Kammeroper: Faust

Oktober 12, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Klappmaul-Mephisto als strahlender Opernstar

Erste Annäherung ans „schöne Fräulein“: Quentin Desgeorges als Faust, Jenna Siladie als Marguerite und Dumitru Mădărășan als Méphistophélès. Bild: Herwig Prammer

Kalte Schauer beim Drame lyrique. An der Kammeroper hat Nikolaus Habjan Charles Gounods „Faust“ inszeniert, und da in Rezensionen der Arbeiten des preisgekrönten Regisseurs so gern formuliert wird, er ließe die Puppen tanzen, voilà: In der finalen Walpurgisnacht bittet Habjan vier greise Säuglingsfigürchen zum bizarren Ballett auf dem Hochseil, hässliche Homunkuli als sozusagen Vorahnungen des Kommenden, und ihr Erscheinen einer der optischen Höhepunkte dieses fantastisch opulenten Opernabends.

Der einen alles überstrahlenden Star hat, in Form des menschengroßen Klappmaul-Méphistophélès, in Szene gesetzt von Puppenspielerin Manuela Linshalm und Bassist Dumitru Mădăraşăn, der dem Fürsten der Finsternis dank jener seltenen „Schwärze“ im Timbre eine elegante, subtile Gefährlichkeit verleiht. Mit jedem kurzen Kopfschütteln, dass ob der Torheit von Gottes Kreaturen stets zwischen Sarkasmus und Fassungslosigkeit changiert, beweist diese Puppe, und man darf das so sagen, denn Habjans Kreationen sind Subjekt, nie Objekt, ein so enormes schauspielerisches Können, wie man sich’s von manchem Fleisch-und-Blut-Teufel erhoffte.

Dieser rotgewandete Dämon mit verschlagen glitzernden Feueraugen, verächtlich verzogenem Mund und gräulichen Krallenhänden ist der Spielmacher, einer, der auch fürs Komödiantische sorgt, wie sich nicht zuletzt auf der Kirmes erweist, wo er das Volk zur „Ronde du veau d’or“ wie Marionetten tanzen lässt. Dieses dargestellt vom aus Mariana Garci Crespo, Ena Topcibasic, Anne Alt, Barbara Egger, Vladimir Cabak, George Kounoupias, Alexander Aigner und Klemen Adamlje bestehenden Vokalensemble, das mit seiner erstklassigen stimmlichen Leistung und einer überbordenden Spiellust eine der Erfreulichkeiten dieser Aufführung ist.

Gleichbleibend brillant ist es, ob der Achter-Chor nun die aus der Schlacht heimkehrenden Soldaten gegenläufig zur Musik nicht als Sieger, sondern als Kriegsversehrte markiert, oder später im Dom droht Marguerite in Stück zu reißen. Mit dem Chor wurde auch die Orchesterbesetzung verkleinert, Leonard Eröds stimmungsvolle Fassung wird vom Wiener KammerOrchester unter der Leitung von Giancarlo Rizzi aufs Feinste umgesetzt. Das Bühnenbild von Jakob Brossmann und Denise Henschl wechselt von Marguerite unschuldsweißer Stube über wie in Blut getränkte Kirchenrundbögen zur düsteren Kerkerzelle.

Vom Glanz verblendet, legt Marguerite den Schmuck des Méphistophélès an: Jenna Siladie und Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Herwig Prammer

Auf der Kirmes: Benjamin Chamandy als Wagner, Kristján Jóhannesson als Valentin und Klemen Adamlje und Alexander Aigner vom Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Die Frömmler vergreifen sich an Marguerite: das Vokalensemble gehört zu den Erfreulichkeiten der Aufführung. Bild: Herwig Prammer

