Landesgalerie NÖ: Wachau. Entdeckung eines Welterbes

Juni 27, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Großer Fotowettbewerb „Meine Wachau“

Anton Hlavacek: Panorama des Donautals mit der Burgruine Dürnstein, um 1905. Bild: Landessammlungen NÖ

2020 feiert die Wachau ihr zwanzigjähriges Jubiläum als UNESCO-Weltkulturerbe-Region. Aus diesem Anlass zeigt die Landesgalerie Niederösterreich zur Wiedereröffnung am 1. Juli in einer großen Schau, welchen Beitrag Künstlerinnen und Künstler zur Entdeckung und

Herausbildung des heutigen Welterbes geleistet haben. 800 Werke vom ausgehenden 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts setzen den Landstrich die nächsten 20 Monate imposant in Szene. Malerinnen, Maler, Zeichnerinnen, Zeichner wie auch Fotografinnen und Fotografen feierten in ihren Werken nicht nur die malerischen Qualitäten der Wachau, sie traten für den Schutz der Landschaft ein und schufen damit ein Bewusstsein für den ererbten Schatz. „Kaum eine Landschaft in Österreich wurde in der Literatur so oft besungen wie das Donautal der Wachau. Kaum eine Landschaft wurde aber auch öfter und vielfältiger in künstlerischen Darstellungen festgehalten. Kunstschaffende leisteten in Hinblick auf die Bewusstmachung und Verbreitung der landschaftlichen Schönheit der Wachau und ihrer kulturgeschichtlichen Besonderheiten einen gewichtigen Beitrag und können als ihre Entdecker bezeichnet werden“, so Kurator Wolfgang Krug.

Das verständnisvolle Zusammenwirken aller Beteiligten schützte schließlich vor willkürlicher Zerstörung und führte zum bewussten und behutsamen Umgang mit dem Natur-und Kulturerbe. „Mit dem Projekt geht der Traum in Erfüllung, eine gültige Wachau-Ausstellung gemeinsam mit der umgebenden Landschaft erleben zu dürfen. Unser Blick führt von den Ikonen der Wachau-Malerei zur Terrasse des mehrfach preisgekrönten Museumsbaus hinüber nach Göttweig. Viel schöner geht es nicht“, freut sich Christian Bauer, künstlerischer Direktor der Landesgalerie Niederösterreich, auf die Schau.

Der Geist der Aufklärung förderte den Wunsch, die nähere Umgebung kennenzulernen. Reiseliteratur und druckgrafische Landschaftsserien boomten in der Folge. Der frühe Tourismus beschränkte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf Ausflüge aufs Land. Mit Beschwernissen verbundene Wanderungen durch das Donautal oder gefahrvolle Schiffsreisen waren immer noch Abenteuer für Individualisten. Die Einrichtung der Dampfschifffahrt zwischen Wien und Linz, mit Stationen in Stein an der Donau und Melk, führte ab 1837 zu einer beträchtlichen Steigerung des Personenverkehrs. Wie anhand der zahlreich entstandenen Landschaftsdarstellungen aus dieser Zeit ersichtlich ist, dürften gerade auch Künstlerinnen und Künstler die neue Möglichkeit für einen kurzen Abstecher in die Wachau gerne in Anspruch genommen haben. Die Revolution 1848 hemmte die positive Entwicklung. Die Eröffnung der Westbahn, 10 Jahre später, brachte die Wachau verkehrstechnisch ins Abseits.

In den frühen 1870er-Jahren geriet das Donautal in der Wachau erneut in den Fokus der Künstlerschaft. Eduard Peithner von Lichtenfels führte 1872 als Leiter der Landschaftsschule an der Wiener Akademie der bildenden Künste seine Schüler hierher, um sommerliche Malstudien zu betreiben. Nach Jahrzehnten der Hochblüte des alpinen Landschaftsbildes waren nicht nur die Malerinnen und Maler auf der Suche nach neuen künstlerischen Herausforderungen, auch das Publikum dankte für Neues. Die Wachau wurde für ihre Lichtstimmungen gepriesen und mit Südtirol und Italien verglichen. Das Zentrum des Interesses galt anfangs Weißenkirchen, erst in den späten 1880er-Jahren gewann Dürnstein als Maler-Eldorado größere Bedeutung. Als Geburtsstunde der Wachaumalerei galt schließlich die akademische Sommerreise der Lichtenfels-Klasse im Jahr 1888 nach Dürnstein. Das Städtchen entsprach der Romantik-Sehnsucht. Diese als legendär geltende Exkursion bezeichnete den Ausgangspunkt einer regelrechten Besetzung der Wachau durch Kunstschaffende.

