Kasino des Burgtheaters: Sechs Tanzstunden in sechs Wochen

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei supersympathische Dancing Stars

Tango mit Pasión: Andrea Eckert und Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich Regisseurin Martina Gredler und Kostümbildnerin Lejla Ganic an Outfits für Markus Meyer ausgedacht haben, ist für sich genommen schon eine Show. Vom goldglitzernden Matador-Jäckchen über eine weiße Fantasieuniform mit Sisi-Enten-Shirt bis zu Jeanshotpants mit „Stars ans Stripes“-Leggins, so angetan wirbelt Meyer als Tanzlehrer Michael Minetti ins Leben der pensionierten Lehrerin Lily Harrison.

Andrea Eckert, die am Burgtheater in der Andrea-Breth-Inszenierung von „Die Ratten“ eine großartige Frau Knobbe gibt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32521), spielt nun in dieser Kasino-Produktion die – zumindest anfangs – spaßgebremste Schülerin, die sich über den exaltierten Kerl, der da in ihrer Tür steht, nur erstaunen kann. Und während sie noch seinen verqueren Humor und seine sozialen Groschenweisheiten für gewöhnungsbedürftig hält, kippt er schon ins Unflätige, muss „die alte Schachtel“ aber letztlich um diesen Job anflehen, weil weit und breit kein anderer in Aussicht ist …

Ein Tüll-Traum für den Walzer: Andrea Eckert. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der exaltierte Michael: Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mit dem tragikomischen Feel-Good-Stück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ des US-Dramatikers Richard Alfieri geht Burg-Herrin Karin Bergmann ins Finale ihrer Direktionszeit. Dass die ansonsten aufs Experiment zugeschnittene Spielfläche auch als Parkett für leichte Theaterkost taugt, ist vor allem den supersympathischen Darstellern zu danken, Markus Meyer in Jugendjahren Turniertänzer, Andrea Eckert seit dem Alter von fünf „Tänzerin aus Leidenschaft“, die an Spielfreude mit Verve für ihre Figuren alles geben. Es ist im Stück nicht anders, als bei den Original-Dancing-Stars: Zwei verlorene Seelen zicken um die Wette, kommen sich beim Ankeifen menschlich aber durchaus näher.

Man will sich dem anderen gegenüber anders zeigen, als es tatsächlich ist, doch – von diesem Spannungsbogen profitiert das Ganze – nach und nach fallen die Masken, werden Schicksale enthüllt, kommen die kleineren Flunkereien und die größeren Unwahrheiten ans Licht. Mit jeder Trainingsstunde offenbaren die beiden mehr von sich, etwa, dass Lily gar keinen Tanzkurs, aber Gesellschaft braucht, um ihr zu viel an Zeit zu füllen, oder, dass Michael nicht nur am Broadway gescheitert ist, sondern in New York auch seine große Liebe Charly begraben musste. Bald ist es zwischen dem Schwulen und der Witwe ein gespielter Witz, wer die größere Bitch ist, und derart holen sich die Hitzköpfe gegenseitig aus den Schneckenhäusern der selbstgewählten Isolation.

Autor Alfieri versteht es in bester amerikanischer Well-made-Play-Manier die Themen Alter, Einsamkeit und Tod in Screwball-Pointen zu verpacken. Eine Krebskrise noch schnell, dann sind Lily und Michael BFF – Best Friends Forever. Neben Eckert und Meyer brilliert noch ein dritter Akteur, das schmissige Salonorchester, bestehend aus Lenny Dickson, Andreas Radovan, Emily Stewart sowie Alexander und Konstantin Wladigeroff, das swingen und rocken und grooven vom Feinsten kann. Bühnenbildnerin Sophie Lux deutet das Seniorenparadies Florida mit einem luftig-kühlen Luxusappartement an, in dem die Eckert in mal sexy, mal eleganten Kleidern die Frustration, auch Wut, ihrer Lily mit viel Elan ausstattet, was den Konfrontationen mit Meyers Michael natürlich Pepp gibt. Dieser gibt nicht nur in den Choreografien von Daniela Mühlbauer Vollgas, sondern auch im Komödiantischen.

Aus zickigen Tanzpartnern werden beste Freunde fürs Leben: Andrea Eckert und Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Lehrer glaubt er an die ganzheitliche Methode, weswegen er beim Tango „spanish“ lispelt und beim Walzer ins „Gnä’ Frau“ verfällt. Er schwoft und springinkerlt und kommt er durch die Tür, sind ihm die Lacher des Publikums schon sicher. Auch bei der spitzen Bemerkung, Lily schwärmt von einem früheren Wien-Besuch und den liebenswerten Leuten dort, die Österreicher seien ja bekanntlich stets ein anschlussfreudiges Völkchen gewesen …

„Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ im Kasino ist einfach rundum entzückend. „Wie beim Sex kommt alles auf die Ausführung an“, sagt Lily übers Tanzen an einer Stelle. Diesbezüglich ist an diesem Abend alles gelungen. TIPP: „Let’s Dance“ – zum Ende jeder Vorstellung lädt die Band das Publikum in den Ballroom, von denen jeder ein besonderes Motto hat: Am 31. Mai „Love and Peace and Dance“, am 1. Juni „Dance the Savoy“, am 11. Juni „Kasino Night Fever“ und am 16. Juni „Kasino Royal“. Ab 23 Uhr steht dann DJane Colette am Mischpult.

www.burgtheater.at

  1. 5. 2019

The Happy Prince

Mai 31, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Rupert Everett glänzt als alternder Oscar Wilde

Oscar Wilde (Rupert Everett) erzählt von seiner Zeit im Gefängnis. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dies also ist die Rolle, die sich Rupert Everett auf den Leib schrieb – wiewohl er sie anfangs selbst gar nicht spielen wollte und erst von Colin Firth überzeugt werden musste, dies also ist gleichzeitig das Regiedebüt des Schauspielstars:

„The Happy Prince“, benannt nach einem der Kunstmärchen von Oscar Wilde, zeichnet dessen letzten Jahre im Exil nach. Am Freitag kommt das filmische Meisterwerk in die heimischen Kinos, eine eindrückliche Parabel auf Leid aufgrund von Leidenschaften. Everett, nicht zuletzt bekannt als brillanter Darsteller von Leinwandadaptionen der bekanntesten Wilde-Komödien, glänzt auch hier. Die Geschichte, die er erzählt, zeigt den Niedergang des großen Autors, zeigt einen Mann an der Grenze, den Verstand zu verlieren, zeigt aber auch einen, der gewillt ist, sein Schicksal mit der ihm eigenen Grandezza und Elegance anzunehmen. Es ist eine bestechende, schmerzhafte Performance, dieser Tod des Dandys.

