Niedermair: Hosea Ratschiller – Ein neuer Mensch

September 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und ein besseres Brot gib uns heute …

Charmant, charismatisch, gfeanzt: Hosea Ratschiller präsentiert sein aktuelles Programm „Ein neuer Mensch“. Bild: Ernesto Gelles

Sich in etwas „einetheatern“ bedeutet so viel, wie sich in eine Sache sinnlos verbeißen, sich ohne Maß und Zeil reinzusteigern. Kabarettist Hosea Ratschiller, bekennt er, hat ein Talent dafür. Der Kurator und Conférencier der – seit zwei Jahren sogar vom ORF gepowerten – „Pratersterne“ im Fluc, die er monatlich als die besten Shooting-Star-Comedians vorstellt, lud gestern zur Premiere seines neuen Programms „Ein neuer Mensch“ ins Niedermair.

Nun ist es Ratschillers Art, ein unaufgeregter Erzähler zu sein, chillig, charismatisch, charmant, doch kann den aufmerksamen Zuhörer dies Timbre nicht über den Tenor des Gesagten hinwegtäuschen. Ratschillers Samtstimme schnurrt nämlich vor Sarkasmus, wenn er unters scheinbar Private das Politische mengt, seine Kritik am Zustand ebendieser, am Anarcho-Kapitalismus, an der sozialen wie gesellschaftlichen Kälte loslässt. Dass das alles auch noch zum Lachen ist, zeigt die Größe des Kleinkünstlers: Ratschillers fein gesponnener, leis‘-melancholischer Humor ist einer, der verhindert, dass einem der Kragen platzt.

Der Bogen, den er diesmal spannt, ist weit. Von Gott und der Welt bis zu Kinderzimmer und Kosmos, aber nie reißt ihm dabei der Faden, schon gar nicht der Gedulds-, wenn’s ums Patscherte, ums Hoppertatschige, also ums Allzumenschliche geht. Da ist er eher der erste, der sich in eigenen Angelegenheiten um Anteilnahme anstellt. Derart switcht er von seinem Dasein als Familienvater „zack, zack, zack“ zum Aufstieg des Homo Sapiens vom „rattenartigen Schadnager“ zum Slim-Fit-Messias, wobei das mit dem „Sapiens“ …, bevor er kurz über Drahtzieher, Hintermänner, Mitläufer referiert.

„Räum‘ dein Zimmer auf!“ ist der Stehsatz von Ratschillers philosophischen Betrachtungen, die Aufforderung an die zehnjährige Tochter, deren Pfft! darauf beruht, dass der verbissen um Coolness ringende Papa der noch ärgere Messie ist. So schwinden dem Haushaltschaoten die erzieherischen Argumente; wenigstens am Staubsauger- roboter findet er sympathisch, dass auch die künstliche Intelligenz ihre Grenzen hat. In diesem Fall, dass sie nicht unters Bett oder in die Zimmerecken fahren kann. Und, apropos, Bett: Keiner sonst kann sich so elegant die eheliche tote Hose schönreden wie Ratschiller, hat er zufällig keine Elternpflichten, weil das Kind bei der Oma weilt, ergo er mit der Ehefrau allein daheim: „Da heißt es, nicht die Nerven verlieren! Parole: Gute Nacht!“

Bild: Ernesto Gelles

Bild: Ernesto Gelles

Bild: Ernesto Gelles

Bild: Ernesto Gelles

Die Großmutter übrigens hat ihrem „Hoseale“ das als Lebensweisheit mit auf den Weg gegeben: „Tiefe brauchen nur Menschen, die keine Breite haben“, ein Sinnspruch, mit dem er die harte Arbeit, sich sein Außenseitertum abzusichern, zwar nicht erklärt, aber eine Gestimmtheit, die schon zur Schulzeit mit einem Zwei-Schwammerl-speiben-sich-an-Motivpullover begonnen hat. Klar, ist Ratschiller einer, der im Urlaub prinzipiell krank wird, und mit Freunden darüber debattiert, ob uns China oder antibiotikaresistente Keime zuerst den Garaus machen werden.

Fast meint man’s zu sehen, wie Ratschillers Gehirn beim Schreiben dieses Textes Kapriolen schlug, wenn er vom Grönlandhai, dem im Polarmeer 400 Jahre Leben vergönnt sind, zum Bert Brecht’schen Zähnezeiger kommt, oder seine Unfähigkeit ausstellt, als Österreicher Kitsch von Kunst zu unterscheiden. Oder einen direkten ideologischen Zusammenhang vom Essen mit Besteck zum Nationalsozialismus herstellt, weshalb das Verwenden von Stäbchen eine Art „kulinarischer Entnazifizierung“ sei. Rastschillers Nonsense, in Szene gesetzt von Regisseurin Petra Dobetsberger, die es versteht, die Gabe ihres Protagonisten zum Gesichter-Ziehen, auszuspielen, hat immer einen Hintersinn. Der Satiriker grimassiert sich vom gefährlich grinsenden Knorpelfisch zum hingebungsvoll gläubigen Hosea, irr‘ witziger Blick beide Male inklusive.

