Salzburger Festspiele: Das Jedermann-Gespräch

Juli 10, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Allegorie der heutigen Gesellschaft

Verena Altenberger und Lars Eidinger. Bild: © SF/Anne Zeuner

Wenn Lars Eidinger mit Beginn der Salzburger Festspiele am 17. Juli den Domplatz als Jedermann betritt, sieht er sich nicht als der sterbende reiche Mann des Untertitels, er tritt auf als Allegorie der heutigen Gesellschaft. „Ich bin der privilegierte, toxische Mann und stelle mich selbst in Frage“, so der Schauspieler. Das Stück stehe einem Shakespeare in nichts nach und werde oft falsch verstanden. „Zu Unrecht!“, sagt Lars Eidinger. Sein Leben lang habe er es sich erträumt einmal den Jedermann zu

geben. Nun, da die Proben seit mehr als drei Wochen laufen, fühle er sich „dermaßen glücklich“. Viel Spaß am Proben und Spielen bedeute für ihn auch viel Kapazität zu haben und es nicht als Anstrengung zu empfinden. Dass er in dieser Produktion auf Augenhöhe mit Angela Winkler und Edith Clever spielen darf, sei keine Selbstverständlichkeit für ihn: „Manchmal denke ich, das kann gar nicht wahr sein.“

Im Sommer in Salzburg zu arbeiten, das war für Angela Winkler eigentlich keine Option. Doch dann kam das Angebot, als Mutter im „Jedermann“ zu spielen. „Als ich gehört habe, dass Lars Eidinger meinen Sohn spielt und auch Edith Clever im Ensemble ist, habe ich zugesagt“, sagt die Schauspielerin. Das Ensemble bezeichnet sie als „Familie“, die erste Probe auf dem Domplatz habe sie als unglaubliche Freiheit empfunden: „Ich habe sehr meine Naturliebe gespürt, ich konnte den Himmel sehen, habe Vögel und die Glocken gehört und das als sehr sinnlich wahrgenommen.“

Bei der ersten Probe auf dem Domplatz habe sie als Tod noch zu wenig Boden unter den Füßen gespürt, meint hingegen Edith Clever. Sie beschäftige sich in der Vorbereitung viel mit dem Bühnenraum und in dieser ersten Probe reichte das Spektrum von taghell und geblendet bis zur Dunkelheit. Die Art des Auftritts sei für sie auch ein wichtiges Thema: „Der Tod kommt plötzlich und ist da. Man will ihm vielleicht entkommen, aber am Ende muss man einen Weg finden, mit ihm umzugehen. In meinem Alter habe ich mich natürlich schon viel mit dem Thema beschäftigt, aber man lernt nie das Geheimnis zu ergründen.“

Edith Clever. Bild: © SF/Matthias Horn

Anna Rieser. Bild: © Stefan Klüter

Mavie Hörbiger. Bild: © Irina Gavrich

Nein, das Stichwort „Haare“ nerve sie nicht, erklärt die neue Buhlschaft Verena Altenberger. Vor Kurzem hat sie sich für die Rolle einer Krebskranken eine Glatze rasiert. „Ich mag die Debatte“, sagt sie. „Denn es ist einfach völlig egal, wie die Haare der Darstellerin der Buhlschaft aussehen.“ Bei der ersten Probe allerdings hat sich die Salzburgerin zuerst einmal in die letzte Reihe gesetzt und das Geschehen beobachtet. „Dann habe ich mich aber sehr schnell sehr wohl gefühlt auf der Bühne.“ Die Buhlschaft habe sie nie als Klischee-Frau empfunden, das Emanzipatorische sei der Rolle eingeschrieben. Ihr erster Instinkt sei gewesen, das Leid dieser Frau darstellen zu wollen, die Abhängigkeit vom Jedermann zu zeigen und sie aus den Fesseln zu befreien.

Etwa ab dem vierten Tag der Proben habe sich dieses Bild allerdings gewandelt. „Das war eine unnötige Suche, denn die beiden sind ein gleichberechtigtes Paar im Moment, in dem sie zusammen auf der Bühne stehen.“ Altenberger ist mittlerweile fest überzeugt, dass das Paar sich liebt. Ob sie ein Traumpaar sind? – Eidinger schreitet ein und formuliert es lieber als „Abrechnung mit dem Traumpaar und mit der Romantik“: „Es geht nicht um Versprechungen für die Zukunft, sondern um ganz reale Versprechungen im Hier und Jetzt.“

