Burgtheater: Ein Sommernachtstraum

September 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und schließlich sind alle wie erschossen

„Esel“ Zettel in Titanias Liebesnest: Stefanie Dvorak, Elisabeth Augustin, Johannes Krisch, Johann Adam Oest und Christopher Nell. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich doch noch „Sommernachtstraum“. Vorhang auf und Bühne frei fürs Laientheater. Da stehen sie nämlich die sechs angegrauten Herren, das heißt: Schreiner Schnock sitzt im Rollstuhl und muss erst mühevoll aufs Podest unterm Galgen gehievt werden, und proben. Man weiß es: „Pyramus und Thisbe“, und dies das beste Drama und gleichzeitig die beste Komödie, die der Abend zu bieten hat.

Martin Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matić, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder sind als Handwerkertruppe einfach großartig. Allen voran Oest als Zettel und Matić als Flaut; die beiden werden auch das babylonische Liebespaar sein, und als solches von einer Wahrhaftigkeit, wie sie sich der Rest der Aufführung nur wünschen kann. Davor hat Schwab als Intendant und Regisseur Squenz seinen probenbedingten Temperamentsausbruch (herrlich, wie er sogar die Natur anherrscht: „Ruhe!“), für den er sich so liebenswürdig wie liebenswert entschuldigt, als wär’s ein Blick in die Burg-Zukunft …

Leander Haußmann ist mit Shakespeares Meisterwerk „Ein Sommernachtstraum“ nach 20 Jahren Absenz ans Burgtheater zurückgekehrt, er inszeniert das Stück zum vierten Mal, und wer fragt, wie einem zum immer Gleichen immer wieder Neues einfallen kann, dem kann man nur antworten: Ja, eh. Haußmann probiert den Traumstoff diesmal als eine Art Zauberstück zu zeigen, und hat man ihm bei seiner, wenn recht erinnert, ersten Inszenierung den romantischen, duster-kitschigen Wald vorgeworfen, so treibt er’s diesmal auf die Spitze mit antikem Tempel und Tümpel und Geisterprojektionen im Geäst und einer Video-Tierparade: Schlange, Fuchs, Vogel, Elefantenherde (Bühne: Lothar Holler, Video: Jakob Klaffs und Hugo Reis).

Die vier jungen Liebenden verfolgen sich durch den Wald: Sarah Viktoria Frick, Mavie Hörbiger, Matthias Mosbach und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Handwerker geben das Drama von „Pyramus und Thisbe“: Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel und Peter Matić. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Angesiedelt ist das Ganze in einem Griechenland der 1970-Jahre, soweit eine mögliche Interpretation der Schlaghosenkostüme und Hippie-Haar-Perücken. Dem Programmheft zu entnehmen ist: Haußmann zeigt Theseus‘ Athen als Reich eines „nicht säkularen Diktators“, sein Palast eingezäunt mit einer Stacheldrahtmauer, die ihn vom Feenreich trennt. Durch die Barriere, so heißt es weiter, sollen die Geister ohne weiteres hindurch treten können, während die Menschen versuchen müssen, sie zu überwinden.

Haußmanns Konzept einer faschistoiden Militärdiktatur ist mutmaßlich auch sein Gedanke entsprungen, gewissermaßen jeden Charakter außer den Elfenwesen im Laufe des Abends einmal erschießen zu lassen. Hermia und Helena, Lysander und Demetrius, Hippolyta und Theseus selbst, alle liegen sie irgendwann mit blutendem Bauchschuss wie tot da. Um gleich darauf wieder aufzustehen und zu demonstrieren, dass die Schusswunden auf sie keine Wirkung hatten.

Alles nur Theater, hahaha! Es gibt da so T-Shirts für besonders wilde Hunde, auf denen steht „Der will doch nur spielen“ …

Daniel Jesch und Alexandra Henkel geben den Theseus und seine Amazone Hippolyta. Die beiden stecken in einer offenbar von beiden goutierten SM-Beziehung, mal will sie über den Stacheldraht fliehen, mal hagelt es Ohrfeigen, mal Küsse; man kettet sich mit Handschellen aneinander, was peinlich wird, wenn allzu plötzlich Untertanen eintreten. Jeschs Tyrann ist in jeder Lebenslage Sadist, ein schießwütiger Soldat wie auch Franz J. Csencsits als Hermias Vater Egeus. Theseus springt mit dem Fallschirm über dem Wald ab, und wird am Ende den Handwerkern die Pistole an die Schläfen setzen, weil ihm nicht gefällt, was er sieht.

Haußmanns Maueridee verschwindet so schnell, wie die Berliner, er verfolgt die Flucht-Sache nicht lang weiter, sondern schwupps – und man ist im Wald. Wo sich „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak um den indischen Lustknaben zanken, wie ein Hausmeisterehepaar um die Gunst des Lieblingsrehrattlers. Mit dem Unterschied, dass der trickverliebte Regisseur Oberon Sturm säen und Titania Feuer spucken lässt. Ansonsten sind ein kindisch verdrießlicher Elfenkönig im Druidenmantel und seine fadisiert langweilige Königin im nickisamtenen Hauskleid Haußmanns „Sommernachtstraum“-Sünde. Ist doch diese Anderswelt weder verstörend-bedrohlich noch sinnlich-triebhaft. Niemand scheint hier eine gute Zeit zu haben, niemand wird im Wortsinn auf Rosen gebettet. Und nichts an Shakespeares vielgestaltigem Liebestaumel ist hier irgend erotisch. „Esel“ Zettel schaut wie auf einen Sprung vorbei, um sein Gemächt in die Elfenkönigsgemahlin zu tauchen.