Ein Kabinettstück, wie er den Einkauf beim „Bäcker mit dem besseren Brot“ als heilige Messe zelebriert, vom ungeduldigen Gerangel der Jünger in der Warteschlange, wo bald das Recht des Reicheren regiert, übers Stammeln der laibhaftigen Wünsche im Angesicht der himmlischen Herrlichkeiten – bis zur Erkenntnis, dass dem Sterblichen kein Stahl gegeben ist, scharf genug, um sich im verzweifelten Klingen-Kreuzen mit der Kruste auch nur eine Kante vom Paradies abzuschneiden. Ja, die Existenz steht immer auf des Messers Schneide, weiß Hosea Ratschiller, und das Leben hält selbst für den Frohgemutesten die Rückschläge stets griffbereit. Dass die zweite Silbe im Wort Wehmut auf die Courage verweist, die es nicht zu verlieren gilt, ist an dieser Stelle doch ein super Schluss. Fand wohl auch das Niedermair-Publikum und entließ den Künstler erst nach entsprechend langem Applaus.

www.niedermair.at           www.hosearatschiller.at

25. 9. 2019

TheaterArche – Aggregat Valudskis: Liebirien oder Eine fremde Seele, das ist ein dichter Wald

Mai 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pistolen auf Fliegen schießen

Der Bär: Martin Bermoser als Smírnow, Markus Kofler als greiser Diener Luká und Sonja Romei als Gutsbesitzerswitwe Jeléna Popówa. Bild: © Daniel Wolf

Čechov-Kenner Arturas Valudskis beglückt das Wiener Publikum nach seiner bejubelten „Kirschgarten“-Interpretation im TAG mit einer neuen Produktion aus Werken des russischen Literaturtitanen. „Liebirien oder Eine fremde Seele, das ist ein dichter Wald“ nennt sich der Abend, den der litauische Theatermacher mit seinem Aggregat Valudskis in der TheaterArche zeigt – und schon in diesem Titel klingt die Liebe an.

Ebenso, wie der Versuch, ob ihrer der Einsamkeit zu entrinnen, einem selbstgewählten Seelensibirien, und so lange ist der in der Sowjetunion politisch verfolgt gewesene Regisseur schon in Österreich, dass er selbstverständlich Vornamensvetter Schnitzler parat hat. Auch die Taiga ist ein weites Land …

Es geht also um Herzensangelegenheiten und darum, wie leicht ein solches sich erwärmen und aufblühen oder beschädigt und gebrochen werden kann. Bei seiner hochpoetischen Überprüfung der menschlichsten aller menschlichen Regungen führt Valudskis die Zuschauer von himmelhoch jauchzend zu im Wortsinn zu Tode betrübt. Er entführt in die Welt der Čechov’schen Gutsbesitzer, verknüpft deren aus Untätigkeit entstandene Unlust am Leben mit einer Satire über Standesdünkel, lässt dessen Untergangsgesellschaft aushalten, hoffen und vor allem harren. Jede Geste, jedes Gefühl, jedes scheiternde Gespräch dabei in Valudskis‘ spezieller Weise, eine Bühne zu bespielen, pointiert auf den Punkt gebracht. Und ohne auf Pointen zu vergessen.

Die letzte Mohikanerin: Martin Bermoser als Dokukin, Markus Kofler als Dossifej und Sonja Romei als Olimpiada. Bild: © Aggregat Valudskis

Der Heiratsantrag: Sonja Romei als Natalja, Martin Bermoser als Gutsherr Tschubukow und Markus Kofler als Lomow. Bild: © Aggregat Valudskis

Mit seinen Schauspielern Sonja Romei, Markus Kofler und Martin Bermoser macht Valudskis das, was Čechov sein unter Tränen Lachen nannte, zum ungetrübten Tränenlachen. Dies zumindest für Zeitgenossen, die sich auf ein sarkastisches Augenzwinkern verstehen. Für „Liebirien“ hat sich das Aggregat die Einakter „Der Heiratsantrag“ und „Der Bär“ und die Kurzgeschichten „Die letzte Mohikanerin“ und „Der Familienvater“ hergenommen, hat daraus Schlüsselszenen auf die Essenz reduziert. Der Nachbar, der bei der Gutsbesitzerswitwe die Schulden vom verstorbenen Mann eintreiben will, und sich in einem Duell wiederfindet.

Der Junggeselle, der wegen eines Streits um den besseren Jagdhund sein Herz nicht verschenkt, sondern einem Herzinfarkt erliegt. Die kratzbürstige Hausherrin, die vom Gatten gerade darum geliebt wird. Ein Suppenvorfall, der in Heulen und Zähneknirschen endet. Nicht jede Miniatur schließt gemäß dem Erfinder mit einem sich glücklich in die Arme fallen, mit Hintersinn nimmt Valudskis nämlich die Überhitzung, die Exaltiertheit der Čechov’schen Charaktere aufs Korn, und lässt sie, im Sinne der Kanonen und der Spatzen, mit Pistolen auf Fliegen schießen. Markus Kofler richtet in der Art jede Menge Kollateralschäden an. Er ist diesmal für die verhuschten, scheuen, vorsichtigen Figuren zuständig.

Den greisen Diener Luká, den dauergescholtenen Dossifej, den auf seinen Freiersfüßen zusammenbrechenden Lomow. Und wie er das macht, wie er Valudskis‘ schwarzes Theater, „Armes Theater“, mit seiner Körperpräsenz erfühlt und erfüllt, ist ganz große Klasse. Er schwankt in Gesten der Hilflosigkeit, ringt mit einer entgleisenden Mimik, das Reißen von Papier, der Stift auf einem Blatt, versetzen ihn in Zuckungen, Tischbeine können gar nicht anders, als ihn mit sich ziehen – aber ein Augenrollen hinter der Nickelbrille und alles ist wieder im Lot. Mit weiß geschminkten Gesichtern deutet das Aggregat Valudskis immer auch das Clowneske seiner Arbeiten an. Die vier Hintergrundtüren in der TheaterArche eignen sich darüber hinaus hervorragend für ein russisches Klipp-Klapp.

