Belvedere Orangerie: Dalí – Freud. Eine Obsession

Januar 24, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Psychoanalyse und die Poetik des Surrealismus

Salvador Dalí, Cisnes reflejando elefantes (Schwäne spiegeln Elefanten wider), 1937. Esther Grether Familiensammlung © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022 / Bild: Robert Bayer, Bildpunkt

Salvador Dalí verehrte Sigmund Freud. Das zeigt sich deutlich im Werk des großen Surrealisten, in dem Kernthemen der Psychoanalyse wie Unterbewusstes und Traumhaftes eine zentrale Rolle spielen . Die umfassende Ausstellung in der Belvedere Orangerie „Dalí – Freud. Eine Obsession“ zeigt ab 28. Jänner, wie sehr sich der Künstler konkret mit Freuds Theorien auseinandersetzte. Am 19. Juli 1938 traf Salvador Dalí in London den aus Wien geflohenen Sigmund Freud.

Das erste und einzige Treffen des Künstlers mit seinem Idol war auf Vermittlung von Stefan Zweig und Edward James zustande gekommen. Das Belvedere zeigt anhand von 150 Werken – darunter Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Filmen, Büchern, Zeitschriften, Briefen und anderen Dokumenten den Einfluss des Psychoanalytikers auf das Werk Dalís. Die Ausstellung verweist damit auf die enge Verbindung zwischen zwei der bedeutendsten Strömungen des 20. Jahrhunderts. Präsentiert werden etwa neue Forschungserkenntnisse, die zeigen, wie surrealistische Kunst den theoretisch oftmals besprochenen Zusammenhang zwischen Psyche und Physiologie von Nervengewebe aufgriff und veranschaulichte.

Salvador Dalí hatte ab den frühen 1920er-Jahren Zugang zu Übersetzungen der Schriften Freuds und studierte sie ausführlich. Davon beeinflusst setzte er sich ab 1926 mit der Poetik des Surrealismus auseinander und entwickelte eine neue Bildsprache, die sein Werk bis heute einzigartig macht. Persönlich traf er den Wiener Psychoanalytiker wie gesagt nur ein einziges Mal. Die Ausstellung, kuratier von Jaime Brihuega, schildert diese und weitere wegweisende Begegnungen des Künstlers, wie jene in der Residencia de Estudiantes in Barcelona mit dem Dichter Federico García Lorca oder dem Filmemacher Luis Buñuel.

Salvador Dalí, The Alert (Der Alarmzustand), um 1934. Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch, Berlin © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2021 / Bild: Jochen Littkemann, Berlin

Salvador Dalí, Bildnis Sigmund Freud, 1938. Freud Museum London © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022

Salvador Dalí, Le jeu lugubre (Das düstere Spiel), 1929. Privatsammlung, Schweiz © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022 / Photo White Images/Scala, Florence

Sie wie auch der Histologe und Nobelpreisträger Santiago Ramón y Cajal und dessen Zeichnungen vom Nervengewebe wurden letztlich bestimmend für Salvador Dalís surrealistisches Schaffen. Auch sein familiärer Hintergrund hatte großen Einfluss auf sein Werk, weshalb diesem nein weiterer Augenmerk der Schau gewidmet ist – der Künstler setzte sich mit seiner komplexen Jugend intensiv psychoanalytisch auseinander und verarbeitete diese wiederholt in seinen Gemälden.

Zu sehen bis 29. Mai

www.belvedere.at

24. 1. 2022

Schauspielhaus Graz via VR-Brille: Der Nestroy-Preis-Gewinner „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“

November 22, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Virtuelles Theater, das direkt ins Haus geliefert wird

Mitten in der Postapokalypse trifft der Anthropologe auf eine Frau, die er „Kreuzberg“ nennt: Nico Link und Katrija Lehmann. Bild: © Johanna Lamprecht

Bei der gestrigen Nestroy-Preis-Verleihung mit dem Corona-Spezialpreis ausgezeichnet, kann die mit einer 360-Grad-Kamera produzierte Virtual-Reality-Inszenierung des Schauspielhaus Graz jetzt wieder via VR-Brille mit dem auf ihr gespeicherten Film bei  www.vr-firstrow.com österreich- und deutschlandweit bestellt werden (Infos unten). Gleiches gilt auch für die Kafka-Erzählung „Der Bau“, Regie von Elena Bakirova, mit Florian Köhler als Protagonisten.