Wilde, der aus seinen ephebophilen Vorlieben nie ein Geheimnis machte, sie im Gegenteil offen auslebte, verliebte sich in den 1890er-Jahren in den jungen Lord Alfred „Bosie“ Douglas. Dessen Vater hinterließ Wilde im Club eine Visitenkarte mit der Notiz: „Für Oscar Wilde, posierenden Sodomiten“. Es kam zum Gerichtsprozess, den Wilde nicht nur verlor, sondern wegen „Unzucht“ zu zwei Jahren Zuchthaus samt schwerer Zwangsarbeit verurteilt wurde.

Oscar (Rupert Everett) und Bosie (Colin Morgan) in einem Weinlokal über dem Meer. Bild: © Filmladen Filmverleih

Reggie (Colin Firth) besucht Wilde (Rupert Everett) am Krankenbett. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis setzt der Film ein: Oscar Wilde ist körperlich gezeichnet. Er verlässt Großbritannien, wo ihm als Geächteten ein Leben unmöglich geworden ist, und wird, verarmt und verlacht, ein Wanderer zwischen Paris und Neapel, wo er als Sebastian Melmoth mehr schlecht als recht seine Tage zubringt – immer so lange, bis sein Inkognito auffliegt und Gastwirte ihn verjagen. Ihm zur Seite stehen sein Freund Reggie Turner und sein ehemaliger Geliebter Robbie Ross, doch dann sucht Oscar wieder Kontakt zu Bosie …

Das alles, schäbige Zimmer in ebensolchen Absteigen, feucht-fröhliche Absinth-Abende in heruntergekommenen Bars, Knaben und Kokain, zeigt Everett in traumhaft schönen Albtraumbildern. In Visionen und Zeitsprüngen wird die Story geschildert.

Die Klammer bilden zwei Pariser Buben, denen Wilde seinen „Happy Prince“ vorträgt, das Märchen eines, der alles für sein Volk gab, bis es ihn schließlich abgehalftert auf den Misthaufen schmiss. Die Schauspieler sind allesamt fantastisch. Neben Everett und Colin Firth als Reggie überzeugen Edwin Thomas als Robbie und Neuentdeckung Colin Morgan als hochfahrender, selbstverliebter Bosie. In den schönsten Szenen sind Bosie und Oscar als Snobs unter sich. Emily Watson komplettiert den Cast als Wildes Ehefrau Constance.

„The Happy Prince“ ist das fiebrige Porträt eines skandalösen Genies. Im Nachspann ist zu lesen, dass Oscar Wilde posthum von den britischen Behörden pardoniert wurde. Es sollte wohl umgekehrt sein …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=nw9AwSKAxXQ

  1. 5. 2018

Romy Schneiders „3 Tage in Quiberon“

April 10, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Regisseurin Emily Atef im Gespräch über ihren Film

Emily Atef. Bild: Peter Hartwig

1981 verbringt der Weltstar Romy Schneider drei Tage in dem kleinen bretonischen Kurort Quiberon, um sich dort vor ihrem nächsten Filmprojekt ein wenig Ruhe zu gönnen. Trotz ihrer negativen Erfahrungen mit der deutschen Presse willigt die Schauspielerin in ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs  ein, zu dem der von Schneider geschätzte Fotograf Robert Lebeck die dazugehörige Fotostrecke liefert. Aus dem geplanten Termin entwickelt sich ein Katz- und Mausspiel zwischen dem Journalisten und der Ausnahmekünstlerin, das alle an ihre Grenzen bringt …

Inspiriert von den beeindruckenden, sehr persönlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Robert Lebeck von Romy Schneider in Quiberon gelangen, erzählt die Regisseurin und Drehbuchautorin Emily Atef  mit einer herausragenden Marie Bäumer in der Hauptrolle von einem entscheidenden Ereignis in der letzten Lebensphase einer der berühmtesten europäischen Schauspielerinnen.   In den Nebenrollen brillieren Birgit Minichmayr als Romys – fiktive – Freundin Hilde, Robert Gwisdek als Michael Jürgs und Charly Hübner als Robert Lebeck. Kinostart ist am 13. April. Emily Atef im Gespräch:

MM: Wie kamen Sie auf das Thema für den Film?

Emily Atef: Das Thema kam zu mir. Es war die Idee des französischen Produzenten Denis Poncet, der mit Marie Bäumer befreundet war, und es nicht verstehen konnte, dass sie nicht Romy spielt. Sie wurde sehr oft gefragt, und sie hat immer verneint, weil sie sich nicht anmaßen wollte, in einem Biopic zu spielen. Und dann haben sie Quiberon-Bilder gesehen, und sagten: Das ist es! Und da Sie merkten, dass der Film ein deutscher Film sein müsste, wegen der Sprache, der deutschen Protagonisten,  kam die Idee schließlich zu mir, auch weil Marie meine zweiten Film „Das fremde in Mir“ sehr mochte. Mich haben die Fotos von Robert Lebeck so bewegt, sie sind so wahrhaftig, reportagehaft, ungeschminkt, am Lachen, am Tanzen, am Hadern, am Weinen … Auch das Interview von Michael Jürgs hat mich umgehauen – und da sah ich einen Film. Auch ich hätte nie ein Biopic gemacht, denn man kann in 90 Minuten kein Leben erzählen, aber „3 Tage in Quiberon“, das geht gut.