Méphistophélès zerstört Marguerites letzte Hoffnung auf Gottes Gnade: Jenna Siladie, Dumitru Mădărășan und Manuela Linshalm; hinten: das Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Und, apropos Blut: Die blutjungen Solistinnen und Solisten sind allesamt ausgezeichnet. Dass Quentin Desgeorges über einen kraftvollen, metallischen Tenor mit Gestaltungsvermögen für lyrische wie dramatische Momente verfügt, hat er am Haus bereits demonstriert, als Faust ist er zwischen Puppensex (den es tatsächlich gibt!), Schuld und Sühne, auch darstellerisch sehr präsent. Man weiß schier nicht, denn ähnlich sehen sich die beiden jedenfalls, ob der etwa einen Meter große Klappmaul- oder der Menschen-Faust verzweifelter dreinschauen. Dies Doppeln ist Habjans Art von Humor. Den übrigen Figuren hat er übrigens ebenfalls Kleinformat verordnet, einzig Marthe Schwertlein ist nur ein Schädel, ein unsympathisches Gesicht mit geil hervorquellenden Glubschaugen, ein Kopf, als wäre er gerade von der Guillotine gefallen.

Auch Marguerite wird auf dem Weg zum Schafott nur noch ein totenblasses Antlitz sein. Jenna Siladie ist für die Marguerite verantwortlich, und vermittelt mit ihrem weich fließenden Sopran von jungfräulicher Keuschheit übers glutvolle Es-endlich-erleben-Wollen bis zur reuigen Sünderin, die mit Stärke und Abscheu den Satan zurückweist, ganz großartig ein Gros an Gefühlen. Marguerite-Siladie trägt ihr Marguerite-Klappmaul in zweifachem Sinn wie eine Puppe, achtlos, ja sie fast über den Boden schleifend, als sie Siébels Blumen mit einem Pfft! wegwirft, kaum, dass sie das beelzebub’sche Schmuckkästchen entdeckt, dann wieder wird sie deren leidendem Zug um Augenbrauen und Mund gerecht, und drückt ihre Rollenpartnerin sanft ans Herz.

Es ist immer wieder erstaunlich, zu welcher Intensität Habjans von Produktion zu Produktion neu Auszubildende im Zusammenspiel mit der Puppe finden, als käme zur handwerklichen Virtuosität unversehens eine Seelenverwandtschaft, sobald Person und Pappmaché ins Zweigespräch treten. Hochpoetische, hochemotionale, hochdramatische Szenen kann Habjan so entstehen lassen: Von zärtlichen Küssen bis zu stürmischer Leidenschaft, von einem Umtänzeln bis zu dem Punkt, da die Puppe der Puppe unter den Rock greift. Wenn Puppen-Faust und -Marguerite sich an der Schaukel unterm Baum schon liebkosen, während ihre menschlichen Pendants mit dem Einander-in-die-Arme-Fallen noch ringen. Wenn die Degen von Puppen-Faust und -Valentin in Wahrheit von luziferischen Lakaien-Menschen geführt werden.

„Gerichtet!“ – „Gerettet!“ Dumitru Mădărășan als Méphistophélès, Jenna Siladie als Marguerite, Kristján Jóhannesson als Valentin und Quentin Desgeorges als Faust. Bild: Herwig Prammer

Schließlich die superbe Sequenz im Dom, wo Klappmaul-Méphistophélès Mădăraşăn-Priester erst von sich besessen macht, bevor er ihm seine Wünsche zu Puppen-Marguerites Vernichtung ins Ohr haucht, wobei deren anschließendes Ans-Leuchtkreuz-Schlagen im Publikum ein hörbares Atemgeräusch verursachte. Spaßig hingegen, wie Méphistophélès dann das Orchester zur Eile antreibt, damit’s schnell ein Ende nimmt mit der Kirchenmusik.

Mit Witz stattet auch Juliette Mars ihre Marthe Schwertlein aus. Den Puppenkopf vors eigene Gesicht haltend, jagt die Liebestolle den Teufel auf Teufel komm raus, bis dem sonst so schlitzohrigen Scheusal die Luft ausgeht. Ghazal Kazemi befördert die oftmalige Wurzen Siébel mit seufzend schmachtenden Jünglingstönen zum mutigen Kämpfer für das Gute. Benjamin Chamandy stimmt als Wagner ein fröhliches Trinklied an – und ist ansonsten ein kollegialer Mitbeweger von diversen Puppenteilen. Ein Souverän bei den Männern ist Kristján Jóhannesson als edel-starker Valentin, besonders stimmgewaltig bei der Verfluchung Marguerites, doch mit lang gehaltenen Legatobögen bereits beeindruckend beim Gebet „Avant de quitter ces lieux“ vor seinem Aufbruch in den Krieg.

