Einsamkeit und Sex und Mitleid

Mai 6, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wo sich kein Herz zum Herzen findet

Wer sich einen Lover kauft, will die Ware vor Gebrauch natürlich kontrollieren: Vincent (Eugen Bauder) beglückt gleich Julia (Eva Löbau). Bild: © x-verleih

Es gibt ihn wirklich, diesen Anger-Room, wo man zwecks Aggressionsabbau Möbel kurz und klein schlagen darf. Familienvater Robert geht dorthin, weil er sich unbedingt mit jemandem prügeln muss. Oder besser gesagt: mit etwas, das nicht zurückschlägt, Sperrholzinventar. So wütend macht ihn seine Frau Maschjonka, die Bioübermutti, die kein gutes an seinen ohnedies schon gelichteten Haaren lässt.

Doch zum Glück gibt’s ja Ecki, den ehemaligen Lehrer, der in einer abgefuckten Fabrikshalle seine Zerstörszenarien zum freundlichen Gebrauch aufbaut. Ecki, das ist eines der traurigeren Schicksale, von der Schule geflogen wegen angeblicher sexueller Belästigung einer Schutzbefohlenen, kann er zur Causa gar nichts sagen. Weil keiner wissen soll, dass Ecki schwul ist. Er seinerseits ahnt nicht, dass das Mädchen, das ihn angezeigt hat, die Tochter von – Robert ist. Weshalb das Herausfinden dieser Wahrheit am Ende weniger mit Wohl und mehr mit Wehe zu tun haben wird …

So funktioniert der Episodenfilm „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, den Regisseur Lars Montag nach dem Bestsellerroman von Helmut Krausser gedreht hat, und der seit gestern in den heimischen Kinos läuft. Dreizehn Figuren bringt Kinodebütant Montag vor die Kamera; sie sind Supermarktfilialleiter, Polizist, Flüchtlingshelferin, Sektenmitglied, Callboy, Künstlerin, Ärztin oder Teenager in höchsten Pubertätsnöten. Denn allen geht es nur um eines: die angeblich schönste Sache der Welt irgendwie geregelt und erledigt zu bekommen. Montag gewährt einen tiefen und schwer satirischen Einblick in Einfamilienhausantiidyllen. Er zeigt Bigotterie und Alltagsrassismus, entlarvt Moralapostel und Selbstbetrüger – und das mitunter mit schwarzem, beißendem Spott und nicht selten, weil’s ja das Thema ist, unterhalb der Gürtellinie.

Robert macht sich für Janine zum Model: Rainer Bock und Katja Bürkle. Bild: © x-verleih

Und geht danach zwecks Aggressionsabbau Möbel zertrümmern: Rainer Bock. Bild: © x-verleih

Die Lebenslügengeschichten seiner Großstadtneurotiker verzahnen sich wie die Bilder eines Kaleidoskops, mehr und mehr. In bester „Short Cuts“-Manier dröselt sich erst allmählich auf, wer mit, und vor allem wer gegen wen, und als am Ende ein Kind vom Spielplatz verschwindet, kippt die Tragikomödie kurz ins ganz Tragische, lässt sie einem für einen Moment das Lachen im Hals stecken bleiben, bevor sie sich besinnt, dass sie eigentlich eine irrwitzige Groteske über Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs ist.

Kraussers Charaktere sind pointierte, scharf gezeichnete Miniaturen, die er aber in keiner noch so skurrilen Situation der Lächerlichkeit preisgibt. Diese Qualität zeichnet nun auch den Film aus, der bei aller Ulknudeligkeit mitten ins Herz trifft. Dass die Übung gelingt, ist auch dem großartigen Cast zu verdanken: Bernhard Schütz als Ecki; Jan Henrik Stahlberg und Friederike Kempter als Faschopärchen in Polizeiuniform; Rainer Bock und die wie immer wunderbare Maria Hofstätter als gefrustetes Ehepaar Pfennig; Lilly Wiedemann als deren Tochter Swentja – die Ecki-Verpfeiferin liebt den Muslim Mahmud (Hussein Eliraqui).

Katja Bürkle als Künstlerin und Datingportalopfer Janine; Peter Schneider als Uwe, der sich online als „Brandbeschleuniger XL“ registriert hat und als solcher Janine trifft, während seine Frau Julia (Eva Löbau) sich einen Toyboy einkauft; der wiederum, Eugen Bauder als Vincent, bildet mit Vivian (Lara Mandoki) ein Prostituiertenpärchen, das sich sehr strenge Beziehungsregeln zur friktionsfreien Ausübung des Berufs auferlegt; und dann ist da noch  Johannes (den Wahnsinn im Blick: Aaron Hilmer), der Jesus liebt, und Swentja, die ihn aber natürlich nicht erhört – und so geht Johannes zu Vivian …

Das Prostituiertenpärchen bereitet sich auf einen besonderen Einsatz vor: Vivian (Lara Mandoki) und Vincent (Eugen Bauder). Bild: © x-verleih

In einer raffinierten Melange aus klassischem Erzählkino mit surrealistischen Spotlights, werden all diese Schicksale nur hingeflüstert – von einem Erzählerpaar im Off. Eine Sie und ein Er beschreiben in ruhigem Tonfall das Zündeln am Partnersuchpulverfass. Grausam sind die Gewissheiten über Zwänge und Zwangssituationen, von denen sie berichten: Dass Mädchen immer nur die „bösen Buben“ haben wollen, um mit denen dann recht unglücklich zu werden.

