Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno

Oktober 14, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Off Theater: In Gruppentherapie mit Hitler und Stalin

Hitler und Stalin spielen „Hamlet“: Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

Ein Podium als Shakespearebühne, an jeder Ecke ein Ausläufer, und mit Drahtkrone thront Kajetan Dick umringt von zwei Elevinnen. Nun erhebt er sich, lädt das ringsum sitzende Publikum zum warming-up auf eine Reise ein, alle aufstehen!, auch die anwesende Kulturstadträtin macht da mit, bei den „Körperübungen im Kosmos“. Bis schließlich alle wohlbehalten im Off Theater ankommen. In dessen White Box hat Ernst Kurt Weigel sein

Gedankenspiel „Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“, gezeigt von das.bernhard.ensemble und orgAnic reVolt, zur Uraufführung gebracht. Kajetan Dick fungiert als ebendieser Moreno, und wer glaubt, der Genialisch-Manische outriere sich mit seinem Mentalcoach-Sprech in erleuchtete Höhen, staunt als am Ende Moreno im beschwörerischen O-Ton vom Band läuft. „Am I nothing or am I God?“ raunt er sein „Sein oder Nichtsein“. Dies die Frage, deren grauenhafte Antworten der Abend aufwirft.

Die Vita von Jakob Levy Moreno lässt sich durchaus als extravagant beschreiben: Aus einer rumänischen Familie sephardischer Juden stammend, studierte er in Wien Medizin und entwickelte schon in jungen Jahren ein großes soziologisches Interesse, das ihn zur Arbeit mit Sträflingen, Prostituierten und im Flüchtlingslager Mitterndorf brachte. Moreno war Begründer der Soziometrie und der Gruppenpsychotherapie. Seine Faszination fürs Stegreiftheater veranlasste ihn, selbst damit zu experimentieren: ohne Regie und in selbstkreierten Raumbühnen. Das war damals revolutionär.

Doch der aufkeimende Antisemitismus der 1920er-Jahre hieß ihn Wien für immer zu verlassen. In New York entwickelte Moreno schließlich seine Methode des Psychodramas, dies heut‘ allgegenwärtige gruppendynamische Rollenspiel: Sage uns, was dich quält und was du für dich gewinnen möchtest! – und Weigel führt die 25 Zuschauer/Probanden nun mitten in die Aktionsphase einer solchen Therapiesitzung. Gemeinsam wird man zur Experimentiertruppe von Morenos Theater der Spontaneität, „wunderbar, großartig“ feuert Theatermacher Moreno-Dick die Anwesenden an.

Ganz nah am raunenden O-Ton: Kajetan Dick ist brillant als Jakob Levy Moreno. Bild: Günter Macho

Hitler schleicht durchs „Burgtor“: Isabella Jeschke mit Desi Bonato und Leonie Wahl. Bild: Günter Macho

Josef Stalin erforscht seine Gefühle: Ernst Kurt Weigel und Tänzerin Desi Bonato. Bild: Günter Macho

Foltertanz der Massenmörder: „Hitler“ Isabella Jeschke und „Stalin“ Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

„Das Schauspiel sei die Schlinge, die uns in das Gewissen bringe“, rezitiert er Hamlet. Denn der soll gegeben werden. Es ist das Jahr 1913, Devi Saha hat die White Box in einen wunderbaren Jahrhundertwendesalon verwandelt, und aus dem Publikum meldet sich Adolf Hitler, um den Dänenprinzen zu spielen. Dies Zusammentreffen der Kunstkniff von Ernst Kurt Weigel. Dass sich der erfolglose Kunstmaler in jenem Jahr in Wien aufhielt, ist historisch verbrieft, ebenso wie Josef Stalin. Weigel als untergetauchter russischer Revolutionär lässt seine Figur auf die anderen beiden „Ausnahmepersönlichkeiten“ der Stadt prallen.

