Burgtheater: Ein Sommernachtstraum

September 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und schließlich sind alle wie erschossen

„Esel“ Zettel in Titanias Liebesnest: Stefanie Dvorak, Elisabeth Augustin, Johannes Krisch, Johann Adam Oest und Christopher Nell. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich doch noch „Sommernachtstraum“. Vorhang auf und Bühne frei fürs Laientheater. Da stehen sie nämlich die sechs angegrauten Herren, das heißt: Schreiner Schnock sitzt im Rollstuhl und muss erst mühevoll aufs Podest unterm Galgen gehievt werden, und proben. Man weiß es: „Pyramus und Thisbe“, und dies das beste Drama und gleichzeitig die beste Komödie, die der Abend zu bieten hat.

Martin Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matić, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder sind als Handwerkertruppe einfach großartig. Allen voran Oest als Zettel und Matić als Flaut; die beiden werden auch das babylonische Liebespaar sein, und als solches von einer Wahrhaftigkeit, wie sie sich der Rest der Aufführung nur wünschen kann. Davor hat Schwab als Intendant und Regisseur Squenz seinen probenbedingten Temperamentsausbruch (herrlich, wie er sogar die Natur anherrscht: „Ruhe!“), für den er sich so liebenswürdig wie liebenswert entschuldigt, als wär’s ein Blick in die Burg-Zukunft …

Leander Haußmann ist mit Shakespeares Meisterwerk „Ein Sommernachtstraum“ nach 20 Jahren Absenz ans Burgtheater zurückgekehrt, er inszeniert das Stück zum vierten Mal, und wer fragt, wie einem zum immer Gleichen immer wieder Neues einfallen kann, dem kann man nur antworten: Ja, eh. Haußmann probiert den Traumstoff diesmal als eine Art Zauberstück zu zeigen, und hat man ihm bei seiner, wenn recht erinnert, ersten Inszenierung den romantischen, duster-kitschigen Wald vorgeworfen, so treibt er’s diesmal auf die Spitze mit antikem Tempel und Tümpel und Geisterprojektionen im Geäst und einer Video-Tierparade: Schlange, Fuchs, Vogel, Elefantenherde (Bühne: Lothar Holler, Video: Jakob Klaffs und Hugo Reis).

Die vier jungen Liebenden verfolgen sich durch den Wald: Sarah Viktoria Frick, Mavie Hörbiger, Matthias Mosbach und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Handwerker geben das Drama von „Pyramus und Thisbe“: Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel und Peter Matić. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Angesiedelt ist das Ganze in einem Griechenland der 1970-Jahre, soweit eine mögliche Interpretation der Schlaghosenkostüme und Hippie-Haar-Perücken. Dem Programmheft zu entnehmen ist: Haußmann zeigt Theseus‘ Athen als Reich eines „nicht säkularen Diktators“, sein Palast eingezäunt mit einer Stacheldrahtmauer, die ihn vom Feenreich trennt. Durch die Barriere, so heißt es weiter, sollen die Geister ohne weiteres hindurch treten können, während die Menschen versuchen müssen, sie zu überwinden.

Haußmanns Konzept einer faschistoiden Militärdiktatur ist mutmaßlich auch sein Gedanke entsprungen, gewissermaßen jeden Charakter außer den Elfenwesen im Laufe des Abends einmal erschießen zu lassen. Hermia und Helena, Lysander und Demetrius, Hippolyta und Theseus selbst, alle liegen sie irgendwann mit blutendem Bauchschuss wie tot da. Um gleich darauf wieder aufzustehen und zu demonstrieren, dass die Schusswunden auf sie keine Wirkung hatten.

Alles nur Theater, hahaha! Es gibt da so T-Shirts für besonders wilde Hunde, auf denen steht „Der will doch nur spielen“ …

Daniel Jesch und Alexandra Henkel geben den Theseus und seine Amazone Hippolyta. Die beiden stecken in einer offenbar von beiden goutierten SM-Beziehung, mal will sie über den Stacheldraht fliehen, mal hagelt es Ohrfeigen, mal Küsse; man kettet sich mit Handschellen aneinander, was peinlich wird, wenn allzu plötzlich Untertanen eintreten. Jeschs Tyrann ist in jeder Lebenslage Sadist, ein schießwütiger Soldat wie auch Franz J. Csencsits als Hermias Vater Egeus. Theseus springt mit dem Fallschirm über dem Wald ab, und wird am Ende den Handwerkern die Pistole an die Schläfen setzen, weil ihm nicht gefällt, was er sieht.