Dass ein „verschissenes Leben“ nicht in einem Kaufglücksrausch repariert werden kann. Man erfährt von den Tücken eines Roboter-Staubsaugers, und warum sich Sex im Stehen nicht für ein 3D-Scanner-Bild eignet. In all diesen Liebesirrungen und -wirrungen ist der einzige Weise weit und breit ein koranfester Hosenmatz. Yamen Masoud spielt ihn mit der Souveränität eines alten Showbiz-Hasen hinreißend.

Unnötig zu sagen, dass sich hier kein Herz zum Herzen findet. Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang, alle singen „Ich bin alles, was ich habe auf der Welt“. Es gilt den Songtext von Peter Maffay konsequent auf „Ich“ weiterzudenken. Ich allein kann mich verstehen, ich darf nie mehr von mir gehen … Ist das nicht allemal schöner, als sich in Liebesidiotie durchs Dasein zu marotten? Was für ein Film!

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Wien, 6. 5. 2017

Aggregat Valudskis: Schmetterling im Eis

Februar 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Bildermagier verzaubert mit Márquez

Martin Bermoser, Julia Schranz und Markus Kofler Bild: Daniel Wolf

Martin Bermoser, Markus Kofler und Julia Schranz
Bild: Daniel Wolf

Der Eiszapfenluster an der Decke schmilzt in eine silberne Tasse. Das Tropf-Tropf der zerrinnenden Zeit ist nervenzermürbend wie chinesische Wasserfolter. Im Wortegewirr zeigen sich drei Wesen am Fenster, zwei Männer, eine Frau, sie drehen sich wie die Figuren einer Turmuhr. Bei Kerzenlicht geht eine Axt von Hand zu Hand, und Arturas Valudskis sitzt am Klavier und singt. Seine Kehle ist so rauh wie seine Verse. Die Geister der Gegangenen und der Kommenden haben den Gebliebenen aber die Stimme genommen, den Gestalten jenseits der Scheibe bleibt nur ein Stammeln.

Das Aggregat Valudskis, Julia Schranz, Martin Bermoser und Markus Kofler, zeigt in der Anti-Galerie Durchhaus einen Versuch über Gabriel García Márquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“. Der Literaturnobelpreisträger führt in seinem Opus Magnum durch das Dorf Macondo. Von dessen Genesis bis zur Apokalypse. Von der politischen Utopie der Gründer, von der Vereinnahmung durch diverse staatsgewaltige Systeme, von Bürgerkrieg und Massakern schließlich zu Verfall und völliger Zerstörung. Valudskis packt sechs Generationen in 80 Minuten. Er fügt Texte seines Freundes, des litauischen Autors Juozas Erlickas, hinzu. Und macht sein Thema mit Valentin Rasputins „Abschied von Matjora“ universell. Rasputin schreibt in seinem 1976 erschienenen Roman, wie Menschen wegen der Errichtung des Irkutsker Stausees aus ihren Häusern vertrieben wurden. Weil die Bewohner von Matjora tatsächlich das Gemeineigentum lebten, waren sie dem Sowjetkommunismus ein Dorn im Auge. Sie bezahlten ihr Bekenntnis zum Kollektiv mit der Vernichtung ihrer Insel und mit Zwangsumsiedelung.

Valudskis hat das Vertrauen an das Funktionieren von Systemen, weltlichen wie religiösen, verloren. Wo der Mensch hingreift, muss er scheitern, sagt er, wie gut er es auch immer meinen mag. Um das zu erklären, schlägt er eine 15.000 Kilometer lange Brücke von Kolumbien nach Sibirien. Und lässt einen Priester – Valudskis wäre nicht Valudskis, würde er sich nicht am Glauben abarbeiten – wieder und wieder den Gottesbeweis antreten. Doch siehe, Christi Zeichen, der Fisch, ist nur noch eines für die beginnende Überschwemmung. Valudskis erzählt von Entwurzelung, von Vertreibung, von Versprechungen und deren Brechen, von der Sehnsucht des Menschen einen Platz zu finden, wo er irgend hingehört und bleiben darf. Das so zeitlos wie dieser Tage Zeitgeschehen. Der Theatermagier verzaubert mit betörenden Bildern, er lässt den Gedanken Spielraum – und er besticht wie stets mit seinen feinen Taschenspielertricks.