Marie Egner: Frühling an der Donau mit Blick gegen Stift Melk, um 1906. Landessammlungen NÖ, Bild: Christoph Fuchs

Thomas Ender: Blick auf Stift Melk, 1841. Landessammlungen NÖ, Bild: Christoph Fuchs

Maximilian Suppantschitsch: Beim ehem. Weißenkirchnertor in Dürnstein, 1890. Bild: Landessammlungen NÖ

Heinrich Tomec: Sommertag bei Dürnstein, 1889. Landessammlungen NÖ, Bild: Christoph Fuchs

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Wachau von der Künstlerschaft – von Akademikern wie Amateuren – buchstäblich überrannt. Viele siedelten sich hier an, etwa in Stein, in Dürnstein, in Weißenkirchen, in Joching, in Mautern, in Spitz. Fast jede Wachau-Gemeinde hatte ihren eigenen ansässigen Kunstmaler, manche sogar mehrere. Während die älteren Maler vielfach mit rückwärtsgewandtem, wehmütigem Blick ihr in jungen Jahren gewonnenes Bild der Wachau hochhielten, reifte eine jüngere Generation heran, der die Schönheit des Donautals im Wesentlichen ein Vehikel war, künstlerische Probleme zu bewältigen. 1913 schuf Anton Faistauer gleich mehrere Ansichten von Dürnstein. Die ansässigen, weit weniger progressiven Malerinnen und Maler organisierten sich nach dem Ersten Weltkrieg im „Wachauer Künstlerbund“, der ab 1920 in Krems und ab 1925 auch im Stift Dürnstein Ausstellungen veranstaltete.

Um 1900 machten sich mehrere Fotografen mit ihren in Bildbänden reproduzierten Wachau-Motiven einen Namen. Einerseits dokumentierten sie in ihrer Arbeit die durch Modernisierungen und infrastrukturelle Verbesserungen – etwa den Bahnbau – bedrohten Ortsbilder, andererseits galt ihr Interesse primär dem aus der Zeit gefallenen, pittoresken Detail. Ihre Aufnahmen wurden in Ausstellungen präsentiert und als Malervorlagen in den Handel gebracht. Die Fotografie ersetzte vielfach sogar das Skizzenbuch. In Malerkreisen galt die Fotografie jedoch als Hilfsmittel, um „wahre“ Kunst hervorzubringen.

Die Reaktionen und innerstaatlichen Konflikte nach der Sprachverordnung von 1880 zeigen den Vormarsch nationaler Ideen in die Vielvölkermonarchie. Die Wachau geriet ebenfalls in den Einfluss politischer Interessen, als „treu-deutsches“ Land, das es zu schützen galt. Auch die Besinnung auf alte Traditionen – auf Baukultur, Tracht oder Sonnwendfeier – steht damit in Verbindung. Es erstaunt nicht, dass sich unter den Wachaumalern auffallend viele befanden, die sich in den Dienst der Heimatkunst stellten. Politisch engagiert zeigten sich nur wenige, doch waren sie seit Jugend-oder Studentenzeiten durch Volksgruppenkonflikte geprägt, schließlich vielfach auch durch eigene Kriegserfahrung. Der Deutschnationalismus breitete sich nach dem Ersten Weltkrieg in Österreich rasch aus. Müßig zu erwähnen, dass, als im März 1938 der „Deutsche Frühling“ in die Wachau einzog, der Samen auch hier auf wohlbereiteten, fruchtbaren Boden fiel.

Für die Schau wurden rund 800 Arbeiten von etwa 80 Künstlerinnen und Künstlern vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zusammengetragen. Zum überwiegenden Teil stammen die Werke aus den Beständen der Landessammlungen Niederösterreich, darunter Ikonen der Wachau-Malerei, aber auch zahlreiche Neuerwerbungen. Darüber hinaus werden wichtige Leihgaben zu sehen sein. Die Reihung der Werke zeigt nicht nur motivgeschichtlich interessante Entwicklungen auf, sondern gibt anhand des Motivs Wachau auch einen Überblick über mehr als 150 Jahre Landschaftsmalerei in Österreich. Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der Landschaftsmaler-Schule von Eduard Peithner von Lichtenfels und auf seinem Meisterschüler Maximilian Suppantschitsch, dessen im Laufe von mehr als fünfzig Jahren zusammengetragene Bestandsaufnahme Wachauer Bauformen ein besonderer Schatz für jeden Denkmalschützer ist. Ebenfalls angesprochen wird in der Ausstellung die wichtige Rolle der Fotografie. Nicht zu übersehen ist zudem die neun Meter breite Donautal-Darstellung Anton Hlavaceks, in deren Bildmitte die Ruine Dürnstein emporragt.