Und wieder einmal begeistert, wie bühnenpräsent Isabella Jeschke ist. Mit Bärtchen-Punkt und in breitem Braunauer Dialekt gestaltet sie den Architektur-Demagogen, nunmehr Morenos „Prinz Adolf“, ihr expressives Spiel, dieser mal blindwütige, mal übereifrig Morenos Anweisungen folgende Schreihals, in hibbelig-verrenktem Gleichschritt zuckend – da ist ein Körper bereits schwer beschäftigt mit „Mein Kampf“.

Die ausdrucksstarke Choreografie, sie im doppelten Sinne eine körperliche Gewalt, hat Leonie Wahl entwickelt, deren famoses Tanz.Schau.Spiel „This is what happened in the Telephone Booth“ Mitte November im Off Theater wiederaufgenommen wird (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36197). Sie und Tänzerin Desi Bonato agieren als allerlei seelische Aggregatzustände. Tobt Hitler über die Asymmetrie der Hofburg, rechts Erhabenheit, links nichts, grün, Wildwuchs (Zuschauergelächter!), machen sie ihm mit Armen und Beinen das Burgtor.

Gruppendynamik in der schweißtreibenden Therapiesitzung: Bonato, Weigel, Dick, Wahl und Jeschke. Bild: Günter Macho

Bonato performt vor Stalin sein Gefühl, die Frau verloren und den Sohn verlassen zu haben, und es ist ein ziemlich durcheinander gewirbeltes. Wie Wahl und Bonato den Dirigenten der Todesbürokratien im Takt folgen, ihre Gebärden-Sprache, mit der sie von Mitläufertum, Ekel und Ohnmacht erzählen, ist große Kunst. Andere Gruppenmitglieder werden ins Spiel miteinbezogen, Kajetan Dick fischt sich seine Gottfried Semper von den Stühlen, im #Corvid19-Abstand lernen die Geister unter Anleitung den richtigen Stegreif-Tonfall fürs gespenstische

„Bau‘ mir die Hofburg fertig …“ das.bernhard.ensemble würde sich selbst nicht gerecht, gäbe es nicht einen tagesaktuellen Weigel’schen Exkurs, der kohleschmutzige Stählerne über einen Kapitalismus, der Moria buchstäblich ersaufen lässt, eine Schmährede auf die zaudernde Hamlet-Gesellschaft, eine Anpreisung einer Alle-Menschen-sind-gleich-Gemeinschaft ohne Privateigentum. Da sind’s bis zum Großen Terror noch mehr als 20 Jahre hin, für Morenos Improvisation hat sich Stalin als Claudius gemeldet, der nach anfänglicher Sympathie für den Stiefsohn bei 3.3 endet: I like him not.

Dies die stärkste Szene von Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Hitler entartet sein Leinensackerl zur Gefangenenkapuze, die „Krüppelhand“, das „unwerte Leben“ muss den Boden wischen, eine perfide Umarmung, ein Foltertanz, bis man sich rechts und links als Führerstatue aufbaut. Stampfend, keuchend, zum monströsen Sound von b.fleischmann die Masse, und ein über seine grauenvolle Entdeckung entsetzt die Augen aufreißender Jakob Levy Moreno.

„Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“ umfängt einen mit einem Sog, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ein starkes Stück!, ist das. Die Geschichte lehrt, die dramatische Geste kann das Böse nicht besiegen, weil es sie sich aneignet, die Geschichte lehrt, für den Horror gibt’s kein Heilmittel. Hätte eine Psychotherapie fürs 20. Jahrhundert das Schlimmste verhindert? Ernst Kurt Weigel probiert’s. Seien Sie dabei …

Vorstellungen bis Ende November.

www.off-theater.at          Trailer: vimeo.com/467135177

  1. 10. 2020

Karikaturmuseum Krems: Fix & Foxi XXL

Juni 27, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit „sittlicher Erziehung“ gegen die USA-Schundhefte

