Thomas Stipsits: Das Glück hat einen Vogel

September 28, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

26 Geschichten von der Gunst des Schicksals

„Ungefähr zur selben Zeit …“ So beginnt jede der Kurzgeschichten, die Thomas Stipsits für sein erstes Buch „Das Glück hat einen Vogel“ aufgeschrieben hat. Der Kabarettist und Schauspieler wagt sich als Autor auf neues Terrain, sagt er, doch ist es kein ihm völlig unbekanntes. Denn ein Geschichtenerzähler, das ist Stipsits auch in seinen Bühnenprogrammen; die Figuren seiner im Großen und Ganzen Mittelstandsstorys kennt er also gut – er spielt sie ja auch. Und so kommen einem die Charaktere im Buch durchaus vertraut vor. Es sind Stipsits Humor und sein großes Herz, der aus ihnen und mittels derer er über sie spricht, die die Verwandtschaft herstellen.

Die Geschichten handeln vom Glück. Nicht von dem, das der Wiener „a Masn“ nennt, sondern vom Glücksgefühl, vom Glücklichsein und – ganz wichtig – vom Schokoglück. Stipsits schreibt über die Gunst des Schicksals. Sie widerfährt 26 Menschen, von A wie Andreas bis Z wie Zita, die beiden gleichsam eine Klammer fürs Buch. Der Augustin-Verkäufer und die Upper-Class-Tussi waren in der gleichen Schulklasse.

Nun ist er völlig abgesandelt und sie reich verheiratet. „Das Schicksal schlug aus wie ein panisches Pferd. Die große Sehnsucht nach einem guten Leben, Reichtum und endlosem Vergnügen gepaart mit Phlegma hatte in Andreas Lebensgeschichte tiefe Wunden hinterlassen“, schreibt Stipsits. Der im Übrigen alle seine Figuren liebt. Er wünscht ihnen nur das beste, was anderes würde er mutmaßlich gar nicht aushalten, und so gibt es für Zita Läuterung im noblen Dirndlladen und für Andreas ein Happy End. Sipsits erfindet für seine Geschöpfe vielfältige, ideenreiche Settings, manche der Momentaufnahmen sind flott und fröhlich, manche melancholisch, manche lassen sich Zeit, bis sie ihr Geheimnis preisgeben, die eine oder andere verweigert sich dem ganz, Stipsits Sprache dabei stets präzise und prägnant in der Beschreibung.

Bild: pixabay.com

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Wer den Autor vom Kabarett kennt, wird einige seiner Lieblingsthemen und -dinge wiederfinden. Thujen kommen natürlich vor, Karpathos kommt vor, Stinatz ist selbstverständlich ein Schauplatz, wo im Wirtshaus die „Färbel“-Abende stattfinden, und der Wirt bei diesem Kartenspiel während des angeblichen Vortrags kroatischer Volkslieder betrügt: „Es versteht sich von selbst, dass er keine kroatischen Weisen sang, sondern eher Chansons mit dem Inhalt: ,Der hat a Herz-As, der hat a Pik-Sieben …‘ Für diese Leistungen verrechnete er seinen Stinatzer Kartenkomplizen stolze 25 Prozent der Einnahmen.“ Es gibt wie in „Triest“ einige jener Sätze, denen es keine Beachtung zu schenken gilt: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Wir haben damals nichts gehabt. Wenn du nicht aufisst, scheint morgen nicht die Sonne … Und eine Hommage an die Mistkübler der MA48, diese „Helden der Kehrrichterei“, die dank ihres Koloniatruppen-Matras „ignorieren, ignorieren, ignorieren“ hysterisch hupende Autofahrer – na, eben – ignorieren können.

Alle seine Geschichten seien im Kern wirklich wahr, ob selbst erlebt oder erzählt bekommen, so Stipsits. Und so kann man bei ihm nachlesen, wie man unliebsame Einladungen möglichst elegant ausschlägt, wie ein Durchschnittstyp sich ein Megaweib sichert, auch wenn die keines ist, was es bedeutet, wenn man im Haus gegenüber drei Mal den selben Mord mitansehen muss, und wie man sich verhalten sollte, wenn die Seitensprung-Konkurrenz kein anderer als ER ist.

