TAG: Unterm Strich – Ein Jahrmarkt der Eitelkeit

April 22, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das neue Leben geht in zwei Wochen los

Raphael Nicholas ist ein strippenziehender, allwissender Spielleiter. Bild: © Anna Stöcher

William Makepeace Thackerays Wälzer „Vanity Fair“ verwendet Regisseurin Margit Mezgolich für ihre jüngste TAG-Überschreibung „Unterm Strich – Ein Jahrmarkt der Eitelkeit“. Ab 1847 ist Thackerays großer Gesellschaftsroman in Fortsetzungen im Satiremagazin Punch erschienen, die Geschichte der gerade einer „Erziehungsanstalt für junge Damen“ entschlüpften Freudinnen Becky Sharp und Amelia Sedley.

Zeitlich verankert durch Schilderungen der Schlacht von Waterloo – diese, Napoleons Niederlage, der einzige historische Hinweis im Buch. Mezgolich hat da mehr zu bieten. Wer will kann sich mit ihren Figuren auf Zeitreise begeben. Wo war man, als die Mauer fiel, Lady Diana verunglückte, 9/11 passierte? Immer wieder erinnern Nachrichtensprecher an die dramatischsten Ereignisse der vergangenen dreißig Jahre. Zeitreise ist das große Thema des Abends, an dem Raphael Nicholas in altertümlicher Aufmachung und mit Zeremonienstock als letzter an die Thackeray’schen Charaktere gemahnt. Er ist – einerseits – dessen „Spielleiter“, im Original wie hier ein stippenziehender, allwissender Erzähler, der gern die Handlung unterbricht, um seine moralisierenden Weisheiten von sich zu geben.

Nicholas tut das mit ausladend-manierierter Geste und melancholisch gelüpfter Augenbraue. Ach, die Menschen, sie sind schon so! Andererseits aber ist er „Stefan“, der, wie sich alsbald herausstellen wird, Loser einer Gruppe von (ehemaligen) Schauspielschülern. Die hat er nun, am 21. April 2018, zum Klassentreffen eingeladen. In ein Abbruchhaus ohne Fenster und Möbel – ein Schelm, wer da an Horrorfilmszenarien denkt. Von der desaströs langweiligen Party geht’s im Zeitraffer in die Vergangenheit und zurück in die Zukunft.

Die Zeitreise ins Jahr 1989 gelingt mit passenden Perücken: Jens Claßen, Georg Schubert, Lisa Schrammel und Petra Strasser. Bild: © Anna Stöcher

Stefan beim Vorsprechen als „Spielleiter“: Lisa Schrammel, Georg Schubert, Petra Strasser, Jens Claßen und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Da beginnt’s mit einem Vorsprechen Stefans in der Rolle des Spielleiters in der Gruppe 80. Ein Insidergag, der vom Uraufführungspublikum mit entsprechendem Gelächter gewürdigt wurde. Da werden mittlerweile erworbene Wohlstandsbäuche abgeschnallt und haarsträubende Perücken aufgesetzt, um das Jahrzehnt anzuzeigen, das gerade Sache ist. Der Inhalt? Ungefähr so: Emma liebt Martin, der sie mit Becky betrügt, und wird von Richard heimlich wiedergeliebt. Dazwischen ereignen sich die großen und kleinen Katastrophen des Alltags, von Eheschließungen bis Jobverlust bis Autounfall mit dramatischen Folgen.

Bei der Schauspielerei bleibt nämlich keiner der vier. Nach und nach kristallisiert sich außerdem heraus, dass alle mehr als einen Strauß miteinander auszufechten haben. Spielleiter Stefan genießt und musiziert., die Handlung nimmt den Twist, den man beinahe erwartet hätte. Dass Mezgolichs Übung gelingt, ist im hohen Maße dem wie immer von überbordender Spielfreude beseelten TAG-Ensemble zu danken. Raphael Nicholas, Jens Claßen als schüchternem Richard, Lisa Schrammel als naive, „höhere Tochter“ Emma, Georg Schubert als polternder Kotzbrocken Martin und Petra Strasser als hippelige Stadtneurotikerin Becky.