Was sich liebt, das neckt sich I: „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich liebt, das neckt sich II: Alexandra Henkel als Hippolyta und Daniel Jesch als Theseus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Elisabeth Augustin muss als Oberelfe im Flatteroutfit Ersatz für Spinnweb, Senfsamen, Bohnenblüte und Motte sein. Den sonst flinken, frechen Puck spielt Christopher Nell als Trauerkloß im scheußlich-giftgrünen Strickeinteiler. Er ist kein Frei-Geist, der sich allen Regeln widersetzt und seine eigenen Spielchen treibt, der so witzig wie gewitzt ist, so amoralisch wie anarchisch, sondern ein ängstlicher, angespannter Untergebener Oberons, bei dem andauernd zu befürchten steht, dass ihn eine Panikattacke niederwirft. Oder sein Burnout.

In dieser Traumwelt herrschen keine anderen Gesetze als die profanen irdischen, da nützt es auch nichts, dass Nell an Schnüren durch die Luft fliegt. Haußmann hat die Wesen der Nacht zu Normalsterblichen degradiert, die größte Gefahr, die sie auf die Menschen losschicken, sind eine Handvoll Gelsen.

Die Sarah Viktoria Frick als Hermia mit Insektenspray killt. Frick bestreitet mit Mavie Hörbiger als Helena, Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius den Part der beiden jugendlichen, optisch austauschbaren Liebespaare und deren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.

Apropos, Bäume: Die werden alsbald weggeräumt. Und wäre der Wald Heimstatt erst unheimlicher Ängste, dann unerklärlicher, doch erlösender Lust gewesen, dann wäre das ein starkes, ein bestürzendes Bild, wie hier der Urwuchs aus der Welt getilgt wird. So aber werden nur Kulissen verschoben. Zum Glück kommen, während alles zerfasert, die Handwerker an den Hof, um endlich „Pyramus und Thisbe“ aufzuführen, Oest ein wunderbarer antiker Held, dem die zierliche, in Tippelschrittchen die Bühne einnehmende Thisbe des Peter Matić in nichts nachsteht. Wie sie immer „Kirschhof“ statt Kirchhof“ lispelt, und sich dabei ihr kleiner Busen hebt und senkt, das ist wirklich anrührend. Hans Dieter Knebel wird als betrunkener Schnauz/die Wand fixiert, indem ihm „Squenz“ Martin Schwab kurzerhand die Schuhe an den Boden nagelt. Dirk Nocker gibt den Rollstuhl-Löwen, und Hermann Scheidleder hinreißend den Mond.

Von Theseus schikaniert, als „Mann im Mond“ müsse er in seine Laterne kriechen, reißt sich Scheidleders Schlucker das Hemd vom Leib und steht mit nacktem Oberkörper da. Sein kugelrunder Bauch leuchtet im Halbdunkel auf, so plötzlich steht am Firmament das Nachtgestirn, der Erdtrabant. Und grade, als man sich schon wie erschossen fühlte, als man schon meinen wollte, Haußmanns Inszenierung fehlte es an Zauberkraft, war er da, der Moment höchster Poesie …

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

TAG: Auf der Suche nach dem sechsten Sinn

September 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die wundersame Wiederentdeckung des Konrad Bayer

Das Publikum wird in Augenschein genommen: Johanna Orsini-Rosenberg und Paul Skrepek mit der legendären Konrad-Bayer-Fellmütze. Bild: © Judith Stehlik

Beim Eintreten schon, mit Blick auf die Spielfläche, wird klar, dass hier bald etwas so Wunderbares wie Wundersames stattfinden wird. Eine Schrammelgitarre lehnt da und wartet auf ihren Einsatz, daneben die schlankste Ausführung eines Schlagzeugs. Rote Schnüre durchziehen die Bühne kreuz und quer, wie in einer dieser Kinokrimikomödien, in denen mit roten Laserfäden Edelsteine vor Dieben geschützt werden.

Ein leerer Bilderrahmen zum Hindurchdeklamieren. Im Hintergrund: die Wundermaschine. Mit Kofferplattenspieler und Tonbandgerät und einem Trichter zum Hineinmusizieren … Im TAG hatte Samstagabend in Kooperation mit Pistoletta Productions „Auf der Suche nach dem sechsten Sinn“ Premiere. Eine Wiederentdeckung, eine ganz großartige Hommage an den Schriftsteller Konrad Bayer. Bayer war Mitglied der Wiener Gruppe, vielleicht deren provokativster und rätselhaftester, sicher deren vergrübeltster Kopf. Ein selbstquälerischer Unruhegeist, der sich mit Magie und schamanischen Riten beschäftigte, der mittels Chloroform Rauschzustände erprobte, der fliegen wollte und unsichtbar sein – und der sein egomanisch-wildes Bohème-Leben in der Verhüllung als Dandys bestritt. Schauspielerin Johanna Orsini-Rosenberg und Musiker und Maschinenkünstler Paul Skrepek, die den von Regisseurin Elisabeth Gabriel zusammengestellten Abend gestalten, tragen in dessen Verlauf immer wieder die berühmte Konrad-Bayer-Fellmütze.

