TAG: Die Blendung

April 6, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Groteske Kasperliade mit Spukgestalten

Alexander Braunshör und Jens Claßen Bild: © Anna Stöcher

Einer die Kopfgeburt des anderen: „Büchermensch“ Jens Claßen hat Alexander Braunshörs „Kien“ im Nacken. Bild: © Anna Stöcher

Es beginnt mit einer Elias-Canetti-Anekdote. Ein Kind und der Literaturnobel- preisträger am Züricher See, ein Bücherpaket mit Widmung, und der Mensch, der „Büchermensch“, Schauspieler Jens Claßen, der stolzgeschwellt von dieser Begegnung berichtet, bereitet sich vor zur Lesung. Dies der Auftakt zu Margit Mezgolichs Inszenierung von „Die Blendung“ im TAG, und dies die Rote-Faden-Frage, die sich durch die gruselmärchenhafte Aufführung ziehen wird: Was ist echt? Und was nicht?

„Die Blendung“ ist Canettis literarisches Erstwerk, geschrieben 1931/32 unter dem Eindruck des Schattendorfer Urteils, ein sperriger, schwer zu lesender Roman mit entsprechend wenig Lesern. Die Masse liebt Dichte, nicht Dichtung. Mezgolich hat daraus eine luftige Bühnenfassung gemacht und diese als groteske Kasperliade mit Spukgestalten umgesetzt. Gespielt wird wie im Alt-Wiener Pawlatschentheater, schrill, schräg, skurril, mit Abrakadabra-Bühnentricks und Ah!-und-Oh!-Effekten. Das ist ganz zauberhaft und sehr unterhaltsam und gleichzeitig Anlass zur Anmerkung: ein wenig bedrohlicher und zeitpolitisch bedeutsamer, ein bissel abgründiger hätt’s schon sein dürfen. Canetti setzt seine absurden Situationen und burlesken Momente ein, um auf sein späteres Lebensthema zu kommen. Der Untergang des denkenden Individuums in einer dumpf-dummen Übermacht. Die hirnlosen Handlungen dieser Un-Menge bleiben bei ihm nie folgenlos. Sie münden vielmehr stets im Schrecken, in Fremd- oder Selbstverstümmelung, in Brutalität, in Kannibalismus, im Mord. In Opferung. Canetti hat das Komische auf seine grausame Kehrseite gewendet, und wenn sein Protagonist Kien das Heine-Wort „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ spricht, möchte man das fast dystopisch nennen.

Mezgolich lässt diesen Wahnsinn aus und setzt statt dessen auf Irrwitz. Gewitzt hat sie sich einen Rahmen geschaffen, der auch dafür sorgt, dass ihre Bearbeitung nicht zu sehr aus der Prosa fallen muss. „Büchermensch“ Claßen trägt vor – und nach und nach entfaltet sich Kiens Studierstube. Darin tauchen sie auf, die Figuren, sie schlüpfen aus Kabinetten und Kästen und zwischen Sofapölstern hervor, es scheint, als hätte Mezgolich überall im Bühnenbild Schauspieler versteckt, und allesamt sind sie Claßens Kopfgeburten. Oder er die ihre? Das wird sich am Ende noch zeigen müssen, wer wessen Halluzination ist. Jedenfalls beginnt ein bunter Reigen an Schrecklichkeiten. Der „Büchermensch“ sieht sich umzingelt von Buchgestalten, immer mehr wird er in ihre Handlung hineingezogen werden, wird er sich nicht wehren können gegen Missverständnisse und Missliebigkeiten, wird er noch vor der letzten Seite um das Schicksal des Helden wissen und diesen in dieses stürzen sehen, und wird warnen wollen, aber nicht gehört werden, weil das Ende eben das Ende ist, und wird er am Schluss um sein eigenes Wohlergehen bangen müssen. Wie’s einem so geht mit Literatur. Sage noch einer, Lesen sei nicht gefährlich.

Alexander Braunshör und Petra Strasser Bild: © Anna Stöcher

Sprach- vs körperlicher Gewalt: Alexander Braunshör und Petra Strasser. Bild: © Anna Stöcher

Elisabeth Veit, Georg Schubert und Petra Strasser Bild: © Anna Stöcher

Die unheilige Dreifaltgkeit der Therese: Elisabeth Veit, Georg Schubert und Petra Strasser. Bild: © Anna Stöcher

Canetti beschreibt seinen Kien als „größten lebenden Sinologen“, der in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek haust. Auftritt Haushälterin Therese Krumbholz, die den Bibliomanen aus seiner Bücherfestung an den Traualtar lockt und darob mit der Neugestaltung des Heims beginnt. Warum Kien die Krumbholz geheiratet hat? Weil der weltfremde, kauzige Wissenschaftler an das Bildungspotenzial des Menschen glaubte.

Die treue Therese allerdings ist nicht Kopfarbeiterin, sondern eine handfeste Materialistin, und so tobt bald ein erbarmungsloser Kampf um die Vorherrschaft in der gemeinsamen Wohnung und ein bizarrer Streit um ein gefälschtes Testament. Eine Million machen aus der eheüblichen Sprachverwirrung eine üble Wahrheitsverdrehung, und Mezgolich lässt die Haushälterin geldberauscht nur noch in Halbsätzen stammeln. Ihr Sprechen kennzeichnet Canettis Charaktere, er hat ihnen Sprachmasken angelegt. Mit Plattitüden und Allgemeinplätzen versucht Krumbholz Kiens Eloquenz Herr zu werden. Seine Sprachgewalt beantwortet sie mit körperlicher.

