Erste Selenskyj-Biografie / Robert Misiks Putin-Analyse

Juni 30, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Heute Abend: Das erste Selenskyj-Interview in Österreich

Gebannt blickt die Welt seit Monaten auf die Ukraine und deren Präsidenten. Nun erscheint am 25.  Juli, das E-Book bereits am 11. Juli, auch hierzulande die erste Wolodymyr-Selenskyj-Biografie des ukrainischen Journalisten Sergii Rudenko, die vom Autor für die deutschsprachige Ausgabe freilich aktualisiert wurde. 

„Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“. Im Februar 2022 geht dieser Satz um die Welt. Über Nacht wird Wolodymyr Selenskyj vom angeschlagenen Präsidenten der gefühlt fernen Ukraine zur zentralen Figur im Kampf für ein freies Europa. So wenig sich der Westen trotz des Kriegs im Donbass für die Ukraine interessierte, so wenig war bekannt über den Mann, der vom Juristen zum Komiker zum Staatsmann geworden war und nach den Maidan-Protesten gegen Korruption und für eine Annäherung an Europa antrat.

Sergii Rudenko, seit vielen Jahren Journalist in Kyjiw, hat Selenskyjs erste Biografie geschrieben. Sein Buch ist die ausgewogene Geschichte eines ungewöhnlichen Politikers, das lebendige Porträt eines Helden, der keiner sein wollte – und eine unverzichtbare Quelle für alle, die den Mann verstehen wollen, der

Putin die Stirn bietet und mit seinem Land längst zum Verteidiger der freien Welt geworden ist. Das große politische Buch über ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj – ein notwendiger Blick in die jüngere Geschichte der Ukraine …

Über den Autor: Sergii Rudenko, geboren 1971, ist ein in Kyjiw beheimateter ukrainischer Journalist. Im ukrainischen Programm der Deutschen Welle ist er mit einer wöchentlichen Kolumne vertreten. Außerdem ist er leitender Redakteur beim privaten Informationssender Espreso.tv, der 2014 aus der Maidan-Bewegung hervorgegangen ist. Sein in der Ukraine 2020 erschienenes Buch ist die erste Biografie Selenskyjs und wurde für die internationale Publikation aktualisiert.

Hanser Verlag, Sergii Rudenko: „Selensky. Eine politische Biografie“, Sachbuch, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten und Jutta Lindekugel. 

www.hanser-literaturverlage.de

Über Wolodymyr Selenskyj: Wolodymyr Selenskyj ist seit Mai 2019 der Präsident der Ukraine. In seinem Heimatland wurde er außerdem bekannt als Schauspieler, Kabarettist, TV-Moderator und Filmemacher. Er war Mitinhaber und künstlerischer Leiter des Filmstudios Kvartal95/Wohnblock 95 und Produzent des Fernsehsenders Inter. Selenskyj wurde 1978 in einer jüdischen Familie in Kriwoi Rog in der Ukraine geboren. Sein Vater ist ein ehemaliger Kybernetik-Professor, seine Mutter Ingenieurin. Nach der Matura 1995 studierte er Rechtswissenschaft in Kyjiw, arbeitete jedoch nie als Jurist. Stattdessen zog es ihn in die Unterhaltungsbranche: Ab 1997 war er mit seiner Kabarettgruppe Kwartal 95, mit der später eine Fernsehproduktionsgesellschaft entstand, auf Tour durch Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

Durch die Teilnahme an der ukrainischen Version der TV-Show „Dancing with the Stars“  wurde Selenskyj 2006 landesweit bekannt. Weitere Popularität erlangte er als Schauspieler: 2015 war er in der satirischen TV-Serie „Sluha narodu“/“Diener des Volkes“ zu sehen. Ähnlich wie in seiner eigenen Lebensgeschichte wird auch seine Figur Wassilyj Petrowytsch Holoborodko zum Präsidenten der Ukraine gewählt. 2016 wurde ein Film zur Serie ausgestrahlt. Danach mehrten sich Gerüchte, dass Selenskyj für das Amt des Präsidenten kandidieren werde.

Bild: pixabay.com

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Im März 2018 wurde tatsächlich die nach dem Fernseherfolg genannte Partei Sluha narodu gegründet. Am Silvesterabend 2018 gab Selenskyj dann seine Präsidentschaftskandidatur bekannt. Er siegte in der Wahl und wurde am 20. Mai 2019 zum sechsten Präsidenten der Ukraine. In seiner teils auf Ukrainisch, teils auf Russisch gehaltenen Antrittsrede erklärte er die Aufhebung der Annexion der Krim durch Russland sowie das Vorgehen gegen die prorussischen bewaffneten Separatisten in den ostukrainischen Oblasten Donezk und Donbass zu seinen vorrangigen politischen Zielen – militärische Konflikte, die seit 2014 zunehmend eskalierten.

