Belvedere: Egon Schiele. Wege einer Sammlung

Oktober 18, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Neue Einblicke in Werk und Arbeitsweise des Künstlers

Egon Schiele: Sitzendes Paar, 1915. Bild: © Albertina, Wien

Einhundert Jahre nach dem Tod Egon Schieles präsentiert das Belvedere ab 19. Oktober einen der innovativsten Beiträge zum diesjährigen Gedenkjahr. Im Mittelpunkt der Schau „Egon Schiele. Wege einer Sammlung“ steht der hauseigene Schiele-Bestand. Zum einen wird der Fokus auf die Sammlungsgenese gelegt, zum anderen wird die Geschichte hinter den Bildern erzählt. Die Ergebnisse modernster kunsttechnologischer Untersuchungen ermöglichen neue Einblicke in die Arbeitsweise des Künstlers und enthüllen bislang unbekannte Facetten der Entstehung seiner Meisterwerke.

Die Schiele-Sammlung des Belvedere umfasst heute zwanzig Werke, darunter 16 Gemälde. Die Ausstellung geht der Geschichte und den Wegen dieser Werke nach, von der Entstehung im Atelier des Künstlers bis zur Aufnahme in die Sammlung des Belvedere. Ankäufe, Schenkungen, Tauschgeschäfte, Museumreformen oder auch Restitutionen prägen die Wege dieser Bilder.

„Für mich ist es faszinierend zu sehen, welche Rolle ehemalige Direktoren bei der Entstehung dieser herausragenden Sammlung gespielt haben. Zum Beispiel der Weitblick von Franz Martin Haberditzl, der sehr früh Werke von Egon Schiele für die Belvedere-Sammlung kaufte, oder Karl Garzarolli-Thurnlackh, dem wir die meisten Schiele Ankäufe verdanken. Und schließlich Gerbert Frodl, der 2003 das bislang letzte Schiele-Werk unter großen Anstrengungen erworben hat.“ , so Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere, bei der heutigen Pressekonferenz.

Eines der Hauptwerke seiner Sammlung verdankt das Belvedere seinem ehemaligen Direktor Franz Martin Haberditzl, der mit „Bildnis der Frau des Künstlers, Edith Schiele“ im Jahr 1918 das erste Gemälde Egon Schieles für ein österreichisches Museum erwarb. Er selbst wurde von Schiele ebenfalls gemalt und erstand dieses Porträt 1917 privat. In der Ausstellung sind alle Gemälde zu sehen, die sich jemals im Bestand des Belvedere befunden haben, darunter prominente Leihgaben wie „Bildnis Wally Neuzil“ oder „Kardinal und Nonne (Liebkosung)“ aus dem Leopold Museum, Zeichnungen und Aquarelle aus der Albertina und weitere Arbeiten aus privaten Sammlungen im In- und Ausland, etwa auch einige Vorstudien.

Egon Schiele: Die Frau des Künstlers, Edith Schiele, 1918. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Egon Schiele: Kauerndes Menschenpaar (Die Familie), 1918. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Durch Archivalien – Inventarbücher, Korrespondenzen, Tauschprotokolle und Rechnungen – wird darüber hinaus die seltene Möglichkeit geboten, hinter die Kulissen eines Museums zu blicken. Eine Besonderheit stellen dabei Tauschgeschäfte dar, wie sie über viele Jahrzehnte von den Institutionen durchgeführt wurden. Das „Bildnis Wally Neuzil“ wurde etwa im Tausch gegen das Porträt „Reinerbub“ aus der Sammlung von Rudolf Leopold abgegeben; die „Kauernden Frauen“ und „Kardinal und Nonne (Liebkosung)“ gegen mehrere Kunstwerke, darunter ein Ölbild von Klimt.

