Kammerspiele: Gemeinsam ist Alzheimer schöner

September 21, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Glücklich ist, wer vergisst …

Statt Tabletten-Suizid zu begehen, erfinden sie ein Shakespeare-Stück: Johannes Krisch und Maria Köstlinger als „Er“ und „Sie“. Bild: Herbert Neubauer

Sex & Drugs & Rock’n’Roll. Mit Position eins und drei fängt es an, zum Beatles-Song „Why Don’t We Do It in the Road?“, Position zwei wird zum Schluss geprobt. Ein erotisches Gerangel wird zum Kuss, französisch, denn es ist 1968 und in Paris stehen die Studenten auf, und „Er“ und „Sie“ skandieren: „Wir sind frei!“ Sind sie nicht, Johannes und Helga, wie ihre Namen später offenbar werden, denn mitten im Sorbonner Mai stehen statt Barrikaden zwei Rollstühle.

Die beiden Alten sind in einer Greisenverwahranstalt gefangen, zwar soll sie luxuriös sein, die Seniorenresidenz „Herbstfreude“, doch die verschiebbaren Wände des Bühnenbilds von Florian Etti sind nicht nur prosekturweiß verfliest, sie öffnen sich auch wie von Geisterhand zu größeren, verengen sich zu kleinsten Räumen – der Mensch als Versuchskaninchen im Laborlabyrinth, ein Eindruck, den eine Stimme von oben noch verstärkt. Und doch ist es ein Labyrinth im Kopf …

An den Kammerspielen der Josefstadt wurde nun endlich Peter Turrinis Alterswerk „Gemeinsam ist Alzheimer schöner“ zur #Corona-bedingt verschobenen Uraufführung gebracht, Alexander Kubelka hat die Tragikomödie inszeniert, klug und einfühlsam und mit viel Spiel-Raum für seine Darsteller. Diese sind Maria Köstlinger und Johannes Krisch, welch ein Gewinn der Mann für die Josefstadt ist!, und vom ersten Augenblick an wird man vom Charme der beiden mitgerissen.

Selten zuvor hat man sich bei einem Turrini-Stück mehr gefragt, wie viel biografischer Peter drinsteckt, vom frühen Egomanen und Weiberer, der keine Zeit für Frau und Kind erübrigt, vom Job als Hotelsekretär in Bibione, vom politischen Provokateur zum gesetzten Grandseigneur … bis zum im Programmheft abgedruckten Interview über „Zerbröselung“ und den Tod, der ihm sogar beim Nordic Walking folgt: „Ich nehme keine Termine mehr wahr, fahre nirgendwo hin, sperre mich in mein Arbeitszimmer ein und schreibe so lange, bis ich vom Sessel rutsche.“

Ja, mag man sagen, vieles an diesem Demenztext ist trivial, er ist eben – wie das Leben so spielt. Eine Liebe, die in die Jahre gekommen ist. Zwei Entfremdete, die sich dank ihres zunehmend sich verabschiedenden Gedächtnis neu verleidenschaftlichen. Ihre lichten Momente sind die schwärzesten, wenn sie sich an Verletzungen, enttarnte Seitensprünge, die Gleichgültigkeit des anderen erinnern, wenn die alten Narben zu frischen Wunden aufreißen, dann tobt der Ehekrieg aufs Neue, die wie Kanonenkugeln abgeschossenen Worte aber nicht schwer, sondern beim Einschlag mit dem Turrini-typischen Humor explodierend.

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Glücklich also ist, wer vergisst. Johannes und Helga ahnen die meiste Zeit nur dunkel, was es mit ihrer Zweisamkeit in der Altersheim-Einsamkeit auf sich hat, doch hätten sie da das Herz am rechten Fleck. Aber das Gehirn schaltet sich ein und macht sie zu den Kuratoren ihrer eigenen Retrospektive. Nach dem ersten hochpoetischen Telefonat via – Achtung: Sinnbild! – Toilettenpapierrollen wird der Rollstuhl zum Rollschuh, denn bei Bedarf sind die Gangunsicheren bestens zu Fuß, es wird ein Kind gezeugt, der eben noch flammende Pamphlete verfassende Revolutionär übernimmt nun doch Vaters Papierfabrik, wie berührend das ist, wenn sich Johannes von seinen Lebensplänen verabschiedet.

Helga verabschiedet sich vom Studium, wird frustshoppende, den Feng-Shui-Garten pflegende Hausfrau und Mutter, exzellente Gastgeberin, doch im Bett kalt und kälter, Johannes, nun Großunternehmer, lässt dagegen nichts anbrennen. Die Zeit verrinnt, die Zeiten zerrinnen ineinander … Es ist ein Schauspielerfest, das an den Kammerspielen zu sehen ist, und Johannes Krisch ein kongenialer Rappelkopf zum Menschenfreund Turrini. Virtuos meistert er die unzähligen Nuancen, die Turrini ihm zugeschrieben hat. Wie er schaut, wenn sie die Leporello-Liste seiner Amouren entrollt, wie ein Kind, das man beim Kekse klauen erwischt hat. Mit zittriger Hand will er sich rechtfertigen, dann zerspringt er in verzweifelt-(komischem) Zorn, der in die Ecke argumentierte Mann. Womit Krisch die mitleidigen Lacher des Publikums gewiss sind.