Haußmanns Maueridee verschwindet so schnell, wie die Berliner, er verfolgt die Flucht-Sache nicht lang weiter, sondern schwupps – und man ist im Wald. Wo sich „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak um den indischen Lustknaben zanken, wie ein Hausmeisterehepaar um die Gunst des Lieblingsrehrattlers. Mit dem Unterschied, dass der trickverliebte Regisseur Oberon Sturm säen und Titania Feuer spucken lässt. Ansonsten sind ein kindisch verdrießlicher Elfenkönig im Druidenmantel und seine fadisiert langweilige Königin im nickisamtenen Hauskleid Haußmanns „Sommernachtstraum“-Sünde. Ist doch diese Anderswelt weder verstörend-bedrohlich noch sinnlich-triebhaft. Niemand scheint hier eine gute Zeit zu haben, niemand wird im Wortsinn auf Rosen gebettet. Und nichts an Shakespeares vielgestaltigem Liebestaumel ist hier irgend erotisch. „Esel“ Zettel schaut wie auf einen Sprung vorbei, um sein Gemächt in die Elfenkönigsgemahlin zu tauchen.

Was sich liebt, das neckt sich I: „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich liebt, das neckt sich II: Alexandra Henkel als Hippolyta und Daniel Jesch als Theseus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Elisabeth Augustin muss als Oberelfe im Flatteroutfit Ersatz für Spinnweb, Senfsamen, Bohnenblüte und Motte sein. Den sonst flinken, frechen Puck spielt Christopher Nell als Trauerkloß im scheußlich-giftgrünen Strickeinteiler. Er ist kein Frei-Geist, der sich allen Regeln widersetzt und seine eigenen Spielchen treibt, der so witzig wie gewitzt ist, so amoralisch wie anarchisch, sondern ein ängstlicher, angespannter Untergebener Oberons, bei dem andauernd zu befürchten steht, dass ihn eine Panikattacke niederwirft. Oder sein Burnout.

In dieser Traumwelt herrschen keine anderen Gesetze als die profanen irdischen, da nützt es auch nichts, dass Nell an Schnüren durch die Luft fliegt. Haußmann hat die Wesen der Nacht zu Normalsterblichen degradiert, die größte Gefahr, die sie auf die Menschen losschicken, sind eine Handvoll Gelsen.

Die Sarah Viktoria Frick als Hermia mit Insektenspray killt. Frick bestreitet mit Mavie Hörbiger als Helena, Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius den Part der beiden jugendlichen, optisch austauschbaren Liebespaare und deren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.

Apropos, Bäume: Die werden alsbald weggeräumt. Und wäre der Wald Heimstatt erst unheimlicher Ängste, dann unerklärlicher, doch erlösender Lust gewesen, dann wäre das ein starkes, ein bestürzendes Bild, wie hier der Urwuchs aus der Welt getilgt wird. So aber werden nur Kulissen verschoben. Zum Glück kommen, während alles zerfasert, die Handwerker an den Hof, um endlich „Pyramus und Thisbe“ aufzuführen, Oest ein wunderbarer antiker Held, dem die zierliche, in Tippelschrittchen die Bühne einnehmende Thisbe des Peter Matić in nichts nachsteht. Wie sie immer „Kirschhof“ statt Kirchhof“ lispelt, und sich dabei ihr kleiner Busen hebt und senkt, das ist wirklich anrührend. Hans Dieter Knebel wird als betrunkener Schnauz/die Wand fixiert, indem ihm „Squenz“ Martin Schwab kurzerhand die Schuhe an den Boden nagelt. Dirk Nocker gibt den Rollstuhl-Löwen, und Hermann Scheidleder hinreißend den Mond.

Von Theseus schikaniert, als „Mann im Mond“ müsse er in seine Laterne kriechen, reißt sich Scheidleders Schlucker das Hemd vom Leib und steht mit nacktem Oberkörper da. Sein kugelrunder Bauch leuchtet im Halbdunkel auf, so plötzlich steht am Firmament das Nachtgestirn, der Erdtrabant. Und grade, als man sich schon wie erschossen fühlte, als man schon meinen wollte, Haußmanns Inszenierung fehlte es an Zauberkraft, war er da, der Moment höchster Poesie …

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

Rabenhof: Mayerling – Ein Singspiel von Wilderern und Habsburgern

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine wilde Jagd quer durch den Wienerwald

Und noch ein Habsburger der einen kapitalen Hirsch schießt: Manuel Rubey als Kronprinz Rudolf und Gerald Votava als Wilderer Horstl Tiefgruber. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof wurde Mittwochabend Ernst Moldens neues Singspiel „Mayerling“ uraufgeführt, zum Saisonauftakt des Hauses eine Inszenierung von Hausherr Thomas Gratzer höchstpersönlich. Molden, der genialische Musiker, der sich schon mit den Vorgängerproduktionen „Häuserl am Oasch“ und „Hafen Wien“ der Wiederbelebung des Genres Singspiel widmete, macht einen wiedergängerischen Habsburger zum Mittelpunkt seiner jüngsten Arbeit.

