Bücher über Romy Schneider und von Erni Mangold

September 21, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Romy spielt sich frei / Sagen Sie, was Sie denken

Wie aus „Sissi“ der Weltstar Romy Schneider wurde: Als süße junge Kaiserin „Sissi“ erobert Romy Schneider ein Millionenpublikum. Der große Erfolg ist jedoch nicht alles – sie möchte ihren eigenen Weg gehen, sich lösen vom Mief der deutschen Nachkriegszeit und von der Schauspieltradition der Familie, mit der sie in Gestalt von Mutter Magda Schneider und Grossmutter Rosa Albach-Retty alltäglich konfrontiert ist. Sie stellt Fragen, verurteilt manches scharf und arbeitet sich bis zu ihrem frühen Tod an ihrer Herkunft ab.

Ihre berührende Lebensgeschichte spiegelt so auch die Geschichte der Familie und ihrer starken Frauen wider: Sie erzählt vom Ringen um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit im Theaterund Filmgeschäft, von der Vereinnahmung durch Politik und Medien, von zweifelhaften Verstrickungen und Irrwegen in turbulenter Zeit. Großmutter Rosa und Vater Wolf Albach-Retty, die ehrgeizige Mutter Magda und Romy Schneider – ein packendes Familiendrama zwischen Triumphen und Abgründen.

Über den Autor: Günther Krenn studierte Philosophie und Theaterwissenschaft und ist Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums. Er hat sich bereits in mehreren Büchern mit Romy Schneider, Alain Delon und Karlheinz Böhm beschäftigt und ist daher mit dem vielschichtigen Themenkomplex des Romy-Schneider-Universums eng vertraut. Seine filmhistorischen Bücher wurden zweimal mit dem Willy-Haas-Preis ausgezeichnet, zuletzt erschien 2021 „Serge & Jane. Biographie einer Leidenschaft“.

Molden Verlag, Günther Krenn: „Romy spielt sich frei. Glanz und Tragik einer Schauspieldynastie“, Sachbuch, 304 Seiten. Erscheint am 27. September.

95 Jahre in Lebens-Bildern: Sieben Jahrzehnte auf der Bühne und mit über 90 noch im Filmgeschäft: Erni Mangold hat viel erlebt und viel gesehen. In ihrem Haus im Waldviertel gibt es einen alten Holzschrank, darin bewahrt die Ausnahmekünstlerin alle ihre Fotos auf. In wildem Durcheinander repräsentieren sie das abwechslungsreiche Leben der gefeierten Schauspielerin. Die angeborene Gabe die Wahrheit zu sagen, gelegen oder ungelegen, macht sie so prägend, so witzig und so klar. Zu entdecken gibt es nicht nur Erni Mangolds Jahrhundertleben, sondern auch die Geschichte eines Jahrhunderts – Kindheit und Krieg auf dem Land, wilde Jahre mit Helmut Qualtinger, Aufstieg und Ausverkauf als Sexsymbol in einer ausgehungerten Nachkriegsgesellschaft, Theater und Ehe in Hamburg, Schauspielunterricht in Wien, Glück und Auszeit im Waldviertel. Eine Zeitreise mit der grandiosen Schauspiel-Ikone. Mit Gastbeiträgen von Elfriede Jelinek, Michael Schottenberg, Susanne Höhne etc.

Über die Autorin: Erni Mangold. Viele Zeitgenossen erkannten die Unverwechselbarkeit und Qualität ihrer künstlerischen Potenz: Gustaf Gründgens, Rainer Werner Fassbinder, Peter Patzak, Werner Schwab und Xaver Schwarzenberger gehörten dazu. Dieses Buch erzählt von Begegnungen mit Hans Moser, Raoul Aslan, Curd Jürgens, Ernst Waldbrunn, Helmut Qualtinger, O.W. Fischer, Peter Alexander, Heinz Reincke, Elisabeth Flickenschildt, Susi Nicoletti, Romy Schneider sowie Herbert von Karajan, Bruno Kreisky und vielen anderen.

