Burgtheater: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

September 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ehe-Exzess auf Scherbenhaufen

Noch verläuft die Party gesittet: Norman Hacker als George, Nora Buzalka als Honey, Bibiana Beglau als Martha und Johannes Zirner als Nick. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Als dritte Premiere seiner Amtszeit übersiedelte Martin Kušej seine 2014er-Inszenierung von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ vom Münchner Resi ans Burgtheater. Wohl kaum ein Theatergeher, der’s nicht schon gesehen hat, dies Ehe-Gemetzel, für das ein älteres Paar ein jüngeres vorgeblich zum Absacker nach einer Party beim Collegerektor in sein Haus einlädt, tatsächlich um ein Publikum für sein scheußliches Schauspiel zu haben.

Und so verstricken Geschichtsdozent George und Rektorentochter Martha den neu am College engagierten Biologieprofessor Nick und dessen Bessere-Hälften-Hascherl Honey immer tiefer in ihre grausamen Rituale. Es wird einander verhöhnt und gedemütigt und es dem jeweils anderem mit gleicher Münze heimgezahlt. Das von Jessica Rockstroh dafür entworfene Schlachtfeld ist ein klinisch weißer Laufsteg, ein unterkühlt-stylischer Raum für die bald erhitzten Gemüter. Im symbolträchtigen Abgrund darunter lauert der sprichwörtliche Scherbenhaufen aus zerschmissenen Flaschen und Gläsern, der stetig wachsen wird, wenn in der nun folgenden alkoholtriefenden Atmosphäre Geheimnisse enthüllt und Glückslügen entlarvt werden.

Mit der giftgrünen Leuchtschrift „Fun and Games“, Albees Betitelung des ersten Akts, eröffnet Kušej den mutmaßlich berühmtesten Ehe-Exzess der Dramengeschichte, bezeichnen doch Martha und George ihre kriegerische Auseinandersetzung als „Spiele mit festen Regeln“. Am Burgtheater wissen Bibiana Beglau und Norman Hacker mit gezielten Verbalschlägen ins Schmerzzentrum des anderen zu treffen, bis es ihnen selbst wehtut. Ihnen zur Seite stehen Nora Buzalka als Honey und Johannes Zirner als Nick. Kušej nimmt sich des Seelenzerstückelungsstücks als – Zitat – „ganz große Liebesgeschichte“ an. Er lässt Beglaus Martha und Hackers George ihre tiefenpsychologische BDMS-Beziehung auf der Bühne mit einem Infight um Georges Hosenreißverschluss beginnen.

Das verbale In-die-Ecke-Treiben wird zum sexuellen Akt: Bibiana Beglau und Norman Hacker. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dank zu viel Alkohol wird daraus mit Sicherheit kein Nick-Fick: Johannes Zirner und Bibiana Beglau. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Das In-die-Ecke-Treiben wird somit vom Wortgefecht zum greifbar sexuellen Akt, doch wie bei Kušej Albees Protagonisten heftig aufeinanderprallen, so hart trennt er sie wieder – mittels Blackouts, als müsste per Stromausfall die Hochspannung abgemildert werden. Dass der derart in Tableaux geteilte Text nichts an seiner emotionalen Intensität, sie scheint Kušej wichtiger als der scharfanalytische Gesellschaftskritikblick, den man aus anderen Aufführungen kennt, verliert, ist dem grandiosen Darstellerquartett zu danken. Allen voran der prima inter pares dieses Abends, Bibiana Beglau, die ihre Martha zetern und keifen, wimmern und anklagen lässt. Mit großer Lust am Vulgären gestaltet sie diesen im Wortsinn Man-Eater, doch kann in Windeseile von tyrannischer Verführungskunst zu würgender Traurigkeit, von furioser Salonlöwin zu gehässiger Megäre wechseln.