„Die Fix und Foxi-Familie“ mit Onkel Fax, Oma Eusebia, Lupinchen und Lupo, Poster Fix und Foxi 18. Jahrgang/Band 27 (1970) © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Das Karikaturmuseum Krems präsentiert zur Wiedereröffnung am 1. Juli die bisher größte Ausstellung zu den beliebten Comicfiguren Fix und Foxi und bietet einen umfassenden Einblick in das zeichnerische, gestalterische und unternehmerische Universum des deutschen Fix & Foxi-Erfinders Rolf Kauka. Kindheitserinnerungen werden wach, wenn die schrägen Abenteuer aus dem gemütlichen Fuxholzen mit Oma Eusebia, Onkel Fax, Lupinchen oder dem Maulwurf Pauli vors geistige Auge treten.

Verantwortlich für die Erfolgsgeschichte von „Fix & Foxi“, die in den 1950er-Jahren begann, war der Münchner Verleger Rolf Kauka, der bis zum heutigen Tag einflussreichste Produzent deutschsprachiger Comics, der bald auch nach Skandinavien, Südeuropa und Lateinamerika expandierte. Kauka stand in einer gänzlich anderen Erzähl- und Zeichentradition als Walt Disney und etablierte ab den 1950er-Jahren ein eigenständig deutsches Comicgenre nach dem Vorbild Wilhelm Buschs. Zudem brachte Kauka die europäische Comic-Kultur in den deutschsprachigen Raum. Neben den bekannten Charakteren aus der Fix & Foxi-Familie tauchten nämlich Figuren aus frankobelgischen Comic-Klassikern, wie Lucky Luke oder die Schlümpfe, erstmals in Kaukas Publikationen auf.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von den Anfangsjahren bis 1972, die wichtigen Zeichnerinnen und Zeichner aus Kaukas Produktionsstudios namentlich zugeordnet werden. Dokumente und historisches Material beleuchten die Verlagsgeschichte und den Entstehungskontext und ermöglichen eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Comic rund um die beiden „Lauselümmel im Fuchspelz“, von ihren Anfängen bis zur heutigen Etablierung als Comic-Kultfiguren im Fernsehen.

Fix und Foxi waren in den 1960er-und 1970er-Jahren neben Micky Maus die beliebtesten Comicstars in deutschen und österreichischen Kinderzimmern.  Rolf Kaukas Ziel war es nach Walt Disneys Vorbild in München eine Trickfilmproduktion zu starten. Eine Printproduktion schien aber realistischer und in Dorul van der Heide fand Kauka einen talentierten Künstler, der von 1953 bis 1955 fast seinen gesamten Bedarf an Comics deckte. Schließlich veröffentlichte Kauka 1953 den „Eulenspiegel“, mit malerischen Bilderschwänken rund um den Schalk Till Eulenspiegel und in weiterer Folge mit dem populären Lügenbaron Münchhausen. Moralisch einwandfreie Geschichten in der Tradition von Sagen und vorzugsweise La Fontaines Fabeln sollten das inhaltliche Konzept erweitern – anfangs noch getextet und konzipiert von Kauka persönlich.

Begleitbild zum Text in Von Max und Moritz bis Fix und Foxi, 1970 © Sammlung Dr. Stefan Piech

Fix, Foxi, Lupo und die Schlümpfe, Illustrator Kurt Italiaander, Cover 18. Jhg. Band 4 (1970) © Samm. Dr. Stefan Piëch

Fix & Foxi: Lucky Luke, der Westernheld, der schneller zieht als sein Schatten © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Reineke Fuchs, ursprünglich Hauptfigur eines mitteleuropäischen Epos, hatte im fünften „Eulenspiegel“-Heft seinen ersten Auftritt. Aber erst als aus den Nebenfiguren Fix und Foxi die eigentlichen Helden wurden, ging es rasant aufwärts. Das zehnte Heft war bereits die erste Sonderausgabe mit Fix & Foxi im Titel, mit Heft 29 im Jahr 1955 setzte sich „Fix & Foxi“ als endgültiger Titel des Magazins – statt „Eulenspiegel“ – durch. Das wöchentlich erscheinende Heftformat übertraf mit einer Auflage von 400.000 Exemplaren zeitweise sogar den damaligen Marktführer Micky Maus.