Mayerling, der Ort ist natürlich untrennbar mit dem unglücklichen Kronprinzen Rudolf verbunden, und dieser darf – inklusive dekorativer Schusswunde an der Schläfe – über die Bühne geistern. Untot, weil schuldbewusst ob der Mit-in-den-Tod-Nahme der Mary Vetsera, glaubt er nur Erlösung finden zu können, wenn ihm einer den weißen Hubertushirsch schießt. Womit er nicht der erste Habsburger wäre, der einen kapitalen Hirsch geschossen hat … Jedenfalls, der gruselige Geist findet sein Werkzeug im Wilderer Horstl Tiefgruber, den es nach Scheidung, Jobverlust und Obdachlosigkeit in den Wienerwald getrieben hat, wo er seiner letzten Selbstdefinition, dem unerlaubten Jagen, frönen will. (Rekrutiert wird übrigens so, wie’s der Tod im Jedermann tut: „Den schlag ich auf sein Herz mit Macht …“)

Schwester Apollonia betet für Frieden im Wald von Mayerling: Eva Maria Marold. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Förster Helmuth und die militante Majorin Mimi Sommer: Christoph Krutzler und Michou Friesz. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Horst kommt dem Horstl allerdings die Schwester Apollonia in die Quere, die in der kontemplativen Einsamkeit des Forstes Frieden mit sich selbst schließen und zu Gott finden will. Also wird die Klosterfrau kurzerhand zur Geisel, und ab geht die wilde Jagd. Diese durchaus im Sinne der bekannten Volkssage zu verstehen, ist der Dämon Rudolf doch als übernatürlicher Jäger mit von der Partie. Und weil’s kein Singspiel ohne Buffi geben kann, versuchen der unbeholfene Förster Helmuth und die militante Polizeimajorin Mimi Sommer vergeblich den Wilderer zu fangen. Am Ende wird der, so viel kann eine Nonne schon bewirken, geläutert sein, und der Kronprinz wird sich per Herzschlag ein neues Opfer holen …

Herzstück des Abends ist die Musik von Ernst Molden, der Meister mit Band als Schatten hinter dem Baumstammbühnenbild von Gudrun Kampl zu sehen. Viel mehr – und ein ausgeklügeltes Lichtdesign von Harald Töscher – braucht Thomas Gratzer nicht, um die Story zu erzählen. Die Songs bewegen sich im Spektrum von L’Amour-Hatscher und Hart-Rock, Molden schrammelt auf der Gitarre, bis die Saiten glühen, unterstützt von Hannes Wirth, Maria Petrova, Sibylle Kefer, Marlene Lacherstorfer, Andrea Fraenzel und dem grandiosen Walther Soyka mit seiner Altwiener Schrammelharmonika. Moldens Text transportiert ein Alt-Wienerisch, wie’s zuletzt aus der Feder von Ferdinand Raimund in dessen Zauberspiele floss. Da heißt es „Er soll die Frau in Kraut lassn“ oder „Es is zum Plaatzen“, da ist der eine ein „Bloßhaperter“ und der andere ein „Nebochant“.

Jedermann! kann zum Werkzeug des grauslichen Kronprinzen werden: Manuel Rubey und Gerald Votava. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Den Wilderer-Horstl spielt Gerald Votava hart am Rande des Wahnsinns. Wie im Fieber, dreckig und verschwitzt, pirscht er über die Bühne im Versuch, der teuflischen Spukgestalt, die ihn peinigt, zu entkommen. So, wie Votava das darstellt, stellt sich durchaus die Frage, ob sich der Kronprinzen-Geist nicht eigentlich nur im Geist vom Tiefgruber tummelt. Manuel Rubey gibt den Rudolf sehr schön düster und dominant.