Mit nervösem Augenflattern kann sie bei jedem neuerlichen Treffen von einer aktuellen Geschäftsidee berichten, die „in zwei Wochen losgeht“. Was bleibt vom Leben „Unterm Strich“? – das ist die eindringliche Frage, die Margit Mezgolich mit ihrem Text an die Zuschauer weiterspielt. Zum Glück, schließlich am Schluss ein Hoffnungsschimmer. 2018 ist veränderbar! Richard gelingt es anno ´89 Emma einen seiner über die vielen Jahre an sie gerichteten Sehnsuchtsbriefe zu überreichen. Das lässt die Idee zu, dass wenn schon vielleicht nichts besser, so doch alles anders wird …

Video: vimeo.com/265560413

dastag.at

  1. 4. 2018

Orpheum Wien – Thomas Stipsits: Stinatzer Delikatessen. Quasi ein Best Of

Februar 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und immer noch kein Freibad

Bild: pertramer.at

Es gibt also immer noch kein Freibad in Stinatz, auf diesen Umstand zwingt es den dortigen Tourismusbeauftragten bei seinem Premierenauftritt im Orpheum Wien hinzuweisen. Man weiß schließlich Freunde und Gönner anwesend, und vielleicht ja … Geber? Ach ja, der Mann heißt Thomas Stipsits und ist hauptberuflich Kabarettist und Schauspieler, in erster Linie aber auch ein seiner Marktgemeinde Verbundener.

Als solcher hat er nun eine südburgenländische Perlenreihe geknüpft. „Stinatzer Delikatessen – Quasi ein Best Of“ heißt sie, und präsentiert sozusagen Pikantes aus bisherigen Programmen, gewürzt mit Ausblicken auf das kommende neue. Über einheimische Eigenheiten erzählt der Stipsits ja besonders gern, und auch diesmal malt er wieder ein lebhaftes Bild vom Leben zwischen Thujen, Jägerzaun und Waschbetonplatten. Man erfährt, wie Online-Banking bei der Stinatzer Raika funktioniert, Wissenwertes über den Kampf der Showgiganten ORF vs katholische Kirche, und viel übers kroatische Erbe.

An den schönsten Stellen packt Stipsits über die eigene Familie aus, Papa, Oma und die im Publikum sitzende Gattin, die ihm beim Schlussapplaus ganz schön Kontra gibt. Hier wird sich nicht geschont, hier wird Spaß gemacht, dass es eine Freude ist. Doch die Zeichen der Zeit sind auch an ihm nicht ohne Weiteres vorübergegangen, und so flicht Stipsits ein paar aktuell ernst gemeinte Einsprengsel in seinen launigen Text. Über Flüchtlingssketche bei Faschingssitzungen, die Kurz-Führung der Balkanroute und die Retro-Regierung insgesamt. Freilich darf auch der allseits bekannte Jörg-Haider-Herzensfreund nicht fehlen.

Stipsits turnt durch Dialekte, er sprintet durch Sprachfehler und Verständigungsprobleme. Ein gutes Dutzend seiner Figuren hat er diesmal mit dabei, und so gibt es ein Wiedersehen/Wiederhören mit Unteroffizier Steinschleifer und dem Ex-Lehrer, weil Krautkenner Feichtinger Joe, mit Tiroler Schützen und griechischen Wirten. Als besonderes Schmankerl serviert Stipsits einen nagelneuen steirischen Sirtaki. Dies in atemberaubenden Tempo. Und ohne sich, wie eigentlich angekündigt, zu verhaspeln.

