Theater im Bunker: Inferno. Nachrichten aus der Hölle

August 6, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein extravagantes Stationentheater

„Die Hölle, das sind die anderen.“
Jean- Paul Sartre

dantes infernoAm 10. August hat um 18.30 Uhr im Luftschutzstollen Mödling „Inferno. Nachrichten aus der Hölle“ Premiere.

Gibt es eine Hölle, außer der, die die Menschen einander selbst bereiten? Und wenn ja, wie ist es dort? Welche Benimm- und Bekleidungsregeln gelten für den ahnungslosen Höllenfahrenden? Folgen Sie Dantes Rat, lassen Sie alle Hoffnung fahren und steigen Sie unter ortskundiger Führung hinab an den Ort, der die Phantasie so unterschiedlicher Völker wie Griechen, Römer, Chinesen und Azteken auch ganz unterschiedlich beflügelt hat, den Ort, mit dem Christen, Moslems, Hindus und fast alle andern Religionen ihren Schäfchen seit Jahrtausenden auf ganz unterschiedliche Weise drohen.

Bereits zum sechzehnten Mal werden die etwa einen Kilometer langen Tunnel des ehemaligen Luftschutzstollens einer ebenso extravaganten wie friedlichen Nutzung zugeführt: Als das ungewöhnlichste und größte Stationentheater Österreichs. Das Publikum durchwandert in kleinen Gruppen die mehr als zwanzig Szenen und Schauplätze und erlebt, wie Theatermacher Bruno Max mit seinem mehr als fünfzigköpfigen Ensemble in eindrucksvollen Bildern und skurrilen Situationen das Inferno zum Leben erweckt. Nach „Seven Sins“ und „Angels All Over“ der Abschluss der Bunkertrilogie um Glauben & Unglauben, Erlösung und Verdammnis.

Konzept und Regie: Bruno Max

Es spielen: Stephan Bartunek, Hans-Jürgen Bertram, Sebastian Blechinger, RRemi Brandner, Sebastian Brummer, Manfred Fau, Bernie Feit, Melanie Flicker, Elke Hagen, Edwin Hirschmann, Richard Jamelka, Barbara Lehner, Thomas Marchart, Bruno Max, Max Mayerhofer, Anna Mitterberger, Alexander TT Mueller, Isabell Pannagl, Christoph Prückner, Sarah Reiter, Marion Rottenhofer, Anna Sagaischek, Ralph Saml, Mario Schober, Hans Steunzer, Stefanie Stiller, Robert Stuc, Maksymilian Suwiczak, Irene Marie Weimann u.v.a.

Weitere Termine: jeweils Do – Sa: 14.-16., 21.-23., 28.-30. August und 4.-6. September, Einlass im Viertelstundentakt ab 18.30 bis 21.15 Uhr.

Wien, 6. 8. 2014

www.theaterzumfuerchten.at

Festspiele Stockerau: Einer flog über das Kuckucksnest

Juli 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Häuptling fand seinen kongenialen Cowboy

Horst Heiss (Häuptling Bromden) und Klaus Huhle (Randle P. McMurphy) Bild: © Johannes Ehn - Festspiele Stockerau

Horst Heiss (Häuptling Bromden) und Klaus Huhle (Randle P. McMurphy)
Bild: © Johannes Ehn – Festspiele Stockerau

Es war ein Wagnis. Und wer wagt, gewinnt. So wie Intendant und Regisseur Zeno Stanek mit seiner Inszenierung von „Einer flog über das Kuckucksnest“ in Stockerau. Die Vorlage ist gewaltig. 1962 veröffentlichte Ken Kesey seinen Roman, den Dale Wasserman  (der auch „Der Mann von La Mancha“ dramatisierte) ein Jahr später zum Bühnenstück umarbeitete. 1975 dann der Knalleffekt: Miloš Forman verfilmte den Stoff mit Jack Nicholson und Will Sampson www.youtube.com/watch?v=wBB985CIva4 . Nicholsons zerrupfte Frisur, sein irrer Blick, sein Wolfsgrinsen brachten dem Meisterwerk fünf Oscars, sechs Golden Globes und sechs Mal den Britischen Filmpreis ein. Nur Autor Kesey war nicht zufrieden. Er verließ die Produktion nach zwei Wochen, weil seine Story nicht mehr von Chief Bromden erzählt wurde, sondern Forman sich ganz auf Nicholson fokussierte.

