Burgtheater: Ein Volksfeind

November 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Appell an eine vergartenzwergte Gesellschaft

Doktor Tomas Stockmann entdeckt, dass die Heilquelle verseucht ist: Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die einen stolpern und schlingern übers glatte Bühnenparkett, die anderen gleiten geschmeidig darüber hinweg. Die einen sind Pirouettendreher, die anderen haut es, weil in ihrem Leben nichts hin-, auf den Hintern. Der Bürgermeister kann beides, kann im Fall noch die kunstvollsten Figuren gestalten, während der Bruder-Protagonist in Gesundheitslatschen beständig die nackten Zehen vor den scharfen Kufenkurvern in Sicherheit bringen muss.

Die Welt ist ein Eislaufplatz. Zumindest in Jette Steckels Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“ in der Neufassung von Frank-Patrick Steckel am Burgtheater. Wo magische Bilder im Halbdunkel bezaubern. Wo alles, was irgend Emotion ist, übers Eislaufen abläuft. Wo dagegen aber eher verhalten und artifiziell gespielt wird, „flach“, wie manche in der Pause der dreistündigen Aufführung meinten.

Gemeint ist hier übrigens alles gut. Die Steckels haben den bereits im norwegischen Stück angelegten Konflikt der Profitgier um natürliche Ressourcen, des Kampfes der Ethik, ja der Moral eines einzelnen mit den wirtschaftlichen Interessen vieler zugespitzt, und zeigen nun ein Drama, wie es zeitgenössischer kaum sein könnte. Alles, bis zum Ende die letzten Bilder, dreht sich um Klimakatastrophe, um Weltverschmutzung (denn wie klug angemerkt wird, es gibt keine Umwelt, nur die Welt) und deren Wohlstandsverursacher.

Ein Gesundheitslatschenträger verfolgt vom Kufenkurver: Mirco Kreibich als Peter Stockmann mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Aussprache mit Publikum und den Industriellen-Schwiegervater: Ignaz Kirchner als Morten Kiil mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Fakten werden alternativ, die News zwar nicht Fake, eine Lügenpresse gibt Ibsen nicht her, aber immerhin von Schweigejournalisten unter den Tisch fallen gelassen. Willkommen im Irrwitz der Gegenwart! Wo Dr. Tomas Stockmanns Söhne „boys“ sind, seine Frau Kathrin eine resolute, hemdsärmelige Kinderärztin, was Dorothee Hartinger tatsächlich wenig Spiel-Raum gibt – und er selbst wesentlich weniger ambivalent als im Original.

Dass da einer so konsequent auf der richtigen Seite stehen muss, macht es Joachim Meyerhoff, gewohnt treffsicherer Darsteller ambivalenter Charaktere, nicht unbedingt leicht. Und so raunt er sich mit Reibeisenstimme durch die Rolle, als wär‘ ein Anflug von Heiserkeit eine Fluchtmöglichkeit vorm Kleinstadthickhack, und versucht den „erhabenen Spinner“ als Kauz zu gestalten. Immerhin bleibt er in dieser Sache radikal: Sein Stockmann ist ein Fleisch gewordener Aufruf zur Geradlinigkeit.

Über textliche Längen helfen diesmal andere hinweg, allen voran das formidable Volksboten-Trio Ole Lagerpusch (dieser als aufrechter Hovstad mit Irina Sulaver als Petra auch ein sympathisch-tollpatschiges Liebespaar), Peter Knaack als angstvoll-schmierigem Aslaksen, der Inserate gegen Integrität tauscht, und Matthias Mosbach als wendehälsischem Billing.

Mirco Kreibich als auf Schlittschuhen moonwalkender Bürgermeister und jüngerer Bruder Peter Stockmann läuft – im Wortsinn – Meyerhoff kurzzeitig sogar den Rang ab. Er macht die Pflicht zur Kür, seine große Rede zum artistischen Kabinettstück. In den besten Momenten des Abends stehen die beiden gegeneinander, der Realist vs dem Idealisten. Ignaz Kirchner gibt als stockschwingender Kapitalist einen Morten Kiil der alten Schule, einen Saulus, der zum Paulus werden wird.

