Die 2020-Online-Edition von „this human world“- International Human Rights Film Festival

November 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Queen’s Gambit-Doku, Phil Collins & Sundance-Sieger

Sunless Shadow. © this human world

#Corona-bedingt findet die 13. Ausgabe von „this human world“- International Human Rights Film Festival ab Donnerstag, 3. Dezember, online statt. Bis 13. Dezember wird ein Großteil des ursprünglich fixierten Programmes anstatt in vier Wiener Kinos und diversen Side Locations über den Festivalhub auf www.thishumanworld.com ins Wohnzimmer gestreamt werden können.

Vier bis fünf der 50 ausgewählten Filme werden täglich ab 18 Uhr und für 48 Stunden als Video on Demand abrufbar sein. Und auch in Zeiten der physischen Distanz wird das Publikum nach dem Abspann nicht alleine gelassen: zumindest virtuell werden Q&A’s, Director Statements und Live-Diskussionen angeboten, um trotzdem ein Ort für Austausch, Engagement und solidarische Vernetzung zu sein. Schwerpunkte der Online-Festival-Edition sind „The Queens‘s Gambit“, unter dem Titel „female* working realitis“ weibliche Arbeitsrealitäten, ein ungeschönter Einblick in die US-Gefängnisindustrie und eine iranische Jugendstrafanstalt als sicherer Ort für junge Mädchen in „Sunless Shadows“, Pressefreiheit und die Suche nach neuen Formen von Intimität.

„be_longing“ folgt Kindern und jungen Erwachsenen auf ihrem Weg durch eine brüchige Welt und „habitat“ beleuchtet die globale Schieflage rund um die Grundlagen von Lebensräumen. Auch in diesem besonderen Jahr werden in fünf Kategorien Preise an herausragende Filme und außerordentliche Beiträge für die Stärkung von Menschenrechten vergeben – die Preisverleihung findet am 13. Dezember ebenfalls online statt.

Die Programmhighlights:

„Glory To The Queen“ liefert Schachgenie Beth Harmon aus dem derzeitigen Serien‐Liebling „The Queen’s Gambit“ sozusagen in real und hoch vier: die beiden Filmemacherinnen Tatia Skhirtladze und Anna Khazaradze bringen nach 20 Jahren vier legendäre georgische Schachspielerinnen wieder zusammen, die damals zu weiblichen Ikonen der Sowjetzeit wurden und Schachspiel‐Wettbewerbe revolutionierten – eine Kampfansage, nicht nur am Schachbrett, sondern vor allem für die Frauenemanzipation.

In der Reihe „collective actionist“ ist unter anderem „Bring Down The Walls“ von Phil Collins zu sehen, der einen kritischen, ungeschönten Blick auf die amerikanische Gefängnisindustrie und ihre mittlerweile mehr als zwei Millionen Insassen wirft. „A New Beginning“ von Ala’A Mohsen porträtiert berührend und respektvoll den alleinerziehenden Vater Rabeaa und seinen vierjährigen Sohn Kais, die nach ihrer Flucht aus Syrien auf der Suche nach einem neuen Zuhause in Norwegen angekommen sind.

Gemeinsam mit dem International Press Instititute wird der Film „We Hold The Line“ von Marc Wiese präsentiert, der die Journalistin Maria Ressa im Kampf für Pressefreiheit und Gerechtigkeit und gegen das korrupte und gewalttätige System des philippinischen Präsidenten Duterte begleitet. Was passiert, wenn man aus einem ländlichen, von landwirtschaftlicher Arbeit geprägtem Umfeld in eine Millionenstadt zwangsübersiedelt  wird, legt der Langzeitdokumentarfilm „A New Era“ von Boris Svartzman eindrucksvoll dar, der in der vom neuen Festivalpartner Klima‐ und Energiefonds präsentierten Reihe „habitat“zu sehen sein wird.