Alexander Braunshör und Petra Strasser spielen die hasserfüllten Eheleute ganz fabelhaft, wie alle Figuren sind sie weiß geschminkte Gespenster, er max-schreckig, sie durch die Hilfe von Elisabeth Veit und Georg Schubert bald aufgebläht zur unheiligen Dreifaltigkeit. Strasser bebt förmlich vor ungerechter Empörung, während sie, auch weil sexuell frustriert, dem als Liebesbettchen untauglichen Sofa die Bücher zum Fressen gibt. Bald steht jeder Band mit dem Rücken zur Wand und Braunshör flüchtet sich mit weit aufgerissenen Augen und abwehrenden Händen in eine Stasis. Quasi als Zermürbungstaktik. Der Unbewegliche, angeekelt von allem Analphabetischen, und damit von jedem außer sich selbst, bewegt sich nun gar nicht mehr. Das ist darstellerisch auf komödiantisch höchstem Niveau. Das TAG-Ensemble ist einmal mehr mit großer Spielfreude am Werk; Hausherr Gernot Plass hat eine Truppe um sich versammelt, von der man inmitten dieser gelungenen Saison bald annehmen möchte, dass sie beinah alles kann. Und Mezgolich weiß die Vielfalt der Talente bestens einzusetzen.

Elisabeth Veit, Alexander Braunshör, Georg Schubert, Elisabeth Koller, Marie Pfefferle und Melanie Frauendienst Bild: © Anna Stöcher

Im „idealen Himmel“: Elisabeth Veit als Fischerle, Alexander Braunshör, Georg Schubert, Elisabeth Koller, Marie Pfefferle und Melanie Frauendienst. Bild: © Anna Stöcher

Mit ihnen entwickelt sie Canettis Personal, denn letztlich ist das Bestechende an der „Blendung“ weniger der Plot, als das Panoptikum grauslicher Gestalten. Schubert legt den sadistischen Hausbesorger Pfaff, der Frau und Tochter in den Tod geprügelt hat, als „gmiatlichen“ Wiener Proleten an. Elisabeth Veit macht aus dem einbeinigen, buckligen Kleinkriminellen ein fast feinsinniges Fischerle. Claßen muss zu diesem Zeitpunkt schon als Möbelverkäufer Grob – nomen est omen – herhalten.

Melanie Frauendienst, Bernhard Kobler, Elisabeth Koller, Horst Lenes und Marie Pfefferle sind ein brutaler Pöbel und die ärgsten Elendsgestalten in der Bar „Zum idealen Himmel“. Konfuzius kommt auch vor. Und Kiens Bruder Georg. Und hier entgleitet Claßen die Geschichte. Wie Margit Mezgolich. „Die Blendung“, das Buch, ist fort – und ohne Vorlage … beginnt das Kapitel „Welt im Kopf“. Claßen und Braunshör im Infight über die Unsäglichkeiten, die männliche Geistesgrößen über die Frau gesagt haben. Von Buddha bis Mohammed, von Platon bis Goethe. Ein akademischer Überbau, der die bis dato durch nichts ins Kopflastige zielende Inszenierung unnötig überfrachtet. Es erschließt sich nicht, warum er an diese Stelle gequetscht wurde. Ansonsten nämlich geht alles seinen Gang. Der Bibliotheksbrand bricht aus und der „Büchermensch“ kauft Therese ein Milchgeschäft. Er kann nicht anders, er kommt nämlich sonst aus dem Stück nicht raus.

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Trailer: vimeo.com/157658713

Margit Mezgolich im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17836

Wien, 6. 4. 2016

Das TAG: Margit Mezgolich im Gespräch

Februar 26, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

 Sie inszeniert Elias Canettis Erstling „Die Blendung“

Margit Mezgolich. Bild: © Anna Stöcher

Margit Mezgolich. Bild: © Anna Stöcher

Margit Mezgolich, von 2009 bis 2013 künstlerische Leiterin des TAG, kehrt nun mit ihrer jüngsten Regiearbeit ans Haus zurück. Sie zeigt in eigener Bühnenfassung Canettis „Die Blendung“. In seinem Erstlingswerk beschreibt der spätere Literaturnobelpreisträger die Geschichte eines weltabgewandten Privatgelehrten Peter Kien, der von seiner geldgierigen Umwelt ausgenützt, betrogen und schließlich zerstört wird. Kien widmet sein Leben dem Sammeln von Büchern. In seiner riesigen Bibliothek führt er ein groteskes Höhlenleben, eigensinnig und verschroben. Eingeengt auf seine Bibliomanie heiratet er seine ungebildete Haushälterin Therese. Was in die Katastrophe führen muss.

Das Fesselnde an der „Blendung“ ist weniger der Plot, als Canettis über die Maßen grotesken Figuren. Als da wären: ein buckliger Zwerg und Zuhälter, der sich für ein Schachgenie hält, ein sadistischer Hausbesorger, genannt der rote Kater, oder Kiens aus Paris anreisender Psychiater-Bruder Georg. Diese und mehr schräge Vogel spielen Alexander Braunshör, Jens Claßen, Georg Schubert, Petra Strasser und Elisabeth Veit. Uraufführung ist am 5. März. Margit Mezgolich im Gespräch:

MM: Ich habe gerade den beginnenden Bühnenaufbau gesehen. Sie haben große Dinge vor.

Margit Mezgolich: Es wird eine sehr überraschend bespielbare Bühne, ein verspielt albtraumhafter Raum, in dem sich die Wände bewegen lassen und die Schauspieler aus verschiedensten Klappen kommen können. Es wird eine Zauberbühne.

MM: Warum zeigen Sie dem Publikum 2016 „Die Blendung“? Was hat der Stoff gerade heute zu sagen?