Ein sinnloser Appell an die vergartenzwergte Gesellschaft: Joachim Meyerhoff als Doktor Tomas Stockmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Jette Steckels Königsidee in dieser Inszenierung sind aber eine gutes halbes Dutzend überdimensionale Gnomenfiguren, die dann und wann auch über die Bühne wandern und bedrohlich die Darsteller einkreisen können. Ausgedacht hat sich dieses herrlich obskure Bühnenbild Florian Lösche, und besser lässt sich die geistige Vergartenzwergung einer Gesellschaft wohl kaum zeigen. Großartig die Szene, in der Meyerhoff gegen die Riesen seine Greenpeace-Parolen anschreit.

Freilich ohne Gehör zu finden. Und so nutzt der passionierte Soloperformer die Szenerie, um zum Schluss wie gewohnt aus seiner Rolle zu fallen: Saallicht an, Sessel umgedreht und los geht die Ansprache an die Publikums-„Arschlöcher“. Seit mehr als hundert Jahren spiele man dieses Stück, und alles, was er sehe sei leicht fadisierte Apathie. (Kein Wort punkto Inszenierung dazu!) Ein Seitenhieb übers politische Schaulaufen Strache-Kurz darf in Zeiten wie diesen obligatorisch nicht fehlen, Meyerhoff zitiert Antonio Gramsci: „Die alte Welt liegt im Sterben. Die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ Aber knapp bevor Eisberge ins Meer brechen und Tsunamis das Land überrollen, ist klar: Die Zwerge, das sind natürlich wir. „Klatschen Sie nicht!“, fordert der Charaktermime die augenblicklich in ihrer Reaktion überforderten Zuschauer immer wieder auf.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017

Schlüterwerke: mondsüchtig – ein theatraler Liederabend

November 15, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Max Kowalskis „Zwölf Gedichte aus Pierrot Lunaire“

Bild: pixabay.com

Die Schlüterwerke zeigen ab 23. November „mondsüchtig – ein theatraler Liederabend“. Um den Liederzyklus op.4 „Zwölf Gedichte aus Pierrot Lunaire“ von Max Kowalski entspinnt sich eine rührend-schaurige Geschichte.

Der Zyklus erschien 1913 im Simrock Verlag. Max Kowalski, Rechtsanwalt, Sänger und Komponist, war ein enger Freund Arnold Schönbergs. Schönberg schätzte Kowalskis musikalische Werke sehr, und seine „Zwölf Gedichte aus Pierrot Lunaire“ fanden bei zeitgenössischen Kritikern und Publikum auch mehr Anklang und wurden damals öfter zur Aufführung gebracht als Schönbergs eigene Vertonungen aus demselben Gedichtzyklus von A. Giraud übersetzt von O.E. Hartleben (1914).

Mittlerweile sind die Werke Kowalskis großteils in Vergessenheit geraten; mit der Darbietung des musikalisch hochinteressanten Zyklus holen die Schlüterwerke einen wahren Schatz der Musikgeschichte wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Bespielt wird der erste und vierte Stock des ehemaligen k. und k. Post- und Telegraphenamts Ecke Zollergasse/Mondscheingasse, 1070 Wien, mit Unterstützung des sirene Operntheaters.

Mitwirkende sind Colombine: Beatrice Ferolli (Schauspiel), Pierrot: Ingala Fortagne (Sopran), Rosalie: Therese Cafasso (Klavier, Performance). Regie führt Markus Kupferblum.

www.schlüterwerke.at

15. 11. 2017

Burgtheater: Ein Sommernachtstraum

September 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und schließlich sind alle wie erschossen

„Esel“ Zettel in Titanias Liebesnest: Stefanie Dvorak, Elisabeth Augustin, Johannes Krisch, Johann Adam Oest und Christopher Nell. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich doch noch „Sommernachtstraum“. Vorhang auf und Bühne frei fürs Laientheater. Da stehen sie nämlich die sechs angegrauten Herren, das heißt: Schreiner Schnock sitzt im Rollstuhl und muss erst mühevoll aufs Podest unterm Galgen gehievt werden, und proben. Man weiß es: „Pyramus und Thisbe“, und dies das beste Drama und gleichzeitig die beste Komödie, die der Abend zu bieten hat.