Der Bär: Jeléna Popówa will mit allen Mitteln ein Bildnis ihres verstorbenen Mannes sehen: Martin Bermoser, Markus Kofler und Sonja Romei. Bild: © Daniel Wolf

Martin Bermoser ist als Schuldeneintreiber Smírnow zwar ein grobschlächtiger Kerl, doch wohl noch nie hat einer stoischer an „Wadenkrämpfen vor Wut“ gelitten. Als Vater der angedachten Braut, Tschubukow, stellt er sehr schön dessen selbstgefällige Art zur Schau, wenn seinen Segen und Champagner auch angesichts des bereits Hingestreckten kredenzt. Dass die Frau im Inneren ein Krokodil ist, so Čechovs Kosenamen für Olga Knipper, präsentiert Sonja Romei überaus pikant.

Wie ihre Rollen, die Jeléna Popowa, die Olimpiada Jegorowna Chlykina, die Natalja Tschubukowa zusehends aus der Rolle fallen, vom vornehmen Madämchen zur zänkischen Xanthippe werden, ist zu komisch. Vieler Worte bedürfen die drei Darsteller bei all diesen Irrungen und Wirrungen nicht, Valudskis filtert auch aus der Sprache das Wesentliche. Macht sein Stück zur Filigranarbeit, die Figuren feingezeichnet, selbst ihr Schweigen greifbar.

Derart entsteht das magischste, das letzte Dramolett: Aus „Der Familienvater“ hat Valudskis lediglich den Abschnitt entliehen, in dem eben jener Stepan Stepanytsch Shilin die Qualität der Suppe bemängelt. Was die Hausfrau verschüchtert und das Söhnchen zum Weinen bringt. Bermoser als Shilin, Romei und Kofler spielen das als Knietheater, wie Kinntheater, nur eben mit nackter Kniescheibe statt Unterkiefer, das Hemd oder den Rock um diese gebunden. Klar, dass sich die Gelenke Grausamstes antun, bis eines in der Schüssel ertränkt wird. Großer Beifall für diese außergewöhnliche Aufführung, in der überbordende Fantasie und künstlerisches Vermögen alles sind. Nur 70 Minuten dauert dieses Kleinod, und das ist, war sich das Publikum nach der Premiere einig, zu kurz.

Video: www.youtube.com/watch?v=IQ4vDIybTUQ&t=278s

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis-1646800055587123           www.theaterarche.at

TIPP: Ab 24. Mai gibt es im TAG wieder Vorstellungen von Arturas Valudskis‘ gefeierter Produktion „Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31734)

  1. 5. 2019

TheaterArche: Anstoß – Ein Sportstück

Februar 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In jeder Hinsicht ein Kraftakt

Colin Kaepernick (Johannes Scherzer) verweigert das Singen der Hymne. Bild: © Jakub Kavin

Das Außergewöhnliche gestern war die persönliche Anwesenheit von Nicola Werdenigg, war es, die ehemalige Skirennläuferin auf der Spielfläche der neu gegründeten TheaterArche zu sehen, wo sie vom systematischen Macht- und vom sexuellen Missbrauch im ÖSV erzählt, von ihrer Vergewaltigung und ihrer Bulimie. Da erscheint Annemarie Moser-Pröll, das heißt: Schauspielerin Johanna König im feschen Dirndl, und widerspricht.

Gut is gangen, nix is gschehn, wie man ja sagt, und wie Johanna König sich aufpudelt, darüber muss man durchaus lachen. Und schon ist man bei Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler, der den Sport dereinst mit einem Shakespeare-Stück verglich, so tragisch wie komisch, allerdings spannender, da ungewissen Ausgangs. Das sind die beiden Pole, zwischen denen Jakub Kavin seine aktuelle Arbeit „Anstoß – Ein Sportstück“ auspendelt. Erst zu Beginn des Jahres hat sich dessen TheaterArche im vormaligen Theater Brett häuslich niedergelassen, jetzt diese Eröffnungsproduktion rund um die Tabuthemen des Massenphänomens und Identifikationsobjekts, von Doping zur Droge Alkohol zur Sucht nach Publicity, von psychischem Druck bis Depression, von erzwungenem Geschlechtsverkehr bis Homophobie. Kavin selbst führte Regie, hat auch aus aberhunderten Originalzitaten von Aktiven wie Funktionären, von Autoren wie Ödön von Horváth und David Foster Wallace den Text collagiert, und lässt diesen nun von 17 Akteurinnen und Akteuren performen.

Ein Kraftakt in jeder Hinsicht. Für die Darsteller, die allein oder in ausgefeilten Choreografien als Gruppe körperlich alles geben. Für das Publikum, über das drei Stunden lang Namedropping und Faktenlage prasselt. Für Kavin, der diesen Neustart ohne öffentliche Gelder stemmt, das Ganze getragen vom Enthusiasmus und vom selbstausbeuterischen Einsatz seiner Truppe. Die einmal mehr auf höchstem Niveau ihre Kunst zeigt. Jörg Bergen etwa wankt als dauertrunkener Fussballer Ulli Borowka durchs Aufwärmtraining der anderen, und macht später einen herrischen Peter Schröcksnadel. Nicolaas Buitenhuis spricht Sätze des schwulen Torschützen Thomas Hitzlsperger, Bernhardt Jammernegg legt als zynischer Unsympath Lance Armstrong schauspielerisch und auf dem Spinning-Rad eine Höchstleistung vor. Vom beinah Totenbett zum Doping ein einziger Überlebensbeweis.