Mezgolich: Dieses Buch hat uns immer etwas zu sagen und wird uns immer verstören. Meine persönliche Geschichte damit ist ein Immer-wieder-Begegnen. Ich habe es zum ersten Mal mit zwanzig gelesen, und vor allem die Figuren und das unglaubliche Wienerische haben sich seltsam eingeprägt. Ich bin aber gescheitert, ich habe es nicht fertig gelesen. Dann habe ich es mit Mitte dreißig wieder gelesen – diesmal bis zum Ende. Es gibt für mich kein verstörenderes Buch über menschliche Kommunikation und deren Möglichkeit und Unmöglichkeit. Es gibt nichts, das mich mehr aufwühlt, als die Figur Peter Kien, der das Wesen des Menschen studieren und den Geist sämtlicher Bücher einsaugen möchte, weil er eine Gebrauchsanweisung für unsere Zeit sucht. Und dass er im wahrsten Sinne des Wortes daran verbrennt, und wie dieser gebildete, naive Mensch vom wütenden Mob überrannt wird, das ist für mich sehr faszinierend.

MM: Ist es in diesem Sinne ein politisches Buch? Canetti schrieb es unter der Wirkung des Schattendorfer Urteils und des Justizpalastbrandes. Es gibt von ihm ein Zitat: „Die Welt war zerfallen, und nur wenn man den Mut hatte, sie in ihrer Zerfallenheit zu zeigen, war es noch möglich, eine wahrhafte Vorstellung von ihr zu geben.“

Mezgolich: Die Atmosphäre, die das Buch widerspiegelt, hat für mich Parallelen zu dem, was wir jetzt erleben. Es ist die Formierung eines Mobs, die „Blendung“ der Masse, auf die er hinweist. Im Text sagt er sinngemäß, den sogenannten Lebenskampf führen wir Menschen nicht weniger um Hunger und Liebe, als um die Tötung der Masse in uns. Noch zerfällt die Masse relativ schnell, aber einmal wird sie von einem Land ausgehend so stark werden, dass ihr nichts mehr widerstehen kann. Das ist für mich spannend: Wie sich Kräfte formieren. Wie man die Welt erlebt und wovor man dabei Angst bekommt. Und wie man mit dieser Angst umgeht, also dass sich Menschen zusammenrotten und formieren, statt dass sie versuchen, ihrer Angst auf den Grund zu gehen. Da gibt es derzeit erschreckende Dynamiken.

MM: „Die Blendung“ hat im Gegensatz zu anderen Canetti-Texten keinen literarischen Siegeszug angetreten. Ist er dem Wesen der Menschen damit zu nahe getreten, so dass es kaum jemand lesen möchte?

Mezgolich: Mag sein. Es ist aber auch ein sehr forderndes Buch, es ist sehr kompliziert, weil es immer wieder redundiert. Es hat aber sehr theatertaugliche Figuren, sehr viel Humor und deswegen war es für mich das geeignetste Werk von Canetti, um es zu dramatisieren.

MM: Es ist eine Groteske mit grotesken Figuren, teilweise sehr brutal. Ein Panoptikum der Gesellschaft?

Mezgolich: Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, wie ich die Figuren aus dem Roman heraushole. Ich habe lange überlegt, wer heute ein Kien wäre. Ich habe im Bekanntenkreis einen, der sich den Luxus nimmt, Gelehrter zu sein. Er hat nicht viel Geld, aber wenn er welches hat, investiert er es in Bücher. Er verbringt die Zeit damit zu studieren – nur er, sein Kopf und seine immer größer werdende Bibliothek. Er ist eine Art Vorbild. Er erdet das Buch sozusagen. Ich habe also eine Rahmenhandlung erfunden, in der ein „Büchermensch“, wie Canetti seinen Kien ursprünglich nannte, den Zuschauern „Die Blendung“ nahebringt.

MM: Canettis Werk lebt von seinen grotesken Figuren. Das TAG-Ensemble scheint sehr geeignet, diese zu evozieren. Vor allen Dingen auch hinsichtlich Canettis in „Masse und Macht“ beschriebener „kannibalistischer“ Komik, also seiner Art, die grausame Kehrseite des Lachens sichtbar machen zu wollen.

Mezgolich: Ich war ja hier bis 2013 selbst Leitung und dachte damals schon, „Die Blendung“ wär‘ was. Es hat sich dann aus Zeitgründen nicht ergeben. Umso schöner ist es, es nun zu tun. Die Grausamkeit im Humor, von der Sie sprechen, ist permanent zugegen. Doch das ist etwas, das ich sehr mag, das für mich Grundvoraussetzung in einem Text ist: Dass das Lachen eine dunkle Seite hat. Die größte Herausforderung bei der Dramatisierung war allerdings, dass Canetti dem Betrachter keine Identifikationsfigur bietet, dass viele Motive viel zu schnell klar sind. Auf Seite 10 denkt man sich schon, okay, der ist wahnsinnig, was geht mich der an?

MM: Ich schreib‘ das genau so!

Mezgolich: Es stimmt ja auch, man geht als Leser bald auf Distanz. Ich habe versucht, zu zeigen, wie sehnsuchtsgetrieben die Charaktere eigentlich sind. Die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, die Sehnsucht nach einem ehrlichen, menschlichen Kontakt, das interessiert mich, das war mir wichtig herauszufiltern. Ich versuche die Figuren liebevoller zu zeichnen als Herr Canetti es getan hat, sodass man für sie Empathie aufbringen kann. Ich hoffe, dass das aufgeht.

MM: Ein Schauspieler hat einmal über seine Rollen gesagt: Ich kann am größten Arschloch noch etwas Liebenswertes finden.

Mezgolich: Genau so geht’s mir auch. Im letzten Teil des Buches treffen einander die Brüder Georg und Peter Kien und schimpfen über die Frauen und suchen bei allen großen Dichtern und Denkern, von Buddha bis Thomas von Aquin, nach Argumenten, die den Unwert der Frauen dokumentieren. Das geht ganz, ganz lange und ich dachte, was ist denn das für eine Scheiße? Das hat mich so wahnsinnig geärgert und ich konnte nichts damit anfangen; aber jetzt im Arbeiten bin ich froh über diesen Abschnitt, weil er zeigt, wie verankert frauenfeindliches Denken auch in unserer scheinbar feministisch revolutionieren Kultur ist. Die Passage führt einem zu Bewusstsein, wie kurz die Zeitspanne ist, in der wir Frauen uns gleichwertig fühlen. Ich bin in den 1970er-Jahren geboren und für meine Schwester und mich war selbstverständlich, dass uns die Welt gleichberechtigt offensteht. Aber wie zerbrechlich ist dieses Gefühl …

MM: Lassen Sie uns über Sprache sprechen. Sie haben den Roman dramatisiert …

Mezgolich: Und ich durfte so gut wie nichts ändern. Das war die Auflage des Verlages, die ich aber auch verstehen kann, weil die Sprache sehr schön ist, und es ein gewisses formales Konzept gibt.