Jóhannessons Valentin ist auch die Mitwirkung an der Kerker-Szene gegönnt, in der er der Schwester als stummer Mahner zur Seite steht. Zum schönen Schluss fällt hinter dieser ein goldener „Eisener“. Besser kann man ein höllisches „Ist gerichtet!“ versus des himmlischen „Nein, gerettet!“ kaum andeuten. Das Zuschauerergebnis: Auch am fünften Spieltag viel Jubel für alle Beteiligten.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=hbyrkBBe2Ts           www.theater-wien.at           www.nikolaushabjan.com

  1. 10. 2019

Kammerspiele: All About Eve

März 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Zelebrieren der Zwischentöne

Diva Margo Channing chrasht die Party: Sandra Cervik, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz, Gioia Osthoff und Fritz Egger. Bild: Sepp Gallauer

Im Wortsinn gemacht für die Kammerspiele ist die bitter-bissige Komödie „All About Eve“ die Donnerstagabend am Haus uraufgeführt wurde. Starautor Christopher Hampton hat die Bühnenfassung des Mankiewicz-Films mit Bette Davis aus dem Jahr 1950 erstellt, ob seiner Erkrankung führte Herbert Föttinger Regie – und der hat das Stück nicht nur als Vehikel für zehn hervorragende Schauspieler inszeniert, sondern als so kultivierte wie spöttische Satire auf den Theaterbetrieb an sich interpretiert.

Vorgeführt wird das Personal, das sich hinter der Bühne so tummelt. Von der Garderoberin bis zur Schauspieldiva, vom Dramatiker bis zum Kritiker, den Fan nicht zu vergessen, und das Ensemble füllt diese klischierten Figuren lustvoll mit eigenständigem Leben und zelebriert genüsslich die Zwischentöne. Denn Hamptons Text strotzt vor trockenem Humor. Die Gemein- und Frechheiten werden mal subtil, mal hinterhältig an den Mann oder an die Frau gebracht. Alles wird hier so gesagt, wie’s gemeint ist, nur ausgesprochen als ob nicht. Das Publikum reagierte auf all die Kabalen höchst amüsiert und dankte am Ende mit viel Applaus.

Die im Titel angesprochene Eve ist eine Verehrerin von Bühnenstar Margo Channing. Durch einen glücklichen Zufall in deren Haushalt verfrachtet, macht sie sich dort unentbehrlich und nimmt mehr und mehr die Gepflogenheiten der Hausherrin an. Während sie die Übernahme vorbereitet, macht sie sich durch Intrigen den Hofstaat der Channing zu eigen. Bald ist sie im Erfolgsstück „Gereift in Holz“ deren Zweitbesetzung, und spätestens jetzt ist klar, Eve hat die ganze Angelegenheit von langer Hand geplant. Margo wird sich zurückziehen und der jüngeren ihren Platz an der Rampe überlassen müssen. Doch da ist nicht nur ein Theaterkritiker, der die Wahrheit über Eves Vergangenheit kennt und zum Erpresser wird, an der Bühnentür wartet auch schon der nächste Fan. Und diesmal auf Eve …

Martina Ebm und Joseph Lorenz. Bild: Sepp Gallauer

Martina Ebm und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

An den Kammerspielen brillieren Sandra Cervik und Martina Ebm als durchaus sympathische, wenn auch exaltierte Margo Channing und bei ihr Einschmeichlerin und gewiefte Karriereplanerin Eve Harrington. Ebm vollführt die Verwandlung vom bescheidenen Mauerblümchen zum pelztragenden Starlet mit viel Fingerspitzengefühl für den Werdegang ihrer Figur, während die Cervik vormacht, wie elegant Sarkasmus sein kann. Berührend eine Szene, in der sie allein und weinend im „Gereift in Holz“-Bühnenbild zusammenbricht, großartig, wenn sie im Zorn eine Party crasht, weil sie Eves Unterwürfigkeit längst als Manipulation enttarnt hat. Auf dem Höhepunkt der Divenzwistigkeiten muss zweitere ersterer einen Schauspielpreis überreichen – ein Kabinettstück.