MM: Der Film ist nun ein großartiges Kammerspiel geworden. Wie ist darin das Verhältnis von Fakt und Fiktion?

Atef: Ich habe vieles neu- und umgeschrieben. Viele Zitate sind auch authentisch. Ich habe mich mit Robert Lebeck, der ja 2014 verstorben ist, und Michael Jürgs getroffen. Das war sehr spannend. Die Freundin habe ich auch kennengelernt, doch die wollte nichts mit dem Projekt zu tun haben, das war ihr alles zu emotional. Aber sie hat mir erlaubt, eine fiktive Freundin zu kreiieren, so habe ich die österreichische Kindheitsfreundin Hilde Fritsch erfunden, und es war ein großes Glück für mich, dass ich diese vollkommen fiktive Figur zur Verfügung hatte. Michael Jürgs habe ich mehr zum Antagonisten gemacht, als er mutmaßlich war. Nach den Gesprächen und dem Sichten von ungefähr 600 Bildern, von denen gerade mal 20 bekannt sind, musste ich aber meine eigene Version der Geschichte schreiben …

MM: Das heißt?

Atef: Dass mich existenzielle Fragen interessiert haben. Dinge, die stellvertretend Frauen auch heute angehen. Über Mutterschaft, über Arbeit, Ruhm, Freundschaft – und, ob es überhaupt möglich ist, mit jemandem eine Freundschaft aufzubauen, der das von zu Hause aus nicht gelernt hat.

MM: Das macht die Erfindung der Hilde Fritsch umso betrüblicher, als Romy Schneider offensichtlich keine solche Jugendfreundin hatte.

Atef: Das stimmt. Sie hatte nicht viele Menschen, die für sie da waren.

Trotz ihrer Vorbehalte gegenüber der deutschen Presse willigt Romy Schneider (Marie Bäumer) in ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) ein. Bild: © Filmladen Filmverleih

Romy Schneiders (Marie Bäumer) beste Freundin Hilde (Birgit Minichmayr, l.) ist in dieser schwierigen Lebensphase für Romy da. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Und so zeigt Marie Bäumer Ihrer Intention gemäß mehr als Romy Schneider, nämlich einen Menschen, der an der Klippe steht?

Atef: Einen Menschen, der an der Klippe steht, aber auch einen, der bereit ist, nun eine Entscheidung zu treffen. Der Film handelt von einer Person, die zu sich kommt, auch wenn es vielleicht nur für einen Nachmittag ist, der Film handelt von einer Person, die ihren Frieden findet, auch wenn der nur ein paar Wochen dauern wird. Das ist es, das ist mir auch sehr wichtig dieser Tiefgang. Diesen seelischen Moment kann Romy niemand nehmen. Sie hatte ein hartes Jahr hinter sich, und wie wir wissen, das härteste noch vor sich. Doch auch, wenn ich in allen meinen Filmen Frauen in existenziellen Krisen zeige, brauche ich einen Hoffnungsschimmer. Und den gibt es am Schluss mit einer Szene in Paris …

MM: Mussten Sie für Ihren Dreh eine Erlaubnis einholen?

Atef: Ich hatte extrem viel Glück. Michael Jürgs hat mir alles erzählt, was ich wissen wollte, ich habe ihn mehrmals getroffen, und auch sein Darsteller Robert Gwisdek traf sich mit ihm. Ich habe ihm dann das Buch geschickt, und er meinte: Ich bin ja ein Satan von Anfang bis Ende. Das war hart für ihn, aber er hat mir nichts dreingeredet. Ich finde, Jürgs macht im Film die größte Entwicklung von allen Figuren durch: Ein junger, ehrgeiziger Journalist, der die große Story will, der seine Karriere pushen will, der Millionen Hefte verkaufen will, aber nach drei Tagen nur seine ganze Art zu Arbeiten hinterfragt. Das ist eine große Verwandlung, die Jürgs dann auch akzeptiert hat, obwohl er ziemlich geschluckt hat. Und ich sagte wieder, Romy hat dir im Endeffekt vertraut und sie hatte recht, er hat ihr ja auch den Final Cut gegeben. Im echten Leben sind die beiden nämlich befreundet geblieben, und sie hat ihm noch ein Interview gegeben. Das einzige, nachdem ihr Sohn tödlich verunglückt war. Das Interview war aber so unendlich traurig, dass Jürgs es nicht freigegeben hat. Da hat er sie geschützt.

MM: Apropos, wenn jemand vor der Kamera so viel gibt, wie Marie Bäumer, gehen Sie da als Regisseurin auch in Beschützerhaltung?

Atef: Ja, das ist wichtig. Ich habe drei Jahre an dem Projekt gearbeitet, da haben wir uns auch befreundet, aber sie konnte nicht über die Rolle reden, sie hatte Angst davor, sie zu spielen. Einen Monat vor Drehbeginn sagte ich, jetzt müssen wir aber, und dann hat sie sich voll drauf eingelassen. Marie war wahnsinnig fragil in dieser Drehzeit, sie musste auch tief in die Krise von Romy schlüpfen und konnte dazu kaum schlafen, um Kräfte zu sammeln. Durch diese Anstrengung hatte sie aber die Ausstrahlung, die man nun in den Bildern sieht. Dazu diese Halbinsel Quiberon, die immer noch die emotionale Energie von damals ausstrahlt, weil sich dort kaum etwas verändert hat. Das war auch für mich superanstrengend. Ich hatte den Vorteil, dass mein Produzent Karsten Stöter mir die Zeit gegeben hat, mit den Schauspielern intensiv zu arbeiten, und auch sagen zu können, heute klappt’s nicht, machen wir das morgen.