Maria Köstlingers Helga aber ist die Machthaberin der Spielchen, eine nüchtern-süffisante Gattin zum kauzig vor sich hin schwadronierenden Gespons. Es ist, als würde im gegenwärtigen Verfall Helgas übersprungene Emanzipation stattfinden. Die vom großen Macho-Tier ein Leben lang kleingehaltene Frau bekommt ihre späte Rache und macht aus ihrer Waffe der stillen Sturheit endlich lautstarkes Aufbegehren. Welch eine Szene, wenn er ihr kellnernde Liebhaber beim Strandurlaub vorwirft, und sie ihm hysterisch lachend vormacht, wie sie ein ganzes Heer von ihnen als „Glocken von Bibione“ Aufstellung nehmen hat lassen. Ein paar Minuten später weiß sie nicht mehr, wie Zähneputzen geht, und er hilft ihr liebevoll mit Zahnbürste und Zahnpasta.

Die gemeinsame Sprache ist das, was Männer und Frauen trennt, feixt Turrini. Will sie über Gefühle reden, sagt er, jetzt komme sie schon wieder mit ihrer Psychologie daher. Eine Schelmin, die behauptet, derlei Sätze im persönlichen Beziehungswirrwarr noch nie gehört zu haben, und gleichzeitig entwirft Turrini mit seinen beiden Figuren ein gesellschaftliches Sittenbild seiner Generation bis heute. Es liegt an Krischs Johannes diesen Polit-Rappel, Anklage des Systems und zugleich Selbstanklage seiner Zeitgenossenschaft, förmlich auszukotzen.

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Als darob auf den Plan gerufene Big Brothers fungieren Roman Schmelzer und Michael Dangl, als Stimmen der Heimleitung aus dem Lautsprecher, der erste, der von seinen Schäfchen „angenommen und geliebt“ werden will, und dies derart fröhlich aufgedreht, dass es im Selbstmord enden muss, der andere ein aalglatter MBA-Gottöberst, der mit  „Bewohnermanagement“ beschäftigt ist.

Helgas und Johannes‘ Welt reduziert sich, auch räumlich, weil der sich mit einem Auslandsgeschäft verspekuliert habende Sohn und Erbe statt des Appartements nur noch ein Zimmer zu zahlen bereit ist. Der Enkel kommt, auch das kennt man, der schlechte Vater wird ein guter Großvater, der mit hinreißender Begeisterung mit den Spielzeugautos fuhrwerkt. Helga schneidet derweil die Blumen aus ihrem Kleidchen und klebt sie an die Wand. Wunderbar sind überhaupt die Kostüme von Elisabeth Strauß für die Köstlinger: vom mausgrauen Faltenrock zum pastellrosa Liebestöter zum mondänen Turniertanzoutfit.

Im Verwelken lässt Turrini seine Geschöpfe die schönsten Blüten treiben. Fabelhaft etwa, wie sie den Tabletten-Suizid vorbereiten, von den lyrischen Bezeichnungen für die Medikamente aber so verzaubert sind, dass sie mit ihnen der Protagonisten Namen einer Shakespeare’schen Tragödie erfinden. Ein Werk mit Happy End, selbstverständlich. Wie auch Turrinis, der seinen Figuren knapp vor Eskalation ein endgültiges Fremdsein verschriebt. Man siezt sich in diesem dramaturgischen, von Köstlinger und Krisch berückend dargebotenem PS, doch man liebt sich auf den letzten ersten Blick.

Und wie Turrini seine Schutzbefohlenen mal vorm Tod in den Walzer rettet, mal im Flugzeug Richtung Märchen entfleuchen lässt, so auch diesmal: „Er“ führt seine „Sie“ in den Sonnenuntergang, führt sie zum Traualtar, und ihr Brautschleier ist – Toilettenpapier …

www.josefstadt.org           Video: www.youtube.com/watch?v=hoW6URBSI3s

  1. 9. 2020

Kosmos Theater: Das Werk

Januar 9, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Ziehen in den Schneidezähnen der Wahrnehmung

Keine Panik vor der Titanic: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brower und Tamara Semzov als Persiflage eines literarischen Quartetts. Bild: Bettina Frenzel

Als Hintergrundgeräusch endlosschleift Freddy Quinn „Ich mach mir Sorgen / Sorgen um dich / Denk auch an morgen / denk auch an mich“ – der Vierzeiler über den Jungen, der bald wiederkommen möge, von Regisseurin Claudia Bossard allerdings auf ihre Zweifel an der Seligen-Insel Österreich umgemünzt. Kaum ein Monat, bevor am Akademietheater aktuell Politbalearisches von der Literaturnobelpreisträgerin uraufgeführt wird, hatte gestern im Kosmos Theater Elfriede Jelineks „Das Werk“ Premiere.

Dessen Thema: Kaprun2, heißt, dass die Autorin den Gletscherbahnbrand am Kitzsteinhorn im Jahr 2000 mit dem zeithistorischen Bau des Tauernkraftwerks verquickt, 155 Tote hie, in etwa ebenso viele da, Schifahrer und NS-Zwangsarbeiter und kein Schuldiggesprochener nirgendwo, stattdessen die Schaffung eines Mythos vom Unterwerfen der Natur durch Menschenhand als „eine patriotische Leistung des gesamten Bundesvolkes“ (© Karl Renner, Bundespräsident 1949).

So größenwahnsinnig der Kahlschlag, so gewaltig die Tragödie, auf die nun im Kosmos Theater – 20 Jahre nach der von ihrem wirtschaftlichen Kontext hurtig entkernten und medial noch fixer mit jenem Schicksalsbegriff ausgestatteten „Kaprun-Katastrophe“ – Rückschau gehalten wird. „Das Werk“ dabei eine Collage aus Zitaten und Zeitungsartikeln, Fachkommentaren und Fakten, eine Textmauer über die Staumauer, ein monomaner Monolog, den fünf Spieler parieren, pointieren, rhythmisieren, zerlegen und chorisch aufladen müssen. Und zu dem Jelinek regie-anweist: „Wie Sie das machen, ist mir inzwischen bekanntlich sowas von egal.“

Zusammengefasst, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Tamara Semzov, Lukas David Schmidt und Wojo van Brouwer machen’s virtuos. Claudia Bossard, die zuletzt am Haus mit ihrer Inszenierung der „Sprengkörperballade“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32624) überzeugte, schöpft aus den Jelinek’schen Satzkaskaden die Hybris als ihr zentrales Sujet, und dies mit einem Biss und einem Witz, dass es eine Freude ist. Bossard lässt ihr Ensemble nämlich nicht „Das …“, sondern Jelineks Werk verhandeln, in Form einer blasiert aufgeblähten Literaturkritikerrunde, jede Ähnlichkeit mit derlei real existierenden Fernsehformaten wohl alles andere als rein zufällig, die bei einem skurrilen Symposium im Über-Jelinek-Reden schwelgt.