„der sechste sinn“ ist Bayers letztes Werk, eine unvollendete Roman-Collage, 1964, die einen sagen, weil eine seiner Geliebten nicht erschien, die anderen, weil die deutsche Schriftsteller-„Gruppe 47“ ihn und seine Schriften in der Luft zerfetzt hatte, drehte er im Zimmer die Gashähne auf und starb. Bayer, der kaum einen Richtsatz der allgemeinen Sprachordnung gelten ließ, der den „methodischen Inventionismus“ erfand, eine Art Systematisierung von alogischen Begriffsfolgen, der in seinem Texten radikalsten Surrealismus betrieb, die Sprache dabei beständig in einem Schwebezustand und nie mit auch nur einem Buchstaben auf dem Boden, erzählt darin von den Leiden des jungen Franz Goldenberg.

Zur Musik aus Paul Skrepeks Wundermaschine läuft ein Goldenberg’scher Film noir. Bild: © Judith Stehlik

Nina! Und Körper und Seele öffnen sich zum Weltpanorama: Johanna Orsini-Rosenberg. Bild: © Judith Stehlik

Der liebt eine gewisse Nina. Sie macht ihm Körper und Seele zum „weltpanorama“, ist aber auch ein wenig flatterhaft, vor allem, als sie vorübergehend den Fisch heiratet, während Goldenberg seinerseits mit Miriam gern ins Kino geht … „als er die hose auszog, sah nina über seinen schamhaaren die inschrift in gotischen lettern: ,ich habe den sechsten sinn‘. seither war sie ihm verfallen“, rezitiert Orsini-Rosenberg. Ein Kabinettstück wie sie repetitiv Goldenbergs Notizbucheintragungen vorliest. Die Miete zahlen, Brot, Milch, Zigaretten kaufen, in die Bibliothek gehen, auf Nina warten.

Dabei zwei Sätze, die als Bayers programmatischer Imperativ gelten können: „das geschwätz vermeiden“, immer wieder auch an den oberen Rand seiner schreibwütend bekritzelten Blätter geschrieben, und: „die verneinung nicht vergessen.“

Durch Orsini-Rosenbergs fabelhafte Darstellungskunst wird, was ein literarisch-musikalischer Abend hätte werden können, zur veritablen Theateraufführung. Sie tanzt und turnt über die Bühne, macht aus dem Verspeisen eines Apfelstrudels einen Kinky-Sex-Orgasmus, und scheut auch vor einem gewagten Stunt mit Tisch und Stuhl nicht zurück.

Sie und Skrepek wechseln metronomgetaktet Rollen und Identitäten, werfen sich mit Verve in Bayers Strudel aus Sinn und Unsinn, und bedienen Dada wie gaga. Es ist fast so schön wie weiland im Strohkoffer. Will man denken. Unter den „sechsten sinn“ sind Bayers „konkrete texte“ gemengt, seine Brachialpoesie, ausgeklügelte Wort- und Phrasenspiele, Kalauer, extravagante Montagen und serielle Wortfolgen. Teilweise vom genialischen Paul Skrepek vertont. Es gibt offensichtlich nichts, dem der Mann keine Töne entlocken kann, selbst einen mit nur einer Saite bespannten Bogen macht er zum schaurigen Musikinstrument.

„erstens will ich fröhlich sein
zweitens mich vergnügen
drittens ist die erde mein
das sollte doch genügen“,

trägt Johanna Orisini-Rosenberg vor, auch die „moritat vom tätowierten mädchen“, einer Spenglerbraut, die der Hautschmuck das Augenlicht kostet, und „moral“: „der wille ist ein eitler wahn / und richtet argen schaden an“. Paul Skrepek singt „Glaubst i bin bled“, 1969 schon von der Worried Men Skiffle Group in Musik gegossen. Ja, man macht sich einen Karl, und bei Bayer heißt das:

Das eigene Spiegelbild kann einem ganz schön fremd sein: Johanna Orsini-Rosenberg und, auf der anderen Seite des Bilderrahmens, Paul Skrepek. Bild: © Judith Stehlik

„und karl und karl wird da zum vorläufigen karl ernannt. da nennt karl karl karl. ein karl entspinnt sich. karl entpuppt sich als karl und karl entschliesst sich karl bei karl zu lassen und lässt karl bei karl doch karl lässt karl nicht mit karl bei karl und entschliesst sich karl nicht bei karl zu lassen wenn karl mit karl bei karl bleibe. und karl verzichtet auf karl.“