Selenskyj kündigte außerdem an, die Immunität von Abgeordneten aufzuheben und eine Initiative gegen Bereicherung im Amt einleiten zu lassen. Zusätzlich strebe er die Entlassung des Generalstaatsanwalts und des Geheimdienstchefs an und legte der gesamten Regierung den Rücktritt nahe. Bei den Neuwahlen gewann seine Partei 424 von 254 Parlamentssitzen. Selenskyj verabschiedete mithilfe des neuen Parlaments ein Lobbygesetz, das den Einfluss der Oligarchen offenlegte und beschnitt. Seit Geltung dieses Gesetzes ist es Oligarchen in der Ukraine verboten, Parteien zu finanzieren. Amtspersonen müssen zudem jedes nicht-öffentliche Treffen mit Oligarchen deklarieren.

2020 machte Selenskyj das jüdische Neujahrsfest Roch ha-Schana zum nationalen Feiertag. Weitere Kernanliegen vor dem derzeitigen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine waren die Privatisierung staatlicher Unternehmen, die Schaffung eines Marktes für Agrarland sowie die geographische Lage der Ukraine stärker zu nutzen, um sie als Transitland zwischen Europa und Asien attraktiv zu machen. Auch sollte die Ukraine unabhängiger von russischer Energie werden. Natürlich ist auch Selenskyj – zumindest bis vor seinem aktuellen Heldenstatus – nicht unumstritten gewesen, sei es wegen seiner Nähe zum ehemaligen PrivatBank-Gründer Ihor Kolomojskyj oder seinen Entwürfen zu einem neuen Arbeitsrecht mit At-Will-Employment und Null-Stunden-Verträgen, gegen die nicht nur die Gewerkschaften, sondern auch Human Rights Watch protestierten. Im Oktober 2021 wurde im Zuge der Pandora Papers vermutet, dass Selenskyj eine Briefkastenfirma in einer Steueroase betrieben haben soll.

Erstmals in die internationalen Schlagzeilen geriet Selenskyj, nachdem ihn der damalige US-Präsident Donald Trump in einem Telefonat im Juli 2019 aufgefordert hatte, Ermittlungen gegen Joe Biden, seinen Gegenkandidaten im Präsidentschaftswahlkampf, anzustellen. Als Gegenleistung sollte die Ukraine Militärhilfe erhalten. Nach Bekanntwerden des Telefonats musste sich Trump einem Amtsenthebungsverfahren stellen. Selenskyj erklärte, dass ihn als Präsident eines unabhängigen Landes niemand unter Druck setzen könne. „Ich bin eine absolut unabhängige Person. Ich möchte niemanden beleidigen, aber derjenige, der mich kontrollieren wird, ist noch nicht geboren“, so Selenskyj. Privates: Selenskyj ist seit 2003 mit Olena Selenska erheiratet. Das Paar hat zwei Kinder, Oleksandra, geboren 2004, und Kyrylo, geboren 2013.

4GAMECHANGERS: Das erste Interview mit Wolodymyr Selenskyj in Österreich

Heute Abend, 20.35 Uhr, holen die Kooperationspartner ORF und PULS 4 Wolodymyr Selenskyj – unter Vorbehalt aktueller Ereignisse – für ein Livegespräch zum 4GAMECHANGERS Festival virtuell nach Wien. Via Live-Schaltung wird der ukraininsche Präsident vor vor 4.000 ZuseherInnen in der Marx Halle und vorm Fernsehpublikum einen Appell an die ÖsterreicherInnen richten und über die humanitäre Situation und die aktuelle Lage in der Ukraine berichten. Er spricht  im Beisein von Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Karl Nehammer.

Link zum Live Switch In / Wolodymyr Selenskyj beim 4Gamechangers-Festival: 4gamechangers.io/de/s/wolodymyr-selenskyj

Robert Misik: Putin. Ein Verhängnis

Ebenfalls im Juli erscheint „Putin. Ein Verhängnis“ von Robert Misik. Der Journalist und Sachbuchautor zeichnet ein Regime und das Charakterbild eines rücksichtslosen Despoten, der Europa die Friedensordnung raubt, an die man sich gewöhnt hatte.

Wladimir Putin hat alle an der Nase herumgeführt. In den Neunziger-Jahren galt er als Demokrat, doch bewunderte Augusto Pinochet. Nachdem er sich ins Präsidentenamt trickste, beginnt er mit einer Seilschaft hartgesottener KGB-Leute, Russland zur autokratischen Despotie umzuwandeln. Und genauso schnell bastelt er sich eine Staatsphilosophie. Deren Elemente: autokratischer Führerkult, Patriotismus, Imperium, orthodoxe Spiritualität – und Gekränktheit.

Dabei stützt er sich auch auf faschistische Denker, etwa auf Ivan Iljin, der Hitler und Mussolini hochschätzte. Und er spinnt Netzwerke im Westen, um die Demokratien zu spalten. Putin stilisiert sich zum harten Kerl, zum starken Mann, mit vulgärer Sprache und einer Rhetorik der Gewalt. Nach dieser Lektüre bleibt nur die Frage: Wie konnte die Welt so blind sein?

Über den Autor: Robert Misik, geboren 1966, ist Journalist und politischer Schriftsteller und schreibt regelmäßig für die Berliner tageszeitung, Die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung und den Falter. Zahlreiche Preise, etwa der Bruno-Kreisky-Förderpreis, 2010 Journalist des Jahres in der Kategorie Online, 2009 Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik. Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschienen im Picus Verlag „Was Linke denken“, „Ein seltsamer Held“, „Herrschaft der Niedertracht“ und „Die neue (Ab)normalität“. 2022 erscheint „Putin. Ein Verhängnis“. Auf der Homepage des Autors www.misik.at findet sich auch der Link zur zehnteiligen Blog-Reihe „Putin vestehen – Die Serie“.