Wojo van Brouwer, Alice Peterhans und Veronika Glatzner. Bild: Bettina Frenzel

Lukas David Schmidt. Bild: Bettina Frenzel

Veronika Glatzner, Alice Peterhans und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Die Mythos-Mäklerin wird derart selbst zu einem solchen, das Werk im doppelten Wortsinn zerkaut, verdaut, defäktiert, interpretiert wird, bis der Arzt kommt, denn eine Autorin, die ihre Gedanken nicht deklariert, muss sich mit dem Deuteln der anderen, oder wie’s hier gesagt wird: dem rezensentischen Dekonstruieren, abfinden. Prachtvoll ist diese Farce über blaugedroschene Werkforscherfragen, köstlich, wie die Schauspielerinnen und Schauspieler Binnen-I-ronisch formulieren, beim Rezitieren pathetisch paraphrasieren, über die Übersetzung von Accident – Zufall/Unfall? – philosophieren. Zwischen den Zuschreibungen „Seismografin“ oder „Columba des Zeitgeists“ wird selbstverständlich der Selbstdarstellung gefrönt. Jeder der Diskutanten hatte schon seinen Jelinek-Moment, aus weiter Ferne und in der Furcht, die öffentlichkeitsscheue Schriftstellerin nur ja nicht zu stören, beim Zeitunglesen im Railjet oder beim Shoppen in der Münchner Maximilianstraße.

„Wie billig“, bemerkt dann einer übers teure Pflaster. „Es weiß doch wirklich jeder, dass Frau Jelinek dort eine Wohnung hat.“ Alice Peterhans zetert, sie empfinde Jelinek eigentlich als Lesetortur, als schmerzhaftes „Bohren in den Schneidezähnen meiner Wahrnehmung“. Gemeinsam mit Veronika Glatzner, Wojo van Brouwer und Tamara Semzov wirft sie sich gehörig in Pose, alle vier als literarisches Quartett wahrhaft und in allen Nuancen akademischer Eitelkeit höchst amüsant. Von Elisabeth Weiß mit Club-2-Garderobe und Goiserern ausgestattet, wird über ein Österreich, das als Idee besser denn als Ausführung ist, kluggescheißert, soll Turnschuh-telefonisch eine Musikgruppe namens „Die Ur-Krainer“ um ein Jelinek-Statement gebeten werden.

Und mittendrin Lukas David Schmidt als Getränkekellner, der offenbar als einziger „Das Werk“, dies Denk-mal! der Wissenschaftsjargon-Jongleure, auswendig hersagen kann. Videokünstlerin Annalena Fröhlich macht die Sprachbilder visuell greifbar. Mit einem metaphorisch zu erklimmenden Worteisgebirge, ein garstig-karstiges Konterkarieren der Tourismushochburg Alpenland, an dem vorbei Fröhlich ab und an Monty-Phyton-like einen Riesenluxusliner schickt – der aber ohne Panik vor der Titanic elegant entlang der Spieler gleitet, zu einem – ebenfalls von Fröhlich – Soundtrack von Schlager bis Katastrophenfilm.

Illustre Runde rauchender Literaturkritiker: Lukas David Schmidt, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brouwer und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Nach knapp der Hälfte ist der Abend jelinekisch vom Feinsten. Längst hat man’s aufgegeben sinnerfassend zuzuhören, und beobachtet lieber, wie die, die’s beruflich können müssen, mit dem Abend umgehen. Nach Jelinek-Perücken und -Puppen hat Bossard nun mit deren Werk Betrachter die humoreske Metaschraube noch stärker angezogen. „Warum, Martin Heidegger, warum so schwierig?“, darf einer der Protagonisten den Insidergag jammern.

Und plötzlich wird man’s gewahr, das Ziehen in den Zähnen, die gnadenlose Grausamkeit der Gleichnisse, der Spaß hat mit dem Heimatbegriff-Usurpator die Kurve zum Schrecklichen gekratzt. Zitat Jelinek: „Der faschistische Philosoph Heidegger [hat] sozusagen das Eigene gegen das Fremde abgrenzen und bewahren wollen. […] Heidegger ist der, der davon spricht, dass diese Heimat denen gehört, die sie besitzen …“ Das Panorama wird brüchig, im Hintergrund stürzen Schlote in sich zusammen, im Monströsen entpuppt sich die Poesie und umgekehrt. Publikum und Bühnenpersonal sind da bereits vom Sog der Sprache verschluckt worden. „Das Werk“ im Kosmos – der mit Bravour geführte Beweis, wie groß eine Produktion im kleinen Rahmen sein kann!

kosmostheater.at           www.elfriedejelinek.com

  1. 1. 2020

TheaterArche: Blinde Nacht – Nittel

Dezember 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Weihnachtsliedern hallt Pogromgeschrei

Der Pfarrer findet in finsterer Nacht den werdenden Vater Georg beim Heilkräuterritual: Bernhardt Jammernegg und Andreas Kosek. Bild: Jakub Kavin

