aktionstheater ensemble: Martin Gruber im Gespräch

November 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Nicht Ideologien, Haltung wird uns weiterbringen“

Martin Gruber. Bild: © Apollonia Bitzan

Momentaufnahmen aus dem Leben zu einem Bildband des Empfinden formen. So definiert das aktionstheater ensemble seine Art, Theater zu machen. Kommendes Jahr begeht die Kompagnie ihr 30-Jahr-Jubiläum. Gründer und Leiter Martin Gruber im Gespräch über aktuelle Aufführungen, Pläne für 2019 und das Theater als amoralische Anstalt:

MM: Sie zeigen ab 15. November im Wiener Werk X, ab 4. Dezember im Spielboden in Dornbirn Ihre vier Inszenierungen „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“, „Ich glaube“, „Immersion. Wir verschwinden“ und „Swing. Dance to the right“ in Doppelvorstellungen als „4 Stücke gegen die Einsamkeit“. Was darf man sich erwarten?

Martin Gruber: Der Punkt war für mich, die Querverbindungen zwischen den Abenden transparent zu machen, aufzuzeigen, wie die Stücke zusammenhängen. Und zwar, ohne das Ganze edukativ zu machen, weil ich es für Hybris halte, zu glauben, man könne das Publikum erziehen. Um das, was ich meine, an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wir zeigen zum Beispiel den Machismo oder „Post-Machismo“ in „Die wunderbaren Zerstörung des Mannes“, während es in „Ich glaube“ um Religion, und damit auch um patriarchale Strukturen geht.

MM: Haben sich die Abende verändert?

Gruber: Die Stücke haben sich insofern gewandelt, heißt: weiterentwickelt, als wir auch zeigen, was sich in der letzten Zeit getan hat. Wir wollen klar machen, wie sich der Egotrip des einzelnen, die Entsolidarisierung, die ich in der Gesellschaft meine zu spüren, wiederum auf das Individuum auswirkt. Man kann nicht sagen, bis zu dieser Grenze Österreichs oder Europas bin ich solidarisch, und vier Meter drüber geht es mich nichts mehr an. Das ist eine absurde Haltung. Wir sind nicht allein, und gerade, was jetzt in Österreich passiert, siehe UNO, wenn es der Politik nur noch darum geht, die eigene Klientel zu bedienen, das ist ein Paradigmenwechsel, den ich aktuell einbinden will. Nicht à la Kabarett mit Eh-schon-wissen-Sätzen, sondern sich auf die Suche zu begeben nach dem, was mit uns passieren kann.

MM: Was passiert mit dem Einzelnen?

Gruber: Darüber will ich keine abstrakte Analyse auf der Bühne. Ich gehe der Frage nach, was tun gegenwärtige politische Entscheidungen mit mir. Da soll es keine Thesenhaftigkeit geben, sondern ganz pur: Was machen diese Vorgänge mit mir.

MM: Das klingt, als wären Ihre Inszenierungen immer Work in Progress. Was ist eine Initialzündung, und wann empfinden Sie Texte als abgespielt? Man nannte Ihr Team ja auch schon eine „schnelle Eingreiftruppe“ …

Gruber: „Pension Europa“ spielen wir seit fünf Jahren. Wir machen aber nicht von heute auf morgen ganze Stücke anders, wir verschärfen dort, wo es sich aktuell ergibt, wo wir neue Stimmungen und Bestimmungen orten. Dabei will ich aber nichts aufblasen. Aufblasen dürfen und sollen sich die Dinge in den Köpfen des Publikums. Ich sitze in jeder Aufführung meines Ensembles, und jeden Abend, eine halbe, dreiviertel Stunde vor Beginn coache ich ein, um von der Energie her auf dem Level zu bleiben, den wir bei der Premiere hatten. Bevor eine Schauspielerin, ein Schauspieler die Bühne betritt, soll sie/er wissen, was sie/er mitteilen will. Der Fokus liegt auf der Dringlichkeit des Gesagten.