Annemarie Moser-Pröll weiß von keinem sexuellen Missbrauch beim ÖSV: Johanna König. Bild: © Jakub Kavin

Zwischen Antike und Offenbach: Opernsängerin Manami Okazaki als Olympia. Bild: © Jakub Kavin

So wie der Radrennsportler seiner Physis alles abverlangt, so schildert Florian-Raphael Schwarz als Thomas Muster dessen harten Weg zurück nach dem Key-Biscayne-Autounfall, Johannes Scherzer als Robert Enke, wie er seinen aus der Depression nicht gefunden hat. Es sind Gänsehautmomente, wenn der Chor dem Torwart ein Spottlied singt, bevor dieser in den Tod geht. Berührend auch die Geschichte von Heidi Krieger, auf der Bühne umgesetzt von Maksymilian Suwiczak, der DDR-Kugelstoßerin, der das Staatsdoping, wie sie sagt, die geschlechtliche Identität genommen hat – und die heute als Andreas lebt. Oder – wieder Scherzer – als knieender NFL-Spieler Colin Kaepernick, den Donald Trump via Vidiwall wüst beschimpft. Auf dieser auch zu sehen, der spektakuläre Sturz von „Verausgabungsapparat“ Hermann Maier in Nagano. „Anstoß – Ein Sportstück“ ist immer wieder auch reinstes Dokutheater. Nagy Vilmos lässt als diverse Trainer Bonmots und markige Sprüche ab, Peter Matthias Lang als Shaolin-Mönch philosophische, Saskia Norman spielt Tonya Harding, Corinna Orbesz die Mixed-Martial-Arts-Fighterin Ronda Rousey, die Trumps Einwanderungspolitik öffentlich kritisierte.

Tabea Stummer spricht als Torhüterin Hope Solo über ihr schwieriges Elternhaus, Sarah Victoria Reiter trägt als Anna Veith mitten in der #MeToo-Debatte das Superfruits-Shirt eines Fruchtsaftherstellers … Mehr gibt es zu sehen und zu hören, als man auf einmal zu fassen vermag. Kavin, so scheint es, hat die Überforderung, die Überfrachtung zum Programm gemacht, man kann’s zwischen Zeitlupenspielzügen und der Haka der neuseeländischen Rugbymannschaft also nur sportlich nehmen, versuchen den roten Faden dieser Übung in freier Assoziation nicht zu verlieren, und wie die hier Dargestellten an und über die eigenen Grenzen gehen. Moderatorin Elisabeth Halikiopoulos hält die Aufführung von Aufstiegen bis tiefen Abstürzen, im Fall der Bergsteigerin Gela Allmann/Johanna König im Wortsinn von einer atemberaubend hohen Leiter, zusammen, bevor Koloratursopranistin Manami Okazaki, als sich gegen Technowummern stemmende Jacques-Offenbach’sche Olympia, auf die transhumanistische Zukunft des Sports und den nächsten Austragungsort der Olympischen Spiele, Tokio 2020, verweist.

Tonya Harding und Jeff: Saskia Norman und Florian-Raphael Schwarz. Bild: © Jakub Kavin

Anna Veith und Ulli Borowka: Sarah Victoria Reiter und Jörg Bergen. Bild: © Jakub Kavin

„Anstoß – Ein Sportstück“ ist ein lohnender, hochaktueller Theaterabend, eigentlich Work in progress, zumal nicht zwei davon gleich sein werden. An jedem ist nämlich ein anderer Gast eingeladen, um aus seiner Perspektive über dieses Spiegel- wie Zerrbild der Gesellschaft zu berichten. Am 22. Februar zum Beispiel wird es wieder Nicola Werdenigg sein, am 24. Februar der Autor Franzobel.

Jakub Kavin im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=31475

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=68&v=3Z1aY9ny0Nw

www.theaterarche.at

  1. 2. 2019

In Wien entsteht eine neue Bühne: TheaterArche-Leiter Jakub Kavin im Gespräch

Januar 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnung ist am 29. 1. mit „Anstoss – Ein Sportstück“

Schauspieler, Regisseur und Leiter der TheaterArche: Jakub Kavin. Bild: Renée Kellner

Wien-Mariahilf, Münzwardeingasse 2. Noch wird im Haus gehandwerkt, ausgemalt und angeschraubt, aber gleich stellen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler zur Probe der neuen Produktion „Anstoss – Ein Sportstück“ auf. Eine hat gerade die frisch gewaschene Leinwand für die späteren Video-Projektionen gebracht, einer ist noch mit der neuen Bestuhlung unterwegs, da üben die anderen bereits den Text, den Gesang, die aufwändige Choreografie.

Die konzentrierte Spannung ist greifbar, die Tage sind schon an einer Hand abzuzählen. Am 29. Jänner findet die Eröffnungspremiere der TheaterArche am neuen fixen Spielort statt. Deren künstlerischer Leiter Jakub Kavin will das Haus nicht nur selbst bespielen, sondern auch als Raum für die freie Szene etablieren und Künstlerinnen und Künstlern einen Platz für, wie er’s nennt, „das professionelle Experiment“ schaffen. Jakub Kavin im Gespräch über Diversität, sein Sportstück und das leidige Thema Subventionen:

MM: Wie verrückt muss man sein, um in Wien ein festes Haus zu gründen, und warum glauben Sie, dass die Stadt ein weiteres braucht?

