Sebastian Barry: Tage ohne Ende

Januar 10, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gewaltiger Italo-Western eines irischen Autors

In die Liste berühmter erster Sätze ist unbedingt dieser aufzunehmen: „Also, wie sie in Missouri ne Leiche aufbahren, das schießt wirklich den Vogel ab.“ So beginnt Sebastian Barrys neues Buch „Tage ohne Ende“, und um dessen Atmosphäre zu beschreiben, hilft ein Querverweis auf Sergio Leones Meisterwerk „The Good, the Bad and the Ugly“. Jene Szene kurz vor Schluss an der heiß umkämpften Brücke, diese sinnlose Schlacht, die Unions- wie Konföderierten-Armee unzählige Tote abverlangt. Barry ist mit „Tage ohne Ende“ ein Italo-Western gelungen, sprachgewaltig und überwältigend, ein Antikriegsroman, der Grausamkeit und Gemetzel ausstellt, und bei aller Brutalität dennoch von einer Poesie ist, dass es einem unter die Haut geht.

Inspiriert vom Coming-Out seines Sohnes hat sich Barry für ein faszinierendes Protagonisten-Paar entschieden. Ein Ich-Erzähler, der Ire Thomas McNulty, schildert sein Leben. Wie er den „Großen Hunger“ in seiner Heimat, Überfahrt und kanadisches Seuchenhaus überlebt, und schließlich in Missouri, da ist Tom gerade 14, den Neuengländer John Cole kennenlernt. „Meine große Liebe“, sagt er sofort, und an anderer Stelle: „Der Mondschein kann ihm nicht schmeicheln, denn er ist bereits schön.“

Und weil dem so ist, verdingen sich die beiden Jungs zunächst als Tanzmädchen in einem Saloon. Das geht gut, denn Frauenmangel wie Fantasie der Minenarbeiter sind groß. „Wir waren zwei Hobelspäne der Menschheit in einer rauen Welt“, sagt Tom, als er auch abseits der Bühne seine Vorliebe für Kleider entdeckt und auslebt. Allein, „die Natur“, heißt: beginnender Bartwuchs, setzt dem Ganzen ein Ende – und auf der Suche nach Stabilität und regelmäßiger Versorgung verpflichten sich Tom und John bei der Armee. All das erzählt Barry mit harten Worten, oft nur in Halbsätzen, gefolgt von unfassbar lyrischen Passagen. Sein Buch liest sich wie ein gesprochener Bericht, es wird viel geflucht, „gottverdammt“ ist ein Standardwort, drastisch werden die Abscheulichkeiten des Indianer-Abschlachtens dargestellt, oder später Szenen im Feldlazarett, dann wieder sieht Tom eine Abenddämmerung, als „zieht Gott langsam ein zerfetztes schwarzes Tuch über seiner Hände Werk.“ Dass sich einem dies auch auf Deutsch erschließt, liegt an der gelungenen Übersetzung von Hans-Christian Oeser, der es verstanden hat, Slang, Schrecken und Schönheit perfekt zu übertragen. Auf dem Buchrücken findet sich dazu eine Songliste von Johnny Cash bis zu The Dubliners, Lieder, die man beim Lesen unbedingt hören sollte.

An Toms und Johns Seite geht es durch Krieg und Frieden. Zum Schutz der Siedler werden die beiden in den sogenannten Indianerkriegen zu Völkermördern an den Sioux, und Tom zeigt die Armee als Vollstrecker der wirtschaftlichen Interessen der Weißen, ohne Gnade für Frauen und Kinder – und immer wieder Vertragsbrüche mit den Ureinwohnern. Wichtigster Feind wird Stammesführer Caught-His-Horse-First, dessen kleine Tochter von Soldaten verschleppt wird. Tom und John retten das Mädchen, nennen es Winona – und gründen mit ihm eine Familie. Die beiden mustern aus, werden in Grand Rapids wieder zur Saloon-Sensation, diesmal als Mann-Frau-Duo, da der Hübsche John Cole mittlerweile einsneunzig groß ist, werden gute Eltern, Tom ganz Mutter – einer Überlebenden, deren Angehörige sie mit vernichtet haben, und treten erneut in die Armee ein. Im Sezessionskrieg, auf Seiten der Union, weil erstens ihr alter Major ruft, und sie zweitens bei ihrer Show den schwarzen Dichter Mr. McSweny als Freund gewonnen haben, der ihnen von der Sklaverei erzählt. „Soweit ich sehen konnte, brach in Amerika immer irgendwas zusammen. So stand’s mit der Welt, rastlos, irgendwie brutal. Immer war was“, sagt Tom.