Picus Verlag, Robert Misik: „Putin. Ein Verhängnis. Warum Wladimir Putin Russland in eine Despotie verwandelte und jetzt Europa bedroht“, Sachbuch, 176 Seiten.

www.picus.at           www.misik.at

Über Wladimir Putin: Putin kam 1952 in Leningrad, heute Sankt Petersburg, als Kind eines kommunistischen Fabrikarbeiters zur Welt und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Er war das dritte Kind der Familie, seine beiden Brüder starben schon im Kindesalter. Schon als Jugendlicher interessierte sich Putin für Kampfsportarten, mit 18 Jahren erreichte er im Judo den schwarzen Gürtel.

Nach der Schule studierte er Jus, um 1975 als Agent in den Dienst des KGB zu treten. In den Anfangsjahren arbeitete er überwiegend in der Auslandsspionage. Mitte der 1980er-Jahre ging er mit seiner Frau Ljudmila, einer Deutsch-Dozentin, die er 1983 geheiratet hatte, nach Deutschland. In Dresden wurde ein Jahr nach der Geburt seiner ersten Tochter Maria in Leningrad, 1986 die jüngere Tochter Jekaterina in Dresden geboren. Während er offiziell für das deutsch-sowjetische Freundschaftshaus in Leipzig zuständig war, warb er tatsächlich Agenten in Ost- und West-Deutschland an. Putin spricht fließend Deutsch.

Bild: pixabay.com

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Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kehrte er 1990 zurück nach Russland. Ab 1997 arbeitete Putin im Kreml und wurde dort Leiter des föderalen Sicherheitsdienstes und 1999 Nationaler Sicherheitsberater von Präsident Boris Jelzin. Im gleichen Jahr übernahm Putin das Amt des Ministerpräsidenten. Ein Jahr später gewann er mit absoluter Mehrheit die Präsidentschaftswahlen und wurde zum Nachfolger Jelzins, der ihn als seinen Wunschkandidaten vorschlug. In Putins erste Amtszeit bis 2004 fallen der erste und zweite Tschetschenienkrieg, doch konnte sich Russland auch wieder als Supermacht etablieren. Die Wahl zum Präsidenten, die Putin inzwischen viermal für sich entscheiden konnte, stufen internationale Beobachter weder als frei noch als fair ein.

Spätestens seit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 ist deutlich, dass Wladimir Putin ein Machtmensch ist und dass er den Zusammenbruch des Sozialismus als Demütigung empfindet. Die Annäherungen des Westens und die Ausdehnung des Militärbündnisses Nato in die ehemaligen Sowjetischen Staaten beunruhigen ihn zunehmend. Die weitere Demokratisierung der Ukraine führte letztendlich dazu, dass Russland am 24. Februar 2022 mit einem Großaufgebot an Soldaten und Waffen im „Bruderstaat“ einmarschierte. Täglich berichten seither die Medien vom russischen Terror und von gezielten Anschlägen auf die Zivilbevölkerung.

Wladimir Putin insziniert sich gern als Macho und Naturbursche. Für mediales Aufsehen sorgten seine arrangierten Urlaubsfotos aus dem August 2007, die ihn mit nackten Oberkörper auf einem Pferd reitend zeigten. Er setzt sich für die Sibirischen Tiger ein, gibt für weltweit veröffentlichte Fotos schon mal einem Elchkalb das Fläschen oder geleitete Kraniche im Ultraleichtflieger in die Freiheit.  2014 wurde die Scheidung von seiner Frau Ljudmilla bekannt. Schon vorher, ab 2008, soll er mit der ehemaligen Rhythmischen Sportgymnastin und Olympiateilnehmerin Alina Kabajewa liiert gewesen sein, auch gemeinsame Kinder sollen existieren.

30. 6. 2022

Belvedere Orangerie: Dalí – Freud. Eine Obsession

Januar 24, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Psychoanalyse und die Poetik des Surrealismus

Salvador Dalí, Cisnes reflejando elefantes (Schwäne spiegeln Elefanten wider), 1937. Esther Grether Familiensammlung © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022 / Bild: Robert Bayer, Bildpunkt

Salvador Dalí verehrte Sigmund Freud. Das zeigt sich deutlich im Werk des großen Surrealisten, in dem Kernthemen der Psychoanalyse wie Unterbewusstes und Traumhaftes eine zentrale Rolle spielen . Die umfassende Ausstellung in der Belvedere Orangerie „Dalí – Freud. Eine Obsession“ zeigt ab 28. Jänner, wie sehr sich der Künstler konkret mit Freuds Theorien auseinandersetzte. Am 19. Juli 1938 traf Salvador Dalí in London den aus Wien geflohenen Sigmund Freud.