Trotz seines großen Erfolges war Rolf Kauka nicht unumstritten. Denn sein berufliches Credo „Zehn Prozent Inspiration und neunzig Prozent Transpiration“ konnte er nur mit einem Stab talentierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verwirklichen, die aber meist anonym blieben. „Rolf KaukasFix & Foxi“ stand auf jedem Heft – die Namensnennung implizierte einen Besitzanspruch auf geistiges Eigentum, und so kam es verständlicherweise oft zu Urheberrechtsstreitigkeiten mit Mitarbeitern.Mit der Zeit engagierte Kauka für sein Heft eine bunte Riege verschiedenster Illustratorinnen und Illustratoren, die großteils aus Jugoslawien, Italien und Spanien stammten.

Die berühmten zipfelbemützten Schlümpfe erblickten am 23. Oktober 1958 das Licht der Comicwelt, als sie im belgischen Magazin „Spirou“ innerhalb der Johan et Pirlouit-Geschichte „La flûte à six trous“ als Nebenfiguren auftauchten. Ihr deutschsprachiges Comicdebüt gaben die Schlümpfe in „Fix & Foxi“, Nr. 20, 1969, innerhalb der Geschichte „Prinz Edelhart und die Schlümpfe“, nachdem sie vorher groß angekündigt worden waren. Fünf Hefte später erlebten die Wichtel ihr erstes Soloabenteuer und gehörten anschließend für acht Jahre zu den präsentesten Lizenzserien in den diversen Kauka-Publikationen. Als der Redaktion 1976/77 die kurzen Schlumpf-Geschichten ausgingen, kam es in zu einigen abenteuerlichen, aus diversem Originalmaterial neu zusammenmontierten „Eigenproduktionen“.

Lupo auf Rollschuhen, Back 5. Jhg. Band 26 (1954) © Samm. Dr. St. Piëch

Fix and Foxi, 1969 (Ausgabe 41) © Sammlung Dr. Stefan Piëch 2019

Fix & Foxi, Band Sammelband 45 © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Kauka wollte mit einem „deutschen“, „sauberen“, „moralisch einwandfreien“ Comic die Hetzkampagnen konservativer Kreise gegen das Genre unterlaufen. Kirchenvertreter, Pädagogen und Kulturkritiker liefen Sturm gegen das „Esperanto der Analphabeten“ – Kaukas Comics waren damit nicht gemeint. Einige Fix & Foxi-Begebenheiten erklären sich aus den Lebensbedingungen in den Nachkriegsjahren, als große Teile der Bevölkerung unter Hunger und Knappheit an Gütern aller Art litten. Umso verständlicher ist, dass das Objekt heißer Begierde „nur“ eine Torte sein kann, wie Lupo demonstriert, dessen Haupteigenschaft Gefräßigkeit ist.

Sicherlich ist es auch auf das sehr konservative Weltbild der 1950er-Jahre zurückzuführen, dass für Kinder und Jugendliche eine „sittliche Erziehung“ gefordert wurde. Die „Schrecken der Vergangenheit“ sollten ruhen, man wollte den Blick auf eine bessere Zukunft richten, doch Gesellschaft und Schulen verharrten in autoritären Strukturen. Der Unterricht verlief weiterhin meist frontal, neue Vergnügungen wie US-amerikanische Musik und ungezwungene „amerikanische“ Tänze wurden stark kritisiert. Benimmregeln und Anstandsbücher boomten, ausländische Comics wurden als Schundhefte verdammt.