Überhaupt greift Stipsits wieder gern und viel zur Gitarre, bringt ein Achtzigerjahre-Medley von „Flinserl im Ohr“/„Felicita“ – bis „Rauchverbot“/“In The Army Now“, singt für seinen Sohn Kinderlieder à la Grönemeyer oder Rolling Stones, und – dies schon die Zugabe – intoniert Nachweihnachtliches im Stil von Wanda oder Bilderbuch. Stipsits zeigt sich einmal mehr als Entertainer, der im Wortsinn alle Stückln spielt. In diesem Sinne: Selten so gelacht.

www.stipsits.com

  1. 2. 2018

Schauspielhaus Wien: Ein Körper für Jetzt und Heute

Januar 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Story über Selbstermächtigungsharakiri

Vera von Gunten und Steffen Link. Bild: © Matthias Heschl

Ausgehend von der Tatsache, dass Homosexualität im Iran bis hin zur Todesstrafe geahndet wird, gleichzeitig Geschlechtsumwandlungen nicht nur offiziell gestattet, sondern unter bestimmten Voraussetzungen sogar staatlich kofinanziert werden, hat Mehdi Moradpour seinen enigmatisch-poetischen Text „Ein Körper für Jetzt und Heute“ verfasst. Zino Wey hat die Uraufführung am Schauspielhaus Wien inszeniert; das Bühnenbild von Davy van Gerven zeigt einen Neuköllner Brunnen, um den und vor allem in dem sich die Darsteller tummeln.

Ein „Gentrification“-Graffiti macht klar, im Stück geht es längst nicht nur um die Kadaver der Zivilisation und die ideologischen Trümmer, die anderswo herumliegen. Auch im Glashäusermeer findet Ungleichheit statt, wenn es ums Geschlechtliche geht, gibt es Verhaltensmaßregeln fürs Richtig und fürs Falsch. Entsprechend „westlich“ sind die Schauspieler Simon Bauer, Vera von Gunten, Steffen Link und Martina Spitzer in Parkas und Pullover gekleidet. Als wär’s eine Uniform für den Protest, für ihren vierstimmigen Monolog gegen Aus- und Abgrenzung von Menschen.

Simon Bauer gestaltet die Figur Elija, die nicht ins gängige Konzept von Männlich-Weiblich passt. Gott, der bekanntlich keine Fehler macht, ist dieser eine unterlaufen, sagt die Mutter. Vor dem Vater gelingt die Flucht in die größere, anonymere Stadt, wo eine wohlwollende Kusine Elija von Instanz zu Institution schleppt. Mit dem Ergebnis, dass dieser von allen Seiten, Ärzten bis Imamen, der Arbeitgeber höchstselbst sagt, er würde Elija in diesem Falle sogar heiraten, zur Operation gedrängt wird. Elija liebt Fanis, Steffen Link, also willigt er ein …

Es ist spätestens diese Stelle, an der Moradpours Stück in die Selbstoptimierungs-Science-Fiction kippt. Denn Elija (wie auch der später dazukommende geheimnisvolle Flo) hat eine universellere Fantasie als das gängige Mann-Frau-Schema. „Mein Körper ohne Ort, aber mit Zukunft“, keine Geschlechterbarrieren, keine gesellschaftlichen Zuschreibungen, das wünscht er sich. Sich verändern für den anderen, sich erweitern für sich selbst … Identität und deren Bildung nämlich, sagt Moradpour an dieser Stelle, hat auch was mit einem rassistischen, sexistischen Kulturkampf zu tun; er flicht surreale Traumsequenzen in seine Handlung, die von Zino Wey als großformatige Kamerabilder umgesetzt werden, und lässt „aus dem manuskript der verschwundenen studentin“ zitieren.

Vera von Gunten, Steffen Link, Simon Bauer und Martina Spitzer. Bild: © Matthias Heschl

Vera von Gunten, Simon Bauer und Martina Spitzer. Bild: © Matthias Heschl

Ihre Stimme vor allem ist es, die die Tiraden jener Mehrheiten anprangert, die „das schöne“ und „das reine“ mit der scheußlichsten Wortwahl suchen. „genau wie ethnozentrische und identitäre bestrebungen. hier wird mit einem besonderen eifer eine bekenntnis zu klaren normen, werten und zuschreibungen verlangt“, lässt sich dazu im Programmheft nachlesen. Und während Moradpour noch die soziale Anpassungsmatrix analysiert, die Stereotype und die Schablonen ausforscht, ereignet sich auf der Bühne Dramatisches.

