Karikaturmuseum Krems: Meisterzeichner, Zeichenmeister. Eduard Thöny im Simplicissimus

Mai 13, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Schlachtenmaler wurde er Satiriker

Weaner G’müat, 1925. Bild: © E.Thöny Nachlass Dr. Dagmar von Kessel, München

München knapp vor 1900 im Aufbruch in die Moderne. Die Kunstakademie stellt seit Jahrzehnten einen Magneten für junge Künstler aus halb Europa dar. Eduard Thöny, geboren 1866 in Brixen, zog 1872 mit dem Vater, dem Holzschnitzer Christian Thöny, in die deutsche Kunsthauptstadt. Schlachtenmaler will er werden, er studiert bei Meistern dieses noblen Fachs. Doch 1896 wird in München das literarisch-politische Satiremagazin Simplicissimus gegründet. Mit Farbbildern wird die Stahlstich-Konkurrenz vom Markt verdrängt.

Eduard Thöny ist von Anfang an dabei. Und bleibt bis zum ruhmlosen Ende 1944. Mehr als 3.000 Blätter zeichnet er tagesaktuell, kritisch-polemisch, zeitlos menschendurchschauend für den Simplicissimus, davon 300 Titelseiten. Das Karikaturmuseum Krems zeigt ab 14. Mai als ein Best-of seiner Arbeiten 50 Originalblätter.

Als Kuratoren der Schau im Ironimus-Kabinett zeichnen Gustav Peichl  und Hans Haider verantwortlich. Die Thöny-Kollektion wird ergänzt durch Dokumente zur Biographie, sowohl über die Südtiroler Herkunft des Künstlers als auch seine Karriere in der Wahlheimat Bayern. Auf einer Simplicissimus-Wand wird mit Cover-Seiten ein Querschnitt durch die Geschichte der Zeitschrift geboten. Ein mobiler Terminal ermöglicht Zugriffe auf die elektronische Dokumentation der kompletten 49 Jahrgänge, die von der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar ins Internet gestellt wurden: www.simplicissimus.info

Simplicissimus – 10. Jahrgang, Nummer 38, mit dem Titelblatt „Wer???“, 1905. Bild: © www.simplicissimus/info (Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar)

Simplicissimus – 43. Jahrgang, Nummer 43 mit dem Titelblatt „Moskauer Elegie“, 1938. Bild: © www.simplicissimus/info (Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar)

Thöny protokolliert ländlich-sittliche, bürgerlich-spießige, pikfein-feudale und Gossen-Milieus, er karikiert Bauern, Beamte, Neureiche, Prälaten, Offiziere, Matronen und Kokotten. In Biergärten, Salons, auf Kasernenhöfen und Tennisplätzen studiert der Zeichner die Menschen. Der Künstler verschlingt politische Nachrichten aus aller Welt. Sein bekanntestes Markenzeichen: der preußische Leutnant. Seine größte Liebe: Pferde in Bewegung, auf der Rennbahn, beim Militär. Der Simplicissimus widersetzt sich dem Druck von Kirche, Schwerindustrie und der Monarchie unter Kaiser Wilhelm. 1914 mutieren die zeichnenden Pazifisten zu national-deutschen Mitstreitern. Thöny wird Kriegsmaler in der k. u. k. Armee. Die Reiche bersten, Thöny wird 1926 Deutscher, aus den Nachkriegswirren gehen die Nationalsozialisten siegreich hervor. 1933 wird der Simplicissimus gleichgeschaltet. Der kritische Geist verleugnet sich. Oder er wird vertrieben.

Um sich nicht beim Regime in Misskredit zu bringen, wird die kritische Haltung zurückgenommen. Es wird ein verzerrtes Auslandsbild wiedergegeben, die Innenpolitik hingegen wird fast ausgesetzt. Die Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft werden nicht mehr aufgegriffen. In Österreich gab es, nach ähnlichen Mustern gefertigt, den antisemitischen Kikeriki und Die Muskete. Der Simplicissimus wurde 1933 in Österreich verboten, weil er unverhohlen Propaganda für die Nationalsozialisten und gegen den 1934 von den Nazis ermordeten Bundeskanzler Engelbert Dollfuß betrieb. Im Jahr 1944 wird die Zeitschrift eingestellt, der Grund ist fast zu banal – Papiermangel. Gegner des Blattes, die dessen Ende hätten feiern können, gibt es da schon keine mehr …

www.karikaturmuseum.at

Wien, 13. 5. 2017

Raimundspiele Gutenstein: Der Diamant des Geisterkönigs

Juli 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Prinzipalin Eckert zeigt Volkstheater vom Feinsten

