Belvedere: Klemens Brosch. Wiederentdeckung eines großen Zeichners

März 7, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Drogenrausch gezeichnete Kriegstraumata

Klemens Brosch, Das Krokodil auf der Mondscheibe, um 1912. Bild: © Landesgalerie Linz

„Noch immer geschehen Zeichen und Wunder …“ schreibt Brosch 1925 in seinem Tagebuch. Dieser Satz kennzeichnet den Linzer Künstler. Intensive Natur- und Landschaftserfahrungen stehen in seinem Leben tragischen Momenten gegenüber. Nach nur 16 Schaffensjahren hinterließ er knapp 1.000 Zeichnungen, Aquarelle, Druckgrafiken und Gemälde. Er zählt damit neben  Klimt, Schiele, Kubin und Kokoschka zu den bedeutendsten Zeichnern Österreichs. Das Belvedere zeigt ab 9. März eine erste große Retrospektive des Künstlers in Wien.

Broschs Bilder sind fantastische Visionen, seine akribischen Zeichnungen zum Thema Natur und Landschaft nehmen Aspekte der neuen Sachlichkeit und des Surrealismus vorweg. Wie viele seiner Künstlerkollegen sah er sich nach dem Ersten Weltkrieg mit neuen Bedingungen konfrontiert. Das Kriegsgeschehen hinterließ grausame Eindrücke, gleichzeitig fehlten in der Kunstwelt große Aufträge. Brosch ist gezeichnet von diesem Umbruch. Sehr früh nimmt der manische Zeichner symbolistische Einflüsse in seine Landschaftsbilder auf, behandelt aber auch düstere Themen wie die Massenvernichtungen im Ersten Weltkrieg und Visionen in sein Werk und setzt sich mit Vergänglichkeit und Tod auseinander. 1913 ist er Mitbegründer der Linzer Künstlervereinigung MAERZ, ein Schritt, der als Beginn seiner Karriere gilt.

Klemens Brosch, Siesta der Henker, 1916. Bild: © NORDICO Stadtmuseum Linz

Klemens Brosch, Verhungerter Flüchtling, 1916. Bild: © Grafische Sammlung des Oö. Landesmuseums

Die Kriegsjahre prägen ihn nach haltig, was sich in seinem Werk, aber auch in seiner psychischen Verfassung manifestiert. Über Jahre hinweg verfällt er der Drogensucht, in den Bildern jener Zeit spiegeln sich seine erschreckenden Halluzinationen. Abhängigkeit und brutaler Entzug werden zu prägenden Erfahrungen. Im Dezember 1926 nimmt er sich auf tragische Weise das Leben. Brosch hinterlässt ein umfangreiches Werk, das von einer krisengebeutelten Epoche zeugt. Stationen seines Lebens werden in der Werkschau  im Unteren Belvedere aufgezeigt. Die Ausstellungskooperation mit den Museen der Stadt Linz und dem Oberösterreichischem Landesmuseum versteht sich als Neu- und Wiederentdeckung und ist die facettenreichste Ausstellung, die dem Künstler in Wien bisher gewidmet wurde.

www.belvedere.at

7. 3. 2018

Paulus Manker: Enttarnung eines Helden

März 3, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das völlig unbekannte Leben des Walter Bruno Iltz

9783895813405Walter Bruno Iltz kommt in der Theatergeschichte so gut wie gar nicht vor. Dabei war er ab 1938 Direktor des Wiener Volkstheaters.

Kein Mensch hat sich jemals für ihn interessiert, niemand hat sich bisher um ihn gekümmert. Er galt als Nazi-Intendant des ersten »Kraft durch Freude«-Theaters der Deutschen Arbeitsfront in Wien, davor war er Generalintendant der Städtischen Bühnen in Düsseldorf. Hermann Göring bestätigte ihn 1933 nach der Machtergreifung als einen der ersten Intendanten in seinem Amt, Propagandaminister Joseph Goebbels protegierte ihn und Reichsdramaturg Rainer Schlösser war sein Förderer und Mentor. Was anderes konnte W. B. Iltz also gewesen sein als ein NSDAP-naher, willfähriger Parteigünstling?