Joseph Lorenz fungiert als Erzähler am Mikrophon wie als Mitwirkender am Ränkespiel. Er gestaltet den Kritiker Addison DeWitt als distinguierten, selbstverliebten Snob, der meint alle nach seiner Pfeife tanzen lassen zu können. Als Meister des verbalen Schlagabtausches zeigen sich auch Alexander Pschill als schrulliger Erfolgsdramatiker Lloyd Richards und Martina Stilp als dessen Frau Karen, er aus Geldnot ein Überläufer zu Eve, sie die ehrliche und loyale Freundin Margos. Raphael von Bargen gibt Margos angesichts von Eves Avancen unerschütterlichen Liebhaber und Regisseur Bill Sampson, Susa Meyer burschikos die gute Seele und Garderoberin Birdie. Gioia Osthoff als ewiges Talent Claudia Caswell, Fritz Egger als Produzent Max Fabian und Swintha Gersthofer als Phoebe komplettieren den Cast.

Eve Harrington eignet sich Margos Hofstaat an: Martina Ebm, Martina Stilp, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz und Gioia Osthoff. Bild: Sepp Gallauer

Für all das hat Walter Vogelweider ein sehr klares Bühnenbild erdacht, das mit jeweils einem Versatzstück – ein Klavier, gespielt von Belush Korenyi, ein Schminkspiegel, eine Bar – den Spielort kennzeichnet, die aufgestellten Scheinwerfer wirken wie eine Reminiszenz an die sechsfach Oscar-prämierte Kinoversion. Die Kostüme von Birgit Hutter erinnern an deren Entstehungszeit in den Fifties.

„All About Eve“ an den Kammerspielen punktet mit treffsicheren Dialogen und fulminanten Schauspielerleistungen. Der traditionsreiche Tempel Theater wird geistreich aufs Korn genommen, seine Protagonisten charmant und liebevoll ironisiert. Dass der Stoff auch über die Tragödie des Älter- und Ausrangiertwerdens geht, lässt die Cervik in einigen wichtigen Momenten aufblitzen. Vor allem um sie aber bräuchte man sich keine Sorgen zu machen, sie wird von Arbeit zu Arbeit besser.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=SLIOBEMI9Hg

www.josefstadt.org

  1. 3. 2018

Hannas schlafende Hunde

März 24, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die ererbte Feindseligkeit der Ewiggestrigen

Hanna (Nike Seitz) mit der Großmutter (Hannelore Elsner) neben den Bahngleisen Bild: © Provinzfilm International

Gleich kommt der Güterzug: Hanna (Nike Seitz) mit der Großmutter (Hannelore Elsner) neben den Bahngleisen. Bild: © Provinzfilm International

Manches ist schon ein bissel viel. Da wird gleich in der ersten Szene vom Hausmeister, der bis vor Kurzem noch Blockwart war, ein armer Maulwurf vergast, dann stirbt auch noch sein Yorkshire Terrier bei der Entschärfung einer Fliegerbombe, und natürlich hat die amerikanisch-jüdische Weltverschwörung an diesem Tod eines Unschuldigen Schuld. Es gibt subtilere Möglichkeiten, eine Figur zu entwerfen.

Diese hier entstand vielleicht, weil Regisseur und Drehbuchverfasser Andreas Gruber mit der Romanautorin Elisabeth Escher seit Teenagertagen befreundet ist und die in „Hannas schlafende Hunde“ über ihre eigene Kindheit berichtet. So sei auch über Großmutters Sätze wie „Einen Güterzug erkenne ich blind!“ oder „So riecht Gerechtigkeit!“ hinweggehört. Gruber sieht seine Buchverfilmung, die am 1. April in den Kinos anläuft, in direkter Fortsetzung seiner fulminanten „Hasenjagd“ – und dieser Einschätzung ist unbedingt beizupflichten. Nicht nur, weil der Filmemacher wieder auf eine Sprödheit der Bilder und auf die Sprachlosigkeit seiner Charaktere angesichts ihrer Situation setzt, um seine Story zu erzählen.