Gleichzeitig verletzend und verletzlich wirbt sie um ihren Mann, dem Norman Hacker Kontur verleiht. Sein George ist alles andere als der übliche Schwächling, im Gegenteil mimt er den abgeklärten Intellektuellen, für den die akademische Laufbahn angeblich bedeutungslos ist, der aber in Wahrheit seine Wunden mit süffisantem Sarkasmus und einer schaumgebremsten Schadenfreude pflegt. So beklemmend erst Marthas und Georges Versuch, sich vor den Gästen heiter zu geben, ist, so furchterregend wird die Stimmung je mehr sich die Gewaltspirale in die Höhe schraubt. „Gut, besser, am besten, bestialisch“, steigert der bis aufs Blut reizende George seine Martha, und gibt sich nach ihrem misslungenem Fick mit Nick vollkommen gleichgültig. Da mutiert Martha kurz zum nackten Elend, und die kleine Geste, mit der George der unbekleidet Hingestreckten schnell sein Sakko überwirft, sagt mehr über die beiden aus, als ihr fortwährendes Geplänkel. Sie rafft sich aber rasch wieder auf, um dem Koital-Versager den Rest zu geben.

Und während solcherart die Handgreiflichkeiten handfester werden, es George gelingt, der Runde Geständnisse zu entlocken, die er im Handumdrehen gehen sie einsetzt, versucht Johannes Zirner als erst herzenskalter, nun in Grund und Boden erniedrigter Ehrgeizling Nick zumindest seine Männlichkeitsfassade aufrecht zu erhalten, indem er sich Honey gegenüber immer brutaler und unflätiger benimmt. Schon glaubt man, dass die Jungen jederzeit die Plätze der im eigenen Wahnwitz brodelnden Gastgeber einnehmen werden. Doch Nora Buzalkas Honey ist nicht bereit sich unterkriegen zu lassen, sie stattet die sonst meist unbedarft Naive stattdessen mit aufbegehrendem Stolz und trotziger Würde aus. Es ist dieser Charakter von dem es anzunehmen gilt, dass er diese durchsoffene Nacht am ehesten unbeschadet übersteht.

Smalltalk überm Scherbenhaufen: Norman Hacker, Bibiana Beglau, Nora Buzalka und Johannes Zirner. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Bis dahin aber brechen die Krusten der Gutbürgerlichkeit auf, darunter fließt ein Lavastrom alles verzehrender Leidenschaften, und Martha begeht den Kardinalfehler, das einzige ihr von George verbotene Thema aufs Tapet zu bringen, den „verstorbenen Sohn“, die gemeinsame, vor der Außenwelt bis dahin beschützte Illusion des nachkommenlosen Paares – mit der Folge: totale Eskalation, inmitten der George Martha zwingt, sich von der Flucht in ihre Vater-Mutter-Kind-Fantasiewelt zu verabschieden. Nie traf Sartres Spruch „Die Hölle, das sind die anderen“ trefflicher zu, als auf Albees Viererbande.

In der Kušej-Produktion strecken Martha und George am Ende erschöpft die Waffen, bevor sie nach seiner Hand tastet und sie schließlich in die ihre nimmt. Man wünscht den beiden, dass sie’s vom von Kušej mit Verve befeuerten Ehe-Inferno jetzt endlich über den Läuterungsberg im Purgatorio schaffen.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

A Good American

März 16, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Whistleblower sagt, er hätte 9/11 verhindern können

Bill Binney. Bild: A Good American

Bill Binney. Bild: A Good American

Sympathisch ist das alles nicht. Daran können auch die eingestreuselten Bilder von Waldvögeleins und Eichhörnchen nichts ändern. Da sitzt ein Mann im Rollstuhl und ist ein echter Patriot. Ein US-Patriot, wohlgemerkt. Er sagt Sätze wie „Bitte nie um Erlaubnis, sondern um Vergebung, wenn du musst.“

Und erklärt, er hätte die Privatsphäre jedes amerikanischen Bürgers geschützt. Über andere – kein Wort. Die Welt ist ein Dorf, wenn man auf ihrer richtigen Seite sitzt. Bill Binney war einmal das Mastermind des NSA. Ein Analyst, ein genialer Crypto-Mathematiker und Code-Breaker, ein Algorithmenmagier. Ein Spion. Das Pfui-Wort kommt natürlich nicht vor in der Filmdokumentation des Oberösterreichers Friedrich Moser mit dem Titel „A Good American“. Sie ist ab 18. März in den heimischen Kinos zu sehen. Und ihr großes Verdienst ist es, einen inside Geheimdienst schauen zu lassen. Man erfährt Haarsträubendes über die Eigenmächtigkeiten der NSA, über Splittergruppen innerhalb der Agency, und wie sie die politisch Verantwortlichen blöd aus der Wäsche schauen lassen. Während eine fröhliche und vor allem finanzstarke Packelei mit Privatfirmen über unser aller Sicherheit wacht. Oder: uns alle sicher überwacht. „A Good American“ ist ein aufschlussreicher Film, auch wenn man seine Schlussfolgerungen nicht teilen mag. Die Doku ist Politthriller und Psychogramm eines Whistleblowers. Denn vieles, was Binney und seine Kampfgefährten von sich geben, ist selbstentlarvend. Moser bleibt den ganzen Film über angenehm zurückgelehnt; er stellt dar, er wertet nicht. Und er wertet nicht aus.