Ein gütiger Geisterkönig: Karl Ferdinand Kratzl mit Annette Isabella Holzmann, Alexandra-Maria Timmel und Christoph Moosbrugger. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Ein gütiger Geisterkönig: Karl Ferdinand Kratzl mit Annette Isabella Holzmann, Alexandra-Maria Timmel und Christoph Moosbrugger. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Wie Karl Ferdinand Kratzl den Longimanus spielt, so möcht‘ man sich den lieben Gott vorstellen. Gutmütig, solang es nach seinem Willen geht, rechthaberisch grausam, wenn nicht, ein absolutistischer Senior und nur so weit senil, dass er doch noch im rechten Moment die richtige Entscheidung trifft, was die Menschen auf den ersten Blick freilich so nicht sehen … Mit einem Wort: Kratzl ganz in seinem bekannt skurrilen Kabinettstückchen-Element.

Prinzipalin Andrea Eckert hat für das erste Jahr ihrer Intendanz bei den Raimundspielen Gutenstein dessen Zauberposse „Der Diamant des Geisterkönigs“ gewählt und zeigt damit Volkstheater vom Feinsten. Bereits im prächtigen Bleichgarten beginnt das Sommerspektakel für Leib und Seele, Picknickkörbe, Gedichte aufsagende Kinder und Blasmusik. Mit klingendem Spiel wird das Publikum ins von Edgar Tezak neu gestaltete Zauberzelt geleitet, drinnen hat Eva-Maria Schwenkel für die magischen Momente gesorgt.

Eckert legte nicht nur die Gestaltung des Bühnenbilds in weibliche Hände, sondern auch Regie, Kostüme und Maske. Während dafür Nina Ball und Regina Tichy zuständig sind, hat Cornelia Rainer inszeniert. Und zwar mit viel Gespür für Tempo und Timing. Rainer hat den Diamanten präzise geschliffen, sie setzt auf Spaß, wenn sie die Raimund’schen Figuren den Wortwitz ihres Schöpfers allzu wörtlich nehmen lässt, vergisst aber bei all dem Happysound nie auf dessen melancholische Baseline. So gelingen dem Ensemble, das mit viel Spielfreude bei der Sache ist, die lauten wie die leisen Töne.

Begleitet von der Livemusik von klezmer reloaded turnen die Darsteller durch eine gute Stube, die schon einmal bessere Zeiten gesehen hat, eine mit Kästen, Kommoden und Kredenzen vollgestopfte Wunderkammer, denn im Altmöbellager verbergen sich zwei Welten, die der Geister und die der Menschen, von Regisseurin Rainer klug ineinander verschoben und verwoben. Die Geister beobachten, kommentieren, greifen ein ins Geschehen, sie sind es, die die menschlichen Bemühungen befördern oder boykottieren.

Nach dem Tod seines Vaters, des Zauberers Zephises muss Eduard in Begleitung seines Bediensteten Florian dem Geisterkönig seine Aufwartung machen. Zephises hat eine Schatzkammer hinterlassen, nur eine wertvolle Statue fehlt, und die soll Eduard erhalten, wenn er Longimanus ein Mädchen bringt, das noch nie gelogen hat. Nach langem Suchen findet sich Amine, doch einmal gefunden will Eduard sie nicht mehr hergeben. Er hat vor, sein dem Luftherrscher gegebenes Ehrenwort zu brechen. Es folgen Irrungen und Wirrungen …

Eduard sucht den Zauberschatz seines verstorbenen Vaters: Alexander Meile und Ensemble. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Eduard sucht den Zauberschatz seines verstorbenen Vaters: Alexander Meile und Ensemble. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Der böse Koliphonius verwandelt den einfältigen Florian in einen Pudel: Eduard Wildner und Matthias Mamedof. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Der böse Koliphonius verwandelt den einfältigen Florian in einen Pudel: Eduard Wildner und Matthias Mamedof. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Alexander Meile und Matthias Mamedof geben Eduard und Florian als ein Paar wie Tamino und Papageno. Vor allem Mamedof brilliert als einfältiger Florian, er zeigt sich nicht nur als großartiger Schauspieler und Gstanzlsänger, sondern auch als einwandfreier Akrobat – und Pudel. Zu Recht gilt seiner Leistung der meiste Applaus. Meile macht aus dem Eduard gerade so viel Elegiebürscherl, dass es immer noch sexy ist. Den beiden steht mit Annette Isabella Holzmann eine resolute Mariandl zur Seite, deren Vormachtstellung als Herrin im Haus mutmaßlich von der stolz die Unterlippe vorschiebenden Amina von Lisa Weidenmüller bedroht werden wird.