Man zeigt auf Leintuch-Leinwand einen Film noir mit sich selbst als Trenchcoat-Detektiven, und macht ausschließlich aus den Vokalen A und O, als wären’s die Überbleibsel der menschlichen Existenz, einen vielsagenden Dialog. Die beiden werfen sich die Laute wie Bälle zu. Das α und das Ω, bei Bayer ist alles immer am Rande des Weltuntergangs. Zu trennen, was da Scherz, was Satire ist, und was tiefere Bedeutung hat, ist nicht einfach. Annäherung ist möglich, Verständnis – mit Einschränkungen. Bayers „poetische acte“, sein l’art pour l’art mit dem Anspruch, der Welt durch eine Sprachrevolution beizukommen, kann man nur auf sich wirken lassen. Dies gilt für die „schönen“ Sätze mit ihrer unbezwingbaren Suggestivkraft ebenso wie für die hermetischen, seine spröden Textformalismen, die dem Zuhörer jeden Zutritt verweigern.

Was nun die „Suche nach dem sechsten Sinn“ betrifft, so entführen Johanna Orsini-Rosenberg und Paul Skrepek das TAG-Publikum – mucksmäuschenstill aufmerksam und erst am Ende begeisterten Applaus hören lassend – in eine groteske Abenteuergeschichte rund um Franz Goldenberg und sein absurdes und immer brüchiger werdendes Leben. Ein Abend wie eine Reise durch die Welt im Kopf von Konrad Bayer: „weil die welt muss fantastisch sein, weil sie ist dann besser.“

Trailer: vimeo.com/234110718

dastag.at

  1. 9. 2017

Volksoper: Gypsy

September 11, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

A Musicalstar is born

Tingel-Tangel-Familie: Toni Slama  als Herbie, Lisa Habermann  als Louise, Marianne Curn als June und Maria Happel als Rose. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Riesenjubel und -applaus endete Sonntagabend die Eröffnungspremiere der Volksoper. Direktor Robert Meyer hat einmal mehr eine Musicalrarität ans Haus geholt, „Gypsy“, und für diese Maria Happel in der Hauptrolle. Es ist das erste Mal, dass die Burgschauspielerin in einem klassischen Musical spielt, und sie singt und swingt und tanzt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. A Musicalstar is born!

Wie ein Hurrican wirbelt ihre „Mama Rose“ über die Bühne, den Mops in der Tasche, ihre beiden Töchter an der Hand – und schon ist man mitten drin im Chaosleben der Vaudeville-verrückten Übermutter. „Gypsy“ erzählt die wahre Geschichte der Rose Thompson Hovick, die in den 1920er-Jahren der USA aufbrach, um ihre beiden Töchter zu Bühnenstars zu machen. Dazu tingelte die kleine Truppe, die Rose rund um die Mädchen aufgestellt hatte, quer durch die Vereinigten Staaten, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Das Ende des Vaudeville war bereits eingeläutet, und Karriere auf diesem Gebiet eigentlich nicht mehr machbar.

Rose, von ihrer Biografin nicht von ungefähr „Dr. Jekyll and Mrs. Hovick“ genannt, verschliss Bühnen- wie Lebenspartner, und trieb Baby June und Louise zu Höchstleistungen an. Beide Töchter wendeten sich schließlich von ihr ab: June brannte durch, mit 13!, heiratete und wurde eine erfolgreiche Schauspielerin, Louise unter dem Künstlernamen „Gypsy Rose Lee“ zum Burlesque-Star. Beide therapierten ihre schwierige Beziehung zu ihrer Mutter in Autobiografien.

Louises Aufzeichnungen nahmen Liedtexter Steven Sondheim, Autor Arthur Laurents und Komponist Jule Styne als Vorlage für ihr 1959 am Broadway uraufgeführtes Musical „Gypsy“. Diesem konnte die Kritik gar nicht genug Rosen streuen. Man schrieb von endlich einer Charakterrolle in einem Musical, nannte die Rolle der Mama Rose „die frivole Antwort auf King Lear“, und das Stück schließlich gar „die Mutter aller Musicals“. Apropos, Rosen: Einer der größten Hits in „Gypsy“ ist „Everything’s Coming up Roses“, außerdem bekannt sind „You’ll Never Get Away From Me“ und der Auftrittssong der Mädchen „Let Me Entertain You“, der sich wie ein roter Faden durch das Musical zieht.

Die  jungen Darsteller: Sophie Grohmann, Emil Kurz, Simon Gaunersdorfer, Louisa Popovic, Maria Happel, Sophie-Marie Hofmann, Lino Gaier, Lili Krainz und Toni Slama. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Die Zeitungsjungen-Nummer läuft Jahrzehnte: Lino Gaier, Louisa Popovic, Sophie-Marie Hofmann und Lorenzo Popovic. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper tauchen Regisseur Werner Sobotka und sein Ausstatterduo Stephan Prattes und Elisabeth Gressel lustvoll in die verwehte Welt des US-Unterhaltungstheaters ein, und machen den Abend zur schillernden Hommage ans eigene Metier. Sobotka inszeniert wie stets mit viel Liebe für Details, mit Witz und einem Hauch Satire. Vor allem nach der Pause, die Szenen in Minskys Burlesque-Theater, da lebt er seinen Hang zum Skurrilen aus. Die Optik wechselt zwischen showbiz-grellbunt und ärmlich-privat, hat Roses Truppe doch alles, nur kein Geld.

