Wendy Holden: Teatime mit Lilibet

November 20, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die True Story der Gouvernante von Queen Elizabeth II.

Ein Prolog und ein Epilog bilden die Klammer zu Wendy Holdens dieser Tage erschienenem historischem Roman „Teatime mit Lilibet“. Es ist Juli 1987, eine alte Frau steht in ihrem Wohnzimmer in Aberdeen am Fenster, ihr Haus liegt direkt an der Route, die die königliche Familie Richtung Balmoral Castle nimmt, auf den Tischen hinter der Frau stapeln sich Gurkensandwiches und Marmelade-Pennys – und Fotos zweier Mädchen, mal lächelnd im Kilt, mal äußerst ernst mit Krönchen.

Die Frau am Fenster ist die beinah 80-jährige Marion Crawford, 16 Jahre lang war sie die Gouvernante der Prinzessinnen Elizabeth und Margaret, und nein, niemals werden die Queen und ihr Gefolge auf dem Weg in die Sommerfrische bei ihr einkehren …

Wendy Holden erzählt nun, als wär’s das Prequel zur gerade auf Netflix laufenden Serie „The Crown, Season 4“, die True Story von „The Governess“, wie der englische Originaltitel lautet. In einem Antiquariat sei ihr, so die Autorin im Nachwort, deren Autobiografie „The Little Princesses“ vom Regal buchstäblich in die Hände gefallen. Jenes Werk, das der Anfang vom Ende war.

Crawford veröffentlichte es 1950, bereits in Pension und vom Königshaus mit dem Nottingham Cottage auf dem Gelände des Kensington Palastes und einem Wagen mit Chauffeur ausgestattet, wohl unter dem Einfluss ihres nunmehrigen Ehemanns George Buthlay. Als die Königin/demnächst Queen Mum von diesem Ansinnen hörte, schrieb sie Crawford in einem Brief:

„I do feel, most definitely, that you should not write and sign articles about the children, as people in positions of confidence with us must be utterly oyster. If you, the moment you finished teaching Margaret, started writing about her and Lilibet, well, we should never feel confidence in anyone again.“ Und wo wurde Crawfie, wie die Kinder sie nannten, vom Hof geächtet.

Doch bevor es so weit ist, liegen vorm Leser, der Leserin mehr als 500 Seiten Royal History aus einer bis dato kaum bekannten Perspektive. Marion Crawford wird eingeführt als Pädagogik-Schülerin am Moray House Teacher Training College in Edinburgh, eine feministische, sozialistisch eingestellte, 23-jährige, sturschädelige Schottin, deren Fanal für die Gleichberechtigung ein Eton-Crop-Kurzhaarschnitt ist. An ihren freien Samstagen unterrichtet sie die Kinder in den Brennpunktvierteln der Stadt.

Bis ihr Rektorin Isabel Golspie einen Ferialjob bei Lady Rose Leveson-Gower überantwortet, der Schwester der Herzogin von York, um den Bildungstand von deren Tochter Lady Mary aufzupolieren. Marion nimmt an. Wegen des dringend benötigten Salärs. Und weil ihr Miss Golspie einbläut, wer die Gesellschaft ändern wolle, müsse die Upper Class über die Existenz der Elenden unterrichten: „Genau das ist der Grund, weshalb Sie die Vermögenden etwas lehren sollten. Wer sonst soll ihnen sagen, wie arme Menschen leben?“

In Lady Roses Rosyth sieht sich Crawford alsbald Schwager Bertie und Schwester Elizabeth gegenüber, die die unkonventionelle Erzieherin unbedingt abwerben wollen, und schon sieht sich diese, die in Edinburgh ihren geliebten, kommunistischen Studenten Valentine und den sie liebenden, braven Studenten Peter zurücklässt, „Maid Marion“ ist kein Kind von Traurigkeit und wird doch im Dienste der Krone unverheiratet bleiben müssen, von den Slums um Grassmarket nach 145 Piccadilly versetzt.

Erste Szene: Eine Kissenschlacht im herzoglichen Schlafgemach, Eltern gegen Töchter, „,Fleh um Gnade!‘, forderte Elizabeth ihren Vater auf. ,N-n-niemals!‘, keuchte er, bevor er einen Hustenanfall bekam“, während sich draußen die sogenannten Hungermärsche formieren. Es ist 1932, das Land hat drei Millionen Arbeitslose, und die fordern die Abschaffung jener Bedürftigkeitsprüfung, nach der bei der Errechnung des Arbeitslosengeldes alle Ersparnisse sowie Hab und Gut der gesamten Familie einkalkuliert werden. Hinter den königlichen Mauern ist das Realitätsbewusstsein: Null. Nur die Schrullen-Skala reicht ins schier Unendliche.