Martin Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matić, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder sind als Handwerkertruppe einfach großartig. Allen voran Oest als Zettel und Matić als Flaut; die beiden werden auch das babylonische Liebespaar sein, und als solches von einer Wahrhaftigkeit, wie sie sich der Rest der Aufführung nur wünschen kann. Davor hat Schwab als Intendant und Regisseur Squenz seinen probenbedingten Temperamentsausbruch (herrlich, wie er sogar die Natur anherrscht: „Ruhe!“), für den er sich so liebenswürdig wie liebenswert entschuldigt, als wär’s ein Blick in die Burg-Zukunft …

Leander Haußmann ist mit Shakespeares Meisterwerk „Ein Sommernachtstraum“ nach 20 Jahren Absenz ans Burgtheater zurückgekehrt, er inszeniert das Stück zum vierten Mal, und wer fragt, wie einem zum immer Gleichen immer wieder Neues einfallen kann, dem kann man nur antworten: Ja, eh. Haußmann probiert den Traumstoff diesmal als eine Art Zauberstück zu zeigen, und hat man ihm bei seiner, wenn recht erinnert, ersten Inszenierung den romantischen, duster-kitschigen Wald vorgeworfen, so treibt er’s diesmal auf die Spitze mit antikem Tempel und Tümpel und Geisterprojektionen im Geäst und einer Video-Tierparade: Schlange, Fuchs, Vogel, Elefantenherde (Bühne: Lothar Holler, Video: Jakob Klaffs und Hugo Reis).

Die vier jungen Liebenden verfolgen sich durch den Wald: Sarah Viktoria Frick, Mavie Hörbiger, Matthias Mosbach und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Handwerker geben das Drama von „Pyramus und Thisbe“: Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel und Peter Matić. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Angesiedelt ist das Ganze in einem Griechenland der 1970-Jahre, soweit eine mögliche Interpretation der Schlaghosenkostüme und Hippie-Haar-Perücken. Dem Programmheft zu entnehmen ist: Haußmann zeigt Theseus‘ Athen als Reich eines „nicht säkularen Diktators“, sein Palast eingezäunt mit einer Stacheldrahtmauer, die ihn vom Feenreich trennt. Durch die Barriere, so heißt es weiter, sollen die Geister ohne weiteres hindurch treten können, während die Menschen versuchen müssen, sie zu überwinden.

Haußmanns Konzept einer faschistoiden Militärdiktatur ist mutmaßlich auch sein Gedanke entsprungen, gewissermaßen jeden Charakter außer den Elfenwesen im Laufe des Abends einmal erschießen zu lassen. Hermia und Helena, Lysander und Demetrius, Hippolyta und Theseus selbst, alle liegen sie irgendwann mit blutendem Bauchschuss wie tot da. Um gleich darauf wieder aufzustehen und zu demonstrieren, dass die Schusswunden auf sie keine Wirkung hatten.

Alles nur Theater, hahaha! Es gibt da so T-Shirts für besonders wilde Hunde, auf denen steht „Der will doch nur spielen“ …

Daniel Jesch und Alexandra Henkel geben den Theseus und seine Amazone Hippolyta. Die beiden stecken in einer offenbar von beiden goutierten SM-Beziehung, mal will sie über den Stacheldraht fliehen, mal hagelt es Ohrfeigen, mal Küsse; man kettet sich mit Handschellen aneinander, was peinlich wird, wenn allzu plötzlich Untertanen eintreten. Jeschs Tyrann ist in jeder Lebenslage Sadist, ein schießwütiger Soldat wie auch Franz J. Csencsits als Hermias Vater Egeus. Theseus springt mit dem Fallschirm über dem Wald ab, und wird am Ende den Handwerkern die Pistole an die Schläfen setzen, weil ihm nicht gefällt, was er sieht.