Molden Verlag, Erni Mangold & Doris Priesching: „Sagen Sie, was Sie denken. Mein Leben in Bildern“, Sachbuch, 208 Seiten. Erscheint am 4. Oktober.

www.styriabooks.at/molden

21. 9. 2021

Theater in der Josefstadt: Geheimnis einer Unbekannten

Oktober 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt von vorgestern

Martina Ebm und Michael Dangl. Bild: Moritz Schell

Der erste Eindruck, charmant, wenn auch aus der Zeit gefallen, ein Kammerspiel im bewährten Josefstädter Salonton, vertieft sich zur in den Eingeweiden grummelnden Verärgerung – dies als Gegengefühl zur Protagonistin, der beständig ein Schwarm Schmetterlinge im Bauch flattern …

Der hochdekorierte Christopher Hampton ist wieder einmal in Wien angelandet, im Gepäck seine Dramatisierung von Stefan Zweigs Novelle „Brief einer Unbekannten“, als Bühnenfassung nun „Geheimnis einer Unbekannten“ genannt, von Daniel Kehlmann übersetzt, von Hampton höchstselbst inszeniert – und, nein, nicht böse sein, so geht’s wirklich nicht. Woran nicht allein Zweig und seinem Frauenbild von vorgestern die Schuld aufzuladen ist …

Da gibt es also dieses anonyme Schreiben, das ein Schriftsteller in seiner Post findet, die Nachricht einer Frau, ihn ein Leben lang und unerwidert geliebt zu haben, mehrere Begegnungen, bei denen er sie niemals wiedererkennt, ein gemeinsames und eben erst verstorbenes Kind, diese Zeilen, lässt sie ihn wissen, werde er erst nach ihrem Tod erhalten.

Der Autor versucht zu rekonstruieren, will sich erinnern, aber ach. So weit, so 1922, und diese Attitüde als weibliches Opfer kennt man bei Zweig, er hat es privat von Friederike Winternitz und Charlotte Altmann eingefordert. Jetzt aber: Theater!, Uraufführung mit Martina Ebm und Michael Dangl, eine Begegnung, eine Konfrontation, zwischen den als „Marianne“ und (bedeutsam!) „Stefan“ festgemachten Figuren muss das Inkognito fallen, ein Sich-Stellen – und … Fehlanzeige. Im makellosen Bühnenbild von Anna Fleischle findet derlei nicht statt. Hampton beginnt an der Stelle, an der sie längst „Kurtisane“ ist, vom distinguierten Upper-Classler in seine Wohnung gebeten, doch in der Mitte des Briefes entsteht kein Stück.

Folglich fast forward, das Ganze dauert eineinviertel Stunden, zum Schluss. Die Ebm in Edith-Piaf-„Je ne regrette rien“-Schwarz und im Schlepptau alle unverdauten Schicksalsschläge. Und nicht, dass man an dieser Marianne den Furor einer Rachegöttin erwartet hatte, aber dies jenseitig elegische Gesäusel: ER könne nichts dafür, ER könne für gar nichts irgendwas, ER sei eben wie er ist, ein leichtlebiger Gesellschaftsmensch und DER geborene Verführer, und sie, nur sie, heut‘ würd‘ man sagen: die von ihm besessene Stalkerin, trage Verantwortung für alles Gewesene … und dazu wimmern die Geigen mit Martina Ebm im Duett.

Man fragt sich, wozu diese Frau diesen Mann überhaupt aufsucht, man fragt sich, ob Ebm jemals Einspruch gegen diese Charakterauslegung erhoben hat. Dabei wär’s ein Einfaches gewesen, ein feiner Beiklang zu den Sätzen, ein Hauch von Anklageführen im Unterton, ein wenig Widerstand, ein wenig Wahnwitz, etwas in der Art von „… und Brutus ist ein ehrenwerter Mann“.

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

„Es wird immer schmerzhafter“, sagt Michael Dangl an einer Stelle, und es ist nicht die erste, an der das Publikum unwillkürlich lachen muss. Dangl, der kann’s, der geht subkutan. Weder hat er den Schalk im Nacken noch den Schelm im Auge, doch irgendetwas ist an seinem lapidaren Spiel, das erahnen lässt, dass er die Chose nicht sonderlich ernst nimmt. Und wie er am Ende auf die Knie niederbricht und Michael Schönborn als Diener Johann „den gnädigen Herrn“ fragt, ob eh alles in Ordnung sei …

Für Dangl soll’s weiße Rosen regnen, die Ebm und er wagen sich engagiert und sympathisch an diesen Macho-Murks heran, was wäre das Theater in der Josefstadt ohne seine Schauspielerinnen und Schauspieler?, und ja, zwischen Ebm und Dangl weiß die Erotik zu knistern … Hamptons Marianne wählt derweil den Freitod. Nun müsste er sie nur noch auf dem Seziertisch des unehelichen Betts aufbahren.