In „No Gold For Kalsaka“ von Michael K. Zongo wird eindringlich verdeutlicht, welche Schäden der Bergbau für die vor Ort lebenden Menschen anrichtet und wie schnell die versprochene goldene Zukunft ihr wahrhaft hässliches Gesicht zeigt. Übrig bleibt kein Reichtum, sondern ein verseuchtes Land und weniger Lebensgrundlage als zuvor, doch eine ausgebeutete Gemeinschaft in Burkina Faso nimmt den Kampf für Gerechtigkeit auf.

In My Blood It Runs. © this human world

Sommerkrieg. © this human world

No Gold For Kalsaka. © this human world

Glory To The Queen. © this human world

Die völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten von Kindern auf verschiedenen Kontinenten beleuchten zwei herausragende Dokumentarfilme: Moritz Schulz begleitet in „Sommerkrieg“ die 12-jährigen Kinder Jasmin und Jastrib ins Azovez-Ferienlager, ein paramilitärisches Ausbildungscamp, geführt vom rechtsextremen Bataillon Asow, das die Kinder mit unfassbarem Drill, Manipulation und Kadavergehorsam zu ukrainischen Patrioten erziehen soll. Das große Ziel: lernen, wie man eine Kalaschnikow bedient. Die Kinder müssen trotz anfänglicher Begeisterung feststellen: wer nicht gehorcht, wird bestraft. Am Ende dieses erschütternden Dokumentarfilms stehen verängstigte, desillusionierte junge Menschen, denen die einfachen Freuden eines unbeschwerten Sommers verwehrt bleiben.

Eine dem völlig entgegengesetzte Familienkonstellation hingegen kann bei „In My Blood It Runs“ von Maya Newell beobachtet werden: der aufgeweckte 10-jährige Dujuan wächst im australischen Alice Springs bei seiner liebevollen Familie auf, spricht drei Sprachen, weiß alles über die traditionelle Medizin und Geschichte seiner Vorfahren und kämpft gleichzeitig mit dem staatlichen Schulsystem, in welchem nur die geschichtliche Perspektive der weißen Bevölkerung vermittelt wird, aber sein anderer, vermeintlich von der Norm abweichender Zugang zur Welt keine Wertigkeit erfährt. Ein kraftvoll-poetisches und essentielles Portrait über die australische Jugend mit indigenen Wurzeln.

„Sunless Shadows“ von Mehrdad Oskouei nimmt einen mit in eine iranische Jugendstrafanstalt für Mädchen. Allesamt befanden sie sich in ausweglosen Situationen inmitten ihrer Familien – Situationen, die mit einem Mord am Vater, Ehemann oder einem anderen männlichen Familienmitglied endeten. Teilweise sind auch die Mütter der Mädchen inhaftiert, in einem anderen Gefängnis sitzen sie im Todestrakt – durch die Kamera erhalten sie die Möglichkeit, sich gegenseitig Nachrichten zukommen zu lassen. Oft sind die Mädchen sprachlos, denn obwohl es so viel zu sagen gäbe, überwiegt die von Geburt an antrainierte Scham. Doch langsam öffnen sie sich, beginnen, zu erzählen, denn das Gefängnis mit seiner geschlossenen und rein weiblichen Umgebung ist auch ein sicherer Zufluchtsort vor einer aggressiven und von Männern dominierten Gesellschaft.

The Earth Is Blue As An Orange. © this human world

Die Eröffnung:

Findet am 3. Dezember um 20 Uhr online mit der Österreich-Premiere von „The Earth Is Blue As An Orange“ samt virtueller Begrüßung durch die Festivalleitung Michael Schmied und Lisa Heuschober statt, im Anschluss an den Film gibt es noch ein Q&A mit der Regisseurin. Die ukrainische Filmemacherin Iryna Tsilyk hat für den Sundance‐Gewinner ein Jahr lang eine Familie begleitet, die inmitten der surrealen Umgebung der Kriegszone Donbass lebt.