Das erste und einzige Treffen des Künstlers mit seinem Idol war auf Vermittlung von Stefan Zweig und Edward James zustande gekommen. Das Belvedere zeigt anhand von 150 Werken – darunter Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Filmen, Büchern, Zeitschriften, Briefen und anderen Dokumenten den Einfluss des Psychoanalytikers auf das Werk Dalís. Die Ausstellung verweist damit auf die enge Verbindung zwischen zwei der bedeutendsten Strömungen des 20. Jahrhunderts. Präsentiert werden etwa neue Forschungserkenntnisse, die zeigen, wie surrealistische Kunst den theoretisch oftmals besprochenen Zusammenhang zwischen Psyche und Physiologie von Nervengewebe aufgriff und veranschaulichte.

Salvador Dalí hatte ab den frühen 1920er-Jahren Zugang zu Übersetzungen der Schriften Freuds und studierte sie ausführlich. Davon beeinflusst setzte er sich ab 1926 mit der Poetik des Surrealismus auseinander und entwickelte eine neue Bildsprache, die sein Werk bis heute einzigartig macht. Persönlich traf er den Wiener Psychoanalytiker wie gesagt nur ein einziges Mal. Die Ausstellung, kuratier von Jaime Brihuega, schildert diese und weitere wegweisende Begegnungen des Künstlers, wie jene in der Residencia de Estudiantes in Barcelona mit dem Dichter Federico García Lorca oder dem Filmemacher Luis Buñuel.

Salvador Dalí, The Alert (Der Alarmzustand), um 1934. Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch, Berlin © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2021 / Bild: Jochen Littkemann, Berlin

Salvador Dalí, Bildnis Sigmund Freud, 1938. Freud Museum London © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022

Salvador Dalí, Le jeu lugubre (Das düstere Spiel), 1929. Privatsammlung, Schweiz © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022 / Photo White Images/Scala, Florence

Sie wie auch der Histologe und Nobelpreisträger Santiago Ramón y Cajal und dessen Zeichnungen vom Nervengewebe wurden letztlich bestimmend für Salvador Dalís surrealistisches Schaffen. Auch sein familiärer Hintergrund hatte großen Einfluss auf sein Werk, weshalb diesem nein weiterer Augenmerk der Schau gewidmet ist – der Künstler setzte sich mit seiner komplexen Jugend intensiv psychoanalytisch auseinander und verarbeitete diese wiederholt in seinen Gemälden.

Zu sehen bis 29. Mai

www.belvedere.at

24. 1. 2022

Schauspielhaus Graz via VR-Brille: Der Nestroy-Preis-Gewinner „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“

November 22, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Virtuelles Theater, das direkt ins Haus geliefert wird

Mitten in der Postapokalypse trifft der Anthropologe auf eine Frau, die er „Kreuzberg“ nennt: Nico Link und Katrija Lehmann. Bild: © Johanna Lamprecht

Bei der gestrigen Nestroy-Preis-Verleihung mit dem Corona-Spezialpreis ausgezeichnet, kann die mit einer 360-Grad-Kamera produzierte Virtual-Reality-Inszenierung des Schauspielhaus Graz jetzt wieder via VR-Brille mit dem auf ihr gespeicherten Film bei  www.vr-firstrow.com österreich- und deutschlandweit bestellt werden (Infos unten). Gleiches gilt auch für die Kafka-Erzählung „Der Bau“, Regie von Elena Bakirova, mit Florian Köhler als Protagonisten.

VR-Schulpaket

Neu ist ein Angebot, das sich an Schulen wendet: Sowohl „Krasnojarsk“ als auch „Der Bau“ sind ab morgen für Schulen in ganz Österreich als Paket zu vergünstigten Preisen bei Vertriebspartner Firstrow buchbar: die VR-Brillen werden dabei per Post direkt in die Schule zugestellt. Die beiden Produktionen sind in Paketen von jeweils 20, 25 oder 30 VR-Brillen buchbar. Die Preise belaufen sich dabei auf 12,90 € pro Brille (zzgl. Versandgebühr). Das Lieferdatum immer donnerstags ist frei wählbar, das erstmögliche Datum ist der 2. Dezember. Die Brillen stehen den Lehrpersonen ab dem Lieferdatum eine Woche zur Verfügung. Weitere Infos dazu auf der Website von Schauspielhaus Aktiv: www.schauspielhaus-graz.com/schauspiel-aktiv. Hier noch mal die Rezension vom März:

Österreich endzeitlich: Katrija Lehmann und Nico Link in der Weizklamm. Bild: © Johanna Lamprecht

Der zweite Anthropologe: Frieder Langenberger als Bösewicht. Bild: © Johanna Lamprecht

Der Beobachter wird beobachtet: Frieder Langenberger beim Dreh. Bild: © Johanna Lamprecht

Am Lagerfeuer der Postapokalypse

Es hat bis zur Nestroy-Preis-Jury bereits die Runde gemacht, wie in jeder Bedeutung des Wortes fantastisch die Virtual-Reality-Produktion „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ des Schauspielhaus‘ Graz ist. Nun ist es generell erfreulich, mit welch innovativen Ideen Theaterschaffende auf die Corona-Kulturkrise reagieren, mit welcher Verve sie sich in intermediale Welten werfen, doch etwas wie „Krasnojarsk“ hat man noch nie gesehen. Es ist ein Erlebnis, dass jeder und jedem anempfohlen ist! Mittels VR-Brille und Controller, beides einfacher zu handhaben, als die Beschreibung auf den ersten Blick vermuten lässt, erwacht man in der sibirischen Steppe aka Neusiedlersee, gedreht wurde auch im Freilichtmuseum Vorau und in der Weizklamm, einem spooky Lost Place mit ehemaligem Kalkwerk samt Fassspundfabrik, und das erste, das man sieht, ist möglicherweise ein Sonnenuntergang am Horizont.