MM: Und die Entscheidung in Schwarzweiß zu arbeiten …

Atef: … hat den einen oder anderen Geldgeber anfangs nicht entzückt. Für mich kam aber nichts andere infrage, inspiriert von Lebeck habe ich die Szenen schon beim Schreiben immer in Schwarzweiß gesehen. Ich konnte nicht anders. Und es ist auch eine Brücke zur Fiktion, das Schwarzweiße macht klar, dass das nicht die x-te Reportage über Romy Schneider ist.

Charly Hübner spielt Robert Lebeck. Bild: © Filmladen Filmverleih

Marie Bäumer. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Mit Marie Bäumer spielen handverlesene Schauspieler: Birgit Minichmayr, Charly Hübner und Robert Gwisdek.

Atef: Mir ist dieses Quartett superwichtig. Dass jede Figur ihre Perspektive hat. Natürlich kreisen alle um Romy, aber die anderen Figuren sind mehr als Staffage, sie haben ein Eigenleben, der Fotograf in seinem Zwiespalt zwischen Freund sein wollen – und trotzdem die Doppelseite im Stern haben, egal, ob’s Romy dabei gut geht oder nicht, der Journalist, der sich vorgenommen hat, über Leichen zu gehen und das dann doch nicht kann und überraschenderweise für sich selbst sehr getroffen ist, die Freundin, die zum Bodyguard werden muss. Sie ist mein Blick auf die Sache, ihr:  Was geht denn hier ab? Und Birgit spielt das ganz großartig. Sie kann Missbilligung ausdrücken, ohne das Gesicht verziehen zu müssen. Sie wirkt, auch wenn sie mal im Hintergrund sitzt. Als ich anfing, diese fiktive Hilde zu schreiben, habe ich Birgit sofort in jeder Zeile gesehen. Sie spielt mit jeder Pore.

MM: Hat Michael Jürgs eine Erklärung dafür, warum sich Romy Schneider in diesem Gespräch so geöffnet hat? Im Film hat nicht zuletzt der Alkohol die Schuld daran.

Atef: Ich vermute, sie wollte in Deutschland ihr Bild in der Öffentlichkeit zurechtrücken. Die Deutschen waren ja sehr beleidigt, dass ihre Romy mit diesem Filou Alain Delon nach Frankreich abgehauen ist, und dort jetzt „solche“ Filme dreht, nachdem sie in Deutschland so ein braves Mädchen war. Ihre „Sissi“! Die wollten nicht, dass sie erwachsen wird und sich emanzipiert! Sie wurde deshalb fertiggemacht in der Presse, und hat auch wenig deutsche Interviews gegeben. Hier ging’s nur über ihre Fehlgeburten, Scheidung, Probleme … in Frankreich hat man sie so geliebt, dass man ihr das nicht angetan hat, obwohl es auch da Boulevardpresse gab. Im Jürgs-Interview wollte sie sich den Deutschen zeigen, wie sie wirklich ist. Sie sagt ja: Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren. Das ist Originaltext. Sie wollte sich erklären, und natürlich klappt das nicht.

MM: Wenn man sich mit solch einem Interview beschäftig, wächst die eigene Skepsis gegenüber der Presse?

Atef: Gegenüber einer gewissen Art von Journalist, ja. Es gibt immer welche, die einem Dinge in den Mund legen, die Sachen erfinden, um ihre Interviews zu verkaufen. Der öffentliche Mensch kann dann nur seine Anwälte bemühen, aber das ist denen egal, weil sie mit der Auflage genügend verdienen. Heute ist es noch schlimmer als damals, denn wenn heute ein Promi etwas sagt, verbreitet es sich im Internet einmal um den Globus und verschwindet nie mehr wieder. Damals haben die Leute die Zeitschrift irgendwann weggeworfen und gut war’s.

MM: Wäre Romy Schneider eine schlechtere Schauspielerin gewesen, wäre sie nicht so dünnhäutig gewesen?

Atef: Es gibt auch fantastische Schauspielerinnen mit einem gesunden Privatleben, Meryl Streep zum Beispiel.

MM: Wollen Sie, dass Ihr Film den Blick auf Romy Schneider verändert?

Atef: Nein, das war nie meine Absicht. Weder, dass man etwas Neues über sie erfährt, noch dass sich der Blick ändert. Ich möchte, dass man mit der Film-Romy mitleidet und mitlacht, und dass man von ihr berührt ist, von allen Figuren eigentlich. Ich möchte mit diesem Film dem Publikum die Chance geben, dabei zu sein bei diesen fiktiven Geschehnissen. Im Sinne, wie Picasso sagt: Kunst ist eine Lüge, die wahrhaftiger ist als die Wahrheit.

www.3-tage-in-quiberon.de

10. 4. 2018

Die Bücherdiebin

März 20, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lesen kann Wunden heilen

Liesel Meminger (Sophie Nélisse) Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Liesel Meminger (Sophie Nélisse)
Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Es wäre leicht zu sagen, dieser Film ist kindlich-naiv. Die 13-jährige Hauptdarstellerin Sophie Nélisse, „Liesel“, wurde in der kanadischen Provinz Quebec geboren. Vom Holocaust hat sie in der Schule so gut wie nichts gehört. Anne Frank? Kennt sie nicht. Im Dritten Reich wurden Bücher verbrannt? Wirklich? Ihr deutscher Partner, Nico Liersch (Rudi Steiner), 14 Jahre alt, weiß das natürlich alles. Und genau so sollte man „Die Bücherdiebin“ sehen: Wie Tom Cruises für europäische Augen grottenschlechte „Operation Walküre“, die aber in den USA das Bewusstsein schuf, dass es sehr wohl innerdeutschen Widerstand gab. Nicht jeder Fritz war ein Nazi. Außerdem adelt Regisseur Brian Percival („Downton Abbey“ – we love it!) die Verfilmung seines Weltbestsellers des australischen Autors Markus Zusak mit Geoffrey Rush, Emily Watson, Ben Schnetzer und Ben Becker als Tod. Als tiefrauchige Stimme aus dem Off. Darüber hinaus sind Burgschauspieler Oliver Stokowski als Rudis Vater, Burg-Gast Matthias Matschke als NSDAP-Mitglied und Heike Makatsch als Liesels Mutter zu sehen