Unter Schmerzen wird ein Tischtuch geboren. Ein Löffel geht auf Wanderschaft. Für eine Kutschfahrt reichen ein Tisch und darauf ein Stuhl. Und fällt bei einer Enthauptung der Kopf, wird einfach das Sakko über diesem zusammengezogen. Das Aggregat Valudskis macht armes Theater, macht schwarzes Theater mit gleichfarbigem Humor, macht ein surreales Theater, dass mehr auf Körperarbeit denn auf Sprache setzt. Beinah eine halbe Stunde vergeht, bis die erste Diskussion beginnt, eine Art Nonsensegedicht, das um die Begriffe Hinsetzen – Niederlassen kreist. Die intensiven Gesichter von Schranz, Bermoser und Kofler sagen mit ihrer Mimik mehr, als es ein ellenlanger Monolog könnte. Ihr Über-den-Lebenskampf hat nur ein paar Dutzend Sätze. Und die sind so stockend vorgebracht, wie sich diese Figuren in Zeitlupengesten vorsichtig durch ihre Umgebung schieben. Es sind ungesunde Gestalten, wie von Godot in diese Welt gekotzt. Mit der Sprache, so scheint es, haben sie ihre Identität verloren. Sie sind Prinzipe, eine Sie und ein Er und die immerwährende Versuchung; das Paradies aber, es ist, wenn je existent gewesen, schon lang verloren. Das Aggregat Valudskis führt mit dieser Aufführung in das 101. Jahr von Dada.

Martin Bermoser gibt vor allem die Patriarchen, den Bürgermeister und den Oberst der Buendías, unbeugsam, wie in Stasis, wehren sie sich gegen die Vereinnahmung durch jegliche Institution. Markus Kofler kommt als in diesem Kontext „quirrliger“ Regierungsbeamter, Parteifunktionär oder Priester. Bestechend die Szene, in der die beiden Männer als Konservativer und Liberaler ihr Programm in eine potentielle Wählermasse schreien. Unverständlich, weil simultan, weil ohnedies klar, dass die beinah selben Sätze nichts aussagen. Schön auch die Szene, in der sich das Volk, Julia Schranz, an die Kirche-Kofler wendet und die über dessen gebeichteten Sorgen einschläft. Schranz wechselt durch das Binden des Kopftuchs im Nacken oder unterm Kinn von der Lateinamerikanerin zur Russin, formt die Kälte der in der Einsamkeit festgefrorenen Frau zur Härte gegen Störenfriede um. Sie ist auch ein skurriles Großmütterchen, vielleicht der im enigmatischen Titel erwähnte Schmetterling – und wenn sie fast am Ende die Zaghrouta singt oder wie ein Hahn kräht, denkt man, wie viele weitere dieser erste Menschenverrat nach sich gezogen hat …

Der vierte Darsteller ist das Durchhaus. Die Anti-Galerie, diese Abrisshöhle – keiner im Raum weiß, was hier einmal war, angeblich ein Postamt -, ist ein bestechender Aufführungsort. Offenbar zusammengesetzt in zwei Häusern, ist ein mit Glas überdachter Innenhof durch eine real existierende Fensterfront vom anderen Bereich getrennt. Ein „Bühnenbild“ wie dieses wird sonst für viel Geld erfunden. Les Tardes Goldscheyder, einer der Gründer des Künstlerkollektivs, ehemaliges Karlsplatz-Kind und bildnerischer Autodidakt, ist bei der Valudskis-Premiere anwesend. Seine im Raum verteilten Werke weisen aus, dass hier, wenn nicht Theater, seine wesentliche Kunst zur Form findet. Goldscheyders Gemälde, Zeichnungen, Objekte, Fundstücke der Werkwerfcommunity, sind so roh und poetisch, so extrem und konsequent, wie Valudskis Arbeit. Die Künstlersymbiose, auch sie ist gelungen. Das Eis hat seinen Aggregatzustand zu Wasser gewechselt, die Figuren verschwinden erneut hinterm Fenster, „Schmetterlinge fliegen zum Licht, warum können das Menschen nicht?“ singsangt die Schranz. Das Aggregat Valudskis hat das Publikum einmal mehr mit einer außergewöhnlichen Darbietung beglückt.

Arturas Valudskis im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17254

INFO: Spielort: Anti-Galerie Durchhaus, 1010 Wien, Werdertorgasse 17. Spieltage: 17., 18., 19., 20., 24., 25., 26., 27. Februar, 20 Uhr. Karten: valudskis@gmail.com , Tel.: 0677 617 68 186.

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis-1646800055587123

Wien, 14. 2. 2016

Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit

Februar 4, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Vergangenheit vom Tiananmen Platz holt alle ein

Li_24906_MR.inddBeijing, Ende der 1980er-Jahre: Drei ungleiche Freunde wachsen im gleichen Häuserblock auf. Die beiden fast gleichaltrigen Boyang und Moran, und die ältere Studentin Shaoai, ein kritischer, zu kritischer Geist für seine Zeit. Für sie sind die alten Rollenbilder schon längst überholt. Ihr gegenüber stellt die chinesische Autorin Yiyun Li in ihrem Roman „Schöner als die Einsamkeit“ die alten, traditionellen Denk- und Handlungsmuster ihrer Eltern und Mitbewohner. Ein Konflikt, der nicht gelöst werden kann. Diese Menschen gehen ihrer gewohnten Arbeit nach und schauen, dass sie über die Runden kommen: mehr schlecht als recht – in einem Land, in dem eigenständiges (kritisches) Denken und Meinungsäußerung tabu sind, dafür aber der Kapitalismus seinen Einzug hält.