Die Theaterwelt, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2020. Dies sind die Abenteuer des Theaters in der Josefstadt, das mit seiner Frau-und-Mann starken Besatzung unterwegs ist, um unbekannte und neu zu entdeckende Texte zu erforschen … Thalia, bitte schenke uns ein gelungenes „Konzert“!

www.josefstadt.org           Video: www.youtube.com/watch?v=RZYJJoEYtM4

  1. 10. 2020

Fang Fang: Wuhan Diary

September 5, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Virus mit trockenem Humor bekämpft

„Natürlich fehlt es bei aller Rührung nicht an Komik. Es gibt ein Video, das das medizinische Hilfsteam der Provinz Sichuan bei seiner Abfahrt nach Hubei zeigt. Ein Ehemann ruft seiner Frau im Bus zu: ,Zhao Yingming, komm gesund zurück! Dann übernehme ich für ein Jahr die gesamte Hausarbeit, versprochen!‘ Zhao Yingming ist wohl inzwischen wohlbehalten nach Hause zurückgekehrt. Umgehend kursierte im Netz ein Video, worin es heißt: ,Geschätzte Netizens, überwacht bitte, ob der Ehemann tatsächlich sein Jahr Hausarbeit abarbeitet!‘ Es löste großes Gelächter aus.“

Derart sind die Blog-Einträge, die die berühmte chinesische Schriftstellerin Fang Fang von 25. Jänner bis 24. März 2020 als Online-Tagebuch veröffentlichte. Fang Fangs Impressionen aus ihrer Heimatstadt Wuhan in der Provinz Hubei, Geschichten aus einer Neun-Millionen-Einwohner-Metropole, der #Corona-Metropole, die 76 Tage lang komplett von der Außenwelt abgeriegelt wurde, Fang Fangs Schilderungen voll Wärme, Mitgefühl, Zorn und immer wieder Hoffnung, die in China mehr als 100 Millionen Internetfollower fanden, sind nun auf Deutsch als Buch erschienen.

„Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ liefert einen unverstellten Blick auf den Beginn der #Corona-Pandemie, ist ganz nah an den Menschen, ihren Nöten und Ängsten, ihrer überbordenden Nachbarschaftlichkeit und Hilfsbereitschaft. Und wie Fang Fang das Virus mit dem sprichwörtlichen Wuhaner trockenem Humor bekämpft und die Propaganda des Pekinger Parteiregimes mit glühender Leidenschaft ad absurdum führt, lehrt sie den Leser die Chinesinnen und Chinesen neu einzuschätzen und zu schätzen – ihren Mut, ihre Findigkeit in vertrackten Situationen, ihren Hang zur Anarchie, wo immer das offizielle Narrativ ein Freizeichen dafür lässt.

„Beim Ausbruch der Epidemie, von der anfänglichen Ausbreitung bis zur jetzigen Explosion, haben wir die Situation zuerst falsch eingeschätzt, dann verschleppt und schließlich falsch gehandelt. Dafür zahlen wir einen enorm hohen Preis“, schreibt Fang Fang, das erste „Wir“ dabei eine höfliche Formulierung für zwanzig Tage systemimmanentes Lügen und Verschweigen, samt Kriminalisierung couragierter Ärzte, in denen das Wissen um #Covid-19 nicht publik gemacht wurde – mit katastrophalen Folgen für die ganze Welt.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Denn bereits im Dezember 2019 warnte der Arzt Li Wenliang in einer WeChat-Gruppe Kollegen angesichts einer Serie von Lungenentzündungen im Zentralkrankenhaus Wuhan vor einem neuartigen Virus – worauf er und sieben weitere Ärzte unter Androhung von Strafe eine Schweigepflichtserklärung unterschreiben mussten, an die sich Li Wenliang freilich nicht hält. Der Tod des Whistleblowers Anfang Februar löste in ganz China Proteste aus. Bei Fang Fang ist zu lesen, wie die Wuhaner am Abend mit Taschenlampen und Smartphones einen Lichtstrahl in den Nachthimmel senden, um den tapferen Mediziner zu ehren.