Rubeys Rudolf ist einer, der sich auch nach dem Ableben seiner Privilegien als Kaiserliche Hoheit bewusst ist, und über den Rest des Casts als seine Untertanen verfügt. Als Dritte dieser unheiligen Dreifaltigkeit ist Eva Maria Marold als Schwester Apollonia zu sehen, als moderner, weiblicher Evagrius Ponticus, die in der Waldeinsiedelei das Finstere ihrer Vergangenheit, heißt: den tyrannischen Ehemann, vertreiben will, und sich mit einer noch größeren Schwärze konfrontiert sieht. Dass Votava, Rubey und Marold als trauriges Triumvirat bestens bei Stimme sind, müsste man nicht extra erwähnen, aber: Ja!

Christoph Krutzler darf als tollpatschiger Förster Helmuth nicht nur herrlich komisch sein, sondern auch Mundharmonika spielen und „Den Mond, den Mond, den Mond …“ besingen. Dies sehr zum Unwillen von „Cobra“ Mimi Sommer alias Michou Friesz, die als herrische Lederlady den Landeiern zeigen will, wo das MG hängt (um ihren Hals nämlich). Friesz und Krutzler, die Harte und der – zumindest seelisch, siehe Mundharmonika/Soul Man – Zarte, sind ein hinreißend witziges Gespann, „Mayerling“ eine insgesamt hinreißende Aufführung. Die allerdings nur 70 Minuten dauert, und das ist in diesem vergnüglichen Fall – man sagt’s am Theater ja nicht oft – zu kurz. Weil man viel mehr sehen möchte von den Wilderern und von den Habsburgern.

www.ernstmolden.at

www.rabenhoftheater.com

  1. 9. 2017

Belvedere: Jan III. Sobieski. Ein polnischer König in Wien

Juli 11, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kunstmäzen, Familienmensch und Wien-Befreier

Henri Gascar: Porträt der Familie von Jan III. Sobieski, 1691. Krakau, Königsschloss auf dem Wawel, © Zamek Królewski na Wawelu, Bild: Łukasz Schuster

Der polnische König Jan III. Sobieski (1629 – 1696) ist untrennbar mit der Geschichte Wiens verbunden. Als Oberbefehlshaber des vereinten Entsatzheeres befreite er 1683 die Stadt aus der mehrwöchigen Belagerung durch die Osmanen. Mit diesem Sieg sicherte er sich einen Platz in der Weltgeschichte und im kollektiven Gedächtnis der Österreicher.

Die gemeinsam mit den vier bedeutenden polnischen Residenzen entwickelte Ausstellung im Winterpalais des Prinzen Eugen bietet nun erstmals im deutschsprachigen Raum die Möglichkeit, den Monarchen als Privatperson, sowie sein Wirken als Staatsmann, Feldherr und Mäzen der Künste und der Wissenschaften näher kennen zu lernen. In den Prunkräumen des Winterpalais spüren Kuratorin Maike Hohn  vom Belvedere und Kurator Konrad Pyzel  vom Museum Schloss Wilanów dem Leben und Wirken Jan III. Sobieskis nach. Anhand von knapp 100 Gemälden, Preziosen, kunstgewerblichen Objekten, Militaria und Memorabilien wird den Besuchern ein umfassendes und lebendiges Bild des polnischen Königs und seiner Zeit vermittelt. „Die Ausstellung ,Jan III. Sobieski. Ein polnischer König in Wien‘ gibt die Möglichkeit, diese bedeutende Persönlichkeit des europäischen Barock als Herrscher, Kriegsheld und Mensch kennenzulernen. Die facettenreiche Darstellung verdankt sich einer außergewöhnlich umfassenden österreichisch-polnischen Zusammenarbeit“, betont Belvedere-Chefin Stella Rollig bei der Präsentation der Schau am Donnerstag.

Sobieskis Herkunft und sein Weg zum Thron als gewählter polnischer König werden im ersten Abschnitt der Ausstellung behandelt. Es waren vor allem seine Fähigkeiten und Erfolge als Feldherr, die ihm die polnische Krone eintrugen. Bereits im Alter von 20 Jahren stand Sobieski zum ersten Mal auf dem Schlachtfeld. Der Sieg der polnisch-litauischen Armee bei Chocim/Chotyn 1673 über die osmanischen Truppen und der gleichzeitige Tod des amtierenden Königs begünstigten seine Wahl zum König durch den polnischen Adel im Jahr 1674. Kulturell war Sobieskis Umfeld vom Sarmatismus geprägt – einer allumfassenden Weltanschauung des polnischen Adels, der seine Herkunft genealogisch auf das antike Volk der Sarmaten zurückführte. Diese Geisteshaltung fand ihren augenfälligsten Ausdruck in der Bekleidung, die an orientalischen Kostümen angelehnt war. In einigen Porträts in der Ausstellung wird dies nachvollziehbar.

