Kosmos Theater: Das große Heft

Dezember 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Selbsterziehungsziel ist die totale Entmenschung

Die Großmutter und die Zwillingsbrüder aka die Hexe und ihre Hundesöhne: Martina Rösler, Martin Hemmer und Jeanne Werner. Bild: Bettina Frenzel

Der Modergeruch, der sich beim Betreten des Spielraums in der Nase festsetzt, ist eine präzise Ortsangabe dieses Abends. Steigt er doch auf von einem alles überschüttenden Erdhügel, der gleich Schützen- graben gleich Gräberfeld gleich Niemandsgrenzland ist. Und weil Sara Ostertags Inszenierung funktioniert wie ein Negativfilm, lässt sich das Setting auch als Anti-Sandkasten beschreiben. „Wir spielen nie! Wir arbeiten, wir lernen“, versichern die Zwillinge in der Sache nachfragenden Erwachsenen.

Das Leben kein Kindertraum. Schon gar nicht für jene beiden Buben, die die ungarische Autorin Ágota Kristóf im Schweizer Exil als Protagonisten für ihren Roman „Das große Heft“ erdachte. Die Nachwehen des Zweiten Weltkriegs, 1956, Volksaufstand, Sowjetarmee sind im Mehrfachsinn die Flucht-Punkte dieses Textes, die Nachbarn, die ebendiese dieser Tage freiwillig aufgeben, im Straßenkampf für ihre Freiheit. Im Wiener Kosmos Theater zeigt Regisseurin Ostertag nun eine Dramatisierung des Stoffs als österreichische Erstaufführung, als Koproduktion mit ihren makemake produktionen, die letzte Zusammenarbeit „Muttersprache Mameloschn“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27612) vergangenes Jahr mit dem Nestroy-Preis für die beste Off-Produktion ausgezeichnet.

Als Wir-Erzählerin tritt eingangs Schauspielerin Jeanne Werner auf. „Wer wir?“, wird klar, sobald sie Martina Rösler als ihren Bruder aus Nanna Neudecks Bühnenbild exhumiert. Nicht ein Wort wird die Choreografin und Tänzerin in den kommenden 90 Minuten sagen, umso beredter ihre Körpersprache sein, mit der sie die Stimmungen ihres und ihrer Widerparts wiedergeben wird. Nach und nach schälen sich die anderen verscharrten Darstellerinnen und Darsteller aus dem Staub, Zombie-Zeugen einer entsetzlichen Vergangenheit, aber auch ein kleines Gespenst, das via Schriftzug als Zeit-Geist ausgewiesen wird.

Die wunderbare Emma Wiederhold gestaltet die Wehret-den-Anfängen-Figur, später eine kindliche Geigerin, mittels des gleichen roten Kleides als elfjähriges Pendant der Musikerin Jelena Popržan zu erkennen – die am Rand des Geschehens sitzend mit ihren Instrumenten für Atmosphäre sorgt. Die ist in erster Linie düster und unheilvoll, wenn die Hexe die „Hundesöhne“ bei sich aufnimmt, heißt: die Großmutter ihre Enkel, die deren Mutter ihr überlässt, um sie den Gefahren der Stadt und dem Zugriff durch die Besatzungsmacht zu entziehen. Ostertag gendert, was das Zeug hält, Martin Hemmer macht als besenschwingende Skelettfrau hässliche Miene zum garstigen Spiel, einmal stöckelt Simon Dietersdorfer, auch er mit aufgemaltem Gerippe, als Polizist in High Heels über die Scholle, beide bereits gekennzeichnet als die sterblichen Überreste, die sie am Ende sein werden.

Im bodygepainteten Micky-Maus-Shirt: Jeanne Werner. Bild: Bettina Frenzel

Der Offizier lässt sich peitschen: Simon Dietersdorfer. Bild: Bettina Frenzel

Die kleine Geigerin bezahlt mit Zahngold: Emma Wiederhold. Bild: Bettina Frenzel

Und apropos, aufgemalt: die Jungs von Jeanne Werner und Martina Rösler tragen von Nadja Hluchovsky auf ihre Bodys gepaintete Micky-Maus-Shirts, ein optisches Kontern der Disney-Soundtracks, die im Hintergrund laufen. Zu „Whistle While You Work“ rennen die Performer geschäftig im Kreis, und apropos, Gerippe: Ostertag erzählt ihre Lesart der Geschichte mit knochentrockenem Humor. Dort, wo die Scheußlichkeiten von Kristóf mit einer lapidaren, kaum zu ertragenden Sachlichkeit geschildert sind, mildert die Theatermacherin den Schmerz mit einem Salbenklecks distanzschaffender Satire.