Was ohnedies Binneys Aufgabe war und ist. Der Problemlöser von Staatsgnaden hat jetzt die eigene Regierung im Nacken. Sorry, liebe Sam Adams Associates for Integrity in Intelligence, aber sympathisch ist das alles nicht. Bill Binney ist ein kalter Krieger, den „Sowjets“ seit dem Prager Frühling auf den Fersen. Ein Beispiel für amerikanisches Wissen und Nichtstun von der Tet-Offensive über Afghanistan, einem Konflikt, den man erfolgreich den Russen vererbt hat, bis zu 9/11. Binney sagt, niemand wollte von ihm etwas hören, über den „Kameltreiber, der in der Wüste mit dem Koran rumfuchtelt“. Dabei hätte er den Anschlag auf das World Trade Center verhindern können. Die gewissermaßen Gegenseite Binneys kommt nicht zu Wort. Michael Hayden, Maureen Baginski, etc. hätten auf Interviewanfragen nicht geantwortet, heißt es. Doch auch mögliche andere Quellen außerhalb des inneren Kreises des Protagonisten, Gespräche abseits derer mit Ed Loomis, Kirk Wiebe oder Diane Roark, hätten dieser Doku Gewicht verliehen. So bleibt … es zu glauben …? Bill Binney entpuppt sich als aus dem selben Holz geschnitzt, wie der Staat, der den nunmehrigen Whistleblower verfolgt. Er sieht sich als erster Weltenwächter und gleichzeitig als erstes Opfer von eigentlich eh allen. Das in seiner Paranoia gleichgeschaltete Hollywood beweist ja nicht umsonst monatlich, dass sämtliche Schurken dieser Erde ausschließlich dem US-Präsidenten ans Leben wollen.

„Einer der Hauptgründe, warum wir in Kriege schlittern sind Fehler der Regierenden. Weil sie entweder falsch oder gar nicht informiert sind“, sagt Binney. Für diese Informationen wollte er sorgen. Mit einem Datensammlungs- und Analysesystem namens ThinThread wollte der Mann mit dem ausgewiesenen bullshit-Radar die Bösewichte in den Kommunikationsnetzwerken finden. Heißt: In beinah Echtzeit die gesamte kommunizierende Bevölkerung überwachen, zweieinhalb Milliarden Telefonanschlüsse, in denen Muster menschlichen Verhaltens untersucht und interpretiert hätten werden sollen. Aber keine Angst, so die Doku, alles nur eine Metadatenanalyse. Es sei nicht um Inhalte, sondern um Vernetzungen gegangenen, also wer mit wem, aber nicht worüber. Man hätte nur das Muster, den Fingerabdruck des digitalen Verhaltens von Verdächtigen gesucht. Die „Unschuldigen“ wären weggefiltert worden, für die Aufdeckung von Identitäten hätte es einer richterlichen Verfügung bedurft. Schöne neue Welt. Das kann man … glauben …? Dass Binney in der Agency „großer Satan“ genannt wurde, hatte nichts mit ethischen Bedenken zu tun, sondern damit, dass die Kollegen befürchteten, ihre Schnüfflerjobs an eine Maschine zu verlieren.