Jakub Kavin: Verrückt muss man wohl ziemlich sein, allerdings auch so klar bei Verstand, dass man eine Idee hat, was sich in diesem Haus künstlerisch ereignen soll. Was das betrifft, bin ich überzeugt, dass Wien eine weitere Spielstätte braucht. Tatsache ist, dass dieser Raum hier zwei große Vorteile hat: Er ist einerseits absolut variabel, heißt: es ist ganz viel möglich, was die Zuschauerbestuhlung und die Spielsituation betrifft, andererseits sind wir völlig barrierefrei, man kann ohne eine einzige Stufe überwinden zu müssen vom Gehsteig in den Theatersaal kommen. In dieser Mischung heben wir uns schon einmal von anderen Häusern ab. Wie wichtig das ist, weiß ich, weil ich immer wieder mit Cornelia Scheuer zusammenarbeite, die auch als co-künstlerische Leiterin der TheaterArche angedacht ist.

MM: Dazu muss man erklären, dass Schauspielerin und Tänzerin Cornelia Scheuer im Rollstuhl performt …

Kavin: Ja, und sie ist auch Beraterin für Barrierefreiheit. Durch sie weiß ich, dass es großen Bedarf an leicht zugänglichen Theatern gibt, ich habe aber, als die TheaterArche frei unterwegs war, auch selber erfahren, wie schwer es ist, eine adäquate Spielstätte zu finden. Was das Künstlerische angeht, wollen wir kein rigides Konzept umsetzen, sondern offener sein, sehr vieles ermöglichen und dazu die Wiener Szene einladen. Wir suchen die Heterogenität, nicht die Homogenität, wir wollen kein kleineres und wahrscheinlich schlechteres Burgtheater sein, sondern wir wollen die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln – in allen Facetten, die es gibt.

MM: Sie haben die Räumlichkeiten von Ihren Eltern Nika Brettschneider, die vergangenen Sommer leider verstorben ist, und Ludvik Kavin übernommen, die hier das Theater Brett betrieben.

Kavin: Genau. Es waren harte, aber faire Verhandlungen mit den Hausbesitzern, und nun habe ich einen Mietvertrag für 30 Jahre, ich kann mich also ein paar Jahre austoben. Dazu bedürfte es allerdings der Subventionen, es braucht nämlich schon sehr viel Selbstaufgabe, ein fixes Haus zu betreiben.

MM: Trotzdem, das ist das Theater Ihrer Kindheit …

Kavin: 1984 ist es eröffnet worden. Ich war davor schon mit meinen Eltern viel in Europa unterwegs, beispielsweise bei Theaterfestivals, dann habe ich hier die Aufbauarbeiten miterlebt und, wie man aus einer völlig kaputten Möbelfabrik, in der die Tauben gehaust haben, ein Theater macht. Das war eine intensive Zeit damals und natürlich eine spannende Kindheit, ich verbinde damit sehr schöne Erinnerungen. Ich habe hier auch erste Bühnenerfahrungen gesammelt, als „Kleiner Prinz“ oder als infantiler König in einem Jeanne-D’Arc-Stück. Vor etwa zehn Jahren habe ich mich dann künstlerisch emanzipiert und bin meiner eigenen Wege gegangen. Als das Haus vom ehemaligen Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny im Zuge der Wiener Theaterreform …

MM: … ausgeblutet worden ist …

Kavin: … hat das schon sehr weh getan. Die Stadt Wien hat alles getan, damit das Haus geschlossen werden muss, sie hat’s nur bis heute nicht geschafft. Bei der neuen Kulturstadträtin kann man nur hoffen, dass die Ziele andere sind. Die sind zwar noch nicht so klar raus, aber grundsätzlich sagt sie doch, sie will neue Räume für die Szene. Da könnte sie ja auch alte wiederbeleben, dann wären die quasi auch neu. Ich ziehe den Hut vor meinen Eltern, dass sie 14 Jahre Theater ohne Förderungen gemacht haben, das war wirklich existenziell, ein harter Kampf, der an die Substanz ging. Ich habe kein Interesse daran, hier Hausmeister zu sein und an jede Amateurtruppe vermieten zu müssen, um die nächste Miete bezahlen und die Fixkosten abdecken zu können. Ich möchte ein qualitätsvolles Programm präsentieren, und warum ich glaube, das zu können, und dass sich das hier etablieren wird, sind eben die Vorzüge dieses Raums.

Anstoss – Ein Sportstück: Bernhardt Jammernegg als Lance Armstrong und Florian-Raphael Schwarz als Thomas Muster. Bild: Jakub Kavin

Anstoss – Ein Sportstück: Olympia und der Transhumanismus, Koloratursopranistin Manami Okazaki mit Ensemble. Bild: Jakub Kavin

Anstoss – Ein Sportstück: Corinna Orbesz als Mixed-Martial-Arts-Kämpferin Ronda Rousey. Bild: Jakub Kavin

MM: Bei der Renovierung packen alle Künstlerinnen und Künstler mit an, …

Kavin: Und zwar ehrenamtlich, hier sind alle sozusagen ehrenamtliche Vereinsmitglieder. Geht ja nicht anders. Das, was an Geld reinkommt, wird unter allen aufgeteilt.