Auch von sich selbst berichtet Fang Fang. Wie sie eine Liste zusammenstellt, wen sie wann und wo ohne Maske getroffen hat. Von der quälenden Ungewissheit, ob sie oder einer aus ihrer Familie sich infiziert haben. Vom verzweifelten Versuch, Schutzmasken zu kaufen. Von langen Menschenschlangen vor den Krankenhäusern und einem Personal knapp vor dem Kollaps. Wir haben der Regierung allzu sehr vertraut!, empört sie sich in diesem Post. „… nun irrten unzählige Erkrankte in eisiger Kälte durch Sturm und Regen in der Stadt herum, auf der vergeblichen Suche nach medizinischer Behandlung.“  Die Ermahnungen der Ärzte? „Solange ihr noch Reis habt, esst lieber nackten Reis, auf keinen Fall die Wohnung verlassen! Na gut, wir hören auf sie.“

Und während die pensionierte Vorsitzende des regionalen Schriftstellerverbandes im Fernsehen zusieht, wie in nur zehn Tagen das Notkrankenhaus Huoshenshan aus dem Boden gestampft wird, wird erstmals einer ihrer Blog-Einträge gesperrt. „Es gibt ein Schweigen, das lügt“, zitiert Fang Fang Victor Hugo, und berichtet: „Die Netzzensur erregt bereits den Zorn der Bevölkerung. Die Leute spielen Katz und Maus mit ihr, ein Text wird nach dem Löschen sofort wieder gepostet, gelöscht, erneut gepostet, gelöscht, erneut gepostet. Schlag auf Schlag. Die Zensur kommt kaum nach, kriegt es nicht in den Griff.“ Das Bewahren eines Textes wird zur heiligen Verpflichtung. Seltsam mutet es an, zu Zeiten von Fake News und Hass im Netz, zu erfahren, dass andernorts das World Wide Web der Hort der Wahrheit und des Widerstands ist.

Bild: pixabay.com

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Fang Fang notiert lakonisch. Den Durchhaltewillen der Großstadtbewohner, die Unfähigkeit von Funktionären, die Aufopferung von Ärzten, die physischen und psychischen Herausforderungen der Quarantäne. Nichts entgeht ihrem scharfen Auge. Sie beteiligt sich an Gruppeneinkäufen und Kochdiensten für ihren Häuserblock, sie weiß ums Decke-auf-den-Kopf-Fallen: „Mein ältester Bruder beschreibt es in einfachen Worten: ,Es ist sehr langweilig. Wir glotzen Serien, um uns die Zeit zu vertreiben‘“, sie sorgt sich um die Waisen der Epidemie, die von den Behörden „eingesammelt“ werden : „… das jüngste nur vier, fünf Jahre alt. Sie fürchten sich vor Leuten in Schutzanzügen, auch vor Leuten mit Schutzmasken“.

Und sie sorgt sich um ihren betagten Hausgenossen: „Mein alter Hund ist schmutzig und stinkt, sein altes Hautleiden ist wieder aufgebrochen. Meine Hände sind verbraucht und rissig, ich wage nicht, ihn zu waschen. Wann öffnen die Tierkliniken? Ich lasse ihn jeden Tag in den Hof und tröste ihn: Warte nur ein paar Tage, bald fühlst du dich wieder besser.“

Als sie sich über dröhnende Erfolgsmeldungen mokiert, den leere Phrasen dreschenden Kader, die Unfähigkeit der „Maulwerktätigen“, wird sie, kein Parteimitglied, aber auch keine Dissidentin, gezielt angegriffen. Man beschimpft und bedroht sie, auch Todesdrohungen sind dabei, von Stunde zu Stunde schwebt die Sperrung ihres Accounts wie ein Damoklesschwert über ihrem Kopf. Dennoch gibt sie Auskunft über den Einsturz des Xinjia-Hotels in Quanzhou, das als Quarantänestation benutzt wurde, über den Unmut des WHO-Mitglieds Yuen Kwok-yung: „Man hat uns während unseres Aufenthalts in Wuhan ausschließlich ,Mustereinheiten‘ vorgeführt. Sie hatten auf jede unserer Fragen eine Antwort parat, es war offensichtlich alles einstudiert“, über Leichensäcke, die bei Nacht und Nebel in Transporter geschichtet werden.