Mag sein, dass für den Strukturensucher Binney das Individuum nur ein Punkt auf einer Zeitlinie ist. SMS, Mail, ein Anruf, Kreditkartengebrauch, jede Handlung nur ein Punkt auf einer Zeitlinie. Nachvollziehbar, verfolgbar, bis ins Privateste. Den Reinen ist alles rein, steht in der Bibel. Und Binney ist zweifellos überzeugt von der Reinheit und Schönheit von Zahlen. Atemlos liest man die weltweiten Rezensionen dieser Doku, wenn einem selbst die Begeisterung fürs Ausgeforschtwerden durch Geheimdienste und andere demokratiepolitisch hirntote Illuminaten fehlt. „Als alle begannen, über die böse NSA herzuziehen, mit dem Finger auf sie zu zeigen und die Amerikaner auszubuhen, sagte ich mir – Moment einmal, ganz so einfach ist das sicher nicht! Als ich 1988 meinen Militärdienst leistete und wir die Rote Armee an unseren Grenzen hatten, waren wir da nicht alle froh gewesen, dass die NSA in unseren Horchposten saß und die Sowjets ausspähte?“, heißt es im Regiestatement von Friedrich Moser. Es ist ein weiterer Verdienst seines Films, der sich in weiten Teilen mit einem Computerprogramm und dessen Funktionsweise befasst, diese technischen Prozesse anschaulich und unter weitgehendem Verzicht auf den Fachjargon darzustellen.

Es kam, man weiß es, anders. Es kam das teure Trailblazer-Programm. An dem sich, so wird im Film argumentiert und Maureen Baginski mit dem Satz „9/11 ist ein Geschenk an die NSA“ zitiert, wieder etliche bereichern konnten. Trailblazer, das Schlüsselwörtersystem, öffnete alle Schleusen zur Speicherung und Totalüberwachung. Das Ausmaß ist größer als je gedacht, weiß man seit Edward Snowden. 2007 stürmte eine Gruppe von bewaffneten FBI-Agenten Binneys Wohnung; er berichtet, dass „die NSA und das FBI damals Anklagepunkte gegen meine Kollegen und mich fingierten, sodass sie einen Haftbefehl bekamen.“ ThinTread wird in der Doku als von der NSA vernichtet bezeichnet. Binney sagte als erster Zeuge vor dem deutschen NSA-Untersuchungsausschuss aus. Der Saulus als Paulus. Moser sagt, für ihn sei „A Good American“ in erster Linie ein Film über Moral. Eine dänische Filmzeitschrift schreibt: „The message is scary: NSA monitors to make money – not to protect.“ Über die Moral von der Geschichte sagt „A Good American“ aber nichts – weder aus dem einen, noch aus dem anderen Grund, überwacht werden mag ich nicht.

www.agoodamerican.org

Wien, 16. 3. 2016

Edward Rutherfurd: Paris. Roman einer Stadt

August 4, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichte(n) der Grande Nation

Die französische Gesellschaft ist selbst der Historiker, ich kann nur der Sekretär sein. Honoré de Balzac

Paris von Edward Rutherfurd

Paris von Edward Rutherfurd

Am Ende der mehr als 900 Seiten ist man beleidigt. Erstens, weil das Buch schon aus ist. Zweitens, weil Edward Rutherfurd dem Jahr 1968 nur einen knappen 12-Seiten-Epilog widmet. Paris. 1968. Da hätte man mehr erwartet. Daniel Cohn-Bendit sicher auch. Revolution aber findet bei Rutherfurd an anderer Stelle statt. 1789. Zum Beispiel. Und die De-Gaulle-Schelte hat anno Kapitel XXVI ihren Platz. Das war nun das berüchtigte cheveu dans la soupe 😉 Denn der Meister des Monumentalepos, London und New York erprobt, erweckt Paris in seinem Werk eindrucksvoll zum Leben. Tausendfach besungen, erträumt, geliebt. Die Stadt der Gelehrten und der Heiligen. Ein Druckkochtopf voll lasterhafter Sinnenfreuden. Und beispiellos blutig.

