietzows Zweiklassengroteske ohne Happy End. Die Fortuna, Kaspar Locher, ist ein goldbarrenfarbener Schweizer, das Glück kein Vogerl, sondern ein Spinner, die Schweiz ist ja historisch das Schicksal vieler Menschen.

Suske ist außerdem erfreulich wortdeutlich, selbst, so paradox es klingt, bei seinem lautmalerischen Raunzchanson. Teile des Ensembles, wiewohl mit exzellent viel Spielfreude bei der Sache, artikulieren so unverständlich, dass kaum ein Wort zu verstehen ist. Auch eher ungünstig bei einem Nestroy, und keine Einzelmeinung, der Zustand wurde rundum bemurmelt. Es könnte ein Akustikproblem sein, weil es beim Reden im Kobel, der das Erdgeschoss darstellt, besonders auffällt. Je mehr Schauspieler auf diesem engsten Raum sind, desto schlechter die Hörbarkeit. Diese überprüft man von verschiedenen Standpunkten im Saal während der Durchläufe. Zum Anschauen ist das Bühnenbild von Aurel Lenfert freilich fein, ein Wunderwerk der Statik, das die Verhältnisse verdeutlicht. Oben ein Prunksalon, unten eine enge Kammer mit Garage – für die Band. Das heißt: Prunk ist relativ. In den Kostümen von Marie-Luise Lichtenthal bewegen sich grausliche Clowns in einem grindigen Kartenhaus. Lietzow hat unter den Figuren keine Sympathie für niemanden, die Reichen sind sowieso … gleichgültig gegenüber dem Elend anderer, die Armen auch nicht edel, sondern ein Lumpenproletariat, und wären sie nicht gestorben, sie hätten die „schöne“ Wohnung sicher auch versifft.

Schlussapplaus für die Schauspieler, Jubel über die Musiker. Für die Regie gab’s teilweise ziemlich heftige Buhrufer. Wer zählt die Grabinschriften meiner Hoffnungen? Das ist ein Nestroy-Zitat.

www.volkstheater.at

Wien, 22. 11. 2015

Neu am Volkstheater: Thomas Frank

November 18, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Es gemütlich haben, was trinken, was essen …

Thomas Frank Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wer behauptet, die Gattung Volksschauspieler sterbe aus, der hat Thomas Frank noch nicht erlebt. Der kann nämlich mit beißendem Humor wahnwitzig witzig sein – obwohl ihm, wenn’s wichtig ist, natürlich kein Witz einfällt. Frank (mehr: www.volkstheater.at/person/thomas-frank/) blickt in seinen Rollen der untiefen österreichischen Seele bis auf den Grund, sei’s als Lois Lubits in „Fasching“ oder als Kleiner Mann im „Marienthaler Dachs“. Weil ihm dieser Art nichts Unmenschliches fremd ist, zeigt er sich passend zum Advent auch als „auxoffanar untan gristbam“ (15. 12., Rote Bar). Am Grazer Schauspielhaus wusste der Vielspieler die Herzen des Publikums auf seiner Seite, das wünscht man ihm nun auch von Herzen für Wien. In Susanne Lietzows Inszenierung von Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ spielt er den Damian Stutzel. Premiere ist am 21. November. Thomas Frank im Gespräch:

MM: In Graz waren Sie Local Hero, ein Publikumsliebling, da hatten Sie oft schon Applaus, bevor Sie auf der Bühne das erste Wort gesagt haben. Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Wien gekommen?

Thomas Frank: Danke, aber so stimmt’s auch wieder nicht … ich bin ohne Erwartungen gekommen, zu viele Erwartungen sollte man nicht haben, die lösen sich manchmal nicht ein, und dann verzagt man. Ich freue mich einfach, dass es weitergeht, dass neue Herausforderungen kommen. Ich will machen, was ich in Graz gemacht habe, und das auch in Wien erreichen … (er denkt nach, Anm. Frank: „er tut zumindest so als ob“) … es wär‘ schon schön … als quasi wieder … na, schauen wir einmal (er lacht).

MM: Sie waren seit 2007 am Schauspielhaus Graz. Wie leicht fällt einem nach dieser Zeit eine Übersiedelung? Was brauchen Sie, um sich wohlzufühlen?