Doch es gibt auch andere Stimmen: Der Komponist Kurt Weill schätzte seine »persönliche Überzeugung und Courage«, die Schauspielerin Dorothea Neff, die während des Kriegs in Wien eine Jüdin bei sich versteckt hielt, nannte ihn »sauber und unparteiisch«, der Schauspieler O. W. Fischer bezeichnete das Deutsche Volkstheater unter Iltz als »sicherste Burg demokratischen Freiheitsgeistes« und der Regisseur Gustav Manker versicherte: »Er war kein Nazi, er war ein toller Bursch.« Die Witwe des jüdischen Theaterdirektors Oskar Basch, der im KZ Theresienstadt ermordet wurde, schrieb Iltz nach dem Krieg: »Ich werde es nie vergessen, daß Sie in diesem unseligen Regime der Erste waren, der mir als Mensch und Herr entgegengetreten ist und keinen Anstoß daran genommen hat, daß ich die Frau eines ›rassisch Geächteten‹ war.« Und die Schauspielerin Inge Konradi forderte sogar: »Man müsste ihn eigentlich auf ein Podesterl stellen. Sein persönlicher Mut besitzt Seltenheitswert!«

Wer also war dieser Walter Bruno Iltz?

Den Nazis war Iltz schon vor der Machtergreifung verhasst. Wegen der Juden und Kommunisten in seinem Ensemble, wegen seiner Vorliebe für avantgardistische Opern, wegen seines »undeutschen« Spielplans. 1932 richtete Iltz an die Düsseldorfer NSDAP einen kühnen Brief, in dem er für die »Wesenhaftigkeit des geistig bedeutenden jüdischen Menschen und Künstlers« eintrat und in dem er die Mitarbeit von Juden an Opern auflistete, die von den Deutschen geliebt wurden. Zu Richard Wagners fünfzigstem Todestag ließ er gar den jüdischen Dirigenten Jascha Horenstein die Feierstunde dirigieren.

Nach Hitlers Machtergreifung drängte die Düsseldorfer NSDAP sofort darauf, Iltz von seinem Posten zu entlassen, da er sein Theater »im marxistischen jüdischen Sinne« geführt habe. Als Göring dies ablehnte, stellte man Iltz einen regimetreuen Aufpasser an die Seite und machte ihm das Leben zur Hölle – bis man ihn 1937 endlich hinausschmiss.

So gelangte Walter Bruno Iltz 1938 »in die Verbannung« nach Wien, ans Deutsche Volkstheater, der damals größten Bühne im deutschen Sprachraum und dem ersten »Kraft durch Freude« -Theater der Deutschen Arbeitsfront. Und auch hier beschützte Iltz regimekritische Künstler, tolerierte politischen Widerstand in seinem Ensemble und engagierte den Kommunisten Günther Haenel als Oberspielleiter. Unter dessen Regie duldete er sogar systemkritische Aufführungen auf seiner Bühne.

Nach dem Krieg wurde Iltz dennoch als Nazi denunziert. Er strengte ein Gerichtsverfahren an, das mit der Feststellung endete, dass er nie mit der NSDAP sympathisiert hatte. Das Urteil lautete klar und deutlich: »In der Judenfrage nahm Iltz eine mutige Haltung ein.«

Walter Bruno  Iltz ist also in Wahrheit ein heimlicher Held gewesen.

Das ist selten, speziell im Dritten Reich, und gerade bei Theaterleuten. Denn Opportunismus ist jedes Schauspielers heimlicher Vorname. Um so erstaunlicher, dass es einen wie Iltz gegeben hat. Noch erstaunlicher aber ist, dass er so in Vergessenheit geraten konnte.

Im Sommer 2011 habe ich auf dem Dachboden eines kleinen Hauses am bayerischen Tegernsee den Nachlass von Walter Bruno Iltz entdeckt, der aus Tausenden Briefen, Dokumenten, Photos und Erinnerungen besteht und einen wahren Schatz für die Theaterforschung darstellt. Aus Archiven in Berlin, München, Düsseldorf, Nürnberg, Wien und New York habe ich weitere Zeugnisse zusammengetragen und Iltz‘ Leben zu rekonstruieren versucht – mit dem Ziel, ihn vor der Nachwelt zu rehabilitieren.

Möge es gelingen, Walter Bruno Iltz mit dieser Dokumentation auf die Bühne der Theatergeschichte zurückkehren zu lassen.

Paulus Manker

Über den Autor: Paulus Manker, geboren 1958, ist Schauspieler, Regisseur und Filmemacher. Er hat für Peter Zadek, Michael Haneke, Luc Bondy und Claus Peymann gespielt und sich so den Ruf als einer der profiliertesten Charakterdarsteller des deutschen Sprachraums erarbeitet. Als Regisseur, Darsteller und Impresario des Simultan dramas Alma feierte er von Venedig bis Los Angeles Triumphe und wurde dafür 2010 mit dem Nestroy-Publikumspreis ausgezeichnet.