Fotowettbewerb „Meine Wachau“

Emil Jakob Schindler: Alter Hof in Weißenkirchen, 1880. Bild: Landessammlungen NÖ

Unter dem Motto „Meine Wachau“ will ein Fotowettbewerb den Blick der Besucherinnen und Besucher auf die bedeutende Kulturlandschaft dokumentieren. „Wodurch zeichnet sich für Sie die Wachau aus? Was gefällt Ihnen in der Wachau besonders? Das möchten wir durch einen Fotowettbewerb herausfinden, so Christian Bauer.

Die Gewinnerinnen und Gewinner erwarten nicht nur Preise wie eine Übernachtung im Steigenberger Hotel & Spa Krems oder im arte Hotel Krems, eine Wachaurundfahrt mit Brandner Schifffahrt oder Weine der Domäne Wachau: Die besten Bilder werden nächstes Jahr in einer Ausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich präsentiert!

Der Kreativität bei der Motivauswahl sind keine Grenzen gesetzt. Von Landschaftsaufnahmen über Naturaufnahmen, Menschen, Kulinarik bis zum Freizeitbereich … alles ist denkbar. Entscheidend ist, dass das Foto von dem oder der Einreicher, Einreicherin selbst gemacht wurde. Einreichungen sind bis 31. Oktober möglich.

Unter www.lgnoe.at/fotowettbewerb steht ein Upload-Formular bereit. Zusendungen sind auch auf dem Postweg möglich. Eine hochkarätig besetzte Jury, der Direktor Christian Bauer, der Künstler Michael Goldgruber, Sabine Haag, Präsidentin von UNESCO Österreich und Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums Wien, sowie Bettina Leidl, Präsidentin von ICOM Austria und Direktorin des Kunst Haus Wien, angehören, ermittelt im Spätherbst die Gewinnerinnen und Gewinner.

www.lgnoe.at          www.weltkulturerbe-wachau.at/20jahre           www.lgnoe.at/fotowettbewerb

27. 6. 2020

Museum NÖ: Der junge Hitler. 1889-1914

Februar 29, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Grundstein für Nationalismus und Rassismus

Keramik „Durch Reinheit zur Einheit“. Aus dem Nachlass Georg Ritter von Schönerer. © Stadtmuseum Zwettl – Sammlung Schönerer

Vor 75 Jahren endete mit dem Zweiten Weltkrieg auch der Holocaust, beides entfesselt von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten. Das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich nimmt das zum Anlass, nach den Anfängen zu fragen: Woher kamen Militarismus, Rassen- hass und Antisemitismus? Wie weit waren sie in der Gesellschaft bereits verankert? Die Parallelerzählung „Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889-1914“ beleuchtet ab 29. Februar die frühe Biografie des späteren „Führer“ und die politischen Strömungen dieser Zeit.

Porträt von Mutter Klara Hitler. © ÖNB/Wien

Hitlers Vater Alois, in seiner Uniform als Zollbeamter, um 1890. © ÖNB/Wien

Der 16-jährige Adolf Hitler, gezeichnet vom Mitschüler Sturmlechner in der Realschule Steyr, 1905. © Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com

„Die Ausstellung eignet sich nicht zur Heldenverehrung. Anhand authentischer Dokumente zeichnet sich vielmehr das Bild eines früh Gescheiterten ab und eines Außenseiters, der stets die Umwelt für eigenes Versagen verantwortlich macht“, schließt Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter des Hauses, jedes Missverständnis aus. „Ganz wichtig ist es uns gleichzeitig, die düsteren Seiten der Jahrhundertwende darzustellen. Viele Objekte der Ausstellung machen deutlich, wie die Politiker jener Zeit mit Ängsten und Vorurteilen Stimmung gemacht haben, ob es sich um den radikalen Deutschnationalen Georg von Schönerer handelt oder um den antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger. Ihre Parolen haben sie in ihren Reden, ihren Zeitungen, aber auch auf Werbemarken und auf Zierporzellan verbreitet. Mit Objekten und Bildern lassen sich auch die abstrusen Lehren von Rassen- hygienikern gut dokumentieren, die rassistische Überheblichkeit der Europäer als Kolonialherren, die Frauen- feindlichkeit und die Kriegsbegeisterung. Sie prägen Adolf Hitler und seine Zeitgenossen“, so Rapp.