Bild: pixabay.com

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Barry malt ein Panorama an Planwagentrails, Glücksrittern unterwegs in ihr Gelobtes Land Kalifornien und desillusionierten Pilgern auf dem Weg zurück nach Osten, Forts und schlammverschmutzten Städten; die sengende Sonne, der ständige Hunger und die Müdigkeit sind den Moschkoten kein geringerer Gegner als die Konföderierten. „Bin so verängstigt und verrückt, dass mir die Pisse ungehindert in die Armeehose läuft. Raussprudelt und meine Beine flutet. Verdammt“, sagt Tom vor einer Schlacht. Zu John und ihm im Felde gesellt Barry ein so typisches Western-Personal, als könnte jederzeit Lee van Cleef um die Ecke biegen: den gutmütigen Major Neale, den betrunkenen Colonel Callaghan, einen griesgrämigen Sergeant, dieser ein „wandelndes Handbuch des Krieges“, die Frau des Majors. „Als ehemaliges Mädchen von Beruf frage ich mich, woraus wohl ihre Unterwäsche besteht. Zu meiner Zeit waren’s Rüschen und satinierte Baumwolle“, sagt Tom, obwohl er eingesteht, nicht die Sorte Mann zu sein, die sie gern küssen würde. Das tut er nach wie vor nächtens im Geheimen, im gemeinsamen Bett mit John.

„John Cole. Ist wie Nahrung. Brot der Erde. Das Lampenlicht berührt seine Augen, und ein anderes Licht antwortet“, sagt Tom. Da sind die beiden schon im gefürchteten Kriegsgefangenenlager Andersonville, dies eine der scheußlichsten Passagen des Buchs darüber, was Menschen Menschen antun, abgemagert bis zum Skelett und zum Sterben bereit. Doch auch diesmal gelingt ihnen der Weg zurück ins Leben, zurück zu Winona. Und gerade, als sich alles zum Guten zu wenden scheint, die drei sich auf einer Tabakfarm in Tennessee niederlassen, Tom und John vor einem halbblinden Priester heiraten und fortan als Ehepaar mit einer Tochter gelten, die sogar beim örtlichen Notar eine Stelle als Schreibkraft bekommt, meldet sich ein Gespenst aus der Vergangenheit: Caught-His-Horse-First, der sich sein Kind zurück erkämpfen will …

Sebastian Barry entwirft in „Tage ohne Ende“ ein Gemälde der USA, als sie noch lange nicht die Vereinigten Staaten waren, er zeigt den Aufbau einer Nation, der ohne Rücksicht auf Verluste auf dem Rücken anderer passiert ist, eine Mentalität, die sich dieser Tage gerade wieder Bahn bricht. Doch abseits seiner speziellen Story, wirft Barry auch universelle Fragen über den Krieg, und was er aus dem Menschen macht, auf. „Ein Mann“, sagt Tom, „kann edle Gedanken haben, die sich in seinem Kopf einnisten wie ein Schwarm Vögel, aber das Leben sieht sie nicht gern da sitzen. Das Leben wird die Vögel abschießen.“

Über den Autor: Sebastian Barry, 1955 in Dublin geboren, gehört zu den besten irischen Autoren der Gegenwart. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Bei Steidl erschienen bisher seine Romane „Ein verborgenes Leben“, ausgezeichnet mit dem Costa Book of the Year Award und auf der Shortlist für den Booker Preis, „Mein fernes, fremdes Land“, ausgezeichnet mit dem Walter Scott Prize for Historical Fiction, „Ein langer, langer Weg“, auf der Shortlist für den Booker Preis, und „Gentleman auf Zeit“. Sebastian Barry lebt in Wicklow, Irland.

Steidl Verlag, Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser.