Haußmanns Maueridee verschwindet so schnell, wie die Berliner, er verfolgt die Flucht-Sache nicht lang weiter, sondern schwupps – und man ist im Wald. Wo sich „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak um den indischen Lustknaben zanken, wie ein Hausmeisterehepaar um die Gunst des Lieblingsrehrattlers. Mit dem Unterschied, dass der trickverliebte Regisseur Oberon Sturm säen und Titania Feuer spucken lässt. Ansonsten sind ein kindisch verdrießlicher Elfenkönig im Druidenmantel und seine fadisiert langweilige Königin im nickisamtenen Hauskleid Haußmanns „Sommernachtstraum“-Sünde. Ist doch diese Anderswelt weder verstörend-bedrohlich noch sinnlich-triebhaft. Niemand scheint hier eine gute Zeit zu haben, niemand wird im Wortsinn auf Rosen gebettet. Und nichts an Shakespeares vielgestaltigem Liebestaumel ist hier irgend erotisch. „Esel“ Zettel schaut wie auf einen Sprung vorbei, um sein Gemächt in die Elfenkönigsgemahlin zu tauchen.

Was sich liebt, das neckt sich I: „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich liebt, das neckt sich II: Alexandra Henkel als Hippolyta und Daniel Jesch als Theseus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Elisabeth Augustin muss als Oberelfe im Flatteroutfit Ersatz für Spinnweb, Senfsamen, Bohnenblüte und Motte sein. Den sonst flinken, frechen Puck spielt Christopher Nell als Trauerkloß im scheußlich-giftgrünen Strickeinteiler. Er ist kein Frei-Geist, der sich allen Regeln widersetzt und seine eigenen Spielchen treibt, der so witzig wie gewitzt ist, so amoralisch wie anarchisch, sondern ein ängstlicher, angespannter Untergebener Oberons, bei dem andauernd zu befürchten steht, dass ihn eine Panikattacke niederwirft. Oder sein Burnout.

In dieser Traumwelt herrschen keine anderen Gesetze als die profanen irdischen, da nützt es auch nichts, dass Nell an Schnüren durch die Luft fliegt. Haußmann hat die Wesen der Nacht zu Normalsterblichen degradiert, die größte Gefahr, die sie auf die Menschen losschicken, sind eine Handvoll Gelsen.

Die Sarah Viktoria Frick als Hermia mit Insektenspray killt. Frick bestreitet mit Mavie Hörbiger als Helena, Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius den Part der beiden jugendlichen, optisch austauschbaren Liebespaare und deren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.

Apropos, Bäume: Die werden alsbald weggeräumt. Und wäre der Wald Heimstatt erst unheimlicher Ängste, dann unerklärlicher, doch erlösender Lust gewesen, dann wäre das ein starkes, ein bestürzendes Bild, wie hier der Urwuchs aus der Welt getilgt wird. So aber werden nur Kulissen verschoben. Zum Glück kommen, während alles zerfasert, die Handwerker an den Hof, um endlich „Pyramus und Thisbe“ aufzuführen, Oest ein wunderbarer antiker Held, dem die zierliche, in Tippelschrittchen die Bühne einnehmende Thisbe des Peter Matić in nichts nachsteht. Wie sie immer „Kirschhof“ statt Kirchhof“ lispelt, und sich dabei ihr kleiner Busen hebt und senkt, das ist wirklich anrührend. Hans Dieter Knebel wird als betrunkener Schnauz/die Wand fixiert, indem ihm „Squenz“ Martin Schwab kurzerhand die Schuhe an den Boden nagelt. Dirk Nocker gibt den Rollstuhl-Löwen, und Hermann Scheidleder hinreißend den Mond.