Alexandra-Maria Timmel ist Longimanus‘ unzufriedener und ergo dem Alkohol zusprechender Adlatus Pamphilius. Eduard Wildner ist erst der böse Zaubergarten-Wächter Koliphonius, dann der zwielichtige Veritatius. In dessen „Land der Wahrheit und der Sittsamkeit“ erfahren Eduard und Florian die Wirkweisen von Spitzelwesen, Staatsgewalt und Xenophobie. Rainer erlaubt sich an dieser Stelle ein paar aktuelle Bezüge, und auch, dass die Zuschauer per Handtest auf ihre moralische Unversehrtheit geprüft werden. Zum Gaudium der jeweils grad nicht drangenommenen.

„Der Diamant des Geisterkönigs“ ist ein weises Stück über die Wahrheit, die keine äußere Form, sondern ein innerer Wert ist. Andrea Eckert selbst hat sich die Rolle der Hoffnung zugeschrieben. Friedliebend und freundlich geleitet sie ihre Schützlinge auf deren Weg. Die Hoffnung, sagte die Eckert vorab im Gespräch mit mottingers-meinung.at, werde in Gutenstein in jeder Hinsicht ihre Rolle sein. Sie hat eine mit Bravour erfüllt, nämlich die auf einen samt und sonders gelungenen Theaterabend.

Andrea Eckert im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=19848

www.raimundspiele.at

Wien, 22. 7. 2016

Theater Nestroyhof Hamakom: Dunkelstein

März 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Grauen ohne Geigengeschluchze

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile Bild: Nick Mangafas

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile
Bild: Nick Mangafas

„Gegenwärtig brauchen die Juden ein paar Teufel, um zu überleben“, sagt er. Und später: „Wenn der Krieg kommt, werden die eine Waffe in die Hand nehmen gegen unsere Herrschaften.“ Die – waren die Wiener Juden, denen er die Ausreise ermöglicht hatte, sie – die hiesigen Nationalsozialisten. Er, das war Benjamin Murmelstein, und wahrscheinlich war er beides, ein Gottseibeiuns und ein Gottseisgelobt.

128.000 Menschen soll er bis November 1941 die Emigration ermöglicht haben. Robert Schindel hat 2010 ein Theaterstück über ihn geschrieben, „Dunkelstein“ heißt es und wurde nun im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt. Eine diesbezügliche Zusammenarbeit mit dem Volkstheater kam nicht zustande, und es verwundert, welch ein Auftragswerk sich das Haus da entgehen ließ. Aber es bedurfte wohl eines Frederic Lion und eines Karl Baratta, um aus dem komplexen Stoff die bestechende Spielfassung zu erstellen, die nun zu sehen ist.

Mehr als 42 Figuren haben die beiden für acht Schauspieler aufbereitet, immerhin 22 Rollen sind für sie geblieben. Mit ihnen wird ein Einblick in die jüdische Gemeinde jener Tage gewährt. Lion und Baratta lassen sich lange Zeit, bis sie Dunkelstein auftreten lassen. Vorher geht es ihnen um das Vermitteln von Atmosphäre, um das Vorführen von Denkweisen; sie zeigen das Negieren und das Nichtwissenwollen, eine Szenencollage bewegt sich von Fall zu Fall. Die Geschichte des psychisch kranken Nathan. Eine Wirtshausdiskussion, dass Zwetschenröster niemals Kompott sein kann. Polgar im Kaffeehaus, Friedells Fenstersturz, Torberg wird zitiert. Eine Bridgepartie von Vater und Tochter Singer. Die Flucht in die Religiosität oder den Kommunismus. Gisela Winter kommt vor, und Esther Rebenwurzel. Und am Ende werden alle Geschichten zu einer werden, und Nathan wird nackt ins Gas gehen, und Esther, die eigentlich Franzi Danneberg-Löw hieß und damals Fürsorgerin der Israelitischen Kultusgemeinde war, den Säugling von Gisela-Gerty Schindel gerettet haben. Und er wird Robert Schindel geworden sein.