Lesung: vimeo.com/278120024

steidl.de

  1. 1. 2019

Volkstheater: König Ottokars Glück und Ende

Januar 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grillparzer als grausame Groteske

Zusammenstoß zweier Machtmenschen: Karel Dobrý als Ottokar und Lukas Holzhausen als Rudolf von Habsburg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Glück, gibt’s die englischsprachigen Übertitel. Im Dickicht der Akzente und Dialekte ist nämlich nicht einmal die Hälfte dessen verständlich, was auf der Bühne gesprochen wird. Mag sein, dass Dušan David Pařízek dem Publikum so seine Message mitgeben will: Was Politiker herumtönen, versteht ohnedies kein normaler Mensch … Nach krankheitsbedingter Verschiebung also endlich die Premiere von „König Ottokars Glück und Ende“ am Volkstheater.

Im Bühne-Interview betonte der interviewscheue, tschechische Regisseur, er werde in seiner Lesart des obrigkeitshörig-xenophoben Stücks, von dem es bis dato keine Übersetzung ins Tschechische gab, „den Schwarzen Peter wieder den Österreichern zurückgeben“. Nun, zumindest hat er ihnen den Narrenhut aufgesetzt, denn so neu ist die Interpretation des Böhmen-Königs als tragischem Helden und des Habsburgers als gewieftem Schlitzohr nun auch wieder nicht. Definitiv anders ist, dass Pařízek auf krause Wortgefechte setzt, auf Szenen von absurder Komik, manchmal hart am Slapstick, und nicht zuletzt wegen der lächerlichen Papierkrönchen denkt man mehr an Paradeinszenierungen von „König Ubu“, als an ein Werk des ehrenwerten k.k. Finanzbeamten. Getreu dem Motto „Fürchtet die Posse, nicht das Pathos!“, hat Pařízek zweiteres zugunsten ersterer verblasen, Grillparzers Trauerspiel wird bei ihm zur zunehmend grausamen Groteske; es wird mehr gelacht als bei den Pradlern, das muss man mögen, und an dieser Stelle wird es das. Grillparzer-Puristen packt indes mutmaßlich das nackte Grauen.

Pařízek hat das Personal auf sieben Darsteller gestrichen, und verwendet als Bühnenbildner wieder sein Lieblingsmaterial rohes, unbehandeltes Holz. Böhmen, eine Bretterbude, die am Ende in sich zusammenkracht. Die Kostüme von Kamila Polívková bewegen sich zwischen Proll-Buxe und Gangsta-Hoodie, jeweils versehen mit passendem Logo für die Hood. Heißt: Roter Löwe hie, weißer da, und Seyfried Merenberg muss natürlich einen Steirerwappensweater tragen. Dies gleichsam macht den größten Teil von Pařízeks Konzept aus – eine herkunftsgetreue Besetzung. Der tschechische Theater- und Filmstar Karel Dobrý spielt den Ottokar, der Schweizer Lukas Holzhausen Rudolf von Habsburg, Thomas Frank, immerhin lange Mitglied am Grazer Schauspielhaus, den steirischen Ritter Merenberg.

Rainer Galke als Margarethe, Lukas Holzhausen als „Ruedi“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Pferd, ein Pferd …: Karel Dobrý hoch zu Ross. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rainer Galke darf als Margarethe von Österreich, Wiener Bürgermeister und Nürnberger Burggraf in fremden Sprachgefilden wildern, und Anja Herden erprobt sich als Kunigunde, Enkelin des Ungarn-Königs, am „Ungoorrisch“. So weit, so ja eh, ein Versuch, Přemysls und später Habsburgs Vielvölkerverlies zu versinnbildlichen. Tatsächlich macht deren Gleichheit im Machtrausch, Gegensätzlichkeit im Streben danach, den Abend aus. Dobrýs Ottokar kommt zu Pferd auf die Bühne, ein Souverän, der die Gesellschaft seines Schimmels der der Gattin – Rainer Galke ganz Diva, mit kleiner Krone und riesigem Hermelin, schwankend zwischen Resignation und Ressentiments – vorzieht. Mit einem tschechischen „Ahoj!“ grüßt Ottokar gönnerhaft die Anwesenden, was Holzhausens Habsburg mit einem Schwyzerdütschen „Hoi!“ beantwortet – und schon geht das Geplänkel über den korrekten Wortgebrauch los. Dass sich Ottokars „Ad Honorem Jesu“ am Ende in ein deutschen „Heil!“ verwandeln wird, bringt Pařízeks Intention bei dieser Arbeit auf den Punkt.