MM: Die sogenannten Sprachmasken, Sprachfetzen, Halbsätze, ein „Gestammel“, mit dem Canetti die jeweilige Figur schon sehr genau charakterisiert.

Mezgolich: Genau. Es ist einer der theatertauglichsten Romane, der mir je untergekommen ist. Ich habe schon einige dramatisiert, aber der ist wow! Man merkt den Dramatiker Canetti, der Text ist sehr fleischlich, er ist wie fürs Theater geschrieben. Einen Roman zu dramatisieren ist für mich immer schon sehr an die Umsetzung gekoppelt, das Ganze ist ein dramaturgisches Gesamtkonzept. Man muss wie ein Trüffelschwein durch den Text gehen und sich überlegen, was sich für die Bühne eignet. Ich nenne den Vorgang daher lieber „für die Bühne einrichten“.

MM: Das TAG fährt immer intensiver den Weg der Uraufführungen und literarischen Bearbeitungen. Diesen Weg haben Sie als Gründungsmitglied des Hauses schon mitbeschrieben?

Mezgolich: Diese Neuinterpretation klassischer Stoffe war meine Idee, weil ich mich als künstlerische Leitung gefragt habe, was in Wien fehlt. Das Haus war damals noch nicht positioniert, meine Hauptaufgabe war also Profilierung. Wir begannen mit der Neuinterpretation bekannter Stoffe, jetzt hat es sich auf klassische Stoffe zugespitzt. Das ist etwas, wo das TAG in Wien seine Nische gefunden hat, und auch unter Gernot Plass sehr erfolgreich und gut besucht ist.

MM: Sie selbst haben 2013 als Intendantin das Herrenseetheater in Litschau übernommen. Eine wunderbare Spielwiese. Bühne und Bad.

Mezgolich: Es ist großartig. Der Ort ist wunderbar, ich verbringe dort sehr gerne meine Sommer. Ich habe dort „Von Mäusen und Menschen“ gemacht, dann selber etwas geschrieben: „Erben für Anfänger“ und im Vorjahr die Komödie „Der Aufsatz“. Heuer habe ich einen Text von Theresia Walser, da freue ich mich sehr, dass ich den zur Erstaufführung bekommen habe.

MM: Ich habe hier notiert – „Herrinnenseetheater“.

Mezgolich (sie lacht): Das Walser-Stück heißt „Herrinnen“ und ist unglaublich toll gebaut. Es soll der Preis für die „beste weibliche Lebensleistung“ vergeben werden und auf der Hinterbühne warten fünf sehr unterschiedliche Frauen auf ihren Auftritt vor dem Präsidenten. Sie tauschen Frauenbilder und Lebenskonstrukte aus und kurz bevor man glaubt, jetzt wird’s kampffeministisch, bricht es in eine herrlich absurde, slapstickhafte Komödie auf. Die fünf Frauen – darunter eine transgender Technikerin – proben nämlich nur ein schlechtes Stück. Es geht um: Wer sind wir und was wollen wir im Leben?

MM: Apropos, was wollen Sie? Im konkreten Fall als Theatermacherin?

Mezgolich: Ich möchte einem Publikum die Gleichzeitigkeit von Humor und einer ganz großen Schwere, oder Traurigkeit, nahebringen, weil ich glaube, dass das Leben beides ist. Das auszuleuchten interessiert mich – das Absurde an Situationen und in Figuren. Das Publikum soll weinen, lachen, mitdenken. Das wäre etwas, das ich mir wünsche.

dastag.at

www.herrenseetheater.at

Wien, 26. 2. 2016

Das TAG in der Saison 2015/16

September 8, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Suchy macht Shakespeare, Plass wird Krähwinkler

Bluad, Roz und Wossa Bild: © Anna Stöcher

Bluad, Roz und Wossa
Bild: © Anna Stöcher

„Es passiert sehr viel Theater“, sagt Gernot Plass bei der Spielplanpräsentation der Saison 2015/16. Der künstlerische Leiter des TAG meint damit wohl nicht nur die Produktionen, die er gleich vorstellen wird, sondern, wie sein kaufmännisches Pendant Ferdinand Urbach später ausführt, die Diskussion über das andere TAG, das Theaterarbeitsgesetz, in die man mit dem Bund getreten ist. Eine Folge des Bekenntnisses der beiden zum Ensembletheater, ihrer Absage ans Hire-and-Fire-Prinzip – „die Arbeitsbedingungen sind so wichtig wie die Außenwirkung“. Eine Loyalität, die sich punkto Qualität und damit einer Auslastung von 84 Prozent und damit einer Eigendeckung von 19 Prozent in der vergangenen Spielzeit bezahlt gemacht habe.

Und auch wenn Kanzleramtsminister Josef Ostermayer zwischen Flüchtlingsgipfel und „Mittagsjournal“ diesbezüglich nur Zeit für ein Sieben-Minuten-Gespräch gehabt habe: Der Bund ist nach Jahren wieder aufs TAG aufmerksam geworden, hat die Taschen für eine Projektförderung in der Höhe von 25.000 Euro für insgesamt zwei Produktionen geöffnet. Die, zusammen mit den 770.000 Euro von der Stadt Wien und dem mit 30.000 Euro dotierten Nestroypreis für die beste Off-Produktion 2014, ermöglichten nun „statt der üblichen viereinhalb“ eine fünfte Premiere. Und – neben den fünf Hauskräften Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Elisabeth Veit – den Einsatz von zusätzlichen Gästen.