Husaren-Halbharnisch, Polen, zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. Krakau, Königsschloss auf dem Wawel © Zamek Królewski na Wawelu, Bild: Stanisław Michta

Winterpalais des Prinzen Eugen: Ausstellungsansicht „Jan III. Sobieski. Ein polnischer König in Wien“. Bild: Sandro Zanzinger © Belvedere, Wien

Sobieskis Rolle als Mäzen der Künste ist eine weitere Sektion gewidmet. „Der Monarch beauftragte talentierte Künstler, die später an verschiedenen europäischen Herrscherhöfen Anstellung finden sollten. Unter ihnen findet sich auch Martino Altomonte, der nach seiner Tätigkeit als Schlachtenmaler und Porträtist für Sobieski nach Wien kam, um für Prinz Eugen die Freskenmalereien im Unteren Belvedere auszuführen. Überhaupt wäre die österreichische Malerei des Hochbarock ohne Altomonte nicht zu denken“, so Kuratorin Maike Hohn. Als weitere wichtige Künstlerpersönlichkeiten, die auch mit der Ausstattung der königlichen Residenz Schloss Wilanów beauftragt wurden, sind Jerzy Eleuter Szymonowicz-Siemiginowski und Jan Reisner zu nennen. Sie sind ebenfalls mit Werken in der Ausstellung vertreten. Der einst vor den Toren von Warschau gelegene Wilanów-Palast kann als Herzstück Sobieskis mäzenatischer Tätigkeit bezeichnet werden. Mit der architektonischen Umsetzung des Ausbaus von einem einfachen Landhaus zu einer barocken Königsresidenz wurde Vincenzo Agostino Locci beauftragt. Die Ausstellung zeigt die bedeutenden Ansichten der Schlossanlage von Bernardo Bellotto, die eigens zu diesem Zweck ihren fixen Platz im Canaletto-Saal des Warschauer Königsschlosses verlassen haben.

Sobieski förderte jedoch nicht nur die bildenden Künste, er zeigte sich auch an Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung interessiert und unterstützte Gelehrte wie den Danziger Astronomen Johannes Hevelius, von dessen Person und wissenschaftlicher Arbeit die Ausstellung einen Eindruck gibt. „Hevelius erhielt von Sobieski ein jährliches Gehalt. Für die Tätigkeit in seinen Brauereien erteilte ihm der polnische König eine Steuerbefreiung. Überdies stellte Sobieski für den brandbedingten Wiederaufbau und die neuerliche Ausstattung von dessen Werkstatt entsprechende Geldmittel bereit“, erklärt Kurator Konrad Pyzel. Ein weiterer Abschnitt der Ausstellung widmet sich Sobieskis Rolle als Ehemann und Vater. Bis heute erhaltene Briefe an seine Frau Marie Casimire, eine französische Hofdame am polnischen Hof, bezeugen seine innige Zuneigung und Wertschätzung seiner Gattin und die politische Zusammenarbeit des königlichen Paares. Eine kleine Auswahl der Briefe ist – zum Teil erstmals in deutscher und englischer Übersetzung – digital einzusehen, Familienporträts zeigen das Herrscherpaar und ihre Kinder, die entgegen den damaligen Usancen in engem Kontakt mit den Eltern am Hof aufwuchsen.

Anonymer Maler Porträt des Kara Mustafa 18. Jahrhundert. Warschau, Museum Schloss Wilanów © Muzeum Pałacu Króla Jana III w Wilanowie, Bild: Zbigniew Reszka

Anonymer Maler, Porträt von König Jan III. Sobieski, 18. Jahrhundert. Warschau, Museum Schloss Wilanów © Muzeum Pałacu Króla Jana III w Wilanowie, Bild: Zbigniew Reszka