Kauka traf den Nerv der Zeit, und im Nachhinein scheint es genial, Fix & Foxi als besonders sauber und moralisch unbedenklich, sogar pädagogisch wertvoll zu positionieren. In diesem zeitlichen Zusammenhang ist es nicht verwunderlich, dass neben klassischen Slapstick-Elementen auch der sogenannten Prügelpädagogik auffallend viel Platz eingeräumt wurde. Vor allem der meist von Branimir Karabajić gezeichnete Maulwurf Pauli aus den gleichnamigen Comics wird oft aus nichtigen Gründen übers Knie gelegt – nicht nur von seinem Vater, sondern auch von Bauern oder Ladenbesitzern. Heute wäre das unvorstellbar, aber in früheren Tagen wurde es durchaus toleriert und humorvoll aufgenommen.

Fix & Foxi, Band 42, Skizze, 1971 © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Fix & Foxi, Band 42, 1971 Cover © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Fix & Foxi, Band 500, Seite 3 © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Der Kommunikationswissenschaftler Ralf Palandt beschäftigte sich auf politischer Ebene mit Kauka und schreibt folgendes über ihn: Die Masse an Geschichten, die von den 1950er-bis in die 1990er-Jahre im Namen des Verlegers und Herausgebers Rolf Kauka veröffentlicht wurden, ist gigantisch. Doch wenn von Kaukas Person die Rede ist, stehen immer wieder einige Geschichten, vornehmlich aus den 1960er-und 1970er-Jahren, aufgrund ihres offensiv politischen Inhalts im Fokus. Vor allem die Bearbeitungen der Asterix und Obelix-Geschichten, Mitte der 1960er-Jahre für das Magazin „Lupo“ modern eingedeutscht zu „Siggi und Babarras“, werden als erzreaktionär und antikommunistisch kritisiert.

Denn was wurde zum Beispiel aus „Asterix und die goldene Sichel“? Siggi und Babarras, „Ist endlich wieder Krieg?“, mit dem Hinkelstein als „Schuldkomplex“ auf dem Rücken, treten „glühend für die Rückeroberung der alten Gebiete ein“. Sie befreien Wernher von Braunfels aus der Gewalt des jiddisch sprechenden Verbrechers Schieberus und schlagen sich mit den alliierten Besatzungsmächten herum, damit der Stammeshexenmeister Konradin „kurz vor der Vollversammlung der Verteidigungs-Druiden“ eine neue Sichel bekommt. Im Schlussbild liegt der Barde Parlamet gefesselt in einer Hütte – „nur ein stummer Parlamet ist ein guter Parlamet, ansonsten aber lästig!“. Laut dem damaligen Chefredakteur Peter Wiechmann kam der politische Aspekt von Kauka.

Die Bewertung der politischen Aussagen, die Kauka als verantwortlichem Herausgeber angelastet werden, spaltet die Fach- und Fanwelt in jene, die Kauka in strahlend weißem Licht sehen, und jene, die ihn kritisieren. Seine zum Teil politisierenden „Euer Rolf“-Editorials, genauso wie seine bizarren Romane „Roter Samstag“, Angriff der Warschauer-Pakt-Staaten auf die Bundesrepublik, und „Luzifer“, Seelenwanderung von den Anfängen der Menschheit bis in die Gegenwart – „im Widerspruch zu dem, was die Geschichtsbücher überliefert haben“, sind Mosaiksteinchen eines Charakterprofils, das nicht vollständig rekonstruiert werden kann, so Ralf Palandt.

Siggi und Babarras

Ein weiteres Beispiel von Siggi und Babarras: Der Auftrag des ostgotischen Häuptlings Hullberick, nach Walter Ulbricht, dem Staats-und Parteichef der DDR, lautet auf gut Sächsisch: „Mir ham den besten westgot’schen Druiden zu kaschen und zurück ower die Grenze zu bringen, vorschtand’n! Mit seinen Kunststückchen muß’r uns dann bei der Invasion nach Bonnhalla gegen die Kapitalisten helfen.“ Astérix-Autor René Goscinny tobte und entzog Kauka die Lizenz. Kauka brachte seine Agitation fortan mit einer Serie um zwei neue Germanen namens Fritze Blitz und Dunnerkiel an die jugendlichen Leser. 1973 verkaufte Rolf Kauka seinen Verlag, es wurde stiller um Kauka, aus gesundheitlichen Gründen zog er sich 1982 mit seiner aus Hermagor stammenden Frau Alexandra auf seine Plantage in Georgia zurück. Kauka verstarb im Jahr 2000.