Getreu dem TAG-Leitfaden für Klassikerüberarbeitungen und -neuschreibungen, heißt: den Kanon zu interpretieren und zu behandeln, ist die erste Uraufführung der neuen Saison am 3. Oktober Christian Suchys „Bluad, Roz und Wossa“, sehr frei nach Shakespeares „Romeo und Julia“. Eine wie immer dialektale, urige Textfassung des „Theaterviechs“ (© Plass), durch die sich die Deutschen Claßen und Nicholas gerade „gfretten“. Kein Familienzwist steht diesmal im Mittelpunkt, sondern, weil Suchy, „etwas Abgründigeres“ – Mißbrauch und Inzest. Am 20. November folgt Ed. Hauswirth mit „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“, einer Annäherung an Fassbinders sehr persönlichen Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ über die letzten fünf Lebenstage der Transsexuellen Erwin/Elvira Weishaupt. Hauswirth unterschiebt Fassbinder Dostojewski-Texte, und die Handlung einer Politikerin. Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum Politiker geliebt werden wollen, hat er „sogenannte gescheiterte Volksvertreter“ interviewt. Das Ergebnis bringt unter anderem Vorjahrs-Faust-Retter Julian Loidl auf die Bühne. Die Erfolgsproduktion von Gernot Plass wird ebenso wieder aufgenommen (am 22. 9., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951), wie Hauswirths Nestroypreis-Gewinner „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ am 15. 10.

Am 5. März setzt Plass-Vorgängerin Margit Mezgolich mit Elias Canettis „Die Blendung“ die Tradition großer Romanbearbeitungen am Haus fort. Hauptfigur ist der „größte lebende Sinologe“ und Büchersammler Peter Kien, der in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek haust. Durch die Ehe mit seiner Haushälterin Therese Krumbholz wird der weltfremde Sonderling mit der Gemeinheit des Lebens konfrontiert und verfällt dem Irrsinn. Oder, wie Plass es ausdrückt: „Der absurde Kampf eines Büchermenschen gegen den Staubwedel endet in einer Feuersbrunst“; Petra Strasser passe „wie hinpickt“ auf die Krumbholz-Rolle. Und auch die Bücher werden als Stimmen auftreten. Als Arturas Valudskis 2013 am TAG mit „Varieté Volant“ in lichten Höhen abhob (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6621), meinte er zu Gernot Plass, er hätte da „so ein Tschechow-Projekt“, inspiriert von der Theater-im-Theater-Situation, das Thema eine ländliche Langeweile, in der die Protagonisten sich nur noch mit der Produktion von Theater beschäftigten. Nun kommt sein Tschechow-Kommentar „Das Spiel: Die Möwe“ am 2. April zur Uraufführung. Julia Schranz, Martin Bermoser und Markus Kofler, darstellerische Dreifaltigkeit des „Aggregat Valudskis“, stehen auch diesmal auf der Bühne, dazu als weiterer Gast Claudia Kottal. Zu erwarten ist ein traurig-komödiantischer Theaterzauberabend.

Gernot Plass selbst inszeniert für den 3. Mai „Empört euch, ihr Krähwinkler!“ nach Johann Nestroy mit Studentinnen und Studenten des Schauspielstudiengangs des Konservatoriums Wien Privatuniversität, seiner alten Schule. „Mach‘ ma mal Komödie“ war der Wunsch an den Trägodienmacher – und jetzt sitzt er da mit einem Dramatiker, den er gar nicht so gern mag, weil ihm die Handlungen zu abgeschrieben und zu hanebüchen sind. Na, er wird den Nestroy schon noch schätzen lernen 😉 . Plass wird „die heutige politische Situation in die Posse einarbeiten“, sein Eberhard Ultra wird aus dem neukommunistischen Bundesstaat Europa zu den kapitalistischen Krähwinklern kommen. Das Stück zur Dauerkrise.

Seine Platzhirschposition in Sachen Improvisationstheater will das TAG ebenfalls ausbauen: Neben „Sport vor Ort“ (am 20. 9. zu Gunsten des neunerhaus) und Impro Workshops (Anmeldung: www.dasTAG.at/Workshops) wird die Schiene „Meet the Masters“ mit internationalen Größen wie Inbal Lori und Lee White, bekannt als Hälfte des Duo „Crumbs“, neu installiert. Auch das Wiener Impro Festival wird im April 2016 im TAG veranstaltet. Einen Termin sollte man sich jetzt schon freihalten: Am 13. Jänner 2016 steigt in der Gumpendorfer Straße die 10-Jahre-TAG-Party.

www.dasTAG.at

Wien, 8. 9. 2015

Volkstheater: Die Physiker

November 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genie getarnt als Wahnsinn