Ein eigenes Kapitel der Ausstellung befasst sich mit der Schlacht bei Wien. Bevor Sobieski die alliierten Truppen, bestehend aus kaiserlichen Kontingenten, Hilfstruppen aus dem Heiligen Römischen Reich sowie der polnischen Kronarmee, als Oberbefehlshaber zum Sieg gegen die Osmanen führte, schloss er ein Bündnis mit Kaiser Leopold I. Dieser für die österreichisch-polnische Geschichte bedeutende Vertragstext wurde anlässlich der Ausstellung vollständig übersetzt. Die Exponate zeigen zentrale Protagonisten des Entsatzes auf kaiserlicher wie auf polnischer Seite. Den Schlusspunkt der Sektion bilden Objekte rund um die Heilige Liga und den Frieden von Karlowitz im Jahr 1699. Der vorletzte Abschnitt der Ausstellung beleuchtet Sobieskis Rückkehr aus Wien mit königlichen Trophäen und kostbaren Textilien, die er teilweise als Votivgaben Kirchen und Klöstern in Polen stiftete. Schließlich geht die Ausstellung auf den Ruhm ein, der dem polnischen König unmittelbar nach dem erfolgreichen Entsatz von Wien zuteilwurde. Ein Beispiel für die Anerkennung, auch fernab der großen europäischen Herrscherhöfe, bildet das Denkmalprojekt für die Kathedrale von Le Puy-en-Velay. Auf Betreiben des Bischofs sollten in mehreren Kirchen der französischen Auvergne Monumente für Sobieski errichtet werden. Die Skulpturen in der Ausstellung sind Teile eines Denkmals, das letztlich jedoch nicht aufgestellt wurde.

„Die Ausstellung versammelt zentrale Werke zur Person, die auch als Momentum Sobescianum bezeichnet werden. Ausstellung und Ausstellungsort ergänzen sich dabei kongenial. Prinz Eugen von Savoyen, der Bauherr des Winterpalais, dürfte König Sobieski während der Entsatzschlacht um Wien 1683 kennen gelernt haben“, sagt Paweł Jaskanis, Direktor des Museum Schloss Wilanów. In Kooperation mit dem Museum Schloss Wilanów erscheint zur Ausstellung im Hirmer Verlag ein umfangreicher Katalog in deutscher und polnischer Sprache. Eine Datenbank mit gesammelten wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Artikeln zu Geschichte, Kultur und Sitten Polen-Litauens sowie herausragenden Persönlichkeiten bietet eine umfangreiche Nachlese für alle Interessierten, die sich über die Ausstellung hinaus tiefergehend mit der Person und der Zeit Jan III. Sobieskis befassen möchten.

www.wilanow-palac.pl/pasaz

www.belvedere.at

6. 7. 2017

Kammerspiele: Lenya Story – Ein Liebeslied

März 31, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Standing Ovations für Sona MacDonald

Psychogramm einiger komplizierter Künstlerbeziehungen: Sona MacDonald als Lotte Lenya und Tonio Arango als alle ihre Männer. Bild: Moritz Schell

Sona MacDonald in ihrem Element, dafür gab’s Donnerstagnacht in den Kammerspielen der Josefstadt Standing Ovations. Nach Marlene Dietrich und Billie Holiday widmet die wunderbare Schauspielerin und Sängerin all ihre Talente nun der Weill-Gattin und Brecht-Muse Lotto Lenya. „Lenya Story – Ein Liebeslied“ heißt der Abend, den auch diesmal Torsten Fischer und Herbert Schäfer für die Ausnahmekünstlerin geschaffen haben.

Und wieder versteht es MacDonald, ihre Sprache, ihre Stimme einer großen Diseuse anzuverwandeln, erneut gelingt es ihr, tief in deren Seele abtauchen – und nicht als Kopie, sondern als ein eigenständiger „Klangkörper“ ihre Geschichte zu erzählen. Dass Timbre und Temperament stimmen, versteht sich. MacDonald „kann“ die Lenya mit ihren eigenwilligen Tönen, die mal hell klirren wie zerstoßenes Glas, mal wund und rau sind, wie mit Sandpapier geschmirgelt. Sie kann ihren unbändigen Elan und den puren, rohen Sex-Appeal, sie changiert zwischen Schutz suchendem Mädchen und rotzfrecher Straßengöre. Wie sie da auf der Bühne steht, scheint auch sie eigens geschaffen zur Heldin der Brecht-Weillschen Gossenwelt mit ihren Lumpen, Gaunern und leichten Madämchens. „Sie kennen ja die berühmten Zwanzigerjahre. Jede Frau war eine femme fatale, und alle schliefen miteinander“, sagt Lenya launig.