VR-Schulpaket

Neu ist ein Angebot, das sich an Schulen wendet: Sowohl „Krasnojarsk“ als auch „Der Bau“ sind ab morgen für Schulen in ganz Österreich als Paket zu vergünstigten Preisen bei Vertriebspartner Firstrow buchbar: die VR-Brillen werden dabei per Post direkt in die Schule zugestellt. Die beiden Produktionen sind in Paketen von jeweils 20, 25 oder 30 VR-Brillen buchbar. Die Preise belaufen sich dabei auf 12,90 € pro Brille (zzgl. Versandgebühr). Das Lieferdatum immer donnerstags ist frei wählbar, das erstmögliche Datum ist der 2. Dezember. Die Brillen stehen den Lehrpersonen ab dem Lieferdatum eine Woche zur Verfügung. Weitere Infos dazu auf der Website von Schauspielhaus Aktiv: www.schauspielhaus-graz.com/schauspiel-aktiv. Hier noch mal die Rezension vom März:

Österreich endzeitlich: Katrija Lehmann und Nico Link in der Weizklamm. Bild: © Johanna Lamprecht

Der zweite Anthropologe: Frieder Langenberger als Bösewicht. Bild: © Johanna Lamprecht

Der Beobachter wird beobachtet: Frieder Langenberger beim Dreh. Bild: © Johanna Lamprecht

Am Lagerfeuer der Postapokalypse

Es hat bis zur Nestroy-Preis-Jury bereits die Runde gemacht, wie in jeder Bedeutung des Wortes fantastisch die Virtual-Reality-Produktion „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ des Schauspielhaus‘ Graz ist. Nun ist es generell erfreulich, mit welch innovativen Ideen Theaterschaffende auf die Corona-Kulturkrise reagieren, mit welcher Verve sie sich in intermediale Welten werfen, doch etwas wie „Krasnojarsk“ hat man noch nie gesehen. Es ist ein Erlebnis, dass jeder und jedem anempfohlen ist! Mittels VR-Brille und Controller, beides einfacher zu handhaben, als die Beschreibung auf den ersten Blick vermuten lässt, erwacht man in der sibirischen Steppe aka Neusiedlersee, gedreht wurde auch im Freilichtmuseum Vorau und in der Weizklamm, einem spooky Lost Place mit ehemaligem Kalkwerk samt Fassspundfabrik, und das erste, das man sieht, ist möglicherweise ein Sonnenuntergang am Horizont.

Möglicherweise, denn beim von Regisseur Tom Feichtinger und Bildgestalter Markus Zizenbacher ausgeklügelten Projekt, entscheidet die Blickrichtung, wen und was man sieht. Der Film läuft rund um einen, im Falle eines Wasserturms und einer Großstadtsequenz sogar über einem. „Krasnojarsk“ des norwegischen Dramatikers Johan Harstad ist dafür wie geschaffen, dieser dystopische Einakter aus Monologen und Berichten, dessen Verfasser die Theater explizit dazu ermutigt, damit zu machen, was immer sie wollen.

Das Sitzmöbel der Wahl ist also ein Drehstuhl, und am besten ist die zu sehende Rundumrealität mit dieser Rückblende oder Traumfantasie zu erklären: Ennuyierte Ehefrau und Mann, der diese längst über hat, sitzen im Heute am gläsernen Esstisch, eine Drehung, man sieht Designercouch, Flat-TV, Terrasse, der Mann, ein Historiker, des Schweigens im trauten Heim überdrüssig, imaginiert eine liebevolle Mittelalter-Gattin, eine Drehung, man sieht sie am hölzernen Esstisch Brot schneiden, eine Schar Kinder rumtoben, das Feuer im Herd, eine Drehung – und von vorn die aktuelle Tristesse.

Zuerst aber folgt man den Spuren des Anthropologen, den Nico Link darstellt. Man begleitet ihn und sein Handwägelchen voller Wasserkanister, Solarpanel und RFID-Transponder. Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes, schildert er, hat die gesamte Erdoberfläche vernichtet, nur eine Handvoll Menschen dürfte überlebt haben. Eine kleine Gruppe etwa in Krasnojarsk, von wo aus man den Wissenschaftler mitten ins Nirgendwo geschickt hat, um Zeichen von Leben und nach Relikten der untergegangenen Zivilisation zu suchen. Doch 4655 ist der Code, den er täglich funkt: kein Fund von Wert. Von Schwarzweiß wird’s komplett schwarz in der Brille, Bildausfall?, nein, Nico Link hat sich weiterbewegt, heißt: weiter drehen und drehen, um nur ja nichts zu verpassen. Schon sitzt man mit Link am Lagerfeuer der Postapokalypse.