Von Theseus schikaniert, als „Mann im Mond“ müsse er in seine Laterne kriechen, reißt sich Scheidleders Schlucker das Hemd vom Leib und steht mit nacktem Oberkörper da. Sein kugelrunder Bauch leuchtet im Halbdunkel auf, so plötzlich steht am Firmament das Nachtgestirn, der Erdtrabant. Und grade, als man sich schon wie erschossen fühlte, als man schon meinen wollte, Haußmanns Inszenierung fehlte es an Zauberkraft, war er da, der Moment höchster Poesie …

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

Rabenhof: Mayerling – Ein Singspiel von Wilderern und Habsburgern

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine wilde Jagd quer durch den Wienerwald

Und noch ein Habsburger der einen kapitalen Hirsch schießt: Manuel Rubey als Kronprinz Rudolf und Gerald Votava als Wilderer Horstl Tiefgruber. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof wurde Mittwochabend Ernst Moldens neues Singspiel „Mayerling“ uraufgeführt, zum Saisonauftakt des Hauses eine Inszenierung von Hausherr Thomas Gratzer höchstpersönlich. Molden, der genialische Musiker, der sich schon mit den Vorgängerproduktionen „Häuserl am Oasch“ und „Hafen Wien“ der Wiederbelebung des Genres Singspiel widmete, macht einen wiedergängerischen Habsburger zum Mittelpunkt seiner jüngsten Arbeit.

Mayerling, der Ort ist natürlich untrennbar mit dem unglücklichen Kronprinzen Rudolf verbunden, und dieser darf – inklusive dekorativer Schusswunde an der Schläfe – über die Bühne geistern. Untot, weil schuldbewusst ob der Mit-in-den-Tod-Nahme der Mary Vetsera, glaubt er nur Erlösung finden zu können, wenn ihm einer den weißen Hubertushirsch schießt. Womit er nicht der erste Habsburger wäre, der einen kapitalen Hirsch geschossen hat … Jedenfalls, der gruselige Geist findet sein Werkzeug im Wilderer Horstl Tiefgruber, den es nach Scheidung, Jobverlust und Obdachlosigkeit in den Wienerwald getrieben hat, wo er seiner letzten Selbstdefinition, dem unerlaubten Jagen, frönen will. (Rekrutiert wird übrigens so, wie’s der Tod im Jedermann tut: „Den schlag ich auf sein Herz mit Macht …“)

Schwester Apollonia betet für Frieden im Wald von Mayerling: Eva Maria Marold. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Förster Helmuth und die militante Majorin Mimi Sommer: Christoph Krutzler und Michou Friesz. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Horst kommt dem Horstl allerdings die Schwester Apollonia in die Quere, die in der kontemplativen Einsamkeit des Forstes Frieden mit sich selbst schließen und zu Gott finden will. Also wird die Klosterfrau kurzerhand zur Geisel, und ab geht die wilde Jagd. Diese durchaus im Sinne der bekannten Volkssage zu verstehen, ist der Dämon Rudolf doch als übernatürlicher Jäger mit von der Partie. Und weil’s kein Singspiel ohne Buffi geben kann, versuchen der unbeholfene Förster Helmuth und die militante Polizeimajorin Mimi Sommer vergeblich den Wilderer zu fangen. Am Ende wird der, so viel kann eine Nonne schon bewirken, geläutert sein, und der Kronprinz wird sich per Herzschlag ein neues Opfer holen …

Herzstück des Abends ist die Musik von Ernst Molden, der Meister mit Band als Schatten hinter dem Baumstammbühnenbild von Gudrun Kampl zu sehen. Viel mehr – und ein ausgeklügeltes Lichtdesign von Harald Töscher – braucht Thomas Gratzer nicht, um die Story zu erzählen. Die Songs bewegen sich im Spektrum von L’Amour-Hatscher und Hart-Rock, Molden schrammelt auf der Gitarre, bis die Saiten glühen, unterstützt von Hannes Wirth, Maria Petrova, Sibylle Kefer, Marlene Lacherstorfer, Andrea Fraenzel und dem grandiosen Walther Soyka mit seiner Altwiener Schrammelharmonika. Moldens Text transportiert ein Alt-Wienerisch, wie’s zuletzt aus der Feder von Ferdinand Raimund in dessen Zauberspiele floss. Da heißt es „Er soll die Frau in Kraut lassn“ oder „Es is zum Plaatzen“, da ist der eine ein „Bloßhaperter“ und der andere ein „Nebochant“.