Erzählt die Geschichte von Liesel, deren jüngerer Bruder stirbt, kurz bevor sie zu ihren neuen Pflegeltern kommt – zum herzensguten Hans Hubermann (Geoffrey Rush) und zu seiner etwas kratzbürstigen Frau Rosa (Emily Watson). Rosa verkörpert anscheinend das Böse und Inhumane dieses an den Führerlippen hängenden Deutschlands, ihr Mann Hans das nun untergebutterte Menschliche, das gute Worte nun nur noch zu flüstern, milde Gesten nur noch heimlich auszuführen wagt. Erschüttert vom nur ein paar Tage zurückliegenden tragischen Tod ihres jüngeren Bruders und noch etwas eingeschüchtert von ihren neuen „Eltern“, die sie gerade erst kennengelernt hat, bemüht sich Liesel, sich anzupassen – zu Hause wie auch in der Schule, wo ihre Klassenkameraden sie als Dummkopf verspotten, weil sie noch nicht lesen kann. Doch mit der unbeirrbaren Leidenschaft einer wissbegierigen Schülerin, ist Liesel entschlossen, diesen Makel abzustellen. Und sie bekommt Hilfe, von ihrem einfühlsamen „Papa“ Hans, der Tag und Nacht mit Liesel arbeitet, als sie über ihrem ersten Buch sitzt und es intensiv studiert. Hans ist von Beruf Anstreicher und sein ständiger Begleiter ist ein altes Akkordeon, dem er warme und keuchende Klänge und Akkorde entlockt. Er wirkt wie ein sehr einfacher Mann, tatsächlich aber steht er in puncto Komplexität keiner Figur nach, die Rush in seiner Karriere bisher verkörpert hat. „Hans’ größte Gabe ist meines Erachtens seine sehr ausgeprägte emotionale Intelligenz“, beschreibt Rush seine Figur. „Und diese Feinfühligkeit führt auch dazu, dass er fast auf Anhieb eine enge Beziehung zu Liesel aufbauen kann. Hans spürt, dass Liesel sehr schwere Zeiten durchgemacht hat und er versucht Wege zu finden, sie aus der Reserve zu locken – manchmal eben auch durch das Akkordeon, das er mit großer Begeisterung spielt.“

Fantasie und die Macht und die Magie der Worte, Herz und Seele wie auch der unbedingte Wille, durchzuhalten und das Gefühl, dass letztlich das Gute triumphieren wird, sind die dramaturgischen Motoren des Films. Nur so kann man den verstörenden Ereignissen entfliehen. Lesen kann Wunden heilen.

Doch Brian Percival inszeniert ein geschicktes Täuschungsmanöver. Die Hubermanns, so verschieden die Charaktere und Überlebensstrategien von ihr und ihm auch sein mögen, sind alles ­andere als Nazis. Es sind Oppositionelle, von den waschechten Hakenkreuzlern misstrauisch beäugt und  aus­gegrenzt. Wie wagemutig und anders sie sind, zeigt sich, als sie den Juden Max (Ben Schnetzer) bei sich verstecken. Liesels Faszination für ihren neuen Mitbewohner erwacht, da beide verwandte Seelen sind. Beide sind Vertriebene, haben ihre Familien verloren und entwickeln zueinander eine starke Bindung. Beide lieben sie Bücher, und das wird für ihr Überleben schließlich genauso wichtig wie Essen und Schutz. Max lehrt Liesel viel mehr als nur noch besser lesen zu können. Er lehrt sie, wie sie Worte einsetzen und verwenden muss und öffnet ihr damit die Augen für die Welt, in der sie lebt – in seinem neuen Heim, im dunklen und manchmal eisigkalten Keller. Auch ihr junger Nachbar und Schulkamerad Rudi Steiner verändert Liesel. Liesel und Rudi werden schnell Freunde, machen alles gemeinsam und stehlen zusammen auch Bücher, wobei Liesel stets betont, dass sie diese nur „ausleihen“ würde. Tatsächlich ist es auch Rudi, der Liesel den Spitznamen „Die Bücherdiebin“ gibt.

„Die Bücherdiebin“ beginnt Verbotenes zu lesen und holt sich Literatur auch aus dem Haus eines Nazibonzen und von den für sie aufgestellten Scheiterhaufen. In einer von  großen Emotionen aufgeheizten  Sequenz wird Liesel Zeuge, wie unter dem Jubel der Stadtbewohner Tausende von Büchern in den Flammen verbrennen. Nach diesem schockierenden Erlebnis rettet Liesel ein Buch, das noch vor Hitze qualmt, vor dem alles vernichtenden Feuer. Eine brandgefährliche Situation … Für seinen Roman ließ sich Markus Zusak von Geschichten inspirieren, die ihm seine Eltern in seiner Kindheit in Australien erzählten. „Man hatte das Gefühl, als würde unsere Küche zu einem Teil von Europa, wenn meine Mutter und mein Vater von ihrer Kindheit in Deutschland und Österreich, von den Bombardierungen Münchens und von den Gefangenen erzählten, die die Nazis im Marschschritt durch die Straßen trieben“, erinnert sich Zusak. „Damals war mir das noch nicht bewusst, aber diese Geschichten brachten mich schließlich dazu, Schriftsteller werden zu wollen. Ein zentrales Thema der Geschichte ist, dass Hitler die Menschen, das deutsche Volk, mit seinen Worten zerstört. Liesel holt sich diese Worte zurück, sie stiehlt sie und schreibt dann mit ihnen ihre eigene Geschichte.“