Sich den Schmerz auszutreiben, ist die wichtigste Aufgabe im Dasein der Zwillinge, die sich, da ihrer Wollt-ihr-die-totale-Abhärtung-Oma ausgeliefert, im Hungern, in der Selbstzüchtigung, in der Kunst des Tötens von Hühnern, im Aufsatzschreiben in „Das große Heft“ üben. Das Selbsterziehungsziel dabei die Entmenschung, doch die von Kristóf explizit ausgestellten – auch sexuellen – Erfahrungen der Knaben von Ostertag nur angedeutet. Je grausamer die Ereignisse, desto poetischer die Bilder, die sie findet. Dietersdorfer wird als im Haus einquartierter Offizier mit BDSM-Passion nicht bis aufs Blut gepeitscht, sondern mit Farbbeuteln beworfen, als triebhafte Magd spricht er Schönbrunner Deutsch.

Der gebeinedeite Hemmer totentanzt in Kruzifix-Geste über die Bühne, er in diesem Moment der lüsterne Pfarrer, dessen anlassige Übergriffe auf das Nachbarsmädchen endlich aufgeflogen sind. Dies Mädchen mit der Hasenscharte spielt Michèle Rohrbach, beständig auf allen vieren, ein Grimm’sches Nachtwesen mit Tierschnauze und aus dem Herzen sprudelnden Blutkreislauf, an ihrer Seite, die Ostertag traut sich was mit den sprichwörtlich die Show stehlenden Kindern und Hunden, Border Collie Lilli. Ostertag kennt in ihren bloßen Fingerzeigen ebenso wenig Gnade, wie die literarische Vorlage: ein Soldat, der im Wald erfriert und die Bewaffnung der Zwillinge bedeutet; Vergewaltiger, die als Befreier gekommen sind; der Hohn der Dorfbewohner gegenüber denen, die nun abtransportiert werden.

Das Mädchen mit der Hasenscharte und ihr Hund: Michèle Rohrbach mit Border Collie Lili. Bild: Bettina Frenzel

Mutter will ihre Söhne abholen: Rohrbach, hinten: Dietersdorfer, Wiederhold, Rösler und Werner. Bild: Bettina Frenzel

In dieser Welt gibt es keine Hoffnung, niemals mehr, nur noch Sarkasmus – und den Schaden, den Krieg in jungen Seelen anrichtet, wenn statt moralischer Grundsätze blanker Hass vorgelebt wird. Die Zwillinge müssen ihren moralischen Kompass allein kalibrieren – und naturgemäß scheitern. Die Spiegelung der eigenen Menschlichkeit im anderen ist nichts als eine Sehnsucht, sagt Ostertag, sagt Kristóf, und wenn die Autorin am Ende ihres Buchs die Brüder trennt und in den Folgeromanen „Der Beweis“ und „Die dritte Lüge“ Zweifel an der Existenz des zweiten Zwillings aufkommen

lässt, so tut dies Ostertag mit ihren rund ums Wir-Individuum komponierten Duplizitäten um nichts weniger. Neben allen anderen Akteuren ein Glücksfall ist Emma Wiederhold als gruselig grinsendes Kind von mutmaßlich Deportierten. Die großmütterliche Hexe will die verwaiste Violinistin nämlich nur gegen Geld bei sich aufnehmen, da fletscht die Kleine die Lippen und zeigt ihren Edelmetall-Grill – Zahngold im Mädchenmund. Mehr Gänsehaut verursacht lediglich die Schlussszene von Michèle Rohrbach, die sich am Ende, um die Mutter darzustellen, schließlich auf die Beine stellt. Diese kommt samt neugeborener Schwester.

In der Absicht, ihre Söhne zu sich zu holen, doch eine explodierende Granate tötet sie und die Tochter. Dass Rohrbach unübersehbar tatsächlich demnächst ein Baby bekommt, macht diesen kurzen Augenblick umso eindrücklicher, umso furchtbarer. „Das große Heft“ im Kosmos Theater ist ein Gesamtkunstwerk, das an Bertrand Mandicos „Les garçons sauvages“ erinnert (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33934), jeder platzende Ballon, manche davon mit im Dunkeln effektvoll leuchtender Farbe gefüllt, jeder Sprachtakt-, Licht-, Musikwechsel, jede Körperbewegung dieser perfekten Performertruppe, die Hintergrundschriften, die französischen Passagen, diese, weil Kristóf den Text auf Französisch verfasste, lassen einen aufgewühlt und atemlos zurück. Die Albträume kommen nach dieser Aufführung – so sicher wie das Amen in des Pfarrers Gebet.