Damit lässt er sich Zeit. Langsam taucht er ein ins Thema, bis nach 40 Minuten, nach einer Szene, in der eben jener Hausmeister die Hauptdarstellerin im Keller vergewaltigen will, das Wort fällt: „Judengfrast“. Worauf die kleine Hanna zum Pfarrer läuft, um sich zu erkundigen, was denn ein Jude sei. Worauf der antwortet: „Die waren einmal die erste große Liebe vom lieben Gott, aber dann haben sie unseren Herrn Jesus Christus kreuzigen lassen.“ Wels, 1967. Und die Mordspartie und ihre Opfer wohnen weiter nebeneinander. Familie Berger gehört zu den bravsten Katholiken der Gemeinde, der Mutter oberste Devise lautet: Nur nicht auffallen!, und dementsprechend verbietet sie ihrer Tochter Hanna auch noch den kleinsten Spaß. Die ahnt schon längst, dass zu Hause etwas anders ist, als bei anderen Leuten daheim, und das komische Verhalten ihres Umfelds ihr gegenüber bestätigt sie nur darin. Allein die Großmutter hat sich nach tausend Jahren des Schreckens eine Scheiß-mich-nix-Haltung zugelegt – und sagt auf Hannas Frage schließlich laut, aber lapidar, was Sache ist: „Bin ich Jüdin?“ „Natürlich, aber kein Grund solch einen Zirkus zu veranstalten. Jeder soll sein, was er ist“.

Andreas Gruber hat aus einer privaten politische Zeitgeschichte gemacht. Miefig ist die Atmosphäre dieser auch optisch sehr stimmig umgesetzten 1960er-Jahre, man merkt, dass der Regisseur das Milieu, den Ort des Geschehens und die Akteure darin, kennt. „Hannas schlafende Hunde“ ist kein warmer Film; obwohl darin Frühling ist, weht ein kalter, gestriger Wind. Gruber zeigt eine Generation, die ihre NS-Traumatisierungen an die Kinder weitergibt, und zwar egal, auf welcher Seite man im Dritten Reich gestanden hat. Die Mitläufer laufen frei herum, und zweiundzwanzig Jahre sind nicht lang genug, um von lange vorgenommenen Konditionierungen entprägt zu werden. Die Gehirngewaschenen und die Gesinnungtäter halten am Antisemitismus fest, dem „Führer“  und seiner Überzeugungskraft ist eben nicht so leicht abzuschwören.

In diesem Klima von Heimlichkeiten und Unheimlichkeiten bewegt sich Hanna, aus ihrer Sicht, als ihren Versuch des Begreifens wird die Handlung geschildert. Nike Seitz verkörpert ihre Rolle großartig, zwischen enervierend altklug und rotzfrech und dann doch ziemlich kleinlaut und erschrocken. Ansonsten geht der Versuch der Schauspieler Enge und Zwänge einer Gemeinschaft auf dem Land darzustellen, mal besser, mal schlechter auf. Manches ist zu gestelzt, zu gespielt, zu steif – und, pardon! für den Einwand, es stört ein wenig, wenn Oberösterreich so extrem nach Rhein-Main-Ufer klingt. In Wels hält man halt nicht „die Klappe“.

Franziska Weisz hat als Mutter einmal mehr eine Rolle als misstrauische Frau mit harter Schale und gequälter Seele für sich entdeckt. Ihre Katharina Berger versteckt sich im Schweigen, sie ist eine unfreundliche, unnahbare Mutter, die sich selber im Leiden gefangen hält und sich eine Zukunft mit ihrer Familie verwehrt. „Hauptsache, du bist das Opfer. Kannst wieder stolz sein auf das, was die anderen uns antun“, herrscht die Großmutter sie an. Für all diese Zustände findet Weisz bedauerlicherweise gerade einmal zweieinhalb Gesichtsausdrücke. Im Gegensatz zu Rainer Egger, der als Ehemann einen strenggläubigen Kleinbürger mit Krankenkassenbrille gibt; er ist die katholische Nachkriegstarnung von Katharina, die sich zum stillen Helden entwickelt. Wie Egger seinen Franz erst verdattert dreinschauen, dann vor Zorn mit den Kiefern malen lässt, bis ihm schließlich der damals obligate Hut hoch geht – so wird die Figur mehr und mehr zum Sympathieträger des Films.