Brian Percival geht sehr sorgsam mit der Vorlage um; er inszeniert fehlerlos. Und führt seine Schauspieler zu Höchstleistungen. Manche werden „Die Bücherdiebin“ als opulent bebilderte Schulze schelten, man sollte darin aber eine große Geschichte über Mut, Mitmenschlichkeit und Anstand sehen. Und übers Neinsagen. Natürlich gibt es drastischere Filme über das Dritte Reich. Sie sind wichtig. Aber hier darf man froh sein über jeden, der sich zu Zivilcourage – und zum Lesen – animieren lässt!

www.diebuecherdiebin-derfilm.de

www.thebookthief.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7Wt38kDWjaI

Wien, 20. 3. 2014

Thiemo Strutzenberger im Gespräch

November 6, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schauspielhaus Wien: „Queen Recluse“

Bild: © Matthias Herrmann

Bild: © Matthias Herrmann

Thiemo Strutzenberger, bekannt als Darsteller am Schauspielhaus Wien, hat ein Stück über die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson geschrieben. „Queen Recluse“ wird am 14. November im „Nachbarhaus“ uraufgeführt. Kaum ein Dutzend jener fast 1800 Gedichte, die ihr radikales Lebenswerk darstellen, ließ Emily Dickinson, die postum zu einer Ikone des Feminismus avancierte, zu Lebzeiten publizieren. Abgesehen von den Briefen, mit denen sie Kontakt zur Außenwelt hielt, schrieb sie praktisch nur für sich selbst, zurückgezogen in ihr Zimmer, das sie nur noch in Ausnahmefällen verließ. Diesen historischen Umstand macht sich Thiemo Strutzenberger in seiner Dramatisierung dieses Künstlerinnenlebens zunutze und lässt deren Schwester und Schwägerin immer wieder als Dickinson auftreten. Queen Recluse erzählt von Rollenzuschreibungen und Identitäts-Vexierspielen: In gleichsam spiralförmiger Bewegung nähert sich Strutzenberger mit einer Fülle an kulturhistorischen Materialien und literarischen Bezügen der Psyche einer mutig in die Domänen des Männlichen eindringenden Frau, deren Rückzug ins Private keineswegs als innere Emigration zu lesen ist. Es spielen Barbara Horvath, Steffen Höld, Gideon Maoz und Myriam Schröder. Regie führt Martin Schmiederer.

Ein Gespräch mit Thiemo Strutzenberger:

MM: Ich kam erstmals mit Emily Dickinson in Berührung, als ein einstmals Abgewiesener mir eines ihrer Gedichte als Adieu schickte:

Proud of my broken heart since thou didst break it,

 

  Proud of the pain I did not feel till thee,

 

Proud of my night since thou with moons dost slake it,

 

  Not to partake thy passion, my humility.  

Wie, warum, wo sind Sie ihr begegnet? Woher kommt das Interesse an Emily Dickinson?

Thiemo Strutzenberger: Danke, das zu teilen. Meine Begegnung mit ihr war vielleicht eine kühlere, weniger persönliche. Über einen Aufsatz von Diana Fuss, der „Interior Chambers“ heißt, bin ich auf sie gestoßen, als ich gerade eigentlich in eine andere Richtung gearbeitet habe. Die Perspektiven, die dieser Aufsatz aufmacht, müssen mir extrem gefallen haben, sie gefallen mir immer noch. Ich schwenkte dann um und es ging um Dickinson. Im Stück bleibt ihre Lyrik aber eigentlich außen vor.

MM: Es gibt nicht viele Worte, die zu Emily Dickinson passen. Unerhört, unerschrocken, skandalös, originell – das sind Beschreibungen, die man ihr anprobiert hat. Keine trifft wirklich auf sie zu. Sie nennen Ihr Stück „Queen Recluse“, wohl wegen Dickinsons zurückgezogenen Lebensstils; sie teilen ihre Figur auf mehrere Schauspieler. Ein Kunstgriff. Wie kamen Sie darauf? Erklären Sie bitte ein wenig von Ihrem dramatischen Konzept…

Strutzenberger: „Queen Recluse“ ist auch eines der allerdings noch poetischeren Lables, die man ihr aufgedrückt hat. Sandra Gilbert und Susan Gubar, die ein einflussreiches Buch geschrieben haben, „The Madwomen in the Attic“, unternehmen den Versuch überhaupt auf „recluse“ zu verzichten, und nur noch zu sagen: Queen. Was ist, wenn Dickinson eine Dichterin war, der es gelungen ist, die Königin in sich heraus- und zum Tragen zu bringen? Das wäre ein Zugang, der nicht pathologisieren würde, was heißt sie zum Beispiel unter der Perspektive der Depression, der Soziophobie oder der Agoraphobie zu lesen, sondern der sich genauer ansehen könnte, was sie versucht hat, was ihr gelungen ist. Emily Dickinson ist in „Queen Recluse“ aber keine aufgeteilte Figur. Es müsste immer relativ klar sein, dass Barbara Horvath, die eigentliche Emily Dickinson spielt. Dass auch andere Figuren so tun als wären sie Emily ergibt sich aus dem biographischen Umstand, dass Emily Dickinson zum Beispiel ihre Schwester Lavinia beauftragt hat, so zu tun, als wäre sie Emily, damit sie selbst nicht in Erscheinung treten muss. Aber es stimmt, die Figuren treiben ein bisschen ein Verwirrspiel. Sie sagen, diese Beschreibungen hat man ihr anprobiert: Auch das Stück legt seinen Fokus darauf, dass Wörter, Bezeichnungen, Begriffe den Männern und Frauen Kleider anlegen. Auch das Kleid der eigenen Haut, des eigenen Körpers. Auch die Kleider der Wohnungen, Häuser, der Architekturen. Das Stück geht davon aus, dass Materialitäten und Sprachen auf eine bestimmte Art und Weise in einem wechselseitigem Herstellungsverhältnis stehen. Eine Verhältnis, das etwa Judith Butler zu denken und zu politisieren versucht hat.