Der Winterwind, der an die Fensterscheiben braust, wandelt sich in Fliegengesurr. Wie diese Parasiten und Krankheitsüberträger fielen nämlich die Fremden in ihren Weihnachtsfrieden ein, befinden die Dorfbewohner. Aus Unverständnis wird Furcht wird Hass, statt im Schein der Kerzen vom holden Knaben zu singen, hallt bald Pogromgeschrei. Es wird brennen, wird Blutvergießen geben, und Christoph Prückner bläst dies vorwegnehmend auf der Posaune zum Jüngsten Gericht …

Der Regisseur und Schauspieler hat passend zur Adventszeit in der TheaterArche ein lang gehegtes Projekt auf die Bühne gehoben, die Uraufführung von Simon Kronbergs Drama „Blinde Nacht – Nittel“, und diese Entdeckung kann Prückner nicht hoch genug angerechnet werden. Kronberg, 1891 in Wien geboren und aufgewachsen, emigrierte nach der Machtergreifung Hitlers 1934 von Berlin nach Palästina, wo er als Schuhmacher in einem Kibbuz lebte und schrieb. Zurück blieben seine nichtjüdische Frau Herta, von der er sich zu deren Schutz scheiden ließ, und Sohn Daniel. Sein bis dato ungespieltes Stück „Nittel – Blinde Nacht“ vollendete er 1941.

Der Begriff „NITL“ ist vermutlich aus einer Verballhornung von „dies natalis“ entstanden. Im Mittelalter war es den Juden verboten, an den Weihnachtsfeiertagen die Straßen zu betreten und Schulen und Synagogen zu besuchen, weshalb das Wort als Abkürzung von „Nit Jiden toren (= dürfen) lernen“ interpretiert wurde. In Osteuropa bezeichneten die Juden die vor der Heiligen als „Blinde Nacht“, man sagt, weil es ihnen in dieser zu gefährlich schien, mit dem Licht, dass sie zum Thorastudium brauchten, Aufmerksamkeit zu erregen. Genau das aber wurde ihnen von der christlichen Bevölkerung als Bosheit ausgelegt, da ein Aberglaube besagte, „dass Jesus nur Ruh‘ hat, wenn die J‘ lernen“.

In seinem farcenhaften Sittenbild hält Kronberg seinen Mitunmenschen den Spiegel vor die faschistischen Fratzen. Boshaft und beinhart analysiert er die Wirksamkeitsmechanismen der antisemitischen Agitation. In einem Provinznest leben die Bewohner in einem Dauerzustand der Angst, alles „andere“ wird abergläubisch dämonisiert, denn vor allem vom 23. auf den 24. Dezember soll das Böse ja seine Pranken nach den guten Christenmenschen ausstrecken. Diese angespannte Stimmung nützt nicht nur der örtliche Pfarrer, sondern nützen auch ein paar „Vorübergehende“, um den Judenhass zu schüren. Auf Massenhysterie folgt Massenpanik folgen Machtfantasien, die ein Opfer suchen …

„Das ist ein Weihnachtsgedanke: einer Jüdin wurde ein Kind geboren. Der Jude Jesus wurde unentwegt, immer gekreuzigt. Er wurde davon nicht schöner. Im Bild des Messias geistert er wie ein stets unwillkommener Bettler, als Dichter verschrien, durch die Völker und Länder“, formulierte Kronberg in einem Brief an eine Ex-Frau, als er ihr sein Manuskript übersandte. Prückner hat, fürs Publikum erklärend, dramaturgisch allerdings überaus komplex, etliche dieser Briefe, biografische Notizen und Passagen aus dem Stück „Der Tod im Hafen“ mit „Blinde Nacht – Nittel“ collagiert. Und er bedient sich eines weiteren Kunstgriffs, indem er als „Spielleiter“ das Ensemble zu einer Probensituation zusammenruft.

Die Dorfbewohner sind erst fadisiert …: Bernhardt Jammernegg und Barbara Schandl. Bild: Jakub Kavin

… dann alarmiert: Elisabeth Halikiopoulos als Wirtin und Bernhardt Jammernegg als Schuster. Bild: Jakub Kavin

Feindbild Flüchtlingskoffer: Eszter Hollósi als Schwester Frida und Elisabeth Halikiopoulos als Hebamme. Bild: Jakub Kavin

Weise aus dem Morgenland: Eszter Hollósi, Andreas Kosek und Anna Nowak als Erster, Zweiter, Dritter Jude. Bild: Jakub Kavin

Elisabeth Halikiopoulos, Eszter Hollósi, Anna Nowak, Barbara Schandl, Bernhardt Jammernegg und Andreas Kosek, Prückner selbst auch als Konrad, verkörpern derart nicht nur mehrere Charaktere, sondern sind mit Textbuch in der Hand immer wieder auch Schauspieler, die versuchen müssen, den sich ausbreitenden Wahnsinn einer Menschenhatz greifbar, da unbegreifbar, zu machen. Ausgelöst wird die Mordtat durch die bevorstehende Geburt eines Kindes. Anna Nowak als Christine wird vom Pfarrer der Sünde bezichtigt, weil sich ihr Neuankömmling auf diese Welt vor den so sehnlich erwarteten Heiland drängen wolle.

„Bete! Dass es sich verkrieche in deinen Leib …“, droht ihr ein maliziöser Bernhardt Jammernegg, und umzingelt von der bigotten Hebamme der Elisabeth Halikiopoulos und ihrer gehässigen Schwester Frida, eine Rolle für Eszter Hollósi, schickt Christine ihren einfältigen Ehemann Georg, dargestellt von Andreas Kosek, in den Wald, um dort geweihte Kräuter zu verfeuern. Ein heidnisch anmutendes Ritual. Prückner baut dazu eine Teufelsbrücke von der unbemannten Frida sexueller Frustration zu religiösem Fanatismus zum Niemals Vergessen.