Schauspieler und Steppe und See lösen sich im Nichts auf, als würden sie verwehen, dies Gemahnen an Vergänglichkeit und Auslöschung die wehmütig-melancholische Grundstimmung des Films. Gearbeitet wird mit Überblendungen, Zeitebenen überlappen, was ist wahr?, was war?, suggestive Bilder, Szenen von sinnlicher Schönheit entstehen. Der Duft des Grases, später die abgestandene Luft in aufgelassenen Nutzgebäuden reichen bis an die Nase heran.

Da, ein neuer Exkurs, Freunde, die die Erste-Weltkriegsschlacht an der Somme nachspielen – mit echter Munition, um Ex-Freundinnen um die Ecke zu bringen, blutrot glühende Explosionen rechts von, ein Liebespaar im Rosenblätterbett hinter einem, die Frauen siegen … die Figuren überlebensgroß, zum Greifen nah, und – schwöre! – ein-, zweimal gehen sie durch einen hindurch.

Der Drehort in der Steiermark, ein ehemaliges Kalkwerk samt Fassspundfabrik. Bild: © Johanna Lamprecht

Kreuzbergs kostbare Koffer werden aus dem Wasser gefischt: Katrija Lehmann. Bild: © Johanna Lamprecht

Keine Angst vor nassen Füßen hat Katrija Lehmann beim Dreh mit Markus Zizenbacher. Bild: © Johanna Lamprecht

Bildgestalter Markus Zizenbacher und Regisseur Tom Feichtinger mit VR-Brille. Bild: © Johanna Lamprecht

Sie, denn der Anthropologe trifft eines Tages auf eine Frau, die zwei Koffer mit kostbarsten Artefakten mit sich trägt, Handschriften, Briefe und Lebensbeichten, und somit „eindeutige Beweise, dass die Menschen auf den verschwundenen Kontinenten nicht nur gelebt hatten, sondern auch, dass ihre Leben bedeutsam gewesen waren, voller Siege, Sorgen und Verluste, unwiderruflicher Niederlagen“. In einem Anfall von Berlin-Nostalgie nennt er sie „Kreuzberg“, und ihre Spielerin Katrija Lehmann wird bald die sein, der die Sympathien der Betrachterin, des Betrachters gehören – nicht zuletzt, weil sie einen immer wieder direkt anspricht, und mit einem ihre Besorgnis, ihre Belustigung über den komischen Kauz, dem sie in die Hände gefallen ist, teilt.

So gelangt man über Fluss und verlassene Häuser, eine Küche, Kinderspielzeug, bemerkenswert, wie liebevoll detailreich die Sets von Tanja Kramberger ausgestattet wurden!, zu einer Scheune, die sich mitunter aber auch als alte Industrieanlage materialisiert. Atmosphärisch enorm dicht ist das alles. Ein Plattenspieler wird gefunden – dies der Mensch: Musik und Schrift, ein Tänzchen wird gewagt – Sounddesign und 3D-Audio Mix von Elisabeth Frauscher, die Briefe werden gelesen, ein Kuss … und mehr …

Doch kann der Verliebteste nicht seiner Retroromantik frönen, wenn es dem bösen Zweiten Anthropologen nicht gefällt. Der erste, der gerade dabei ist, sich hausherrlich einzurichten, glaubte sich von Krasnojarsk vergessen, da taucht sinister wie ein SS-Offizier Schauspieler Frieder Langenberger auf, mit einer Schar von Schergen. Ein grausamer Gegner, ausgesandt von der Organisation „Neustart“, der es auf den Inhalt der Koffer abgesehen hat und die erkrankte Kreuzberg darob foltert und verstümmelt, während Anthropologe Nummer eins mit den Hartschalensammlungen schnöde das Weite sucht. Wasser flutet das nun zu sehende Theater und überflutet einen selbst, in einer letzten Anrede verrät Kreuzberg das Geheimnis ihrer Briefe …