Frank: Ein Miteinander. Dass man Freunde und Kollegen hat, mit denen man gut auskommt und eine gute Zeit verbringen kann. Das finde ich ganz wichtig.

MM: Das ist nach einer Produktion am Schauspielhaus Graz und einer im Theater im Bahnhof Ihr dritter Nestroy. Nun spielen Sie den Damian Stutzel. Im Schauspielführer steht, die Figur sei entbehrlich für die Handlung und ein einfältiger Pechvogel. Rechtfertigen Sie Ihre Figur!

Frank: Wenn’s doch da steht! Man braucht in einem Stück halt auch unnötige Figuren, um das Ganze aufzulockern. Der Damian ist insofern wichtig, weil er mit einem Brief für ein Durcheinander sorgt. Er treibt die Handlung damit voran, aber er tut das nicht bewusst.

MM: Wie sympathisch ist er Ihnen?

Frank: Sehr. In seiner Grundeinstellung zum Leben. Er will nicht viel, er will’s gemütlich haben, was trinken, was essen. Das genügt ihm schon. Da bin ich ihm ähnlich. Er wird unsympathisch, wenn er einen Hauch von Macht in die Hände bekommt, oder glaubt zu bekommen. Da schlägt sein Temperament sofort um und er wird eigentlich ein ziemlicher Arsch, wenn ich das so sagen darf. Das ist sehr menschlich und das ist vor allem symptomatisch für alle Figuren im Stück. Kaum oben, tritt man nach unten. Aber der Damian kommt zum Glück wieder zu Sinnen …

MM: Susanne Lietzow inszeniert. Kannten Sie einander schon?

Frank: Ich kannte sie von der Kantine in Graz, aber mehr ned. Ich muss gestehen, ich hatte von ihr noch keine Arbeit gesehen. Sie macht das Stück nicht extrem „pointig“, sondern versucht sehr sanft sprachlich an die Sache heranzugehen. Ich mag nichts verraten, aber die Rauch-Kallat und ihr MensdorffPouilly und ihre Vogelgrippeschutzmasken werden zum Beispiel vorkommen. Ohne Holzhammer und schon so, dass man sich auskennt, nur quasi, damit’s im Hinterkopf klingelt. Und der Schluss wird anders sein als im Nestroy-Original.

MM: Im Sinne von gesellschaftskritisch-„heutig“?

Frank: Es ist einfach so, dass die Reichen reich und die Armen ärmer werden. Interessant ist die Frage: Wie würde ich reagieren, wenn ich reich würde oder Macht bekäme? Darüber sollte man nachdenken.

MM: Und haben Sie? Wie würden Sie reagieren, wenn Sie zu Geld kämen?

Frank: Ausgeben, auf den Schädel hauen. So mache ich es immer, wenn’s da ist, ist es auch schon wieder weg. So viel zum Thema gemütlich essen und trinken.

MM: Wie sind Sie eigentlich zum Theater gekommen – und nicht jetzt sagen: mit dem Auto -, Sie haben ursprünglich Anlagenmonteur gelernt?

Frank: Heute mit der U-Bahn, nein, ernsthaft, ich bin aus Heidenreichstein und meine Mutter ist dort seit 1981 in einer Laienspieltruppe, das heißt, mittlerweile lassen sie das „Laien“ weg, die „Bühne Heidenreichstein“. Ich war als Bub immer mit, bei den Proben und so, und bin reingewachsen. Andere würden über mich vielleicht sagen, ich war der Klassenclown, ich sage das nicht. Ich hab’s halt gern lustig, und wenn die anderen nichts machen, muss man eben selber. Mit acht Jahren habe ich dann mein Debüt als Flamme im „Trollkind“ gegeben. Das war ein großer Erfolg – und  ich habe Anlagenmonteur gelernt. Ich bin ein Schrauber und Tüftler, und deswegen hat’s mich dann nimmer g’freut, weil immer mehr Computer dazugekommen ist, also bin ich ans Reinhardt-Seminar.

MM: Mit Umweg übers Bundesheer. Wer, Herr Lehmann, dient heute noch mit der Waffe?