Bild: pixabay.com

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Fang Fang verfügt mittlerweile über unzählige Quellen, es nimmt Tage in Anspruch alle Nachrichten auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Den sie mit Hass und Häme überschüttenden, mutmaßlich regierungsgesteuerten Trollen steht eine Armada von Menschen gegenüber, die der Schriftstellerin verifizierte Informationen zukommen lassen, die sie dann ihrerseits weitergibt. Fang Fang gibt nicht nur den Bewohnern Wuhans eine Stimme, sondern öffnet nun auch Herz und Hirn der deutschsprachigen Leser. Welch eine mutige Frau, welch ein Buch!

Was das „Wuhan Diary“ zeigt ist, dass im Reich der Mitte nichts mehr unbeweint, unbenannt, verschwinden und vergessen werden kann. Wenn jetzt eine Parteizeitung aus dem Testament eines am Virus Sterbenden lediglich den Satz „Meinen Leichnam vermache ich dem Land“ zitiert, gibt es eine Schriftstellerin, die ihrem millionenfachen Lesepublikum mitteilen kann: „Tatsächlich stehen in den letzten Worten noch weitere vier Zeichen: ‚Ach, meine Frau!‘. Hat die Zeitung für diese ‚kleine‘ Liebe nur Verachtung übrig?“ Es ist tragisch und paradox, dass ausgerechnet diese zutiefst menschliche, auf ihre Art patriotische Stimme zum Schweigen gebracht werden soll.

Ein letzter Eintrag sei zitiert, 5. März 2020, Vizeministerpräsidentin Sun Chunlan besucht ein Wohnviertel in Wuhan, wofür die Gegend aufpoliert, die Lebensmittel in den Läden aufgestockt werden. Fang Fang: „Heute erregt ein Video gewaltigen Aufruhr in Wuhan: Bei der Inspektion eines Wohnviertels durch eine Führungspersönlichkeit der Zentralregierung rufen Leute aus den umliegenden Wohnhäusern ,Fake! Alles Fake!‘. Die Führungspersönlichkeit bricht den Besuch daraufhin auf halbem Weg ab.“  Nun sage keiner, davon könne man hierzulande nichts lernen …

Über die Autorin: Fang Fang ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Chinas. Sie wurde 1955 geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Wuhan. In den vergangenen 35 Jahren hat sie eine Vielzahl von Romanen, Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Stets spielten die Armen und Entrechteten in ihren Werken eine große Rolle. 2016 veröffentlichte sie den von der Kritik gefeierten Roman „Weiches Begräbnis“, für den sie mit dem renommierten Lu-Yao-Preis ausgezeichnet wurde.

Hoffmann und Campe, Fang Fang: „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, Sachbuch, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann.

www.hoffmann-und-campe.de

  1. 9. 2020

John Banville/Benjamin Black: Alchimie einer Mordnacht

Oktober 27, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

In Prag geht ein perverser Mörder um

Vom deutschsprachigen Titel darf man sich nicht abschrecken lassen, im Original heißt das Buch „Wolf On A String“, dies einerseits als „Wolfston“ der heulende, flackernde Laut, den Streichinstrumente beim Spielen einer bestimmten Note machen, und der mit einer gewissen Schenke zu tun haben wird; andererseits wird sich im Verlauf der Ereignisse natürlich entschlüsseln, wer da als bestialisch mordendes Untier gleich einem Lykanthropen nächtens durch Prag schleicht.

John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black diesmal einen historischen Roman verfasst. Zwar wird an Leichen, Menschen wie Haustieren, nicht gespart, und doch besticht „Alchimie einer Mordnacht“ nicht in erster Linie durch eine Whodunit-Handlung, sondern durch das meisterliche Heraufbeschwören der Stadt an der Moldau um die Jahrhundertwende 1599/1600. Alles ist hier sinister und Unheil verheißend, allmächtig der Aberglaube, jeder setzt hier auf Maskierung und Verschleierungstaktik.