MM: Sehr schön finde ich, wie Sie die Nonkonformistin herausarbeiten, eine, die vor der lauten, vulgären Welt in die Exklusivität des stillen Kämmerleins flieht, um von dort aus das Weltgeschehen zu kommentieren. Emily Dickinson war, so meine Meinung, bitte zustimmen oder widersprechen ;-), ein hochpolitischer Kopf, ungewöhnlich, das heißt: eher unerwünscht für eine Frau ihrer Tage. Wie sollte eine intellektuelle Frau im Amerika der puritanischen Erweckungsbewegungen und der Sklavenaufstände sein? Was außer Salongeplauder und gelehrten Keksrunden in Bostoner Plüschsesseln hätte sie „draußen“ erwartet?

Strutzenberger: Ich denke, dass sie sich unter der Bedingung des Rückzugs ihrem eigenen In-der-Welt-Sein irgendwie anders als andere stellen konnte. Es ist im vordergründigen Sinn nicht sehr politisch, sich zurück zu ziehen, gerade, wenn man diesen Rückzug als Rückzug ins Private begreift. Der Gewinn wäre dann: Man nimmt weniger Teil an dem, was einem an der Welt korrupt und hässlich erscheint, wie es im Stück heißt. Das Stück stellt aber dazu die These auf, die nicht sonderlich originell sein mag, aber die mir wichtig ist: Dass es sich bei Dickinsons endgültigen Rückzug, um soetwas wie einen Rückzug in die Öffentlichkeit handelt. Um eine emanzipatorische Geste. Deshalb steht für das Stück die Materialität ihres Wohnens im Vordergrund.Ich denke die Rolle der öffentlichen Intellektuellen hat es im nordamerikanischen 19. Jahrhundert schon gegeben, man müsste nachschauen in welcher Form. Genauso Autorinnen, die die Feder erstmalig, soweit ich weiß, für sich in Anspruch genommen haben. Dickinson hätte die Rolle einer öffentlich autretenden Intellektuellen womöglich nie für sich in Anspruch genommen. Geht es ihr nicht um das Kleine? Um das kaum Wahrnehmbare? Um das was verschwindet? Um die Ungeheurlichkeit dessen, was verschwindet? Oder auch um große Glückszustände? Ich weiß nicht. Ich glaube, so wie andere weibliche öffentliche Personen, die es wohl auch gegeben hat, hätte sie schon ‚draußen‘ sein können. Aber sie wollte halt nicht. Es geht dabei vielleicht auch um die Verweigerung des Wechselns des Hauses, des Antretens eines Lebens als Ehefrau und potentielle Mutter, an der Seite eines Mannes in einem anderen Haus, als dem, in dem sie aufgewachsen ist. Der Skandal für andere ist womöglich, dass Dickinson ihr Haus nicht wechselt, dass sie in einem extremeren Sinn ‚zuhause bleibt‘, dass sie eine gewisse Kindheit damit nicht überkommt

MM: Ist Dickinson eine „Vorfahrin“ von Elfriede Jelinek? Der jemand dieses Die-Welt- nur-aus-den-Medien-kennen übrigens kürzlich erst zum Vorwurf machte. Wie finden Sie das denn?

Strutzenberger: Es gibt zumindest in beiden Fällen, auch bei Jelinek, dieses komische Pathologisieren der jeweiligen Scheu. Der Vorwurf ist darüber hinaus nicht zu halten. Der Unterschied zu Emily Dickinson könnte sein, dass Elfriede Jelinek sich das Sprechen der halt vor allem medialen, öffentlichen Welt, falls das überhaupt etwas sagt, aneignet und in dieser Aneignung unterwandert, angreift und über sich hinausgehen lässt. Während Dickinson ihre mediale Umgebung nicht angreift, sondern ihr irgendwo entgeht, überhaupt anders spricht, als alles, was man gewohnt ist zu hören, zu sehen, zu leben. Aber das weiß ich auch nicht genau. Die-Welt-aus-den-Medien-kennen heißt für das nordamerikanische 19. Jahrhundert und das beginnende jetzige wohl etwas radikal Anderes. Öffentlichkeit und Privatheit sind vollkommen anders verteilt. Ich weiß nicht recht, warum man diese zwei Formen künstlerischer Grund- und Lebensentscheidungen vergleichen soll.

MM: Ihr Text, Herr Strutzenberger, und das ist als Kompliment gemeint!, entlehnt nicht nur Dickinson-Zitate („Weißt du nicht, dass die Sprache kein Wort so wild kennt wie Nein?“), sondern auch ihren „Flatterstil“: Die Verrätselung, das Spiel mit Andeutungen, Gedichte, deren Sinn man mehr ahnt als begreift, Briefe, die sich wie Gedichte lesen. Der Gestus  spröde und unversöhnlich, es gibt keine ausgemalten Szenen, keine stofflichen Bilder, kaum Gleichnisse, so gut wie keine Sentimentalität. Eine gewollte Annäherung, oder „passiert“ einem das, wenn man sich mit Dickinson beschäftigt?

Strutzenberger: Es hat vielleicht eher mit dem theoriegeprägten Zugang zu tun. Ich denke, es passiert einem weniger als Imitation von literarischen Techniken von Dickinson selbst, sondern aufgrund eigener dramatischer Prägungen und Dispositionen. Das Stück ist ja schon vor Jahren entstanden und längst fertig. Es ging dabei darum, Zusammenhänge zum Beispiel nicht nur explizt herzustellen und wilder zu springen, als es vielleicht sein müsste. Das Anreißen der Beziehungen, das Skizzenhafte der Situationen, ich denke, das habe ich eher von meiner damaligen Vorstellung her, wie man überhaupt ein Drama schreiben könnte, und da spielten das vordergründig nicht Zusammenhängende, die Möglichkeiten der Montage, des Alogischen eine Rolle, das stimmt.