Auch die Museumsreform von Hans Tietze und die damit verbundene Abgabe von Papierarbeiten an die Albertina in den frühen 1920er-Jahren veränderten den Gesamtbestand des Belvedere maßgeblich. Erst Anfang der 1990er-Jahre stellte das Belvedere die Tauschgeschäfte ein. Nicht zuletzt sind Sammlungen von Kunstwerken Schieles in öffentlichen Museen und Institutionen vor allem dem Engagement von Privatsammlerinnen und -sammlern und ihren Widmungen zu verdanken.

Um die Sammlungsgeschichte des Belvedere nachzuzeichnen, bespricht Kuratorin Kerstin Jesse detailliert jedes Werk. Sie zeigt Aspekte wie Erwerb, Motiv und porträtierte Person auf und konfrontiert Werke mit verwandten Arbeiten. „Zum ersten Mal beschäftigt sich eine Ausstellung mit der eigenen vielschichtigen Erwerbungshistorie anhand der Werke Egon Schieles. Diese wurden dem Museum geschenkt oder vom Museum angekauft, getauscht, abgegeben und restituiert. Darüber hinaus ist es uns gelungen, viele Details in Schieles Werk neu zu erschließen – sodass wir es wieder ein Stück besser verstehen können“, erklärt Jesse.

In Vorbereitung der Ausstellung wurden umfangreiche maltechnische Forschungsarbeiten durchgeführt. Erstmals wurde der gesamte Schiele-Bestand eines Museums mit digitalem Röntgen, UV-Strahlung, Infrarotreflektografie, Mikroskop- und Makroaufnahmen genau untersucht. Die gezeigten Detailaufnahmen der Gemälde bieten eine ungewohnte wie eindrucksvolle Nahsicht auf Schieles Malerei. So wird deutlich, dass Schiele allen Materialien eine nahezu gleichwertige Bedeutung einräumte. Erst im individuellen Zusammenspiel von Bildträger, Grundierung, Kompositionslinien und Farben entwickelte er das Dargestellte und verlieh seiner Arbeit dadurch ihre charakteristischen Züge.

Eindrucksvoll ist auch die maßstabsgetreue digitale Rekonstruktion der ersten, farbintensiveren Version des Gemäldes „Bildnis der Frau des Künstlers, Edith Schiele“, das Schiele wahrscheinlich auf Wunsch Haberditzls übermalt hat. Nach mehr als einem Jahrhundert ist das Porträt in Form einer Rekonstruktion annähernd so zu sehen, wie Schiele es ursprünglich ausgeführt hat. Im Rahmen der Ausstellung bringt das Belvedere Augmented Reality zum Einsatz, um einige der Forschungsergebnisse für die Besucherinnen und Besucher digital anschaulich zu machen, dies erneut in Zusammenarbeit mit dem Wiener Start-up Artivive.

www.belvedere.at

18. 10. 2018

Leopold Museum: Egon Schiele. Die Jubiläumsschau reloaded

September 24, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Werk im Spiegel zeitgenössischer Künstler

Egon Schiele: Selbstbildnis mit hochgezogener nackter Schulter, 1912. Bild: © Leopold Museum, Wien, Inv. 653

2018 jährt sich Egon Schieles Tod zum einhundertsten Mal. Das Leopold Museum mit seiner bedeutenden Sammlung an Werken dieses herausragenden Vertreters des österreichischen Expressionismus würdigt ihn ab 28. September mit einer Ausstellung jenseits aller medialen Grenzen: Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Skizzen, Briefe und Fotografien geben einen so außergewöhnlichen wie umfassenden Einblick in sein künstlerisches Schaffen.

Dass Schieles OEuvre auch ein Jahrhundert nach seinem Tod von ungeheurer Aktualität und Virulenz ist, zeigen punktuelle „Injektionen“ zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler in die Jubiläumsschau.

Werke von Louise Bourgeois, Tadashi Kawamata, Jürgen Klauke, Sarah Lucas, Chloe Piene, Rudolf Polanszky, Maximilian Prüfer, Elisabeth von Samsonow und Fiona Tan belegen die vielfältigen Anknüpfungspunkte, die Schieles zentrale Themen- und Motivkomplexe bieten.