„Über die Kindheit und Jugend von Adolf Hitler wurde schon viel geschrieben und publiziert. Aufgabe unserer wissenschaftlichen Aufarbeitung war es nun, akribisch Geschichte von Geschichten zu trennen“, ergänzt Hannes Leidinger, der gemeinsam mit Rapp ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. „Wichtig war es uns, neuerlich an die Quellen zu gehen und die neuen elektronischen Recherchemethoden zu nutzen. Außerdem war uns erstmals der Nachlass seines Jugendfreundes August Kubizek zugänglich. Wir zeigen daraus einige aufschlussreiche Originale wie ein Notenblatt, das entstand, als Adolf Hitler sich als Opernkomponist im Stile Richard Wagners versucht hat. Hier wird die fatale Selbstüberschätzung bereits sichtbar“, so Leidinger.

Das Parlament – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Michaelerplatz – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Die Schau wird von zahlreichen Veranstaltungen begleitet. Am 3. März zum Beispiel ist das Theaterstück „Name: Sophie Scholl“ mit Bettina Kerl in der Hauptrolle als Gastspiel des Landestheater Niederösterreich zu Gast. Am 10. März diskutieren Christian Rapp und Hannes Leidinger mit Ö1-Journalist und Buchautor Martin Haidinger im Zeitzeugen-Forum „Erzählte Geschichte“ über den „Österreicher Hitler“. Und unter dem Titel „Standup-History: Hitler – wie alles begann“ gibt es mit Florian Graf, Christian Rapp und Benedikt Vogl am 4. März einen Abend im Ateliertheater Wien, der am 1. April ins Haus der Geschichte kommt.

www.museumnoe.at           www.landestheater.net           www.ateliertheater.net

29. 2. 2020

Vladimir Sorokin: Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs

Januar 19, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Stör-Schaschlik, serviert auf Dostojewski

„Wenn du ein Buch wirklich liebst, wird es dir alle Wärme spenden, die in ihm wohnt“, sagt der Ich-Erzähler in Vladimir Sorokins jüngstem Roman „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“ und meint das wörtlich. Dies nämlich ist der Beruf des Géza genannten Protagonisten, er ist ein Star der Kulinarik-Szene, ein Grillgenie, das von einem elitären Event zum nächsten jettet, um gutsituierten Gourmets wie Gourmands seine Künste vorzuführen. „Book’n’Grill“ heißt dieses im doppelten Sinn delikate Vergnügen, meint das Wort „Book“ hier nicht das Buchen eines Privat-Chefs, sondern das begehrte Brennmaterial Buch.

Das Jahr ist 2037 und die Gutenberg’sche Erfindung Geschichte, Literatur zu „lesen“ bedeutet nur noch, sie in Flammen aufgehen zu lassen. Ein Showküchen-Spektakel, das sich eine neureiche und dekadente Nachkriegsclique etwas kosten lässt. 10.000 Pfund für zehn Jahre Haft, resümiert Géza nach einem Job, ist das Ganze doch höchst illegal, werden doch ausschließlich exquisiteste Erstausgaben entfacht. Die von sogenannten Antiquaren, heißt: einer Gilde besonderer Diebe, weltweit aus Bibliomuseen entwendet werden.

Géza, Budapester Kind eines belarussischen Juden und einer polnischen Tartarin, beide Flüchtlinge, er vor christlich-orthodoxen Fundamentalisten, sie vor islamischen, schließlich in Ungarn aufeinander getroffen, konzentriert sich auf die russischen Klassiker. Dostojewski, dessen „Idiot“ speziell geeignet für Schaschlik vom Stör, Tschechow für Ribeyesteaks, Tolstoi, Turgenjew, Soschtschenko, Seeteufelfilet auf Platonow …

Mit „Manaraga“ legt Sorokin eine seiner zynischsten Dystopien vor. Der Moskauer Autor, einer der präzisesten Analytiker des Putin-Systems und nicht zuletzt deshalb mittlerweile mit seiner Familie in Berlin lebend, der mit seinen Sci-Fi-Schauergeschichten aus der nahen Zukunft gern auf die gesellschaftspolitische Gegenwart feuert, hat seine grotesk-realsatirischen Geschoße diesmal nicht nur auf das gegenwärtige Russland gerichtet. Mag sein, „Manaraga“ ist inspiriert von der Tatsache, dass Sorokins eigene Romane von einer patriotischen Jugendorganisation schon auf dem Scheiterhaufen zerstört wurden, auch wird der Begriff Bücherverbrennung auf ewig mit dem Totalitarismus des Dritten Reichs verbunden sein – und so entwirft Sorokin das Bild eines refeudalisierten Europas, in dem Oligarchen, Tycoons, der Geldadel das Sagen haben.