Rainer Frieb, Thomas Kamper, Erich Schleyer Bild: © Christoph Sebastian

Rainer Frieb, Thomas Kamper, Erich Schleyer
Bild: © Christoph Sebastian

Es ist eine Schande. Dass Elias Perrig so lange brauchte, um seinen ersten Dürrenmatt zu inszenieren. Es ist ein Glück. Dass er damit ausgerechnet am Volkstheater begonnen hat. Die Eidgenossen verstehen einander augenscheinlich prächtig. Denn da hat es einer gewagt, dem Schweizer Nationalheiligtum das Pathos, das hohe Lied, das „Intellektuelle“ runterzuräumen, den Dichterfürsten vom Olympier-Sockel zu stoßen – und auf ein Zirkuspodest zu stellen. Großartig! Und das alles, ohne Friedrich den Großen auch nur eine Sekunde zu „verraten“. „Die Physiker“ – er selbst nannte sein Werk eine Komödie. Perrig nutzt das genussvoll und zum Vergnügen des Publikums aus und versteht es trotzdem, nicht den Text detailtreu darzustellen (beziehungsweise darstellen zu lassen), sondern das wirklich Wichtige. Das zwischen den Zeilen steht. Bühnenbildner Wolf Gutjahr – die passenden Kostüme sind von Katharina Weissenborn – hat auf wunderbare Weise auf alles Sanatoriumsweiße verzichtet; er hat die Bühne mit einer Reproduktion von Rudolf Ritter von Alts „Das Atelier vor der Versteigerung“ tapeziert, setzt also auf Hans-Makart-Opulenz, und eine Unzahl plüschiger Sitzgelegenheiten. Die zur Nervenheilanstalt umfunktionierte Villa des Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd ist damit fertig. Für die Krimisatire, die Mordstravestie, die Spionagegroteske, die da kommen mag. Für das Vorgeben, die Unwahrheiten, die Lügen, die Geheimnisse, den Schrecken.

Nun ist diese Rezension natürlich eine Hommage an Grande Dame Vera Borek. Keine spielt Dürrenmatt wie sie. Die Borek-Stimme, sie ist unverkennbar und sollte als solche in die Bücher eingehen. Wie ihre „buckelige, alte Jungfer“ Zahnd lakonisch und mit staubtrockenem Humor auf die Strangulierung ihrer Krankenschwestern reagiert, gleich darauf in gespenstisches Gekicher verfällt, das ist schon große Kunst. Irr-Witz. Da ahnen selbst die Unbedarften, welch Ungeheuer sich da noch aufblähen wird, die Kapitalismushexe, die längst die Fäden zieht, längst ausgewertet hat, was es auszuwerten gab – und mit ihrem neu gegründeten Konzern nun die Ländern, ja selbst das Universum ausbeuten will. Genie und Wahnsinn sind Geschwister. Manchmal Kinder, an deren Entwicklungen man Freude haben kann, manchmal garstige Teufel, zuständig für die menschheitliche Höllenfahrt. Nur wenige große Geister waren in der Zeitgeschichte in der Lage zwischen dem Gut und Böse ihrer Erfindungen, ihrer Entdeckungen zu unterscheiden. Und unwillkürlich fällt einem während des Spiels ein, wie enttäuscht Einstein – vermutlich auch, weil er im Stück noch vorkommen wird – in Princeton war, dass so viele Wissenschaftler, die er vor der Phrenesie des Dritten Reichs in die USA retten konnte, sich dem Manhattan-Projekt  anschlossen.

Dürrenmatts Protagonist, der Physiker Johann Wilhelm Möbius, hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er hat die „Weltformel“ entwickelt und das verheerende Resultat ihrer Nutzbarmachung erkannt. Eingedenk der Folgen ließ er sich folglich einweisen, mimt den von König Salomo Heimgesuchten, hofft, dass zumindest im Irrenhaus die Gedanken frei sind, und bedenkt nicht, dass die Zahnd einen Kopierer hat. Thomas Kamper ist fabelhaft als Normaler unter den „Narren“, als vernunftbegabter Mensch, den die Seelenqual schier um den Verstand bringt. Der vor der Wirklichkeit nicht kapituliert, sondern, wie er glaubt, ihr sein Wissen genommen hat. Ihm zur Seite stehen die Patienten Beutler (Erich Schleyer), der sich für Newton hält, und Ernesti alias „Einstein“ (Rainer Frieb). Die tatsächlich ebenfalls nicht krank, sondern Physiker (Um nicht aufzufliegen, nahmen die drei selbst die Tötung der Pflegerinnen in Kauf. Das Schweigen der Schwestern.), das heißt: Geheimdienstler feindlicher Nationen sind, die Möbius, den größten Kopf aller Zeiten, dieses „Allgemeingut“ für die Gemeinschaft, auf ihre Seite ziehen wollen. Ihm sogar den Nobelpreis – man kennt die Geschichte seiner Erschaffung – verschaffen wollen. „Ob die Menschheit den Weg zu gehen versteht, den wir ihr anbieten, ist ihre Sache“, so ihr Credo.

Bis es dahin kommt, gibt es eine Menge zu Lachen. Erich Schleyer ist als Sir Isaac mit langlockiger Perücke und spitzenmanschettigem Hausmantel zum Niederknien. Wie er auf seinen drei Grundgesetzen der Bewegung herumreitet, so macht es Rainer Frieb mit der Relativitätstheorie – die Newtons Überlegungen zur Mechanik übrigens als Spezialfall enttarnte. Frieb ist entzückend mit wallendem Haar und Schnauzer, mehr Tschapperl als Weiberer, wie’s der wahre war, sich an der Geige (Beethovens „Kreutzersonate“, deren gefidelter Versuch die anderen schon aufjaulen lässt) abmühend – worüber er sich noch ausführlich beschweren wird. Mit einem dann doch nicht ausgeführten Pistolenduell legen die beiden ein Kabinettstück hin. Unterstützt wird das Forschertrio unter anderem von „Oberschwester“ Claudia Sabitzer und „Kriminalinspektor“ Thomas Bauer, der sich einen Kojaklolli in Grün zugelegt hat.