Das Leben geht seinen gewohnten Lauf, bis die 15-jährige Ruyu die scheinbare Idylle stört. Die „Hinterwäldlerin“, ein streng katholisch erzogenes Waisenmädchen aus der Provinz, wurde von ihren beiden Tanten in die chinesische Hauptstadt geschickt und wohnt fortan bei Shaoai und ihren Eltern. Für Ruyu ist Peking eine fremde Welt, wie ein anderer Stern. Einfühlsam erzählt Yiyun Li von den Eindrücken, die auf das junge Mädchen einströmen, ihrem Denken und Handeln, das für die anderen mehr als befremdlich erscheint. „Beijing machte, dass sie sich klein vorkam, aber als schlimmer noch empfand sie, dass den Menschen ihre Kleinheit gleichgültig war.“ Doch je mehr Zeit die vier Jugendlichen zusammen verbringen, umso mehr kommen auch Motive wie erste Liebe, Hass und Eifersucht ins Spiel. Die Spannungen untereinander steigen.

Während für die einen das Leben weitergeht, erfährt der Leser über Shaoai, dass erst vor Kurzem das Massaker auf dem Tiananmen Platz stattgefunden hat. Die zum größten Teil studentischen Proteste am 4. Juni 1989 endeten in einem Blutbad. Einem Blutbad, das der offiziellen Geschichtsschreibung der KP zufolge, gar nicht stattgefunden hat, und auch von den Bewohnern des Wohnhofs nicht thematisiert wird. Einzig Shaoai war involviert und sympathisierte mit den Demonstranten für mehr Freiheit in China. Doch das Regime duldet kein Aufbegehren. Im Herbst 1989 wird sie der Universität verwiesen. Für ihre Eltern bricht eine Welt zusammen.

Der Verweis von der Uni ist quasi auch der Katalysator für die kommenden Ereignisse. Ruyu stiehlt bei einem gemeinsamen Besuch mit Boyang an der Universität, an der seine Mutter forscht, Gift. Moran kommt in einen Gewissenskonflikt: Soll sie Ruyus Tat melden? Schließlich wird Shaoai vergiftet und lebt 21 Jahre als Pflegefall. Ob Mordversuch, Selbstmord oder ein Versehen? Der Vorfall wird nicht aufgeklärt. Die Autorin gibt bewusst keine klare Antwort. Eigentlich spielt das auch keine Rolle. Die Clique zerbricht. Nur einer der drei Jugendlichen ist in Beijing zurückgeblieben: Boyang wird im neuen China mit Immobilien reich, während Moran und Ruyu das Land verlassen und in die Emigration in die USA gehen – um auch dort kein Glück und keine Heimat zu finden.

„Schöner als die Einsamkeit“ beginnt 21 Jahre nach den dramatischen Ereignissen in einem Krematorium, wo die kurz zuvor verstorbene Shaoai verbrannt wird. In Rückblenden wird die Geschichte aufgefächert. Die Autorin springt zwischen den Zeiten und zeichnet den weiteren Lebensweg der drei Protagonisten zwei Jahrzehnte später und, wie es ihnen über die Jahre ergangen ist, nach. In ihrem gelungenen Mix aus Thriller und Liebesgeschichte gibt Yiyun Li leicht und intensiv ein pessimistisches Bild einer verlorenen Generation, einsamer Menschen und gescheiterter Beziehungen und Ehen. Emotionslos, kühl beschreibt sie das Leben ohne Höhepunkte, bis die Protagonisten nach 20 Jahren die verdrängte Vergangenheit einholt. Ein stimmungsvoller, durchaus sozialpolitischer (in den USA geschriebener) Roman, der nicht mit Kritik am chinesischen Regime, aber auch am „American Way of Life“ spart, und doch ohne große Gesten auskommt.

Über die Autorin:
Yiyun Li, 1972 geboren, wuchs in Beijing auf und lebt seit 1996 in den USA. Ihre Kurzgeschichten und Essays wurden u.a. im New Yorker und in der Paris Review veröffentlicht. Bei Hanser erschienen sind bereits „Die Sterblichen“ (2009) und die Erzählungen „Tausende Jahre frommes Beten“ (2011), für den sie u. a. den PEN/Hemingway Award und den Guardian First Book Award erhielt. Yiyun Li lehrt in einem Masterprogramm für kreatives Schreiben am Mills College in Kalifornien. 2014 erhielt sie den Benjamin H. Danks Award, verliehen von der American Academy of Arts and Letters.