Frank: Ich hab’ mir das gar nicht so groß überlegt, weil meine beiden Brüder auch Präsenzdiener waren, mir war gar nicht klar, dass man was anderes machen könnte. Ich war Kraftfahrer in Allensteig, Betriebsversorgungsstelle, privilegiert als Heimschläfer, sehr viel essen, sehr viel trinken, gemütlich haben. Ich habe während dieser Zeit fünfzehn Kilos zugenommen, also quasi allzeit bereit. Ich habe dann in Wien bei Leasingfirmen gearbeitet, bis ich mir dachte: „Veränderung!“ Ein Freund von mir hat eine Theatergruppe und hat bei einer Premierenfeier zu mir gesagt: „Probier’s doch auch“. Natürlich bin ich erst einmal kläglich gescheitert, aber einmal ist ja kein Mal. Mein Vater fragt mich übrigens erst seit Kurzem nicht mehr, ob es das ist, was ich „wirklich“ will, ob das „was Längerfristiges“ ist.

MM: Sie sind bei weitem nicht nur Komödiant, aber das doch intensiv. Die Elegiebürscherln waren nie Ihr Fach?

Frank: Hehe. Ich hab’ einmal den Ferdinand gespielt in „Kabale und Liebe“, das hätte mir schon auch getaugt, aber meinem Umfeld nicht so. Die Darstellung ist nicht aufgegangen, sagen wir’s so. Vielleicht war ich noch nicht soweit … Ich habe aber kein Problem damit, Komödiant zu sein. Mir fällt es manchmal auch schwer, keinen Blödsinn zu machen. Vielleicht sollte ich das auch einmal ausprobieren.

MM: Aber ist Komödiant nicht das härtere Brot? Dem Tragöden sitzt das Publikum in Leidenshaltung gegenüber, da ist keine Reaktion normal, aber, wenn man auf die Lacher wartet und sie kommen nicht?

Frank: Das ist hart, stimmt. Früher habe ich in den Zuschauerraum hineingehorcht, mittlerweile geht’s. Ich bin entgegen dem beliebten Bild von Komödianten jetzt privat nicht der große Depressive, also halte ich was aus. Es heißt noch lange nicht, nur weil ein Publikum einmal an einer Stelle nicht lacht, und man sich denkt „das gibt’s nicht“, dass eine Vorstellung nicht ankommt. Da darf man sich nicht verunsichern lassen. Die Susanne ist zum Glück eine Regisseurin, die einem genügend Bestätigung gibt. Das ist viel angenehmer, als wenn von der Regie gar nichts kommt und man sich denkt „war das jetzt …?“ Sie ist super. Sie lacht viel.

MM: Können Sie gut Witze erzählen?

Frank: Ja, wenn mir einer einfällt. Früher habe ich viele Witze gewusst, heute bin ich froh, wenn ich mir den Text merke. Ich mag absurden Humor, schräge Sachen, darüber kann ich lachen. Ich sehe gern Kollegen, große Schauspieler, die man aus ernsten Rollen kennt, wenn sie einmal Komödie machen. Das imponiert mir sehr.

MM: Was kann Komödie in den Köpfen, was das Drama nicht kann?

Frank: Befreien. Den Alltag vergessen machen, von den eigenen Sorgen ablenken. Das kann Drama, glaube ich, nicht so leicht. Da kommen zu den eigenen Problemen noch die der Bühnenfiguren dazu (er lacht).

MM: Komödie kann uns alle befreien. Das gefällt mir, das nehmen wir gleich als Titel, das ist so pamphletisch. Und was kann Nestroy im Speziellen?

Frank: Er ist – in Österreich – den Leuten noch näher. Ich glaube, er war auch so ein Wirtshausgeher wie ich, ein ganz normaler Typ. Er versteht die Leut’ und die Leut’ verstehen ihn. Deswegen erreicht er das Publikum schneller, leichter.

MM: Sie drehen derzeit auch „Vorstadtweiber“?

Frank: Zweite Staffel, Ausstrahlung 2016. Der Frank spielt aber nicht den Gefängnisdirektor, sondern einen Gefängniswärter. Eine oder einer der anderen wird eingekastelt, weil ein Schas passiert ist, und ich passe auf sie oder ihn auf.

MM: Der „Frosch“ bei den Vorstadtweibern.