Geschickt verwebt Holden ihren anekdotenhaften Schreibstil mit der britischen wie der Weltgeschichte. Das ganze Pomp and Circumstance erscheint Crawford wie eine Theaterinszenierung, und Holden setzt die dröhnende Stimme von George V. in Versalien, Königin Mary mit den von Haarklammern gehaltenen Stirnlöckchen und ihrem Festhalten an der viktorianischen Garderobe, die so lautlos und gleichzeitig lärmend wie ein Trompetenstoß auf der Bildfläche zu erscheinen vermag – „ein Coup de théâtre“, der Sohn des Königs als passionierter Hobbygärtner, der „in Gummistiefeln herumstolziert wie eine moderne männliche Marie-Antoinette“.

Der dauergelangweilte Prinz of Wales mit seinem verächtlichen Schnauben „Manche Männer sind an ihre Schreibtische gekettet! Ich bin an den Banketttisch gekettet!“, die erzkonservative Kinderfrau Mrs Knight, die Feindin, die Schurkin, in der Marion bestürzt ein altjungferliches Alter Ego erkennt, die Herzogin, hinter deren Dauerlächeln und süßlicher Stimme sich ein eiserner Wille verbirgt – Hitler nennt sie später „die gefährlichste Frau Europas“, und die Marion sogar das Tragen ihrer bevorzugten Kleiderfarbe Nebelblau verbietet – welch ein Ausmaß an Anspruchsdenken.

Doch Crawfie ist auf ihre sozialistische Art um nichts weniger snobistisch, und es macht Spaß, sich in Wendy Holdens Unterhaltungsliteratur fallen zu lassen wie auf ein weiches Chesterfield Sofa. Auf dem Marion nicht landet. Auch nicht mit Sir Alan „Tommy“ Lascelles, „The Crown“-Fans bekannt als Privatsekretär und in anderer Art steif als in der Serie dargestellt. Nach einem Sprung in den Schlossteich und dem Ausziehen seines Hemdes, fällt Marion auf, „wie breit seine Schultern und wie muskulös seine Brust war. Er rubbelte sich ab, und sein nasses Fleisch glänzte im Sonnenlicht. Sein dunkler Blick schnellte wie eine Reitgerte über ihre Brüste.“

Queen Elizabeth II. Bild: pixabay.com

König Georg V. Bild: pixabay.com

Edward und Wallis Simpson. Bild: pixabay.com

Die Queen und Prinz Philip. Bild: pixabay.com

Marion is a Woman with a Mission, sie will vor allem Elizabeth, Lilibet, das wirkliche Leben zeigen. „,Hier‘, sagte Marion. ,Auf diesem Plan siehst du alle U-Bahnstationen Londons.‘ Elizabeth griff sofort danach. Dann stieß sie einen aufgeregten Seufzer aus. ,Ich verstehe! Wenn ich am Hyde Park Corner bin und nach Elephant & Castle möchte – was ist das für ein lustiger Name!‘ Sie blickte auf und grinste ihr breites Grinsen. Marion beobachtete, wie die Prinzessin mit ihrem Finger über den Plan strich. Unvorstellbar, dass sie im Imperium ihrer Großeltern lebte und so gut wie gar nichts darüber wusste.“

Es mag etwas überzogen wirken, dass Wendy Holden ihrer Crawfie die Veranlassung all jener Errungenschaften andichtet, die das heutige Bild der Queen ausmachen: Sie ist es, die Lilibet vom Rüschenkleid befreit und in den Schottenrock steckt, sie ist es, die mit dem Lesen von Enid Blyton’s Hundekolumne die Anschaffung des ersten Corgi namens Dookie, übrigens ein durchtriebenes Biest, forciert, sie ist es, an deren Beispiel Lilibet erkennt, der Job ist gleich Selbstaufgabe, der Beruf stets auch Berufung, sie ist es, die Elizabeths Talent, auf Menschen zuzugehen, erst formt. Holden zeichnet die junge Elizabeth als nachdenkliches, dennoch fröhliches Kind, Margaret als temperamentvollen, unkontrollierbaren Wildfang, Elizabeth als rational, argumentativ, pragmatisch, Margaret als egozentrisch, launisch, eine ärgerliche zweite Geige.

Lieblingsszene, ein schriftstellerisches Kabinettstück, ist Marions erstes Mal auf Balmoral, das Abendessen, bei dem „sechs Sackpfeifer tatsächlich unter ohrenbetäubendem Gedudel die Runde um den Tisch machten, einer davon, wie angekündigt, eindeutig betrunken“, angeführt vom obersten Butler in Schäfer-Montur, die Ermahnung, nicht auf Queen Victorias Lieblingsstuhl Platz zu nehmen, „Es ist niemandem erlaubt, sich darauf zu setzen, niemals!“, „während der Papagei des Königs sich pickend über die silbernen Platten hermachte, sich am Ei Seiner Majestät gütlich tat“ – und Ramsey MacDonalds Nationalregierung gewaltsam gegen das Volk vorgeht.