Sei es im Kontext seiner radikalen Selbstreflexionen und Körperbefragungen, seiner Darstellungen von Frauen und seines ambivalenten Mutterbildes, seiner Spiritualität oder seiner ausdrucksstarken Landschaften, Städtebilder und Porträts.

Sarah Lucas: Tracey, 2018. © Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London. Bild: Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London/Robert Glowacki

Tadashi Kawamata: Plan for Beaufort, 2003. © Sammlung Diethard Leopold. Bild: Leopold Museum Wien/Manfred Thumberger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Dialoge zwischen dem zentralen Künstler des Leopold Museum und ausgesuchten Werken zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler beruhen auf konkreten Bezugnahmen oder auf persönlichen Assoziationen, beziehen sich auf einzelne Werke oder fußen auf korrespondierendem Interesse, bestärken oder konturieren einander. Gemein ist den neun inszenierten Zwiegesprächen, dass sie der inhaltlichen Nähe gegenüber der formalästhetischen den Vorzug geben und einen neuen Blick auf einen der faszinierendsten Künstler des 20. Jahrhunderts ermöglichen.

www.leopoldmuseum.org

24. 9. 2018

Leopold Museum: Egon Schiele. Die Jubiläumsschau

Februar 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Vergleich mit Günter Brus und Thomas Palme

Egon Schiele, Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung), 1910 © Leopold Museum, Wien. Bild: Leopold Museum, Wien

Im Jahr 2018, ab 23. Februar, 100 Jahre nach seinem Tod, ist dem zentralen Künstler aus der Sammlung des Leopold Museum, Egon Schiele, eine besondere Ausstellung gewidmet: einzigartig durch die Kombination von Gemälden, Papierarbeiten und zahlreichen Archivalien präsentiert die Ausstellung die wichtigsten Themen im Schaffen des Künstlers: zunächst sein selbstbewusstes Heraustreten aus der Tradition und seine Findung als Ausdruckskünstler, in der Folge Motivgruppen wie die ambivalente Figur der Mutter oder die Tabubrüche in Form der Darstellung junger Mädchen und Buben, des weiteren Themen wie Spiritualität und Verwandlung, seine enigmatischen Häuser und Landschaften oder etwa seine spannungsvoll komplexe Analyse in seinen Porträtdarstellungen.

Die Gewichtung der Ausstellung ergibt sich aus jener der Sammlungen Leopold, die Kunstgeschichte schrieben: bei den Ölbildern wie den Papierarbeiten liegt der Schwerpunkt auf den expressionistischen Jahren 1910–1914, wobei die Blätter zu je einem Drittel den Selbstdarstellungen, den Porträts und Akten der Mädchen und schließlich jenen erwachsener Frauen gewidmet sind. Demgegenüber umfassen die Gemälde die genannten Themen. Neben dem umfassenden Sammlungsbestand, deren Papierarbeiten aus restauratorischen Gründen in drei Durchläufen gezeigt werden, sind einzelne herausragende Schiele-Werke von internationalen Sammlungen als „noble Gäste“ in die Jubiläumsausstellung integriert.

Günter Brus, Aktionszeichnung, 1966 © Privatsammlung. Bild: N. Lackner/UMJ

Thomas Palme, No Text, 2014 © Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum. Bild: N. Lackner/UMJ