Fazit: Der Faszination von „Krasnojarsk“ kann man sich nicht entziehen. Die deutschsprachige Erstaufführung ist großes Heimbrillenkino, das Immersionserlebnis schlechthin. Enigmatisch, elegisch, exzeptionell. Visuell kühn, versponnen poetisch, verstörend. Das Stück von Johan Harstads, wiewohl in einer Zeit nach unserer Zeit angesiedelt, ist eines der Stunde. Eine Reflexion über Gemeinschaft und Gesellschaft, erzählt es von Vereinsamung und Verlorensein, aber auch von der Bedeutung, die das Geschichtenerzählen für das Leben und das Weiterleben besitzt. Es fragt nach dem Wert von Kultur und deren Wichtigkeit zum Fortbestehen der Menschheit, ja, der Menschlichkeit – und stellt gleichzeitig deren Begehren und Verlangen und Sehnsüchte aus.

Die Produktion beweist, dass der Theater-Lockdown auch die Chance ist, neue spannende Wege auszuprobieren und auszufeilen – und mit den fabelhaft agierenden Nico Link, Katrija Lehmann und Frieder Langenberger, denen das aberwitzige Kunststück gelingt, die 360° an die Wand zu spielen, dass – Technik hin oder her – das Herz jeder Art von Aufführung sowieso stets die Schauspielerinnen und Schauspieler sind und sein werden. Zum Schluss ein Hoffnungsschimmer auf einem Schimmel: Zu Pferd ist das Mittelalter vielleicht näher als gedacht …

Infos zur VR-Brille für Privatpersonen

Die Virtual-Reality-Produktion „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ des Schauspielhaus‘ Graz ist nun österreich- und deutschlandweit bei der VR-Plattform Firstrow erhältlich. Unter www.vr-firstrow.com kann die Aufführung ab sofort bestellt werden. Diese wird im Anschluss auf einer VR-Brille an die Heimadresse geschickt. Nach zwei Tagen Mietdauer wird die VR-Brille einfach wieder zurückgesendet. Die VR-Erfahrung kostet 18,90 € zzgl. Versandgebühren. Ab morgen gilt für Grazerinnen und Grazer wieder, dass die VR-Brillen (mit „Krasnojarsk“ oder der zweiten 360°-Inszenierung „Der Bau“) innerhalb des Grazer Stadtgebietes per Fahrradkurier zugestellt werden. Diese Versandoption kann man hier buchen: shop.ticketteer.com/SchauspielhausGraz. Oder direkt über die Seite des Schauspielhauses

Trailer: www.youtube.com/watch?v=3KO3BTylhjw           www.schauspielhaus-graz.com            Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44995

„Krasnojarsk“ international

Auch über eine internationale Anerkennung für „Krasnojarsk“ kann sich das Schauspielhaus Graz freuen: Die Inszenierung wurde zum australischen Melbourne Lift-Off Film Festival 2021 eingeladen. Die Filme der Festivalauswahl sind ab 22. November ein Monat lang via Vimeo On Demand einem globalen Publikum zugänglich. Dabei können in erster Instanz das Publikum und danach eine Fachjury „Krasnojarsk“ für einen Preis vorschlagen. Die Gewinnerfilme der weltweit 11 Lift-Off Festivals werden anschließend Rahmen des jährlich live stattfindenden Lift-Off Festivals in den Pinewood Studios England gezeigt werden, wo die Season Awards des Lift-Off Global Network verliehen werden. liftoff.network/melbourne-lift-off-film-festival

22. 11. 2021

TAG: Ödipus. Eine Kriminalkomödie

Oktober 5, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Telefon-Orakel von Delphi weissagt ab 250 Euro

Nach Theben, was erleben: Stefan Lasko, Florian Carove, Julia Edtmeier, Lisa Schrammel, Jens Claßen, Michaela Kaspar und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Die Fusion des TAG-Ensembles mit den Kreativgeistern des Bronski & Grünberg, das ist Jazzrock pur, die verspielte Raffinesse des einen mit der rhythmischen Intensität des anderen, oder anders gesagt: Die Godfathers of Surreal Comedy – Monty Python wären wohl very amused über diese Collaboration.

Dies als Kompliment an Kaja Dymnicki und Alexander Pschill, die Text, Regie und Ausstattung der Kriminalkomödie „Ödipus“ verantworten, und an die Spielerinnen und Spieler Florian Carove, Jens Claßen, Julia Edtmeier, Michaela Kaspar, Stefan Lasko, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel und Georg Schubert, die in der expressiv-exaltierten Art beider Häuser den Sophokles-Stoff zur komischsten Tragödie ever machen. Beides – sowohl als die Antike imitierender Chor, denn auch als krisengebeutelte Protagonistinnen und Protagonisten.