Black malt ein so düsteres Sprach- wie Sittengemälde, seine überbordende Erzählung strotzt vor blumigen Bildern, Beispiel: „Der Tisch war leer und glänzte auf eine seltsame Art unheilvoll, die großen Stühle standen reglos da, und doch schienen sie gespannt auf etwas zu warten, wie sprungbereite Jagdhunde auf den Pfiff ihres Herrn“, und kuriosen Charakteren. Ein Panoptikum an Alchemisten und Mystikern, Naturphilosophen und Astronomen bevölkert die Seiten, Tycho Brahe und Johannes Keppler haben selbstverständlich ihren Platz, aber auch der britische „Hexenmeister“ Edward Kelley und dessen Stieftochter Elizabeth Jane Weston werden wichtige Rollen spielen.

Unters Verbriefte mischt Black frei Erfundenes. Und so gelangt der junge Christian Stern, Bastard des Bischofs von Regensburg, nach Prag, in der Hoffnung, am Hof des exzentrischen und vom Okkultismus besessenen Habsburgers Rudolf II. Karriere zu machen. In seiner ersten – durchzechten – Nacht findet Stern im Schnee eine ziemlich übel zugerichtete Mädchenleiche, Magdalena, Tochter des Leibarztes Seiner Kaiserlichen Majestät, Ulrich Kroll. Erst verdächtigt und in den Gefängnisturm verbracht, wird Stern von Rudolf bald als Ermittler im Mordfall auserkoren, war die 16-Jährige doch des Herrschers „jüngstes Spielzeug“. Ihm vom Vater höchstpersönlich ins Bett gelegt. Doch da gab es auch einen Verlobten, und der ist nun logischerweise Hauptverdächtiger – bis sein zu Tode gefolterter Körper aus dem Fluss gefischt wird.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Black konfrontiert seinen Protagonisten nun mit der Phantasmagorie, der paranoid intriganten Welt des Hofes, die Höflinge allesamt von „nervöser Wachsamkeit“, und Stern, der als gealterter Mann und über die Distanz des Dreißigjährigen Krieges von seinem Prager Abenteuer berichtet, gesteht dem Leser ein, er hätte sich viel Kummer erspart, „hätte ich aufmerksamer darauf geachtet, was um mich herum in stillen Ecken und hinter halb geschlossenen Türen gesagt wurde“. So aber lässt er sich bedrohen, beunruhigen, beschwichtigen, wird, sagt er selber, zum „Spielzeug diverser Spaßvögel“.

Als da wären der misstrauische Hofmeister Felix Wenzel und der geschmeidige Kammerherr Philipp Lang, dieser konvertierter Jude und ebenfalls ein Geliebter des bisexuellen Rudolf, der elegante, hochnäsige Zwerg Jeppe Schenckel, der gönnerhafte Girolamo Malaspina, Nuntius des Heiligen Vaters in Rom, Rudolfs offizielle Mätresse und Mutter seiner sechs Kinder, Caterina Sardo, eigentlich Katharina Strada, eine „bleiche, weichhäutige Puppe, mit der zu viel gespielt worden war“ und mit der Christian Stern trotz besseren Wissens und ihrer „amüsierten Verachtung“ für ihn eine Affäre beginnt, und Rudolfs und Caterinas ältester Sohn Don Giulio d’Austria – über den in den Geschichtsbüchern nachzulesen sich lohnt.

Lange bleibt es Stern, und mit ihm dem Leser, rätselhaft, wer da mit wem Allianzen bildet, wer da mit wem in Gegnerschaft steht. Klar ist ihm nur, dass er sich zum eigenen Überleben für eine Seite entscheiden wird müssen, doch welche sind da überhaupt? Keine erscheint weniger gefährlich und mächtig als die andere. Dazu sitzt Caterina im Wortsinn wie ein Sukkubus auf Stern. „Wahnsinn! Wahnsinn, Begehren und angsterfüllte Wonne: Darin lag mein Problem“, weiß er. Und sagt beinah prophetisch an anderer Stelle: „Wir leben in der Überzeugung, dass wir in Sicherheit sind, dass das Eis unter uns nicht brechen wird, dass der Blitz den Baum nicht trifft, unter dem wir uns vor dem Unwetter schützen, dass die Tür nicht aufspringt und die Soldaten nicht die Treppe hinaufstapfen, um uns aus dem Bett zu zerren. Doch in unserem tiefsten Inneren wissen wir, dass das alles nur ein Irrglaube ist …“