Die wunderbare Zerstörung des Mannes. Bild: Stefan Hauer

Ich glaube. Bild: Stefan Hauer

MM: Sie arbeiten mit einem fixen Stamm von Schauspielern. Wer bei Ihnen mitmachen will, muss bereit sein, etwas von sich preiszugeben, sich zu entblößen – tatsächlich wie im übertragenen Sinne. Was muss man können, um zum aktionstheater ensemble zu gehören?

Gruber: Abgesehen vom Können ist es ein sozialer Aspekt. Bei der Arbeit ist eine der wichtigsten Grundlagen die Empathie, das Miteinander-Können. Also frage ich mich, wie passt ein Schauspieler, eine Schauspielerin in die Truppe. Es muss eine Diversität vieler verschiedener Charaktere gegeben sein, damit Energie entsteht und ein angstfreies Arbeiten möglich ist, und jemand muss mir sympathisch sein, ganz ehrlich. Ich arbeite mit niemandem, bei dem das nicht der Fall ist, so großartig kann der künstlerisch gar nicht sein. Schauspieler sollen bei mir das Gefühl haben, aufgefangen und nicht zu etwas vergewaltigt zu sein, so entsteht die Wahrhaftigkeit, die mit den Darstellern persönlich zu tun hat. Wir starten in einer ganz bestimmten Form der Authentizität, suchen etwa xenophobe Ansätze in uns, damit wir nie arrogant auf der Bühne stehen, und „den Deppen da unten“ die Welt erklären.

MM: Ihre Inszenierungen haben in der Regel Humor. Ist Humor ein Mittel, um Themen zu transportieren? Sie haben einmal gesagt, Sie wollen „der Realität unter den Rock schauen“.

Gruber: Ja, Humor und Selbstironie und Spaß haben sind extrem wichtig. Nichts liebt das Publikum doch mehr, als wenn ich mich selbst verarsche. Bei den sogenannten „politisch ernsthaften“ Stücken wird Humor immer unterschätzt. Dabei liegt er ganz nah bei der Tragödie und beim Schmerz. Humor ist ein Transmitter, mit dem ich die Menschen öffne, und dann hau‘ ich rein. Das nennt man dann Verführung. (Er lacht.) Ein anderer Aspekt ist die Ästhetik: Reiner Ästhetizismus geht gar nicht. Wirkliche Schönheit hat nichts mit Deko zu tun. Wichtig ist mir, dass das, was wir zeigen, in den Zuschauern arbeitet. Ich nenne das Evokation. Wichtig ist nicht, was gesagt wird, sondern was es auslöst.

MM: Darf man sagen, Ihre Regiearbeiten sind choreografiert?

Gruber: Choreografiert ist gut. Ich stehe nicht auf Deklamation auf Stelzen. Mein Theater ist immer sehr körperlich. Am sichtbarsten ist das bei „Swing. Dance to the right“, im Stück geht’s ums „To make a show of“ vom Herrn Punkt-Punkt-Punkt, wo die Darsteller ständig in Bewegung sind, und zwar nicht im gleichen Rhythmus mit dem Sprechen. Das einzustudieren, bis es leicht wirkt, war Knochenarbeit. Mir geht es immer darum, möglichst viele Sinne anzusprechen, und nicht nur die kognitive Information, sondern auch die Körperlichkeit als Subtext zu transportieren.

MM: Das aktionstheater ensemble feiert kommendes Jahr sein 30-jähriges Bestehen; Sie haben es 1989, im Alter von 22 Jahren, gegründet. Wie kam’s dazu?

Gruber: Ich stand quasi schon mit einem Bein im arrivierten Theaterapparat, und versuchte in letzter Sekunde da wieder rauszukommen. Dieser eigenartige Tempel hat mich ziemlich abgeschreckt und mir ziemlich Angst gemacht. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mich da entfalten kann. Für mich persönlich war diese Struktur, nicht zuletzt hierarchische Struktur, ich habe ja Schauspiel gelernt, nicht das Richtige. Ich hatte das Gefühl Bankbeamter zu sein, und hat für mich nicht gestimmt. So weit zu gehen, wie ich will, das war mir schnell klar, konnte ich nur mit meiner eigenen Kompagnie.