Bild: pixabay.com

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Stipsits kramt anstandslos auch im Privaten. Christian verfährt sich auf dem Weg zum Nova-Rock-Soundcheck und begegnet einer jungen, geheimnisvollen Frau. Emil hat noch eine Besprechung mit dem Big Boss, bevor er seinen neuen Job antritt; seine neuen „Bediensteten“ werden eine derzeit noch schreiende blonde Frau und ein nervös auf und ab tigernder Mann sein. Katharina kämpft mit einer Diät und ihrem Schokoaufstrichgusto, während sie die „Ich schau, ob ich zugenommen habe“-Hose im Schrank beäugt. Eine solche hat man selber auch. Sie hängt neben dem „Jö, ich habe abgenommen“-Rock, dieser ein Fake, weil mit Gummizugbund … Unter M ist Stipsits nicht Manuel, sondern Michael eingefallen, ein Kabarettkollege, der nach einem Auftritt in der ausverkauften Stadthalle die lieblos angerichtete Wurstplatte im Backstage-Bereich bejammert, diese ein bekanntes Kleinkünstlertrauma, bevor er im Pub seines Vertrauens eine hochnäsige Burgschauspielerin zur Schnecke macht. Nia würde man drauf kommen, wer da gemeint ist. Hansi Hinterseer erscheint als er selbst, und ist so herzlich wie in echt.

Zu guter Letzt erst das I, das Ich. Dazu nicht Alexander von Biczos „Vogerl“-Zitat, sondern die Nöstlinger: „Glück ist was für Augenblicke“. So kann man bei dieser Lektüre von Geschichte zu Geschichte, von Augenblick zu Augenblick glücklich sein. Thomas Stipsits hat ein Buch geschrieben, das einem im vor der Tür stehenden Herbst die Seele wärmen wird.

Über den Autor:
Thomas Stipsits, 1983 in Leoben geboren, schrieb bereits in der Schule Lieder und kleine Sketche. 2000 erhielt er den Kärntner Kleinkunstpreis. 2004, gemeinsam mit Klaus Eckel, Pepi Hopf und Martin Kosch den Österreichischen Kabarettförderpreis. Sein Programm „Griechenland“ feierte Anfang 2006 Premiere, aktuell tritt er zusammen mit Manuel Rubey und seinem Bruder Christian mit dem Programm „Gott & Söhne“ auf. Er ist in zahlreichen Fernsehproduktionen („Braunschlag“, „Tatort“, „Vorstadtweiber“) und Kinofilmen (aktuell: „Baumschlager“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26085) zu sehen und tritt regelmäßig in „Was gibt es Neues?“ auf. Zusammen mit seiner Frau Katharina Straßer gestaltete er im ORF die Comedy-Serie „Gemischtes Doppel“. Die beiden haben einen gemeinsamen Sohn, Emil. Als Musiker tritt er mit Ulli Bäer und Willi Gansterer mit der Danzer-Hommage „Von Danzer bis Stinatz“ auf.

Ueberreuter Sachbuch, Thomas Stipsits: „Das Glück hat einen Vogel“, Kurzgeschichten, 160 Seiten.

www.ueberreuter-sachbuch.at

www.stipsits.com

  1. 9. 2017

Schauspielhaus Wien: Möglicherweise gab es einen Zwischenfall

November 7, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie schnell man Anders denkt

Steffen Link, Vassilissa Reznikoff im Video und an der Wand, Sophia Löffler Bild: © Matthias Heschl

Steffen Link, Vassilissa Reznikoff im Video und an der Wand, Sophia Löffler
Bild: © Matthias Heschl

Da ist es passiert. Als vom „europäischen Projekt“ die Rede war und davon, es zu schützen, etwas zu bewegen und verändern zu wollen. Als man innerlich applaudierte und schon über die Sinnhaftigkeit des politischen Mordes philosophierte. Da kam der eine entlarvende Satz und – es ist Breivik. Wie schnell man Anders denkt. Wo man doch dachte, man sei gefeit gegen dieses „Ich mag ihn nicht, aber in einem hat er schon recht“, gegen dieses rausgerotzte HaaaCee – Gesundheit! Perfide, ein Publikum so in die Falle zu locken. Böse. Bravo. Das ist, ist ihm zu unterstellen, genau, was Chris Thorpe will, geht es doch auch in seinem Bühnensolo „Confirmation“, das er am 15. November im Schauspielhaus Wien performen wird, um die dünne Linie zwischen Argument und Agitation.