Am 3. März folgt dies Schau „Schiele – Brus – Palme“. Egon Schiele, Günter Brus (geboren 1938) und Thomas Palme (geboren 1967) – Enfant terribles ihrer jeweiligen Generation – erweiterten mit ihren Arbeiten den herkömmlichen Kunstbegriff. Schieles schonungslose Beschäftigung mit dem Individuum, mit dem Selbst, war der notwendig verstörende Auftakt für das von zwei Weltkriegen erschütterte 20. Jahrhundert. In den 1960er-Jahren nimmt Günter Brus den Körper als Kapital für die Kunst wieder auf und radikalisiert Schieles Analyse des Ichs, indem er bald Papier und Leinwand verlässt und sich wortwörtlich einer Zerreißprobe stellt. Eine Generation später ist es Thomas Palme, der das Erbe von Schiele und Brus in seinen Grafiken weiterführt, indem er jene zitiert, weiterdenkt oder ihnen antwortet. In der Ausstellung entsteht ein fiktiver – zwischen Brus und Palme auch direkter – Dialog, der zeitliche, räumliche und gesellschaftliche Grenzen bei aller existentialistischen Pein oft auch spielerisch hinter sich lässt.

www.leopoldmuseum.org

22. 2. 2018

Albertina: Egon Schiele

Februar 19, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Große Werkschau zum 100. Todestag

Egon Schiele: Aktselbstbildnis, 1916. Bild: Albertina, Wien

Als Auftakt zum Gedenkjahr 2018 zeigt die Albertina bereits ab 22. Februar eine umfassende Ausstellung über Egon Schiele. 160 seiner schönsten Gouachen und Zeichnungen führen in ein künstlerisches Werk ein, das sein großes Thema in der existenziellen Einsamkeit des Menschen findet und in drastischem Gegensatz zu den Wertvorstellungen der Gesellschaft des Fin de Siècle steht.

Während Schiele üblicherweise als Teil der künstlerischen und geistigen Elite der Wiener Jahrhundertwende von Mahler bis Schnitzler, von Freud bis Kraus, von Altenberg bis Hofmannsthal betrachtet wird, folgt die Inszenierung in der Albertina einem anderen Prinzip: Große, im Raum schwebende Fotografien konfrontieren das radikale Œuvre des Künstlers mit der Realität seiner Umwelt. Sie bilden einen Hintergrund, der die Fallhöhe zwischen dieser und dem Schaffen Schieles verdeutlicht.

Egon Schiele ist der größte Zeichner des 20. Jahrhunderts; im Gegensatz zu Künstlerkollegen wie beispielsweise Klimt, dem Zeichnungen nur als Skizzen für seine Gemälde dienten, betrachtete er seine Arbeit auf Papier immer als eigenständige Kunstwerke. Als kaum Zwanzigjähriger findet er zu einem eigenen, unverwechselbaren Stil und beschreitet mit diesem neue Wege. Mit sicherer, kräftiger Linienführung erfasst er seinen Bildgegenstand, der meist der menschliche Körper ist. Einerseits charakterisiert er ihn durch treffsichere Konturierung, andererseits verfremdet er ihn durch gewagte Perspektiven und überspitzte Gestik und Mimik. Der Zeichner Schiele ist dem Maler Schiele bald überlegen, er wird in weiterer Folge zum Vorbild einer nachfolgenden Künstlergeneration.

Schieles Darstellungen ausgezehrter Körper zeigen eine damals wie heute radikale Ästhetik des Hässlichen. Er hebt die Gegensätze zwischen dem Schönen und dem Hässlichen, dem Normalen und dem Pathologischen auf. Seine Protagonistinnen und Protagonisten stehen symbolhaft für die Entfremdung des Menschen von der bürgerlichen Gesellschaft und der Kirche. Sie verkörpern eine Allegorie der Heimatlosigkeit des modernen Individuums – das Ablegen falscher Scham wird dabei als Tabubruch zum ästhetischen Prinzip.