MacDonald atmet den Zeitgeist dieser Zwanziger- und Dreißigerjahre; Fischer, ein Experte für solcher Art Aufführungen, fügt geschickt die Zeitgeschichte hinzu. Entlang von Lenyas Biografie und der Weill-Musik macht er die politischen Machtverhältnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts greifbar. Die Bühne zeigt eine Welt in Schieflage, der Schnee, der auf den Steilhang fällt, wird mehr und mehr zu Ruß und Asche. Man ringt buchstäblich wie bildlich um Widerstandskraft und Standhaftigkeit; jeder Song gilt dazu als Zitat über gesellschaftliche Zu- und Umstände: „Denn wie man sich bettet, so liegt man“, „Berlin im Licht“ und natürlich und vor allem „Wie lange noch“. Ein hervorragendes Musikerquartett, Christian Frank, Herbert Berger, Andy Mayerl und Klaus Pérez-Salado, interpretieren einiges an Neu- und Wiederentdeckungen so stimmig, wie die Gassenhauer aus der „Dreigroschenoper“, „Mahagonny“ oder „Happy End“.

Alter Bilbaomond! Wo noch die Liebe lohnt… Bild: Moritz Schell

Du hast kein Herz, und ich liebe dich so … Bild: Moritz Schell

Was dieses Sona-MacDonald-Fest aber vor allem anderen auszeichnet, ist ihr Bühnenpartner Tonio Arango. Mit ihm wird das Solo für Sona zum Psychogramm eines komplizierten Künstlerpaares. Er schlüpft in die Rollen aller Lenya-Männer, gibt mit Glatze und Nickelbrille den Lebensmenschen Kurt Weill, mit Schiebermütze und Zigarre kurz Bert Brecht, die Ehemänner zwei und drei, George Davis und Russel Detwiler, und diverse andere Liebhaber. Spielt einen James Bond, dem die Lenya als KGB-Offizierin Rosa Klebb „Liebesgrüße aus Moskau“ schickt. Dann wieder feiert Sie mit roter Federboa und Er mit Zylinder und Strapsen – die Exzellenz der Dekadenz. Kein Wunder, erscheint ihnen später New York langweilig und Hollywood als spießiges Nest.

Es ist ein pralles, fiebriges, mitunter arg anekdotisches Dasein, das die Inszenierung zeigt. Ein Dasein, das sich den öffentlichen Blicken fast nie entzogen hat. Ein Arbeiterkind aus den ärmlichsten Verhältnissen der Penzinger Ameisgasse ist die Lenya. Das Wienerische hätte ihr die Musik ins Blut geimpft, sagt sie auf Nachfrage gern. „Wenn ich mich nach dir sehne“, schreibt Weill einmal, „so denke ich am meisten an den Klang deiner Stimme, den ich wie eine Naturkraft, wie ein Element liebe. In diesem Klang bist Du für mich ganz enthalten, alles andere ist nur ein Teil von dir, und wenn ich mich in Deine Stimme einhülle, bist Du ganz bei mir.“ Den Briefwechsel der beiden haben Fischer und Schäfer als O-Ton-Grundlage für ihre Stückdialoge verwendet.

Im New Yorker Exil: Tonio Arango als Kurt Weill mit Sona MacDonald. Bild: Moritz Schell

Man erfährt, er wollte nicht mehr sein als ihr „Lustknabe“, und: Er nennt sie seine „Mistblume“. Was die beiden auch verbindet, ist ihr Hang zu sarkastischem Humor. Zwei Menschen, einer des anderen Schicksal, zwei Mal miteinander verheiratet, trotz unzähliger Seitensprünge eine ewige Treue – und als er stirbt, stürzt sie ins Bodenlose. In diesem Moment gibt MacDonald alles, gibt sich hin und verausgabt sich.

Am Ende merkt man, sie braucht, um aus dieser intensiven Performance zu sich zu kommen. Da steht sie, Tränen glitzern in den Augen, das Makeup ist verschmiert – und wie schön ist sie so. Das Publikum hatte noch lange nicht vor, nach Hause zu gehen. Wie sich am Applaus zeigte. Grad, dass man sich’s verkniff, „Zugabe“ zu rufen …

Video: www.youtube.com/watch?v=NRzIOcGTtT0

www.josefstadt.org

Wien, 31. 3. 2017

Sigi Zimmerschied: Der siebte Tag – Ein Erschöpfungsbericht

März 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt als wilde Vorstellung

Ora et labora: Sigi Zimmerschied berichtet als Engelbert Erz von Gottes Schöpfungsschnapsideen. Bild: Axel Schubert

Da tappt er also durchs Dunkle, der arme Engelbert Erz, dem sein Chef das Licht abgeschaltet hat. Eine einzige Boshaftigkeit ist das! Unter uns gesagt, der Alte ist mittlerweile unerträglich dement. Weiß heut’ nicht, was er gestern wollte, hat für morgen keinen Plan, scheucht seinen Mitarbeiter sinnlos hin und her, und spielt derweil am liebsten mit seinem Naturbaukasten – noch lieber, wenn er die Spielfiguren darin massakrieren darf (in der Hoppala-Kiste liegen der Yeti, Erich Honecker, Heidi Klum).