Dass Blacks kunstvoll geknüpfte Verstrickungen – dies ein kleiner Spoiler – schlussendlich nach mehr als einem Täter und mehr als einem Motiv, sie reichen von Eifersucht bis zur staatspolitischen Angelegenheit, verlangen, ist klar. „Alchimie einer Mordnacht“ braucht zwar ein wenig, bis es in Schwung kommt, doch dann ist es ein wahrer Pageturner. Ein spannendes, historisch kenntnisreiches Lesevergnügen, mit dem John Banville einmal mehr beweist, dass er als Benjamin Black auch Krimiliteratur zu Gold veredeln kann.

Über den Autor: John Banville, geboren 1945 in Wexford, Irland, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen literarischen Autoren. Sein umfangreiches Werk wurde mehrfach, auch international, ausgezeichnet, zuletzt mit dem Franz-Kafka-Literaturpreis, dem Man Booker Prize für „Die See“ und 2013 mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Banville lebt und arbeitet in Dublin und schreibt unter dem Pseudonym Benjamin Black Krimis und Thriller. Diese Geschichten spielen größtenteils im Irland der 1950er-Jahre, rund um den Pathologen und nicht immer trockenen Alkoholiker Quirke. Lediglich der Thriller „Der Lemur“ ist im New York der Gegenwart angesiedelt. Und auch Blacks letzter Krimi-Noir „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ weicht von dieser Regel ab: Er ereignet sich in Kalifornien, und der ermittelnde Privatdetektiv ist die berühmte Figur des Schriftstellers Raymond Chandler – Philip Marlowe.

Kiepenheuer und Witsch, John Banville alias Benjamin Black: „Alchimie einer Mordnacht“, Roman, 384 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Elke Link.

www.benjaminblackbooks.com

www.kiwi-verlag.de

  1. 10. 2018

Naturhistorisches Museum Wien: Krieg

Oktober 23, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zur Schau ein persönliches Friedensbild posten

Ausstellungsansicht „Krieg. Auf den Spuren einer Evolution“. Bild: © NHM Wien, Kurt Kracher

Hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 und 400 Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618 versucht das Naturhistorische Museum Wien ab 24. Oktober in der Sonderausstellung „Krieg. Auf den Spuren einer Evolution“ das Phänomen anhand historischer Belege greifbar zu machen: Lernt der Mensch aus seiner Geschichte?, Was ist Aggression?, Seit wann gibt es Krieg?, und Ist Krieg unausweichlich, weil menschlich? sind unter

anderem Fragen, die in der Schau beleuchtet werden. Die Erforschung des Kriegs hat in den vergangenen 20 Jahren enorme Fortschritte gemacht: Schlachtfelder und Befestigungen wurden ausgegraben, Massengräber geborgen, unzählige Skelette mit Verletzungsspuren untersucht, Waffen sowie bildhafte Darstellungen und historische Texte analysiert. Archäologische und anthropologische Forschungen lieferten wichtige Erkenntnisse über Kriegsführung und die Folgen der Kriege von der Ur- und Frühgeschichte bis in die Neuzeit.

Die Entwicklung vom Werkzeug zur Waffe, vom Zweikampf zum Massenmord, vom mythischen Helden zum namenlosen Soldaten, der als Kanonenfutter dient, ist zentrales Thema der Ausstellung. Das Massengrab von Lützen ist im Rahmen der Schau erstmals außerhalb Deutschlands zu sehen und eines der Highlights – zum einen, weil es als anschauliche Metapher den Krieg der Neuzeit repräsentiert und gleichzeitig einen Brückenschlag, zurück zu den Anfängen des Krieges, ermöglicht: Sechs Stunden lang dauerte die Schlacht von Lützen, bei der sich 1632 in den Feldern rund um den kleinen Ort zwischen Leipzig und Naumburg mehr als 6.000 Männer niedermetzelten – einer der größten, verlustreichsten und blutigsten Waffengänge des Dreißigjährigen Krieges. 2011 hievten Forscherinnen und Forscher einen 55 Tonnen schweren Erdblock mit sechs mal sieben Meter Grundfläche, befestigt an einem Gerüst aus Holz und Stahl, aus dem Boden – die Grabstätte von 47 Soldaten, die in der Schlacht ihr Leben ließen. Ein Mahnmal des Krieges, das mit modernsten Techniken untersucht wurde und Einzelschicksale, sowie Todesursachen so detailliert wie möglich rekonstruierte.