Teaser: www.youtube.com/watch?v=uNPz4h1v54M           www.youtube.com/watch?v=N17UJKVvMyo           www.kosmostheater.at           www.makemake.at

4. 12. 2019

The Favourite – Intrigen und Irrsinn

Januar 22, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus der Gosse in die Gunst der Königin

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Queen Anne hinkt verstimmt durch ihren Palast, Prunkraum um Prunkraum, vorbei an einem livrierten Lakaien, und diesen, noch ein halbes Kind, herrscht sie ohne Vorwarnung an: „Hast du mich etwa angesehen?“ Der Diener schaut scheu zu Boden und schüttelt seinen Kopf. Doch die Königin ist nun in Rage: „Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“ Er blickt betreten hoch – und bekommt eine schallende Ohrfeige. „Wie kannst du es wagen, mich anzusehen!“

Eine Szene aus Yorgos Lanthimos‘ jüngstem Film „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“, der am Freitag in den Kinos anläuft, und eine, die die Atmosphäre der Historienfarce, deren Färbung wohl tragische Ironie zu nennen ist, bestens beschreibt. Ebenso wie Lanthimos‘ beständiges Wechselspiel zwischen der Willkür der Adelsklasse und jenen Untertanen, die dieser ausgeliefert sind – bis eine erscheint, die zum Gegenangriff antritt. Die Figur der Königin Anne, erste Monarchin des United Kingdom, letzte aus dem Hause Stuart, wird dargestellt von der grandiosen Olivia Colman, von Venedig bis London, zuletzt mit dem Golden Globe, bereits ausgezeichnet. Zu Recht zählt „The Favourite“ auch zu den Oscar-Favoriten.

Dass, während das Publikum sich über die messerscharf geschliffenen Dialoge prächtig amüsieren kann, Domestiken der Krone im frühen 18. Jahrhundert nicht viel zu lachen haben, erfährt gleich zu Beginn Abigail, Baronesse Masham, als solche aufgrund der Spielsucht ihres Vaters tief, und als sie am St James’s Palace eintrifft, als erstes in einen der Kothaufen, die das Volk dem Hof vors Tor scheisst, gefallen. Angereist ist sie, um ihre entfernte Cousine Sarah Churchill, die Herzogin von Marlborough, um eine Anstellung zu bitten. Deren Ehemann John Churchill, der Duke, ist nicht nur oberster Feldherr, sondern auch begnadeter Ränkeschmied, doch Sarah läuft ihm diesbezüglich leicht den Rang ab, ist sie doch mehr als Annes Dame des Herzens die regierende Mätresse, heißt: dass statt der einfältigen, infantilen Anne Sarah die Staatsgeschäfte führt.

Emma Stone. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Nicholas Hoult. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Abigail aber ist gekommen, um Karriere zu machen. Als sich ihr die Gelegenheit bietet, von der Gosse in die Gunst der Königin aufzusteigen, lässt sie nichts unversucht, Sarah schachmatt zu setzen. Was in der Folge zu höchst unterhaltsamen Intrigen, Irrungen und zunehmendem Irrsinn führt. Lanthimos inszeniert diese gefährlichen Liebschaften stilistisch brillant und inhaltlich bissig.

Zwar ist die Handlung in den historischen Kontext der Schlachten gegen Frankreich im Zuge des Spanischen Erbfolgekriegs gebettet, doch lässt Lanthimos der real existiert habenden MachtMénage à trois, über deren sexuelle Seite anhand erhalten gebliebener Briefe freilich nur spekuliert werden kann, genug Raum, um über sie frei erzählen zu können. Tatsächlich ist „The Favourite“ im Vergleich zu seinen hermetischen Werken wie beispielsweise „The Lobster“ oder „The Killing Of A Sacred Deer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27854) erstaunlich gut zugänglich.

Mit den im Wortsinn Epoche machenden Sets von Fiona Crombie, der verschwenderischen Kostümfülle der dreifachen Oscar-Preisträgerin Sandy Powell und der raffinierten Kameraarbeit von Robbie Ryan erschafft der Arthouse-Kinomann Bilder wie Gemälde, Tableaux Vivants, in denen sich die Opulenz der Dekadenz feiert. Wobei es Ryan versteht, sowohl in der Düsternis von Kerzenlicht als auch mittels Weitwinkeloptik die Charaktere als Gefangene dieses Pomps sowie jedweden politischen Kalküls zu zeigen. Druckventil dafür sind seltsame Rituale wie Entenrennen oder eine Art Völkerball mit Orangen auf nackten Mann  – während die Küchenmägde, eine von ihnen anfangs Abigail, aus Platzmangel in den Katakomben des herrschaftlichen Gebäudes im Knäuel schlafen.

