Rabenhof: Rotterdam

September 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der richtige Mensch hat kein falsches Geschlecht

Tanja Raunig und Miriam Fussenegger. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Mit der Wahl von „Rotterdam“ als Stück zum Saisonauftakt hat das Rabenhof Theater gewagt und gewonnen. Im vergangenen Jahr in Großbritannien mit dem Olivier Award ausgezeichnet, stand nun im Erdberger Gemeindebau die kontinentaleuropäische Erstaufführung an. Der Autor der Transgenderkomödie ist hier kein Unbekannter mehr: Jon Brittain, dessen Show „What would Spock do“ erst im März am Haus zu sehen war.

„Rotterdam“ dreht sich also rund um Geschlechteridentitäten. Das lesbische Paar Julia und Teresa ist aus dem muffigen Wien in die weltoffene Hafenstadt entwichen, um unbeschwert seine Beziehung leben zu können. Just an Silvester, gerade als Julia nach Jahren des Zögerns endlich den Mut sucht, vor ihren Eltern ihr Coming-Out zu haben, eröffnet ihr Teresa, dass sie sich eigentlich als Mann identifiziert und fortan als Adrian leben möchte.

Das setzt Julia unter Schock, vor allem auch, weil diese Ankündigung Fragen nach ihrer eigenen Sexualität aufwirft: Macht ihre neu zu definierende Beziehung sie nun hetero? Julia wendet sich um Rat an Teresas Bruder Christoff, der noch dazu ihr Ex ist.

Heißt: Teresa hat Julia Christoff einst ausgespannt. Und dann ist da noch die quirrlig-durchgeknallte Holländerin Ulrike, eine Bürokollegin, die ein Auge auf Julia geworfen hat … Es ist die große Kunst des englischsprachigen Theaters, einen Stoff wie diesen leichtfüßig, doch ohne, dass das Publikum durch Untiefen hindurch muss zu lassen. „Rotterdam“ ist so hinreißend romantisch wie gesellschaftspolitisch brisant. Und, man hört es an den amüsierten Zuschauerreaktionen am Premierenabend, trotz des ernsthaften Umgangs mit dem komplexen Thema für viele Lacher gut. Die Inszenierung von Fabian Pfleger ist dank der ohne Genierer agierenden Darsteller supersympathisch.

Raunig, Fussenegger und Josef Eller. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Tanja Raunig und Lena Kalisch. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Miriam Fussenegger spielt Teresa/Adrian an der Schwelle eines Frau-wird-Mann-Seins. Die Angst vor dem großen Schritt Geschlechtsumwandlung schwingt bei aller Ruppigkeit in jedem Wort mit, zu sehr konzentriert sie sich auf die unter Ahnungslosen üblichen Begriffsverwirrungen denn auf ihr eigenes, tatsächliches Ich. Die Sinnkrise der einen wird zur Sinnkrise der anderen, Tanja Raunig als Julia, die bald nicht mehr weiß, zu wem sie sich da eigentlich hingezogen fühlt. Während die eine schon wissen will, wie sich Liebe machen mit Penis anfühlt, scheut sich die andere vor der Penetration.

Josef Ellers ist als Christoff der gutmütige Frauenversteher, der zwischen den Liebenden zu vermitteln versucht, und dabei naturgemäß an seine Grenzen stoßen muss. Lena Kalisch spielt als fröhlich-laute Ulrike gekonnt mit den Nederland-Klischees freier Sex, freier Zugang zu Drogen und Hoera! voor de Koning. Für all das hat Sarah Sassen drei in wechselnd buntem Neonlicht changierende Kuben auf die Bühne gestellt, die sich blitzschnell in immer neue Räume verwandeln.

Die Frage, wie sehr das Geschlecht, das biologische, das psychologische, das soziale, den Menschen bestimmt, ist die, die man nach dieser Aufführung mit nach Hause nimmt. Jon Brittain hat darauf eine berückende Antwort, nämlich, dass der richtige Mensch für einen gar kein „falsches“ Geschlecht haben kann.

www.rabenhoftheater.com

  1. 9. 2018

Bronski & Grünberg: Richard III.