Zwischen patrouillierenden Soldaten, explodierenden Granaten und Schüssen. In diesem Wahnsinn einen normalen Alltag zu finden, wenn gleichzeitig der Krieg tobt, das versuchen Hanna und ihre vier Kinder. Um gemeinsam der Gegenwart zu entfliehen, aber auch, um sie verstehen zu können, beginnen sie einen Film zu drehen- bauen das Wohnzimmer zum Studio um und diskutieren die zudrehenden Szenen am Küchentisch. In all der Hoffnungslosigkeit, der diese Familie ausgesetzt ist, wird das Filmemachen zum einzigen Halt. „The Earth Is Blue As An Orange“ ist eine gefühlvolle und genau Momentaufnahme rund um den berührenden Versuch, sich in einem der gefährlichsten Gebiete der Ukraine ein bisschen Glück zu bewahren und an Träumen festzuhalten.

Einzelticket: 3.90 €, Festivalpass – gültig für alle Filme: 25 €.

www.thishumanworld.com

  1. 11. 2020

Michail Bulgakow: Das hündische Herz

Juni 17, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Aus dem tierischen Lumpi wird ein menschlicher Lump

buchMoskau nach Lenins Tod 1924 unter den Bolschewiki. Stalin beginnt seine Herrschaft zu festigen. Die Schauprozesse und Ausschaltung aller ihm kritisch gesinnter Menschen inklusive alter Kampfgefährten, steht erst bevor. Der geniale Chirurg Filipp Filippowitsch Preobraschenski lockt den Straßenköter Lumpi mit einer „Krakauer spezial“ zu sich nach Hause. Er pflanzt ihm die Hirnanhangdrüse und die Hoden eines verstorbenen Kleinkriminellen ein. Doch das Experiment des Verjüngungsexperten geht schief.

Der Hund überlebt zwar den Eingriff, wird jedoch nicht verjüngt, sondern vermenschlicht – zum „neuen Menschen“. Ganz im Sinne der Bolschewiki. Der so zum kommunistischen Genossen mutierte Tiermensch, zeigt bald sein wahres Gesicht und erweist sich als echter Halunke. Er bleibt Tier, in Menschengestalt, jagt Katzen und auch dem weiblichen Geschlecht nach. „Lumpi Lumpikow“ alias „Polygraph Poligraphowitsch“, so steht sein Name im liebevoll beigelegten Passport, erkennt rasch, wie man vom System profitiert und andere zum eigenen Vorteil in Misskredit bringt.

Noch dazu erhält er ein Amt in der Moskauer Stadtverwaltung. Der Chirurg erkennt mit Schrecken, dass er „die Geister, die er rief“ nicht mehr los wird. Nur die gewaltsame Umkehrung der Operation kann die Gesellschaft noch retten. Am Schluss liegt der Köter Lumpi wieder zu Füßen seines Herrn ans Ledersofa gelehnt. „,Schwein gehabt, richtig Schwein gehabt’ dachte er vor dem Einschlummern … Bin längst Teil dieser Wohngemeinschaft.“

Michail Bulgakow schrieb die Erzählung bereits 1925, seine Veröffentlichung erlebte er nicht mehr. Zu brisant und zu viel politische Sprengkraft auf knapp 200 Seiten, wie auch KPdSU-Parteimitglied Lew Kamenew feststellte, der seinerseits Jahre später dem stalinistischen Terror zum Opfer fiel: „(Das hündische Herz) ist eine ätzende Attacke auf unsere gegenwärtigen Verhältnisse und kommt auf keinen Fall für eine Veröffentlichung in Betracht.“ Den Vorwurf der Konterrevolution versuchte Bulgakow mit den Worten von Filippowitsch zu entkräften: „Meine Reden enthalten nicht die leiseste Spur dieser elenden Konterrevolution. Nur gesunden Menschenverstand und eine Menge Lebenserfahrung …“ Der Autor bekam die Macht des Staatsapparats bald zu spüren. 1926 wurden bei einer Wohnungsdurchsuchung die beiden existierenden Kopien des Romans beschlagnahmt, erst drei Jahre später, auf Maxim Gorkis Fürbitte, wurden sie Bulgakow zurückgegeben. Es folgte ein Publikationsverbot, von einer Veröffentlichung nahm der Autor Abstand. Es kursierten in der Folge mehrere Fassungen, immer mit Eingriffen und Streichungen im Text. Die erste textologisch fundierte Ausgabe ist die 1989 in Moskau erschienene fünfbändige Edition der Werke Bulgakows, auf der auch Alexander Nietzbergs Neuübersetzung basiert.