Der Kontinent, wie man ihn kennt, ist passé, en passant wird erzählt von einem Krieg, einem „salafistischen Frühling“, endlich dem Großen Transsilvanischen Frieden, dies alles nur Schwingungen, Atmosphäre, nichts Ausgeschriebenes im Text, und vom neuen Leben in einer Art „aufgeklärtem Mittelalter“. Gegen dessen zweifelhafte Zeiterscheinungen die Schweiz zum Schutz geflügelte Legionäre bezahlt. Sie sind nur einer von Sorokins Fantasy-Einfällen, so wie auswechselbare Fingerabdrücke, Tarnhologramme, ein Zoomorph mit Fuchsgesicht oder jene „Flöhe“, überlegene Überwacher unklarer Herkunft, die, eingepflanzt im Hirn und hinterm Ohr, Wissen soufflieren und für Wohlgefühl sorgen. Géza gönnt sich gleich drei davon.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Über dessen Klientel handelt Sorokin nun nicht nur seine Missbilligung politischen Extremismus aller Art ab, von Autokratismus bis Isolationismus, sondern liefert auch ganz großartige Karikaturen auf die Welt der klassischen Musik, ein Koks schnupfendes Opernsängerpaar, das sich auf M. Agejews „Roman mit Kokain“ Süßkram kandieren lässt, Persiflagen auf die Filmindustrie, wenn bei einem „Der Meister und Margarita“-Dreh samt Bulgakow-Brutzeln die Crew als dessen Figuren Schwarzmagier Voland, Literaturfunktionär Berlioz oder Kater Behemoth auftritt.

Oder ergießt seinen Spott über das postsowjetische Schriftgut, mit dem zu Werke zu gehen Géza ja verweigert: „Wankja fegte die vollgepisste Treppe hinab, gab der Haustür einen Tritt, als wärs die löchrige Panzerweste eines Scheißukrainers, und fiel wie ein furzendes Sturmgeschütz in den Hof ein … Der Hof hielt die Beine für den Frühling gespreizt, die Erde geilte, die Jungs nicht minder … Was er jetzt brauchte, war ein Kescher aus starken und zärtlichen Worten … Ingrimmig, dass ihm schwarz vor Augen wurde, sog Wankja die Frühlingsluft in sich ein und brüllte: ,Fotze, ich schlag dich tot!‘“ Grandios als Gegensatz eine Bibliophilen-Parodie, ein Auftraggeber, der sich für Tolstoi hält, seine Verwandten als dessen Frau Sofja Andrejewna, Tochter Tanja, seinen Diener als Dichter Afanassi Fet auftreten lässt, und über dem von ihm selber verfassten Manuskript mit dem Titel „Tolstoi“ Karottenlaibchen auf einem Kosakensäbel aus dem 18. Jahrhundert gebraten haben will.

Spät kommt Sorokin auf den Buchtitel zu sprechen: Manaraga, ein 1662 Meter hoher Berg in der im Ural gelegenen Republik Komi, in einer von dessen Höhlen ein Umsturz vorbereitet wird, eine Revolution, die die Essensbuchkultur von Grund auf verändern will. Die Edelköche sind in der wie eine Loge aufgebauten geheimen Bruderschaft der „Großen Küche“ organisiert, und die wird plötzlich von einem anonymen Feind angegriffen, der in einer mysteriösen Maschine auf dem Manaraga Nabokows „Ada“ am laufenden Band reproduziert. Lauter Erstausgaben-Klone, „festes Papier (wood pulp), 626 Seiten, Ganzleinen, Schutzumschlag aus Kreidepapier, brennt wie eine Kiefer aus Rhodos“, die sich von Meeresfrüchten bis Wildbret für vieles eignen. Eine billige, legale Konkurrenz zu den geraubten Originalen, eine Gefahr für den „Book’n’Grill“-Markt, dessen Garen für einen erlesenen Circle durch die Bücherflut zur Massenausspeisung werden wird. Folter in einer Riesenfritteuse soll den Verräter ermitteln, dann schickt die „Große Küche“ ausgerechnet Géza in den Kampf gegen den Vervielfältiger …