Dobrý ist zweifellos ein Charismatiker, der seine polternde Performance über die Rampe direkt ins Publikum trägt, als wolle sich sein Ottokar dort des Gehorsams seiner Untertanen versichern. Dieser Ottokar ist so jähzornig wie stolz, so leidenschaftlich wie geradlinig, eine Majestät, ein Alphatier, schließlich starr vor Demütigung. Diese wird ihm Rudolf zufügen, den Holzhausen, szenisch sicher wie stets, als ehrgeizigen Realpolitiker anlegt. Im Unterschied zum aufbrausenden Ottokar ist er mit den Verbündeten verbindlich, gibt mitunter hinterlistig fast den Tölpel vor, wenn er dem Hof seine Sprechweise aufzwingt, sich mittels Souffleur am Bühnendeutsch übt, und alle nötigt, ihn kumpelhaft „Ruedi“ zu nennen. Ein gefährlicher Mann, von Anfang an. Der sich zum Schluss die Schlachterschürze umbindet, bevor er mit Ottokar ein Blutbad anrichtet.

Doch bis dahin muss sich Ottokar noch vom schwäbelnden Burggrafen Zollern ankeppeln lassen, während Rudolf vom Wiener Bürgermeister Paltram Vatzo mit allen Ehren empfangen wird. Rainer Galke spielt beide mit höchster Hingabe, singt nicht nur Operette und Heurigenlieder, sondern auch Falco, und geht sogar schwimmen, wonach er sein an die Badehose genähtes Riesengemächt auswringt. Als Vasallen gefallen Thomas Frank als naiver Berserker Merenberg – und Wasser speiender Springbrunnen – und Peter Fasching, als Zawisch von Rosenberg Oberintrigant und E-Zitherspieler. Gábor Biedermann bleibt als stets einlenkender Kanzler Braun von Olmütz diesmal unter seinen Möglichkeiten, dafür spielt Anja Herden als Kunigunde alle ihr zur Verfügung stehenden aus, wenn sie heimwehkrank und in temperamentvoller Verzweiflung ihre Sätze mit „Bei uns in Ungarn …“ beginnt. Einfach alles auf der „ähresten“ Silbe betonen, erklärt sie Kunigundes Idiom.

Anja Herden als Kunigunde, die Enkelin des Ungarn-Königs. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Rosenberg, Thomas Frank als Merenberg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

So ist Pařízeks Zweieinviertel-Stunden-Aufführung zumindest kurzweilig zu nennen, mit Kalkül ist vom weltpolitisch Bedeutsamen der Begründung einer Dynastie, die bis ins 20. Jahrhundert hinein in Europa herrschte, nicht viel übriggeblieben, womit Pařízek seinen Standpunkt der Lächerlichmachung der – Zitat – „Suche nach einem Führer, der uns alle wach küsst“ klarmacht. Wie vieles wurde auch der alte Horneck gestrichen, die Österreich-Rede tragen Frank und Fasching als Rockpoem vor. Sie wissen: „Da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil und lässt die anderen reden …“

www.volkstheater.at

  1. 1. 2019

Belvedere: Klimt ist nicht das Ende

März 20, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kosmopolitische Netzwerke und neue Tendenzen

Maximilian Oppenheimer, Klingler-Quartett, 1917. Bild: © Belvedere Wien

Als Gustav Klimt, Egon Schiele, Koloman Moser und Otto Wagner 1918 sterben, gilt das als Ende einer Ära. Das Kunstgeschehen in den Ländern der Donaumonarchie hatte sich jedoch schon früher von deren Einflüssen gelöst und weiter entwickelt. Es blieb von politischen Umbrüchen nahezu unberührt und war geprägt vom Wunsch nach Aufbruch. Die Ausstellung „Klimt ist nicht das Ende. Aufbruch in Mitteleuropa“ ab 23. März im Unteren Belvedere beleuchtet Kontinuitäten, Brüche und Fortschritt im Kunstschaffen jener Epoche nach Klimt.

Die Position von Gustav Klimt als überragende Vaterfigur gilt für die jüngeren Künstler als erstrebenswert. Die Fokussierung auf Klimt und das Jahr 1918 überdeckt allerdings oftmals die künstlerischen Veränderungen, die schon zuvor eingesetzt hatten und sich nach dem Krieg weiter entfalten. Die Kunst im Europa der Zwischenkriegszeit ist vielfach geprägt von dem Wunsch internationaler Vernetzung abseits neuer politischer und ideologischer Grenzen. Es herrscht reger künstlerischer Austausch, aus dem heraus sich konstruktive, expressionistische und phantastische Tendenzen entfalten. Kosmopolitische Netzwerke von Künstlerinnen und Künstlern entstehen in der ehemaligen Donaumonarchie.