Egon Schiele: Sitzendes Paar, 1915. Bild: Albertina, Wien

Egon Schiele: Selbstbildnis mit Pfauenweste, 1911. Bild: Ernst Ploil, Wien

Um einen neuen Zugang zur Entschlüsselung des oft so rätselhaft-allegorischen Werks zu finden, veranschaulicht die Schau in der Albertina die vielfältigen Inspirationsquellen des Künstlers. Erstmals wird eine bisher kaum behandelte Bildgruppe intensiv beleuchtet: Die sogenannten „Allegorischen Werke“. Neue Forschungen haben ergeben, dass Schiele sich in diesen Bildern mit dem Armutsideal von Franz von Assisi und den „Spiritualen“ des 13. Jahrhunderts auseinandersetzt. Die Anhänger dieser Bewegung sollten entbehrungsreiche Armut mit seelsorgerischer Tätigkeit vereinen. Zwischen 1912 und 1918 schuf Egon Schiele eine Reihe von Werken, die Männer in ärmlichem Gewand zeigen, mit pathetischen Titeln wie „Erlösung“, „Andacht“ oder „Die Wahrheit wurde enthüllt“.

Mit der motivischen wie inhaltlichen Anlehnung an das Armutsideal von Franz von Assisi hebt sich der junge Künstler einmal mehr vom Materialismus ab, den die Elite des Wiener Fin de Siècle um Gustav Klimt und die Wiener Werkstätte repräsentiert. Schieles Kunst ist dabei allerdings nicht das Abbild seiner persönlichen Befindlichkeit, sondern erhebt vielmehr einen hohen moralischen Anspruch: Schiele erweist sich nicht nur als Künstler von größtmöglicher Freiheit und ästhetischer Autonomie, sondern zugleich auch als Verfechter hoher Ethik und leidenschaftlicher Spiritualität.

Im Kontext von seinen hohen Moralvorstellungen ist auch die berühmte V-Geste, die erstmals in seinem Selbstbildnis mit Pfauenweste zu sehen ist, zu deuten. Das Handzeichen zitiert das berühmte byzantinische Pantokrator-Mosaik der Chora-Kirche in Konstantinopel. Nicht nur in dieser Geste, auch im Lichtkranz, der den Kopf des Künstlers heiligt, inszeniert sich Egon Schiele performativ als Auserwählter von hohem Rang. Die wirre Frisur und der Blick von oben herab lässt das selbstbewusste Genie erkennen, das der Welt das Heil bringt: ein verweltlichter Christus als Herrscher, ein Künstler als Schöpfer und Messias.

Egon Schiele: Auf dem Bauch liegender weiblicher Akt, 1917. Bild: Albertina, Wien

Egon Schiele: Weibliches Liebespaar, 1915. Bild: Albertina, Wien

Trotz seines kurzen Lebens von 1890 bis 1918 und einer kaum mehr als zehn Jahre währenden Phase künstlerischen Schaffens hinterlässt der Künstler ein umfangreiches Werk. Es umfasst, seine Skizzenbücher nicht mitgerechnet, über 330 Gemälde und über 2.500 Zeichnungen. Die Albertina besitzt zahlreiche Werke aus jeder Phase des jung verstorbenen Genies.Die hauseigenen Bestände bilden nun den Ausgangspunkt der Ausstellung, die um einzelne, bedeutende Leihgaben aus nationalen und internationalen Sammlungen und Museen ergänzt wird. So richtet die Schau einen einzigartigen Blick auf die künstlerische Entwicklung Egon Schieles, die sein plötzlicher Tod im Alter von nur 28 Jahren so jäh beenden sollte.

www.albertina.at

Wien, 19. 2. 2017

Belvedere: Klimt/Schiele/Kokoschka und die Frauen

Oktober 20, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

The Good, The Bad and The Ugly der Aktmalerei

Egon Schiele, Die rote Hostie, 1911 Bild: © Privatsammlung, Courtesy Galerie St. Etienne, New York

Egon Schiele, Die rote Hostie, 1911
Bild: © Privatsammlung, Courtesy Galerie St. Etienne, New York