MM: Und haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

 Gruber: Sehr viele davon. Ich wollte, wie gesagt, in einem angstfreien Raum Kunst machen, und das kann ich jetzt. Es waren heftige Zeiten, wenn ich etwa an den Kampf um Subventionen denke; es ging und geht dadurch, dass ich es mit Menschen zusammen mache, die aneinander glauben. Alleine möchte ich das nicht durchziehen. Das war ganz von Anfang an natürlich Martin Ojster, dann auch Schauspielerin Susanne Brandt. Es wird immer mehr zum Hochgenuss mit ihr zu arbeiten, weil wir einander in- und auswendig kennen, und sie mich trotzdem immer noch überrascht. Ich kann mit ihr in die Tiefe gehen, mitunter bis auf einen schamlosen Level. Die Tatsache, dass das aktionstheater ensemble so gut funktioniert, freut mich, weil viele gesagt haben, eine freie Kompagnie ist in Österreich nicht möglich, das machst ein Zeitl und dann gibst du auf.

Immersion. Wir verschwinden. Bild: Gerhard Breitwieser

Swing. Dance to the right. Bild: Gerhard Breitwieser

MM: Sie haben, das muss man sagen, eine treue Fangemeinde. Und in der Regel gute Kritiken.

 Gruber: Ja, es läuft. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel, aber man darf zufrieden sein.

MM: Das heißt?

Gruber. Wir können zwar finanziell keine großen Sprünge machen. Martin Ojster und ich versuchen, die Leute fair zu bezahlen und kein Geld für Bühnenbilder etc. zu verschwenden. Das ist eine Grundhaltung, und so entstand auch unsere Ästhetik des leeren Raums, eine Reduktion, in der alles vom Schauspieler, der Schauspielerin ausgeht. Die österreichischen Subventionsgeber sind halt sehr in die Institutionen verliebt, als würde, wenn man dort einen Furz lässt, die Luft besser. Ich hingegen bin der festen Überzeugung, dass die freien Kompagnien die Zukunft des Theaters sind. Frankreich, Belgien, auch die Niederlande, haben da eine viel progressivere Tradition, und diesbezüglich wäre Österreich gut beraten, sich etwas zu überlegen.

MM: Sie werden fürs Jubiläumsjahr eine neue Produktion entwickeln, wie ich annehme. In der gegenwärtigen Situation in Österreich und der Welt, juckt Ihnen nicht täglich ein neues Thema in den Fingern?

Gruber: Genau das ist das Thema vom nächsten Jahr: Wie derzeit die Post abgeht. Das Stück heißt „Wie geht es weiter?“, mit dem Untertitel „Die gelähmte Zivilgesellschaft“. Mich interessieren nicht die Leute, die das, was gerade passiert, ganz toll finden, sondern, dass ich bei denen, die das gar nicht toll finden, eine eigenartige Lähmung und Trägheit verspüre. Warum schläft der ohnedies immer sehr kleine Prozentsatz, der das Potential hätte, die Dinge zum Besseren zu wenden? Ich frage mich, wo ist die Avantgarde? Warum ist, wenn von Fortschritt die Rede ist, immer nur das Geld gemeint? Warum macht uns unsere Saturiertheit so depressiv? Warum wird nicht mehr aufbegehrt, sondern ausgesessen? Sehr viele, fürchte ich, sind damit zufrieden, dass gewisse Populisten jetzt die unangenehmen Entscheidungen erledigen, und sie selber deshalb nicht aus ihrer Komfortzone müssen. Die Menschen wissen zwar, dass das mieft, aber …

MM: Um in dem Zusammenhang darauf zurückzukommen, dass Sie vorhin sagten, Sie wollen nicht edukativ sein: Sie glauben nicht an das Theater als moralische Anstalt?