Möglicherweise, denn beim von Regisseur Tom Feichtinger und Bildgestalter Markus Zizenbacher ausgeklügelten Projekt, entscheidet die Blickrichtung, wen und was man sieht. Der Film läuft rund um einen, im Falle eines Wasserturms und einer Großstadtsequenz sogar über einem. „Krasnojarsk“ des norwegischen Dramatikers Johan Harstad ist dafür wie geschaffen, dieser dystopische Einakter aus Monologen und Berichten, dessen Verfasser die Theater explizit dazu ermutigt, damit zu machen, was immer sie wollen.

Das Sitzmöbel der Wahl ist also ein Drehstuhl, und am besten ist die zu sehende Rundumrealität mit dieser Rückblende oder Traumfantasie zu erklären: Ennuyierte Ehefrau und Mann, der diese längst über hat, sitzen im Heute am gläsernen Esstisch, eine Drehung, man sieht Designercouch, Flat-TV, Terrasse, der Mann, ein Historiker, des Schweigens im trauten Heim überdrüssig, imaginiert eine liebevolle Mittelalter-Gattin, eine Drehung, man sieht sie am hölzernen Esstisch Brot schneiden, eine Schar Kinder rumtoben, das Feuer im Herd, eine Drehung – und von vorn die aktuelle Tristesse.

Zuerst aber folgt man den Spuren des Anthropologen, den Nico Link darstellt. Man begleitet ihn und sein Handwägelchen voller Wasserkanister, Solarpanel und RFID-Transponder. Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes, schildert er, hat die gesamte Erdoberfläche vernichtet, nur eine Handvoll Menschen dürfte überlebt haben. Eine kleine Gruppe etwa in Krasnojarsk, von wo aus man den Wissenschaftler mitten ins Nirgendwo geschickt hat, um Zeichen von Leben und nach Relikten der untergegangenen Zivilisation zu suchen. Doch 4655 ist der Code, den er täglich funkt: kein Fund von Wert. Von Schwarzweiß wird’s komplett schwarz in der Brille, Bildausfall?, nein, Nico Link hat sich weiterbewegt, heißt: weiter drehen und drehen, um nur ja nichts zu verpassen. Schon sitzt man mit Link am Lagerfeuer der Postapokalypse.

Schauspieler und Steppe und See lösen sich im Nichts auf, als würden sie verwehen, dies Gemahnen an Vergänglichkeit und Auslöschung die wehmütig-melancholische Grundstimmung des Films. Gearbeitet wird mit Überblendungen, Zeitebenen überlappen, was ist wahr?, was war?, suggestive Bilder, Szenen von sinnlicher Schönheit entstehen. Der Duft des Grases, später die abgestandene Luft in aufgelassenen Nutzgebäuden reichen bis an die Nase heran.

Da, ein neuer Exkurs, Freunde, die die Erste-Weltkriegsschlacht an der Somme nachspielen – mit echter Munition, um Ex-Freundinnen um die Ecke zu bringen, blutrot glühende Explosionen rechts von, ein Liebespaar im Rosenblätterbett hinter einem, die Frauen siegen … die Figuren überlebensgroß, zum Greifen nah, und – schwöre! – ein-, zweimal gehen sie durch einen hindurch.

Der Drehort in der Steiermark, ein ehemaliges Kalkwerk samt Fassspundfabrik. Bild: © Johanna Lamprecht

Kreuzbergs kostbare Koffer werden aus dem Wasser gefischt: Katrija Lehmann. Bild: © Johanna Lamprecht

Keine Angst vor nassen Füßen hat Katrija Lehmann beim Dreh mit Markus Zizenbacher. Bild: © Johanna Lamprecht

Bildgestalter Markus Zizenbacher und Regisseur Tom Feichtinger mit VR-Brille. Bild: © Johanna Lamprecht

Sie, denn der Anthropologe trifft eines Tages auf eine Frau, die zwei Koffer mit kostbarsten Artefakten mit sich trägt, Handschriften, Briefe und Lebensbeichten, und somit „eindeutige Beweise, dass die Menschen auf den verschwundenen Kontinenten nicht nur gelebt hatten, sondern auch, dass ihre Leben bedeutsam gewesen waren, voller Siege, Sorgen und Verluste, unwiderruflicher Niederlagen“. In einem Anfall von Berlin-Nostalgie nennt er sie „Kreuzberg“, und ihre Spielerin Katrija Lehmann wird bald die sein, der die Sympathien der Betrachterin, des Betrachters gehören – nicht zuletzt, weil sie einen immer wieder direkt anspricht, und mit einem ihre Besorgnis, ihre Belustigung über den komischen Kauz, dem sie in die Hände gefallen ist, teilt.