Rachel Weisz als Sarah und Emma Stone als Abigail schenken sich nichts, allerdings bleibt es vorerst bei tödlichen Blicken und spitzzüngigen Bemerkungen. Weisz‘ Sarah ist ihrer Herrscherin eine strenge Herrin, auch eine geübte Schützin auf Tauben, denen noch nicht die Silbe „Ton-“ vorangestellt ist, skurril diese Sequenz, wenn „Wurf!“ gerufen und ein lebender Vogel in die Luft geschleudert wird, und sie hat absolut den Willen zur Macht und zur Durchsetzung der Marlborough-Interessen. Stones Abigail scheint gegen die Härte dieser Frau liebenswert, integer, eine mit Herz – und wird sich doch als durchtriebenes Biest entpuppen. Als eine, die ihre körperlichen Geschütze in Stellung bringt, während Sarah inmitten all der höfischen Heuchelei, wenn nicht sympathisch, so zumindest ehrlich ist. Auch wenn sie der Queen sagt, mit ihrer Schminke sehe sie aus wie ein Dachs.

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Die Vielschichtigkeit, die Abgründigkeit, die Hinterlistigkeit, mit der Weisz und Stone ihre Rollen ausstatten, wird nur übertroffen von Olivia Colman, die der mit ihrer Lächerlichkeit und ihrer Schwäche durchaus ringenden, vor Gichtschmerzen schreienden, Selbstmordversuche unternehmenden, inmitten der sie umringenden Höflingsmassen einsamen Anne eine große, tragische Würde verleiht.

Erwähnenswert ist auch die Leistung von Nicholas Hoult als Robert Harley, Anführer der Tory-Opposition, äußerlich ein Geck mit Puderperücke und aufgemaltem Schönheitsfleck, in Wirklichkeit aber ein gewiefter Strippenzieher hinter den Kulissen. Als politischer Gegner der Whigs und damit der Machenschaften der Marlboroughs, will er den Krieg und die damit einhergehenden permanenten Steuererhöhungen für die von ihm vertretenen Großgrundbesitzer beendet sehen.

Und so bildet er eine Allianz mit Abigail, die derweil, begleitet vom wuchtigen Soundtrack Händels, Vivaldis und Bachs, von der Küche bis in die Gemächer der Königin aufgestiegen ist. Um dort zum Eigennutz, aber auch im Auftrag Harleys, man erpresst und bedroht sich gegenseitig, die Ohren offen zu halten. Bald steigert sich zwischen Sarah und Abigail der Ehrgeiz zum Killerinstinkt, wird auch vor Giftanschlägen und arrangierten Reitunfällen nicht zurückgeschreckt, ist die Königin immer mehr Spielball beider Angelegenheiten. Doch wird die Siegerin schließlich erkennen müssen, dass sie auch auf ewig deren Sklavin, ausgeliefert ihren Launen und Schrullen und den siebzehn Kaninchen, die sich im Schlafzimmer tummeln, sein wird …

„The Favourite“ besticht mit überbordender Optik und mit exzellentem Spiel, mit hoher Theatralik und einem Witz, der very british ist. Dass Lanthimos keine seiner Figuren bloßem Spott und boshaftem Gelächter aussetzt, sondern stets versucht, ihre Beweggründe plausibel zu machen, zeichnet diesen Film aus. Derart gelingt es ihm, seine historische Fiktion nah an die Gegenwart zu rücken. Günstlingswirtschaft, unfähige Staatsoberhäupter und machthungrige Emporkömmlinge sind ja beileibe kein Phänomen von gestern.

www.fox.de/the-favourite          www.foxsearchlight.com/thefavourite

  1. 1. 2019

Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon

August 25, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Roadmovie mit einem Doppeldecker

Philomena (Emma Bading) und Schorsch Kempter (Elmar Wepper) vor Schorschs Kiebitz. Bild: © Mathias Bothor/Majestic

Es sei Grundvoraussetzung gewesen, dass Elmar Wepper die Titelrolle in diesem Film übernimmt, sagt Regisseur Florian Gallenberger im Gespräch. Der Oscarpreisträger hat Jockel Tschierschs Roman „Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ für die Leinwand adaptiert, und tatsächlich ist sein Hauptdarsteller darin sein größter Trumpf.

Wepper läuft als grumpy old man einmal mehr zur Hochform auf, liebenswert und lässig lässt der 74-Jährige die Tragikomödie in luftige Höhen abheben – zu sehen ab 31. August in den Kinos. Wepper spielt den Gärtner Schorsch Kempter. Dessen Kleinbetrieb steht kurz vor der Pleite. Zu den finanziellen kommen familiäre Probleme. Die Ehe mit Frau Monika hat sich entzaubert, Tochter Miriam will an der Kunstakademie studieren, statt in die Fußstapfen der Eltern zu treten. Als sich die Betreiber eines Golfplatzes weigern, die Rechnung für einen neuen Rasen zu bezahlen, weil der nicht kalifornisch-grün ist, wird die Lage prekär. Der Gerichtsvollzieher kommt, und will seinen „Kuckuck“ auch auf das Propellerflugzeug von Schorsch kleben. Da tut der, was er immer tut, wenn ihm die Probleme über den Kopf wachsen: Er fliegt mit seinem roten Kiebitz auf und davon.