Frank: Die Kaulquappe. Die Rolle ist so viel, wie es sich anhört: Immer, wenn was im Gefängnis spielt, renn’ ich auch einmal durchs Bild.

MM: Was mir schon die ganze Zeit ins Auge sticht: Sie tragen heute ein raffiniertes Teil – vorne Holzfällerhemd, das sich durch eine geschickte Körperdrehung in einen Hoodie verwandelt (siehe Bild, Anm.). Fashion Victim oder Geschenk?

Frank (empört): Selber gekauft. Ich bin unbewusst modebewusst. Ich stehe nicht stundenlang vor dem Spiegel, aber ich schaue schon gern was gleich. Ich hätte gerne einen Kostümbildner für mein Leben. Und noch lieber hab’ ich’s, wenn man Kostüme vom Theater abkaufen kann, wenn eine Produktion abgespielt ist. Daher kommen viele meiner Sachen. In Graz hat sich da im Laufe der Jahre einiges angesammelt.

MM: Da war am Volkstheater aber noch nicht viel los: einmal Trachtenanzug, einmal Windelhose.

Frank: Ja, mein Kleiderkasten raunzt schon.

www.volkstheater.at

Wien, 18. 11. 2015

Von William Turner bis zum Fantasyfilm

März 21, 2013 in Ausstellung

 Das Leopold Museum ist schwer bewölkt

Ab 22. 3. zeigt das Leopold Museum die Ausstellung „Wolken. Bilder zwischen Himmel und Erde“: Ausgewählte Meisterwerke von unterschiedlichen Künstlern, die, vom frühen 19. Jahrhundert bis heute, Wolkenbilder in den Mittelpunkt Ihres Interesses rückten. In zwölf Kapiteln beleuchtet die Schau die unterschiedlichen Darstellungsweisen von Wolken während der vergangenen zwei Jahrhunderte. Die Palette der Themen reicht  von der „Erfindung der Wolken“ über den Himmel der Impressionisten und der Wolke als Ornament bis zur Klangwolke. Für das 20. und 21. Jahrhundert stehen besonders die Kapitel „Metamorphose“, Industriewolke und die „Schönheit des Unheimlichen“, etwa in den oft merkwürdig ansprechenden Fotografien von Atompilzen oder Naturkatastrophen.

Leopold Museum

RENÉ MAGRITTE
(1898-1967)
Sommer, 1931
Öl auf Leinwand, 60 x 73 cm
Geschenk von Max Janlet, Musée d‘Ixelles, Brussels © VBK, Vienna 2012

Zu sehen sind unter anderem Werke von Caspar David Friedrich, John Constable, William Turner, Claude Monet, Alfred Sisley, Paul Cézanne, Ferdinand Hodler, Gustav Klimt, Egon Schiele, Emil Nolde, Heinrich Kühn, René Magritte, Alfred Stieglitz, Edward Steichen, Gerhard Richter, James Rosenquist, Anselm Kiefer und Olafur Eliasson. Wolken von diesen Künstlern sind von hohem ästhetischen Reiz. Sie mutieren zu poetischen Metaphern oder zu Zeichenvon Gefahr – sie übermitteln Botschaften. Sind Naturidyll, „Abendrot“, regendurchzogener Himmel oder abgasverseuchte Luft.

Naturalisten, Impressionisten, Expressionisten, Realisten … sie alle interpretierten die Himmelsgebilde auf ihre Weise. Surrealist René Magritte liebte wiederum das Spiel der Überraschung und Verfremdung und zeigte dies besonders häufig an Hand von Wolkenmotiven. Auch in der Fotografie bildeten Wolkendarstellungen eine große künstlerische wie technische Herausforderung, wie die suggestiven Lichtbilder des französischen Fotografen Gustave Le Gray zeigen. Und schließlich spielen Wolken auch im Film eine wichtige Rolle. Regisseure und Kameraleute liebten seit jeher den Effekt von Wolken, die den Protagonisten die Sicht rauben und Unbehagen verursachen.Passagen vom frühen Stummfilm bis zu Fantasyfilmen belegen das.

www.leopoldmuseum.org

Von Rudolf Mottinger

Wien, 21. 3. 2013