Oktober 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mordsspaß mit dem Monster

Sympathy for the Devil: Josef Ellers macht aus Richard III. einen charmanten Verführer. Bild: © Philine Hofmann

Es gibt viele gute Gründe, warum Shakespeare-Aficionados sich die aktuelle Produktion im Bronski & Grünberg nicht entgehen lassen dürfen, und es gibt einen sehr guten Grund – namens Josef Ellers. Der 29-jährige Klagenfurter gibt einen „Richard III.“ wie ihn sich der britische Barde wohl gewünscht hätte. Verschmitzt, falsch und verräterisch, um Verständnis, ja um Mitleid heischend, da unschuldig „ums schöne Ebenmaß verkürzt“, und mehr als gewillt, den Dreckskerl aufzuführen. Das Ziel heißt Krone, dafür werden Kollateralschäden in Kauf genommen.

Ellers wischt alle möglichen Vorbilder, die Wien schon gesehen hat, scheint’s unbekümmert aus dem Blickfeld. Er macht auf charmanter Manipulator, und buckelt dabei im Wortsinn wie ein treuer Diener des Staates; statt A-part-Sprechen setzt er aufs Beiseitegrinsen, macht sich so das Publikum zum Komplizen, und tatsächlich, man hat Sympathien für diesen gerissenen Teufel. Der hat Witz, der hat Charisma, man hat einen Mordsspaß mit dem Monster. Und endlich einen Richard, bei dem verständlich ist, warum die diversen Witwen der von ihm Gemeuchelten auf ihn fliegen …

Helena Scheuba ist als Regisseurin und Übersetzerin für diese tadellose Inszenierung verantwortlich, mit der das Bronski & Grünberg seine zweite Saison eröffnete. Auf der Rückwand hat Bühnenbildner Daniel Sommergruber den „Schummelzettel“ angebracht, die Stammbäume der Geschlechter Lancaster und York. Auf einen Blick erklärt sich wer mit oder warum gegen wen, während Richard, das rote Farbkübelchen in der Krüppelhand, blutrünstig und mit Malerpinsel die Namen derer streicht, die er bereits gefällt hat. Ganz am Rande steht – Richmond, und darunter hängt sein Schwert.

Elizabeth schwört ihre Verbündeten ein: Johanna Rehm mit Sophie Aujesky und David Jakob. Bild: © Philine Hofmann

Schwarze Tränen und Verwünschungen für Richard: David Jakob als Königin Margaret. Bild: © Philine Hofmann

Wie überhaupt jeder Figur eine Requisite zugeteilt ist. Sophie Aujesky, Johanna Rehm und David Jakob nehmen sie von den jeweiligen Haken, verwandeln sich blitzschnell in den nächsten Charakter. Das tolle Dreiergespann schlüpft in alle weiteren Rollen, stattet zwei Dutzend Nebenfiguren mit oder ohne Rückgrat, mit übler Gesinnung oder nobler Haltung aus – ob Mann oder Frau ist egal. Und so ist Sophie Aujesky unter anderem ein großartig wütender Eduard, ein ehrenwerter Lord Hastings und eine angewiderte und dennoch leicht um den Finger gewickelte Anne (deren Name auf der Wand entsprechend die Seiten wechselt).

David Jakob brilliert vor allem als Richards Mann fürs Grobe, Buckingham, und als parzenhafte, schwarze Tränen weinende Königin Margaret. Außerdem ist er der im Tower ermordete Bruder George. Johanna Rehm ist eine verzweifelt rasende Elizabeth, ein angstvoller Stanley, und schließlich der ruhmreiche Richmond – inklusive beeindruckendem Schwertkampf mit Ellers‘ Richard. Rehm und Aujesky können auch ihre Slastickqualitäten ausspielen, sei’s als tollpatschige gedungene Mörder, in dieser Szene ist Scheubas Arbeit echtes Shakespeare’sches Volkstheater, oder als präpotent aufsässiges Prinzenpaar, zwei echte Früchtchen, die den Onkel wegen seiner Behinderung verspotten. Ihre Abschlachtung markiert Aujesky als mit dem Feuerzeug spielender Tyrell einfach, indem sie ihre Papierkrönchen anzündet. Zwischen solch symbolhaften, mitunter trashigen Szenen läuft Popmusik zu Liebe, Macht, Schuld.