Carl Hanser Verlag, Yiyun Li: „Schöner als die Einsamkeit“, Roman, 352 Seiten. Aus dem Englischen von Anette Grube.

www.hanser-literaturverlage.de

Wien, 4. 2. 2016

Arturas Valudskis im Gespräch: „Schmetterling im Eis“

Februar 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Versuch zu Márquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“

Arturas Valudskis Bild: Toihaus Salzburg

Arturas Valudskis
Bild: ToiHaus Salzburg

Arturas Valudskis ist nicht nur einer der stilistisch maßgeblichen Regisseure in Österreich, sondern auch ein bemerkenswerter Mensch. 1963 in Litauen geboren, verweigerte er als 18-Jähriger den Dienst im Afghanistankrieg und wurde in der Folge in eine Nervenklinik eingewiesen. Er machte Untergrundtheater und Theater im Gefängnis, und kam 1994 mit einem Stipendium nach Salzburg, wo er sein „Theater Panoptikum“ eröffnete. Die Schauspieler Markus Kofler, Martin Bermoser und Julia Schranz gründeten später in Wien das nach ihm benannte „Aggregat Valudskis“.

Mit ihm realisiert Valudskis nun (nach dem Daniil-Charms-Abend „Das ist eigentlich alles“ und „Varieté Volant“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6621) die dritte Produktion, „Schmetterling im Eis“, ein Versuch über Gabriel Garcia Márquez‘ Jahrhundertroman „Hundert Jahre Einsamkeit“. Eine mystische Reise in eine utopische Demokratie, in der die Logik bald zerfällt und eine Groteske beginnt. Premiere ist am 13. Februar im ungewöhnlichen Spielraum der Anti-Galerie Durchhaus, Wien 1, Werdertorgasse 17, Karten: valudskis@gmail.com. Ein Gespräch mit Arturas Valudskis:

MM: Sie haben sich also nicht mehr vorgenommen, als das A und O der Welt in Angriff zu nehmen?

Arturas Valudskis: Wie kann ich das erklären? Ich kenne das Buch seit 30 Jahren, habe aber auch meinen Schülern immer gepredigt: Bitte die Finger von Literatur lassen!, Theater braucht etwas anderes. Ich würde also nie die Bibel inszenieren, auch nicht „Die Brüder Karamasow“, aber Márquez‘ magischer Realismus fasziniert mich. Und so will ich „Hundert Jahre Einsamkeit“ in meine Theatersprache übersetzen. Jetzt hab‘ ich das Projekt „Schmetterling im Eis“ begonnen – und ich rate jedem, der Theater macht: Bitte die Finger von diesem Buch lassen! (Er lacht.)

MM: Nun haben Sie sich die Ihren aber schon verbrannt, wie kann es also werden?

Valudskis: Indem wir die Magie lassen, wie sie ist. Wir wollen das Unsichtbare sichtbar machen, aber ohne viel Mittel, einfach, ohne Video oder was es sonst an theatralen Hilfsmitteln gibt. So dass das Publikum sagen kann: Das ist ein Wunder. Wir schreiben ein neues Buch, ein Theaterbuch. Wir sind sehr frei von Márquez, nur sehr angetan, sehr inspiriert von ihm. Wir wollen uns mit Márquez unterhalten, wir Theatermenschen mit ihm, dem Literaten. Aber trotzdem erzählen wir eine eigene Geschichte. Wir hoffen dafür eine Art „Traumlogik“ zu finden.

MM: In „Hundert Jahre Einsamkeit“ steht die ganze Menschheitstragödie. Krieg, Katastrophen, Kolonialzeit … Was werden Sie destillieren?

Valudskis: Wir entfernen uns von seiner Geschichte Kolumbiens. Was wir aber sehr gut nützen, und was auf der Bühne sehr gut rüberkommt, ist seine Utopie von Demokratie, die Utopie der Gründung Macondos. Ich vergleiche das mit dem Kommunismustheoretiker Engels: Ich kenne kein politisches System in der Menschheitsgeschichte, das funktioniert hat. Nicht einmal das antike Griechenland, auch da ist unsere moderne Version eine geschönte Fassung. Der Mensch ist ein Viech, er stolpert blind und stolz durch diese Welt und hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Wenn man statt um die bloße Existenz um Macht kämpft, ist man vom Weg abgekommen. Wie es der Idee des Kommunismus passiert ist. Das wollen wir zeigen: Der Mensch wird unschuldig geboren, doch die Gesellschaft lädt ihn mit Schuld auf.

MM: Wie halten Sie es diesmal mit der Religion, die auch eine starke Macht ist? Viele Ihrer Inszenierungen werden als Gottesbeweis geführt, das treibt Sie um.

Valudskis: Ja, stimmt. Ich bin in eine kommunistische Familie geboren. Mein Vater wusste nichts von der Kirche. Ich, als Hippie, suchte nach etwas anderem, und da gab es einen Kapuzinermönch, der zwanzig Jahre in Sibirien im Gefängnis saß und zurückgekehrt war. Mich hat damals schon der KGB verfolgt, und so bat ich um Schutz bei ihm. Seine Art zu beten, hat mich beeindruckt, und so hat er mich eines Tages getauft. Ich bin sozusagen Katholik aus Versehen. Ich brauche aber für meine Nähe zu Gott keine Kirche und keinen Papst. Als ich nach Österreich kam, hat mich der Prunk und der Pomp in den Kirchen hier eher erschreckt. Das ist mir so fremd. Mein Weg zu Gott ist einfacher. Und natürlich wird er auch in dieser Inszenierung eine Rolle spielen.