Regisseur Lion hat einen Abend entworfen, der alles in einem ist. Nummernkabarett und Maskenspiel und Erzählung. Und jüdischer Witz. Eine Realfarce nennt Schindel sein Stück, und mit staubtrockenem Humor berichtet er vom Nahen der braunen Sturmflut. „Heil Hitler!“, ruft der Botenjunge, der die Mazzes bringt. Und ja, man lacht. Die Beeinflussbarkeit des Menschen scheint in solchen Momenten grenzenlos. Lions „Dunkelstein“ ist eine spröde, analytische Inszenierung dessen, die nicht mit Sentiment, sondern mit dem Verstand spielt. Er lässt die Grausamkeit sozusagen nicht in Geigengeschluchze baden, sondern stellt sie aus. Kalt und klar. Was sie umso deutlicher und beklemmender macht.

Mit der Rotte verkommener Hausknechte kommt auch Dunkelstein. Michael Gruner spielt ihn mit hoher Intensität. Seine Bühnenpräsenz ist atemraubend. Mit konzentrierten Gesten, mit einer Art verwehter Eleganz entwirft er seine Figur. Dieser Dunkelstein wankt zwischen Angeekeltsein und Größenwahn, er ist ein Gefangener seines Amtes, er kalkuliert Lebensrettungschancen so sachlich wie ein Buchhalter seine Finanzen, er ist hochmütig unfreundlich, auch jähzornig, und glaubt an seine Manipulation des Mördervereins. Dies seine größte Sünde. Benjamin Murmelstein war Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und nach deren Auflösung 1938 in der zwangsweise in „Jüdische Gemeinde Wien“ umbenannten Institution unter Adolf Eichmann für die Auswanderungsabteilung zuständig. Ab 1942 musste er aber auf Weisung der NS-Behörden auch die „Einwaggonierung“ der Deportationszüge in die Vernichtungslager im Osten vornehmen. „Der letzte der Ungerechten“, wie er sich 1975 selber in einem Interview nannte, gilt bis heute als ambivalente Persönlichkeit. Kollaboration nennen die einen seine Arbeit, Kooperation die anderen.

„Dunkelstein“ ist kein Versuch einer Erklärung dieser seltsamen Existenz. Jede Parteinahme wird unterlassen. In einem knappen Prolog wird kurz um die Frage gestritten, was man, wenn … und ob nicht, weil … man weiß es nicht. Ob das die Natur des Menschen ist? Spitzelwesen und Verrat von Freunden und Hass auf den, der gestern noch Nachbar war, und sich als Opfer unter den Tätern zu verstecken. Wie viel Gewissen hält der Mensch aus? In der Mašín-Familie geht seit Generationen der Satz: Man hat immer die Wahl. Florentin Groll will als Singer noch den Verkauf seines Wochenendhauses regeln, „na, nehmen wir einen späteren Zug“, sagt er zu Dunkelstein, und die Ahnung ist, der wird schon ein Viehtransporter sein.

Groll ist auch der Wirt, den Gestapomann Kalterer, verkörpert von Heinz Weixelbraun, später zwingen wird, den Zwetschenröster, der kein Kompott sein darf, vom Boden zu schlecken. Kalterer verliebt sich in die von ihm verhörte und von Lilly Prohaska gespielte Kommunistin Edith, eine Zellengenossin von Gisela Winter alias Schauspielerin Dolores Winkler; Prohaska wird später zu Esther Rebenwurzel. So schließt sich der Rettungsring um den Autor. Alexander Julian Meile gibt unter anderem den Sturmbannführer Linde süffisant-selbstverliebt und mit Eichmann-Schramme an der Wange. Rouven Stöhr ist ein eindringlicher, verstörender Nathan. Eduard Wildner versucht als Dunkelsteins Vorgesetzter Leonhardt seinen verzweifelten Sarkasmus nicht allzu offen zu zeigen. Und wenn Lukas Goldschmidt dazu „Waltzing Matilda“ auf Wienerisch singt, weiß man, wie’s gemeint ist.