Gruber: Das ist eine Fangfrage. Das Theater ist keine unmoralische Anstalt, das Theater ist eine amoralische Anstalt. Zuerst einmal muss ohne Wertung alles möglich sein. Ich ersetze den Begriff Moral durch Haltung. Wenn ich mich den Dingen mit Haltung nähere, passiert etwas anderes, als wenn ich a priori weiß, was richtig und falsch ist. In dieser Banalität würde es weder uns noch unser Publikum interessieren. Ich will nicht sagen, etwas ist so und so, sondern ein Paradoxon aufwerfen, über das dann gedacht und gefühlt wird. So in etwa würde ich unsere Herangehensweise beschreiben, aber natürlich ist man als Theatermacher immer auch Moralist, alles andere zu behaupten, wäre eine Lüge.

MM: Was würde derzeit, sagen wir zwischen Nationalismus und Neoliberalismus, gebraucht?

Gruber: Der Mut, ein Drittes zu denken. Nicht Ideologien, sondern Haltung wird uns weiterbringen. Ideologien verbreiten Dogmen, Haltung hingegen ist momentan, kein fertiges Konzept, das ich aus einer Schublade zerre, sondern die Verpflichtung, jetzt zu reagieren. Heißt, nicht langwierig in einem Maßnahmenkatalog zu blättern, sondern die Menschen jetzt aus dem Wasser zu ziehen. Der Mensch hat überlebt, weil er solidarisch war, weil er ein Herdentier war. Allein gegen den Löwen hast du ein Problem, aber zu zehnt mit Lanzen …

aktionstheater.at          werk-x.at           www.spielboden.at

5. 11. 2018

aktionstheater ensemble: Swing. Dance To The Right

Januar 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Beispiel der Pinguine

„Die sind ja so was von brutal, die Pinguine“: Susanne Brandt und das aktionstheater ensemble. Bild: Gerhard Breitwieser

Es war ja so angekündigt, im Falle eines Rechtsrucks in Österreich etwas Unterhaltsames zu machen. Nun trat das aktionstheater ensemble im Werk X zusammen, um mit seiner jüngsten Produktion „Swing. Dance To The Right“ dieses Versprechen wahr zu machen. Natürlich nicht ohne vorherige geheime Wahl, ein Nachfragen im verehrten Publikum, ob dieses eh „Ein bisschen was Freches“ und „Nichts Kompliziertes“ wünsche. Klar, dass zur Abstimmung nur die erste Reihe gebeten war.

Das aktionstheater ensemble spiegelt von jeher die Gesellschaft. Und so wurden auch nur die Vornesitzer später mit Punschkrapferl verwöhnt. Die Österreich-Synonym-Süßspeise: außen zuckerlrosa, innen braun und mit ganz viel Inländerrum … Martin Gruber und sein Ensemble sind also angetreten, um – Zitat –„jene Stimmungen einzufangen, welche der beängstigende österreichische ,Tanz nach rechts‘ in der Gesellschaft und im Einzelnen evoziert: Narzissmus, Machismo, Frauenfeindlichkeit, Empathielosigkeit“. Sie tun dies in einem infernalischen Mix aus Sprache, Musik und Tanz. Und am Beispiel der Pinguine.

Im Gleichschritt tanzt! Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Martin Hemmer, Isabella Jescke und Nicolaas van Diepen. Bild: Stefan Hauer

Die nämlich sind so brutal, wie’s der Mensch nur sein kann. Gleichsam gleichgeschaltet in ihrem Sich-um-die-Gruppe-Drehen. Ein trauriges „Plitsch, Platsch, Pinguin“-Lied macht leitmotivisch klar, wie’s dem ergeht, der sich absondert: Erfrieren oder – naja, nebbich, Süd- oder Nordpol – Eisbär. Susanne Brandt weiß derlei zu berichten, und auch vom neuen BH vom neuen Freud, der ihr aber offenbar ein blaues Auge eintrug. Nicolaas van Diepen macht derweil den Vortänzer.