Mit der Naivität einer Inselbewohnerin erlebt Marion Crawford den aufkeimenden Faschismus, Hitler, dessen Hakenkreuzfahne von der Fassade der deutschen Botschaft hängt, Mussolini, Franco, Valentine, der im Spanischen Bürgerkrieg fällt, Oswald Mosley und seinen Cable-Street-Kampf, Dollfuß und seine Ermordung beim Juliputsch. Auftritt Mrs Wallis Simpson, Marion trifft sie beim Wandern auf Balmoral beim Prince Albert’s Cairn, Edward VIII. Thronverzicht, Marions Arbeitgeber, der George VI. wird – und sie als Lilibets Lehrerin gleichsam die der künftigen Königin. Was Margaret mit dem Satz „Sie übt sich schon in Papas Zähneknirschen“ kommentiert.

Mit Blick aufs royale Schlüsselloch erfährt der Leser, die Leserin brisante Geheimnisse, die ansonsten der Nachrichtensperre unterliegen, hört den „Buck House“-Klatsch der Bediensteten, und in all dem die Weltpolitik und ihre Auswirkungen auf zwei Mädchen, Lilibet, die Wortfetzen der Erwachsenen auffängt und vor Angst Zwangsstörungen entwickelt, und Margaret im Größenwahn, die das diensthabende Regiment quält, indem sie immer und immer an den Palastwachen vorbeirennt, so dass diese wieder und wieder salutieren müssen. Und ist es nicht wahr, so ist es gut erfunden. „,Lilibet ist mein ganzer Stolz‘, pflegte der König unbekümmert zu sagen, ,und Margaret meine Freude.‘“

Es folgen Krieg, Churchill, Blitzkrieg, die Prinzessinnen im Flirtalter. In der Militärakademie Dartmouth steht Elizabeth Kadett zur See Philip gegenüber, der sofort seine „Suchscheinwerfer“ bedient und „anerkennend auf ihre Beine in Strumpfhosen starrte“, just heute begehen die beiden ihren 73. Hochzeitstag, vor dem Arbeitszimmer ihres Vaters stößt Margaret auf dessen neuen Stallmeister, das hochdekorierte Fliegerass Peter Townsend, dem sie augenblicklich „in atemloser Bewunderung“ verfällt. Marion wiederum, sich zurückgesetzter, überflüssiger fühlend, eifersüchtiger als es Margaret je war, trifft Major George Buthlay.

Der Abschied naht. „Das Gefühl, dass in gewisser Weise das Schicksal der Nation von ihr abhing, war höchst verführerisch gewesen. Noch verführerischer und mächtiger war darüber hinaus die Vorstellung, dass die Mädchen im Grunde genommen ihre Töchter waren und sie ihre Mutter. Und jetzt hatte sie diese Macht abgegeben.“ Beatrice und Bruce Gould nahen, Amerikaner und Herausgeber von The Ladies‘ Home Journal, und sie machen Marion ein Angebot, dem George Buthlay nicht widerstehen kann …

In der jüngeren Literatur, Hugo Vickers Biografie „Elizabeth, the Queen Mum“ oder Robert Laceys Buch und Grundlage zur Netflix-Serie „The Crown“, erfährt Marion Crawford „endlich die Neubewertung, die sie verdient“, so Wendy Holden. Wie auch immer, ist es schier unglaublich, dass die Geschichte dieser kecken Pionierin, die ihre liberalen Ansichten in einer Institution verteidigte, die traditioneller kaum sein könnte, noch nie erzählt wurde. Wendy Holden tut dies auf bestechende Weise, mit jenem britischen Humor, der einen Hang zum Skurrilen hat, aber auch mit einem großen Herzen fürs Drama in den Situationen. „Teatime mit Lilibet“ berichtet von der Tragikomödie des Lebens. Und wenn sich heut‘ noch niemand die Filmrechte gesichert hat, so gewiss morgen.

Über die Autorin: Wendy Holden hat als Journalistin für The Sunday Times, Tatler und The Mail on Sunday gearbeitet, bevor sie sich dem Schreiben von Büchern zuwandte. Sie hat dreizehn Romane geschrieben, von denen in Großbritannien jeder ein Bestseller war. Sie lebt mit ihrem Mann Jon McLeod und ihren beiden Kindern Andrew und Isabella in Derbyshire und arbeitet derzeit an einem Roman über Wallis Simpson.

List Verlag/Ullstein Buchverlage, Wendy Holden: „Teatime mit Lilibet“, Historischer Roman, 528 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Elfriede Peschel.

www.ullstein.de           wendyholden.net

  1. 11. 2020

Elizabeth Strout: Alles ist möglich

November 19, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Irgendwie im Innersten verstanden

Alles ist möglich von Elizabeth Strout

Eine der Figuren, die Elizabeth Strout in ihrem jüngsten Roman zum Ensemble versammelt, kennt man bereits. Lucy Barton, die Bestsellerautorin, war die Protagonistin in „Die Unvollkommenheit der Liebe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21705). Damals lag sie im Krankenhaus und haderte mit ihrer unerträglichen Mutter, nun erfährt man endlich mehr über Lucys Background und versteht vieles besser, die Schriftstellerin stammt von einem Einschichthof, die Familie extrem arm, die Eltern auf seltsame Weise sadistisch.