Bei Wirtin Halikiopoulos versammeln sich Schuster Jammernegg, Bäcker Nowak und Barbara Schandl als Tischler, sie auch Komponistin des Songs „Schritt für Schritt“, den die Zuschauer zum Schluss begeistert mitsingen. Die Bierlaune eskaliert, von draußen sind die Rufe nach dem „Saujud!“ zu hören, die „Vorübergehenden“ mischen sich als Aufwiegler unters Volk, das plötzlich zu Pogromisten mutiert – mit dem in seiner Verzweiflung und Verwirrung realitätsfernen Georg als Rädelsführer. Das intensive Spiel der TheaterArche-Crew geht so tief unter die Haut, dass einem die Haare zu Berge stehen. Wenn Jammerneggs Pfarrer seine Psalmen orgelt, wenn die Handwerker sich ihre Hartherzigkeit und ihren Haudrauf-Mut ansaufen.

Den „Geruch von Fremden“ wittern sie in der erfrorenen Luft, und Prückner vergisst im Zeitgeschichtlichen nicht das Thema der Stunde, die Flüchtlinge „vor den Toren Europas“, medial schon wieder zur -krise, weil -welle entmenscht. Im Namen Gottes bitten auch diese Herbergssucher um Obdach, ihnen leihen dieselben Schauspieler Gestalt und Stimme, die auch die „Vorübergehenden“ sind. Aus Tätern werden Opfer, doch „in der Nacht vor Christi Geburt gibt’s keine Betten“ – schon gar keine kostenlosen, Konsum geht vor Güte, also Lager, Moria, Vučjak, streng bewacht und schikaniert, dort sitzen sie mit ihren Koffern.

Der Jude Konrad wird in der Nacht vor Weihnachten ums Leben gebracht: Christoph Prückner und Eszter Hollósi als Konrads christliche Ehefrau Lisa. Bild: Jakub Kavin

Den Protagonisten von Kronbergs zweitem Handlungsstrang verkörpert Prückner selbst, den Juden Konrad, den einzigen weit und breit, verheiratet mit der Christin Lisa, diese: Eszter Hollósi, des Autors desaströses Beispiel für „geglückte Integration“, fühlt Konrad sich doch als Mitglied der Gemeinde und ergo in trügerischer Sicherheit, sogar als der Hetztrupp schon vor seiner Haustür randaliert. Und während ihn Lisa vor Anfeindungen warnt, die

Konrad mit einem verärgerten „Soll ich den Spuk um Jude, Nichtjude ernsthaft nehmen?“ abtut, treten drei Figuren auf, benannt als Erster bis Dritter Jude, die nicht nur der allein gelassenen Christine bei der Entbindung helfen, sondern auch schwer bepackte Säcke und Rucksäcke mit sich tragen – als wären sie Reminiszenz an den Glauben, dass aus dem Morgenland Weise und Könige mit ihren Gaben und Begabungen kämen.

Eine interpretativ kaum zu fassende Figur, ist Konrads Freund Daniel, erst nur Stimme von Anna Nowak und Barbara Schandl, schließlich von Bernhardt Jammernegg zum Auftritt gebracht, Daniel, der durch seine Spiritualität den Grausamkeiten beizukommen vermag, Daniel, der biblische Prophet, der Sohn des Leides, der ewige Zeuge des Unrechts, das Christen an Juden verüben, Daniel, Simon Kronbergs Sohn, in der Diskussion mit Konrad gleichsam im Zwiegespräch mit dem abwesenden Vater. Es ist nicht wenig Stoff, den Christoph Prückner in seine Inszenierung packt, „Blinde Nacht – Nittel“ unbedingt ein Abend, der zum Mitdenken auffordert, zum Nachdenken anregt.

Der Weg von der kalkulierten Agitation einzelner zur Aggression, zur Affekthandlung vieler steht dieser Tage wieder einmal weit offen. Am Ende wird Konrad ermordet sein, sein Haus zum Freudenfeuer für den christlichen Gott. Kronberg beschließt sein Drama resignativ, ohne zu hoffen, dass die Demagogie je in ihrer Irrationalität entlarvt werden wird. Im Theatersaal der TheaterArche trifft einen das letzte Bild mit voller Wucht, der an der Rückwand der ehemaligen Möbelfabrik Ludwig eingemauerte, halbkreisrunde Schamott weckt Assoziationen zu den Öfen der NS-Vernichtungslager. Ein starkes Stück großartig gespielt, ein außergewöhnlicher Aufführungsort – und ein Dramatiker, von dem man unbedingt mehr sehen möchte. Wiederaufnahme 2020 ist geplant.

Video: www.tv21.at/l/blinde-nacht-von-simon-kronberg-exklusiv-nur-auf-tv21-als-ganzes-stuck/           www.theaterarche.at          buecher.hagalil.com/sonstiges/kronberg.htm

  1. 12. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Kirschgarten

Dezember 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Crossdresser Charlotta entblößt sich für die Gesellschaft

Champagnerlaune beim Kofferauspacken: Gioia Osthoff, Sona MacDonald, Alma Hasun, Silvia Meisterle und Alexander Absenger. Bild: Astrid Knie