Oskar Kokoschka, Romana Kokoschka, die Mutter des Künstlers, 1917. Bild: © Belvedere Wien

Marie-Louise von Motesiczky, Selbstbildnis, 1926. Bild: © Belvedere, Wien

Große Bedeutung kommt dabei zunehmend Zeitschriften zu, über die sich die neuen Positionen verbreiten. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs setzte dieser Internationalisierung ein jähes Ende, und rückt das Verständnis der kulturellen Gemeinsamkeiten wieder in den Hintergrund. Die Ausstellung will die Parallelen dieser Zeit wieder sichtbar machen, und Kontinuität und Wandel in der Kunst der Donaumonarchie darstellen. Sie sehen Werke von etwa 80 Künstlerinnen und Künstlern, unter anderem Josef Capek, Friedl Dicker-Brandeis, Albin Egger-Lienz, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Koloman Moser, Antonin Prochaska, Egon Schiele oder Lajos Tihanyi.

www.belvedere.at

20. 3. 2018

Landestheater NÖ: Die Flucht ohne Ende

Januar 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Suche nach der europäischen Identität

Gespielt wird tatsächlich auf engstem Raum: Michael Scherff, Josephine Bloéb und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Dass er auch ein Meister der kleinen Form ist, heißt: im intimen Spielraum mit bewusst sparsamen Mitteln, beweist Regisseur Felix Hafner am Landestheater Niederösterreich. In der Theaterwerkstatt zeigt er seine fabelhafte Fassung von Joseph Roths Roman „Die Flucht ohne Ende“. 1927 ist dieses Werk entstanden, in dem Roth seinen Protagonisten Franz Tunda auf eine Reise durch halb Europa schickt.

Die abenteuerliche Odyssee des k.u.k.-österreichischen Oberleutnants beginnt mit seiner Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft und führt ihn über Irkutsk und Moskau, über Baku und ein Städtchen am Rhein bis schließlich nach Wien und Paris. Auf seinem Weg wird er sich nicht nur bei einem polnisch-stämmigen Bauern verdingen und Kinobetreiber werden, sondern sich auch der russischen Revolution angeschlossen und mit sogenannten Verstandesmenschen abgerechnet haben.

Frauen kreuzen seinen Weg, Natascha, Alja, Madame G. Irene indes, die Verlobte, wartet daheim nicht auf ihn. Und immer und überall wird Tunda ein Entwurzelter bleiben, ein Fremder, Orientierungsloser, der sich selber die Aussicht aufs Morgen verstellt. Und immer wird ihn seine Suche nach der eigenen Identität auch auf die Europas, auf die Suche nach der „europäischen Kultur“ treiben. Sehr prägnant und sehr zeitgemäß stellt Hafner an seinem Roth gerade diesen Punkt aus.

Madame G. umgarnt Tunda: Josephine Bloéb und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Und immer wieder Koffer packen: Tobias Artner und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Ein Quartett, Tobias Artner als Tunda, Josephine Bloéb, Stanislaus Dick und Michael Scherff in je einem halben Dutzend weiterer Rollen, fungiert als Erzähler wie Schauspieler. Sie schildern Tundas Schicksal, bis sie es darstellen; die drei treten mit Artner in den Dialog, steigen in die Handlung ein und wieder aus. Der Kniff ist nicht neu, doch Hafner macht damit möglich, dass Roths wunderbare Sprache erhalten bleibt. Als Regisseur hält er die Balance zwischen dessen nüchtern-analytischem Blick auf die Figuren und deren dramatischem Potenzial. Wenige Versatzstücke, eine Kopfbedeckung, eine Jacke, ein falscher Bart, machen klar, wer gerade wen verkörpert.

Das Bühnenbild von Camilla Hägebarth ist eine Landschaft aus Requisitenkoffern und Kisten, auch ein Munitionskoffer ist als Gepäckstück darunter. Wie ein Zauberkünstler seine Trickboxen schieben die Schauspieler sie über die Spielfläche, formen mit ihnen Dörfer und Städte, ein Lichtspielhaus oder eine Moskauer Wohnung. Gespielt wird im Wortsinn aus jeder Luke, und sollen Gewehrschüsse knallen, so tun’s dafür die Kistendeckel. An Fantasie lässt diese Aufführung tatsächlich kaum etwas aus.