Am Ende ihrer Politikeransprachen, dem Verbalduell Richard vs Richmond, folgt der Waffengang, Richards Name der letzte, der von den Siegern genussvoll gestrichen wird. Zweieinhalb Stunden dauert die Aufführung im Bronski & Grünberg, jede Minute davon spannend. Als nächstes will das Team um Kaja Dymnicki und Alexander Pschill mittels Crowdfunding einen „Rigoletto“ auf die Beine stellen. Von „Richard III.“ gibt es noch zehn Vorstellungen bis 10. Dezember.

www.bronski-gruenberg.at

5. 10. 2017

Der todkranke Eduard wütet über Richards Ränkespiel: Sophie Aujesky mit Johanna Rehm. Bild: © Philine Hofmann

Buckingham macht sich zu Richards Handlanger: David Jakob und Josef Ellers. Bild: © Philine Hofmann

Bronski & Grünberg Theater: # Werther

April 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kanarienvogel kommt auch vor

Josef Ellers. Bild: Jan Frankl

Das Bühnenbild ist im Wesentlichen ein überdimensionales Smartphone-Display. Die „Super Rich Kids“ sind über allerlei Kanäle miteinander verbunden. Facebook, Snapshot, Twitter. Und man ahnt, schon lange war kein junger Werther mehr so jung wie diesmal.

„# Werther“ heißt entsprechend zum Social-Media-Auftritt des Protagonisten der Abend, den Regisseurin Helena Scheuba, Tochter von Florian und Mena Scheuba, mit dem Josefstadt-Schauspieler Josef Ellers entwickelt hat, und der noch bis 25. April im Bronski & Grünberg Theater zu sehen ist.

Scheuba und Ellers legen Goethes Roman 1:1 aufs Heute um – und siehe da: Es geht sich aus. Egal, ob mitten im O-Ton-Monolog eine Freundschaftsanfrage von Pauli Rosenberger reinkommt, „der Graf“ zum „One Night in Wahlheim“-Rave lädt, oder sich später Albert und Werther via SMS über Sinn und Unsinn von Suizid austauschen werden. „# Werther“ ist radikal anders, erfrischend neu gedacht – und, zumindest was die via iPod zugespielte und die Stimmungslagen des Antihelden definierende Songauswahl betrifft, laut.

Josef Ellers spielt sich 70 Minuten lang die Seele aus dem Leib. Von 0 auf 100, von manisch zu depressiv, kommt er in einer Tanzdrehung. Wenn ihn Lotte mit ihren „kleinen Vertraulichkeiten“ aufsext, kann er sich vor dem Griff in die Hose durch strenges Workout retten. Der an verliebten Lippen pickende Kanarienvogel kommt diesbezüglich übrigens auch vor. Man sieht seinen Werther Wodkatrunken und –kotzend. Und amüsiert sich, wenn über das „sehr viel Natur“ eines lieben Fräuleins berichtet wird – und dazu ein Vollbusenbild zu sehen ist.

”Es ist in der Welt nichts Lächerlicheres erfunden worden als dieses Verhältnis, und doch kommen mir oft darüber die Tränen in die Augen“, sagt Werther. Da ist Lotte längst als Hintergrundbild hochgeladen, und Liebe und Leid sind immer während. Zu den Selfies gehört auch ein Waschbrettbauchvergleich mit Albert und ein Herumalbern in einer Jahrmarktachterbahn. Die Assoziationen, die Scheuba und Ellers finden, sind großartig, die Pistole knapp vor Aus ein Emojicon.

Bild: Jan Frankl

Bild: Jan Frankl

Ellers changiert zwischen Hoffen und Bangen, zwischen dem Versuch, seine Verzweiflung weg zu kaspern und stets ein bissl Machogehabe. Bis das Unheil mittels eines geänderten Beziehungsstatus Gewissheit wird, und sich das Unglück Bahn bricht, und ”# Werther“ sich aus allen Foren abmeldet. So bedingungslos ist das Begehren immer noch. Nach mehr als 200 Jahren, und nachdem Briefe längst durch Textnachrichten abgelöst sind. Scheuba hat das zeitlos-poetische von Goethes Werk unterstrichen, gerade indem sie es in der Jetztzeit andockt. ”# Werther“ ist ein junger Romantiker, der in einer Welt, die ihm alles bieten möchte, seinen Platz sucht und doch keinen Halt findet, und Josef Ellers stürmt’s und drängt’s in der Rolle als Wohlstandsverwahrlosten, als gäbe es, nein: weil er weiß, es gibt kein Morgen. Herr Geheimrat wäre mit dieser Interpretation seines Ansinnes wohl zufrieden gewesen …

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Wien, 19. 4. 2017

Theater in der Josefstadt: Der Gockel

November 20, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Pracht-Boulevard!