Als Lucy deren Haus einen Besuch abstattet, mit Bruder und Schwester auf der ramponierten Couch sitzt, erleidet der Literaturstar eine Panikattacke. Sie will trotz besten Willens nichts hören von den verrohten Verhältnissen der Vergangenheit, und Lucy, die bei einer Lesung den Wahrheitsgehalt des Geschriebenen einfordert, nimmt vor ihrer Herkunft Reißaus …

In der Figur Lucy Barton laufen Strouts Handlungsfäden zusammen, sie dient den anderen Charakteren als Projektionsfläche, auch Reibebaum, alle kennen ihre Bücher, und schwanken zwischen Neid und Beglückung darüber, dass es eine von ihnen geschafft hat – rauszukommen aus Amgash, Illinois.

Mit „Alles ist möglich“ ist die große Erzählerin Strout ihrem Meistermetier treu geblieben: in sich verwobenen Kleinstadtgeschichten. Unsentimental und ohne jemals in Stereotype zu verfallen, breitet sie ihr Antiidyll über Amerikas wirtschaftlich abgehängten, geistig verstockten, seelisch verkümmerten Mittleren Westen aus. Eine Welt zwischen Maisfeldern, Sojabohnenanbau und Windparks, in dem ein genügsamer, schweigsamer, in sich gekehrter Menschenschlag lebt, dessen Wortkargheit sie mit einer einfachen Sprache illustriert. Und es ist wie stets bei der Strout, wiewohl die Grundvoraussetzungen für die Figuren nicht die besten sind, und deren Grundton ein melancholischer, sind ihre Short Cuts ein Herzenswärmer.

Weil man sich wie die, diese zwar sachlich, aber nie distanziert schildernde, Autorin alsbald in die Akteure verliebt. Allen voran in die übergewichtige Lehrerin Patty Nicely, sie die zweite Klammer der lose verknüpften Kapitel, die sich von ihren Schülern demütigen lassen muss, und heimlich den Buchhändler Charlie Macauley anhimmelt. Der sich wohl von seiner hysterischen Frau Shirley scheiden lassen möchte, aber nicht für Patty, sondern für die Prostituierte Tracy, die ihn schlussendlich um viel Geld erleichtert. In den Schulwart Tommy Guptill, der seine Farm durch einen Brand verlor. In Pattys Schwester Linda, die für ein Leben im Wohlstand die Partykeller-Vergewaltigungen ihres Ehemanns erduldet, und in Pattys beste Freundin Angelina, die nicht fassen kann, dass ihre Mutter, noch dazu in Italien, eine späte Liebe findet.

Bild: pixabay.com

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Strouts Geschöpfe sind allesamt nicht mehr jung, sondern zwischen Fünfzig und Achtzig, zackig, mit zwei, drei kühnen Strichen sind sie als Figur entworfen. Sind vom Leben und vom Krieg, und die USA sind ja ständig in einem, Beschädigte. Leiden an Angst und Scham, vor anderen und vor allem sich selbst und die Frauen dazu wegen ihres Körpers – „Das Bild, das Annie vor sich sah, war das einer Wurst: eine Wurst, in deren Pelle sie ein Löchlein gepiekst hatte, und durch dieses Löchlein versuchte sie sich ins Freie zu winden … die Pelle der Wurst war Scham. Ihre Familie war in Scham eingeschweißt.“ Strout, Psychopathologin für dysfunktionale Charaktere, lässt sie ihre Gefühle wie folgt vergleichen – als Echo von Schmerzen, die im Bewusstsein widerhallen: „Damals hatte er gemerkt, dass es, wenn man statt dem Nagel den Daumen erwischte, einen Sekundenbruchteil gab, in dem man dachte: Komisch, dafür wie fest ich zugeschlagen habe, geht es eigentlich … Und erst dann, erst nach diesem Moment trügerischen, ungläubigen, dankbaren Aufatmens, kam der Schmerz herangetobt.“

Amgash, das kleine Provinzkaff mitten im Nirgendwo der Prärie, wird durch Strout zur Schmiede diverser Schicksale, diese wie stets bestimmt durch Einsamkeit und Verwirrtheit und einem den Umständen-Ausgeliefertsein, durch Katastrophen und Unglücksfälle und immer wieder Ehedramen. Doch mehr als man’s gewohnt ist, lässt sie in ihre Storys diesmal Gewalt und Missbrauch einfließen. „Eine Frau, die seufzt und klagt, ist wie eine Portion Dreck, die man dem lieben Gott unter den Fingernagel schiebt“, denkt dazu an einer Stelle Dottie, und es ist eine der originellsten in dieser Perlenreihe kurioser, auch geheimnisvoller Geschichten, wie die Besitzerin einer Frühstückspension von Zimmermietern veralbert wird, und wie sie dafür Rache nimmt. Bei aller Trostlosigkeit lässt Strout ihre Figuren doch immer wieder Trost durch derlei verwegene Taten zukommen.