Sechs Sippen begleitet Rutherfurd von 1261 bis ins Jahr der Studentenunruhen. Ihre Schicksale sind miteinander und mit dem Schicksal Frankreichs verwoben. Da ist die vom Verbrecherkönig Rouge Gorge abstammende Familie Le Sourd, die seit der Niederschlagung der Pariser Kommune einen Rachefeldzug gegen die adeligen De Cygnes führt. Man wird schließlich in der Résistance Seite an Seite kämpfen. Da sind die Kaufmannsfamilien Renard und Blanchard. Zweitere werden erstere vor der Bartholomäusnacht warnen; die Hugenotten-freundlichen Füchse flüchten und kehren Jahrhunderte später als britische Rechtsanwälte namens Fox zwecks Heirat mit einem Blanchard-Mädchen zurück. Da sind Thomas und Luc Gascon, Gossenbrüder, Hinterhofkinder des Montmartre. Einer wird am Bau des Eiffelturms beteiligt sein, einer zum Strizzi werden, einer Mitglied des Widerstands, einer Nazi-Kollaborateur. Einer wird den anderen töten. Und da ist Jacob Ben Jacob, dessen Nachfahren Jacob, der Antiquar, und Jacob, der Kunsthändler, wie er selbst Verfolgung leiden. Die Blanchards sind ihre Freunde, ebenso wie ihre besten Kunden, die De Cygnes. Von den Gascons droht – no na – Unheil … Rutherfurd lässt nichts aus. Es gibt uneheliche Kinder, die Bordellbesitzerinnen werden, es gibt uneheliche Kinder, die zum Universalerben avancieren – und natürlich sind sie miteinander verwandt. Die Sprösslinge nach Kanada und in die USA ausgewanderter Verwandter tauchen auf. Und ein ganzer Sack voll real existiert habender Personen. Als eine Art Zierleiste.

Weder die Washington Post noch der britische Telegraph behandelten „Paris“ besonders freundlich. „An epic snooze“ nannten die einen den Generationenroman, während die anderen meinten, er sei “a book in which style, character and plot are blithely sacrificed on the altar of trivia with every turn of the page.” Das ist so nicht richtig. “Paris. Roman einer Stadt“ ist einfach ein Buch, in dem es leicht fällt, sich häuslich einzurichten. Liebe Mutter, habe Quartier bezogen im Quartier … Die Figuren – zumindest die moralisch einwandfreien und die zur Katharsis bereiten– sind bald Freunde. Rutherfurd versteht es vortrefflich ihre Geschichten mit Geschichte zu verbinden. Und wendet dabei selbstverständlich den ganz fiesen Autorentrick an: Er erzählt nicht chronologisch. Gerade also, wenn’s um das Leben von XY im Jahre Schnee zu bangen gilt … das zwingt zum Weiterlesen. Rutherfurds Sprache ist schön, melodisch, sie fließt ruhig über die Seiten (wie die Seine durch die Stadt, möchte man an dieser Stelle schreiben und tut es dann doch nicht, oja, muss sein). Das steigert das Vergnügen. Wie die Tatsache, dass seine akribisch recherchierte Arbeit für Antworten in Quizsendungen bis zu Smalltalkthemen für Partys so ziemlich jedes erforderliche Wissen liefert. Was Anekdoten betrifft ist Rutherfurd Auto(r)erotiker. Wissen Sie, woher das Wort Bistro stammt? Haben Sie etwas zum Personenkomitee zur Erhaltung des Reiterstandbilds Karls des Großen neben Notre Dame zu sagen? Eine Ahnung, in welchem Winkel die Füße des Eiffelturms zur ersten Plattform emporragen – und was das punkto Statik zu bedeuten hatte? Eben. Rutherfurd lesen! Er breitet die Stadt vor Ihnen aus.

Übrigens: Einen Fehler hat sich der Schriftsteller erlaubt. Im Buch besucht Hemingway am 21. Juli 1924 die Olympischen Spiele in Paris. In Wahrheit brach er am 25. Juni nach Pamplona auf und kehrte erst am 27. Juli zurück. Steht hier nur für den Fall, dass Sie’s bei der nächsten heißen Hemingway-Diskussion in die Runde werfen wollen …

Über den Autor:
Edward Rutherfurd, 1948 in Salisbury geboren, studierte in Cambridge und Stanford und lebt heute in New York. Seine Romane „Sarum“ (1990), „London“ (1998), „Der Wald der Könige“ (2000), „Die Prinzen von Irland“ (2005) und sein großer New-York-Roman „Im Rausch der Freiheit“ (2012) wurden internationale Bestseller.