Immer schön die Mitte behalten. Das ist ganz wichtig für die kollektive Stimmung. Schließlich geht’s um die Bewegung. Dass er anschließend mit einer imaginären Pumpgun die Genussregion Österreich zerschießt, ist nur ein weiterer Loop auf dieser Hochschaubahn der Entsolidarisierung. Die sich hier spöttisch auf  Irrationalität reimt. Martin Gruber ironisiert das einheimische Spießerleben mit Kirscheneinkochen und Kindermachen bis zum Anschlag. Da kann’s Isabella Jeschke passieren, dass sie nach einem „total faschistischen“ Dirndlkirtag die verletzte Seele in einem Nazi entdeckt, während rund um den „halbdeutschen“ Martin Hemmer der Streit entbrennt, ob man hierzulande Sahne statt Schlagobers – beides natürlich gedacht für die Punschkrapferl – sagen dürfe. Kein Wunder, dass der arme Mann den ganzen Abend über so verschreckt dreinschaut.

Mit einer imaginären Pumpgun wird die Genussregion Österreich genüsslich zerschossen: Nicolaas van Diepen. Bild: Stefan Hauer

„Afghanen, Syrer, Tschuschen, lecker, lecker, lecker …“, singt die Brandt, während Michaela Bilgeri versucht den alten Cinesenwitz vom „Lang Fing Fang“ zu erzählen. Ach, es geht doch nichts über sprachspielerischen Chauvinismus. Und überhaupt die Chinesen mit ihrem Organhandel und dem nachgebauten Hallstatt! Das übrigens irgendwie mit dem blauen Auge zu tun haben dürfte. Andreas Dauböck intoniert den Chinesen-Kontrabass-Song.

Der Tanz wird immer mehr zu einem „Rechts um!“-Kommando, die Tänzer loten im Gleichschritt das ganze Spektrum des Grotesken aus. Das bunte Treiben konterkariert Bella Angoras schwarzweißes Schattenspielvideo. Kommandogeber van Diepen erklärt statt eines festen Standpunktes den aktuellen Schwingpunkt: Den Schwung der vorigen Bewegung für die nächste Bewegung verwenden, und so tun, als ob es eine neue Bewegung wäre, obwohl es noch die alte ist. So geht’s zu, wenn man die erste Reihe gewähren lässt, während sich die übrigen ins „Rien ne va plus“-Bewusstsein zurücklehnen. „Swing. Dance To The Right“ ist die durchchoreografierte Analyse dieses entsetzlichen Ist-Zustandes, chaotisch, poetisch, komisch – und unerbittlich. Pinguin, merke dir: Wer aus dem Takt fällt, den holt die soziale Kälte. Und einer wird des anderen Fressfeind.

www.aktionstheater.at

  1. 1. 2018

aktionstheater ensemble: Immersion. Wir verschwinden

November 23, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Nach dem Nestroy-Preis gleich die nächste Uraufführung

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Sie schimpfen auf „die da oben“ und empfinden sich als „die da unten“. Martin Gruber, das eben mit einem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnete aktionstheater ensemble und „Tanz Baby!“-Mastermind Kristian Musser widmen sich in ihrer neuesten Uraufführung „Immersion. Wir verschwinden“ den am gesellschaftlichen Kuchen Zukurzgekommenen, für die Aufmerksamkeit alles bedeutet und doch in ihrer Einsamkeit verloren gehen.