MM: … was genau wird nach Ihren Wünschen umgestaltet?

Kavin: Dass es eben keine fixe Zuschauertribüne mehr gibt, dass wir das vollgeräumte Büro in ein Theatercafé verwandeln, in dem sich das Publikum nach der Vorstellung mit den Schauspielern auf ein Glas Wien zusammensetzen kann, außerdem ein frischer Anstrich … mehr geht sich finanziell ohnedies nicht aus. Ich kann keine Wände einreißen.

MM: Außer die in den Köpfen.

Kavin: Stimmt, das ist auch viel wichtiger.

MM: Das bringt uns zum künstlerischen Konzept. Wie und womit möchten Sie die TheaterArche in dieser Stadt positionieren, welche Themen möchten Sie bespielen?

Kavin: Ich habe den Eindruck, in Wien gibt es entweder die große, subventionierte darstellende Kunst oder jene, die versuchen, genau dasselbe im kleineren Format umzusetzen. Auch das ist natürlich aller Ehren wert, aber für mich ein bisschen schwierig, ich sehe mich nicht als einen Theatermacher, der den 2000sten „Hamlet“ auf die Bühne bringt, zu dieser Form von Theater habe ich wenig Bezug. Daneben gibt es viele Gruppen, die sich sehr spezialisiert haben, die mit Flüchtlingen, mit Migranten, mit behinderten Menschen arbeiten, sehr oft in einem hierarchischen System.

Heißt: das Nicht-Betroffene Betroffene inszenieren. Diese Programme sind wichtig, weil sie den diversen Communities eine Möglichkeit für Öffentlichkeit geben, in sich sind diese Konzepte aber sehr verschließend. Meine große Bestrebung ist, da wir alle Menschen sind, dass dieser Raum dazu dient, dass sich das ganze Mensch-Sein, das in Wien abgebildet ist, hier künstlerisch finden kann. Diesen Rahmen möchte ich ermöglichen – für die Künstler und für das Publikum.

MM: Nun sagen Sie zwar, Sie wollen kein Hausmeister sein, doch das klingt doch nach Plattform bieten, Arbeitsperspektiven schaffen, Künstler vernetzen. Wollen Sie die in Ihre Produktionen einbinden oder denen das Haus als Spielstätte anbieten?

Kavin: Sowohl als auch. Wir wollen den Raum zu etwa einem Drittel der Saison selber bespielen, der Rest soll wirklich für die freie Szene offen sein. Ich will keine ästhetische, keine Geschmacks-Polizei sein, ich will nicht entscheiden, was sein darf und was nicht, das gibt es in Wien ohnedies schon viel zu oft. Ich wünsche mir möglichst professionelle Arbeit, und dass es einen künstlerischen Background gibt, dass die jeweiligen Truppen tatsächlich auf der Suche sind. Für die Bespaßung des Publikums gibt es andere Häuser in Wien, hier soll Platz sein für das professionelle Experiment. Dieser Raum soll einer sein, in dem Künstlerinnen und Künstler ihrer Kreativität freien Lauf, die Gedanken fließen lassen und sich austoben können. Das ist auch das Konzept, das der Stadt Wien vorliegt.

Das ist eigentlich alles. Szenische Collage nach Miniaturen von Daniil Charms, 2018. Bild: Jakub Kavin

Das Schloss, 2017. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?, 2018. Vorne: Jakub Kavin. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

MM: Und noch einmal nach den eigenen Themen gefragt?

Kavin: Wir gehen an die Themen ganz unterschiedlich heran, „Das Schloss“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26330) von Kafka war etwa eine Romanbearbeitung,  „RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28716) eine Textcollage, wir arbeiten mit Improvisationen, performativen Elementen, wir betreiben Stückentwicklung. Unsere aktuelle Produktion, „Anstoss – Ein Sportstück“, ist eine Textcollage aus autobiografischen Büchern und Interviews von Sportlerinnen und Sportlern oder Wortmeldungen von Funktionären und Trainern.

MM: Es kommen beispielsweise Thomas Muster, Lance Armstrong, Robert Enke oder Peter Schröcksnadel vor, und die behandelten Themen reichen von Homosexualität im Sport bis zu sexuellem Missbrauch, von der Droge Alkohol bis Doping, von patriarchalen Strukturen bis zu ungesundem Patriotismus. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Kavin: Ich finde es spannend, dass der Sport ein riesiges Showbusiness ist und damit der Kultur artverwandt. Gleichzeitig gibt es aber große Berührungsängste zwischen den beiden Disziplinen, es gibt im Kunstbereich etliche, die mit Sportrezeption gar nichts anfangen können und umgekehrt ist es genauso. Doch beides hat sein Publikum, der Sport in Wahrheit ein viel größeres, und diese Diskrepanz zwischen Faszination und Abstoßung interessiert mich. Sport hat faschistische Züge, ist aber auch – ich mag das Wort nicht – völker-, also Kulturen verbindend. Und: Sportlerfiguren sind außerdem wahnsinnig gute Theaterfiguren, weil die dramatische Fallhöhe so groß ist.

MM: Wie das?