www.karikaturmuseum.at

27. 6. 2020

Landesgalerie NÖ: Wachau. Entdeckung eines Welterbes

Juni 27, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Großer Fotowettbewerb „Meine Wachau“

Anton Hlavacek: Panorama des Donautals mit der Burgruine Dürnstein, um 1905. Bild: Landessammlungen NÖ

2020 feiert die Wachau ihr zwanzigjähriges Jubiläum als UNESCO-Weltkulturerbe-Region. Aus diesem Anlass zeigt die Landesgalerie Niederösterreich zur Wiedereröffnung am 1. Juli in einer großen Schau, welchen Beitrag Künstlerinnen und Künstler zur Entdeckung und

Herausbildung des heutigen Welterbes geleistet haben. 800 Werke vom ausgehenden 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts setzen den Landstrich die nächsten 20 Monate imposant in Szene. Malerinnen, Maler, Zeichnerinnen, Zeichner wie auch Fotografinnen und Fotografen feierten in ihren Werken nicht nur die malerischen Qualitäten der Wachau, sie traten für den Schutz der Landschaft ein und schufen damit ein Bewusstsein für den ererbten Schatz. „Kaum eine Landschaft in Österreich wurde in der Literatur so oft besungen wie das Donautal der Wachau. Kaum eine Landschaft wurde aber auch öfter und vielfältiger in künstlerischen Darstellungen festgehalten. Kunstschaffende leisteten in Hinblick auf die Bewusstmachung und Verbreitung der landschaftlichen Schönheit der Wachau und ihrer kulturgeschichtlichen Besonderheiten einen gewichtigen Beitrag und können als ihre Entdecker bezeichnet werden“, so Kurator Wolfgang Krug.

Das verständnisvolle Zusammenwirken aller Beteiligten schützte schließlich vor willkürlicher Zerstörung und führte zum bewussten und behutsamen Umgang mit dem Natur-und Kulturerbe. „Mit dem Projekt geht der Traum in Erfüllung, eine gültige Wachau-Ausstellung gemeinsam mit der umgebenden Landschaft erleben zu dürfen. Unser Blick führt von den Ikonen der Wachau-Malerei zur Terrasse des mehrfach preisgekrönten Museumsbaus hinüber nach Göttweig. Viel schöner geht es nicht“, freut sich Christian Bauer, künstlerischer Direktor der Landesgalerie Niederösterreich, auf die Schau.

Der Geist der Aufklärung förderte den Wunsch, die nähere Umgebung kennenzulernen. Reiseliteratur und druckgrafische Landschaftsserien boomten in der Folge. Der frühe Tourismus beschränkte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf Ausflüge aufs Land. Mit Beschwernissen verbundene Wanderungen durch das Donautal oder gefahrvolle Schiffsreisen waren immer noch Abenteuer für Individualisten. Die Einrichtung der Dampfschifffahrt zwischen Wien und Linz, mit Stationen in Stein an der Donau und Melk, führte ab 1837 zu einer beträchtlichen Steigerung des Personenverkehrs. Wie anhand der zahlreich entstandenen Landschaftsdarstellungen aus dieser Zeit ersichtlich ist, dürften gerade auch Künstlerinnen und Künstler die neue Möglichkeit für einen kurzen Abstecher in die Wachau gerne in Anspruch genommen haben. Die Revolution 1848 hemmte die positive Entwicklung. Die Eröffnung der Westbahn, 10 Jahre später, brachte die Wachau verkehrstechnisch ins Abseits.