Während Fanis – aus Schuldbewusstsein gegenüber Elija? – eine Niere für eine Dialysepatientin geben will, entschließt sich Elija, verzweifelt über den neuen-alten Körper, zur nächsten Operation. Sein Selbstermächtigungsharakiri hat begonnen, und er hat beschlossen eine Tier-Mensch-Maschine, ein Er-Sie-Es zu werden … ein sozialer Körper, in der Hoffnung, dass, was sich zwischen den Polen bewegt, dann endlich akzeptiert wird.

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2018

Amor Towles: Ein Gentleman in Moskau

Januar 13, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Von den Bolschewiken zu ewigem Luxus verdammt

Lebenslanger Hausarrest im Hotel Metropol. So lautet 1922 das Urteil des Volkskommissariats über den „Genossen“ Alexander Iljitsch Rostov. Der Graf, kaum 30, nur deshalb nicht erschossen, weil er als „Held der vorrevolutionären Zeit“ gilt und ohnedies im Haus residierend, wird von seiner eleganten Suite in eine Dachkammer im Dienstbotentrakt verfrachtet. Ein neues Leben muss beginnen. Und der Blaublüter beschließt, kein Edmond Rostand samt dessen Rachegelüsten zu werden, sondern wie Robinson Crusoe eine „neue Insel“ zu entdecken …

Dies die Ausgangsposition von Amor Towles‘ Roman „Ein Gentleman in Moskau“. Der US-Autor legt damit nach „Eine Frage der Höflichkeit“ sein zweites Buch vor, und auch dieses besticht mit seiner schönen Sprache und die schelmische, liebevoll sarkastische Art, mit der die Figuren gezeichnet sind und deren Handlungen verfolgt werden. Es ist ein Lesevergnügen in die Tiefen des vornehmen Metropol abzutauchen; Rostov, die in Ungnade gefallene „Ehemalige Person“, entdeckt sie auf seinen von der Langeweile getriebenen Streifzügen als Welt im Kleinen mit Restaurants und Cafés, mit Blumenladen, Zeitungskiosk und hauseigenem Barbier.

Und während mehr zwischen den Zeilen als ausgeschrieben die neuen Zeiten heraufdämmern, pflegt Herr Graf, wie ihn das Personal unverwandt nennt, den freundlichen Konversationston. Eine besondere Höflichkeitsform, so opulent wie altmodisch – und absolut charmant. „Denn Gepränge hält sich mit großer Hartnäckigkeit. Außerdem ist es listig. Demütig senkt es das Haupt, wenn der Kaiser die Stufen hinabgestoßen und auf die Straße geworfen wird. Doch dann, nachdem es eine Weile still abgewartet und dem neu ernannten Lenker in sein Jackett geholfen hat, macht es ihm zu seinem Aufzug Komplimente … und Gepränge richtet sich abermals neben dem Thron ein, nachdem es sich wieder einmal die Herrschaft über die Geschichte gesicherrt hat.“

Nun stehen im Leben des Adeligen große Veränderungen an. Die eine ist die Bekanntschaft mit dem Mädchen Nina Kulikowa, der Vater ein hoher Beamter, sie ebenfalls eine „Gefangene“ des Hauses, weil die ländlich-sittliche Gouvernante den Schritt hinaus ins Moskauer Stadtleben nicht wagt. Ein altkluges Kind, das die versunkene Welt der einstigen Prinzessinnen kennenlernen will, und den Grafen zu gemeinsamen Erkundungen durch das Hotel anstiftet. Eben der, dank seiner guten Manieren und seines exquisiten Geschmacks nur für eine Aufgabe im Haus geeignet, wird Oberkellner im Nobelrestaurant Bojarski.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