Mit diesem Twist Richtung Thriller gibt Sorokin seiner Satire auf den letzten 35 Seiten noch einmal ordentlich Zunder. Sein Gruß aus der Küche ist nicht nur eine geistreiche Abrechnung mit einer (bildungs-)bürgerlichen Überflussgesellschaft, der der Konsum als neuer Gott gilt und deren Vergnügungen zunehmend verrückter und weltschädigender werden, nicht nur ein Metakommentar zu jenen rechten Regimen, zu denen Europas Demokratien mehr und mehr mutieren, nicht nur eine Selbstironisierung seiner Rolle als Schriftsteller und der Tradition, auf der diese fußt, ein Abgesang aufs Gedruckte zugunsten des Digitalen, spannend und unterhaltsam, bissig und manchmal unerwartet lyrisch, sondern darüber hinaus ein Buch, das Lust auf Mehr- und Nachlesen macht. Der Fülle literarischer Anspielungen, Zitate und Querverweise muss man einfach hinterher spüren, und „Tschewengur“, „Krieg und Frieden“, „Verbrechen und Strafe“, „Gespenster“ wieder oder zum ersten Mal in die Hand nehmen. Um danach den nächsten Sorokin zu lesen.

Über den Autor: Vladimir Sorokin, geboren 1955, gilt als der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller Russlands. Er wurde bekannt mit Werken wie „Die Schlange“, „Marinas dreißigste Liebe“, „Der himmelblaue Speck“ und zuletzt „Der Tag des Opritschniks“, „Der Zuckerkreml“ und „Der Schneesturm“. Zuletzt erschien von ihm der große polyphone Roman „Telluria“. Sorokin ist einer der schärfsten Kritiker der politischen Eliten Russlands und sieht sich regelmäßig heftigen Angriffen regimetreuer Gruppen ausgesetzt.

Kiepenheuer & Witsch, Vladimir Sorokin: „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Russischen von Andreas Tretner.

Videolesung von Vladimir Sorokin und Andreas Tretner: www.youtube.com/watch?v=nCIme600nQ8

www.kiwi-verlag.de

  1. 1. 2019

Burgtheater: Eines langen Tages Reise in die Nacht

April 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Familienzerfleischung vor Felsformation

August Diehl, Alexander Fehling, Corinna Kirchhoff und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Ein Zelebrieren der Langsamkeit ist Andrea Breths Inszenierung von Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Fast vier Stunden dauert der wehmütige, seltsam verwehte Abend, durch den die Darsteller wie somnambul und weißgewandet geistern. Der Breth gelingt damit großes Theater. Präzise seziert sie des Autors Familienzerfleischung – das ist so schmerzhaft wie schön, und entfaltet eine ungeheure Sogwirkung.

Selten zuvor war an dem oft gesehenen Stück spürbar, wie sehr Verletzung durch große Liebe entsteht. Die Morphinistin und ihre beiden Alkoholiker, der Tuberkulosekranke und sein pathologischer Geizhals, die Hysterikerin und die Nicht-mehr-Hinhören-Könner sind hier vier ineinander verzahnte Existenzen. Keiner kann ohne, niemand mit den anderen. Dass sich da unterschwellige Aggressionen an die Oberfläche Bahn brechen, ist klar. Doch kaum hat man sich angepöbelt oder gar gerauft, herrscht wieder eitel Eintracht. Familie ist, sagt Breth, eine lebenslang erdrückende Umarmung, die zum Erstickungstod führen muss.

Dass Edmund am Ende, ein Bild des Friedens, am Meer sitzt, nachdem all die Drogenkonsumenten endlich ins Bett gefunden haben, glaubt man ihm kaum. Aus der Familie Tyrone, wie Breth sie malt, gibt es im Guten wie im Schlechten kein Entkommen. Da hilft kein retrospektiv versöhnlicher Schlussmoment, kein versonnener Blick in die Ferne der Zukunft. O’Neill selbst macht das deutlich, hat er doch seinen autobiografischen Text spät geschrieben und nur zur posthumen Veröffentlichung freigegeben …

Am Burgtheater glänzt ein herausragendes Schauspielerquartett. Sven-Eric Bechtolf gibt den James Tyrone, Corinna Kirchhoff die Mary, Alexander Fehling und August Diehl die Söhne Jamie und Edmund. Andrea Wenzel holt aus ihren wenigen Auftritten als aufmüpfiges Hausmädchen Cathleen alles. Dreh- und Angelpunkt der Aufführung ist Kirchhoffs Mary. Kirchhoff spielt die Süchtige mit enormem Charisma. Mit fahrigen Fingern streicht sie immer wieder ihre Haare zurecht, versichert mit vor vorgegaukelten Emotionen überschnappender Stimme, ihre Sucht im Griff zu haben, bevor sie sich eben wegen dieser wieder in schwatzhaftes Selbstmitleid ergießt.