Happels Kostüme sind mitunter von atemberaubender „Hässlichkeit“, wenn Rose aus Schlafdecken Mäntel und Kleider näht, nur Baby June mit blondgefärbten Löckchen ist immer wie aus dem Schaufenster entwendet. Dirigent Lorenz C. Aichner macht das Volksopernorchester wieder einmal zur Big Band, schmissig schon die Ouvertüre während der alte Filmaufnahmen auf die Varieté-Atmosphäre einstimmen, und so wird den ganzen Abend mit Tempo und „Rums“ für die Bumps – dies der von Trommelwirbel begleitete Hüftkick der Tänzerinnen –  musiziert. Die Choreografien von Danny Costello sind lebhaft, very twenties und mit viel Stepptanz. „Gypsy“, das ist ein rundum sympathischer Abend.

Roses Truppe: Simon Stockinger, Peter Lesiak, Maria Happel, Georg Wacks, Oliver Liebl, Toni Slama, Maximilian Klakow und Marianne Curn. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Peter Lesiak (mit Lisa Habermann) glänzt in einer einwandfreien Steppnummer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In dessen Mittelpunkt, wie gesagt, Maria Happel glänzt. Kaum geht der Vorhang hoch, ist man mitten drin in „Onkel Jockos Kindercontest“, bei dem Baby June das Publikum erstmals mit Piepsstimme beschwört: „Let me entertain you!“ Ein kecker Augenaufschlag, ein Spagat (tatsächlich wurde June von Pädophilen verfolgt), und eine Mutter, die es schafft sich selbst aus dem Hintergrund ihre Vorhänge abzuholen. Happel verleiht der Mama Rose herben Charme und Humor, doch nie vergisst sie die Tragik im Leben dieser Nervensäge, die ihre eigene verkorkste Existenz an ihren Töchtern gutmachen möchte.

Darstellerisch vielschichtig changiert sie zwischen liebevollem Muttertier und Mamamonster, dem der Familiensinn immer dann zu fehlen scheint, wenn es nicht nach ihrem Kopf geht. Und wehe, sie wird böse! Ansonsten lacht und flirrt und strahlt sie – ganz perfekte Vermarkterin ihrer Mädchen. „Meine Töchter sind mein Job!“, rechtfertigt sie ihren Selbstverwirklichungstrip. In dieser ersten Szene brillieren eine Reihe von Kinderdarstellern als wären sie alte Theaterhasen, allen voran die großartigen Livia Ernst als Baby June und Katharina Kemp als Louise.

Beim Tingeln werden aus den angesagten „1,07 Meter pure Energie“ teenagerhafte 1,60 Meter, immer noch lautet der Song „Let me entertain you!“, immer noch folgt die Zeitungsjungen-Nummer, immer noch will Rose so beharrlich wie erfolglos ihre Töchter berühmt machen. Die Wienerin Marianne Curn und die Linzerin Lisa Habermann schlüpfen nun in die Rollen von June und Louise, beide debütieren in ihren Parts an der Volksoper, und überzeugen gesanglich wie darstellerisch. Während Curns June noch vor der Pause verschwindet, hat Habermann mehr Zeit einen Charakter zu gestalten – und sie nützt sie auch. Wie ihre Louise vom Entlein, der Mutter nur zweitliebste Tochter, meist in eine Bubenrolle verbannt und von der Truppe als „Kumpel“ wahrgenommen, zum strahlend schönen Schwan wird, diese Entwicklung arbeitet Habermann erstklassig heraus.

Zum hervorragenden Damentrio gesellt sich Toni Slama als Roses Lebensgefährte Herbie, ein geduldiger, gefühlvoller Mensch und Manager der Truppe, der nicht von ungefähr an Roses Seite ein Magengeschwür bekommt, und sie verlassen wird, als sie zum x-ten Mal die Hochzeit wegen eines Engagements verschiebt. Slama agiert mit viel Herz und (als ehemaliger Sängerknabe) mit einigem an Stimme, Happel und er sind jedenfalls ein hinreißendes Paar, auch wenn’s für Rose und Herbie nicht reicht. Aus den die Mädchen auf der Bühne umringenden „Jungs“ ragt Peter Lesiak als „Tulsa“ mit einer ausgezeichneten Steppnummer heraus. Wolfgang Hübsch hat einen Kurzauftritt als Roses Papa.

Im Burlesque-Theater: Christian Graf als Tessie Tura, Maren Kern, Martina Dorak, Jens Claßen, Simon Stockinger und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine letzte Aussprache, und schon hat Rose den Nerz: Lisa Habermann und Maria Happel. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

So vergehen die Jahre, in denen Rose nicht loslassen kann und immer noch zur Gute-Nacht-Geschichte antritt, ohne wahrhaben zu wollen, dass ihre Babys längst im gebärfähigen Alter sind. Die „Jungs“ hauen irgendwann ab, June ist weg, Rose fördert nun Louise – und befördert sie in Minskys Burlesque-Theater in New York. Dieser Abstieg entpuppt sich bald als Louises künstlerischer Aufstieg, die, zum ersten Auftritt von der Mutter gedrängt, Talent im Ausziehgenre zeigt.