Es ist der Moment, in dem Charlotta Iwanowna beschließt zum Gaudium ihres Publikums einen Quick Change vorzuführen. Ein Kleidchen fliegt, noch eines, ein drittes, Anjas Pariser Gouvernante war schließlich früher Zirkus- künstlerin. Doch dann merkt sie nicht, dass die nächste schon ihre letzte Hülle ist, und nackt steht sie da, ungewollt geoutet, Schauspieler Alexander Absenger als Crossdresser – la dame est un homme, das Entblößen ihrer Unentschiedenheit, dieses Gefühl, in etwas Falsches

geboren worden zu sein, gleichsam ein Symbol für eine ganze Gesellschaft. Die Tschechow-Menschen, antriebsarm und das in Anmut, nie eins mit sich selbst, nie am richtigen Ort oder dort dabei, das Richtige zu tun, eine lyrische Melancholie ihr Überlebenselexier, bevölkern dessen „Kirschgarten“ diesmal im Theater in der Josefstadt. Regisseurin Amélie Niermeyer zeigt mit dieser Inszenierung ihre erste Schauspielarbeit in der Stadt, und ihr gelingt es, wiewohl oder gerade weil ihre Interpretation nicht zwanghaft aktuell oder mit Krampf innovativ ist, diese zartbittere Komödie auf einen wunderbaren Weg zu bringen. Zwei pausenlose Stunden lang hält Niermeyer die Balance zwischen exzentrisch und erdenschwer, zwischen Euphorie und Elegie.

Sie verweigert sich dem den Tschechow’schen Sittenbildern oft unterschobenen Ennui, stattdessen folgen, durch- und überkreuzen sich die Szenen Schlag auf Schlag. Allein schon die sich beständig drehende Bühne lässt keinen Stillstand aufkommen, und im Gewirr der Stimmen, im Gewusel der Gestalten, die das Gut der Ranjewskaja in Beschlag genommen haben, entfaltet sich die Komik aus der Absurdität von mehr als einem Dutzend Mitbewohnern auf engstem Raum, allesamt fahrig in ihrer Festgefahrenheit, die nie mit-, sondern meist aneinander vorbeireden, deren Unfähigkeit ihre Emotionen zu artikulieren sowie ihrem Unvermögen, einem Gegenüber zuzuhören.

Wie Niermeyer das Josefstadt-Ensemble anleitet, seine Figuren zu diesen im eigenen Saft schmorenden Geschöpfen zu entwickeln, kann’s gar nicht anders sein, als dass einem die Charaktere ans Herz wachsen. Einer davon Singer-Songwriter Ian Fisher, der sich in der Dachkammer einquartiert hat, und mit seinen Balladen Gemütszustände und Gestimmtheiten per Gitarrensound ausgestaltet. Ein anderer, der Sehensmehrwert des Abends, der große Otto Schenk als Firs, sein alter Diener von anrührender Würde und zugleich augenzwinkernder Verschmitztheit, das Bühnenwunder, das mit 89 Jahren diese neue Rolle mit der ihm eigenen Verve nimmt.

Ljubow will nichts hören: Sona MacDonald und Raphael von Bargen, hi: Robert Joseph Bartl. Bild: Astrid Knie

Gut verkauft: Alexander Absenger, Sona MacDonald, Gioia Osthoff und Silvia Meisterle. Bild: Astrid Knie

Alma Hasun als Dienstmädchen Dunjascha und der Doyen des Theaters, Otto Schenk. Bild: Astrid Knie

Umringt von seinem Theaterkindern und -kindeskindern ist es schlicht, denn so spielt der Schenk, schön, wie er ob des aus Frankreich importierten freizügigen Savoir-vivre verdattert dreinschaut, wenn ihn Alma Hasuns Dienstmädchen Dunjascha lasziv antanzt oder die aufreizende Charlotta mit ihm flirtet. Alle Aufmerksamkeit auf beiden Seiten der Rampe gehört allein ihm, erzählt Schenks Firs seine Anekdoten aus anno Schnee, mit unsicheren Schritten trippelt er durchs Geschehen, und ist doch sicher, was zu geschehen hat. Ein Haus-Herr, der weiß, wann der Tisch für die gnädige Frau zu decken ist, und Obacht gibt, dass die eigentliche Herrin ihren Mantel nicht vergisst. Unfassbar und der Augenblick bitterster Traurigkeit, dass am Ende er vergessen wird.

Für all das hat Stefanie Seitz ein wandloses Landhaus entworfen, das Setting, die Fifties-Kostüme von Annelies Vanlaere, ist retrochic, in der Küchenzeile steht ein Küchenmixer und das, was man früher mal einen Campingfernseher nannte. Vom Kirschgarten sind zum Schluss nur die Kettensägen zu vernehmen. Man püriert grüne Smoothies, speibt in die Abwasch, man musiziert, duscht sich den Landmief vom Leib. Igor Karbus als so heißblütiger wie tollpatschiger Kontorist Semjon Pantelejewitsch fingiert einen Pistolenschuss und bleibt drehbühnenrundenlang unbeachtet liegen. Gioia Osthoff als Ranjewskaja-Tochter Anja wird seinem Liebeswerben trotz Suizidbluff nicht nachgeben, während deren Adoptivtochter, Silvia Meisterle als bereits Richtung Verbitterung alternde Warja, nach einem Antrag aus dem Munde des Lopachin schmachtet.

Es gehört zu den bemerkenswertesten Stellen der Textfassung von Elisabeth Plessen, wenn diese Warja sagt, sie als Frau könne doch schlecht um des Mannes Hand an-, und alle kurz und für ein lapidares „Wieso nicht? Mach doch!“ innehalten. Aussichtsreicher bahnt sich die Affäre von Dunjascha und Diener Jascha an, Claudius von Stolzmann als spitzbübischer Gigolo, der den Damen gern seinen splitternackten Body präsentiert, und sein gewinnbringendes Wesen eben wegen eines solchen auch bei der Hausfrau in sexy Stellung bringt. Er würde sich seine Chancen schon ervögeln, wenn sie ihn ließe, und so wie zwischen diesen beiden verwischt Niermeyer generell die Standesgrenzen. Sympathisch ist das, wie sie die sozialen Schichten aushebelt, in Glitzerfähnchen und Sneakers haben hier alle dieselbe Klasse.