Karoline Kucera, Matthias Franz Stein, Mathias Hanin, Josef Ellers, Ljubiša Lupo Grujčić und Alexandra Krismer Bild: Erich Reismann

Karoline Kucera, Matthias Franz Stein, Mathias Hanin, Josef Ellers, Ljubiša Lupo Grujčić und Alexandra Krismer
Bild: Erich Reismann

Josef E. Köpplinger ist der regierende König der Komödie. Nach seinem bilderbuchbunten „Weißen Rössl“ an der Volksoper beschert er nun dem Theater in der Josefstadt einen großartigen „Gockel“. Seine Inszenierung von Georges Feydeaus Farce fährt vom Start weg im sexten. Alle sind hier hibbelig bis hypernervös bis Hummeln-im-Hintern, als hätte Louis de Funès als himmlischer Pate über dieser Produktion gestanden.

Des Vaudevillemeisters kritische Begutachtung einer Gesellschaft, in der sich’s alle richten, bis auf den einen, der von ihr am Ende ausgespien wird, lässt Köpplinger außen vor, er will unterhalten. Die Verhältnisse, sie sind schon so. Man muss schließlich nicht an jedem Theaterabend mit den drei Fs aufzeigen. Flüchtlinge, Freihandelsabkommen, FPÖ – die Josefstadt unter Direktor Herbert Föttinger engagiert sich sowieso. Köpplinger setzt aufs vierte – F wie Liebes-Spiel. „Der Gockel“ ist ein wunderbares Ensemblestück für 19 Darsteller, und weil Köpplinger sich nicht regieabarbeitet, sondern hier hochmusikalisch choreografiert, hat sich der Klangkörper der Josefstadt auf ein Vivacissimo eingestimmt.

Den Inhalt des „Gockel“ zu erzählen, ist ein Stück Kunst für sich. Es gibt vier Ehepaare und zwei Solisten und es will beinah jeder mit fast jeder. Schnell jedenfalls, weil jeweils der, der nicht soll, in der Tür steht. Oder unter dem Bett liegt. Oder aus dem Schrank kommt. Wenn hier irgendjemand zu irgendetwas oder überhaupt kommen würde, wären sie allesamt betrogene Betrüger, aber so … Der Salonklippklapp ist ein ständiger Interruptus, wie „Gockel“-Darsteller Dominic Oley im Gespräch sagt. Er wird es auch sein, für den schließlich Schluss ist mit Kissenschlacht. Elfriede Jelinek als Übersetzerin hat Feydeaus Jahrhundertwende an diese herangezogen, sie macht Feydeau zum Frauenversteher. Die Herren sind – bis auf Martin Zauner – eher halbe Hähnchen, mehr Pantoffelhelden als Schürzenjäger, mehr waidwund als -mann; die Amazonen blasen zum erotischen Halali. Die Geschlechter schenken sich nichts, dafür einander kräftig ein. Köpplinger setzt auf den Dominaeffekt.

Und auf die 1960-er Jahre. Die retrochicen Figuren bewegen sich, heißt: sie knallen und fallen, über Zebrawollteppiche, unter Deckenleuchten, als hätte Louis Weisdorf wieder seinen Turbo eingeschaltet, zwischen Coffee Table und Daybed (Bühnenbild: Judith Leikauf und Karl Fehringer, Kostüme: Alfred Mayerhofer). Aus dem Plattenspieler, ja, den gibt’s noch, singt die Piaf. Die Platte hängt, wie das Verlangen. Je ne regrette rien … regre … regr … Das waren noch Zeiten. Die sexuelle Revolution der 68er hat schon den Fuß in der Tür, sonst aber keine entscheidenden Körperteile. Alles atmet ängstlich Erwartung, weil der Aufbruch ins neu wie zum Greifen scheint, aber bis es soweit ist, bleibt die Biedermannsmoral ein sicherer Ruhepolster.