Sobotka lässt eine illustre Truppe das Etablissement bevölkern. Neben Martina Dorak als trompeteblasender „Miss Electra“ (eine Art Xena, die Stripteaseprinzessin), gelingt Christian Graf als so abgebrühter wie abgeklärter Lehrmeisterin „Tessie Tura“ im rosa Tutu mit Schmetterlingsdildo ein Kabinettstück. Lousie legt Bekleidung wie Mutterbindung ab, und Mama Rose ist ihren Job und damit den Sinn ihres Lebens los.

Wie die Happel sich diesen Moment der Verzweiflung mit der Schlussnummer „Rose’s Turn“/Nun ist Rose dran von der Seele singt und schreit, das ist große Kunst. In der Realität folgten Streit und Gerichtsprozesse. Auf der Bühne ist bei Schluss noch nicht Schluss.

Es kommt zur Aussprache zwischen Rose und Louise – aus der, was Wunder, Rose als Siegerin hervorgeht. Sie hat es geschafft, sich auf die High-Society-Party ihrer Tochter einzuladen, und der dafür auch noch einen teuren Nerz abgeluchst. Und so können sie beide im Triumph die Bühne verlassen: Mama Rose und Maria Happel.

Maria Happel im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=25867

www.volksoper.at

  1. 9. 2017

Akademietheater: paradies fluten. verirrte sinfonie

September 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Da geht die post- ab

Die Reifenhändlerfamilie: Peter Knaack, Elisabeth Orth, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Spannend war es in der Pause, als die Bühnenarbeiter die große Plastikplane zusammenlegten, den Unrat entsorgten, die Bühne putzten, jeder Handgriff mit Zweck und Ziel, ungekünstelt, uneitel, authentisch, die Bewegungen wie choreografiert …

Davor und danach gab es die Österreichische Erstaufführung von Thomas Köcks Kleist-Förderpreis-Stück „paradies fluten“, „teil eins der klimatrilogie“.

Das Ganze ist – zumindest in der Drei-Stunden-Zerdehnung von Regisseur Robert Borgmann – doch ein klein wenig geschwätzig und repetitiv. (Was nichts damit zu tun hat, dass Köck wie jeder gute Jelinek-Schüler in Textflächenblöcken und mit Textflächenblockwiederholungen arbeitet.) Köck will viel, das ehrt ihn, will den welterklärerischen Komplettentwurf, will seine Kapitalismus-, Konsumismus-, Klimaschutz-, Kautschukgewinnungs-, Und-überhaupt-alle-Katastrophen-und- Ungerechtigkeiten-dieser-Erde-Kritik in eine Perlenreihe kriegen; er reiht sie auf, die Schlagwörter, die die neoliberalen Suchmaschinen zum Laufen bringen.

Seine Schlussfolgerungen sind: BWL-Täuschung und Markt-Schreierei, und enden bei der obligatorischen Globalisierungs-Beanstandung, das Ergebnis ein frei-assoziativer Text, der sich selbst seinen Sinn bescheinigt. Fürs postfaktische Zeitalter also ein postmodernes, postnarratives Stück, postapocalypse now! Dabei – paradox – ist dieser hermetische Theaterabend bar jeder Sinnlichkeit so besoffen von sich und seinen Ideen, dass er gar nicht genug von sich kriegt.

Das neonfarbene Paar: Marta Kizyma und Christoph Radakovits mit Elisabeth Orth. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Und schwupps – Rokoko: Alina Fritsch, Sabine Haupt, Sylvie Rohrer und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt und Alina Fritsch als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und „Die von der Vorsehung Übersehene“. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In seiner sinfonie-Kakophonie verschränkt Köck im Wesentlichen zwei Handlungsstränge. Die Familiengeschichte. Gegenwart. Ein mittelständischer Kleingewerbetreibender, Autowerkstatt und Autoreifenverkauf, geht Pleite. Vorwürfe von der Frau, Kalmierungsversuche von der Großmutter. Man ergeht sich in großstädtisch-spätbürgerlichem Beziehungs-Kleinklein. Die Tochter wird später im prekären Ballettbetrieb versumpern, der Vater einen Schlaganfall erleiden.

Die Figuren sprechen von sich in der dritten Person, hart klingt das, sie erzählen von sich, statt auf- und miteinander zu (re)agieren; die fremde Haut, in die sie schlüpfen, sie soll den Schauspielern hier verfremdet bleiben. Elisabeth Orth, Peter Knaack, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz bestreiten diesen Teil blut- und dreckverschmiert.