Was nun folgt, ist ein Roadmovie mit einem Doppeldecker. Denn auf seiner Reise lernt Schorsch nicht nur allerlei kauzige Typen kennen, sondern auch sich selbst. Ganz klar, dass aus dem pessimistischen, misanthropischen Eigenbrötler am Ende ein empathiebegabter Menschenfreund wird. So wird er etwa zum Heiler und Helfer für die bipolare Schlossbesitzerstochter Philomena, die ihrer Stiefmutter via Handy „Selbstmordvideos“ schickt. Mit ihr hat er Erlebnisse, die seine harte Schale knacken, und für beide wieder Freude am Leben aufkommen lassen. Philo wird zu Schorschs Reisegefährtin.

Aufblüht der Antiheld dann auf der vierten Etappe. Da muss er wegen einer Havarie auf einem stillgelegten, kleinen Flughafen in Brandenburg notlanden – und landet so mitten im Revier der dortigen Besitzerin, Mechanikerin, Kneipenwirtin Hannah. Und die wirbelt die Gefühle des Gärtners ganz schön durcheinander. Doch Hannah steht nicht auf ungeklärte Verhältnisse, und so schickt sie Schorsch nach Hause zu seiner Frau. Der aber will seine Ahnung von Glück nicht wieder verlieren …

Die Ehe von Schorsch Kempter (Elmar Wepper) und seiner Frau Monika (Monika Baumgartner) steht nicht zum Besten. Bild: © Luna Filmverleih

Schorsch Kempters (Elmar Wepper) schicksalhafte Begegnung mit Mechanikerin Hannah (Dagmar Manzel). Bild: © Luna Filmverleih

Gallenberger hat seinen Film hochkarätig besetzt. Monika Baumgartner spielt Schorschs resigniert habende Ehefrau, Dagmar Manzel mit Berliner Schnauze die Hannah. Ulrich Tukur und Sunny Melles sind als Schlossbesitzerpaar von der exzentrischen Extraklasse. Emma Bading ist als deren Tochter Philomena zu sehen, Karolina Horster als Schorschs rebellische Tochter Miriam. Die Schauspieler haben sichtlich Spaß am augenzwinkerndem Stoff. Und als Draufgabe gibt’s wunderschöne Luftaufnahmen aus dem Kiebitz.

„Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ ist ein ans Herz gehender Film. Feinfühlig erzählt er von unerfüllten Träumen, mutigen Entscheidungen und von jener außergewöhnlichen Kraft im Menschen, die erforderlich ist, um die Hürden des Lebens zu überwinden.

Erst der Blick von weit oben öffnet Schorsch die Sicht auf sich selbst. Er begreift, dass er an wichtigen Herzensentscheidungen und seinen Träumen vorbeigelebt hat. Und dass er auf Kurs kommen muss, bevor es zu spät ist. Ein Wiedersehen mit Elmar Wepper gibt es bald. Denn Doris Dörrie, die den einst unterforderten Serienstar für die große Leinwand entdeckte, dreht derzeit mit ihm die Fortsetzung von „Kirschblüten Hanami“, „Kirschblüten & Dämonen“. Im April fiel die erste Klappe, Kinostart ist 2019.

gruenerwirdsnicht-film.de/

  1. 8. 2018

Jeder stirbt für sich allein

November 17, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Fallada-Verfilmung mit Emma Thompson

Nach dem Tod ihres Sohnes an der Westfront beschließt das Ehepaar Quangel Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten: Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans an der Westfront beschließt das Ehepaar Quangel Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten: Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am 18. November kommt die langerwartete Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“ von Vincent Pérez in die heimischen Kinos, und es ist schon so, dass diese nunmehr fünfte Kinoarbeit über Hans Falladas erstmals 1947 erschienenen NS-Widerstandsroman eine kleine Enttäuschung ist. Zwar ist sie sogar weniger pathostriefend als befürchtet, doch umso mehr trifft einen, dass es dem Schweizer Regisseur und Drehbuchautor offenbar nicht möglich war über die letzte Hürde zu springen.