Sie ist die Manipulative, die größte Egoistin unter den Egozentrikern, und wie sie in ihren Erinnerungen lebt und andere für ihre zerstörten Träume verantwortlich macht, als hätt’s nie gegolten, einen Entscheid selbst zu treffen, das ist großes Kino. Dann, je mehr sie wieder in ihrer Sucht verschwindet, wird diese Mary immer mehr zum jenseitig-empyreischen Wesen. Bis sie schließlich mit hohem Stimmchen und wie abwesend über die Bühne torkelnd ihre Frömmeleien verkündet.

Sven-Eric Bechtolf und August Diehl. Bild: Bernd Uhlig

Corinna Kirchhoff und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Diese hat Martin Zehetgruber als endzeitliche Küste angelegt. Statt in die von O’Neill verlangte Abbildung des elterlichen Sommerhauses, das Monte Christo Cottage in Conneticut, verlegt er die Handlung in eine nebelig düstere Landschaft, in der eine Felsformation einen Wasserlauf säumt, den die Darsteller immer wieder spritzend durchqueren müssen. Im Hintergrund ein Walskelett, das sich endlich nach vorne drehen und Edmunds letzter Begleiter sein wird. So entsteht atmosphärisch dicht eine Situation, die niemandes Zuhause sein kann – wie Mary stets beklagt, in ihrer Ehe kein Heim gehabt zu haben, ein Umstand, den wohl auch die Söhne so empfinden.

Am unbehaust Umherziehen der Familie Tyrone trägt natürlich deren Oberhaupt James die Schuld. Sven-Eric Bechtolf gibt den Ein-Stück-Schauspieler mit Hang zur ausladenden dramatischen Geste. Stets ist an seinem James deutlich, dass er die Vaterrolle auch „spielt“, wenn er zwischen Eigensinn und echter Sorge um seine Frau und seinen Sohn, gefangen in seinen Zwängen und Ängsten, und zwischen Großsprecherei und Kleinmut changiert. Bechtolf brilliert in seinem intensiven Auftreten. Wie Alexander Fehling, der als Jamie die Krankheiten des James‘ geerbt hat und wie er zwischen Selbstverteidigung und -anklage pendelt.

Berührend, wie er vom Kraftlackl im ersten Teil zum betrunkenen Häufchen Elend wird. In einer Saufszene mit Edmund legt Breth ihr Konzept deutlich dar, dass hier alles gesagt und getan wird, weil Menschen in übergroßer Zuneigung einander zu viel abverlangen … Bleibt Edmund, des Autors Alter Ego, August Diehl. Der hat sich den zwar ebenso Desillusionierten, aber immer noch Familienfreundlichen wie eine zweite Haut angezogen. Herzerwärmend, wie er, als es schon längst die Diagnose Schwindsucht gibt, den anderen bei ihren Selbstsüchteleien noch zuhört und zusieht. Alles in allem überzeugt Diehl am meisten durch seine Wahrhaftigkeit. „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ am Burgtheater ist ein überragend gelungener Theaterabend, streckenweise larger than live, den man nur empfehlen kann.

www.burgtheater.at

  1. 4. 2018

Murer – Anatomie eines Prozesses

März 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Freispruch für den Schlächter von Vilnius

Karl Fischer (Mitte) als Franz Murer. Bild: © Ricardo Vaz Palma / Prisma Film

„Schreiten in die neuen Zeiten, Hand in Hand mit alten Nazis“, sagt der Journalist zum Politiker. Ein Satz, der klarstellt, was Regisseur Christian Frosch am Thema interessierte, nämlich „weniger, zum wiederholten Male die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, sondern genau hinzusehen und zu verstehen, wie sich die Täter und die Opfer in der Republik Österreich darstellten und darstellen. Das Spannende ist, wie das österreichische Nationalnarrativ funktioniert“,

so der Filmemacher. „Es basiert keineswegs auf Verdrängung. Es wurde bewusst gelogen, verschleiert, verbogen und gesteuert. Nur so konnte man Täter zu Opfern machen und die Opfer zu den eigentlich Schuldigen erklären …“ Ein brisanter Gerichtsthriller eröffnet heute Abend die diesjährige Diagonale, landesweiter Kinostart ist am Freitag. Graz 1963. Der angesehene steirische Lokalpolitiker und Großbauer Franz Murer steht wegen schwerer Kriegsverbrechen vor Gericht. Die Beweislage ist erdrückend. Doch in den Zentren der Macht will man die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte endgültig abschließen. Der braune Bodensatz klebt fest in der Politik, in den Ministerien, latenter und offener Antisemitismus regiert. Murer wird schließlich auf Intervention, aufgrund einer „Weisung aus Wien“, so stellt es der Film dar, freigesprochen werden.