Handlung 2. Manaus zur Zeit des Kautschukbooms. Ende des 19. Jahrhunderts. Ein fiktiver deutscher Architekt namens Felix Nachtigall soll das Opernhaus Teatro Amazonas bauen. Im Gegensatz zu Fitzcarraldo ist er aber ein guter Mensch, und will die versklavten, gefolterten Indios vor den Kautschukbaronen retten (lesenswert und magenumdrehend dazu die Beiträge im Programmheft). Philipp Hauß gestaltet diese Rolle. Sylvie Rohrer wird als „der Entwicklungshelfer“ ausgewiesen, ist auf der Bühne aber tatsächlich eine hysterische Koloniallady, die um endlich ein bisschen Kultur in der Wildnis fleht.

So ziemlich allgegenwärtig in diesem Geduldsspiel sind, goldgesichtig, Sabine Haupt als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und Alina Fritsch als „Die von der Vorhersehung Übersehene“. Sie fügen zum Enigmatischen das Mythologische hinzu, changierend zwischen einem Dasein als Parzen und Wladimira und Estrella.

Gleich zu Beginn nimmt Haupt die Universumsperspektive ein. Schildert die Ausdehnung und den Zerfall der Sonne in Milliarden von Jahren, roter Riese, weißer Zwerg. Die Sonne wird die Erde erst verstrahlen, dann vergasen, sagt sie. Das ist Köcks „Poetik des Transvisuellen“, und die Bilder dazu sind diametral banal. Im Wesentlichen wird im Wortsinn im Gatsch gespielt. Die Flut hat ihre Schlammmassen hinterlassen.

Des Weiteren kommen vor: ein in Neonfarben gestrichenes Paar (Marta Kizyma und Christoph Radakovits), das sich wie wahnsinnig auf die nächste Finanzblase freut, drei Klischee-Schwarze, Nancy Mensah-Offei, Marie-Christiane Nishimwe und Sopranistin Bibiana Nwobilo, die eine Handvoll Arien zum Besten gibt, ein UNO-Soldat und Rokoko-Kostüme. Warum? Man weiß es nicht. Sven Dolinski, ausgestattet mit dem Mantra „Why Should I Want To Be In This Picture?“, Anna Sophie Krenn und Leonhard Hugger gehören ebenfalls zu diesem immer wieder über die Bühne driftenden Chor. Mittels ihm schiebt Köck auch noch zwischen die Szenen seine mäandernden Wortströme: „aber / es entsteigen der materialflut aufgescheuchte erinnerungen / ohne eigentümer“.

Philipp Hauß als Architekt mit Marie-Christiane Nishimwe, Nancy Mensah-Offei, Marta Kizyma (im Vordergrund) und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Köck hält die Überflutung des Theaters mit seinen Textmengen von Stück zu Stück konsequent durch. Er macht sie zu seinem ästhetischen, ja zum „politischen“ Prinzip, die Überforderung gleichsam zum Programm. Die Burgkräfte kann das freilich nicht wegschwemmen, so richtig mit Verve ist aber auch kaum einer bei der Sache.

Am ehesten schaffen es noch Peter Knaack als psychisch und ökonomisch an der mühsam errungenen Selbstständigkeit gescheiterter Vater und Philipp Hauß als Beobachter, wie der Reichtum Manaus in der abebbenden Konjunktur erst den Bach und dann den Amazonas runtergeht, ihren Rollen Seele einzuhauchen. Gemeinsam (obwohl nie zusammen in einer Szene) verkörpern sie eine in Alternativelosigkeit verfangene Gegenwart und jenen Imperfekt, der das angerichtet hat, was Status Quo ist.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

TAG: Weiße Neger sagt man nicht

Mai 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGERR

Vom Whitefacing in den Chefsessel katapuliert

Eine Trommelübung soll die Assessment-Center-Teilnehmer auflockern: Jens Claßen, Raphael Nicholas, Elisabeth Veit, Georg Schubert, Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Dass hier niemand viel Wert auf political correctness legt, wusste man schon vor dem Schluss. Da nämlich entpuppt sich die geeignetste Kandidatin eines Assessment Centers als Nichte eines Bananenrepublik-Ministers, mehr noch: als dessen Erbin, die mit seinen „schwarzen“ Millionen den Konzern, von dem in den vorangegangenen 90 Minuten die Spreu vom Weizen selektiert wurde, aufgekauft hat. Darf man das schreiben: Schwarz + Bananen + Selektion?

Aber ja! Lasst uns im Gegenteil noch fröhlich einen (oder mehrere) draufsetzen. Topfenneger, I bin neger, Negerant, Negerkuss, Negerbrot, Mohr im Hemd und Meinl-Mohr und Franz Moor. Woman is The Nigger of the World. Horst Neger in der Wachau verkauft Kracherl, Thomas Neger in Mainz verkauft Metallsysteme, hat sich aber wegen seines Firmenlogos, ein hammerschwingender Schwarzer mit dicken Lippen und dicken Creolen, angreifbar gemacht. Sein Vater, der das Emblem erfand, erfand auch „Humbta tätära“.