Bulgakow, sein berühmtester Roman ist wohl „ Meister und Margarita“, vereint in „Das hündische Herz“ faustische Motive mit Mary Shelleys „Frankenstein“ und Gustav Meyrinks „Der Golem“, parodiert gleichzeitig die Neumenschen-Idee und persifliert den Fortschrittsglauben. Er teilt die Menschen jedoch nicht in „die Guten“ und „die Bösen“ ein, alle wirken bizarr und sonderbar, das gilt für Lumpi ebenso wie für Filipp Filippowitsch Preobraschenski, seinen Assistenten Dr. Bormenthal und deren schräge Moskauer Kundschaft, bessere, zahlungskräftige Leute, die alles geben würden, um wieder jung zu sein. Dafür hat sich der Chirurg auch einige Privilegien herausgeschlagen. Eine große Wohnung, gutes Essen und Trinken, Personal sind für Preobraschenski Selbstverständlichkeit, während andere Sowjetbürger in Not und Armut ihr Leben fristen. Und so zeigt er auch keinerlei Verständnis dafür, diese Privilegien aufzugeben. Privilegien, die sich auch die sowjetische Nomenklatur, einmal an der Macht, rasch genommen hat.

Neben den skurrilen Szenen, die an Nikolai Gogol erinnern (beispielsweise „Die Nase“), und der Erzählung aus Sicht des Hundes im ersten Kapitel – „Da schaut, wie ich vor die Hunde gehe“ –, ist auch Bulgakows Sprache bemerkenswert. Als moderner Erzähler setzt er auf das Prinzip der Überraschung. Er lässt den Leser eine Zeit lang im Dunkeln und steigt oft unvermittelt in den Text ein, wie etwa bei der Frage, ob sich Lumpi bei Tisch endlich eine Serviette umbinden soll. Die vorliegende Ausgabe von „Das hündische Herz“ in der hervorragenden Übersetzung von Alexander Nitzberg, ist aber auch noch in einer anderen Hinsicht etwas Besonderes. Die detaillierten und durch starke Ornamentik geprägten Collagen von Christian Gralingen machen das Buch zu einem eindrucksvollen Sprach- und Bildkunstwerk. Die Illustrationen tragen starke Züge technischer Konstruktionszeichnungen und erinnern an die russische Avantgarde der frühen 1920er-Jahre.

Über den Autor:
Michail Bulgakow (1891–1940), russischer Romancier, sehnte sich nach Ruhe und führte ein atemloses Leben: Er studierte Medizin, schlug sich als Übersetzer und Theaterregisseur durch, war dreimal verheiratet und morphiumsüchtig. Seine Werke wurden zensiert und er widersetzte sich Stalin, der ihm die Ausreise verwehrte. Als er mit 49 Jahren starb, hatte er die letzten zwölf Jahre an seinem Lebenswerk „Meister und Margarita“ geschrieben. Die Veröffentlichung dieses Werkes und von „Das hündische Herz“ sollte er nicht mehr erleben.

Edition Büchergilde, Michail Bulgakow: „Das hündische Herz“, Roman, 200 Seiten mit 36 Illustrationen von Christian Gralingen. Aus dem Russischen übersetzt von Alexander Nitzberg und mit einem Nachwort versehen.

www.edition-buechergilde.de

Wien, 17. 6. 2016

Edition Atelier: Bibliothek der Nacht

September 23, 2015 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Von Prager Gespenstern und italienischen Vampiren

Bild: Edition Atelier

Bild: Edition Atelier

Die Edition Atelier startet mit einer neuen Buchreihe in den Herbst, der „Bibliothek der Nacht“, herausgegeben von Thomas Ballhausen. Zunächst erscheinen zwei Romane von Paul Leppin und Furio Jesi, weitere Bände sind in Vorbereitung.