Das hallt im Leser lange nach, und man fühlt sich selbst als Mensch wie Patty bei der Lektüre von Lucy Bartons neuem Buch: Irgendwie im Innersten verstanden. Und am Ende, ein Hoffnungsschimmer, wird es eine neue Lucy geben, ein Mädchen, rotzfrech und renitent, und ihm wird ebenfalls die Flucht vom flachen Land gelingen …

Über die Autorin: Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. „Die Unvollkommenheit der Liebe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21705) kam auf die Longlist des Man Booker Prize 2016. Erschienen sind außerdem „Das Leben natürlich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6494) und „Bleib bei mir“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11917). „Alles ist möglich“ erhielt ein überwältigendes Presseecho in den USA und stand in allen großen Medien auf den Empfehlungslisten; die Übersetzungsrechte wurden in 16 Länder verkauft. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Luchterhand Literaturverlag, Elizabeth Strout: „Alles ist möglich“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sabine Roth.

www.randomhouse.de/luchterhand/

  1. 11. 2018

Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

August 29, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss auch noch ein Schweizer Nazi-Schließfach

Die Unvollkommenheit der Liebe von Elizabeth Strout

Die Unvollkommenheit der Liebe von Elizabeth Strout

Es ist schon so. Als großer Fan von Elizabeth Strout hatte man sich den ganzen Sommer auf ihren neuen Roman gefreut, doch umso größer ist nun die Enttäuschung. Es mag mitunter die Qualität eines Buches sein, das es den Leser ärgert, und tatsächlich giftet einen diese Protagonistin Lucy, nicht Jordan, sondern Barton, immer wieder möchte man sie bei den Schultern packen und schütteln, befreie dich!, finde dich!, werde ein Ich!, doch die bestimmende Emotion bleibt: ein desillusionierter Dämpfer.

Wie es ausgerechnet dieses Bändchen der sonst so ausgezeichneten US-Autorin auf die Longlist für den diesjährigen Man Booker Prize geschafft hat, erschließt sich einem nicht. Zum mutmaßlich ersten Mal wagte die Schriftstellerin den Ausbruch aus dem ihr so vertrauten und stets so brillant geschilderten Gründerstaaten-Kleinstädter-Milieu – und dieser Ausbruch muss als gescheitert angesehen werden.

In „Die Unvollkommenheit der Liebe“, das ab heute im Buchhandel erhältlich ist, liegt Ich-Erzählerin Lucy Barton im Krankenhaus in Manhattan. Nach einer Blinddarmoperation hat sich eine rätselhafte Infektion in ihrem Körper ausgebreitet, zeitweise kämpfen die Ärzte um ihr Leben. Neun Wochen wird es dauern, bis sie sich von ihrem Krankenbett wieder erheben kann, dies erzählt sie rückblickend, und als sie eines Tages die Augen aufschlägt, sitzt ihre Mutter an ihrem Bett. Eine Frau, mit der sie nichts gemein zu haben glaubt und zu der sie schon lange keinen Kontakt mehr hat, um deren Liebe zu buhlen sie aber selbst in dieser schwierigen Lebenssituation nicht aufhören kann.

Diese kammerspielartige Situation wurde von Strout entworfen, um entlang der kaum vorhandenen Gespräche der beiden eine Familienbiografie zu entwerfen. Wie sie’s normalerweise mit Verve und viel Verständnis für Zwischenmenschliches tut. Diesmal allerdings bleibt, was die Geschichte zweier zwanghaft über die kaputten Beziehungen anderer redenden Frauen werden hätte können, eine Beschreibung von Menschen, die sich ihr Leben zergrübeln und zerquälen, einer Mutter, deren nadelspitze Sticheleien zeigen, wie man einer Mutter nie gut genug sein kann, die der Werdegang ihrer Tochter nur verwirrt oder maximal neidisch macht, und dieser Tochter, die sich ihres Selbstwerts unbewusst immer noch einen „Niemand“ nennt und deren therapieüberfällige Ängste und Nöte man nicht haben möchte, auf halber Strecke stecken.

Im Roman wird über eine New Yorker Autorin namens Sarah Payne berichtet, man erinnert sich an ein gleichnamiges britisches Pädophilenopfer aus dem Jahr 2000, und dieser Sarah Payne wird vorgeworfen, ihre Romane und deren Figuren an einer gewissen Stelle einfach verenden zu lassen. Die Reklamation muss weitergereicht werden. Strout mag viele Lucy Bartons gekannt haben und kennen, doch scheint sie selbst so greifbar an so vielen Stellen durch, dass einen das Gefühl beschleicht, sie halte künstlich etwas vom Leser fern. Sie arbeitet in einer Art höchster Geheimhaltungsstufe, als ob ihr persönlich Lucys Story zu tief und zu nahe gehe. In „Die Unvollkommenheit der Liebe“ wird nichts ausgemalt, und man muss auch nicht alles en Detail wissen, um es zu verstehen, den Missbrauch und die Misshandlungen durch den Vater, die seelische Kälte und die Kaltschnäuzigkeit der Mutter, die Fremdheit und ergo die Distanz gegenüber den Geschwistern, doch Strout hat ihr Buch hermetisch abgeriegelt und verweigert einem den Zugang dazu. Das aber tut Literatur niemals gut, bis zu einem gewissen Grad der Selbstverletzung bleibt ein Seelenstrip des Schriftstellers unerlässlich.