In den frühen 1870er-Jahren geriet das Donautal in der Wachau erneut in den Fokus der Künstlerschaft. Eduard Peithner von Lichtenfels führte 1872 als Leiter der Landschaftsschule an der Wiener Akademie der bildenden Künste seine Schüler hierher, um sommerliche Malstudien zu betreiben. Nach Jahrzehnten der Hochblüte des alpinen Landschaftsbildes waren nicht nur die Malerinnen und Maler auf der Suche nach neuen künstlerischen Herausforderungen, auch das Publikum dankte für Neues. Die Wachau wurde für ihre Lichtstimmungen gepriesen und mit Südtirol und Italien verglichen. Das Zentrum des Interesses galt anfangs Weißenkirchen, erst in den späten 1880er-Jahren gewann Dürnstein als Maler-Eldorado größere Bedeutung. Als Geburtsstunde der Wachaumalerei galt schließlich die akademische Sommerreise der Lichtenfels-Klasse im Jahr 1888 nach Dürnstein. Das Städtchen entsprach der Romantik-Sehnsucht. Diese als legendär geltende Exkursion bezeichnete den Ausgangspunkt einer regelrechten Besetzung der Wachau durch Kunstschaffende.

Marie Egner: Frühling an der Donau mit Blick gegen Stift Melk, um 1906. Landessammlungen NÖ, Bild: Christoph Fuchs

Thomas Ender: Blick auf Stift Melk, 1841. Landessammlungen NÖ, Bild: Christoph Fuchs

Maximilian Suppantschitsch: Beim ehem. Weißenkirchnertor in Dürnstein, 1890. Bild: Landessammlungen NÖ

Heinrich Tomec: Sommertag bei Dürnstein, 1889. Landessammlungen NÖ, Bild: Christoph Fuchs

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Wachau von der Künstlerschaft – von Akademikern wie Amateuren – buchstäblich überrannt. Viele siedelten sich hier an, etwa in Stein, in Dürnstein, in Weißenkirchen, in Joching, in Mautern, in Spitz. Fast jede Wachau-Gemeinde hatte ihren eigenen ansässigen Kunstmaler, manche sogar mehrere. Während die älteren Maler vielfach mit rückwärtsgewandtem, wehmütigem Blick ihr in jungen Jahren gewonnenes Bild der Wachau hochhielten, reifte eine jüngere Generation heran, der die Schönheit des Donautals im Wesentlichen ein Vehikel war, künstlerische Probleme zu bewältigen. 1913 schuf Anton Faistauer gleich mehrere Ansichten von Dürnstein. Die ansässigen, weit weniger progressiven Malerinnen und Maler organisierten sich nach dem Ersten Weltkrieg im „Wachauer Künstlerbund“, der ab 1920 in Krems und ab 1925 auch im Stift Dürnstein Ausstellungen veranstaltete.

Um 1900 machten sich mehrere Fotografen mit ihren in Bildbänden reproduzierten Wachau-Motiven einen Namen. Einerseits dokumentierten sie in ihrer Arbeit die durch Modernisierungen und infrastrukturelle Verbesserungen – etwa den Bahnbau – bedrohten Ortsbilder, andererseits galt ihr Interesse primär dem aus der Zeit gefallenen, pittoresken Detail. Ihre Aufnahmen wurden in Ausstellungen präsentiert und als Malervorlagen in den Handel gebracht. Die Fotografie ersetzte vielfach sogar das Skizzenbuch. In Malerkreisen galt die Fotografie jedoch als Hilfsmittel, um „wahre“ Kunst hervorzubringen.