Paul Leppin, Jahrgang 1878, war Beamter in der k. k. Prager Post- und Telegraphendirektion und dort offenbar mit genug Zeit ausgestattet, um sich literarisch Verruchtes auszudenken. Abends sollen er und Jiri Karásek, ein weiterer Poet der Décadence, in den Nachtcafés gesessen haben, dort lauschten sie den kehligen Chanteusen, „ohne Mieder, weshalb sie so plastisch im Detail sind“, und schrieben dann, gleichsam zur Buße, filigrane Lyrik.

Leppin war unter anderem mit Max Brod und Gustav „Golem“ Meyrink, den er oft als Vorbild für seine Figuren heranzog, befreundet. Um die Jahrhundertwende galt Leppin als einer der Protagonisten der literarischen Bewegung „Jung-Prag“. Nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei 1939 wurde er von der Gestapo verhaftet und erlitt nach der Freilassung einen Schlaganfall. Den Nazis war der Verfasser obsessiv-erotischer Romane, frecher Bänkellieder und bewegender Prager Stimmungsskizzen verhaßt. Für tausend Jahre aus der Literatur verbannt, erlebte auch sein Werk im Kommunismus keinen Prager Frühling. Leppin starb 1945 an den Spätfolgen einer Syphilis-Erkrankung. Als er hilflos gelähmt im Rollstuhl und im Sterben lag, schrieb er noch „lieber ein heißes Vergehen / als immerzu fröstelnde Qual“.

„Severins Gang in die Finsternis“ ist erstmals 1914 erschienen. In seinem Roman erzählt Leppin vom Prager Nachtleben, in dem Severin wie sein Schöpfer nicht nur einen Ausgleich zu seinem tristen Bureaualltag findet, es laufen ihm dort auch die Mädchen fast scharenweise hinterher. Bei seinen rastlosen Streifzügen beginnt er halbherzige Affären, die er ebenso schnell wieder beendet, bis mit einem Mal die laszive Mylada in sein Leben tritt. Severin verfällt ihr mit Haut und Haar. Getrieben von seinen Leidenschaften zieht ihn die Nacht mit ihren Gespenstern und ihrem düster-fantastischen Flair immer tiefer in den Bann. Ihm ist es, als ob ihn „unsichtbare Hände streiften“. Die Dämonen Prags und die der Seele sind bald nicht mehr zu unterscheiden … Leppin geizt nicht mit üppiger Metaphorik, da wächst beispielsweise eine Frauengestalt feierlich als „sehnsüchtige Blume aus den Treppensteinen empor“, andererseits ist er auch ein Meister des subtilen Sarkasmus, etwa wenn bei einem Kuss scheinbar die Erde birst und er dann mitten im Gefühlspathos die lakonische Pointe bringt: „Auf der Moldau hatte der Eisgang begonnen.“ Eine atmosphärisch unheimlich – in doppelten Wortsinn – dichte Erzählung, bei der sich hinter sprachlicher Jugendstilornamentik der reinste Schrecken verbirgt.

Furio Jesi wurde 1941 als Sohn einer jüdischen Familie in Turin geboren und starb 1980 bei einem häuslichen Unfall in Genua. Er lehrte deutsche Literatur an den Universitäten Palermo und Genua und übersetzte Werke von Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Elias Canetti ins Italienische. „L’ultima notte“, „Die letzte Nacht“, ist erstmals posthum 1987 erschienen. Inhalt: Vor vielen Jahrhunderten beherrschten die Vampire die Welt, nun leben sie im Verborgenen, in geheimen Kammern und unterirdischen Gängen. Bis sie eines Nachts das Zeichen ihres Herrn am Himmel erkennen, ein loderndes Flammenschwert, das ein neues Zeitalter ankündigt. In rasender Geschwindigkeit erobern die Vampire die Erde zurück, die Menschen müssen zusehen, wie ihre Städte verfallen und ihre Errungenschaften zerstört werden. Die Apokalypse steht bevor. Kann sich die Menschheit noch retten? Eine ironische und melancholische Parabel über die zerstörerische Weltherrschaft der Menschen.