Rundum entwirft Gruber ein Panoptikum an Welser Widerlichkeiten. Bestechend gut ist Johannes Silberschneider als Pfarrer, der in seiner Kirche zwar jeden willkommen heißen will, aber doch zu feig ist, um vor der Gemeinde ein Machtwort zu sprechen. Michaela Rosen ist großartig als verbiesterte Religionslehrerin, die Hanna immer wieder vor der Klasse demütigt, weil sie „die meisten Sünden im Herzen hat“. Elfriede Irrall spielt die Nachbarin, die, unfähig sich von ihrer Angst zu befreien, nicht glauben kann, dass wer anderer als die Gestapo vor der Tür steht, wenn’s klopft. Christian Hoening und Lena Reichmuth sind das Paradebeispiel-Hausbesorgerehepaar, gestern noch „von die Nazis geknechtet“, dafür heut‘ brav ewiggestrig. Auch Seraphine Rastl und Paul Matic verkörpern als Hannas Tante-und-Onkel-Paar ein Zeitsymptom. Er prügelt, doch anno 1967 gab’s für Haus/Frauen kein gesetzlich unterstütztes Entrinnen vor ehelicher Gewalt. Mit dem zwangspensionierten Bankdirektor Öllinger schließlich hat die Mutter, wie sich zeigen wird, eine eigene Vergangenheit, sie kann ihn nicht einmal mehr ansehen, nur dass Christian Wolff dieser sinistren Gestalt wenig bis gar kein Profil verleiht.

Und dann ist da eine, die alle an die Wand spielt: Hannelore Elsner als Großmutter Ruth. Sie vor allem hat Andreas Gruber in Szene gesetzt, um sie kreist die Kamera, in sie offenbar ist der Regisseur schwer verliebt, und wie auch nicht. Die Elsner drückt so viel Mut und Stärke bei gleichzeitiger Fragilität und Verletztlichkeit aus, dass es einem den Atem raubt. Die Großmutter ist blind, das ist die Schuld des Hausmeisters, aber sie sieht und weiß alles. Mit ihren bissigen Kommentaren bringt sie Leben in die Bude, mit dem Beschützerinstinkt einer Löwin wirft sie sich vor ihre Liebsten. Stets beweist sie Rückgrat, Elsner spielt eine Überlebende, die zu viel mitgemacht hat, um sich noch etwas vormachen zu lassen. Sie wird es sein, die alle Risse in der Familie kittet. Auch, wenn sie das nicht mehr erleben wird.

Schließlich die eine Szene. Mit Wolf Bachofner. Ein Totengedenken unter alten Kameraden, bei dem Trauer um den verlorenen 8. Mai getragen wird. Dumpf und düster ist diese Einstellung vor dem Kriegerdenkmal, man riecht förmlich die abgestandene Lust bei diesem Wiederauferstehen. Hanna, die gar nicht versteht, was das alles bedeutet, muss hier singen, weil die Religionslehrerin sie dazu vergattert hat. Die Mutter trifft danach natürlich fast der Schlag. Orden sieht man, und Uniformen, eine Gesellschaft kann ihre Weltsicht nicht von jetzt auf morgen ändern. Ererbte Feindseligkeiten, Xenophobie, Antisemitismus und der Hass auf andere Religionsgruppen, prägen das Bild bis heute. Der Weg ins Miteinander ist weit, sagt Andreas Gruber, aber man muss ihn unbeirrt weitergehen. Nun gerade ist die Strecke wieder einmal besonders steil, und trotzdem und gerade deshalb …

hannasschlafendehunde.at

Wien, 24. 3. 2016

Salzburger Festspiele: “Jedermann”

August 7, 2013 in Bühne

Mausetot. Mit Musik und Mummenschanz.

Keine Honorarpflicht bei aktueller Berichterstattung über die Salzburger Festspiele und Nennung des Fotocredits.