Paulus Manker: Enttarnung eines Helden. Das völlig unbekannte Leben des Walter Bruno Iltz. Alexander Verlag Berlin. 192 Seiten.

www.alexander-verlag.com

Wien, 3. 3. 2015

Landestheater NÖ: Tod eines Handlungsreisenden

Mai 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Burghart Klaußner als halbdementer Haustyrann

Burghart Klaußner, Christian Sengewald  Bild: M. Horn

Burghart Klaußner, Christian Sengewald
Bild: M. Horn

Das Landestheater Niederösterreich überrascht nicht nur immer wieder mit außergewöhnlichen, ausgezeichneten Eigenproduktionen (etwa: www.mottingers-meinung.at/landestheater-niederoesterreich-meine-mutter-kleopatra-2/), sondern hat auch ein Händchen beim Einladen von Gastspielen. Diesmal ist es Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ in der Regie von Wilfried Minks, eine Koproduktion des St. Pauli Theaters Hamburg mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen.

Hauptdarsteller Burghart Klaußner erhielt für seine Interpretation des Willy Loman den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ als bester Darsteller. Zurecht. Denn Klaußner zeigt eine Spielart des abgesandelten Abgesandten seiner Firma, wie sie nicht einmal Dustin Hoffman in Volker Schlöndorffs berühmter Verfilmung des Stoffes schuf – wiewohl Minks auf Schlöndorffs Übersetzung zurückgreift. Vor dem einen Dollar darstellenden Bühnenhintergrund entwickelt Klaußner einen aufbrausenden, aggressiven – das geht mit dem Krankheitsbild oft einher -, angedeuteten Alzheimerkranken. Er ist ein tyrannischer Macho, der seiner Frau Linda über den Mund fährt. Frauen schweigen, wenn Männer sprechen. Und wer anpackt, der schafft’s! In US We Trust. Wettbewerb ist Wettlauf. Dabei wusste Arthur Miller 1949 noch gar nichts von Obamas Arbeitslosenzahlen in zweistelliger Millionenhöhe. Immerhin: Sein Pulitzer-Preis gekröntes Werk hat nichts an Aktualität verloren. Klaußner ist kein demütiger Duckmäuser wie viele seiner Loman-Vorgänger. Er ist roh und hart. Und berührt dennoch in den Momenten, in denen er einbricht, wegbricht, weint. Für Sekunden nur. Denn: Ein Familienvater ist ein Mannsbild. Im immerwährenden Lebenskampf.

Margarita Broich als Ehefrau Linda gibt dazu das „Weibchen“. Mit der Betonung auf „gibt“. Naiv, selig in der Realitätsverweigerung. Stets den Wäschekorb zur Hand. In den Gesprächen mit den Söhnen Biff und Happy, in ihrem Zorn, in dem sie einen Blumenstrauß zerschlägt, dass die Blütenköpfe bis in die zweite Zuschauerreihe fliegen, wird klar, dass sie ganz klar sieht. Linda kennt die Wahrheit genau. Doch – und wie wunderbar hat Minks das inszeniert – sind sie und Willy trotz aller Klippen, die sie über die Jahrzehnte umschifft haben, immer noch ein Liebespaar. Und sie schützt ihren Geliebten wie eine Löwenmutter ihr Junges. Die Broich glänzt in dieser Rolle. Ein Diamant in Kittelschürze. Wilfried Minks lässt in seiner zeitlosen Arbeit das Publikum hautnah an die Schauspieler heran. Sein „Spezialeffekt“ zwischen zwei einfachen Sofas und einem Tisch ist die punktgenaue Personenführung. Übergangslos, mit ein wenig anderem Licht, gestaltet er Rückblenden und Parallelszenen. Doch keine löst er schöner als die Schlussszene: Um Willy wird es dunkel, hinten kleidet man sich schon in Schwarz. Seine Darsteller danken’s Minks, indem sie nicht spielen, sondern sind. Kein Satz ist aufgesetzt, aufgesagt. So viel „Realität“ kann beim Zusehen und Zuhören weh tun.