Köpplinger zeigt eine Welt, in der Contenance eine Konvention ist. Vernichtende Blicke und wegwerfende Gesten sagen mehr als das Unausgesprochene, wobei ausgesprochen spannend ist, in wie vielen Nuancen man Ja sagen kann. Die Schauspieler fechten Feydeaus Wortscharmützel mit feiner Florettklinge aus. Sie relativieren ihre Versprechen mit Versprechern. Sie behelfen sich gegen die Unzulänglichkeiten ihrer Existenzen mit Drüber-, Zwischen- und Beiseitereden. Keiner tut, was er soll, keiner kann, wie er will. Nur in den seltenen Augenblicken, in denen einer nicht mehr an das denkt, was er sagt, sagt er, was er denkt. Den Höhepunkt, wiewohl diesen eigentlich nicht, hat das Ganze im Hotel, wo Nerven und Popos blank liegen. Die Sache mit der Zimmer-Nummer ist nämlich gar nicht so leicht zu vollziehen. Köpplinger formuliert auch noch das kleinste Detail aus und erschafft so eine Reihe reizender Randalierer und aufsässiger Angestellter für die Supporting Actors, wie Ljubiša Lupo Grujčićs planlosen Kommissar, Matthias Franz Steins servilen Hoteldirektor oder den Hotelpagen von Josef Ellers, die Kammerdiener der Alexander Strobele und Absenger und – ein Highlight! – das entschleunigt schlurfende Dienstmädchen von Karoline Kucera.

Dominic Oley als „Gockel“ Pontagnac und Michael Dangl als Vatelin stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Glaubt sich zweiterer gut verheiratet, ist für ersteren die Ehe „ein Roman, den ich schon zu oft durchgeblättert habe“. So wie Dangls – pardon im Zusammenhang – stocksteifem, gequälten Vatelin der aufgezwungene Seitensprung keinen Spaß macht, so ist bei Oleys Pontagnac die Lust los. Selten hat jemand so charmant die größten Unverschämtheiten serviert, nachdem er sich frech im eigenen Lügenkonstrukt verfangen hatte. Der vorbildliche Ehemann hingegen betrügt seine Frau nie, ohne sie dabei aufrichtig zu bedauern. Dennoch geht das ungleiche Paar gemeinsam durch Freud und Frauen. Sigmund kommt übrigens vor, ein Zahntraum, man weiß ja, was das bedeutet. Roman Schmelzer kommt als Hausfreund Rédillon über den Aperitif nicht hinaus, muss aber angesichts geballter Weiblichkeit ohnedies w.o.-geben. Siegfried Walther wandelt als brillanter Britverschnitt Soldignac auf Amors Spuren. Martin Zauner ist ein herrlich herrischer Pinchard. Der schleicht zwar nicht auf Freiersfüßen umher, aber Zauner spielt ein „Er würde schon wollen, wenn …“ mit. Im Leben wählt ein Mann unter zwei Übeln meistens das hübschere oder das jüngere, sagte Feydeau. Da kannte er Zauners Pinchard nicht.

Die Pinchards, die gehörlose Madame großartig verkörpert von Susanna Wiegand, sind nicht die einzigen, die nicht wissen, wie ihnen, sondern auch nicht, was geschieht. Pinchard will doch nur „die Taube in die Oper führen“. Pauline Knof als Lucienne Vatelin und Silvia Meisterle als Clotilde Pontagnac begreifen rechtzeitig, dass man als Ehefrau seinen Mann stehen muss, und wenn’s auch nicht der eigene ist, kann dieser trotzdem mit strenger Hand in jede beliebte Position gezwungen werden. Alexandra Krismer verfolgt als Maggy Soldignac den Vatelin mit ihren Avancen, geht schließlich in Stellung und greift ebenfalls zu harten Mitteln – einer Reitgerte. Susa Meyer spielt als Armandine im Audrey-Hepburn-Outfit eine ganz vorzügliche Charade. Motto: „Sex-Appeal  kann ich ebenso gut voll bekleidet rüberbringen, beim Äpfelpflücken oder wenn ich im Regen stehe.“ Die großen Zehn spielen, als ob es um ihr Liebes-Leben ginge.  Mit Tempo, Temperament und Tremolo. Josef E. Köpplinger zeigt einen Pracht-Boulevard! Ein Abend, den man nur empfehlen kann. Dieses naturellement nicht auf Französisch.