Edition Atelier, Paul Leppin: „Severins Gang in die Finsternis“, Roman, Bibliothek der Nacht Bd. 1, hg. von Thomas Ballhausen, 128 Seiten

Edition Atelier, Furio Jesi: „Die letzte Nacht“, Roman, Bibliothek der Nacht Bd. 2, hg. von Thomas Ballhausen, 136 Seiten. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

www.editionatelier.at

Wien, 23. 9. 2015

Kojo Laing: Die Sonnensucher

August 3, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine Stadt im Umbruch

LaingCoverFürGrid-207x300Beni Baidoo ist für viele ein Narr, aber auch einer der letzten Weisen einer Stadt, die im Umbruch begriffen ist. Dort, wo noch alte Mythen und Legenden vorherrschen, andererseits die Moderne aber auch langsam Einzug hält. „Im Busch gleich hinter Accra, diesem Busch, den eine Handvoll wilder Perlhühner mit ihren Schreien aufwühlte, saß Beni Baidoo.“ So beginnt Kojo Laings großartiger Roman „Die Sonnensucher“ über die ghanaische Hauptstadt, ihren Weg zur Metropole, und die dort lebenden Menschen, die, jeder auf seine Art, einzigartig sind. Seine Protagonisten sind Suchende, teilweise orientierungslos. Visionen für die Zukunft haben sie kaum und leben in den Tag hinein. Einer dieser bunten Vögel, Beni, hat allerdings einen großen Traum: Er möchte ein eigenes Dorf gründen, ein kleines Paradies schaffen. Dafür reitet er auf seinem Esel durch die Stadt Accra, sammelt Spenden und hält Ausschau nach Damen, die sich zu Müttern vorkolonialer Nachkommen eignen.
Kojo Laings mitreißendes und mosaikartiges Bild einer Metropole und ihrer Bewohner ist der erste afrikanische Großstadtroman. Er steht im Spannungsfeld von westafrikanischer Erzählkunst und europäischer Moderne. Der Autor präsentiert dem Leser eine Vielzahl exzentrischer Charaktere – vom wirren Beni, dem von seiner Frau verlassenen Vater, der mit seinem Sohn und Enkel zusammenlebt, bis zum Bischof, der sich endlich zur Heirat durchringt – und führt durch das quirlige Leben von Accra im Ghana der 70er-Jahre, das politisch durch die Abfolge zahlreicher Militärregierung gekennzeichnet ist. Gesellschaftliche Stagnation und wuchernde Korruption breiten sich aus, ein tiefer Fall aus der Euphorie der ersten Jahre nach der Unabhängigkeit 1957.
Diese Zeit bietet auch allerlei Spielräume für Ganoven: Da ist der gierige Dr. Boadi, der versucht, zwei Rennpferde als Ackergäule getarnt durch den Zoll zu schmuggeln; als die Tiere ausbrechen, fällt der Betrug zwar vielen Augenzeugen auf, doch nur einer lässt sich sein Schweigen nicht erkaufen.
Aus den vielen Geschichten entsteht eine faszinierende, farbintensive Gesellschaftsparabel einer afrikanischen Metropole sowie die Bestandsaufnahme eines Landes im Umbruch. Laing spart aber auch nicht mit Gesellschaftskritik. Die ehemaligen kolonialen Machthaber wurden durch eine Klasse korrupter und machtgieriger Politiker ersetzt. Charakteristisch dafür ist die Szene, in der eine Demonstration damit endet, dass alle Teilnehmer von der Polizei zum Essen eingeladen werden, ein Angebot, das bereitwillig angenommen wird. Glückliche Paare gibt es keine. Beziehungen sind meist schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Fragmentierung der Gesellschaft macht auch vor der Familie nicht halt. Frauen, die ihren Männern zu alt geworden sind, werden verstoßen.
Und so ist der Roman zwar Satire und über weite Strecken komisch, auf der anderen Seite zeigt er jedoch auch die zerrissenen Seelen. Sie stehen zwischen zwei Welten und wissen nicht, wohin sie gehören, wie die Stadt Accra selbst, die einerseits noch Dorf ist, aber auch schon zur Mega-City heranwächst. Bezeichnend für viele Städte des afrikanischen Kontinents. Für Ilija Trojanow ist „Die Sonnensucher“ „ein Versuch, das brodelnde Chaos der jungen Metropole Accra abzubilden, die Dynamik sowie den Wahnsinn, die Gewinner sowie die Verlierer, geschrieben in den verschiedenen Dialekten der Stadt, von Pidgin bis hin zu kolonial geprägtem Englisch.“ (Dieses Sprachengewirr geht leider etwas in der deutschen Übersetzung verloren, dafür trifft Thomas Brückner die blumige, poetische Sprache Laings perfekt). Mit all seinen Facetten und Handlungssträngen, die ineinanderlaufen, entsteht so etwas wie eine Nacherzählung des Turmbaus zu Babel, und wenn eine der Protagonistinnen scheinbar durch die Lüfte fliegt und das Leben von oben betrachtet, wird alles zu einem niemals enden wollenden Hexensabbat.
Ein Danke an die Edition Büchergilde, die diesen Roman wiederentdeckt hat.