Raphael von Bargen, Otto Schenk, Götz Schulte, Alma Hasun und Claudius von Stolzmann. Bild: Astrid Knie

Zug an der Zigarette: Otto Schenk und die aufreizende „Charlotta“ von Alexander Absenger. Bild: Astrid Knie

Richtig abrocken: Igor Karbus und Silvia Meisterle, hinten: Claudius von Stolzmann. Bild: Astrid Knie

Robert Joseph Bartl, Sona MacDonald, Alma Hasun, Ian Fisher und Gioia Osthoff. Bild: Astrid Knie

Stolzmann ist eine Sternsekunde mit Schenk geschenkt. „Du fällst mir auf die Nerven, Opa. Krepier‘ doch endlich!“, herrscht sein Jascha den Firs an, doch der streichelt ihm über die Wange, versöhnlich, nachsichtig, die Jugend halt … Und während Robert Joseph Bartl als Nachbar Simeonow-Pischtschik ein lästiger, psychopharmaka-benebelter Schnorrer ist, und Götz Schulte als Ljubows aristokratisch-poetischer, allerdings „in den 80igern“ hängengebliebener Bruder Leonid nicht zu Wort gelassen wird, entwirft Niermeyer mit dem Trofimow einen modernen Fridays-for-Future-Typ: Nikolaus Barton zwischen Traditionalismus und Turbokapitalismus als sozusagen dritter Gang, ein Idealist, der Zukunft gestalten will, offen, tolerant, demokratisch, als Ökofuzzi im Strickpullover jedoch allen auf die Nerven geht – mit seinen Reden von „Wir müssen uns verändern und verzichten!“ aber dennoch zum Reibebaum des Realisten Lopachin wird.

Womit die Rede also auf das Gegensatz-Paar der Aufführung kommt, Sona MacDonald als Ljubow Andrejewna Ranjewskaja und Raphael von Bargen als Lopachin, sie eine fiebrig in ihrem Lebenschaos flirrende, weltfremde Luftschlossbewohnerin, er ein neoliberal orientierter Pragmatiker, der die Datschen, die er bauen will sehr heutig „Summer-Getaways“ und die Ranjewskaja „ökonömisch anämisch“ nennt. Von Bargen überzeugt auf ganzer Linie als dieser durch seinen Grips Emporgestiegene, der verzweifelt am Treiben der Sich-Treiben-Lassenden, deren champagner-verkaterter Geistesträgheit seine Ideen viel zu viel Tatendrang aufdrängen. Von Bargens Lopachin ist einer, der denen helfen will, denen nicht mehr zu helfen ist. Als der Störenfried den Kirschgarten schlussendlich ersteigert hat, muss er die Angst vor der eigenen Courage in Alkohol ertränken. Wieder aufgefordert um die Warja zu freien, fällt ihm nichts ein, als sie in unternehmerischer Erregung in den Hals zu beißen.

Fazit: So stark wie in diesem „Kirschgarten“ sind selbst die Josefstädter nicht alle Tage zu sehen. Amélie Niermeyer hat mit behutsamer Hand fein ziselierte Figuren erschaffen; sie kennt keine kleinen Rollen, jedes Schicksal wird von ihr bis zum Grund für sein Verhalten ausgelotet. Ein Regieglück, das vor allem Alexander Absenger als mutmaßlich ins Prekariat abrutschende Außenseiterexistenz Charlotta für sich zu nutzen weiß, aber auch Claudius von Stolzmann oder Nikolaus Barton. Zum Abgang der illustren Gesellschaft schließlich bläst von Bargen ins Saxophon, so irre kakophonisch, dass es sogar die Motorsägen übertönt. Als könne sein Free-Jazz-Splatter die von ihm initiierte Zeitenwende wettmachen.

Videos: www.youtube.com/watch?v=rbNjOjnekt8          www.youtube.com/watch?v=qCneSmT6TtU&t=30s           www.josefstadt.org

  1. 12. 2019

Kammerspiele: Mord im Orientexpress

November 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hercule Poirot und die Frauenpower

Der berühmte Detektiv vor dem ebensolchen Zug: Siegfried Walther als Hercule Poirot und Markus Kofler als Schaffner Michel; hinten: Martin Niedermair und Paul Matić. Bild: Astrid Knie

Einen Whodunit, bei dem mutmaßlich jeder weiß, wer’s war, auf die Bühne zu bringen, ist ein beachtliches Wagnis. Nach der Romanveröffent- lichung vor nunmehr 85 Jahren und diversen Verfilmungen, darunter die Oscar-prämierte All-Star-Produktion von Sidney Lumet und ein nicht weniger prominent besetztes, von Kenneth Branagh mittels eigener Eitelkeit dennoch gemeucheltes Remake, ist Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ nun als deutschsprachige Erstaufführung an den

Kammerspielen der Josefstadt zu sehen. Als Premierenfrage stellte sich die, da sich die Spannung hinsichtlich Tätersuche in Grenzen hält, wie es Regisseur Werner Sobotka und Ensemble gelingen kann, den Luxuszug Fahrt aufnehmen zu lassen; nach erfolgter Ermittlung zwischen Schlaf- und Salonwagen lässt sich ein Teilerfolg festhalten, erzielt durch Coupé-weises glänzendes Schauspiel, doch ist die Inszenierung insgesamt eine recht altbackene, besser als verstaubt passt wohl: verschneite Adaption des Krimiklassikers, optisch mit Eisenbahndampf, Schneegestöber und vorbeiziehender Landschaft als Hommage an die Kinovorbilder umgesetzt.