Da darf Madame G. in rotes Licht getaucht ein französisches Liedchen trällern, während sie Tunda umgarnt, da gibt es eine famos gemeine Parodie auf die Wiener (Un-)gemütlichkeit, samt bitterböser Alkoholseligkeit und Hommage an das Duo Heller/Qualtinger. Tobias Artner ist als verhalten verzweifelter Tunda gleichsam ein Mann ohne Eigenschaften, ein junger Intellektueller ohne ihn sinnvoll ausfüllendes Dasein. Michael Scherff überzeugt als Charakterdarsteller, ob er nun Proletarier, deutsche Gutbürgerliche oder einen französischen Professor gibt.

Parodie auf die Wiener (Un-)gemütlichkeit: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Michael Scherff und Josephine Bloéb. Bild: Alexi Pelekanos

Dass auch feiner Humor Hafners Sache ist, zeigt die Szene mit Tundas Bruder Georg und dessen Frau Klara. Zu ihnen gelangt Tunda schließlich – und Josephine Bloéb und Stanislaus Dick gestalten in partner- schaftlichem Weinrot zwei Prototypen kleinbürgerlicher, kulturbeflissener Existenz. Dass Tunda da mit seinen „bolschewikischen“ Ideen anecken muss, ist klar. Das geht bis ihm die Hutschnur reißt. Ein großartiger Eklat, so großartig wie der ganze Abend.

www.landestheater.net

  1. 1. 2018

Soho in Ottakring: Die Arbeit ist noch nicht zu Ende

Oktober 20, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotoschau über das „Jenseits des Unbehagens“

honey & bunny: Putzen. Bild: Stummer, Hablesreiter und Akita

Ab 25. Oktober zeigt „Soho in Ottakring“ im Alten Kino im Sandleitenhof die Fotoausstellung „Die Arbeit ist noch nicht zu Ende“ als Teil des diesjährigen Festivalmottos „Jenseits des Unbehagens. Vom Arbeiten an der Gemeinschaft“. Gezeigt werden vier künstlerische Positionen, die sich mit Themen zu Arbeits- und Produktionsverhältnissen befassen.

Mit deren Bewertung aufgrund von Machthierarchien, mit Ausgrenzungen in der Arbeitswelt und mit Strategien der Selbster­mäch­tigung. In den modernen westlichen postindustriellen Gesellschaften ist Arbeit immer noch wesentlich für Anerkennung, Sinnfindung, und Überwindung von sozialen Ungleichheiten. Die Erwerbs­tätigkeit von Frauen oder die berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten sind gute Beispiele, wie Teilhabe an der Arbeitswelt zu sozialer Gerechtigkeit führen kann. Der Arbeitsplatz ist vor allem ein Ort der Auseinandersetzung mit sozialen Realitäten: Menschen lösen Probleme und werden dadurch selbstbewusster, sie fühlen sich nützlich und integriert. Andererseits bewirken Arbeitslosigkeit und gesetzlicher Ausschluss aus der Erwerbstätigkeit Krisen. Gleichermaßen führen Tätigkeiten, die als minderwertig abgetan werden, zu Erfahrungen fehlender sozialer Achtung und zu einem sinkenden Selbstwertgefühl. Prekäre und flexible Arbeitszeitstrukturen verhindern, Arbeit als erfüllend zu erleben.

Teaching while black. Bild: Abiona Esther Ojo

Werkzeuggespräche 2017. Bild: Paul Sturm

Neben „Putzen“ von honey & bunny und „Fluxus Fire“ von FXXXism (Iv Toshain und Anna Ceeh) sind der Text- und Bildzyklus „Waste“ von Wolfgang Krammer und die Installation „Teaching while black“ von Belinda Kazeeem zu sehen. Während sich der Landschaftsfotograf mit dem „Wegwerfartikel“ Möbel befasst, zeigt Kazeem die Probleme schwarzer Unterrichtender in einem weißen Bildungssystem auf. Zu den Themen finden außerdem „Werkzeuggespräche“ statt.

www.sohoinottakring.at

20. 10. 2014