Die Ausstellung ist eine archäologische Spurensuche: „Die eindrucksvollen Befunde aus Halle an der Saale werden durch österreichische Skelette von der Jungsteinzeit bis zum Mittelalter ergänzt, die Spuren von Gewalt belegen,“ erläutert Karin Wiltschke-Schrotta von der Anthropologischen Abteilung des NHM Wien die Schau bei der Pressekonferenz am Dienstagvormittag. Die ausgewählten menschlichen Knochen zeigen die unterschiedlichsten, tödlichen Verletzungen, die durch neolithische Beile, römerzeitliche Geschossboltzen, hunnische dreiflügelige Pfeilspitzen sowie Hiebe mit einem mittelalterlichen Schwert verursacht wurden. „Die Dummheit der Menschen“, meint Anton Kern von der Prähistorischen Abteilung, „scheint grenzenlos. Belegen lässt sich das aufgrund ihres Bestrebens nach immer ‚besseren‘ Waffen – und das schon seit der Steinzeit.“

Die Anthropologin Nicole Nicklisch untersucht die Skelette aus dem Massengrab der Schlacht von Lützen 1632. © LDA Sachsen-Anhalt, Bild: Juraj Lipták

Massengrab von Lützen. Bild: © NHM Wien, Kurt Kracher

 

 

 

 

 

 

 

Mit 7.000 Jahre alten Waffen und menschlichen Schädeln mit Spuren von Gewalteinwirkung liefert die Ausstellung die ältesten, bislang bekannten Nachweise eines Massakers aus Schletz, Niederösterreich. Goldene Lockenringe zeugen als Fund im Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern davon, dass es bereits in der Bronzezeit Anführer, sogenannte Eliten, am Schlachtfeld gab. Aus den Knochen jener Soldaten, die 1809 im napoleonischen Krieg auf den Schlachtfeldern von Asparn und Deutsch Wagram getötet wurden, lässt sich mit forensisch-anthropologischen Methoden viel über das Schicksal einzelner, an der Schlacht beteiligter Menschen ablesen.

Ausstellungsansicht „Krieg im Ersten Weltkrieg“ in der pathologisch-anatomischen Sammlung des NHM Wien im Narrenturm. Bild: © NHM Wien, Alice Schuhmacher

Wie nachhaltig und zerstörerisch sich Krieg auf Überlebende auswirken kann, zeigen Prothesen, die verstümmelten Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg das Leben erleichtern sollten und heute Bestandteil der pathologisch-anatomischen Sammlung im Narrenturm sind. Sie fungieren als Überleitung zum zweiten Teil der Ausstellung: Im Narrenturm wird die Sonderausstellung mit dem Thema „Medizin im Ersten Weltkrieg“ erweitert.

In drei renovierten Räumen dokumentieren Objekte der pathologisch-anatomischen Sammlung des NHM Wien die typischen Verletzungen des ersten Weltkrieges, das Können von Lorenz Böhler mit dem Beginn der Unfallchirurgie und die rekonstruierenden Maßnahmen dieser Zeit. Wer möchte, kann auf Instagram unter dem Hashtag #NHMLoveNotWar eine Fotografie mit seiner persönlichen Friedensbotschaft posten. Die schönsten Bilder werden monatlich ausgewählt und in der Friedenswerkstatt in Saal 50 ausgestellt. Die 20 besten Fotos davon werden außerdem in einem Friedens-Buch gesammelt, das am Ende der Ausstellung dem Bundespräsidenten überreicht wird. Und zu gewinnen gibt es auch einiges …

www.nhm-wien.ac.at

23. 10. 2018