Dominic Oley im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15965

www.josefstadt.org

Rezension: Josef E. Köpplingers „Weißes Rössl“ an der Volksoper: www.mottingers-meinung.at/?p=14600

Wien, 20. 11. 2015

Theater in der Josefstadt: Die Kameliendame

Dezember 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik stirbt im Schnee

Katja Bellinghausen, Josef Ellers, Alexander Absenger, André Pohl, Susanne Wiegand, Sandra Cervik Bild: Moritz Schell

Katja Bellinghausen, Josef Ellers, Alexander Absenger, André Pohl, Susanne Wiegand, Sandra Cervik
Bild: Moritz Schell

Es ist der Stoff aus dem die tränentriefenden Schmonzetten sind. Ein Groschenroman getarnt als Weltliteratur. Überlebensgroß gemacht durch Verdis „La Traviata“. Paris‘ größte Kurtisane wird zur Mätresse, zur aufrichtig Liebenden eines jungen Mannes, der glaubt, zum Leben genüge Luft und Leidenschaft. Leider nein. Vom Lobgesang auf den Genuss bis zum Totenbett einer an Tuberkulose Sterbenden geht’s durch drei Akte. Generationen von Regisseuren haben sich an der „vom Weg Abgekommenen“ schon fix und fertig gekitscht.

Das Theater in der Josefstadt spielt nun „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas dem Jüngeren. Er selbst funktionierte sein Buch schon 1852 zum Stück um; hier ist allerdings eine grandios entstaubte Fassung von Herbert Schäfer – der gemeinsam mit Vasilis Triantafillopoulos auch für Bühnenbild und Kostüme zuständig war – zu hören. Torsten Fischer inszenierte. So haben also Fischer und Schäfer der Kunst-Gewerblichen allen Flitter und Firlefanz runtergeräumt. Eiseskalt ist diese Welt, Schnee fliegt und bleibt liegen. Die Gesellschaft vergibt nicht, was man war und nicht mehr sein will. „Hure“ ist das Wort, das Kokottische entrümpelt. Ein riesiger „Spiegel der Gesellschaft“, einmal so gedreht, dass sich das Publikum bis in den obersten Rang darin sehen kann, ist das zentrale optische Instrument. Das war mal was, hat aber mittlerweile einen Bart, länger als der vom Weihnachtsmann. Sei’s drum. Schäfer schafft dadurch auch Bildkompositionen von fantastischer Schönheit.

Die Geschichte ist wahr. Alexandre Dumas verehrte eine Käufliche namens Marie Duplessis. Sie liebte Kamelien, Luxus, war schwindsüchtig, verstarb mit 23 Jahren. Und damit beginnt auch Fischers Arbeit: Das Ende als Anfang. Zu Willy DeVilles „Heaven Stood Still“ mischen sich Fakt und Fiktion. Die erdachte Figur Marguerite Gautier (Sandra Cervik) stirbt in den Armen von Alexandre Dumas (Tonio Arango in einer seiner Funktionen). Der Totentanz kann beginnen, denn kurz darauf erscheint Figur Armand Duval (Alexander Absenger) – und A. D. sagt zu A. D.: „Das bin ja ich.“ Beginn eines Zwiegesprächs. Die beiden werden nicht mehr zu trennen sein. Etwa, wenn Marguerite mit Dumas tanzt, während sie Duval ihre Lebenssituation zu erklären sucht. Beim Beischlaf mit Zweiterem, den Ersterer bei einer Flasche Rotwein und einer Zigarette beobachtet. Viel nackte Haut und monströse Krinolinen machen die Damengarderobe aus. Die Herren sind entweder in Frack und Zylinder oder teilweise bis ganz unbekleidet.