Ach so: Der Alte, das ist der Allmächtige. Herrgott, Jahwe, Allah, Shiva, was weiß man, wie ER heißt? ER nennt sich ja jeden Tag anders …

In seinem jüngsten Programm „Der siebte Tag – Ein Erschöpfungsbericht“ befasst sich Sigi Zimmerschied mit dem Anfang, der Erschaffung von Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. So lernt man’s brav in der Kirche. Wie die meisten bayerischen Kabarettisten leidet auch Zimmerschied an seiner Un-/Gläubigkeit. Gebürtige Passauer empfinden ihren Katholizismus als Kinderlähmung. Von der vatikanischen Krabbelstube beinschienen sie sich direkt in den Ministrantendienst. Im Zorn darob entwirft einer wie Ex-Altardiener Zimmerschied das Bildnis eines allvaterischen Zynikers, der im galaktischen Wettstreit mit anderen „Machern“ (z.B. dem Krautschas-Urknaller) das Universum erschuf.

Was gar nicht so sehr gewollt, als vielmehr eine Verkettung von Zu- und Unfällen und vor allem Schnapsideen war. „Allmacht und Primitivität liegen oft nahe beieinander“, weiß der große Geist und Kleinkünstler Zimmerschied. Die Welt als wilde Vorstellung, um Gottes Geschöpf Schopenhauer neu zu interpretieren. Sechs und einen Ruhetag hat das alles gedauert; auf der Bühne des Niedermair ist es bei der österreichischen Erstaufführung zehn Minuten stockduster, bevor einem ein Licht aufgeht: Das mit dem „Es werde …“ funktioniert nur bei Anbetung und Kniefall, gefolgt von einem „Gebenedeit sei der Techniker dieses Abend …“ Zimmerschied legt seinen Kleinkunstalltag als zweite Tonspur unter den Text. Und natürlich umfasst seine Satire auf den unerreichbaren Überchef und seinen Burn-out-Schackel auch die profitorientierte Betriebswirtschaft.

Der Knecht des Herrn tappt zunächst ziemlich im Dunkeln. Bild: Dr. Christian Pacher

Das „Es werde Licht“ muss er sich der Erz kniend erbeten. Bild: Dr. Christian Pacher

Zimmerschied ist Pointenschleuder und Wuchteldrucker – und als solcher nicht immer stubenrein. Frech, frei und brachial komisch übt er sich im Stakkatosprechen, sein Messerschmidt’sches Gesicht verzieht’s mal in diese, mal in jene Richtung. Und sein Körper – nicht nur wegen dessen Mitte kann man getrost sagen: ein Flummi. Was Zimmerschied zu Gott und der Welt zu sagen hat, muss einem erst einmal einfallen! Er berichtet aus der Geschichte und über G’schichtln. Von Kreuzzugsbedauern über den Inquisitionsschub bis zum Evolutionsterror. Tenor: Intelligenz muss man sich leisten können. Immerhin, viel Ungemach konnte der Erfüllungsgehilfe schon verhindern, und weil er die Menschen mag, hat er den „freien Willen“ erfunden. Aber was Dschingis Khan, Napoleon oder Hitler betrifft, würde er sie sich schon wünschen, die selbstvernichtende Grausamkeit. Doch wer rechter Hand sitzt, ist halt leider nicht mehr als die rechte Hand.

Zimmerschied ist Metaphoriker und Moralist, ein Meister der humoristischen Tiefenbohrung, der trotzdem gern durch jede Untiefe watet. Er geht ins Publikum und sucht ein Menschenopfer. Wie aus dem spontanen Ausruf „Jessas“ ein sinnlos ans Kreuz Geschlagener wird, das muss man sich live anhören. Und auch, warum die „populistische Internationale“ eine jener Neuentwicklungen ist, denen Engelbert Erz höchst kritisch gegenübersteht, die sich aber aus der allerhöchsten Flugperspektive punkto Funfaktor gut machen. Gott würfelt nicht, sagte einst Einstein. Bei Sigi Zimmerschied dreht er zu mindestens am Rad.

Bis 31. März im Kabarett Niedermair, am 1. April im Stadtsaal.

sigi-zimmerschied.de     Video: sigi-zimmerschied.de/videos/der-siebte-tag

www.niedermair.at         www.stadtsaal.com

Wien, 30. 3. 2017