Am Schluss gewinnt die Zahnd. Die Opulenz ist mit ein paar Handgriffen abgeräumt. Newton, Einstein und Möbius verschwinden in einer Holzkiste. Eine Botschaft von Elias Perrig. Am Ende jedes Sieges steht da immer für jemanden ein Sarg.

www.mottingers-meinung.at/elias-perrig-im-gespraech/

www.volkstheater.at

Wien, 15. 11. 2014

Elias Perrig im Gespräch

November 14, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Volkstheater: Die Physiker

Rainer Frieb, Vera Borek, Thomas Kamper, Günther Wiederschwinger, Erich Schleyer, u.a. Bild: © Christoph Sebastian

Rainer Frieb, Vera Borek, Thomas Kamper, Günther Wiederschwinger, Erich Schleyer, u.a.
Bild: © Christoph Sebastian

Am 14. November hat am Volkstheater Friedrich Dürrenmatts 1962 am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt Groteske „Die Physiker“ Premiere.  Um die Menschheit vor einer Katastrophe zu bewahren, begibt sich Möbius, einer der führenden Wissenschaftler, ins Irrenhaus. Hier hofft er am ehesten verbergen zu können, was er entdeckt hat: eine ungeheure Energien ermöglichende Technik, die keinesfalls in die falschen Hände geraten darf. Sein Ziel: den Fortschritt in die Katastrophe aufzuhalten. Seine Methode: einen Irren zu spielen, der vom Geist Salomons besessen ist. Das gleiche tun zwei andere, ebenfalls nur scheinbar Geisteskranke. Sie halten sich für Einstein und Newton, doch sind sie in Wirklichkeit hinter Möbius’ Geheimnis her. Als sie zu Mördern werden, dringt die Wahrheit ans Licht. Doch längst hat sich die einzig wirklich Wahnsinnige, die Irrenärztin Dr. von Zahnd, in den Besitz der Geheimnisse gebracht und die Katastrophenmaschine in Gang gesetzt. Der Irrsinn, der durch Verstellung verhindert werden sollte, ist längst Realität und alles, was den Simulanten bleibt, ist, nun eingesperrt im Irrenhaus und ohne Aussicht auf Entkommen, tatsächlich irre zu werden. Es spielen unter anderem Vera Borek, Thomas Kamper, Erich Schleyer und Rainer Frieb. Ein Gespräch mit dem Schweizer Regisseur Elias Perrig:

MM: Warum jetzt Dürrenmatts „Die Physiker“? Ist die Zeit wieder reif?

Elias Perrig: Als Schweizer bin ich natürlich mit Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch aufgewachsen, ich hatte aber bis jetzt Scheu, einen der beiden zu inszenieren. Mir kamen „Die Physiker“ wieder in die Hände und ich dachte: Wahnsinn, weil ich es vorher für verstaubt hielt. Weil es in der Zeit des Kalten Kriegs spielt und über die Erfindung der Atombombe. Jetzt ist das Stück wieder so brisant – was die weltweite politische Lage angeht, dass wieder die Großmächte gegeneinander stehen, und auch in der Frage: Was ist die Verantwortung von Wissenschaft? Die Verantwortung von Wissen beispielsweise übers Internet, wo fast jeder an fast jede Information kommen kann. Ist da nicht auch eine Gefahr im Wissen? Man kann sich die Anleitung zum Bombenbauen runterladen. Die Frage, die sich im Stück stellt, ist, kann man Wissen, eine Entdeckung rückgängig machen, wenn man merkt, dass sie gefährlich ist?

MM: Sie haben ursprünglich Biochemie studiert. Da muss sich diese Frage besonders stellen?

Perrig: Ja, aber wenn ich eine Erfindung, die potenziell gefährlich ist, vernichte, wird sie dann nicht ein anderer erfinden. Manche Dinge liegen in der Luft, für die ist die Zeit reif, die werden gedacht. Es ist ja manchmal zum Zeitpunkt einer Entdeckung noch nicht abzusehen, was daraus gemacht wird. Zyklon B sollte auch einmal in der Landwirtschaft Ungeziefer vernichten. Oder man erfindet ein Medikament, mit dem man Krebs heilt, das auch als biologische Waffe verwendet werden kann. Da hat man verschissen. Zum Glück gibt es heute Ethikkommissionen, ein Bewusstsein dafür, dass Wissen nicht immer „gut“ sein muss.

MM: Die Welt ist ein Irrenhaus – in Volkstheater-Inszenierungen besonders gern so dargestellt. In diesem Fall hat ja auch die Profitgier und der (politische) Geltungsdrang der Wissenschaftler etwas Wahnhaftes …

Perrig: Das ist eine interessante Konstruktion, denn in diesem Irrenhaus sind die Wissenschaftler sehr vernünftig. Sie schließen sich und ihre gefährlichen Ideen sozusagen weg. Das ist ein visionärer Gedanke: den Elfenbeinturm zum Elfenbeinturm zu deklarieren. Deshalb sitzen bei mir auch alle in einem sehr speziellen Raum, der nichts mit „Spital“ zu tun hat, der ein ideales Leben suggeriert, ausgekleidet mit einem Hans-Makart-Bild, mit sehr luxuriöser Möblierung. Problematisch wird es – und das ist heute auch brisanter als damals – wenn die Chefin der Anstalt eigentlich die Verkörperung des Kapitalismus ist und das Wissen Ihrer Insassen kommerziell verwertet wird. Das ist die eigentliche Katastrophe. Sie ist natürlich irre, aber in dem Sinne, wie europäische Firmen in Afrika heute das Wasser kaufen, das eigentlich ein Grundrecht der Menschen ist. Was heißt also heute irre? Oder irre ich mich in allem?

MM: Vera Borek als Fräulein Doktor von Zahnd hat Dürrenmatt ja noch gekannt. Sie hat am Haus auch die „Alte Dame“ gespielt. Ist ihr Bezug zum Autor herauszulesen?

Perrig: In gewisser Weise natürlich. Sie kennt seine private Welt. Sie hat ein sehr feines Gespür für den Dürrenmatt’schen Humor, der gar nicht so einfach zu knacken ist. Es gibt ja das Klischee Komödien müssten schnell sein, hier ist es das Gegenteil. Das ist eine sehr schweizerische Komödie, da geht’s langsam zur Sache.

 MM: Wie beim slowburn von Laurel und Hardy. Dürrenmatt nannte sein Stück ein „Satyrspiel vor der Tragödie“. Hat er wirklich darauf gewartet, dass es rumst?