Jedermann 2013: Cornelius Obonya (Jedermann), Ensemble
Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Es ist eine Zumutung. Wo, bitte, soll man denn da zuerst hinschauen? Man will ja vom Spektakel nichts verpassen. Hat den Regisseuren Brian Mertes und Julian Crouch eigentlich niemand gesagt, dass auch Zuschauer nur zwei Augen haben? Es ist eine Zumutung. Eine wunderbare, fabelhafte, hervorragende, glanzvolle, großartige … es gehen einem schier die Superlative aus. Welches arme Schwein auch immer den nächsten „Jedermann“, so in zehn, fünfzehn Jahren, inszenieren muss: Bonne chance!

Unmöglich, zu beschreiben, was sich auf und neben der Bühne auf dem Domplatz alles tut. Das beginnt mit einem karnevalesken Einzug. Von links kündigt sich mit traditioneller Balkanmusik und ein wenig Jazz die Spielergemeinschaft an. Buntes Volk, unter ihnen Gestalten die große, groteske Masken tragen, mit kleinen Hörnern, Perchten nicht unähnlich, Gnome wie Kartoffelmännchen, überlebensgroße Skelette, Harlekine, Gaukler. „Buhlschaft“ Brigitte Hobmeier fährt mit einem Fahrrad, auf dem sie sogar Kunststückchen vorführt, vor. Auf den Stufen der Bühne stehen Modelle mittelalterlicher Stadthäuser. Da schlägt sie durch, die verspielte Fantasie von Brian Crouch. Sie bestimmt nachhaltig mit ihren skurrilen, ernsten und witzigen Puppen diese Arbeit. Getragen deklamiert wird jedenfalls nicht mehr. „Speaker“ kündigen über Megaphone das Programm an. Crouch und Mertes haben Hofmannsthal mit dem britischen „Everyman“ vermischt. Das alles ist schwung- und lustvoll, gewagt, frivol, ein wenig „Punch and Judy“.

Da spricht der Herr. Vom „Glauben“ Hans Peter Hallwachs auf einen Sessel gehoben. Und alles beugt vor IHM das Knie. ER werde ein Exempel statuieren am Getümmel der Menschheit. Das Kind Florentina Rucker ist dieser Gott. Schade, dass sie in Bubenkleidung gesteckt wurde und kein Mädchen sein durfte. Jedenfalls, eh bekannt: Jedermann ist des Allmächtigen Wahl fürs Buße tun. Den spielt erstmals Cornelius Obonya. Und wie. Differenziert. Ein moderner Kapitalist, der den Pathos der Verse zerkauft und ausspuckt. Nichts ist hier mehr „reim dich, oder ich freß dich“. Obonya übertüncht seine Grausamkeiten mit Jovialität und Lachen – das allerdings zunehmend verzweifelter wird. Verbitterter, zorniger, am Schluß weint er vor Furcht. Keiner bleibt. Vom „Toten“tänzchen bis zum Totenhemd spielt Obonya auf der Klaviatur aller Gefühle. Eine Meisterleistung.

Doch erst: Festgelage – samt (zur allgemeinen Belustigung) Bär. Die Buhlschaft hat ihr Kleid gewechselt. Rot mit glitzerdurchsichtigem Oberteil, zwei Rubine an den dafür gedachten Stellen. Und schwarzen Strümpfen samt immer wieder sichtbarem Strumpfband. Hobmeier ist das Weib, die Circe, die neckische Erotik an sich. Es knistert zwischen ihr und Obonya hörbar, die beiden werden sogar „handgreiflich“. Wenn er ihr mit dem Mund ein Trompetenständchen bläst und sie ihn mit einer Rose aufs Hirn schlägt. Kein Wunder, dass bei dieser Party sogar die „Werke“ Sarah Viktoria Frick einen Tequila kippen. Aber der Tod naht, schleppt erst die Stadt mit sich fort, macht das Tisch- zum Leichentuch, schubst die Buhlschaft von der Bühne. (Was die kleine Rolle noch kleiner macht, weil die Buhlschaft ihren „reichen Mann“ nicht offensiv verlässt, aber bei der Klasse einer Hobmeier gibt es ohnedies keine kleinen Rollen oder Auftritte.) Peter Lohmeyer ist dieser seltsame Tod, eindringlich, fast gebrechlich, im bodenlangen Leichenhemd, aus dem vorn und hinten die Wirbelsäule lugt. Den ständig ein Surren begleitet, der einmal ein totes Mädchen über den Domplatz trägt. Ein Angstmacher. Groß – dank High Heels -, schlank und biegsam ist er, die Stimme hoch und eindringlich. Und er setzt dem Jedermann einen Tag Frist, seinen guten Willen zu beweisen.