MM: Liebe kommt vor. Susan. Etwas, das man zu Emily Dickinsons Lebzeiten nicht hätte ansprechen dürfen …

Strutzenberger: Die Frage ist vielleicht, ob man es überhaupt hätte ansprechen können. Es gibt gerade im 19. Jahrhundert einen extrem dichten Kampf, um mögliche Bezeichnungen für gleichgeschlechtliche Liebe und Begehren. Man weiß nie, in welchem Wort sich welcher Hinweis darauf verbirgt. Man hätte gar nicht sagen können: Das sind weibliche Homosexuelle. Oder eine von beiden ist eine weibliche Homosexuelle. Diese Bezeichnung setzt sich parallel gerade erst zeitgleich im europäischen Raum durch, als sogenannte Identitätskategorie, aber auch als sehr undurchsichtiges Bedeutungssystem. Ist es gerade, was Liebe unter Frauen und auch unter Männern betrifft, nicht auch so, dass man es, historisch gesehen, immer auch mit dem „Unsagbaren“ zu tun hat? Etwas das man bezeichnet, indem man es am besten überhaupt nicht bezeichnet, indem man kurz schweigt, weil man kein Wort dafür hat, oder zu viele, oder nicht weiß wieviele und welche es sind? Und nicht weiß, was welche bedeuten? Man hätte es vielleicht gar nicht ansprechen können. Aber Dickinson und ihre Schwägerin und Nachbarin Susan Gilbert haben es womöglich selber ansprechen können, in den Briefen, die sie einander geschrieben haben, zum Beispiel. Vielleicht war ihnen das „Es Ansprechen“ möglich, erlaubt.

MM: Martin Schmiederer wird Ihr Stück im „Nachbarhaus“ zur Uraufführung bringen. Barbara Horvath, Steffen Höld, Gideon Maoz und Myriam Schröder teilen sich fünf Rollen. Dazu habe ich zwei Fantasien: Entweder Ihre Kollegen sitzen auf Stühlen regungslos aufgereiht oder „wurschteln“ sich auf der Enge der Bühne im Spiel aneinander vorbei. Beides passt zum Titel „Queen Recluse“. Verraten Sie schon was dazu?

Strutzenberger: Ich hoffe sie wurschteln. Aber dazu kann ich nichts sagen. Es ist Martins Inszenierungsarbeit. Ich greife ich ihm dabei nicht vor. Ich greif auch nicht ein.

MM: Mitzuagieren wäre ein No Go?

Strutzenberger: Ja, für mich schon.

MM: Als Ensemblemitglied des Schauspielhauses Wien ist man alles andere als unterbeschäftigt. WANN schreiben Sie noch?

Strutzenberger: Ich schreibe kaum noch Stücke. Vielleicht gibt es mal wieder mehr Zeit.

MM: Sie sind derzeit in „Die Wohlgesinnten“ und „plebs coriolan“ zu sehen. Das Ausnahmeprojekt „Der seidene Schuh“ war nicht zuletzt wegen Ihrer Leistung als Don Rodrigo (vom romantisch-verzweifelten Liebhaber zum Eroberer-Despoten zum einbeinigen, desillusionierten Alten) für den Nestroy-Spezialpreis nominiert. Sie scheinen auch als Schauspieler gern „die Herausforderung anzunehmen“? Haben Sie’s gern schwer?

Strutzenberger: Ja, das kann schon sein. Zumindest kompliziert hab ich’s gern.

MM: Als nächstes spielen Sie mit Nicola Kirsch „Konstellationen“ von Nick Payne. Premiere ist zwar erst am 31. Dezember, trotzdem schon am Üben fürs Silvesterprogramm?

Strutzenberger: Wir üben schon, ja.

ZUM AUTOR: Thiemo Strutzenberger, geboren 1982 in Kirchdorf/Krems (Oberösterreich). Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien sowie Studium der Philosophie, Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien, wo er auch den Masterstudiengang für Gender Studies belegte. Während seiner Schauspielausbildung spielte er in René Polleschs Liebe mich irgendwie, nein lieber doch nicht, wofür er 2004 den Vontobel-Preis beim Theatertreffen Deutschsprachiger Schauspielstudierender Hannover gewann. Neben seiner Ausbildung war er zwischen 2002 und 2005 am Burgtheater Wien engagiert, wo er u.a. in Hamlet von William Shakespeare (2002, Regie: Klaus Maria Brandauer) und Ernst ist das Leben/Bunbury von Oscar Wilde/Elfriede Jelinek (2005, Regie: Falk Richter) spielte. Zwischen 2005 und 2007 folgte ein Engagement am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, wo er u.a. in Die Krönung Richards III von Hans Henny Jahnn (2005, Regie: Sebastian Nübling) mitwirkte. In der Spielzeit 2008/09 arbeitete er am Theater Neumarkt in Zürich bei Barbara Weber und Rafael Sanchez. Zuletzt spielte er die Hauptrolle in Local Heroes, einem Kinofilm von Henning Backhaus (2012). Dramatikerstipendium des Bmukk, Dramatikerstipendium der Literar-Mechana (beide 2010), Teilnehmer am Forum-Text-Lehrgang des Dramaforum der uniT Graz (2011-13). Am Schauspielhaus Wien spielte er in der Spielzeit 2007/08 in der Uraufführung von wohnen. unter glas, seit 2010/11 ist er fixes Ensemblemitglied. In der Saison 2008/09 nahm er am Autorenförderprogramm stück/für/stück teil, für sein dabei entstandenes Stück Hunde Gottes erhielt er den Publikumspreis. 2010 wurde am Schauspielhaus sein Stück X. The Zofen Suicides im Rahmen der Serie Die X Gebote uraufgeführt.

Wien, 6. 11. 2013