Der neue Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen holt den gefeierten britischen Dramatiker endlich nach Wien, die zweite Produktion am Haus war seine Premiere: „Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“ als deutschsprachige Erstaufführung. Passend ins Konzept, weil sich auch Thorpe dem Devised Theatre verschrieben hat, bei dem Autorschaft Gemeinschaftswerk ist. Thorpe ist so poetisch wie politisch, sein Text ausgeatmetes Statement, am Anfang war das Wort, dann Literatur. Papier werden sie noch essen auf der Bühne. Dort stehen vier, eigentlich drei und eine geteilte, Figuren nebeneinander, die ineinander monologisieren und, wie es Regisseur Marco Štorman wunderbar gelöst hat, in Dialog treten, ohne miteinander zu sprechen. Die Geste ist im Politischen bedeutsam. Jeder Blick zählt eine Stimme. Auftreten: Die Politikerin, ehemals Bürgerrechtlerin, nun Diktatorin, die sich mit einem Volksaufstand konfrontiert sieht. Der Mann, ein Geheimdienstler?, nein: Fotograf Jeff Widener, der einen Mann beobachtet, der sich mit seinen Einkaufssackerln vor die auf den Platz zurollenden Panzer stellt. Die Flüchtlingsfrau im Flugzeug. Jemand wird verhört. In einem Verschlag, versteckte Kamera.

Thorpe hat Text montiert, eine Assoziationsfläche freigeschaltet. Anders Breivik und Boko Haram, die Ceaușescus auf dem Balkon, der Al-Shabaab-Mörder Mohammed Ahmed Mohamed, der sich mit einer Burka unkenntlich machte und so Scotland Yard entkam, auch Al-Qaida und IS haben sich schon gedragt, Putin, Breschnew, Bokassa …  Der Tank Man auf dem Tian’an Men Platz. Ob er exekutiert wurde? „Er lebt noch, das ist so ein Gefühl von mir“, sagte Widener. Eine Folterversuchsanordnung mit Klebeband. Štorman erzählt zu Thorpes Story seine eigenen Bildgeschichten. Ein Film läuft ab. Der Mensch als Aufmarsch in Auflaufform. Am Ende suchen die drei Schauspieler als Forensiker in Schutzkleidung nach den Überresten des Flugzeugsabsturzes. Wie Astronauten sehen sie aus, als ließe sich das alles nur von außen begreifen. Die Flüchtlingsfrau … „… gab es einen Zwischenfall“. Lockerbie ist immer noch eine offene Wunde.

Vassilissa Reznikoff spielt diese Schutzsuchende, Steffen Link den Fotografen, dem eine Momentaufnahme des für einen Moment wichtigsten Mannes der Welt gelang, Sophia Löffler die ans Mikrophon geklammerte Politikerin. Ich habe nur meine Pflicht erfüllt. An Schreibtischen sitzend beginnen sie, langsam, leise, singen Thorpes verstörend melancholische Sprachmelodie. Mit der professionellen Freundlichkeit von Krankenbetreuern konterkarieren sie die Grauenhaftigkeit des Geschilderten. Doch das eskaliert, das muss explodieren. Der Text wird dichter. Intensiv erzählen sie dann von sich und den anderen, schauen sich nach Bestätigung um, geben einander Halt, Schutz suchen sie alle, die Opfer und die Täter und die um Objektivität ringenden Beobachter. Der indonesische Journalist und Menschenrechtsaktivist Seno Gumira Ajidarma hat so einen Roman über Ost-Timor geschrieben, er heißt „Jazz, Parfüm & Der Zwischenfallwww.mottingers-meinung.at/?p=15341