Am Ende wird Linde zu höheren Weihen nach Berlin berufen und auch für Dunkelstein hat er neue Aufgaben. In Theresienstadt. Dort wurde Murmelstein 1944 zum letzten „Judenältesten“ ernannt. Und musste wieder Listen zusammenstellen. Nach Auschwitz-Birkenau. Nach dem Krieg hatte Murmelstein sein Verhalten zwei Mal vor Gerichten zu rechtfertigen, in Israel forderte man für ihn die Todesstrafe. Er starb 1989 in Rom. Der zuständige Rabbiner verweigerte das Kaddisch.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AT-rZq9-nnk

www.hamakom.at

www.schindel.at

Wien, 2. 3. 2016

Theater an der Wien: Hans Heiling

August 18, 2015 in Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Saisonstart mit Anne Frank und einem Erdgeist

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Das Theater an der Wien startet mit der romantischen Oper „Hans Heiling“ von Heinrich Marschner in die neue, seine zehnte, Opernsaison. Premiere ist am 13. September. Intendant Roland Geyer selbst inszeniert, Constantin Trinks dirigiert. Michael Nagy singt den Hans Heiling, Katerina Tretyakova seine Braut Anna, Angela Denoke ist die Königin. Mit dem ORF Radio Symphonieorchester Wien und dem Arnold Schoenberg Chor.

Hans Heiling möchte der vereinnahmenden Liebe seiner Mutter entkommen und zieht in ein Dorf, wo er sich in Anna verliebt. Für sie ist er bereit, sein Leben völlig zu ändern. Annas Mutter ist von Heilings teuren Geschenken angetan und ermutigt ihre Tochter, den Fremden zu heiraten. Allerdings fühlt sich die junge Frau in Gegenwart des geheimnisvollen und besitzergreifenden Mannes nicht wohl. Sie hat noch einen anderen Verehrer: den feschen Konrad. Heiling beansprucht seine Braut stets für sich. Er scheut die Gesellschaft der Dorfgemeinschaft und will nicht, dass Anna auf einem Fest tanzt. Heilings Mutter sucht Anna auf, enthüllt das wahre Wesen ihres Verlobten – er ist ein Erdgeist aus der Unterwelt – und bedroht sie, damit sie von der geplanten Heirat lasse. Anna löst die Verlobung und wendet sich Konrad zu. Heiling entbrennt voll Eifersucht, stellt Konrad und sticht ihn im Streit nieder. Danach lassen ihn seine inneren Stimmen über seine Tat zweifeln. Er wird darüber fast wahnsinnig …

Im Juli 1831 erhielt Heinrich Marschner ein anonymes Libretto zugesandt. Diesen „Hans Heiling“ betitelten Text, der auf einer böhmischen Sage basiert, fand Marschner sofort inspirierend und forschte nach dem Autor: es war Eduard Devrient, Bariton an der Berliner Oper. Binnen eines Jahres war die Komposition fertig, im Mai 1833 kam sie mit grossem Erfolg zur Uraufführung in Berlin – Devrient verkörperte die Titelfigur. Marschner war bereits durch seine Opern „Der Vampyr“ (1828) und „Der Templer und die Jüdin“ (1829) bekannt, „Hans Heiling“ vertiefte sein Ansehen als Nachfolger von Carl Maria von Weber. Das romantische Sagenthema gab Marschner Gelegenheit zu strukturellen Experimenten, er verwendete konventionelle und völlig neue Formen nebeneinander. Einem durchkomponierten Vorspiel folgt die Ouvertüre, in der eigentlichen Oper sind die Nummern teils durch Dialoge, teils durch Rezitative miteinander verbunden. Die musikalische Ausleuchtung von Heilings komplizierter Psyche zwischen Sehnsucht nach Liebe, Eifersucht, Wut und Traurigkeit ist richtungsweisend: Wagner verfolgt diese Ideen mit seinem „Der fliegende Holländer“ weiter.

Saisoneröffnung an der Wien ist am 10. September mit dem Konzert „Das Tagebuch der Anne Frank“. Grigori Frids Monooper wird Strawinskis Suite „L’Histoire du Soldat“ vorangestellt. Es spielen die Wiener Virtuosen unter der Leitung von Leo Hussain.

www.theater-wien.at

Wien, 18. 8. 2015

Volksbühne Berlin: Kill your Darlings!