In Sets, die aussehen wie die Postkarten, die die Protagonisten schreiben, gedreht wurde einmal mehr in Görlitz, erzählt er in konservativen Bildern in einer für ein großes Publikum weichgespülten Fassung seine Story. Wenig ist noch übrig von der Drastik, der Schonungslosigkeit des Buches, ja, Pérez missversteht Falladas spröden Schreibstil, er geht allzu schematisch vor, er entwirft seine Charaktere grob wie Holzschnitte; er hat nicht verstanden, dass es bei Fallada gerade die vorgetäuschte Emotionslosigkeit der Figuren ist, die einen tief berührt und in die Handlung involviert. Und: Emma Thompson, diese großartige, hochintelligente Schauspielerin, ist keine Anna Quangel. Das deutsche „Muttchen“, das sich mit Näharbeiten ein bisschen was dazu verdient, die unpolitische, einfache Hausfrau, die sich nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans an der Westfront gegen Hitler radikalisiert, die nimmt man ihr nicht ab. Der Trost ist, dass dank ihres Starstatus der Film international Aufmerksamkeit auf sich ziehen und der Welt ein weiteres neues Bild des innerdeutschen Widerstands präsentieren wird. Ein schmerzlinderndes Moment, an das man sich schon bei Tom Cruises „Operation Walküre“ zum Stauffenberg-Attentat gehalten hat, sagte doch sogar die Thompson im Interview: „Ich bin groß geworden mit der Vorstellung, dass alle Deutschen Nazis gewesen sein mussten …“

Die Geschichte ist wahr. Fallada hat sie aus Gestapo-Akten. Otto und Elise Hampel verfassten zwischen September 1940 und September 1942 an die 300 Postkarten und 200 Handzettel, in denen sie zum zivilen Ungehorsam gegen das Dritte Reich, zur Sabotage wichtiger Kriegsarbeiten und zur Auflehnung gegen das Mörderregime aufriefen. „Freie Presse“ nannten sie sich und legten ihre Schriften in Treppenhäusern rund um ihr Wohnviertel in Berlin-Wedding aus. Der Tischlermeister und sein „Muttchen“ wurden von der Gestapo ausgeforscht und 1943 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ durch das Fallbeil hingerichtet. Am Nachkriegsbau Amsterdamer Straße 10, das ursprüngliche Wohnhaus der Hampels wurde durch eine Fliegerbombe zerstört, erinnert heute eine Gedenktafel an das Ehepaar.

Kommissar Escherich auf der Suche nach den Postkartenschreibern: Daniel Brühl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Kommissar Escherich ist fieberhaft auf der Suche nach den Postkartenschreibern: Daniel Brühl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Lieber Gnadentod als Gestapohaft: Escherich tötet den Verdächtigen Enno (Lars Rudolph). Bild: © Filmladen Filmverleih

Lieber Gnadentod als Folter in der Gestapohaft: Escherich tötet den Verdächtigen Enno (Lars Rudolph). Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Hausgemeinschaft beschreibt Pérez getreu der literarischen Vorlage, sie ist ein Gesellschaftskaleidoskop, dreht sich um Mitläufer und Überzeugungstäter und eine jüdische Mieterin, der nach der Plünderung ihrer Wohnung und ihrem Selbstmord sogar noch das Armkettchen vom Handgelenk gerissen wird. Im Keller haust der Kleinkriminelle Enno, in der Beletage ein pensionierter Richter, dem es im entscheidenden Moment doch an Courage mangelt. Lars Rudolph und Joachim Bißmeier verstehen es diesen Nebenfiguren dramatisches, sogar tragisches Profil zu geben, ebenso wie Daniel Strässer, der einen von der Nazi-Ideologie durchdrungenen Ermittler spielt und Katrin Pollitt als mitfühlende Briefträgerin. Es sind ihre Aufblitzer, die den Film doch sehenswert machen. Und während Emma Thompson die Anna Quangel mit durchgehend gleichbleibend sorgenzerfurchtem Gesicht gestaltet, man muss allerdings gerechterweise sagen, dass Anna im Roman eine wesentlich aktivere Rolle als im Film zukommt, zeigt Brendan Gleeson die Möglichkeiten auf, die diese Figuren bieten.

In winzigen Nuancen lässt er erahnen, wie es im Inneren seines Handwerkers wirklich aussieht. Wortkarg ist er, ein stiller Ehrenmann, und beim Auslegen der Postkarten ausgestattet mit der Ruhe eines, der nichts mehr zu verlieren hat. Sein Überlebenselexier ist das Anschreiben gegen die „Hitlerei“ und dabei verleiht Gleeson dem Quangel unaufgeregt eine große Würde. Als sein Kontrahent ist Daniel Brühl zu sehen, als Kommissar Escherich ein Mann, der sich als Kriminalist versteht, nicht aber das dumbe Treiben der SS-Schreihälse. Wie er versucht, seinen professionellen Ehrgeiz, den Fall zu lösen, und sein moralisches Empfinden in Einklang zu bringen, ist tatsächlich der einzige interessante innere Konflikt in einem Film, der ansonsten wie am Schnürchen schnurrt.