Das gilt auch für Christian Sengewald als Biff und David Allers als Happy. Ersterer die Ex-Football-Hoffnung der Familie, jetzt hauptberuflich Loser, Zweiterer immerhin Angestellter auf dem Weg zum stellvertretenden Filialleiter, aber in den verblendeten Augen des Vaters wurscht. Sengewald und Allers gestalten zwei junge Männer mitten in der Identitätskrise. Sinnierend über den Wert von Arbeit, Einsamkeit, die Sinnlosigkeit der Existenz. Selbst Sex bleibt ohne Sinn. Wie modern ist das denn? Und als es gilt als „Kind“ die Verantwortung für die „alten Eltern“ zu übernehmen, ein Umkehrschwung, den jeder einmal macht, suchen sie das Weite. Klaußner, Broich, Sengewald und Allers sind ein fabelhaftes Quartett. Außerdem sehenswert: George Meyer-Goll als gutmütiger Charley; Oliver Urbanski als dessen Sohn, erst die verlachte Brillenschlange Bernard, dann Staranwalt; Martin Wolf als Lomans eiskalter, sleeker Chef Howard; und natürlich Onkel Ben: Niels Hansen als Geist der Vergangenheit, ein steter Mitspieler, gefährlich lauernd, der Abholer.

„Ein Mensch ist kein Abfall“, sagt Willy Loman zu Howard. Für Manager schon. Das hat sich nicht geändert, das hat sich in den vergangenen 65 Jahren nur verschlimmert. Wilfried Minks hat die Botschaft fein ziseliert. Das Leben wird lediglich als ein im Zusammenbruch begriffenes Überbleibsel von ersehnten Zuständen aufrechterhalten. Doch weil seine Aufführung so fantastisch ist, geht man trotzdem gut gelaunt nach Hause …

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/burghart-klaussner-im-gespraech/

Wien, 10. 5. 2014

Burghart Klaußner im Gespräch

Mai 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tod eines Handlungsreisenden“ am Landestheater NÖ

Margarita Broich, Burghart Klaußner Bild: M. Horn

Margarita Broich, Burghart Klaußner
Bild: M. Horn

Am 9. und 10. Mai bringt das Landestheater Niederösterreich Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ als Gastspiel – Koproduktion des St. Pauli Theaters Hamburg mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Die Inszenierung von Wilfried Minks wurde vielfach ausgezeichnet. Burghart Klaußner erhielt für seine Interpretation des Willy Loman hymnische Kritiken und wurde mit dem Deutschen Theaterpreis Der Faust als bester Darsteller geehrt.

Die FAZ lobte „Burghart Klaußners großes Solo des Scheiterns“ und die Süddeutsche Zeitung sah in Minks‘ vielbeachteter Inszenierung „eine absolut stringente Interpretation des Unglücks“. Ein Gespräch mit dem Hauptdarsteller:

MM: Lieber Herr Klaußner, man traut sich zum „Tod eines Handlungsreisenden“ ja gar nichts fragen. „Faust“-Preis, Hymnen von FAZ bis Süddeutsche … Sind Ihnen derlei Ehrungen wichtig?

Burghart Klaußner: Ehrungen sind immer Emutigungen. Da jede neue Arbeit eine Art Neuanfang ist, kann es nicht schaden bestätigt zu werden. Und so ist die Freude groß.

MM: War Willy Loman die richtige Rolle zur rechten Zeit? Er kann seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten, das können heute viele, vor allem ältere Mitbürger nicht mehr. Die Arbeitslosenrate unter den „Alten“, gut Ausgebildeten steigt. Ist das Ende der „Mittelschicht“ da?

Klaußner: In der Tat sind die wirtschaftlichen Folgen des Älterwerdens auch heute noch keineswegs geringer geworden. Miller hat obendrein mit der Figur des Handelsvertreters eine Art Scheinselbstständigkeit auf die Bühne geholt, die ohne staatliche Altersunterstützung wohl besonders gefährdet ist. Insofern natürlich auch ein Problem der so genannten Mittelschicht. Interessant ist, und eine Entdeckung des Regisseurs Wilfried Minks, aber auch, dass Arthur Miller im Stück eine aufkommende Demenz bei Willy Loman, der Hauptfigur, zeigt. Eine Beschreibung dieser Krankheit gewissermaßen avant la lettre. Denn durch die Straffung und Neufassung des Stückes werden Rückblenden zu Unsicherheiten in der Zeit und so verliert Loman zunehmend die Orientierung.

MM: Sie sind als Jahrgang 1949 auch nicht der Taufrischeste 😉 Stimmt die Mär, dass es Schauspieler „in den besten Jahren“ leichter hätten, Rollen zu finden, als Schauspielerinnen?

Klaußner: Insgesamt gibt es in der dramatischen wie in der Literatur wohl insgesamt mehr Männer- als Frauenfiguren. Warum wohl?