Anhand der originalen Gerichtsprotokolle eines der wohl größten Justizskandale der Zweiten Republik zeichnet Frosch den Fall Murer nach, eines Mannes, der von 1941 bis 1943 als „Schlächter von Vilnius“ einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in der heutigen litauischen Hauptstadt war. Simon Wiesenthal stolperte bei seiner Suche nach Adolf Eichmann fast zufällig über den mit Frau und Kindern unbehelligt in Gaishorn lebenden, als Sadist verschrieenen Verbrecher. Unzählige Überlebende der Shoah reisten an, um auszusagen und späte Gerechtigkeit zu erwirken – vergebens.

„Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“, sagt Schauspieler Karl Fischer als Franz Murer. Dazu fährt die Kamera von Frank Amann über die Gesichter der Geschworenen und des Publikums. Da lacht der eine oder andere, nickt zustimmend; skeptisch, ungläubig, erschrocken wird auf die Zeugenaussagen reagiert. Kaum einer im Saal will mehr wahrhaben, was nicht gewesen sein darf. Was Wunder, hat man doch selbst „dem Herrn Mandelbaum günstig das Geschäft abgekauft“. Dazu eine Geräuschkulisse, die einen erschaudern lässt. Ein Orchester beim Einstimmen, Kakophonie und dazu – Schreie, Schüsse? Frosch ist ein atmosphärisch dichter, ein intensiver Film gelungen, seine protokollarische Vorgehensweise ändert nichts daran, wie hochemotional die Sache wird.

Karl Markovics als Simon Wiesenthal. Bild: © Katharina F. Roßboth / Prisma Film

Inge Maux tritt als Zeugin auf. Bild: © Patricia Peribanez / Prisma Film

Erschreckend, wie schlecht mit den Zeugen umgegangen wurde, wie Murers Verteidiger sie unglaubwürdig macht, nur weil sie sich an die kleinste Kleinigkeit nach so langer Zeit nicht mehr erinnern können. Erschreckend auch die Scham und Verzweiflung der Überlebenden. Im Zeugenstand können sie ihre Rage kaum verbergen, wenn sie in Murer den Mörder von früher erkennen, brechen in Tränen aus, als sie berichten müssen, was er ihnen und ihren Nächsten angetan hat – und werden abgekanzelt, weil sie nicht die genaue Farbe von Murers Uniform wissen.

Mit Hintergrundsequenzen und parallelen Handlungssträngen im Umfeld des Prozesses, etwa, wenn die Zeugen mit den Mitläufern gemeinsam mit Gasthaus sitzen müssen, kombiniert Frosch die Szenen im Gerichtssaal zu einem erschütternden postnazistischen Zeitbild. Zum miefigen Sozialpanorama eines 1960er-Jahre-Österreich. Samt (damals also auch) „Lügenpresse“-Paranoia. „Österreich hat keine Seele und keinen Charakter. Österreich besteht aus Tätern, Zuschauern und Opfern“, zieht Frosch ein düsteres Resümee aus seiner Arbeit am Film.

„Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass der Patient Österreich nur die Fakten in sein Bewusstsein integrieren muss, um den Heilungsprozess einzuleiten. Die Tatsachen waren und sind bekannt.“ Neben Karl Fischer, der Murer beinah regungslos, mit angespannter Zurückhaltung verkörpert, mehr Floskel und Fassade als tatsächlicher Mensch, brilliert eine Riege österreichischer Schauspieler: Klaus Rott, Susi Stach, Inge Maux, Robert Reinagl, Franz Buchrieser, Erni Mangold, Christoph F. Krutzler … Karl Markovics spielt den als Aggressor verunglimpften Simon Wiesenthal. Am Schluss noch einmal ein Zitat, diesmal der Politiker zum Journalisten über dessen Berichterstattung zum Prozess: „Das Bravo der linksgerichteten Intellektuellen bringt uns im Gemeindebau keinen Meter weiter.“ Wie furchtbar zeitnah dieser Film doch ist.

www.murer-film.com

  1. 3. 2018