Bild: Pixabay

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Noch schlimmer allerdings wiegt die Sprache. Wie gerne hätte man formuliert, sie sei schlicht und schön, so unsentimental und klar wie intensiv, über Strouts „Das Leben natürlich“ hieß es an dieser Stelle „kaum ein anderer Autor kann gleichzeitig so prosaisch und so poetisch erzählen“, doch klafft auch hier eine Schere zwischen Wollen und Wirkung. Lucy Barton schildert ihren Weg zur Bestsellerautorin, aber einer solchen Schreibstil hat sie nicht. Höflichst könnte man ausdrücken die einfache Sprache sei wie gesprochen, als wär’s die erzählte Chronik einer mittelschichtigen Supermarktangestellten oder einer von der Computerisierung in ihrem Büro ausgesonderten Schreibkraft, doch niemals die einer nunmehr gefeierten hauptberuflichen Wortschöpferin.

Die Strout hat sich auf ein Terrain begeben, das ihr unbekannt ist und dessen Meisterin zu werden sich ihr nicht erschlossen hat. Auf dem Höhepunkt steht Lucys erster Ehemann, der, weil er deutschstämmig ist und Lucys Vater Soldat im Zweiten Weltkrieg war, von ihren Eltern nicht nur abgelehnt, sondern in einer hysterischen Germanophobie samt den aus dieser Verbindung stammenden Töchtern regelrecht gehasst wird. Aber kurz bevor die Ehe scheitert, erbt er – ein Schließfach in der Schweiz voll mit Großvaters Nazi-Geld, und freilich nimmt Lucy bei der Scheidung von diesem Stereo-Typ keinen Cent an … Der Schlusssatz des Buches ist folgender: „Leben, denke ich manchmal, heißt Staunen.“ Lesen auch. Wobei es hier für Staunen die passenden Synonyme fassungslos, sprachlos, aus allen Wolken fallen gibt.

Über die Autorin:

Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Nach dem Jurastudium begann sie zu schreiben. Ihr erster Roman „Amy & Isabelle“ wurde für die Shortlist des Orange Prize und den PEN/Faulkner Award nominiert und ein Bestseller. Für „Mit Blick aufs Meer“ bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. Erschienen sind seither unter anderem „Das Leben natürlich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6494) und „Bleib bei mir“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11917). Elizabeth Strout lebt heute in Maine und New York.

Luchterhand Literaturverlag, Elizabeth Strout: „Die Unvollkommenheit der Liebe“, Roman, 208 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth.

www.randomhouse.de/luchterhand

Wien, 29. 8. 2016

Elizabeth Strout: Bleib bei mir

Oktober 24, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Engstirnigkeit, die einen ärgert

Bleib bei mir von Elizabeth StroutNoch vor ihrem hochdekoriertem Roman „Mit Blick aufs Meer“ (eine Kurzgeschichtensammlung rund um eine pensionierte Mathe-Highschoolprofessorin, die den halben Ort unterrichtet hat. EINE LESEEMPFEHLUNG!) schrieb Elizabeth Strout 2006 „Bleib bei mir“. In West Annett, einer Kleinstadt in Maine, stürzt der Pastor Tyler Caskey in eine tiefe Lebenskrise: Vor Kurzem ist seine Frau Lauren an einem Gehirntumor gestorben, und Kummer und Verzweiflung drohen ihn zu überwältigen. Seine fünfjährige Tochter Katherine hat seither kein Wort gesprochen und fällt durch aggressives Verhalten in der Volksschule auf. Seine zweite Tochter, die kleine Jeannie, lebt in einem anderen Ort bei Tylers dominanter Mutter. In der kleinen Gemeinde erblühen Klatsch und Tratsch. Wo jeder jeden kennt, steht auch jeder unter Beobachtung, vor allem ein verwitweter,  junger Pastor, der einst mit seinen Predigten und seiner ruhigen, bescheidenen Art die ganze Gemeinde begeistert hat. Plötzlich mehren sich die misstrauischen, argwöhnischen Stimmen, immer mehr Leute finden, dass Tyler sich in seinem Schmerz zu sehr gehen lässt, und bezweifeln allmählich seine Eignung als Seelsorger und Vater …