MM: Wilfried Minks hat die Inszenierung in angedeuteten 1950er-Jahren belassen. Sind Sie gegen Zwangsmodernisierungen am Theater?

Klaußner: Unsere Aufführung spielt eher in einer Art Zeitlosigkeit, was dem Thema auch angemessen ist. Gegen Zwang, auch am Theater, bin ich ohnehin, für Modernisierungen aber immer zu haben.

MM: Sie haben Loman in einem Interview als jemanden beschrieben, „der nicht mit allen Wassern gewaschen ist, die man zum Überleben braucht“. Ist er als Wassertreter nicht ausdauernd genug? Worin liegt sein Fehler?

Klaußner: Willy Loman ist ein Mann, der nicht Nein sagen kann. So erschöpft er sich im Räsonnieren über seine Mitmenschen und die Verhältnisse, ohne die Kraft zu haben, das Ruder seines Lebens herumzureißen.

MM: Oder um mit Grönemeyer zu sprechen: Wann ist ein Mann ein Mann?

Klaußner: Siehe oben. Wenn er das kann.

MM: Wie spannend ist es, Teil einer Familie zu spielen, mit der es permanent steil bergab geht?

Klaußner: Der Niedergang der Familie Loman steht dem Niedergang des Hauses anderer, berühmterer Familien, seien sie von heute oder aus der Antike, in nichts nach. Spannend ist sicherlich, wie es einem Intellektuellen wie Arthur Miller gelingt, sich glaubwürdig in die Verhältnisse sehr einfacher Menschen hineinzudenken.

MM: Sie bezeichnen sich in Interviews gern als Choleriker. Ich glaube, Sie sind eher Perfektionist. Da kann’s einen schon auf die Palme treiben, wenn’s grad nicht läuft. Kann das sein? Sie nennen sich auch scherzhaft hauptberuflich Musiker. Singen und Swingen – ist das Ihrs? Ihr Spektrum reicht ja von den Comedian Harmonists bis zu Georges Brassens …

Klaußner: Die Musik dient dem Choleriker, wie dem Perfektionisten dazu, sich zu verlustieren!

 MM: Sie sind in Österreich als strenger Pastor in „Das weiße Band“ sehr bekannt geworden. Gibt’s Pläne, wieder einen österreichischen Film zu machen?

Klaußner: In Österreich zu drehen steht momentan nicht auf dem Plan. Was schade ist, denn ich liebe die Österreicher in der Kunst! Mein all time Vorbild war ein Jenischer aus Salzburg, der unvergessliche Alexander Wagner, von dem ich, wenn überhaupt etwas, dann all Das, gelernt habe.

 MM: Es gibt aber Filmpläne: Sie drehen in der Regie von Torsten C. Fischer „Georg Elser“, habe ich gelesen. Können Sie dazu schon etwas sagen? Elser ist ja eine Persönlichkeit, die neben Stauffenberg meist verblasst …

Klaußner: Elser ist in der Geschichte des Widstandes gegen den Nationalsozialismus eine Sonderscheinung.Natürlich unser Aller Pechvogel, der Hitler nur um fünfzehn Minuten verpasste. Der als absoluter Einzelgänger aber bewiesen hat, dass auch im größten Terror das Gewicht eines Einzelnen entscheiden kann. Elser wird übrigens Christian Friedel sein, der Lehrer aus „Das weiße Band“. Ich selbst werde dann im Herbst Gelegenheit haben einen anderen, einen Nachkriegszeithelden in Deutschland zu spielen, den Staatsanwalt Fritz Bauer nämlich, der mit seiner Hartnäckigkeit den großen Frankfurter Auschwitz Prozess ermöglichte, der dazu beitrug, in der deutschen Nachkriegsgeschichte endlich eine Auseinandersetzung mit dem Nazitum zu beginnen.

www.landestheater.net

www.burghartklaussner.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zJRIAB8VgO8

Wien, 5. 5. 2014

Sigi Zimmerschied ist wieder in Wien

April 10, 2013 in Bühne

„Multiple Lois“ im Kabarett Niedermair

Da steht er also auf der Bühne, der Lois. Verloren und allein gelassen. Seine Freunde haben ihn vor einiger Zeit ins Kabarett geschleppt. „Reisswolf“. Er hätt’s ja nicht gebraucht, „Eintritt zu zahlen, damit mir einer zwei Stunden lang erzählt, dass I a Depp bin“. Und dann dieser Zimmerschied, der hat sich Notizen über den Lois gemacht und ihn jetzt eingeladen, um über ein neues Programm zu reden, und jetzt kommt er nicht daher. Also erzählt der Lois selber über sich. Und macht einen nicht nur Schmunzeln, sondern vor allem auch Gänsehaut.