April 29, 2014 in Bühne, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

René Polleschs Meistermonolog auf DVD

Bild: Volksbühne/Thomas Aurin www.theateredition.com

Bild: Volksbühne/Thomas Aurin
www.theateredition.com

„Achtung, wir springen jetzt!“, schreien sie am Anfang. Und dann lassen sie sich am Seilen herunter, Fabian Hinrichs und sein Turnerchor. Dazu Bruce Springsteen. Doch hier sind es die Streets of Berladelphia, die besungen werden. Fernsehregisseur Hannes Rossacher folgt den Darstellern, holt sie mit der Kamera nahe heran, zeigt sie in der Totalen des großen Bühnenraums, läuft mit dem singenden Hinrichs und begibt sich bei Regen in die Vogelperspektive. „Es fehlt etwas, es reicht uns nicht“, schreit der Protagonist. Nicht bei dieser Inszenierung. Auch, wenn das Motto von René Pollesch lautet: „Die besten Szenen werden wir heute Abend nicht zeigen, denn die könnten wir alle nicht ertragen.“ Fabian Hinrichs erhielt soeben von „Theater heute“ den Ulrich-Wildgruber-Preis 2014. Der Preis fördert „eigenwillige Begabungen“, die „auf besondere Weise in den Medien Film und Theater auf sich aufmerksam gemacht haben“, so die Laudatio von Thomas Oberender. Nun ist die Inszenierung der Volksbühne Berlin auf DVD erhältlich.

Worum’s geht? Äh, ja … Um das hinreißend spitzbübische Lächeln Hinrichs‘. Um die Art, wie er das Publikum liebt und es ihn. Ja, um Liebe geht es tatsächlich. Pollesch wird weich auf seine mittelalterlichen Tage 😉 Das Projekt – eine Koproduktion mit dem Turiner Teatro Stabile – bezieht sich auf das Lehrstück von Bertold Brecht „Der Untergang des Egoisten Fatzer“. In der Inszenierung von Pollesch wird aus dem Deserteur Fatzer, der seine Kameraden verrät, ein kapitalismusversierter Monologisierer (75 Minuten lang, furios), den ein ganz anderes Kollektiv in die Bredouille bringt. Da gibt’s nämlich diesen Kapitalismuschor, diese Turner, diese Netzwerker, die Hinrichs auf den Leib rücken, Menschen-Pyramiden, Menschen-Sofas, Menschen-Treppen, Beziehungsskupturen bilden. Und er will und will mit ihnen nicht in die Kiste steigen. Mit einem Kollektiv ja, mit einem Netzwerk NEIN! Keine Ahnung, liegt es am funkensprühenden, in eine regenbogenbunte Glitzerturnhose gekleideten Hinrichs – oder warum macht einen diese Inszenierung so gut gelaunt? Man ist selbst via DVD (heißt: nicht live) nach drei Minuten im reinsten Theaterglück. Glitzer-Fabian flirtet, schmust, schimpft, lässt sich auf Händen tragen, ringt mit den Akrobatinnen und Akrobaten. Ein Individuum auf der Suche nach Nähe, dem letztlich einsame Exklusivität aber lieber ist als Uniformität – sehr schön illustriert durch ein Michael-Jackson-mit-Tänzern-Video; diese Performances hatten ja oft etwas Pseudomilitantes. Dazu kann Pollesch gut seine Missionspredigten gegen das Kapital ablassen. Und selten seit Langem tat er es so poetisch.

Der kongeniale Bert Neumann schuf dazu zwei Brecht-Vorhänge, einen Mutter-Courage-Wagen und einen niedlichen Bagger, mit dem die Assoziationsbausteine zusammengesetzt werden können. Oder auch nicht. Denn Hinrichs‘ Faxenmacherei, kühn, verrückt, selbstbewusst, zerstört den Diskurs sowieso. Also setzt Regen ein, in dem die stumme Turnfraumannschaft zur Rutschpirouette ansetzt. Der charismatische Schauspieler selbst wirft sich ins hautenge Krakenkostüm. Da weiß man: Das hat Mehrwert. Auf der DVD etwa durch ein Interview mit Fabian Hinrichs. Ganz nah, ganz herzlich.

PS.: Eine Antwort auf alle Fragen, die der Abend aufwirft, hätte es auch gegeben. Aber, eh schon wissen: Sie musste rausgeschnitten werden. Wir hätten sie nicht ertragen.

www.theateredition.com

Regie: René Pollesch, Bühne und Kostüme: Bert Neumann.
Mit: Fabian Hinrichs und Chor (Eduard Anselm, Johanna Berger, Christin Fust, Hannes Hirsch, Emma Laule, Ronny Lorenz, Martina Marti, Fynn Neb, Rudolph Perry, Simone Riccio, Nicola Rietmann, Paula Schöne, Anna Smith, Lukas Vernaldi und Claudia Vila Peremiquel).

www.volksbuehne-berlin.de

Wien, 29. 4. 2014