Arango ist der Motor des Abends, über dem die Schwermut als Gedanke liegt. Viel mehr als ein „Erzähler“ ist er Teilnehmer am Geschehen, ständiger Gast im Salon der Lustpaarkeiten, übernimmt kleine Rollen vom Croupier bis zum Totengräber, ist der älter gewordene Armand Duval, der als Last die Schuld trägt, nun den Grund für das Verschwinden Marguerites zu kennen (Stichwort: Georges Duval), will seinem jüngeren Ich helfen, kann aber nicht – und ist zum Glück Humorverweser im Sinne eines Reichsverwesers. Es ist erstaunlich, aber bei Arango eigentlich logisch, dass ausgerechnet er, der keine „Rolle“ hat, am besten spielt. Ein Darsteller, wie sich wenige finden!

Sandra Cervik legt die Kameliendame als vom Leben hart gewordene Frau an, die ihre Dämonen sehr gut kennt und sich selbst von allen vielleicht am meisten verachtet. Was sie mit Champagner kompensiert. „Ich bin ein blutspuckender Geldraffautomat“, sagt sie einmal. Cervik changiert zwischen nobel und nuttig. In ihrer famos gespielten Sterbeszene, „Armand“ (hier Arango) rufend, den verzweifelten Eifersüchtling, der ihr gerade 500 Franc für ihre Dienste hingeworfen hat, ist sie bei sich. Im Sterben im Schnee so allein wie im Leben. Davor gibt es einen Dialog zwischen A. und M., in dem Hochmut auf Demut trifft. Und die Konflikte dieser Amour fou, in der man sich selbst hasst, weil man den anderen liebt, entblößt werden. Diese Szene ist wohl der Höhepunkt der Inszenierung.

Alexander Absenger gibt mit Bravour den unbedarften, netten Bursch‘, dessen Wechselspiel mit Arango Fischer auf den Punkt inszeniert hat. Ein Auf-Augenhöhe-Spiel. André Pohl – und viele im Publikum waren gespannt, wie ihr liebenswerter Theaterwegbegleiter da sein wird – verkörpert mit Arthur de Varville den brutalen Unsympath, den „Vergewaltiger“, aber auch Finanzier nachdem Marguerite Duval verlassen musste. Er ist Täter und Opfer zugleich, lässt sie ihn doch nicht nur ihre Geringschätzung spüren, sondern ihn trotz Schuldentilgung auch nicht „ran“. Ein sehr gelungener, anderer, neuer Einsatz Pohls! Ein paar witzige Metaphern wurden gefunden, um über „es“ zu kommunizieren. Die Schönste: Wenn sich die Damen des Salons gegenseitig das Gesicht ab-budern. Da ist Marguerite bereits ein Gespenst an Varvilles Arm. Bei einem Fest kommt es zum Eklat mit Duval. Der Herr über den Körper gegen den Seelenfolterer, die Frau –  ein schon aus dem Leben schwindender Geist.

Den Schlamassel hat Armands Vater, Georges Duval, angerichtet. Als die Liebenden Zuflucht in einem Landhaus nehmen, wo sich Marguerite erholen soll, taucht er auf: Udo Samel bei seinem Debüt an der Josefstadt. Er verlangt die sofortige Trennung des Paares, hätte er doch eine Tochter zu verheiraten, deren Eltern niemals dulden würden … Es ist kein Platz im Schoß einer Familie für Marguerite, wo doch ihren schon so viele kannten. Samel, ganz strenger Vater, deklamiert emotionslos seine „Rechte“, während er mit der linken – Keuschheit und Religion im Mund – sanft über die Hurenbrust streicht. Nun ist der Georges Duval prinzipiell eine Wurzn. Ein Zehn-Minuten-Auftritt. Für den es Samel nicht gelingt, in seiner Rolle eine Figur zu finden. Auch das Match Burgtheaterdeutsch vs Josefstädterisch geht 0:1 aus. Der Ausnahmeschauspieler Udo Samel als Außenseiter, als Fremdkörper, das war hoffentlich eine Regieidee und kein Passiertsein.

www.josefstadt.org

Trailer: http://youtu.be/JCZLIfIyTTs

www.mottingers-meinung.at/tonio-arango-im-gespraech/

Wien, 19. 12. 2014