An die 300 Postkarten werden von den Quangels verfasst und in Berlin verteilt: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Bild: © Filmladen Filmverleih

An die 300 Postkarten werden von den Quangels verfasst und in Berlin verteilt: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Wie Brühl sich vom Standartenführer als „Intellektueller“ beschimpfen lassen muss, ein Begriff, der auch im hiesigen Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten als Schmähwort benutzt wurde, wie er einem Verdächtigen den Gnadentod vor der Gestapofolter gibt, wie er schließlich für sich selbst die Konsequenzen zieht, in diesen Szenen ist der Schauspieler ganz bei Fallada.

Den man, nachdem man den Film gesehen hat, unbedingt zur Hand nehmen sollte, um auch dem Medium Film geschuldete gestrichene Handlungsstränge nachzulesen. Erst dann nämlich erschließt sich der ganze Kreis des Grauens, den das Dritte Reich um die Menschen zog. Ihm fallen auch völlig unbeteiligte, wie Hans‘ Ex-Verlobte, längst anderweitig verheiratet und Mutter, zum Opfer. Oder eine Tierhändlerin, die Enno aus sexuellen Gründen Unterschlupf gewährt. Oder eine kommunistische Zelle in der Holzfabrik, die nur ausgehoben wird, weil man Quangel bereits auf der Spur ist … All das würde den Rahmen des Films sprengen, all das ist aber wichtig, um zu verstehen, wie die Todesmaschinerie der Nazis funktionierte. An einer Stelle sagt Otto über die Postkarten: „Sie sind wie Sandkörner, die wir in diese Maschine füttern. Ein Korn hält die Maschine nicht an. Aber wenn man immer mehr hineintut, dann wird es mit der Zeit Auswirkungen auf die Maschine haben.“

www.jederstirbtfuersichallein.x-verleih.de

Wien, 17. 11. 2016

Colonia Dignidad

Februar 17, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Exploitationfilm über das Pinochet-Regime

Daniel Brühl wird vom chilenischen Militär festgenommen Bild: © Majestic / Ricardo Vaz Palma

Daniel Brühl wird vom chilenischen Militär festgenommen
Bild: © Majestic / Ricardo Vaz Palma

Zweifellos, Regisseur Florian Gallenberger hat es gut gemeint. Hat ein wichtiges Thema aufgegriffen, hat möglicherweise auf den großen Markt USA geschielt, weil dieses Thema nicht nur deutsch, sondern panamerikanisch ist, ist aber am Ziel weit vorbei geschlittert. Er erzählt eine wahre Geschichte. Und dies ist sein größtes Problem. Einen Exploitationfilm über das Pinochet-Regime zu drehen, das geht nicht.

Was „Colonia Dignidad“, der ab 19. Februar in den heimischen Kinos läuft, fehlt, ist die Gallenbergers Filmen sonst eigene beobachtende Distanz, vielleicht sogar eine spröde Relaxtheit, aus der heraus man versuchen hätte können, den Zuschauern den unbegreiflichen Schrecken begreiflich zu machen. Hier sind alle seeehr aufgeregt. Daniel Brühl und Emma Watson und Michael Nyqvist, der als Sektenführer Paul Schäfer aussehen muss, als wäre er an einem Bad-Hair-Day aus Stephen Kings Salem entsprungen. Der wirkliche Schäfer wirkte schon optisch, wie der, der er war: ein übrig gebliebener Nazi.

Die Colonia Dignidad war ein hermetisch abgeriegeltes Lager südlich von Santiago de Chile. 1961 vom Bonner Laienprediger Paul Schäfer gegründet, existierte es knapp vier Jahrzehnte unter dessen Schreckensherrschaft. Die Bewohner wurden wie Gefangene gehalten und lebten nach Schäfers selbstherrlichen Regeln. Es gab körperliche Züchtigungen, Gefügigmachung durch Drogen, Vergewaltigungen. Nur wenigen gelang jemals die Flucht aus dem bäuerlichen „Musterdorf“. Die deutsche Botschaft pflegte enge Verbindungen zu Schäfer. Mit dem Militärputsch durch General Augusto Pinochet 1973 begann ein noch dunkleres Kapitel: Schäfer stellte der Diktatur die Colonia als Folterlager zur Verfügung, produzierte Waffen, Giftgas und versuchte sogar, Uran anzureichern.