Stanek lässt das alles offensichtlich kalt. Wenn man etwas dazu sagen kann, dann, dass er näher am Buch ist, als an allen anderen Steilvorlagen. Inhalt: Der unangepasste Kleinganove und leidenschaftliche Spieler Randle P. McMurphy wird auf Grund eines durch ihn vorgetäuschten Wahnsinns vom Gefängnis in die Psychiatrie (das Kuckucksnest) verlegt. Dort ruft er die Patienten mit Witz und Vehemenz zum Widerstand gegen das System und vor allem gegen Ober­schwester Miss Ratched auf. Bald hat er seine Kollegen soweit, Glücksspiele zu bestreiten und Wet­­ten aller Art abzuschließen. McMurphy stellt die Anstaltsordnung auf den Kopf, lädt leichte Mädchen (sehr sexy: Karin Verdorfer, einmal in Schwesternkittel, einmal in Hot Pants) ein. Der Gipfel ist die Wet­te, die stets Contenance bewahrende Miss Ratched außer Fassung zu bringen. Eine Wette mit weit­rei­chen­den Folgen für alle Anstaltsinsassen. Es folgen ein Selbstmord und ein Gnadentod. Und ein Befreiungsschlag, ein Ausweg in den Sonnenuntergang …

Stanek zeigt diesen Mikrokosmos als Abbild der Welt. Er gestaltet eine Parabel über die als totalitäres System empfundene Gesellschaft, die dem Individuum nur die Wahl zwischen unterwürfiger Selbstaufgabe oder aber Ausschluss und Bestrafung lässt.  Der „Staatschef“, heißt: der Anstaltsleiter Dr. Spivey (ein gutmütiger, edler Marcus J. Carney) steht unter der Knute der militanten Oberschwester Ratched (Elke Hartmann wunderbar herrisch. Auf die mehrfach gestellte Frage: „Habt ihr keine Eier?“ kann man nur antworten: Sie schon. Ratched nimmt übrigens Platz fünf der All-Time-Schurken-Liste Hollywoods ein.) Ratched betreibt Elektroschocktherapie getarnt als Patientenbasisdemokratie. Stanek zeigt in erschreckenden Szenen deren Entmündigung durch die Götter in Weiß. Erbarmungslos wird in Gruppensitzungen deren Innerstes vor aller Augen nach außen gerissen. Häuptling Bromden, der sich als taubstumm verstellt, um seine Ruhe zu haben, darf das alles wieder als Stimme aus dem Off erzählen. Aus dem Off denken. Der stets großartige Hüne Horst Heiss www.horstheiss.com gibt einen stoischen Renidenzler, einen Beobachter, der schließlich zur Tat schreitet. Doch nicht nur, was sich innerhalb des Irrenhaus-Gitterkäfigs abspielt, berichtet er, sondern auch von Großkonzernen, die seinen Stamm enteignet und von seinem Land vertrieben haben. Er, der letzte des Clans, der letzte Aufwiegler, wird weggesperrt. Und halluziniert vom Wasserfall und dem Ruf der Wildgänse.