Selbstverständlich darf auch hier wieder der ironische Blick auf die eigene Theaterarbeit nicht fehlen. Premiere ist am 24. November im Werk X – Eldorado. Inhalt: Michaela entrüstet sich über das mangelnde Können einer Darstellerin aus einem Werbeclip für eine Provinzstadt. Das hätte sie wirklich besser gemacht. Andreas darf während einer Gala vor internationalen Finanzmogulen seine Gedichte vortragen. Eine Karriere als gefeierter Poet scheint sich aber doch nicht abzuzeichnen. Martin träumt vom großen Durchbruch als Schauspieler in einer französischen Filmproduktion. Bei den Dreharbeiten am Mount Everest wird er aber zum Statisten degradiert. Sein einziger Satz wird gestrichen. Von nun an geht’s bergab. Zurück in der Realität bleibt für alle ein Engagement beim Aktionstheater. Anlässlich eines drohenden Rechtsruckes, entschließt man sich nur noch Komödien zu machen. Das hat in früheren Zeiten auch schon einmal funktioniert …

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Um die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit vergessen zu machen, konterkarieren die Sängerin Sonja Romei und Kristian Musser das Geschehen mit minimalistischen Interpretationen vergangener Hits und sphärische Neukreationen. Eine poetische Intervention mit den Darstellern Susanne Brandt, Michaela Bilgeri, Martin Hemmer und Andreas Jähner.

Trailer: vimeo.com/189901179

www.aktionstheater.at

Wien, 23. 11. 2016

aktionstheater ensemble: Jeder gegen Jeden

September 13, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Entsolidarisierung Europas

Bild: Felix Dietlinger/aktionstheater ensemble

Bild: Felix Dietlinger/aktionstheater ensemble

In vorauseilender Paranoia werden die österreichischen Grenzen dicht gemacht. Mit dem Fehlen der Solidarität zum Außen bricht auch die Solidarität im Innen. Vor dieser Kulisse entwirft Martin Gruber mit seinem aktionstheater ensemble das Bild einer schleichenden Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft und reißt dieses Szenario auf Alltagskonflikte herunter. „Jeder gegen Jeden“ heißt sein Text dazu, der am 22. September im Werk X uraufgeführt wird.

Waren die Protagonisten etwa aus „Pension Europa“, bei aller Egozentrik, noch zu einem empathischen Miteinander fähig, so dienen die fragmentarischen Dialoge der Figuren nun nur noch dazu, dem eigenen Fortkommen Bahn zu schaffen: Roswitha ist die prototypische Wutbürgerin, für die, wegen TTIP und Finanzwelt, alles den Bach runter geht. Babett ist Mietshausbesitzerin, findet aber keinen Anschluss. Kirstin will keinen Anschluss, fühlt sich vom sozialen Umfeld bedrängt. Isabella will endlich bei einem positiven Stück mitspielen, Susanne ist das sowieso alles scheißegal. Martin ist Anarchist und hätte die Lösung, das will aber niemand hören. Alexander will auch nichts hören, freut sich aber, dass man wieder alles sagen darf. Alev geht ihre Großfamilie auf die Nerven und Michaela will unbedingt ein Watschenspiel machen …

Bild: Felix Dietlinger/aktionstheater ensemble

Bild: Felix Dietlinger/aktionstheater ensemble

Es spielen Babett Arens, Susanne Brandt, Michaela Bilgeri, Martin Hemmer, Alev Irmak, Isabella Jeschke, Alexander Meile, Kirstin Schwab und Roswitha Soukup. Vorstellungen bis 30. September.

Trailer: vimeo.com/167304222

aktionstheater.at

Wien, 13. 9. 2016

Thomas Köck ist der erste Preisträger der Theaterallianz

Februar 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater am Lend aus Graz neu im Bühnenverbund

Kulturminister Josef Ostermayer, Autor Thomas Köck, Schauspielhaus-Intendant Tomas Schweigen Bild: Hans Hofer

Kulturminister Josef Ostermayer, Autor Thomas Köck, Schauspielhaus-Intendant Tomas Schweigen. Bild: Hans Hofer

Der erste von der Theaterallianz der freien österreichischen Bühnen (Theater KOSMOS, Schauspielhaus Salzburg, klagenfurter ensemble, Theater Phönix Linz und Schauspielhaus Wien) ausgelobte Autorenpreis geht an den Österreicher Thomas Köck. Das wurde Montagvormittag im Rahmen einer Pressekonferenz im Schauspielhaus Wien bekanntgegeben.