Blessing, Edward Rutherfurd: Paris. Roman einer Stadt, 928 Seiten. Aus dem Englischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn.

www.randomhouse.de/blessing/

www.edwardrutherfurd.com/paris.html

Wien, 4. 8. 2015

Birdman

Februar 12, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Keaton ist reif für den Oscar

„Das Glück führt unsre Sache besser, als wir es nur wünschen konnten.” Don Quijote von Miguel de Cervantes

Riggan Thomson (Michael Keaton) Bild: © 2015 Twentieth Century Fox

Riggan Thomson (Michael Keaton)
Bild: © 2015 Twentieth Century Fox

Zu sagen, der Batman hätte ihm den Birdman beschert, hat schon seine Richtigkeit. Immerhin bekam er für den Vogelmann den „Gotham City Award“ als Bester Hauptdarsteller und einen Golden Globe. Nun heißt es Oscar oder nicht Oscar … In Alejandro G. Iñárritus existentieller Komödie „Birdman“ erhofft sich erstmal Riggan Thomson (Michael Keaton) durch seine Inszenierung eines ambitionierten neuen Theaterstücks am Broadway, neben anderen Dingen, vor allem eine Wiederbelebung seiner dahin siechenden Karriere. Zwar handelt es sich um ein ausgesprochen tollkühnes Unterfangen – doch der frühere Kino-Superheld hegt größte Hoffnungen, dass dieses kreative Wagnis ihn als Künstler legitimiert und jedermann, auch ihm selbst, beweist, dass er kein abgehalfterter Hollywood-Star ist.

Doch während die Premiere des Stücks unaufhaltsam näher rückt, wird Riggans Hauptdarsteller durch einen verrückten Unfall bei den Proben verletzt und muss schnell ersetzt werden. Auf den Vorschlag von Hauptdarstellerin Lesley (Naomi Watts) und auf das Drängen seines besten Freundes und Produzenten Jake (Zach Galifianakis) hin engagiert Riggan widerwillig Mike Shiner (Edward Norton) – ein unberechenbarer Typ, aber eine Garantie für viele Ticketverkäufe und begeisterte Kritiken. Bei der Vorbereitung auf sein Bühnendebüt muss er sich nicht nur mit seiner Freundin, Co-Star Laura (Andrea Riseborough), und seiner frisch aus der Entzugsklinik kommenden Tochter und Assistentin Sam (Emma Stone) auseinandersetzen, sondern auch mit seiner Ex-Gattin Sylvia (Amy Ryan), die gelegentlich vorbeischaut, um die Dinge in ihrem Sinn zu richten. Und dann ist da noch sein Alter Ego, seine abgelegte Rolle, der „Birdman“, der sein Superheldendasein nicht zu Grabe tragen will und seinen Darsteller verfolgt …

Iñárritu selbst, so sagt er, konnte sich in vielen Momenten von Riggans Geschichte wieder erkennen, besonders in jenen, die sich mit der vergänglichen Natur des Erfolgs und mit der Frage nach dem, was im Leben wirklich zählt, beschäftigen. „Ich wollte die permanenten Ego-Kämpfe verdeutlichen und die Vorstellung, dass, egal wie viel Erfolg man in Bezug auf Geld oder Ruhm hat, doch alles eine Illusion ist. Es ist zeitlich begrenzt. Wenn man den Dingen nachjagt, von denen man glaubt, dass man sie will, und die Menschen endlich dahin kriegt, dich anzuerkennen, dann entdeckst du bald die Vergänglichkeit dieser Freude.“ Iñárritu sieht Riggan „als eine allzu menschliche Figur“: „ich betrachtete ihn als eine Art Don Quijote, dessen Komik aus dem Missverhältnis, dem permanenten Ungleichgewicht zwischen seinen hochtrabenden Absichten und der trivialen Wirklichkeit, die ihn umgibt, entsteht. Im Grunde ist es die Geschichte von uns allen. Ich liebe jene schwankenden, unsicheren Charaktere, die von inneren Zweifeln und Widersprüchen angetrieben werden … mit anderen Worten, die so sind wie jeder, den ich kenne. Riggans Entscheidungen haben sich als schlecht erwiesen, und das betrifft vor allem die Menschen, die ihm nahe stehen. Während seines ganzen Lebens hat Riggan Liebe mit Bewunderung verwechselt. Und als er schließlich die Belanglosigkeit des letzteren erkennt, muss er auf schmerzhafte Weise lernen, sich selbst und die anderen zu lieben. “