So gelangt man über Fluss und verlassene Häuser, eine Küche, Kinderspielzeug, bemerkenswert, wie liebevoll detailreich die Sets von Tanja Kramberger ausgestattet wurden!, zu einer Scheune, die sich mitunter aber auch als alte Industrieanlage materialisiert. Atmosphärisch enorm dicht ist das alles. Ein Plattenspieler wird gefunden – dies der Mensch: Musik und Schrift, ein Tänzchen wird gewagt – Sounddesign und 3D-Audio Mix von Elisabeth Frauscher, die Briefe werden gelesen, ein Kuss … und mehr …

Doch kann der Verliebteste nicht seiner Retroromantik frönen, wenn es dem bösen Zweiten Anthropologen nicht gefällt. Der erste, der gerade dabei ist, sich hausherrlich einzurichten, glaubte sich von Krasnojarsk vergessen, da taucht sinister wie ein SS-Offizier Schauspieler Frieder Langenberger auf, mit einer Schar von Schergen. Ein grausamer Gegner, ausgesandt von der Organisation „Neustart“, der es auf den Inhalt der Koffer abgesehen hat und die erkrankte Kreuzberg darob foltert und verstümmelt, während Anthropologe Nummer eins mit den Hartschalensammlungen schnöde das Weite sucht. Wasser flutet das nun zu sehende Theater und überflutet einen selbst, in einer letzten Anrede verrät Kreuzberg das Geheimnis ihrer Briefe …

Fazit: Der Faszination von „Krasnojarsk“ kann man sich nicht entziehen. Die deutschsprachige Erstaufführung ist großes Heimbrillenkino, das Immersionserlebnis schlechthin. Enigmatisch, elegisch, exzeptionell. Visuell kühn, versponnen poetisch, verstörend. Das Stück von Johan Harstads, wiewohl in einer Zeit nach unserer Zeit angesiedelt, ist eines der Stunde. Eine Reflexion über Gemeinschaft und Gesellschaft, erzählt es von Vereinsamung und Verlorensein, aber auch von der Bedeutung, die das Geschichtenerzählen für das Leben und das Weiterleben besitzt. Es fragt nach dem Wert von Kultur und deren Wichtigkeit zum Fortbestehen der Menschheit, ja, der Menschlichkeit – und stellt gleichzeitig deren Begehren und Verlangen und Sehnsüchte aus.

Die Produktion beweist, dass der Theater-Lockdown auch die Chance ist, neue spannende Wege auszuprobieren und auszufeilen – und mit den fabelhaft agierenden Nico Link, Katrija Lehmann und Frieder Langenberger, denen das aberwitzige Kunststück gelingt, die 360° an die Wand zu spielen, dass – Technik hin oder her – das Herz jeder Art von Aufführung sowieso stets die Schauspielerinnen und Schauspieler sind und sein werden. Zum Schluss ein Hoffnungsschimmer auf einem Schimmel: Zu Pferd ist das Mittelalter vielleicht näher als gedacht …

Infos zur VR-Brille für Privatpersonen

Die Virtual-Reality-Produktion „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ des Schauspielhaus‘ Graz ist nun österreich- und deutschlandweit bei der VR-Plattform Firstrow erhältlich. Unter www.vr-firstrow.com kann die Aufführung ab sofort bestellt werden. Diese wird im Anschluss auf einer VR-Brille an die Heimadresse geschickt. Nach zwei Tagen Mietdauer wird die VR-Brille einfach wieder zurückgesendet. Die VR-Erfahrung kostet 18,90 € zzgl. Versandgebühren. Ab morgen gilt für Grazerinnen und Grazer wieder, dass die VR-Brillen (mit „Krasnojarsk“ oder der zweiten 360°-Inszenierung „Der Bau“) innerhalb des Grazer Stadtgebietes per Fahrradkurier zugestellt werden. Diese Versandoption kann man hier buchen: shop.ticketteer.com/SchauspielhausGraz. Oder direkt über die Seite des Schauspielhauses

Trailer: www.youtube.com/watch?v=3KO3BTylhjw           www.schauspielhaus-graz.com            Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44995

„Krasnojarsk“ international

Auch über eine internationale Anerkennung für „Krasnojarsk“ kann sich das Schauspielhaus Graz freuen: Die Inszenierung wurde zum australischen Melbourne Lift-Off Film Festival 2021 eingeladen. Die Filme der Festivalauswahl sind ab 22. November ein Monat lang via Vimeo On Demand einem globalen Publikum zugänglich. Dabei können in erster Instanz das Publikum und danach eine Fachjury „Krasnojarsk“ für einen Preis vorschlagen. Die Gewinnerfilme der weltweit 11 Lift-Off Festivals werden anschließend Rahmen des jährlich live stattfindenden Lift-Off Festivals in den Pinewood Studios England gezeigt werden, wo die Season Awards des Lift-Off Global Network verliehen werden. liftoff.network/melbourne-lift-off-film-festival

22. 11. 2021

TAG: Ödipus. Eine Kriminalkomödie

Oktober 5, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Telefon-Orakel von Delphi weissagt ab 250 Euro

Nach Theben, was erleben: Stefan Lasko, Florian Carove, Julia Edtmeier, Lisa Schrammel, Jens Claßen, Michaela Kaspar und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Die Fusion des TAG-Ensembles mit den Kreativgeistern des Bronski & Grünberg, das ist Jazzrock pur, die verspielte Raffinesse des einen mit der rhythmischen Intensität des anderen, oder anders gesagt: Die Godfathers of Surreal Comedy – Monty Python wären wohl very amused über diese Collaboration.