Die Reaktionen und innerstaatlichen Konflikte nach der Sprachverordnung von 1880 zeigen den Vormarsch nationaler Ideen in die Vielvölkermonarchie. Die Wachau geriet ebenfalls in den Einfluss politischer Interessen, als „treu-deutsches“ Land, das es zu schützen galt. Auch die Besinnung auf alte Traditionen – auf Baukultur, Tracht oder Sonnwendfeier – steht damit in Verbindung. Es erstaunt nicht, dass sich unter den Wachaumalern auffallend viele befanden, die sich in den Dienst der Heimatkunst stellten. Politisch engagiert zeigten sich nur wenige, doch waren sie seit Jugend-oder Studentenzeiten durch Volksgruppenkonflikte geprägt, schließlich vielfach auch durch eigene Kriegserfahrung. Der Deutschnationalismus breitete sich nach dem Ersten Weltkrieg in Österreich rasch aus. Müßig zu erwähnen, dass, als im März 1938 der „Deutsche Frühling“ in die Wachau einzog, der Samen auch hier auf wohlbereiteten, fruchtbaren Boden fiel.

Für die Schau wurden rund 800 Arbeiten von etwa 80 Künstlerinnen und Künstlern vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zusammengetragen. Zum überwiegenden Teil stammen die Werke aus den Beständen der Landessammlungen Niederösterreich, darunter Ikonen der Wachau-Malerei, aber auch zahlreiche Neuerwerbungen. Darüber hinaus werden wichtige Leihgaben zu sehen sein. Die Reihung der Werke zeigt nicht nur motivgeschichtlich interessante Entwicklungen auf, sondern gibt anhand des Motivs Wachau auch einen Überblick über mehr als 150 Jahre Landschaftsmalerei in Österreich. Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der Landschaftsmaler-Schule von Eduard Peithner von Lichtenfels und auf seinem Meisterschüler Maximilian Suppantschitsch, dessen im Laufe von mehr als fünfzig Jahren zusammengetragene Bestandsaufnahme Wachauer Bauformen ein besonderer Schatz für jeden Denkmalschützer ist. Ebenfalls angesprochen wird in der Ausstellung die wichtige Rolle der Fotografie. Nicht zu übersehen ist zudem die neun Meter breite Donautal-Darstellung Anton Hlavaceks, in deren Bildmitte die Ruine Dürnstein emporragt.

Fotowettbewerb „Meine Wachau“

Emil Jakob Schindler: Alter Hof in Weißenkirchen, 1880. Bild: Landessammlungen NÖ

Unter dem Motto „Meine Wachau“ will ein Fotowettbewerb den Blick der Besucherinnen und Besucher auf die bedeutende Kulturlandschaft dokumentieren. „Wodurch zeichnet sich für Sie die Wachau aus? Was gefällt Ihnen in der Wachau besonders? Das möchten wir durch einen Fotowettbewerb herausfinden, so Christian Bauer.

Die Gewinnerinnen und Gewinner erwarten nicht nur Preise wie eine Übernachtung im Steigenberger Hotel & Spa Krems oder im arte Hotel Krems, eine Wachaurundfahrt mit Brandner Schifffahrt oder Weine der Domäne Wachau: Die besten Bilder werden nächstes Jahr in einer Ausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich präsentiert!

Der Kreativität bei der Motivauswahl sind keine Grenzen gesetzt. Von Landschaftsaufnahmen über Naturaufnahmen, Menschen, Kulinarik bis zum Freizeitbereich … alles ist denkbar. Entscheidend ist, dass das Foto von dem oder der Einreicher, Einreicherin selbst gemacht wurde. Einreichungen sind bis 31. Oktober möglich.

Unter www.lgnoe.at/fotowettbewerb steht ein Upload-Formular bereit. Zusendungen sind auch auf dem Postweg möglich. Eine hochkarätig besetzte Jury, der Direktor Christian Bauer, der Künstler Michael Goldgruber, Sabine Haag, Präsidentin von UNESCO Österreich und Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums Wien, sowie Bettina Leidl, Präsidentin von ICOM Austria und Direktorin des Kunst Haus Wien, angehören, ermittelt im Spätherbst die Gewinnerinnen und Gewinner.

www.lgnoe.at          www.weltkulturerbe-wachau.at/20jahre           www.lgnoe.at/fotowettbewerb

27. 6. 2020