So, uff. Der rassistische Witz leistet Rassismusbekämpfung. Am TAG kam diesbezüglich  „Weiße Neger sagt man nicht“ zur Uraufführung, Text und Regie von Esther Muschol, und wenn man einen Lauf wie derzeit das TAG hat, darf man sich auch mal verlaufen. Wie hier geschehen. Denn beim besten Willen geht einem bei dieser Produktion das Herz nicht auf. Muschol beruft sich auf Nestroys „Talisman“, und ja – das zu hörende Hintergrundgeräusch ist dessen Rotieren im Grab, nur hat sie die Haar- zu einer Hautfarbangelegenheit gemacht. Aus dem roten Titus Feuerfuchs wird die Schwarze Titania Coleman, auch sie rittert um einen Job, weil modern: in einem Führungskräfteauswahlverfahren, bis sich die Konstellationen drehen – und allen die schreckliche Wahrheit ins Gesicht gefärbt wird.

Dieses mittels Blackfacing, weil, wer Karriere machen will, dient sich auch dem gerade kräftigsten Teint an, beziehungsweise Whitefacing, denn offenbar wird der/die AfrikanerIn nur als Bleichgesicht zum Big Boss. Das Existenz bedrohende Feind- und Schreckensbild aller Populärrechten: der qualifizierte Schwarze. Lustig? Halb-! Was als Sarkasmus über den Bewerbungswahnsinn im Seminarraum Erzherzog Johann ein Feuerwerk an Esprit und Eloquenz hätte sein können, zündet nicht richtig. Die Alltagsrassismussätze über Fremdsein, „andere Welten“ und Verhaltensmuster sind zu wenig speziell, zu wenig ausgefeilt, die Figuren verrecken als Stereotype. Hoamatliada werden gesungen, und alle sind wie ein Herrgottsschnitzer-Holzschnitt.

Die Demütigungsspielchen treiben den einen beinah in den Herzinfarkt, …: Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: © Anna Stöcher

… den anderen zwecks „Fleischbeschau“ in die Nacktheit: Raphael Nicholas mit Michaela Kaspar und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Das TAG stolpert diesmal über seine eigene Vorgabe der Neu- und Überschreibung von Klassikern, hat doch nichts an dieser Aufführung irgend mit Nestroy zu tun. Nicht einmal „sehr frei nach …“. Es fehlt das Hinterfotzige, das G’feanzte, das Poetisch-Subtile des unerreichten Vorbilds; plakativ, bösartig, je abstruser desto besser, ist ja ganz gut – aber Doppeldeutigkeit, bitte? Muschol ergeht sich in Pfefferkörnergleichnissen (die schwarzen lassen sich besser zermahlen, die weißen springen vollemanzipatorisch aus der Mühle), Busch-/Trommelübungen und Demütigungsspielchen, die mehr mit S/M als mit der berüchtigten Briefkastenübung zu tun haben.

Dass das Ensemble erschreckend gut gelaunt ist, nimmt dem Abend diesmal fast die Schärfe. Jens Claßen ist wie so oft der dienstbeflissene Piefke, Georg Schubert wie so oft der hemdsärmelig-herzliche Prolet, Raphael Nicholas ist als geschwätziger Schnösel natürlich ein Journalist im zweiten Verbildungsweg. Immerhin: Michaela Kaspar brilliert als beflissene Vorzugsbewerberin, und Elisabeth Veit gelingt ein Kabinettstück als in die Privatwirtschaft zurückgeschasstes, ehemals niederösterreichisches Pröll-Parteikind.

Keiner (besser: fast keiner) von ihnen ist tatsächlich Rassist (vor allem nicht Kaspar als Amelia, die Titania ihr naturgemäß viel zu helles Make-up leiht), und alle ergeben sich Nancy Mensah-Offei, wenn sie als ebendiese das Feld von hinten aufrollt und die Herrschaftsverhältnisse alsbald umkehrt. Sie ist großartig als undurchschaubare Aufsteigerin und zynische Rächerin. Nun gilt es für die „Weißen“, denn eigentlich sind wir doch rosa, ihre „Negerqualitäten“ unter Beweis zu stellen und sich als gute Sklaven (samt der sprichwörtlichen Sklavenmentalität) zu erweisen. Für die African Queen wird ein Thron errichtet, alle singen eine Chumbalaya-Weise, ein Gewehr taucht auf, und – alte Theaterregel: Wo eine Waffe ist, wird auch geschossen.

Hat dieses Make-up die falsche oder die richtige Farbe? Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Mit der Enttarnung Titanias nimmt der Abend tatsächlich endlich Fahrt auf, und wo er sagt, Anbiederung ist Rassismus in grauslichster Form, ist er am stärksten. Ansonsten machen viele nette Ideen noch keine Inszenierung, die Summe der einzelnen, mit Blackouts unterbrochenen Teile hätt’s vielleicht getan. So aber wirkt das Ganze szenisch unentschlossen.

Wie die Aufführung die üblichen Verdächtigen, Karrieristen aller Länder vereinigt euch! als arme Würschtln entlarvt, das hat viel mit Wirtschaftssatire zu tun – hätte aber auch ohne Schwarzweißmalerei funktioniert. Derart bereitet sich einem in der Gumpendorferstraße diesmal nur ein ungewohnt durchschnittliches Vergnügen. Naja, nur nicht schwarz sehen, die nächste Premiere folgt bestimmt.

Trailer: vimeo.com/215383618

dastag.at

Wien, 9. 5. 2017