MM: Weitere Inspirationen für diese Arbeit kommen vom russischen Schriftsteller Valentin Rasputin und vom Litauer Juozas Erlickas. Wie ergänzen die beiden Márquez?

Valudskis: Rasputin hat 1976 einen Roman geschrieben, „Abschied von Matjora“, in dem er das Versinken seines Heimatdorfes in den Fluten des aufgestauten Flusses Angara schildert. Er war ein Unbequemer, er hat sich schon damals in der Umweltschutzbewegung für den Schutz seiner sibirischen Heimat stark gemacht und dafür auch einen Preis von den Vereinten Nationen bekommen. Jedenfalls, die Dorfbewohner lebten wie in einer Kommune. Frei, brüderlich, alle haben alles geteilt. Das war so kommunistisch, dass es den Kommunisten ein Dorn im Auge war. Also haben sie beschlossen, dass das Irkutsker Wasserwerk einen Stausee braucht. Die Dorfbewohner wurden vertrieben, sie mussten zur Strafe für ihr Leben wie im Paradies ihre Häuser auch noch selber anzünden. Das hat mich an Macondo erinnert. Ich wollte so die Verschmelzung von Márquez‘ Geschichte mit einer in einem weit entfernten Land herstellen. Und wieder fragen: Woran scheitert der Mensch? Kann er überhaupt gut sein? Ich habe da ein Lieblingsbeispiel: Der Mensch erfindet eine Axt zum Holzhacken fürs Feuer, damit seine Familie in der Nacht nicht frieren muss. Und dann wird mit dieser Axt einer umgebracht … Jeder Traum ist zum Scheitern verurteilt. Aber das Leben ist trotzdem lebenswert, man darf nur nicht aufhören zu versuchen.

MM: Ist das Ihre Lebensmaxime?

Valudskis: Ja. Ich bin auch Liedermacher und ich habe ein Programm über die europäischen Neonazis. Da kam eines Tages nach der Vorstellung eine junge Zuschauerin zu mir und sagte: Warum machst du das? Glaubst du wirklich du kannst etwas bewirken? Glaubst du, du rettest die Welt? Und ich sagte: Ja. Denn wenn ich gegen diese Menschen ansinge, rette ich mich. Und mit mir rette ich immerhin meine Welt. Und dann denke ich, die Welt ist doch schön.

MM: Und Juozas Erlickas? Ich habe versucht, etwas über ihn herauszufinden, aber nur die Worte poetas, publicistas, humoreskas einigermaßen deuten können.

Valudskis: Juozas ist ein Jugendfreund von mir. Auch ein ehemaliger Hippie. Er schrieb damals kleine Gedichte, Vierzeiler wie japanische Haikus über den Kommunismus. Die Sowjets haben ihm verboten, sich zu publizieren. Also sind wir nächtens durch die Kaffeehäuser gelaufen und haben kleine Zettelchen mit seinen Gedichten auf die Tische geworfen. Rein, raus, nur nicht verhaftet werden. Juozas wurde schnell ein „Volksheld“. Und das ist er heute noch. Nur schreibt er mittlerweile dicke Romane. Er sorgt in unserer Aufführung für den richtigen Humor.

MM: Es spielt das Aggregat Valudskis, gegründet von den Schauspielern Julia Schranz, Markus Kofler und Martin Bermoser. Wie werden die drei sechs Generationen darstellen?

Valudskis: Gar nicht. Sie werden wie Archetypen sein. Das Weibliche, das Männliche und die Verführung oder die Irritation, wenn Sie wollen. Sie werden sich durch Kleinigkeiten von einer Figur in eine andere verwandeln. Das Ganze wird sehr minimalistisch. Ein Hut wird weggeworfen, ein Sakko angezogen, das genügt für die Verwandlung. Bei mir kann sich niemand in Kulissen verstecken. (Er lacht.)

MM: Sind Sie ein strenger Regisseur?

Valudskis: Früher ja. Da ging das Gerücht, bei mir wird in den Proben geweint. Was nie gestimmt hat! Aber ich verlange von mir viel – und daher auch von den anderen. Mittlerweile bin ich milder, ich mache jetzt sogar schon Pausen, ich bin gelassener und weniger stressig, deswegen herrscht aber nicht weniger Konzentration und Disziplin.

MM: Gilt das auch für das Publikum?