Zu The Who’s, weil wer ist hier schließlich wer?, „Young Man Blues“ gibt’s XXX-Trash vor biederer Seventies-Fototapeten-Behausung. In Zimmer, Küche, Kabinett plus einer unsichtbaren Wand als Metapher, wird eine Houseparty vorbereitet. Käseigel, Mango-Bowle, Toast Hawaii, Karaoke und Rätselspiele der Zwillinge Sphinkt, eine Schicksalsfete, die das Königspaar Laios und Iokaste, Georg Schubert und Michaela Kaspar, vorbereiten, um das Thron- und Ehejubiläum nebst des losgewordenen, götterlästerlichen Unglückssprosses zu feiern.

Merope Mayer und Iokaste. Bild: © Anna Stöcher

Karaoke-Königin: Lisa Schrammel. Bild: © Anna Stöcher

Raphael Nicholas als Kreon. Bild: © Anna Stöcher

Stefan Lasko und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

ṓimoi! So einfach ist’s in Wien nicht. Derweil nämlich Laios den Korruptionsstaatsanwalt Theiresias MEYer, er weiß zuviel, er muss weg, einladen wollte, entsendete Iokaste das Schreiben ans Ehepaar MAYer, Jens Claßen und Lisa Schrammel als Polybos und Merope, die ob der Ehre zwar unsicher, aber angesichts von Schinkenrollen und Mayonnaise-Eiern gewiss, samt Ziehsohn Ödipus – !!! Theaterdonner – erscheinen.

Muss mehr gesagt werden, außer dass ein Slapstick mit Pistole im Anschlag und Koks Lines ausbricht, der seinesgleichen sucht; im Tyrannenstaat sind alle extrem schreckhaft, Stichwort: Türklingel; jene, die eben noch unterwegs waren nach Theben, was erleben, sind nun in Geiselhaft eines bizarren Agatha Christie’s Whodunnit, ein Eindruck, den Florian Carove als Hercule-Poirot-Lookalike aka des blinden Sehers Theiresias MEYer noch bestätigen wird. Und großartig zeitpolitisch ist, wie Claßen und Schubert auf die orakelsüchtige Generation hindreschen, jeder (Wahl-)Spruch wie vom Stammtisch der Alles(besser)wisser, die Untergangspropheten auf dem Vormarsch. Das ist Nonsens auf höchstem Niveau, Nonsens mit Spür- und Hintersinn.

Ödipus also, Stefan Lasko, ist die Art findiges Findelkind, über dessen Neurosen die Neuronen heiß laufen, Geräusche dazu: Nadel kratzt über Schallplatte, Vinyl, wer will, und bei der Delphi-Telefonhotline gibt’s dazu wenig Anleitung zum offenbar Unvermeidbaren. Wunderbar reimt das Duo Dymnicki-Pschill Gyros auf Virus, denn klar kommt der COV19-Seuchen-Fluch vor. Julia Edtmeiers als gelangweilter Teenag-Nerd nennt das neue Staatsoperhaupt, den Stadtstaatneurotiker Öd-Ipus auf dessen Spottwort Anti-Gone; die aufsässige Tochter-Schwester-Enkelin eine Fridays-for-Future-Göre vom Feinsten; die ganze Familiensoap wie „Dynasty – Der Kreon-Clan“ für spaßbereite Altphilologen; Karrierist und zweimalig thronberaubter Kreon, als der Raphael Nicholas zwischen den Psychoticks seiner Schizosippe die Spatoi-Drachenzähne zusammenbeißt.

Polybos Mayer und Laios. Bild: © Anna Stöcher

Der blinde Theiresisas Meyer. Bild: © Anna Stöcher

Ein Anruf bei der Delphi-Hotline …: Bild: © Anna Stöcher

… und hereinbricht der Theaterdonner. Bild: © Anna Stöcher

Stellt sich Lasko mit „Ödipus“ vor, antwortet Kaspars Iokaste „Komplex, Ihr Name …“ Gibt es Stromausfall, schreit der Vatermörder-Mutterschänder: „Ich bin blind.“ Jeder Satz ein Lacher, Tschingderassabum! Selten hat man sich in zwei Stunden derart köstlich und geistreich amüsiert. Und keine Sorge, so schlimm wie beim Athener Dichter kommt’s nicht. Das Publikum hat nämlich Stimmrecht als jene Sorte Blitzdemokratie, wie’s die Populisten gerne hätten.