Keaton meint zu seinem Rollencharakter: „Ich betrachtete Riggan einfach als einen Menschen. Allerdings ist das Schauspielerdasein ein Beruf, der eine ganz besondere Art von Persönlichkeit voraussetzt. Man besitzt von vorneherein eine extreme Selbstbezogenheit, hat ein großes Ego. Und hier hat man es mit einem Kerl zu tun, der alle diese Qualitäten besitzt und Amok läuft, um es mal vorsichtig auszudrücken.“ In Riggans gequältem Ego ist die Linie zwischen Realität und Illusion papierdünn – und manchmal überhaupt nicht vorhanden. Der Schatten von Birdman, seines ständigen, nörgelnden Begleiters, ist stets da, ob es Riggan nun gefällt oder nicht. „Er bricht zu einem Selbstbestätigungstrip auf. Es ist eine „Ich“-Reise, ein Ego-Trip. Und als er gegen seine Mittelmäßigkeit kämpft, wiederholt sein Ego, treuer Freund und Quälgeist zugleich, die Verhaltensmuster, die Riggan gerne hinter sich lassen möchte. Es konfrontiert ihn mit seinen vielen Beschränkungen und seinen wahnhaften Zügen.

Dieser Prozess hat gleichzeitig etwas tragisches, komisches, reales und auch etwas sehr surreales an sich“, erklärt Iñárritu. „Birdman ist Riggans Super-Ego, und aus Birdmans Sicht hat Riggan seinen Verstand verloren, wenn er dieses Stück, das sich zweifellos jenseits seiner Liga befindet, inszeniert. Aus Riggans Sicht ist es Birdman, der seinen Verstand verloren hat. Doch aus einer überzeitlichen Perspektive ist beides bedeutungslos. “ Wie in allen von Iñárritus Filmen wirft er auch in „Birdman“ mittels der Filmcharaktere rund um Riggan im Zentrum einen tiefenscharfen Blick auf die menschliche Existenz: ein virtuoser Hochseilakt zwischen Komödie und Pathos, Illusion und Wirklichkeit, der viele Interpretationen zulässt. „Ich habe immer gesagt, dass ab dem Alter von 40 Jahren jene Dinge, vor denen man nicht wirklich Angst hat, es auch nicht wert sind, dass man sich mit ihnen beschäftigt. Und diese Geschichte hat mir auf eine gute Art Angst gemacht. Ich betrat Neuland und befand mich definitiv jenseits meiner gewohnten „comfort zone“, so Iñárritu. „Es geht immer um das Projekt, den Film, die Geschichte, die Menschen, darum, dass es wirklich von Herzen kommt und wirklich etwas bedeutet. Es gibt keine bessere Herangehensweise.“, sagt Michael Keaton.

Der Film konzentriert sich auf die Widrigkeiten und die Qualen von Schauspielern, doch Iñárritu betrachtet ihre Suche nach Erfüllung als eine universelle Sehnsucht. „Die moderne Definition von Erfolg – die Leute wollen sofort berühmt werden statt über Jahre hinweg ein Werk zu erschaffen. In Sekundenbruchteilen kann man 800.000 „likes“ oder „followers“ gewinnen, und für manche bedeutet dies einen Erfolg für sich – doch das ist eine wahnhafte Idee. Die Unmittelbarkeit in den sozialen Medien kann einem leicht eine verzerrte Wirklichkeit vormachen. Und das ist besonders bei Riggan, der die Erwartungen an ihn als eine Berühmtheit erfüllen muss, der Fall. All das ist neu für ihn, dieser Übergang ist schwierig. Dies ist die Geschichte eines Mannes, der zu beweisen versucht, dass er mehr ist als das, mehr als jener populäre „liked“-Typ. Aber in der heutigen Welt mit ihrer alles beherrschenden Ironie wird jeder, der ernst oder ehrlich sein will, gekreuzigt. Es handelt sich um eine absurde, surreale Welt“, führt Iñárritu aus. „Letztlich versuchte ich einfach auf humorvolle Art zu schildern, wie wir versuchen, die Unzulänglichkeiten unseres Menschseins mit den Mängeln und Makeln der Welt und unserer Natur, wenn schon nicht miteinander zu versöhnen, dann doch irgendwie einen gangbaren Weg finden, mit ihnen umzugehen und zu leben.“