Sie waren gleichsam The Good, The Bad and The Ugly ihrer Kunstzeit: „Masturbationsmaler“ Gustav Klimt; der wegen Oszonität und Verstößen gegen die Sittlichkeit sogar inhaftiert gewesene Egon Schiele, der im Gegensatz zu Klimt, der zu seinen Geliebten emotional immer auf Distanz blieb, selbst wenn sie die Mütter seiner Kinder waren, sein Verhältnis zu seinem Model Wally Neuzil öffentlich machte; und „Oberwildling“ und Alma-Mahler-Geschädigter Oskar Kokoschka. Nicht selten wurden sie als Pornographen beschimpft, ja sie taten einander mitunter sogar gegenseitig als solche ab. Kokoschka, der in Liebesdingen meist die Flucht ergriff, war frustriert ob des sprichwörtlich erfolgreichen „Treibens“ seines Idols Gustav Klimt, neidvoll und verächtlich äußerte er sich über seinen künstlerischen Rivalen Schiele, weil der „immer lauter Mädeln um sich gehabt“ habe.

Klimt, Schiele und Kokoschka zählen zu den wichtigsten erotischen Malern der Wiener Moderne. Das Belvedere widmet ihnen und ihrem Verhältnis zu den Frauen ab 22. Oktober eine Ausstellung: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellten weitreichende gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen und eine gedankliche Neuorientierung die traditionellen Geschlechterrollen infrage. Die Gleichstellung von Mann und Frau sowie die Lust nach sexueller Befreiung waren Gebot der Stunde.

Das intellektuelle Wien des Fin de Siècle war von der weiblichen Sexualität geradezu besessen, auch Freud, Schnitzler, Weininger forschten. Klimt, Schiele und Kokoschka näherten sich dieser „Frauenfrage“ auf  jeweils eigene Weise; das relativ freimütige Bekenntnis früher Feministinnen zu ihrem Körper versetzte die Künstler in Aufruhr, etwas Neues war am entstehen, verstanden die selbsternannten Frauenversteher, und erfüllte ihre Werke mit einer Mischung aus Grauen und Begeisterung. Das ewig Weibliche zog sie hinan, die „Femme fatale“ schreckte sie, selbst wenn von eigener Hand auf die Leinwand geworfen. „Mit einer verliebten Frau kann man alles tun, was sie will“, kommentierte Klimt diese Emanzipation scherzhaft, und doch befreite er die Frau in der Kunst als erster von ihrer Scham. Schiele entfesselte die Kraft einer beinah bedrohlichen, wilden Weiblichkeit, die sich der männlich-rationalen Kontrolle entzog, Kokoschka agierte distanzierter, doch mit nicht weniger Wucht.

Die Schau gliedert sich in vier Hauptthemen: Porträt, Liebes-Paar, Mutter mit Kind und Akt. „Das Thema ,Klimt/Schiele/Kokoschka und die Frauen‘ wirft ein Licht auf beide Seiten der Wiener Gesellschaft, auch die jenseits der Salonkultur des Großbürgertums. Immer mehr bürgerliche Frauen und vor allem die Frauen des Industrieproletariats opponierten und  organisierten sich in der Frauenbewegung. Ihnen lag nicht nur daran, die männlich dominierte Erziehung, die rein repräsentative Tätigkeit als Ehefrau und die sinnentleerten Konventionen zu überdenken, sie forderten ganz konkret ihre Rechte ein und insistierten auf einer Umwertung und Neuordnung der Geschlechterrollen“, so Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco. Klimts kostbare, elegante und in leuchtenden Farben ausgeführte Porträts des „Rätsel Frau“ fanden bei den Damen der Wiener Gesellschaft großen Anklang. Doch die individuelle Persönlichkeit der Dargestellten ließ der Künstler beinahe vollkommen hinter die reich ornamentierten Oberflächen zurücktreten. Schiele und Kokoschka kehrten diese dekorative Formel um, indem sie ihre Modelle in eine bildnerische Leere stießen. Damit erzwangen sie eine Konfrontation mit existenziellen Ängsten, die hinter Klimts Horror Vacui verborgen geblieben war. Der damals herrschenden Auffassung zum Trotz, dass Frauen keine Seele hätten, prägten Schiele und Kokoschka damit im Akt eine neue, moderne, psychologisch durchdrungene Porträtmalerei.