Kavin: Weil es Menschen sind, die ungefähr zehn Jahre Zeit haben, ihren Beruf auszuüben, was vermutlich ein Grund ist, warum viele so skrupellos sind. Lance Armstrong zum Beispiel ging an jede Grenze, die man nur ansteuern kann, auch in seiner Art, wie er Menschen manipulierte, wie er mit den Medien spielte. Das ist doch eine Geschichte! Vom quasi Totenbett auferstanden zum größten Sportler aller Zeiten geworden – und dann als Doping-Bösewicht ins Bodenlose gefallen. Es gibt so viel zum Thema Sport, und wir können bei weitem nicht alles behandeln, aber gerade diese Diversität passt perfekt zur Arbeit der TheaterArche, die sich ja vorgenommen hat, genau das als gesellschaftliches Phänomen in ihren Projekten zu zeigen.

MM: Es gibt an jedem Abend einen Stargast. Wer kommt?

Kavin: Ganz wichtig: Die ehemalige Rennläuferin Nicola Werdenigg, die als erste den sexuellen Missbrauch im österreichischen Skiverband aufgebracht hat, und die auch schauspielerisch mitwirken wird, Franzobel, der ein großer Sportfan ist, Ulli Lunacek, weil sie erstens in einem Schwimmteam ist und zweitens aus der Blickrichtung des europäischen Parlaments berichten kann, Antidoping-Experte und Lauftrainer Wilhelm Lilge und viele andere.

MM: Ihre zweite Produktion wird dann „Mauer“ sein. Wird das eine Familiengeschichte? Ihre Eltern stammen ja aus der damals noch so genannten Tschechoslowakei.

Kavin: Ich bin ebenfalls dort geboren, in Brünn. „Mauer“ hat drei Gründe: Die Jahreszahl – 30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs. Die Tatsache, dass Mauern, auch wenn sie „nur“ Grenzzäune sind, gerade wieder überall errichtet werden. Gefühlt werden weltweit derzeit mehr Mauern gebaut als Brücken geschlagen. Drittens natürlich die Familie, man schöpft ja immer aus dem, was mit einem selber zu tun hat. Ich kann mich sehr gut erinnern an die Zeiten vor 1989, als wir immer wieder an der grünen Grenze waren, und ich als 7-, 8-Jähriger meine Eltern gefragt habe, wieso die tschechoslowakischen Soldaten ihre eigenen Leute bewachen. Denn die haben nicht in unsere Richtung geschaut, sondern ins Land hinein und uns den Rücken zugekehrt. Die Systematiken dieses Regimes haben wohl nicht nur mir, der ich tatsächlich nicht über diese Grenze durfte, sondern den Ostösterreichern generell das Gefühl vermittelt, dass sie ein bisschen an einem Ende der Welt leben, von wo aus es nicht mehr weitergeht.

MM: Lassen Sie uns noch einmal übers Thema Geld reden. Sie haben schon Produktionen via Crowdfunding auf die Beine gestellt. Ist das kein Weg, den man fortbeschreiten kann? Wie sieht es mit Subvention aus?

Kavin: Crowdfunding darf man nicht ausreizen, je öfter man das macht, umso abgestumpfter sind die Leute. Letztlich ist es ein Betteln-Gehen bei Freunden. Zur Subvention: Ich stelle zwei Mal im Jahr Förderanträge und bekomme eigentlich immer ein Nein. Ich versuche nun, in Gespräche mit Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler zu kommen, hatte auch einen Termin, den aus Zeitgründen aber im Endeffekt ihre Referenten wahrgenommen haben. Da habe ich halt Vertröstungen gehört, im Sinne von, man könne anderen nichts wegnehmen, um uns etwas zu geben. Was interessant ist, denn beim Theater Brett ging’s umgekehrt schon. Es ist seltsam und schwierig. Tatsache ist, dass gläserne Decken eingezogen worden sind. Es gibt die sogenannte ortsgebundene Förderung, das ist ein Beschluss zur Förderung jener Theater, die es schon länger gibt, egal, ob sie was Gutes machen oder nicht – und für andere gibt’s kein Geld. Sie drehen sich’s halt immer, wie sie’s brauchen, um das Ziel zu erreichen, das sie wollen. Und das ist offensichtlich, Theater abzuschaffen.

www.theaterarche.at                www.jakubkavin.com

Kritik: Anstoß – Ein Sportstück: www.mottingers-meinung.at/?p=31865

24. 1. 2019

Min Jin Lee: Ein einfaches Leben

Januar 5, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Migranten als Menschen zweiter Klasse

Sie werden Zainichi genannt, das heißt „Ausländer mit Wohnsitz in Japan“ und ist als Bezeichnung gleichsam der Nährboden für rassistische Ressentiments, für Charakterzuschreibungen von hinterhältig bis faul, für Diskriminierungen aller Art. Die ersten kamen 1910 ins Land, als das Kaiserreich die Nachbarshalbinsel als Provinz Chōsen annektierte, doch als im Zuge des Zweiten Weltkriegs Arbeitskräfte gebraucht wurden, kam es auch zu gewaltsamen Umsiedelungen. Sie wurden gezwungen japanische Namen anzunehmen, in bestimmte Berufe gezwungen, gezwungen sich regelmäßig via Meldekarten behördlich registrieren zu lassen – immer in der Angst, abgeschoben zu werden. Selbst in dritter, vierter Generation in Japan lebend, bleiben sie als Migranten Menschen zweiter Klasse.

In ihrem Roman „Ein einfaches Leben“ schildert Autorin Min Jin Lee, New Yorkerin mit Wurzeln in Seoul, die Lage der koreanischen Minderheit in Japan anhand des Schicksals einer Familie. Seit 30 Jahren verfolgt sie das Thema, Erzählungen hat sie darüber schon verfasst, nun endlich ein Buch.