Das Stück, das Riggan am historischen St. James Theater aufführen will, basiert auf Raymond Carvers Kurzgeschichte „What We Talk About When We Talk About Love“. Und natürlich ist die wechselhafte Suche nach Liebe und Anerkennung auch der rote Faden, der sich durch „Birdman“ zieht. „Von Kind an war ich ein großer Fan von Raymond Carver, und seine Kurzgeschichte ist ein Klassiker. Ich wählte sie für  deshalb aus, weil es tatsächlich eine sehr vermessene Idee war. Ich versuche immer so zu denken wie der Filmcharakter – und für jemanden wie Riggan, der nicht zum Theater gehört, ist die Aufführung eines Stück nach einer Kurzgeschichte von Raymond Carver ein extrem anspruchsvolles, fast absurdes Unterfangen. Ich brauchte also ein Stück, das aufgeführt werden sollte, und entdeckte diese unglaubliche Übereinstimmung zwischen der Thematik dieser Kurzgeschichte und Riggan, der geliebt werden will und herauszufinden versucht, wo diese Liebe herkommt. Ich wollte damit spielen, dass er Elemente des Stücks auf sein eigenes New Yorker Leben zu projizieren versucht. Und nach und nach wird er zu diesem Charakter, den er spielt, zu diesem verzweifelten Typ, der in ein Motelzimmer kommt und geliebt werden will. Ich war so glücklich, dass Tess Gallagher, die Witwe von Raymond Carver, mir ihr Vertrauen schenkte und so großzügig die Rechte für die Story überließ. Ich bin darüber sehr dankbar“, so Iñárritu.

www.foxfilm.at/birdman/

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=0XA4VsdR08c&&list=PLSFG-1H7VPZogeTsln4NSpv4iyV5tWkmY

Wien, 12. 2. 2015

Lentos Linz: Slapstick!

Februar 27, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Lust am Scheitern

Peter Land: Springtime (Forar), 2010 Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Peter Land: Springtime (Forar), 2010
Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Tortenschlachten, Raufereien, wilde Verfolgungsjagden: Derart zwischenmenschliche Turbulenzen, aber auch die kleinen Fallen des Alltags – wie die tückische Bananenschale – sind zu bekannten Slapstick-Einlagen geworden. Mit dieser großen Kunst der Komik befasst sich die Ausstellung „Slapstick!“, die ab 28. Februar im Lentos Linz zu sehen ist.

Bildende Künstler waren dafür den Meistern, von Charlie Chaplin bis Buster Keaton,  auf den Fersen und machten sich die kulturellen Codes des Slapstick zunutze. Sie spielen in unterschiedlichen Medien gezielt mit Zitaten, Motiven und Konzepten, die dem Genre entlehnt sind. Die Schau stellt zeitgenössische Kunstwerke in den Kontext berühmter Stummfilme. Da korrespondiert etwa Peter Lands unter Ziegeln verschütteter Mann, „Springtime“, mit Harold Lloyds „Safety Last“ aus dem Jahr 1923 (eine Hochhaus-Kletterei, bis der Komiker am Zeiger einer Uhr hängt), Francis Alÿs‘ „Paradox of Praxis 1“ mit Charlie Chaplins Fabrikszene aus „Modern Times“, 1936. Alexej Koschkarows „Tortenschlacht“ ist ebenso zu sehen, wie die „Nose Punch Machine“, der „Fressenpolierer“, von Szymon Kobylarz. Im Mittelpunkt  steht jeweils das Scheitern, auf ganz unterschiedliche und individuelle Weise, mit Humor und auch mit Würde. Das hat natürlich besonderen Charme – vor dem Hintergrund der heutigen Perfektions- und Hochleistungsgesellschaft.

Zu sehen sind Werke von: Francis Alÿs, John Bock, Charlie Chaplin, Clyde Bruckman,  Carola Dertnig, Marcel Duchamp, Robert Elfgen, Peter Fischli/David Weiss, Rodney Graham, Jeppe Hein, Buster Keaton, Szymon Kobylarz, Alexej Koschkarow, Peter Land, Louis Lumière, Gordon Matta-Clark,  Bruce McLean, Steve McQueen, Bruce Nauman,  Fred C. Newmeyer,  Vincent Olinet,  James Parrott, Wilfredo Prieto, Charles Reisner, Edward Sedgwick, Mack Sennett, Timm Ulrichs, John Wood und Paul Harrison.

www.lentos.at

Safety Last: www.youtube.com/watch?v=QEcTjhUN_7U

Modern Times: www.youtube.com/watch?v=tfw0KapQ3qw

Wien, 27. 2. 2014