Der junge Dramatiker, geboren 1986 in Steyr in Oberösterreich, wird für seinen Stückentwurf mit dem Arbeitstitel „Kudlich – eine anachronistische Bauernoper“ ausgezeichnet. Der Preis ist mit 9500 Euro dotiert und mit einer Uraufführung am Schauspielhaus Wien in der kommenden Saison verbunden. Nach der Premiere wird die Inszenierung auf Tournee durch alle Mitgliedstheater der Allianz gehen. Die neu geschaffene, aus Mitteln des Bundeskanzleramts finanzierte Auszeichnung gehört damit zu den höchst dotierten Förderinstrumenten für zeitgenössische Dramatik im deutschsprachigen Raum.

Der Wettbewerb stand unter dem thematischen Motto „Der Kongress tanzt!“ und hatte österreichische Dramatikerinnen und Dramatiker eingeladen, über die Nachwirkungen des Wiener Kongresses nachzudenken. Die Jury prämierte schließlich den Entwurf „Kudlich“ von Thomas Köck, der auf Initiative des Wiener Schauspielhauses teilgenommen hatte. Aktuell entwickeln dessen Intendant Tomas Schweigen und Köck mit dem Stück „Strotter“ einen „postapokalyptischen Spaziergang“, der am 1. April zur Uraufführung kommen wird. Eine weitere Arbeit Köcks, „Isabelle H. (geopfert wird immer)“, erlebt im Rahmen des Festivals Neues Wiener Volkstheater am 11. März im Volx/Margareten seine österreichische Erstaufführung (mehr: www.volkstheater.at/stueck/isabelle-h/).

Mit „Kudlich“ ist Thomas Köck ein gleichermaßen komischer wie sprachlich virtuoser Parforceritt durch die Restaurationszeit gelungen, der über möglichen Parallelen zwischen der Gegenwart und den Jahren nach dem Wiener Kongress nachdenkt. Vor der Folie der Biographie des Bauernbefreiers Hans Kudlich verhandelt er humorvoll und poetisch Fragen nach Revolution, Widerstand und letztlich nach der Gestaltungskraft des Politischen.

Erweiterung der Theaterallianz

Auf der letzten Sitzung der Theaterallianz wurde außerdem eine Erweiterung beschlossen: Mit dem Theater am Lend aus Graz (mehr: www.theateramlend.at) ist ab der kommenden Spielzeit 2016/17 nun auch die Steiermark im Verbund vertreten. Mit der Zusammenarbeit mit dem Theater, das in enger Verbindung mit dem Drama Forum von uniT Graz steht, stärkt die Allianz ihre Position als wesentliche Institution für die zeitgenössische Dramatiker-Szene in Österreich. „Als Kunst- und Kulturminister freut es mich, wenn eine Theaterkooperation so gut funktioniert und eine win-win-Situation für alle Beteiligten ist. Daher gibt es auch die klare Zusage, diese Zusammenarbeit weiterhin finanziell zu unterstützen und zwar mit jährlich bis zu 90.000 Euro an Förderungen“, schloss Josef Ostermayer die Pressekonferenz. „Es ist den beteiligten Häusern gelungen, miteinander mehr zu schaffen und mehr zu ermöglichen, als es jeweils alleine möglich gewesen wäre“.

INFO: Die Theaterallianz ist eine Plattform, die vor allem das zeitgenössische Theater in Österreich fördert. Ziele sind die intensive Vernetzung, die Bündelung von Ressourcen, die Förderung von Bühnenkünstlerinnen und -künstlern, die überregionale Verbreitung von Produktionen und zugleich die Ergänzung der Spielpläne um qualitativ hochwertige Aufführungen der Partnertheater.

www.schauspielhaus.at

Wien, 22. 2. 2016