Strout bleibt in dem Biotop, das ihr Zuhause ist. Und ist doch ganz anders. Dieses Buch ärgert einen. Weil man keine symphatische Figur findet, mit der man durch die Seiten ziehen kann. Alle sind hier irgendwie grauslich. Weil überall Engstirnigkeit und Misstrauen und Verlogenheit herrscht. Kleinstadtmief dampft aus jeder Seite. Die Strout macht das absichtlich. Und sie macht es wunderbar. Allein den Kirchenrat, der sich ausschließlich mit der Frage „Neue Orgel Ja oder Nein“ befasst, möchte man, aber wirklich … Wie immer hat sie es nicht nötig, an Sätzen kunstvoll zu schrauben, sie erzählt einfach die Geschichte ihrer Figuren. Beziehungsweise was sich hinter den zugezogenen Vorhängen der Kleinstadthäuser abspielt. Von Prügeln für die Ehefrau bis Fremdgängen bis, ja sogar, Sterbehilfe. Strouts Charaktere sind wie immer frei nach Leben. Stolz darauf quasi mit den Pilgrim Fathers von der Mayflower an Land gegangen zu sein – der Rest der USA ist Wildnis -; in­di­g­niert weil reiche New Yorker die Gründerstaaten zum Feriendomizil und damit zum Bauplatz für ihre Protzvillen gewählt haben. Fremde !!! will man hier gar nicht. Elizabeth Strout ist eine Meisterin von Sozialstudien über das Mit- und Gegeneinander im Kleinstadtleben. Ein gutes Dutzend Personen von der sich schon als Pastorengattin Nr. 2 wähnenden Apothekerin bis zur überglücklichen Hausputzfrau gehen einem im Buch auf die Nerven. Und all diese Macho-Männer, wäh! Und die Lehrerin und die überkandidelt-selbsternannte Kinderpsychologin. Und Tylers Mutter. Und erst recht seine Schwiegereltern, die immer schon glaubten, ihre Tochter habe unter Niveau geheiratet. In Rückblicken wird klar: Selbst die hingegangene Lauren war eine Schreckschraube, die auf die Gemeinde ihres Mannes als G’scherte herabsah, und in Highheels und Designeroutfit – obwohl das Pastorengehalt den Luxus nicht finanzieren konnte, Daddy konnte – durch den West Annetter Schnee stiefelte. Mögen kann man nur Haushälterin Conny, aber die endet im Gefängnis …

Auch Tyler Caskey ist nicht liebenswert. Bis zum Schluss, bis knapp vor dem Ende, bis alle merken, was sie es noch zu verlieren gilt, den Pastor nämlich, erlaubt er sich keine menschliche Regung, dieser Bonhoeffer-Apostel. Der den Unterschied zwischen sich und einen von den Nazis nackt durch den Wald zur Hinrichtung Gejagten gar nicht wahrnimmt. Der keine hiobsche Empfindung hat, sondern wie Ned Flanders aus den „Simpsons“ – ebenfalls Witwer – für alles einen Kirchenspruch: Und wenn man glaubt, es geht nicht mehr … Doch Elizabeth Strout wäre nicht diese anrührende, gütige Erzählerin, wenn nicht Reue und Freundlichkeit und Herzenswärme über Niedertracht siegen würden. Sie bahnen sich ihren Weg durch die Unzulänglichkeiten des Lebens, durch unbequeme Wahrheiten, durch die Irrwege des Allzumenschlichen – und führen zusammen, was zusammen gehört. Nein, „Bleib bei mir“ hat kein Happy End. Aber es endet mit einem Hoffnungsschimmer. Einer Idee eines besseren Morgen. Ein Glück. Menschen können sich ändern. Zumindest bei Strout. Und das lässt einen doch wünschen fürs eigene Dasein. Ein fabelhaftes Buch! Mrs. Strout, wir warten auf das nächste!

Zur Autorin: Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Nach dem Jurastudium begann sie zu schreiben. Ihr erster Roman »Amy & Isabelle« wurde für die Shortlist des Orange Prize und den PEN/Faulkner Award nominiert und wurde ein Bestseller. Für »Mit Blick aufs Meer« bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. Elizabeth Strout lebt heute in New York.

Elizabeth Strout: Bleib bei mir. 336 Seiten. Literaturverlag Luchterhand. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sabine Roth.

www.randomhouse.de/luchterhand

www.mottingers-meinung.at/elizabeth-strout-das-leben-natuerlich

Wien, 24. 10. 2014

Elizabeth Strout: „Das Leben natürlich“

November 28, 2013 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Sittenbild mit Somalis

Das Leben natuerlich von Elizabeth StroutLiteratur, die Herz und Hirn in Gang setzt, ist das Markenzeichen der US-Autorin Elizabeth Strout. Ihre Bücher sind wie ein schattiges Sommernachmittagsplätzchen, an dem einen Obstkuchen und Limonade kredenzt werden. Doch das nur auf den ersten Blick: Im Kirsch- und Marillenbelag findet sich nämlich der eine oder andere Kern. An dem kann man sich Zähne ausbeißen. Das bedeutet: Mitdenken beim Genießen. Nach ihrem wunderbaren Roman „Mit Blick aufs Meer“, eine Kurzgeschichensammlung in bester Sherwood-Anderson-Tradition, in der eine pensionierte, verwitwete, hantige Highschool-Mathematiklehrerin, die ob ihres Berufs alle Mitglieder einer kleinen New-England-Gemeinde kennt, das Bindeglied zwischen den Episoden bildet, legt Strout ihre nächste Familystory vor: „Das Leben natürlich“. Die Schriftstellerin bleibt sich treu, beschreibt auch diesmal das, was sie kennt: Die Menschen in einem der Gründerstaaten, diesmal in „Shirley Falls“, Maine. Die Schriftstellerin bleibt sich treu, schreibt auch diesmal mit trockenem Humor über die traurig trostlose Konsequenz des einfach Daseins. Das Leben natürlich?