Wieder reingefallen, die Historie dient der Bespiegelung. Thorpe verweist auf Behauptung, verweist auf die Wahrnehmung von Ereignissen und wie diese sie wandelt. War da was? „Möglicherweise gab es einen ….“ Die Situation beklemmt, die Zeit steht. Stille. „Ich wollte eine Art Pause schaffen, um nachzudenken“, sagte Breivik. Wie ein perverser Krimi ist das, man will wissen, wie und wer und wie zusammen, und muss nicht Antworten suchen, sondern neue Fragen stellen. Das Foto wird als Instrument der Manipulation entlarvt. Die Nachricht. „Als ich die erste Zeitung schließen musste, tat ich es, weil ich an Pressefreiheit glaube.“ Berührend, beinah schön, das Schlussbild, wenn die Darsteller aus ihrer Kleidung steigen und damit und den Stühlen die Toten formen. Thorpe zeigt alle Spielarten von Terror. Um Ordnung zu erhalten, um sie zu (zer)stören. Mit Terror ist ein Staat zu machen. Thorpe erzählt von Führerwahn und Staatsstreichverblendung und schleichendem Faschismus. Sein Stück nimmt jede Sicherheit. Es dringt unterm Bewusstsein vor ins Hirn. Die Schweigespirale dreht sich. Pegida reißt das Maul auf. Simon Stephens sagt: „Nobody makes me think harder than Chris Thorpe“. Also!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=0I37ltgF3d8

TIPP: Chris Thorpe spielt am 15. 11. „Confirmation“: www.youtube.com/watch?v=l4VRYMM0bKo

Auftakt im Schauspielhaus Wien, Rezension „Punk & Politik“: www.mottingers-meinung.at/?p=15730

www.schauspielhaus.at

Wien, 7. 11. 2015

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter

September 16, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Spät noch spottet die Drossel

Gehe hin stelle einen Waechter von Harper Lee

Gehe hin stelle einen Waechter von Harper Lee

Na, wenn das mal nicht die Nachtigall stört. Da schrieb eine junge Lady aus den Südstaaten 1957, wohl befeuert von der Kraft einer Rosa Parks und eines Martin Luther King, einen Roman und sah sich statt eines Bus- mit einem quasi Buchboykott konfrontiert. Ihre Lektorin Therese von Hohoff Torrey riet der jungen Lady von einer Veröffentlichung ihrer Gedanken ab – und zu versöhnlicheren. Harper Lee schrieb ihren Weltbestseller „Wer die Nachtigall stört“. Der Vogel ist eigentlich eine Spottdrossel, a mockingbird, und spät aber doch: Nun spottet diese Drossel. Denn der zwanzig Jahre danach angesiedelte literarische Vorgänger mit dem etwas sperrigen Titel „Gehe hin, stelle einen Wächter“ wurde nun (wieder-)gefunden und veröffentlicht. Die Story mit dem ach so zufällig von der geschäftstüchtigen Lee-Anwältin Tonja Carter gefundenen Schatz im Safe ist eine eigene, man kann nur hoffen, dass hier im Sinne der 89-jährigen Schriftstellerin gehandelt wurde, und hat nichts mit der Geschichte zu tun …