Bild: Sigi Zimmerschied

Bild: Sigi Zimmerschied

Sigi Zimmerschied, der Sezierer der (nicht nur) bayrischen Seele, dieser optische Mix aus Zenturio Gaius Bonus (für Asterix-Auskenner) und einem Charakterkopf von Franz Xaver Messerschmidt (für Hochkulturler) ist wieder in Wien. Und ist wie immer fabelhaft. Im Kabarett Niedermair zeigt er seine neueste Boshaftigkeit „Multiple Lois. Einwürfe eines Parasiten“. Dabei muss man sagen: So einer ist der Lois gar nicht. Wenn er schon an etwas saugt, dann an der Zeitgeschichte. Er schaut nur durchs Kaleidoskop der Grauslichkeiten. Da sieht man halt dann die Zerrbilder. Die Fratzen hinter der „Wahrheit“. Dich und mich und den vom Zweiten Weltkrieg versehrten Vater und den Finanzbeamten-Onkel Norbert und sein Bua, den Duplo, den eine russische Barbie abzockt, und natürlich den Papst … Große bayrische Kleinkünstler laborieren immer an der katholischen Krankheit. Die muss man ihnen lassen … Einfache Feindbilder und Sozialhass. Das sind die Stammtischthemen, bei denen die Leut’ hellhörig werden. Klärt der Kabarettist auf. Politiker arbeiten mit dem Schüren dieser Ängste. Und er, der Zimmerschied, sowieso schon lang. Diese Type, die ihr Publikum auf der Schaufel hat, und sie damit ins Fegefeuer wirft. Was wurscht ist, weil einen vor Lachen eh schon das Seitenstechen brennt.

Aber zurück zum Lois. Der will risikolos alt werden (wie der Zimmerschied wird er demnächst 60). Hat deswegen Arbeit und Frauen, also allem, was anstrengend ist, abgeschworen. Und lebt von seinen Wehwehchen. Motto: „Mehr als das ganz große Verbrechen nutzt einem das ganz kleine Gebrechen.“ Weil: „Was den Sozialstaat vom Darwinismus unterscheidet, ist, dass bei ersterem der Bedürftige g’winnt.“

Doch mittellos ist der Lois gar nicht. Er hat ein Häuschen vom Großvater geerbt, der hat sich’s vom Zacharias, den was sie später nach Dachau abholt haben, statt Enteignung lieber schenken lassen. Die Zimmer darin vermietet der Lois. Homo homini ixodes. Der Mensch ist des Menschen Zweck. Zum Selbstzweck ein Zeck.

Am Beispiel, an Lois’ Beschreibung seiner Mieter rollt Zimmerschied grenzgenial 60 Jahre deutsche Uneinheit auf. Von den Hippies mit ihren „Shit“-ins bis zu den Yuppies mit ihren Clubbings, wo dann Dax und Koks Thema waren. Von den dankbaren türkischen Gastarbeitern der 70er-Jahre, die noch soo gern im Keller hausten, bis zu ihren undankbaren Enkeln, diesen Hip-Hoppern oder Hoppel-Hippern oder wie die heißen, die auf einmal Warmwasser am Zimmer wollen. Von den Ex-DDRlern, diesen Altkommunisten, die dann wiederum sehr dankbar waren, und Wanzen und Glühbirnen im Haus -angebracht haben. Ein paar einquartierte Glatzen hat er schnell entfernt und im Keller nun einen Schwulenklub eröffnet. Man muss mit dem Zeitgeist schwimmen, damit man nicht untergeht.

Zimmerschied wäre nicht Zimmerschied, würde er seine Erzählung nicht mit Sätzen wie „Neo-Liberalismus und –Nazi gehören für mich zusammen“ oder „Vorm Amokläufer sind alle gleich, deshalb ist er Sozialist“ würzen. Ein absolut politisch unkorrekter, umwerfender, unvergleichlicher Abend. Einer, wo man gewesen sein muss.

Von Sigi Zimmerschied ist kürzlich auch das Buch „Die Stachelbeersträucher von Saigon“ erschienen: Verlag LangenMüller, 288 Seiten.  (Mehr Infos: www.herbig.net)

 www.niedermair.at

www.sigi-zimmerschied.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 4. 2013