Erst nach der Abdankung Pinochets 1990 wurden die Strafverfolgungsbehörden aktiv, Schäfer floh nach Argentinien und wurde dort 2004 verhaftet und schließlich in Chile zu 33 Jahren Haft wegen vielfachem Kindesmissbrauchs verurteilt. Er starb 2010 im Gefängnis in Santiago. Die hoch traumatisierten Mitglieder der Colonia Dignidad, die mittlerweile in Villa Baviera umbenannt wurde, versuchen seitdem einen Neuanfang, unter anderem mit einem Hotel über den Folterzellen. Sie scheinen bis heute psychologisch nicht in der Lage, diesen Ort des Grauens zu verlassen …

Gallenbergers Film setzt 1973 an. Ein – warum auch immer deutscher – Fotograf, der mit der politischen Opposition sympathisiert, und seine – warum auch immer deutsche, ja, wir haben’s verstanden, es ist doch eine deutsche Geschichte – Freundin/Lufthansa-Stewardess geraten in die Fänge des Regimes. Er wird in die Colonia verschleppt, sie folgt ihm zwecks Befreiung und trotz Warnungen von allen Seiten undercover nach. Als gebe es rund um Schäfers Scheußlichkeit nicht genug Storys zu erzählen, haben sich die Drehbuchautoren Gallenberger und Torsten Wenzel genau die eine ausgedacht, die ganz bestimmt nicht wahrscheinlich ist. Und damit nicht genug. Gallenberger, der Politthriller-Vorbilder wie „Die drei Tage des Condors“ und „Die Unbestechlichen“, leider nicht Costa-Gavras’  hervorragenden „Vermißt“, im Munde führt, konnte sich offenbar nicht entscheiden, welche Art von Film er machen wollte.

Er wabert zwischen Betroffenheitskiste und Gefängnisausbruchfilm und Splatter für ärmere hin und her. Die Lagerzäune sind hoch, die Keller sind tief, die Schießhunde bellen. Bildgestalter Kolja Brandt gestaltet alles schön schrecklich, als wäre Folter nicht schrecklich genug. Nur, dass der sonst vorzügliche Daniel Brühl die Gehirnschäden nach den Peinigungen mit Strom nicht derspielt. Mag sein, dass der sensible Schauspieler die Darstellung nicht zu nah an sich herankommen lassen wollte? An Gallenbergers Film ist jedenfalls trotz des Einsatzes aller dramatischer Mittel nichts „echt“. Im Sinne von: glaubwürdig. Manches ist sogar lächerlich. Das Ganze schaut aus, als hätte Eli Roth einen seiner humorloseren Tage gehabt. Handlung nein, Misshandlung ja.

Was da Peitschenhiebe auf weibliche Rücken niedersausen, was Emma Watson – in ihrer ersten Hauptrolle seit „Harry Potter“ – an den tatsächlich stattgehabten „Herrenabenden“ an Demütigungen zu ertragen hat. Gerade noch hüpfte sie glücklich-nackt wie ein junges Fohlen mit ihrem Daniel durch die sonnendurchflutete Wohnung … Man nimmt der fröhlichen Flugbegleiterin und ihrem Auslöser auch nicht die große Liebe ab, die zulässt, das alles zu erdulden. Die gesofteten Szenen in Santiago sind eher wie ein Urlaubsflirt, aus dem heraus sich die Charaktere nicht weiterentwickeln. Sie bleiben Scherenschnitte.

Es kommt ein Zeitpunkt, an dem einem die Schauspieler nur noch leid tun. Richenda Carey hat als Aufseherin Gisela das Wort „Fotze“ zu ihrem Lieblingsfluch gemacht; Michael Nyqvist spielt, Klischee as Klischee can, den sinistren Filmbösewicht wie einen sinistren Filmbösewicht. August Zirner als deutscher Botschafter in Chile und Martin Wuttke als Leiter des Amnesty-International-Büros in Santiago kommen gleich gar nicht zum Spielen. Ein Glück. So ersparen sie sich einen Großteil der platten Dialoge. Gallenberger verwendet den historischen Horror für seinen Horrorfilm, ohne das Publikum mittels weiterführender Aussage irgendwo hinzuführen. Es geht ihm offenbar weniger um das Ausloten repressiver politischer und religiöser Systeme, als um das Ausstellen von deren Gräueltaten. Das ist zu wenig. Für die Zuschauer und als Dokument über die Opfer.

Ergo sind die berührenden Momente des Films nur die letzten, wenn tatsächlich dokumentarische Bilder der Colonia gezeigt werden. 350 Menschen haben hier gelebt und gelitten. Nachzulesen in Klaus Schnellenkamps Autobiografie „Geboren im Schatten der Angst“, erschienen 2007 im Herbig-Verlag. Das Buch gilt bislang als der einzige umfassende Bericht eines Zeitzeugen der Sekte. Es ist ein wertvolles Argument zu Gallenbergers Film. Und kann als faktische Ergänzung der Fiktion gelesen werden.

www.coloniadignidad.de

Filmdoku über Paul Schäfer und die Colonia Dignidad: www.youtube.com/watch?v=5oObdFq78_s

Wien, 17. 2. 2016