So geht es durch die Jahre. Durch die Säuberungsaktionen der neuen Sowjetregierung, schließlich durch den Zweiten Weltkrieg; eingeschlossen in seiner Blase erkennt der Graf die nun regierende politische Willkür und erlebt, wie Mitläufer zu Chefs werden. Dabei verändert er mit seiner alten Art die Leben in seiner Umgebung, vom Portier bis zur Näherin. 1954 wird es schließlich werden – und kein Ende seines Ausgehverbots abzusehen. Der Graf, Beispiel für zeitlose Werte und Tugenden, bleibt dabei stets der gleiche, nur die Welt dreht sich, das Hotel Metropol mit seinen je nach Machtgefüge wechselnden Gästen ein Abbild davon. Sogar Rostovs bester Freund und ehemaliger Studienkollege Mischka passt sich an. Er wird ein wichtiges Mitglied im kommunistischen Schriftstellerverband …

Towles gelingt es, dem Leser im Zeitraffer die jüngere wechselhafte Geschichte Russlands – Lenin, Stalin, Chruschtschow – zu vermitteln. Dass Bolschewismus, Kommunismus und ihre politischen Führer dabei heftig, wenn auch wenig konkret, sondern akademisch-amerikanisch, gescholten werden, während das frühere feudalwirtschaftliche Adelssystem ohne Kratzer davonkommt, ist eine Verklärung, die man hinnehmen muss, will man mit dem „Gentleman in Moskau“ seine Freude haben. „Ein Gentleman in Moskau“ ist ein Buch zum Drinwohnen und sich Wohlfühlen, wie es sich für ein Luxushotel gehört. Dass draußen der jeweils systemimmanente Mord-und-Totschlag tobt, will man da nur gedämpft wahrnehmen. Der Roman verhält sich zur Wirklichkeit wie die „Dr. Schiwago“-Verfilmung zu Boris Pasternak.

Und so lässt einem der „glücklichste Mensch Russlands“ mit seinem fein-hintergründigen Humor und seiner spitzfindigen Wortwahl über die Welt an sich und den politischen Alltag im Besonderen das Herz aufgehen statt zusammenkrampfen. Das Ende? Ah ja, noch nicht ganz, aber: Nina wird Funktionärin beim Komsomol, und sie wird eine Tochter haben, Sofia, und die wird sie, wie sie’s selbst war, in die Obhut des Grafen im Hotel geben …

Über den Autor:
Amor Towles hat in Yale und Stanford studiert. Er ist in der Finanzbranche tätig und gehört dem Vorstand der Library of America und der Yale Art Gallery an. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Manhattan.

List Verlag, Amor Towles: „Ein Gentleman in Moskau“, Roman, 560 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 1. 2018

Burgtheater: Ein Volksfeind

November 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Appell an eine vergartenzwergte Gesellschaft

Doktor Tomas Stockmann entdeckt, dass die Heilquelle verseucht ist: Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die einen stolpern und schlingern übers glatte Bühnenparkett, die anderen gleiten geschmeidig darüber hinweg. Die einen sind Pirouettendreher, die anderen haut es, weil in ihrem Leben nichts hin-, auf den Hintern. Der Bürgermeister kann beides, kann im Fall noch die kunstvollsten Figuren gestalten, während der Bruder-Protagonist in Gesundheitslatschen beständig die nackten Zehen vor den scharfen Kufenkurvern in Sicherheit bringen muss.

Die Welt ist ein Eislaufplatz. Zumindest in Jette Steckels Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“ in der Neufassung von Frank-Patrick Steckel am Burgtheater. Wo magische Bilder im Halbdunkel bezaubern. Wo alles, was irgend Emotion ist, übers Eislaufen abläuft. Wo dagegen aber eher verhalten und artifiziell gespielt wird, „flach“, wie manche in der Pause der dreistündigen Aufführung meinten.

Gemeint ist hier übrigens alles gut. Die Steckels haben den bereits im norwegischen Stück angelegten Konflikt der Profitgier um natürliche Ressourcen, des Kampfes der Ethik, ja der Moral eines einzelnen mit den wirtschaftlichen Interessen vieler zugespitzt, und zeigen nun ein Drama, wie es zeitgenössischer kaum sein könnte. Alles, bis zum Ende die letzten Bilder, dreht sich um Klimakatastrophe, um Weltverschmutzung (denn wie klug angemerkt wird, es gibt keine Umwelt, nur die Welt) und deren Wohlstandsverursacher.