Valudskis: Ja … nein. Theater darf keine Botschaften bringen, es muss spiegeln. Wir belehren nicht, wir zeigen. Es gibt aber immer wieder Zuschauer, die sagen: Das ist doch nichts fürs Publikum, warum machst du nicht was Normales? Also erziehe ich offenbar unterschwellig. Aber nur unterschwellig. Ich habe auch Theater im Gefängnis gemacht, das war nachdem ich wegen des Afghanistankriegs desertiert war, und im Irrenhaus gelandet bin. Im Irrenhaus dachte ich, dass ich mich vor lauter Elektroschocks und Medikamenten selber verliere, also bin ich abgehauen. Und dann gab’s 1985 diesen Job im Gefängnis in Kaunas. Ich dachte, die nehmen mich nie, haben sie aber. Das war die wichtigste Arbeit in meinem Leben. Die Gefangenen durften nicht lesen, keine Briefe schicken, niemanden treffen. Wir haben dann begonnen – mit meinem eigenen Geld – einen „Theatersaal“ herzurichten. Der Direktor sagte: Herr Valudskis, das ist kein Kurort, die Leute müssen immer die Strafe spüren. Ich habe einen super Musiker, einen tollen Poeten kennengelernt, alles Mörder, und so haben wir dann Aufführungen gemacht. Das Publikum kam, musste eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen wie Verbrecher, und dann stand vor jeder Bankreihe ein Wächter mit Kalaschnikow. Da kommt natürlich Stimmung auf! Naja. Das waren Erziehungsmaßnahmen.

MM: Wie sind Sie nach Österreich gekommen?

Valudskis: Ich bin zum Theater generell gekommen, weil ich es als Ersatz für die fehlende Kirche genutzt habe. Ich war schon etwas älter, verheiratet und hatte schon zwei Kinder, als ich Schüler von Jonas Vaitkus, damals künstlerischer Leiter und bedeutendster Regisseur am Akademietheater Vilnius, wurde. Ich hatte schon Untergrundtheater gemacht, in einem Museumskeller frei erfundene Stücke gezeigt, und über uns die kommunistische Kunst, das war sehr lustig, und er hat wohl etwas gesehen, das ihm gefallen hat. Jonas wurde vom KGB immer zensuriert, aber er hat es geschafft, so zu spielen, dass diese blöden Menschen seine Unter- und Zwischentöne gar nicht gemerkt haben. Das hat mir imponiert. Dann habe ich an der Kunstakademie in Vilnius Regie und Schauspiel studiert. Ich inszenierte in einem Wettbewerb „Orchester“ von Anouilh und bekam dafür als Preis ein Förderstipendium der Stadt Salzburg.

MM: Und fassten den Entschluss zu bleiben.

Valudskis: Obwohl ich zuerst dachte, Salzburg ist nicht meine Stadt, das ist mir zu eng, zu sauber. Aber mich hat in Litauen nichts mehr gehalten. Mein Sohn ist mit zweieinhalb Jahren an Knochenmarkkrebs gestorben, eine Spätfolge von Tschernobyl, und drüber haben sich meine Frau und ich getrennt. Meine Tochter ist mit mir nach Salzburg gegangen, mittlerweile habe ich noch eine zweite Tochter von meiner zweiten (Ex-)Frau, und auch schon zwei Enkelkinder. 1994 habe ich dann mein „Theater Panoptikum“ gegründet. Ich gehe selten zurück, höchstens für Gastspiele. Ich habe immer das Gefühl, es gibt in Vilnius zu viel Neid und – wie sagt man? Ellenbogen? – Konkurrenzkampf unter den Kollegen, ich passe dort irgendwie nicht mehr hin. Es ist echt hart. Ich habe in der Sowjetzeit unter den Hippies viele Russen kennengelernt, die das Militär auch gehasst haben, die sich für unsere Kultur und Sprache interessiert haben. Sie sind Freunde. Bis heute Freunde. Das wollen viele in Litauen nicht verstehen. Deshalb werde ich mitunter angegriffen. Das brauche ich nicht. Menschen sollen aufeinander zu, nicht voneinander weggehen. Ich werde am Ende dieser Produktion auch ein russisches Lied singen … er denkt nach … ja, unbedingt.

MM: „Schmetterling im Eis“ ist nun die dritte Produktion des Aggregat Valudskis. Welcher Regisseur hat schon Schauspieler, die ihm zu Ehren eine Truppe gründen und nach ihm benennen!

Valudskis: Stimmt. Ich bin auch sehr geehrt. Wenn ich denke, als ich nach Österreich kam, konnte ich kein Wort Deutsch. Ich habe litauisch gesprochen, russisch geflucht, und die Schauspieler am Arm auf die Bühne gezogen, damit sie mich verstehen. Aber es hat funktioniert. Martin und Markus sind, auch wenn sie natürlich anderswo Schauspiel studiert haben, meine Schüler, was unseren Stil betrifft. Sie waren schon bei mir beim „Panoptikum“, haben dann aber mehr und mehr Engagements in Wien bekommen, und nach einem Mittel gesucht, mich auch hierher zu locken. So wurde ich eingeladen. Das Aggregat ist eine künstlerische Weiterentwicklung, Julia, Markus und Martin haben sich den Namen ausgedacht, und ich musste erst lachen. So bin ich nach Wien gekommen – und habe die U-Bahn kennengelernt.

MM: Wie würden Sie Ihren Theaterstil beschreiben?

Valudskis: Mit dem Wort Körperpräsenz. Sprache ist nur, wenn sie sein muss. Wir machen energetisches Theater, schwarzes Theater, Theater im leeren Raum. „Armes Theater“.