Dies als Kompliment an Kaja Dymnicki und Alexander Pschill, die Text, Regie und Ausstattung der Kriminalkomödie „Ödipus“ verantworten, und an die Spielerinnen und Spieler Florian Carove, Jens Claßen, Julia Edtmeier, Michaela Kaspar, Stefan Lasko, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel und Georg Schubert, die in der expressiv-exaltierten Art beider Häuser den Sophokles-Stoff zur komischsten Tragödie ever machen. Beides – sowohl als die Antike imitierender Chor, denn auch als krisengebeutelte Protagonistinnen und Protagonisten.

Zu The Who’s, weil wer ist hier schließlich wer?, „Young Man Blues“ gibt’s XXX-Trash vor biederer Seventies-Fototapeten-Behausung. In Zimmer, Küche, Kabinett plus einer unsichtbaren Wand als Metapher, wird eine Houseparty vorbereitet. Käseigel, Mango-Bowle, Toast Hawaii, Karaoke und Rätselspiele der Zwillinge Sphinkt, eine Schicksalsfete, die das Königspaar Laios und Iokaste, Georg Schubert und Michaela Kaspar, vorbereiten, um das Thron- und Ehejubiläum nebst des losgewordenen, götterlästerlichen Unglückssprosses zu feiern.

Merope Mayer und Iokaste. Bild: © Anna Stöcher

Karaoke-Königin: Lisa Schrammel. Bild: © Anna Stöcher

Raphael Nicholas als Kreon. Bild: © Anna Stöcher

Stefan Lasko und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

ṓimoi! So einfach ist’s in Wien nicht. Derweil nämlich Laios den Korruptionsstaatsanwalt Theiresias MEYer, er weiß zuviel, er muss weg, einladen wollte, entsendete Iokaste das Schreiben ans Ehepaar MAYer, Jens Claßen und Lisa Schrammel als Polybos und Merope, die ob der Ehre zwar unsicher, aber angesichts von Schinkenrollen und Mayonnaise-Eiern gewiss, samt Ziehsohn Ödipus – !!! Theaterdonner – erscheinen.

Muss mehr gesagt werden, außer dass ein Slapstick mit Pistole im Anschlag und Koks Lines ausbricht, der seinesgleichen sucht; im Tyrannenstaat sind alle extrem schreckhaft, Stichwort: Türklingel; jene, die eben noch unterwegs waren nach Theben, was erleben, sind nun in Geiselhaft eines bizarren Agatha Christie’s Whodunnit, ein Eindruck, den Florian Carove als Hercule-Poirot-Lookalike aka des blinden Sehers Theiresias MEYer noch bestätigen wird. Und großartig zeitpolitisch ist, wie Claßen und Schubert auf die orakelsüchtige Generation hindreschen, jeder (Wahl-)Spruch wie vom Stammtisch der Alles(besser)wisser, die Untergangspropheten, Verschwörungstheoretiker und Tatsachenleugner auf dem Vormarsch. Das ist Nonsens auf höchstem Niveau, Nonsens mit Spür- und Hintersinn.

Ödipus also, Stefan Lasko, ist die Art findiges Findelkind, über dessen Neurosen die Neuronen heiß laufen, Geräusche dazu: Nadel kratzt über Schallplatte, Vinyl, wer will, und bei der Delphi-Telefonhotline gibt’s dazu wenig Anleitung zum offenbar Unvermeidbaren. Wunderbar reimt das Duo Dymnicki-Pschill Gyros auf Virus, denn klar kommt der COV19-Seuchen-Fluch vor. Julia Edtmeiers als gelangweilter Teenag-Nerd nennt das neue Staatsoperhaupt, den Stadtstaatneurotiker Öd-Ipus auf dessen Spottwort Anti-Gone; die aufsässige Tochter-Schwester-Enkelin eine Fridays-for-Future-Göre vom Feinsten; die ganze Familiensoap wie „Dynasty – Der Kreon-Clan“ für spaßbereite Altphilologen; Karrierist und zweimalig thronberaubter Kreon, als der Raphael Nicholas zwischen den Psychoticks seiner Schizosippe die Spatoi-Drachenzähne zusammenbeißt.

Polybos Mayer und Laios. Bild: © Anna Stöcher

Der blinde Theiresisas Meyer. Bild: © Anna Stöcher

Ein Anruf bei der Delphi-Hotline …: Bild: © Anna Stöcher

… und hereinbricht der Theaterdonner. Bild: © Anna Stöcher

Stellt sich Lasko mit „Ödipus“ vor, antwortet Kaspars Iokaste „Komplex, Ihr Name …“ Gibt es Stromausfall, schreit der Vatermörder-Mutterschänder: „Ich bin blind.“ Jeder Satz ein Lacher, Tschingderassabum! Selten hat man sich in zwei Stunden derart köstlich und geistreich amüsiert. Und keine Sorge, so schlimm wie beim Athener Dichter kommt’s nicht. Das Publikum hat nämlich Stimmrecht als jene Sorte Blitzdemokratie, wie’s die Populisten gerne hätten.