Ein Gesundheitslatschenträger verfolgt vom Kufenkurver: Mirco Kreibich als Peter Stockmann mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Aussprache mit Publikum und den Industriellen-Schwiegervater: Ignaz Kirchner als Morten Kiil mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Fakten werden alternativ, die News zwar nicht Fake, eine Lügenpresse gibt Ibsen nicht her, aber immerhin von Schweigejournalisten unter den Tisch fallen gelassen. Willkommen im Irrwitz der Gegenwart! Wo Dr. Tomas Stockmanns Söhne „boys“ sind, seine Frau Kathrin eine resolute, hemdsärmelige Kinderärztin, was Dorothee Hartinger tatsächlich wenig Spiel-Raum gibt – und er selbst wesentlich weniger ambivalent als im Original.

Dass da einer so konsequent auf der richtigen Seite stehen muss, macht es Joachim Meyerhoff, gewohnt treffsicherer Darsteller ambivalenter Charaktere, nicht unbedingt leicht. Und so raunt er sich mit Reibeisenstimme durch die Rolle, als wär‘ ein Anflug von Heiserkeit eine Fluchtmöglichkeit vorm Kleinstadthickhack, und versucht den „erhabenen Spinner“ als Kauz zu gestalten. Immerhin bleibt er in dieser Sache radikal: Sein Stockmann ist ein Fleisch gewordener Aufruf zur Geradlinigkeit.

Über textliche Längen helfen diesmal andere hinweg, allen voran das formidable Volksboten-Trio Ole Lagerpusch (dieser als aufrechter Hovstad mit Irina Sulaver als Petra auch ein sympathisch-tollpatschiges Liebespaar), Peter Knaack als angstvoll-schmierigem Aslaksen, der Inserate gegen Integrität tauscht, und Matthias Mosbach als wendehälsischem Billing.

Mirco Kreibich als auf Schlittschuhen moonwalkender Bürgermeister und jüngerer Bruder Peter Stockmann läuft – im Wortsinn – Meyerhoff kurzzeitig sogar den Rang ab. Er macht die Pflicht zur Kür, seine große Rede zum artistischen Kabinettstück. In den besten Momenten des Abends stehen die beiden gegeneinander, der Realist vs dem Idealisten. Ignaz Kirchner gibt als stockschwingender Kapitalist einen Morten Kiil der alten Schule, einen Saulus, der zum Paulus werden wird.

Ein sinnloser Appell an die vergartenzwergte Gesellschaft: Joachim Meyerhoff als Doktor Tomas Stockmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Jette Steckels Königsidee in dieser Inszenierung sind aber eine gutes halbes Dutzend überdimensionale Gnomenfiguren, die dann und wann auch über die Bühne wandern und bedrohlich die Darsteller einkreisen können. Ausgedacht hat sich dieses herrlich obskure Bühnenbild Florian Lösche, und besser lässt sich die geistige Vergartenzwergung einer Gesellschaft wohl kaum zeigen. Großartig die Szene, in der Meyerhoff gegen die Riesen seine Greenpeace-Parolen anschreit.

Freilich ohne Gehör zu finden. Und so nutzt der passionierte Soloperformer die Szenerie, um zum Schluss wie gewohnt aus seiner Rolle zu fallen: Saallicht an, Sessel umgedreht und los geht die Ansprache an die Publikums-„Arschlöcher“. Seit mehr als hundert Jahren spiele man dieses Stück, und alles, was er sehe sei leicht fadisierte Apathie. (Kein Wort punkto Inszenierung dazu!) Ein Seitenhieb übers politische Schaulaufen Strache-Kurz darf in Zeiten wie diesen obligatorisch nicht fehlen, Meyerhoff zitiert Antonio Gramsci: „Die alte Welt liegt im Sterben. Die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ Aber knapp bevor Eisberge ins Meer brechen und Tsunamis das Land überrollen, ist klar: Die Zwerge, das sind natürlich wir. „Klatschen Sie nicht!“, fordert der Charaktermime die augenblicklich in ihrer Reaktion überforderten Zuschauer immer wieder auf.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017