An diesem begegnen ihm: Die Werke, zunächst eine kleine, hilflose Puppe in einer Kiste, der sie aber bald in ihrer vollen Größe entsteigt, um ihn zu begleiten. Ihr Vetter Glaube sitzt in zehn Meter Höhe auf einer Holzlatte (unglaublich, dass sich Hallwachs da hinaufziehen ließ) und tauft Jedermann. Da hat selbst „Teufel“ Simon Schwarz keine Chance, der sich aus dem Trachtenjankerl schält und seinen roten Pelz zeigt, zum Glauben in luftige Höhen empor klettert, um sein Recht auf die Seele geltend zu machen – und doch vom Engelschor nur verhöhnt wird, auch wenn er ihre Harfen zertrümmert. Da bleibt dem Teufel nichts, als vor Wut mit seinen Perchten zu tanzen und zu toben wie Rumpelstilzchen.

Einer der Höhepunkte ist der Auftritt des Mammon (Jürgen Tarrach), der als monströse Puppe mit aufklappbarem Maul aus einer Truhe springteufelt. Heraus kommt der eigentliche Mammon, ein buchstäblicher Geldscheißer in Frack, Zylinder und Untergatte. Ein selbstgerechter, sich selbst gehörender, ergo freier Reichtum, für den der Jeder- immer nur ein Hampelmann war. Ein Mittel zum Zweck der Vermehrung seiner selbst. Das Ensemble zeigt sich als Best of Best bis ins kleinste Detail. Julia Gschnitzer ist eine streng-frömmig-liebevolle Mutter. Fritz Egger ein wütender, rabiater Schuldknecht, Katharina Stemberger seine umsonst um Gnade flehende Frau (sie spielt auch Cello). Johannes Silberschneider ist ein mahnender, nicht bettelnder Armer Nachbar.

Mertes und  Crouch erweisen sich als Bewahrer und gleichzeitig als Erneuerer des Stücks. Am Schluss zeigen die beiden Regisseure noch einmal ihr Einfühlungsvermögen, aber auch ihre ungewohnte Sehweise auf den Stoff. Jedermann wird vom Tod nicht auf die Brust geschlagen. Kein Herzkasperl. Lohmeyer legt Obonya sanft zu Boden und deckt ihm mit dem Tisch/Leichentuch zu. Das Ensemble geht als Trauerzug an ihm vorbei und wirft Erde auf den Toten. Alle sind dabei, der Schuldknecht, der Teufel, die Kinder, auch die Buhlschaft. Die Trauermusik gewinnt aber rasch an Tempo, und die Gesellschaft löst sich fröhlich auf.

Das Leben geht weiter. Standing Ovations.

Termine im TV:

ORF 2: 28. 7., 9.05 Uhr: Der neue Jedermann – Cornelius Obonya in Salzburg, 22 Uhr: Jedermann 2013

ORF III: 28. 7., 15.45 Uhr: Der neue Jedermann – Cornelius Obonya in Salzburg; 4. 8., 20.15 Uhr: Jedermann 2013

3sat: 17. 8., 19.35 Uhr: Der neue Jedermann – Cornelius Obonya in Salzburg, 20.15 Uhr: Jedermann 2013

www.salzburgerfestspiele.at

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2013/ :Domplatz: Die Sommerresidenz der Familie Hörbiger

www.mottingers-meinung.at/die-neue-buhlschaft/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-die-jungfrau-von-orleans/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-young-directors-projekt/

Von Michaela Mottinger

Salzburg, 21. 7. 2013