Und es ist erstaunlich, wie speziell und zugleich universell diese Geschichte, die in einem fernen Fischerdorf um die Jahrhundertwende beginnt und 1989 in Yokohama endet, ist. Lee berichtet von einer restriktiven Gesellschaft und vom täglichen Überlebenskampf derer, denen man die Zugehörigkeit verweigert, sie erklärt die Stellung der Frau und, was es mit der Männerehre auf sich hat. Sie zeigt nach der Teilung Koreas in Nord und Süd, wie Koreaner, die zurückkehren müssen, in Seoul als „japanische Bastarde“ gelten, und in Pjöngjang spurlos verschwinden. Keine Heimat, nirgendwo. Das gilt auch hier für Flüchtlinge, und nimmt die nicht aus, denen das diskreditierende Wort Wirtschafts- vorneweggestellt wird.

„Ein einfaches Leben“ beginnt mit der Fischerstochter Sunja, die vom Großhändler Hansu, einem verheirateten Mann, schwanger wird. Da quartiert sich Pastor Isak Baek im Logierhaus der Mutter ein, er ist auf dem Weg zu seiner neuen Gemeinde in Osaka, erkrankt schwer, gesundet, und heiratet aus Dankbarkeit und Nächstenliebe Sunja. Die ihm bereitwillig nach Japan folgt, kann sie so doch Schmach und Schande abwenden. In Osaka findet das Paar Unterschlupf bei Iaks Bruder Yoseb und dessen Frau Kyunghee im koranischen Ghetto Ikaino. Bald fühlt man als Leser intensiv mit den vieren, Lee schreibt klar und schnörkellos und doch voller Empathie für ihre Figuren. Und während sie deren Leben ausbreitet, flicht sie die Historie ein. Japan als Kolonialmacht, als Kriegstreiber gegen China, als Verbündeter des Dritten Reichs, als Opfer zweier Atombomben …

An Sunjas Seite geht es durch die Jahrzehnte. Noa wird geboren, dann Isaks leiblicher Sohn Mozasu – Moses. Doch die Christen sind bei der japanischen Regierung unbeliebt, und als Isaks Küster dem Kaiser die wöchentliche Ehrerbietungszeremonie, die ihn als Gott würdigt, verweigert, wird auch Isak ins Gefängnis geworfen – und stirbt. Yoseb bleibt nach einem Feuer in der Fabrik, in der er arbeitet, schwerstbehindert. Bleiben die beiden Frauen, die versuchen, die Kinder mit dem Verkauf von hausgemachtem Kimchi zu ernähren, aber oft reicht das Geld nicht einmal für etwas Tee. Die Söhne entwickeln sich entgegen ihren Vätern. Noa wird in Tokio auf die Universität gehen, Mozasu, dem niemand einen Job geben will, weil er Koreaner ist, steigt ins Pachinko-Geschäft ein – für die Japaner ein mehr als zwielichtiges Gewerbe. Doch nicht Mozasu in seiner Spielhölle, sondern Hansu, der die ganze Zeit über im Hintergrund für die Familie Baek die Fäden zieht, entpuppt sich als Yakuza.

Bild: pixabay.com

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Die Spuren dieser Zeit prägen die Zainichi bis heute. Und so erzählt Lee auch von koreanischen Schulbuben, die sich von Dächern stürzen, weil sie von Mitschülern als schmutzig und stinkend beschimpft werden. Von Notlügen, in die man sich verstrickt. Von Vätern, die sich lieber erschießen, als dass die Frau, die Kinder, der Arbeitgeber erfahren, dass sie sich als Japaner nur ausgegeben haben, tatsächlich aber Koreaner sind. Von Menschen, die, weil ihnen jeder Kontakt zur Umwelt fehlt, Japanisch nur schlecht sprechen, und schon gar nicht schreiben können. Von einer scheinheiligen Welt aus Schuld und Strafe und verbotenem Sex. Dazu webt Lee ein Netz aus faszinierenden Nebenfiguren, die teils nur als Streiflichter auftauchen und schon wieder weg sind.

Wie Phoebe, ebenfalls Koreanerin, aber in Seattle geboren, und nicht imstande die gesellschaftliche Kluft in Japan zu begreifen. Phoebe ist Solomons Freundin, Solomon Mozasus Sohn. Der erste, der’s schafft, der Banker – und dann doch wieder nur hereingelegt wird. Doch der erste, der die Demütigung nicht erduldet, sondern sich dagegen auflehnt. Ein Hoffnungsschimmer. Geschätzte 600.000 bis 700.000 koreanischstämmige Menschen leben derzeit in Japan. Sie sind Künstler wie die Schriftstellerin Miri Yū, Politiker wie Shinkun Haku, Sportler wie der Fußballspieler Ri Han-jae oder Wirtschaftsbosse wie Masayoshi Son, Gründer der SoftBank und laut Forbes-Magazine der reichste Mann Japans.

Über die Autorin: Min Jin Lee wurde 1968 in Seoul, Südkorea, geboren und immigrierte, als sie acht Jahre alt war, mit ihrer Familie in die USA. Sie hat in Yale studiert und vor der Veröffentlichung ihres ersten Romans als Anwältin gearbeitet. „Ein einfaches Leben“ stand auf der Shortlist des National Book Award und auf allen Bestsellerlisten der USA. Min Jin Lee lebt in New York.

dtv, Min Jin Lee: „Ein einfaches Leben“, Roman, 552 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel.

www.dtv.de

  1. 1. 2019