Soll er oder soll er nicht? Sein oder Nichtsein? Ist der Lauf der Dinge vorherbestimmt und launenhafte Gottheiten wählen Menschen für ihre grausamen Spiele willkürlich aus? Oder – welch ein moderner Gedanke – gibt es Ursache und Wirkung, eine stringente Ereigniskette aus dem Kleinsten ins Größte, aus dem Banalen ins Entsetzliche? Egal, wie man entscheidet, sagt Ödipus, es passiert, wie es denen da oben gefällt …

18 Jahre und vier gezeugter/adoptierter Kinder später trifft man erneut aufeinander. Geil, gefräßiger, süchtiger denn je. Same place, other husband, but still: Verwechslungsfarce. Let’s party! Doch der von seinen Visionen virtuos geschüttelte Carove-Theiresias liefert zu „A Whiter Shade Of Pale“ ein Kabinettstück ab, wenn er die Tötungsszene nachspielt. Bei einem letzten Abendmahl wird die rasche Tat bei einer Flasche Rot abgeurteilt. Ein Alternative-Fakten-Ende, ein posthomerisches Gelächter auf die präpotenten Olympier. Ein Bravissimo fürs Timing im Tempo. Und sollte vor dieser Politik jemand Panik haben … Attacke!

Trailer: vimeo.com/618879246           www.dastag.at            www.bronski-gruenberg.at

5.10.2021

Werk X-Petersplatz im Odeon: Tschernobyl

September 14, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Thomas Frank und Sebastian Pass

„Tschernobyl ist ein Mysterium, das wir erst entschlüsseln müssen.“ – Swetlana Alexijewitsch. Lorenz Pell auf der Badewanne liegend. Bild: © Bettina Frenzel

Noch von heute bis Donnerstag ist im Odeon Theater „Tschernobly. Eine Chronik der Zukunft“, eine Uraufführung von Theaterkollektiv Hybrid in Kooperationmit Werk X-Petersplatz, nach dem Buch von Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zu sehen. In der Inszenierung von Alireza Daryanavard, auch für die Textfassung verantwortlich, spielen Badoras Volkstheater- stars Thomas Frank und Sebastian Pass, Grace Marta Latigo, Simonida Selimović, Anne Wiederhold, Lorenz Pell und Morteza Tavakoli.

In der Sperrzone rings um den explodierten Reaktor leben wieder Menschen. Sie haben die Katastrophe miterlebt, ihr Leben wurde von ihr versehrt. Ihr Weiterleben bestreiten sie inmitten von dichten Wäldern und fruchtbaren Gärten, doch sie erzählen, wie eine unsichtbare tödliche Gefahr in alle Winkel ihrer Lebenswelt eindrang und sie für immer veränderte.Stellvertretend sprechen sie für all jene, denen friedliche Atomenergie versprochen wurde, die jedoch in den Super-GAU führte. Bis heute sind die Folgen in Europa messbar; der Sarkophag über dem zerstörten Kraftwerk eine bedrohliche Zeitbombe. Das aktive Vergessen lässt die Gefahr unterschätzen.

Thomas Frank. Bild: © Bettina Frenzel

Simonida Selimović. Bild: © B. Frenzel

Sebastian Pass. Bild: © Bettina Frenzel

Zum 35. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl setzt Regisseur Alireza Daryanavard dem kollektiven Verdrängen eine theatrale Aufarbeitung entgegen. Zu Wort kommen die Stimmen aus der Sperrzone, die das menschliche Leid jenseits der bloß faktischen Berichterstattung zu vermitteln vermögen und die ausmalen, was jederzeit wieder bevorstehen könnte. Mehr als 500 Interviews führte Swetlana Alexijewitsch in Belarus und der Ukraine und fügte sie in jahrelanger Arbeit zu ihrem Buch zusammen, ein literarisches Denkmal für die Opfer und Betroffenen. Es ist bis heute in ihrer Heimat Belarus verboten.

Lorenz Pell und Grace Marta Latigo. Bild: © Bettina Frenzel

Zur Autorin: Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen „Roman in Stimmen“. Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, sie wurde vielfach ausgezeichnet, 2015 mit dem Literaturnobelpreis. Als sie 2013 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, ehrte sie der Stiftungsrat als „Schriftstellerin, die die Lebenswelten ihrer

Mitmenschen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine nachzeichnet und in Demut und Großzügigkeit deren Leid und deren Leidenschaften Ausdruck verleiht. In ihren Berichten über Tschernobyl, über den sowjetischen Afghanistankrieg und über die unerfüllten Hoffnungen auf ein freiheitliches Land nach dem Auseinanderbrechen des Sowjetimperiums läßt sie in der tragischen Chronik dieser Menschen einen Grundstrom existentieller Enttäuschungen spürbar werden.“

Teaser: vimeo.com/591559021           Trailer: werk-x.at/premieren/tschernobyl-eine-chronik-der-zukunft           www.odeon-theater.at

BUCHTIPPS aus Swetlana Alexijewitschs Werk: www.mottingers-meinung.at/?p=15243, Rezension „Zinkjungen“, hochaktuell über das „sowjetische Vietnam“ Afghanistan: www.mottingers-meinung.at/?p=10015

14. 9. 2021