Kein Geringerer als US-Dramatiker Ken Ludwig, dessen Komödie „Othello darf nicht platzen“ dem Haus beinah 20 Jahre lang einen Kassenschlager bescherte, hat das Buch für die Bühne bearbeitet, und dabei die Zahl der Verdächtigen wie die der Messerstiche auf acht geschrumpft. Aber – die Figuren fehlen einem nicht nur, weil Fan, sondern auch dem Fortgang und der Folgerichtigkeit der Geschichte, die hantige Prinzessinnen-Zofe Hildegard Schmidt, der agile Geschäftsmann Antonio Foscarelli, der vornehme Graf Rudolph Andrenyi, der Arzt Dr. Stavros Constantine – wegen dessen Streichung die Gräfin Andrenyi brevi manu zur Medizinerin upgegradet wird …

Man entdeckt das Mordopfer: Lohner, Matić, Kofler, Nentwich und Niedermair. Bild: Astrid Knie

Poirot bei seiner typischen Abendtoilette mit Haarnetz und Bartbinde: Siegfried Walther. Bild: Astrid Knie

Mary wird verarztet: Krismer und Klamminger, Lohner, Nentwich, Matić, Walther und Maier. Bild: Astrid Knie

Umso absonderlicher ist, dass trotz Personalkürzung und einer Spieldauer von mehr als zwei Stunden, den Charakteren kaum Kontur verliehen wird, und die vielfach gebrochenen und ineinander verstrickten Biografien der Figuren nicht näher untersucht werden. Bis auf Ulli Maiers hinreißend nervtötende Mrs. Hubbard bleibt die illustre Gesellschaft ziemlich eindimensional und allzu oft dort auf lautstarken Klamauk eingeschworen, wo die Verschwörer durch ihre Spleens und Schrullen auf sich aufmerksam machen sollten. Simpel ersetzt subtil, auch am Ausdruck hapert’s, von Agatha Christies köstlich-kühler Stiff-Upper-Lip-Sprache bleibt zumindest in der deutschen Übersetzung nicht viel, und auffallen Sätze wie, Hercule Poirot zu Miss Debenham: „Sie hat recht …“, wo der belgische Meisterdetektiv bestimmt „Mademoiselle hat recht …“ formuliert hätte.

Als dieser erforscht Siegfried Walther den Mord am zwielichtigen Samuel Ratchett, und er tut das auf seine sympathische, liebenswürdige Weise, indem er das mitunter hochnäsig näselnde Auftreten seiner Rolle einfach mit Charme und ein wenig Tapsigkeit unterwandert, um mit derart Noblesse die noble Bande in die Enge zu treiben. Angetan mit den historisch korrekten Kostümen von Elisabeth Gressel und unterwegs im Nostalgiebühnenbild von Walter Vogelweider, beide von den obligaten Bartbinde und Haarnetz bis zum filigranen Jugendstildekor detailverliebt, zweiteres per 180-Grad-Wende vom Speise- zum Wag(g)on-Lits wechselnd, sind:

Johannes Seilern als galgenhumoriger Eisenbahndirektor Monsieur Bouc, Paul Matić als erst mafiös brummelnder Samuel Ratchett, nach dessen Ableben als militärisch stoischer Oberst Arbuthnot, Martin Niedermair als hektisch-ängstlicher Ratchett-Sekretär Hector MacQueen und Markus Kofler als so undurchsichtiger wie diensteifriger Schaffner Michel. Womit es Walthers Poirot aber tatsächlich zu tun bekommt, ist geballte Frauenpower. Allen voran Ulli Maier, deren wohldosiert ordinäre Mrs. Hubbard das Highlight des Abends ist, eine reiche, ergo resolute Amerikanerin auf Männerfang, wie sie durch anzügliches Gesichter-Schneiden Richtung Michel immer wieder verdeutlicht, aber auch die anderen Mesdames begnadete Künstlerinnen im Intrigenspiel.

Eine hinreißend nervtötende Mrs. Hubbard: Ulli Maier mit Markus Kofler, Siegfried Walther und Johannes Seilern. Bild: Astrid Knie

Tätersuche im Salonwagen: Therese Lohner, Marianne Nentwich, Siegfried Walther und Ulli Maier. Bild: Astrid Knie

Marianne Nentwich ist als Prinzessin Dragomiroff nie verlegen um markige Sprüche, die die Blaublütige knochentrocken zum Besten gibt. Michaela Klamminger, die bereits bei ihrem „Der Vorname“-Debüt positiv auffiel, macht aus der Gräfin Andrenyi keine Riechfläschchen-Nervöse, sondern eine patente junge Frau mit Hang zum Zupacken, ebenso Alexandra Krismer, die die Mary Debenham als kecke, selbstbewusste Britin spielt. Therese Lohner hat im Gegensatz dazu als Greta Ohlsson die Lacher auf ihrer Seite; mit der grotesken Ausgestaltung der bigott-verhuschten Missionarin gelingt ihr ein vor schriller Hysterie schillernder Spaß jenseits der Erinnerung an die brillante Ingrid Bergman.

Fazit: Werner Sobotka hat seinen „Mord im Orientexpress“ mit großen Stricknadeln gestrickt, er bevorzugt Amüsement vor Suspense, die Darstellerinnen und Darsteller dabei allzeit bereit zu boulevardbetriebenem Powerplay. Während also alle miteinander den Fahrhebel bis zum Anschlag hochkurbeln, hat sich Knall auf Fall der Fall auch schon erledigt. Die Aufklärung des Verbrechens passiert auf Video. Die Lösung ist eine einfache, nämlich dass dieses Agatha-Christie-Stück den Kammerspielen den nächsten Publikumserfolg bescheren wird. Der Applaus und der Vorverkauf lassen jedenfalls darauf schließen.

Video: www.youtube.com/watch?v=eW5H70YWqMs           www.josefstadt.org

  1. 11. 2019