In dieser entführt Harper Lee einmal mehr – eigentlich zum ersten Mal – nach Maycomb, Alabama. Das Personal ist großenteils bekannt: Scout Finch, die nun Jean Louise genannt werden will, ist keine kindlich-naive Ich-Erzählerin mehr, sondern lässt über sich berichten, ist 26 Jahre alt, lebt und arbeitet in New York und kommt auf Urlaub nach Hause. Dort führt Atticus‘ Schwester Alexandra den Haushalt, weil die vielgeliebte schwarze Perle Calpurnia in Pension gegangen ist. „Neger“, „negro“, darf man in dem Buch sagen, so die editorische Notiz, weil es zum Zeitkolorit passt. Einer von Calpurnias „Negersöhnen“ wird die Handlung in Gang bringen, hat er doch mit dem Auto unabsichtlich einen Weißen totgefahren und braucht einen Anwalt. Ah! Doch bevor es zu dem kommt, noch ein Schreck: Scouts Bruder Jem ist nicht mehr. Einfach umgekippt wegen eines offenbar von der Mutter ererbten schwachen Herzens, wie Harper Lees Bruder Edwin, der als Pilot den Zweiten Weltkrieg überlebte und 1951 an einem Aneurysma starb. Dann ist da noch Henry Clinton, Hank, ein ehemaliger Schulfreund Scouts, Atticus‘ Protegé, familiär bedingt „white trash“, eine der Depression entstiegene Schicht, die mit den Schwarzen um den Erhalt ihrer Klasse kämpft, der beruflich wie gesellschaftlich in die Finch’schen Fußstapfen treten will und immer schon in Jean Louise verliebt war. Und schließlich Attikus. Überlebensgroß von Gregory Peck zur Ikone aller Aufrechten gemacht. Nun von Arthritis geplagt und Rassist. Einer, der die „Negerbevölkerung“ im Streit mit seiner „farbenblinden“ Tochter als rückständig bezeichnet und sich überdies als Kritiker der NAACP, der National Association for the Advancement of Colored People, entpuppt. Einer, in dessen Zimmer Jean Louise die Hetzbroschüre „Die schwarze Pest“ findet, der nach dem Grundsatz „separate but equal“ agiert. Schlüsselszene ist eine Bürgerratssitzung an gleicher Stelle, an der der Fall Tom Robinson verhandelt wurde, nur dass nun ein weißer Südstaatler unter dem Vorsitz von Scouts Vaters auf übelste Weise für die Rassentrennung plädieren darf.

Lee hat ihrer Leitfigur das Licht entzogen – und es ist weder denen zu trauen, die angesichts dieses Umstands „Pfui!“ rufen, noch denen die darob erklären, so einfach zu beantworten sei diese Rassismusfrage des Romans nicht. Die Botschaft des „Wächters“ ist komplexer und anspruchsvoller als die der „Nachtigall“, wo der Appell zur Empathie alles war, die Charaktere sind ihrer Eindimensionalität entkleidet, zwiegespaltener, facettenreicher. Nun heißt es nach dem titelgebenden Bibelwort Jesaja 21, 6: „Der Wächter eines jeden Menschen ist sein Gewissen. So etwas wie ein kollektives Gewissen gibt es nicht.“ Vieles an diesem Buch ist erstaunlich, erstaunlicher als an seinem Nachfolger, ein unglaublich mutiges Produkt der 1950er-Jahre und unheimlich aktuell. Wegen Baltimore, Ferguson, Charleston, Hempstead … und Lees unmittelbarer Nachbarschaft Tuscaloosa. Wegen Wahlkämpfern, Stimmenfängern auf beiden Seiten des Ozeans, deren Hasslitaneien mit immer den selben Worten die immer gleichen Nicht-Argumente wiederkäuen und damit auftrumpen wollen. Onkel Jack ist in diesem Zusammenhang eine großartige Figur, wenn er argumentiert, dass die Besitzenden keinen weiteren Besitz mehr anhäufen werden können, wenn die Yankees, heißt: die Demokraten, Herr, Obama Dich unser!, ein völlig überflüssiges soziales System aufbauen, dass die Schwachen, ergo „die Krausköpfe“ stützt und schützt. Im Land of the Free darf einem doch nicht die Freiheit genommen werden, in Armut unterzugehen.

Vor derlei Dingen wiegt einen Harper Lee durch gefährlich gefällige Anekdoten, Begebenheiten aus Scouts Kindheit und Jugend – etwa die, wie Scout anlässlich ihrer ersten Menstruation überzeugt ist, sterben zu müssen, weil Atticus sie natürlich nicht übers Frau werden aufgeklärt hat – immer wieder in Sicherheit, auch wenn die Grauslichkeit durchblutet. Ihr Buch ist wie ein Gemälde von Andrew Wyeth. Allein die Ortsbeschreibung: „Wenn man nicht viel brauchte, war alles reichlich vorhanden“, so miefig, Tante Zandras Korsetts ein Synonym für die Enggeschnürtheit dieser Gesellschaft, man möchte aggressiv werden, würde einen nicht der spitzbübische Tonfall der Autorin zum Schmunzeln bringen. Sie zwinkert einem beim Lesen sozusagen verschwörerisch zu. Doch auch ihre Sympathieträgerin schont die Schreiberin nicht: „Sie war verschwenderisch mit ihrem Mitleid und selbstgefällig in ihrer geborgenen Welt“, formuliert sie über Jean Louise, nach heutiger Lesart auch sie von Rassismus nicht frei, sondern befallen von einer Art Toleranzrassismus, einer Gönnerhaftigkeit, nach der man „denen“, die nicht „wir“ sind, von ganzem Herzen auch was Gutes gönnt …