Soll er oder soll er nicht? Sein oder Nichtsein? Ist der Lauf der Dinge vorherbestimmt und launenhafte Gottheiten wählen Menschen für ihre grausamen Spiele willkürlich aus? Oder – welch ein moderner Gedanke – gibt es Ursache und Wirkung, eine stringente Ereigniskette aus dem Kleinsten ins Größte, aus dem Banalen ins Entsetzliche? Egal, wie man entscheidet, sagt Ödipus, es passiert, wie es denen da oben gefällt …

18 Jahre und vier gezeugter/adoptierter Kinder später trifft man erneut aufeinander. Geil, gefräßiger, süchtiger denn je. Same place, other husband, but still: Verwechslungsfarce. Let’s party! Doch der von seinen Visionen virtuos geschüttelte Carove-Theiresias liefert zu „A Whiter Shade Of Pale“ ein Kabinettstück ab, wenn er die Tötungsszene nachspielt. Bei einem letzten Abendmahl wird die rasche Tat bei einer Flasche Rot abgeurteilt. Ein Alternative-Fakten-Ende, ein posthomerisches Gelächter auf die präpotenten Olympier. Ein Bravissimo fürs Timing im Tempo. Und sollte vor dieser Politik jemand Panik haben … Attacke!

Trailer: vimeo.com/618879246           www.dastag.at            www.bronski-gruenberg.at

5.10.2021

Werk X-Petersplatz im Odeon: Tschernobyl

September 14, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Thomas Frank und Sebastian Pass

„Tschernobyl ist ein Mysterium, das wir erst entschlüsseln müssen.“ – Swetlana Alexijewitsch. Lorenz Pell auf der Badewanne liegend. Bild: © Bettina Frenzel

Noch von heute bis Donnerstag ist im Odeon Theater „Tschernobly. Eine Chronik der Zukunft“, eine Uraufführung von Theaterkollektiv Hybrid in Kooperationmit Werk X-Petersplatz, nach dem Buch von Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zu sehen. In der Inszenierung von Alireza Daryanavard, auch für die Textfassung verantwortlich, spielen Badoras Volkstheater- stars Thomas Frank und Sebastian Pass, Grace Marta Latigo, Simonida Selimović, Anne Wiederhold, Lorenz Pell und Morteza Tavakoli.

In der Sperrzone rings um den explodierten Reaktor leben wieder Menschen. Sie haben die Katastrophe miterlebt, ihr Leben wurde von ihr versehrt. Ihr Weiterleben bestreiten sie inmitten von dichten Wäldern und fruchtbaren Gärten, doch sie erzählen, wie eine unsichtbare tödliche Gefahr in alle Winkel ihrer Lebenswelt eindrang und sie für immer veränderte.Stellvertretend sprechen sie für all jene, denen friedliche Atomenergie versprochen wurde, die jedoch in den Super-GAU führte. Bis heute sind die Folgen in Europa messbar; der Sarkophag über dem zerstörten Kraftwerk eine bedrohliche Zeitbombe. Das aktive Vergessen lässt die Gefahr unterschätzen.

Thomas Frank. Bild: © Bettina Frenzel

Simonida Selimović. Bild: © B. Frenzel

Sebastian Pass. Bild: © Bettina Frenzel

Zum 35. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl setzt Regisseur Alireza Daryanavard dem kollektiven Verdrängen eine theatrale Aufarbeitung entgegen. Zu Wort kommen die Stimmen aus der Sperrzone, die das menschliche Leid jenseits der bloß faktischen Berichterstattung zu vermitteln vermögen und die ausmalen, was jederzeit wieder bevorstehen könnte. Mehr als 500 Interviews führte Swetlana Alexijewitsch in Belarus und der Ukraine und fügte sie in jahrelanger Arbeit zu ihrem Buch zusammen, ein literarisches Denkmal für die Opfer und Betroffenen. Es ist bis heute in ihrer Heimat Belarus verboten.