Jedermann! kann zum Werkzeug des grauslichen Kronprinzen werden: Manuel Rubey und Gerald Votava. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Den Wilderer-Horstl spielt Gerald Votava hart am Rande des Wahnsinns. Wie im Fieber, dreckig und verschwitzt, pirscht er über die Bühne im Versuch, der teuflischen Spukgestalt, die ihn peinigt, zu entkommen. So, wie Votava das darstellt, stellt sich durchaus die Frage, ob sich der Kronprinzen-Geist nicht eigentlich nur im Geist vom Tiefgruber tummelt. Manuel Rubey gibt den Rudolf sehr schön düster und dominant.

Rubeys Rudolf ist einer, der sich auch nach dem Ableben seiner Privilegien als Kaiserliche Hoheit bewusst ist, und über den Rest des Casts als seine Untertanen verfügt. Als Dritte dieser unheiligen Dreifaltigkeit ist Eva Maria Marold als Schwester Apollonia zu sehen, als moderner, weiblicher Evagrius Ponticus, die in der Waldeinsiedelei das Finstere ihrer Vergangenheit, heißt: den tyrannischen Ehemann, vertreiben will, und sich mit einer noch größeren Schwärze konfrontiert sieht. Dass Votava, Rubey und Marold als trauriges Triumvirat bestens bei Stimme sind, müsste man nicht extra erwähnen, aber: Ja!

Christoph Krutzler darf als tollpatschiger Förster Helmuth nicht nur herrlich komisch sein, sondern auch Mundharmonika spielen und „Den Mond, den Mond, den Mond …“ besingen. Dies sehr zum Unwillen von „Cobra“ Mimi Sommer alias Michou Friesz, die als herrische Lederlady den Landeiern zeigen will, wo das MG hängt (um ihren Hals nämlich). Friesz und Krutzler, die Harte und der – zumindest seelisch, siehe Mundharmonika/Soul Man – Zarte, sind ein hinreißend witziges Gespann, „Mayerling“ eine insgesamt hinreißende Aufführung. Die allerdings nur 70 Minuten dauert, und das ist in diesem vergnüglichen Fall – man sagt’s am Theater ja nicht oft – zu kurz. Weil man viel mehr sehen möchte von den Wilderern und von den Habsburgern.

www.ernstmolden.at

www.rabenhoftheater.com

  1. 9. 2017

Belvedere: Jan III. Sobieski. Ein polnischer König in Wien

Juli 11, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kunstmäzen, Familienmensch und Wien-Befreier

Henri Gascar: Porträt der Familie von Jan III. Sobieski, 1691. Krakau, Königsschloss auf dem Wawel, © Zamek Królewski na Wawelu, Bild: Łukasz Schuster

Der polnische König Jan III. Sobieski (1629 – 1696) ist untrennbar mit der Geschichte Wiens verbunden. Als Oberbefehlshaber des vereinten Entsatzheeres befreite er 1683 die Stadt aus der mehrwöchigen Belagerung durch die Osmanen. Mit diesem Sieg sicherte er sich einen Platz in der Weltgeschichte und im kollektiven Gedächtnis der Österreicher.

Die gemeinsam mit den vier bedeutenden polnischen Residenzen entwickelte Ausstellung im Winterpalais des Prinzen Eugen bietet nun erstmals im deutschsprachigen Raum die Möglichkeit, den Monarchen als Privatperson, sowie sein Wirken als Staatsmann, Feldherr und Mäzen der Künste und der Wissenschaften näher kennen zu lernen. In den Prunkräumen des Winterpalais spüren Kuratorin Maike Hohn  vom Belvedere und Kurator Konrad Pyzel  vom Museum Schloss Wilanów dem Leben und Wirken Jan III. Sobieskis nach. Anhand von knapp 100 Gemälden, Preziosen, kunstgewerblichen Objekten, Militaria und Memorabilien wird den Besuchern ein umfassendes und lebendiges Bild des polnischen Königs und seiner Zeit vermittelt. „Die Ausstellung ,Jan III. Sobieski. Ein polnischer König in Wien‘ gibt die Möglichkeit, diese bedeutende Persönlichkeit des europäischen Barock als Herrscher, Kriegsheld und Mensch kennenzulernen. Die facettenreiche Darstellung verdankt sich einer außergewöhnlich umfassenden österreichisch-polnischen Zusammenarbeit“, betont Belvedere-Chefin Stella Rollig bei der Präsentation der Schau am Donnerstag.