In der brodelnden Buchstabensuppe Süden wird Sprache als Waffe eingesetzt, „Niggerslang“ zur bewusst gewählten Abgrenzung von den Weißen. Die Übersetzer Ulrike Wasel und Klaus Timmermann setzen das gekonnt um und verhindern wie nebenbei, dass Harper Lees Text zum didaktischen Druckkochtopf wird. Sie finden für Lees klare, emanzipierte Gedanken, für ihre selbstbewusst schlagfertigen Worte unmittelbare und sehr atmosphärische Bilder. Lieblingsszene ist die eines Ehemalige-Schulfreundinnen-Kaffeekränzchens, das Alexandra, diese Blanche-DuBois-Gestalt, ihrer Nichte Jean Louise aufgezwungen hat, wo wild Gandhi, Kommunisten und Katholiken als Alleseins in eben diesen Topf geworfen werden, während Jean Louises Gedanken zum Geplapper sind: „Ich würde gerne deinen Kopf auseinander nehmen, eine Tatsache hineingeben und zusehen, wie sie durch deine Hirnwindungen läuft, bis sie aus deinem Mund wieder herauskommt.“ Gegen verschobene Wahrnehmung ist bis heute kein Kraut gewachsen.

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist das Manifest einer, die an das „Frei und gleich an Würde und Rechten geboren“  glaubte. Interessant, wie man sich hier mit der Autorin identifiziert, deren Figuren keine Identifikationsfläche mehr bieten. Schade, dass einen die späte Veröffentlichung des Aufschreis beraubt, den das Buch bei seinen Zeitgenossen mutmaßlich entfesselt hätte. Schade, dass Harper Lee sich entschloss, nicht mehr zu publizieren. Sie hätte einer Welt, deren Menschlichkeit immer noch in den Geburtswehen liegt, sicher viel zu sagen gehabt. Die Rassismusfrage? Wird zu der von Mitläufertum ob gesellschaftspolitischen Drucks. Jean Louise fragt: „Wie kannst du mit dir selber leben?“ Und Atticus antwortet: „Das ist verhältnismäßig leicht. Manchmal äußere ich meine Überzeugungen einfach nicht, das ist alles.“ Klar, dass das nicht alles sein darf.

Über die Autorin:
Harper Lee wurde 1926 in Monroeville, Alabama geboren. Sie studierte ab 1945 Jus an der Universität von Alabama, ging aber vor dem Abschluss nach New York und arbeitete bei einer internationalen Luftverkehrsgesellschaft. Für das 1960 veröffentlichte Debüt und ihr bisher einziges Buch „Wer die Nachtigall stört“ erhielt sie mehrere Preise, unter anderem den Pulitzer-Preis. Der Roman zählt zu den bedeutendsten US-amerikanischen Romanen des 20. Jahrhunderts, wurde in 40 Sprachen übersetzt und hat sich international etwa 40 Millionen Mal verkauft. „Gehe hin, stelle einen Wächter“ wurde von Harper Lee vor ihrem Weltbestseller „Wer die Nachtigall stört“ geschrieben. Der Roman galt bisher als verschollen und erschien nun, fast sechzig Jahre später, weltweit zeitgleich. Harper Lee, 2007 mit der amerikanischen Freiheitsmedaille des Präsidenten ausgezeichnet, lebt heute zurückgezogen in ihrem Heimatort.

DVA, Harper Lee: „Gehe hin, stelle einen Wächter“, Roman, 320 Seiten. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

www.randomhouse.de/dva

Wien, 16. 9. 2015