In Klaus Huhle hat der Häuptling einen kongenialen Cowboy gefunden. Dieser McMurphy kommt nämlich mit Stetson und Boots in die „Arena“ gestiefelt. Huhle hat nicht die Absicht, den schlechteren Jack zu mimen. Er gibt der Rolle seine eigene, höchst gelungene Färbung. Statt ein zynisches Arschloch à la Nicholson zu sein, ist er ein tragikomischer Antiheld, der tatsächlich an Gerechtigkeit glaubt, ein Vorschriftenbrecher gegen die Schwesterntrachtdiktatur. Ein Rebellenführer, der am geschlossenen System scheitern wird. Denn in all seiner Lustigmacherei, seiner Spaßvogelei, seiner Schlitzohrigkeit erkennt er nicht, dass er mit einem Feuer spielt, das ihn verbrennen wird. So bauernschlau er ist, so sehr ist er auch ein Tor, der das Ende der Geschichte nicht kommen sieht. Eine spannende, außergewöhnliche Auslegung der Figur. Gut angelegt sind auch Simon Jaritz als distinguierter Patientensprecher Dale Harding, dem durch den Atombusen seiner Frau die Rakete umgefallen ist; Karl Ferdinand Kratzl als menschliche Bombe; Mutterflüchtling Billy Bibbit, sehr eindrücklich dargestellt von Konstantin Gerlach; „Ruckly“ Christian Strasser als sein personal Jesus; Raufbold „Cheswick“ Robert Kolar und der Kartentrickser „Martini“ Daniel Wagner.

Ein sehenswerter Abend, der entsprechend mit viel Applaus bedankt wurde.

www.festspiele-stockerau.at

Alexander Pschill inszeniert

Mai 29, 2013 in Tipps

„Das weite Land“

Bild: Kaja Dymnicki

Bild: Kaja Dymnicki

Was haben Jim Morrison, Brian Jones, Kurt Cobain und Jimi Hendrix gemeinsam? Sie alle starben im Alter von 27 Jahren. Selbstmord wird in keinem der Fälle ausgeschlossen. Zu diesem traurigen Grüppchen gesellt sich die geisterhafte Hauptfigur unserer Geschichte: der Society-Virtuose Alexei Korsakow. Ebenfalls Musiker, ebenfalls 27, ebenfalls tot. Ja, die Seele ist ein weites Land. Und diese nimmt sich nun Josefstadt-Schauspieler Alexander Pschill (er spielt dort kommende Saison in Theo von Goghs „Das Interview“) an. Gemeinsam mit Kaja Dymnicki präsentiert er ab 29. Mai seine erste Regiearbeit: Arthur Schnitzlers „Das weite Land“, gespielt von einem blutjungen Ensemble in einem ehemaligen Architekturbüro in Wien-Mariahilf.
Dymnicki und Pschill wagen den Versuch, einen von Tradition und Trends befreiten, ausschließlich aus den Seelen des Textes und der Mitwirkenden geborenen „Schnitzler“ auf die Beine zu stellen: „Was wir machen ist ein Experiment. Wir hatten das Bedürfnis, unser Lieblingsstück mit Referenzen zu einem unserer Lieblingsfilme (der zu erraten sein wird) zu versetzen. In unserer Version wird es um zwischenmenschliche Überlebenskämpfe gehen. Das zeigen wir in einer Abfolge konfliktgeladener Szenen, in denen unsere Figuren emotional völlig unvorbereitet aufeinander prallen. Die Charaktere werden wenig Zeit mit Sinnieren und Philosophieren verbringen  – wie so oft in heimischen Schnitzler-Inszenierungen -, denn die Hofreiters jagen wie zwei Raubfische durch das Stück und den anderen Figuren hinterher. Zu Live-Musik sollen sie die Texte durch den Raum schleudern, ihn in die Stille stottern oder mit angehaltenem Atem verweigern.“ Das Ehepaar Natter ist zu einer Figur verschmolzen, statt in die Alpen fährt man ans Meer.
Pro Vorstellung wird jeweils ein Star-Auftritt stattfinden: Kollegen und Kolleginnen haben sich bereit erklärt , an je einem der Vorstellungsabende zu erscheinen und den Satz „Die Seele ist ein weites Land…“ zu sprechen: Ruth Brauer, Hilde Dalik, Reinhard Nowak, Michael Ostrowski, Franziska Weisz, Heribert Sasse, Elke Winkens, Martin Zauner, Andreas Kiendl, Hubsi Kramar… Den Hofreiter spielt Ljubiša Lupo Grujčić, ebenfalls Josefstädter und dort zurzeit in Peter Turrinis „Aus Liebe“ auf der Bühne.

Zu sehen bis 25. Juni.

www.dasweiteland.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 29. 5. 2013