Lorenz Pell und Grace Marta Latigo. Bild: © Bettina Frenzel

Zur Autorin: Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen „Roman in Stimmen“. Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, sie wurde vielfach ausgezeichnet, 2015 mit dem Literaturnobelpreis. Als sie 2013 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, ehrte sie der Stiftungsrat als „Schriftstellerin, die die Lebenswelten ihrer

Mitmenschen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine nachzeichnet und in Demut und Großzügigkeit deren Leid und deren Leidenschaften Ausdruck verleiht. In ihren Berichten über Tschernobyl, über den sowjetischen Afghanistankrieg und über die unerfüllten Hoffnungen auf ein freiheitliches Land nach dem Auseinanderbrechen des Sowjetimperiums läßt sie in der tragischen Chronik dieser Menschen einen Grundstrom existentieller Enttäuschungen spürbar werden.“

Teaser: vimeo.com/591559021           Trailer: werk-x.at/premieren/tschernobyl-eine-chronik-der-zukunft           www.odeon-theater.at

BUCHTIPPS aus Swetlana Alexijewitschs Werk: www.mottingers-meinung.at/?p=15243, Rezension „Zinkjungen“, hochaktuell über das „sowjetische Vietnam“ Afghanistan: www.mottingers-meinung.at/?p=10015

14. 9. 2021

Burgtheater: Online-Premiere mit Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski

April 19, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Video-Essay nach Texten von Jean Paul

Dörte Lyssewski. Bild: © Katarina Šoškić

Am 24. April um 19 Uhr findet via Burgtheater-Website sowie auf dem YouTube-Kanal des Burgtheaters eine besondere Film-Premiere statt: „Geträumte Erinnerungen nie gesehener Zeiten. Eine Reise nach Jean Paul“, ein Videoessay mit den Stimmen von Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski, in der Regie von Felix Metzner. Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten des Burgtheaters erhalten eine exklusive Preview dieses Films bereits am 21. April.

Eine Anmeldung zum Newsletter ist bis 15 Uhr am 21. April möglich, um diese Preview zu erhalten. (Anmeldung unter www.burgtheater.at/newsletter-bestellen) Die ursprünglich für diese Saison geplante Inszenierung von David Greigs „Monster“ im Vestibül in der Regie von Felix Metzner, musste Pandemie-bedingt in die nächste Spielzeit verschoben werden. 2020 inszenierte Metzner vier Folgen für die Nestroy-Preis-nominierte Onlinevideo-Reihe „Wiener Stimmung“ des Burgtheaters sowie „Das große Shakespeare-Abenteuer“ am Theater der Jugend.

Zum Stück

Für das Projekt „Geträumte Erinnerungen nie gesehener Zeiten. Eine Reise nach Jean Paul“ hat Regisseur und Ur-Ur-Ur-Enkel Jean Pauls, Felix Metzner, Texte aus verschiedenen Werken des Autors in einen neuen Kontext gestellt: Metzner befasst sich so anhand eines exemplarischen Menschenlebens fragmentarisch mit der Entstehung des menschlichen Ichs. Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski verleihen den Texten mit ihren Stimmen eine neue Interpretation und stehen mit ihren verschiedenen Persönlichkeiten für die unterschiedlichen Facetten des menschlichen Bewusstseins. Für die Gestaltung der visuellen Ebene verwendete der Regisseur private Filmaufnahmen aus seinem Archiv aus über drei Jahrzehnten. In Kombination mit der Sprache Jean Pauls entsteht so eine phantastische und gleichsam psychedelische Reise, die das Publikum von der Erde bis ans Ende des Universums und wieder zurück transportiert.

Branko Samarovski. Bild: © K. Šoškić

Felix Metzner. Bild: © Lukas Gnaiger

Markus Meyer. Bild: © Katarina Šoškić

Zum Autor

Jean Paul gilt als einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller, dessen komplexes Werk zwischen Klassik und Romantik anzusiedeln ist. Obwohl er zeitweise in Vergessenheit geriet, waren die Auflagen seiner Werke zu Lebzeiten vergleichbar mit denen seiner Zeitgenossen Goethe und Schiller. Vor allem beim weiblichen Publikum fand seine humorvolle und bildreiche Sprache großen Anklang. Mit seinem verbalen Erfindungsreichtum prägte der Franke die Deutsche Sprache nachhaltig. Worte, wie „Wetterfrosch“, „Schmutzfink“ oder „Weltschmerz“ entstammen seiner Phantasie. Seine „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab“ übte zudem großen Einfluss auf die Arbeit von Friedrich Nietzsche und C.G. Jung aus.

www.burgtheater.at

19. 4. 2021