Aus den Werken Klimts, Schieles und Kokoschkas geht hervor, dass alle drei am Glauben an die romantische Liebe festhielten: an eine Verbindung von Seelenverwandten, die durch erotische Leidenschaft besiegelt wird. Doch während Klimt in seinen Liebespaardarstellungen, oft sind er selbst und seine Lebensmenschin Emilie Flöge die Porträtierten, den Inhalt auf eine allegorische Ebene hob, ließen die beiden Expressionisten persönliche Erfahrungen in ihr Schaffen  einfließen. Tatsächlich sind Evokationen glücklos verlaufender Beziehungen bei Schiele und Kokoschka oft emotional überzeugender als ihre Darstellungen idealisierter, glücklicher Liebender. Da Mann und Frau als Gegensatz verstanden wurden, kann keine reibungslose Vereinigung der beiden stattfinden. Und apropos, Tabubruch: das Private der Herren blieb oft sehr konventionell konservativ. So muss es Egon Schiele die Seele zerschrammt haben, als seine Ehefrau Edith Harms den endgültigen Bruch mit Wally Neuzil forderte, den er schweren Herzens endlich vollzog, nachdem beide Frauen ein Dreiecksverhältnis abgelehnt hatten. „Ich bin froh, dies alles und noch mehr zu erleben, denn gerade diese Erlebnisse, die traurig sind, klären den schaffenden Menschen“, sagt Schiele dennoch.

Das Motiv der Mutter mit dem Kind, eines der ältesten Bildthemen der westlichen religiösen Kunst, wurde im Geiste der Sexualpolitik des Fin de Siècle einer Wandlung unterzogen. In der allgemeinen Vorstellung kategorisierte man Frauen als „Madonnen“, keusch und mütterlich, oder „Huren“, heißt: sexuell unersättliche Räuberinnen. Klimt und Schiele unterwanderten diese Dichotomie, indem sie Akte von Schwangeren und nackte Mütter zeigten. Damit stellten sie eine ausdrückliche Verbindung zwischen Mutterschaft und weiblicher Sexualität her. Kokoschka hingegen schien der Auffassung gewesen zu sein, dass die Mutterschaft eine Frau von sexueller Promiskuität „heilen“ könne. Er war besessen von dem Wunsch, mit seiner Geliebten Alma Mahler ein Kind zu zeugen, und stellte sie in seiner Kunst wiederholt allegorisch als Jungfrau Maria dar. Alma trieb gegen Kokoschkas Willen ab, er zog als Freiwilliger in den Krieg. Erst mit Olda Palkovská kam Hitlers späterer „Kunstfeind Nr. 1“, der „Entartetste unter den Entarteten“, zur Ruhe.

Klimts Akte wiederum sind von verführerischer Schönheit, und in vielen seiner eindeutig erotischen Zeichnungen sind sie von einer Passivität, die an Bewusstlosigkeit grenzt. Im Vergleich dazu sind die Aktdarstellungen Schieles und Kokoschkas schroffer. Kantige Linien untergraben einladende weibliche Kurven, markante Bildausschnitte und ungleichmäßige Farbigkeit generieren eine Aura des Unbehagens. Anders als beim klassischen Akt scheint diesen Frauen häufig bewusst zu sein, dass sie beobachtet werden. Zuweilen wirken sie davon sogar unangenehm berührt … Die Ausstellung untersucht diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten tiefgreifend. Im Zuge dessen werden neue Einblicke in die Beziehungen zwischen den Geschlechtern im frühen 20. Jahrhundert sowie die Ursprünge der modernen sexuellen Identität erarbeitet.

www.belvedere.at

Wien, 20. 10 2015