Sobieskis Herkunft und sein Weg zum Thron als gewählter polnischer König werden im ersten Abschnitt der Ausstellung behandelt. Es waren vor allem seine Fähigkeiten und Erfolge als Feldherr, die ihm die polnische Krone eintrugen. Bereits im Alter von 20 Jahren stand Sobieski zum ersten Mal auf dem Schlachtfeld. Der Sieg der polnisch-litauischen Armee bei Chocim/Chotyn 1673 über die osmanischen Truppen und der gleichzeitige Tod des amtierenden Königs begünstigten seine Wahl zum König durch den polnischen Adel im Jahr 1674. Kulturell war Sobieskis Umfeld vom Sarmatismus geprägt – einer allumfassenden Weltanschauung des polnischen Adels, der seine Herkunft genealogisch auf das antike Volk der Sarmaten zurückführte. Diese Geisteshaltung fand ihren augenfälligsten Ausdruck in der Bekleidung, die an orientalischen Kostümen angelehnt war. In einigen Porträts in der Ausstellung wird dies nachvollziehbar.

Husaren-Halbharnisch, Polen, zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. Krakau, Königsschloss auf dem Wawel © Zamek Królewski na Wawelu, Bild: Stanisław Michta

Winterpalais des Prinzen Eugen: Ausstellungsansicht „Jan III. Sobieski. Ein polnischer König in Wien“. Bild: Sandro Zanzinger © Belvedere, Wien

Sobieskis Rolle als Mäzen der Künste ist eine weitere Sektion gewidmet. „Der Monarch beauftragte talentierte Künstler, die später an verschiedenen europäischen Herrscherhöfen Anstellung finden sollten. Unter ihnen findet sich auch Martino Altomonte, der nach seiner Tätigkeit als Schlachtenmaler und Porträtist für Sobieski nach Wien kam, um für Prinz Eugen die Freskenmalereien im Unteren Belvedere auszuführen. Überhaupt wäre die österreichische Malerei des Hochbarock ohne Altomonte nicht zu denken“, so Kuratorin Maike Hohn. Als weitere wichtige Künstlerpersönlichkeiten, die auch mit der Ausstattung der königlichen Residenz Schloss Wilanów beauftragt wurden, sind Jerzy Eleuter Szymonowicz-Siemiginowski und Jan Reisner zu nennen. Sie sind ebenfalls mit Werken in der Ausstellung vertreten. Der einst vor den Toren von Warschau gelegene Wilanów-Palast kann als Herzstück Sobieskis mäzenatischer Tätigkeit bezeichnet werden. Mit der architektonischen Umsetzung des Ausbaus von einem einfachen Landhaus zu einer barocken Königsresidenz wurde Vincenzo Agostino Locci beauftragt. Die Ausstellung zeigt die bedeutenden Ansichten der Schlossanlage von Bernardo Bellotto, die eigens zu diesem Zweck ihren fixen Platz im Canaletto-Saal des Warschauer Königsschlosses verlassen haben.