Perrig: Genau. Das wäre das Stück vor der Katastrophe, wenn dann Beckett danach ist. Beide schrieben ja Satyrspiele und ließen die eigentliche Katastrophe aus. Beide sperrig vom Text her, surrealistisch auch. Was mit der Welt passiert, ist bei Dürrenmatt das Danach. Ich suche die „Realität“ seiner Figuren, das ist mir sehr wichtig. Man könnte es ja auch ganz artifiziell angehen, aber das hätte mich nicht interessiert, mich interessiert die Zuspitzung der Gedanken. Man kann bei Dürrenmatt keinen Satz wegstreichen, jeder Satz ist ein Gedanke.

 MM: Grauenhaftes ist zumindest auf der Bühne oft sehr komisch. Dazu gehört die Doppeldeutigkeit, mit der eine Krankenschwester den Patienten vorwirft, dass sie „verrückt spielen“.

Perrig: Das ist der Kern, der Grundplot. Eine ganze tolle Setzung, auch für die Welt. Wie sehr muss ich mich einem generellen Irrenhaus anpassen, um vernünftig zu scheinen.

MM: Bei Dürrenmatt geht’s um eine Massenvernichtungsmaschine. Glauben Sie, dass ein globaler Konflikt noch einmal möglich wäre, oder war die Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg klug genug, Institutionen wie die UNO, die EU da zwischen zu setzen?

Perrig: Natürlich war’s klug, das zu schaffen. Ich frage mich nur, wie nachhaltig es wirkt. Wenn ich mir im Moment die eskalierenden Konflikte angucke und wie nichts dagegen unternommen wird, halte ich es durchaus für möglich, dass wir in dieselbe Scheiße noch mal rasseln. Die Situation ist nicht so unähnlich wie in den 60er-Jahren. Es bildet sich tatsächlich wieder etwas heraus wie der Kalte Krieg, was die UNO letztlich handlungsunfähig macht. Seit es die Vetoregelung gibt, ist kein Beschluss gefällt worden. Das heißt: Letztlich sind diese Institutionen auch alle Feigenblätter, siehe Klimarat gegen die Klimaerwärmung. Es gibt ein Patt der Supermächte. Und der Kapitalismus sagt: Am Ende gewinne sowieso ich, egal wie alt und runzelig ich bin – Geld ist Geld.

 MM: Meine Dystopie ist das Beispiel China: politische Unfreiheit bei größtmöglicher marktwirtschaftlicher Freiheit. Verdienen, aber kuschen.

Perrig: Genau, wobei ich meinen würde, dass wir da alle langsam hinrutschen. Spätestens seit dem NSA-Skandal fragt man sich, was der Unterschied zwischen USA und China ist. Vielleicht war’s nur eine Illusion zu glauben, dass wir demokratisch sind.

MM: Da muss ich, auch weil der Protagonist so heißt, an die Möbiusschleife denken.

Perrig: Und der Mensch kann nicht zwischen unten und oben oder zwischen innen und außen unterscheiden. Er steckt fest. Schöner, schrecklicher Gedanke. Wiewohl der Möbius im Stück ja Physiker, nicht Astronom ist. Da ist Dürrenmatt schon sehr geschickt, wie er diesen Namen wählt. Hat man gehört und lockt einen somit auf die falsche Fährte.

 MM: Ist es bei all diesen Dingen nicht tröstlich, dass wir am Theater niemanden ernsthaft gefährden können, außer ihn zu langweilen?

Perrig: Natürlich. Ich will damit nicht schmälern, dass das auch ein immenser Schaden ist, wenn man es tut, aber natürlich. So sehr ich es manchmal auch bedaure nicht bei den Naturwissenschaften geblieben zu sein – Mensch, da hätte ich jetzt an der Ebola-Forschung helfen können -, so sehr liebe ich es, dass wir am Theater uns um die moralischen Fragen kümmern können. Heute behandle ich die Psyche statt der Physis. Ich finde die Überschneidungsflächen interessant. Ein Stück zu proben ist gar nicht so viel anders. Die Mechanismen sind ähnlich: Es geht auch hier darum eine Hypothese aufzustellen, diese zu beweisen, zu überprüfen, wenn man merkt, sie ist falsch.

MM: Nur, dass hier, nicht wie in der Petrischale, dann Schauspieler wütend oder weinend raus laufen …

Perrig: Es gibt in jeder Forschung einen Tiefpunkt. Den hatten wir bei den „Physikern“ auch schon. Jetzt geht’s voran, hoffe ich (er lacht). Es gibt nur Innovation, wenn vorher totale Verdunklung eintritt, wenn man nichts mehr weiß. Das hat man bei jeden Proben, den Tag, wo man das Gefühl hat, das ist alles gar nichts, das ist für die Katz’ – und über Nacht kommt man drei Schritte weiter.

 MM: Gibt es an Dürrenmatts Werk etwas, von dem Sie sagen würden, das ist typisch Schweizerisch?

Perrig: Wie schon gesagt: die Langsamkeit. Er lässt sich gar nicht schnell spielen, sonst verliert es den Witz. Die Schweizer sind langsam, bedächtig. Wir haben ein anderes Tempo. Wir empfinden Zeit anders. Ich vermute, das ist auch der Grund, warum die Schweiz in gewissen Dingen so erfolgreich ist, weil wir einfach alles aussitzen. Es ist sprachlich total schweizerisch, viele Worte würde man in Deutschland oder Österreich nicht sagen. Sie ist umständlich in den Formulierungen, weshalb sie nie Alltagsgebrabbel. Es ist ganz lustig: Nur um den Gestus klarzumachen, spreche ich den Schauspielern manchmal Sätze auf Schweizerdeutsch vor. Da klingt es ganz normal, die Überhöhung zur Kunstsprache kommt erst mit dem Hochdeutschen. Sie sehen also dank mir, wenn bei unseren Proben Tränen fließen, dann vor Lachen.

www.volkstheater.at

Wien, 14. 11. 2014