MM: Nach „Schmetterling im Eis“ machen Sie Anfang April im TAG „Das Spiel: Die Möwe“ nach Tschechow.

Valudskis: Ja. Ich habe mich schon öfter mit Tschechow beschäftigt, und „Die Möwe“ reizt mich ganz besonders. Ich bin schon gespannt, was uns dazu einfallen wird. Julia und Markus spielen wieder mit, außerdem Michaela Kaspar, Claudia Kottal und Raphael Nicholas. Den habe ich mir kürzlich in „Bluad, Roz und Wossa“ angeschaut, der ist ja toll. Ja, das TAG hat mich „entdeckt“, also der Gernot Plass. Er sagt, wir sind theaterverwandt. Für mich war das anfangs ganz neu, da hast du einen Regieassistenten und eine Dramaturgin. In Litauen gab es das nicht. Ich war immer gewohnt, alles selber zu machen, und dachte: Was wollen diese Leute hier? Ich kenne die ja alle nicht! Jetzt bin ich sehr froh, dass ich sie alle habe … Das TAG ist auch für mich eine Entdeckung.

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis-1646800055587123

Wien, 1. 2. 2016

Albertina: Edvard Munch. Liebe, Tod und Einsamkeit

September 22, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

„Der Schrei“ ist natürlich mit dabei

Edvard Munch: Der Schrei, 1895. Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo   Bild: © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich

Edvard Munch: Der Schrei, 1895. Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo
Bild: © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich

Es gibt ihn als Horrorfaschingsmaske oder als Luftballon und interpretiert von Homer Simpson. Nun ist eines der berühmtesten Bilder der Welt, das heißt: eine Version davon, denn heute sind vier Variationen in Gemäldeform und mehrere Lithographien bekannt, in Wien zu sehen. Die Albertina zeigt ab 25. September „Edvard Munch“, 100 Meisterwerke der Druckgrafik, darunter natürlich die berühmteste Ikone dieses norwegischen Künstlers „Der Schrei“.

Edvard Munch ist einer der einflussreichsten Protagonisten der Moderne. Er gilt als Bahnbrecher für die expressionistische Richtung in der Malerei der Moderne, tatsächlich nimmt sein Werk eine Sattelstellung zwischen Symbolismus und Expressionismus ein und zeugt von der lebenslangen Auseinandersetzung des Künstlers mit den existenziellen Fragen des Menschen.
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In Deutschland und Mitteleuropa genoss er früh den Ruf eines Epoche machenden Neuschöpfers, bald waren seine Eigenart und sein Status im übrigen Europa und in der Welt anerkannt. Munch wurde inspiriert von den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. Sein Interesse für Psychologie, Eros und den Tod gab ihm die nötigen Impulse für seine Werke. Er beschäftigte sich auch mit seinen Träumen und seinem eigenen vorweggenommenen Ende. Er wollte die persönlichsten Bilder, die ein Mensch in sich trägt, in seiner Kunst zeigen, oder wie er es in einer Art Manifest in Kristiana sagt, „eine Kunst, die aus den Tiefen unseres Inneren kommt. Die Kunst soll den Menschen bewegen und ein Ausdruck seines Lebens sein. Ein Leben, erfüllt mit Liebe, Leid und Gefühlen.“ Wie sehr Munchs Schaffen von seinen Lebenserfahrungen geprägt ist, zeigt unter anderem sein Bild „Das kranke Kind“, eine Darstellung seiner sterbenden Schwester. Auch davon ist eine Version in der Albertina zu sehen.
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Die Ausstellung präsentiert das zentrale Projekt in Munchs umfangreichem Werk: den Lebensfries. Munch entwickelt in dieser Auseinandersetzung mit seinen Lebensthemen symbolgeladene Illustrationen und vielfältige Variationen von größter Intensität. Madonna“,Der Kuss“ und „Melancholie“ gelten heute als allgemein gültige Chiffren menschlicher Gefühle: „Man sollte nicht mehr Innenräume malen mit Leuten, die lesen, und Frauen, die stricken, sondern lebendige, atmende Menschen“, so das Credo des Künstlers. Die Schau fokussiert darüber hinaus das druckgrafische Werk. Munchs Lithografien, Radierungen und Holzschnitte stellen einen absoluten Höhepunkt der Druckgrafik des 20. Jahrhunderts dar. Unter den in Wien zu sehenden Highlights befindet sich auch der Holzschnitt „Zwei Menschen. Die Einsamen“, der einzige von Munch mit Ölfarbe handkolorierte Druck.
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Seine Bilder seien „recht schwer verständlich“, erklärte Munch einmal. Leichter könnten sie jedoch verstanden werden, „wenn sie alle zusammenkommen“. Die Albertina nimmt den Maler und Grafiker (beinah) beim Wort. Alle Exponate der Schau stammen aus der weltweit größten und bedeutendsten Privatsammlung von Meisterdrucken Edvard Munchs.
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Wien, 22. 9. 2015