Über den Autor:
Kojo Laing wurde 1946 in Kumasi (Ghana) als ältester Sohn des anglikanischen Pfarrers George Ferguson Laing und Darling Egan geboren. 1968 schloss er seinen Master an der Universität von Glasgow in Geschichte und Politikwissenschaft ab, 1969 heiratete er und ging mit seiner Ehefrau nach Ghana zurück. Kojo Laings Arbeit umfasst bis heute vier Romane und einen Gedichtband. Seine Arbeit beschränkte sich ursprünglich auf Dichtungen, so dass erst 1986 sein erster Roman „Search Sweet Country“ (dt. „Die Sonnensucher“), erschien. Sein zweiter Roman „Women of the Aeroplanes“ erschien 1988 und 1992 „Major Gentl and the Achimota Wars“ und schließlich „Big Bishop Roko and the Altar Gangsters“ 2006.

Edition Büchergilde, Weltlese, Band 14, Kojo Laing: „Die Sonnensucher“, Roman, 544 Seiten. Aus dem Englischen von Thomas Brückner. Mit einem Nachwort von Ilija Trojanow

www.edition-buechergilde.de

Wien, 3. 8. 2015

Neuer Verlag: Edition Konturen

Mai 26, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Bücher von Hamburg bis Berlin

  • Wozu Musik?
  • Was kann Kunst?
  • Wozu arbeiten wir eigentlich hier?
  • Die Welt der Vorurteile
Bild: Wolfgang Pavlik (Ausschnitt) Courtesy Bildrecht, Wien 2014

Bild: Wolfgang Pavlik (Ausschnitt)
Courtesy Bildrecht, Wien 2014

Das sind die Titel der ersten Bücher der neu gegründeten EDITION KONTUREN, Wien und Hamburg. 

Verleger Georg Hauptfeld will mit den Büchern wissenschaftlich fundierte Antworten für den Alltag geben. Der Grund: Wir bekommen immer weniger Wissen, obwohl wir in Information ertrinken! Die Bücher der Edition Konturen wollen daher Klarheit schaffen und Orientierung bieten in einer Welt, in der es Verantwortung zu übernehmen gilt.

Inhalt: Die Bücher der Edition Konturen haben das Ziel, auf gesellschaftlich relevante Fragen zu antworten.

Das Design nimmt Anleihen beim frühen, innovativen Buchdesign des 15. und 16. Jahrhunderts. Weil es damals wie heute darum ging, dem Medium Buch eine optimale Gestalt zu verleihen. Und Bücher sind das ideale Medium dafür, Wissen zu entfalten: so kurz wie möglich, so lang wie nötig. Die Autorinnen und Autoren sind Experten auf ihrem Gebiet, die sich nicht scheuen, ihr Wissen in kompakter und verständlicher Form zu präsentieren – daher haben die Titel der Edition Konturen selten mehr als 200 Seiten.
Zusammen mit dem Buch erwirbt man eine digitale Version als E-Book sowie den Zugang zu den digitalen Inhalten: Anmerkungen, kommentierte Literaturangaben, Links, Register, Audiodateien, Weiterführendes, Aktualisierungen, Fotos, Videos, Lesungen, Texte, Listen, Ergänzungen …

26. 5. 2014