Sobieski förderte jedoch nicht nur die bildenden Künste, er zeigte sich auch an Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung interessiert und unterstützte Gelehrte wie den Danziger Astronomen Johannes Hevelius, von dessen Person und wissenschaftlicher Arbeit die Ausstellung einen Eindruck gibt. „Hevelius erhielt von Sobieski ein jährliches Gehalt. Für die Tätigkeit in seinen Brauereien erteilte ihm der polnische König eine Steuerbefreiung. Überdies stellte Sobieski für den brandbedingten Wiederaufbau und die neuerliche Ausstattung von dessen Werkstatt entsprechende Geldmittel bereit“, erklärt Kurator Konrad Pyzel. Ein weiterer Abschnitt der Ausstellung widmet sich Sobieskis Rolle als Ehemann und Vater. Bis heute erhaltene Briefe an seine Frau Marie Casimire, eine französische Hofdame am polnischen Hof, bezeugen seine innige Zuneigung und Wertschätzung seiner Gattin und die politische Zusammenarbeit des königlichen Paares. Eine kleine Auswahl der Briefe ist – zum Teil erstmals in deutscher und englischer Übersetzung – digital einzusehen, Familienporträts zeigen das Herrscherpaar und ihre Kinder, die entgegen den damaligen Usancen in engem Kontakt mit den Eltern am Hof aufwuchsen.

Anonymer Maler Porträt des Kara Mustafa 18. Jahrhundert. Warschau, Museum Schloss Wilanów © Muzeum Pałacu Króla Jana III w Wilanowie, Bild: Zbigniew Reszka

Anonymer Maler, Porträt von König Jan III. Sobieski, 18. Jahrhundert. Warschau, Museum Schloss Wilanów © Muzeum Pałacu Króla Jana III w Wilanowie, Bild: Zbigniew Reszka

Ein eigenes Kapitel der Ausstellung befasst sich mit der Schlacht bei Wien. Bevor Sobieski die alliierten Truppen, bestehend aus kaiserlichen Kontingenten, Hilfstruppen aus dem Heiligen Römischen Reich sowie der polnischen Kronarmee, als Oberbefehlshaber zum Sieg gegen die Osmanen führte, schloss er ein Bündnis mit Kaiser Leopold I. Dieser für die österreichisch-polnische Geschichte bedeutende Vertragstext wurde anlässlich der Ausstellung vollständig übersetzt. Die Exponate zeigen zentrale Protagonisten des Entsatzes auf kaiserlicher wie auf polnischer Seite. Den Schlusspunkt der Sektion bilden Objekte rund um die Heilige Liga und den Frieden von Karlowitz im Jahr 1699. Der vorletzte Abschnitt der Ausstellung beleuchtet Sobieskis Rückkehr aus Wien mit königlichen Trophäen und kostbaren Textilien, die er teilweise als Votivgaben Kirchen und Klöstern in Polen stiftete. Schließlich geht die Ausstellung auf den Ruhm ein, der dem polnischen König unmittelbar nach dem erfolgreichen Entsatz von Wien zuteilwurde. Ein Beispiel für die Anerkennung, auch fernab der großen europäischen Herrscherhöfe, bildet das Denkmalprojekt für die Kathedrale von Le Puy-en-Velay. Auf Betreiben des Bischofs sollten in mehreren Kirchen der französischen Auvergne Monumente für Sobieski errichtet werden. Die Skulpturen in der Ausstellung sind Teile eines Denkmals, das letztlich jedoch nicht aufgestellt wurde.

„Die Ausstellung versammelt zentrale Werke zur Person, die auch als Momentum Sobescianum bezeichnet werden. Ausstellung und Ausstellungsort ergänzen sich dabei kongenial. Prinz Eugen von Savoyen, der Bauherr des Winterpalais, dürfte König Sobieski während der Entsatzschlacht um Wien 1683 kennen gelernt haben“, sagt Paweł Jaskanis, Direktor des Museum Schloss Wilanów. In Kooperation mit dem Museum Schloss Wilanów erscheint zur Ausstellung im Hirmer Verlag ein umfangreicher Katalog in deutscher und polnischer Sprache. Eine Datenbank mit gesammelten wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Artikeln zu Geschichte, Kultur und Sitten Polen-Litauens sowie herausragenden Persönlichkeiten bietet eine umfangreiche Nachlese für alle Interessierten, die sich über die Ausstellung hinaus tiefergehend mit der Person und der Zeit Jan III. Sobieskis befassen möchten.

www.wilanow-palac.pl/pasaz

www.belvedere.at

6. 7. 2017