„The Burgess Boys“ heißt das Buch im Amerikanischen. Der nichtssagende deutschsprachige Wald-und-Wiesen-Titel ist auszublenden. In ihrer behutsam fließenden Sprache, vollkommen unsentimental und gleichzeitig tief berührend, erzählt Strout von Idylle, die zur Enge wird, einer Familie mit mehr als einem dunklem Geheimnis, vom Alltagsrassismus, vom Unverständnis. Von Fremden in der Fremde und vom Fremdfühlen unter Freunden, Verwandten. Die Burgess-Buben, Brüder, Jim und Bob, könnten unterschiedlicher kaum sein. Jim, der Karrierejurist mit elegantem Haus, elegantem Auto, eleganter Frau und Elite-Uni-Kindern. Ein Berufsschwafler, der Einschleimurlaub mit Vorgesetztem nebst Gattin absolviert, obwohl ihm das beim Haus raushängt. Er wird am Ende einen Neuanfang machen. Bob, der Loser, vom Anwalt zum Aktenverwalter verkommen, geschieden, an der Kippe zum Alkoholismus. Warmherzig, liebevoll, sich seiner selbst unsicher. Er wird am Ende einen Neuanfang machen. What a life, what a cliché. Nur in einem waren sich die beiden einig: Weg aus Maine, Flucht nach New York. Doch die nächste Generation Burgess-Bub sorgt für Erregung: Zack, 19, Sohn von Schwester Susan, hat einen tiefgekühlten Schweinekopf in eine behelfsmäßige Moschee gerollt.

Ein Streich aus Jux oder Frust entstanden? Aus verschiedensten politischen Interessen fordern verschiedenste politische Interessensvertreter nun Zacks Kopf. Die Fernsehstationen rücken mit Ü-Wagen an, es gibt Demonstrationen, Kundgebungen, Susan ruft ihre Brüder zu Hilfe. Sie begreift nicht, was die „Somalier“, somalische Flüchtlinge, die man in Shirley Falls untergebracht hat, von ihrem Sohn wollen. Bürgerkrieg. Hungerkatastrophen. Warlords und Piraten. Menschenrechte. Der Einfluss der UdSSR, der vom Einfluss der USA, die die somalische Übergangsregierung politisch, durch finanzielle Hilfen und mit Waffen unterstützen, aufgesogen wurde. Die militärische Intervention Kenias. Die Angst im Nachbarland Äthopien. al-Shabaab. Man kämpft in Shirley Falls gegen die hohe Arbeitslosenrate, gegen Überalterung, gegen wirtschaftlichen Niedergang. Wen hätte Afrika also in Maine je gekümmert? Elizabeth Strout. Ihr Familienroman ist ein subtiler Gesellschaftsroman. Der Imam, gütig, verloren, sieht in Zack einen zu großgliedrigen, verschlossen, trotzig rotzigen, verlorenen Teenager. Sein Sohn war auch so. Er wurde von den Rebellen erschossen … Jim und Bob und Susan überholt indes nicht nur die Gegenwart, sie werden auch von der Vergangenheit eingeholt. Ihr Vater starb bei einem Autounfall – und Bob, da war er drei Jahre alt, saß am Steuer – oder doch nicht er …

Von Kapitel zu Kapitel entfaltet Strout ihren Kosmos. Es ist schier unmöglich, ihr Buch aus der Hand zu legen. Sanft fährt sie ihren Figuren über die Stirnfalten der Verzweiflung, erspürt sie dabei, fährt ihre feinen psychologischen Antennen aus, um ihre Schicksals- und Fehlschläge treffend zu machen. Die Tiefe und die Untiefen ihrer Seelen zu zeigen. Kaum ein anderer Autor kann gleichzeitig so prosaisch und so poetisch erzählen. Von Träumen. Und davon, dass die kleinen eher Erfüllung finden als die großen. Nicht alle Menschen werden Brüder. Aber manchmal gelingt es zweien. Das Leben – natürlich! – hat immer eine Art Happy End. Man muss es nur zu erkennen wissen.

Zur Autorin: Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren und wuchs in Kleinstädten in Maine und New Hampshire auf. Nach dem Jurastudium begann sie zu schreiben. Ihr erster Roman „Amy & Isabelle“ (1998) wurde für die Shortlist des Orange Prize und den PEN/Faulkner Award nominiert und wurde ein Bestseller. Für „Mit Blick aufs Meer“ bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Luchterhand Literaturverlag: Elizabeth Strout, Das Leben natürlich. 400 Seiten. Übersetzt von Sabine Roth und Walter Ahlers.

www.randomhouse.de/luchterhand/

Interview mit Elizabeth Strout: www.goodreads.com/interviews/show/846.Elizabeth_Strout

Wien, 28. 11. 2013