Der Teufel wird mit Mavie Hörbiger zum ersten Mal weiblich besetzt. „Das bedeutet mir insofern etwas, dass ich mir wünsche, dass es danach unerheblich ist, ob Schauspielerin oder Schauspieler die Rolle übernehmen“, sagt der Burgtheater-Star. Es sei eine Komiker- und gleichzeitig eine tragische Rolle, denn der Teufel hat bereits mit seinem Auftritt verloren, in dem ihm der Weg verwehrt wird. Auch der Glaube ist in diesem Jahr mit Kathleen Morgeneyer weiblich besetzt. „Nach dem zu suchen, was uns begleitet, was aber ungern ausgesprochen wird, das ist meine Aufgabe als Glaube“, sagt sie. Ohne Transzendenz sei es schwer für den Menschen zu existieren. „Ich glaube nicht, dass es ohne geht. Denn allein, dass wir alle geboren wurden, ist ein Wunder.“ Ob es einen wirklichen Kampf zwischen Glaube und Teufel geben werde, könne sie noch nicht verraten: „Für mich existiert zwischen den beiden eher eine große, fast erotische Anziehung.“

Michael Sturminger, Anna Rieser, Bettina Hering, Edith Clever, Mirco Kreibich, Tino Hillebrand, Gustav Peter Wöhler, Jörg Ratjen, Verena Altenberger, Lars Eidinger, Angela Winkler, Kathleen Morgeneyer, Anton Spieker und Mavie Hörbiger. Bild: © SF/Anne Zeuner

Gustav Peter Wöhler und Tino Hillebrand sind bereits im vergangenen Jahr als Dicker und Dünner Vetter aufgetreten. „Uns gibt es nur zu zweit“, sagt Tino Hillebrand. Doch, was die beiden auf der Bühne zeigen, sei in diesem Jahr etwas völlig Anderes als in den vergangenen Jahren. „Es macht Spaß, komisch zu sein“, sagt Gustav Peter Wöhler. Er erzwinge die Komik allerdings nie, sondern sie entstehe bei ihm oft einfach. Anton Spieker übernimmt die Rolles als Jedermanns guter Gesell. Er empfinde Lars Eidinger als Gesamtkunstwerk und tollen Kollegen, mit dem er sehr sensibel spielen könne. Jörg Ratjen, der den armen Nachbar spielt, habe erst im Probenprozess gemerkt, wie gut er das Stück wirklich finde. Er verriet, dass er in einer Art Gruppenkörper auf der Bühne zu sehen sein wird.

Mirco Kreibich wird in einer neu geschaffenen Doppelrolle als Schuldknecht und Mammon agieren und findet in der Kombination durchaus Verbindungen. „Jedermann verwehrt dem Schuldknecht den Schuldschein und klammert sich später am Mammon fest, um nicht allein in den Tod gehen zu müssen“, sagt er. An seiner Seite spielt Anna Rieser, mit Kay Voges neu ans Volkstheater Wien gekommen und bereits in dessen Produktion von Thomas Bernhards „Theatermacher“ aufgefallen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=46859) Des Schuldknechts Weib. Sie habe sich schon in ihrer Kindheit gewünscht, einmal live auf dem Domplatz spielen zu können. Dieser Wunsch erfüllt sich nun. Und wie geht man am Ende aus dem Stück heraus? „Es geht um die Frage ‚Wer bin ich‘“, so Lars Eidinger. Es habe etwas Tröstliches, am Ende bei sich selbst anzukommen und sich mit allen Fehlbarkeiten zu erkennen. „Darin liegt totale Schönheit.“

Lars Eidinger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=46992

Verena Altenberger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=47002

www.salzburgerfestspiele.at

10. 7. 2021

Auf Ediths Spuren – Tracking Edith

März 27, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wiener Superspionin des KGB

Selbstportrait Edith Tudor-Hart. Bild: © Familie Suschitzky

Ihre Fotografien zeigen hungrige Kinder vor Brotläden, ärmliche Menschen in schmutzigen Hinterhöfen, protestierende „Working Women“ im strömenden Regen … Edith Tudor-Hart war eine der wenigen Frauen, die in den 1930-Jahren fotografierten, und sie war eine von denen, die mehr taten, als nur abzulichten – nämlich die Kamera zum gesellschaftspolitischen Gewissen zu machen. Ein Film, „Auf Ediths Spuren – Tracking Edith“, von ihrem Großneffen Peter Stephan Jungk und ab 31. März in den heimischen Kimos zu sehen, beleuchtet nun das Leben dieser kontroversiellen Frau. Denn Tudor-Hart war aufgrund ihrer Überzeugungen eine Sowjetagentin.

Sie rekrutierte den Spion des Jahrhunderts, Kim Philby, und half mit, die Cambridge Five, den erfolgreichsten und berühmtesten Spionagering aufzubauen, den die Sowjetunion je beschäftigt hat. 1973 ist die gebürtige Wienerin im englischen Brighton verstorben. Der Film erzählt die mutmaßlich wahre Geschichte der österreichischen KGB-Starspionin, die maßgeblich daran beteiligt war, dass Russland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den Besitz der Atombombe kam. Jungks Doku folgt ihr wie der „Dritte Mann“ – sein erstes Bild ist tatsächlich wie bei Carol Reed das Riesenrad, Jungk erinnert sich aber auch daran, wie er als Kind mit Tante Edith in einer der Gondeln Richtung Himmel schaukelte.

Wo Originalmaterial aufgrund von Geheimhaltung fehlen muss, hilft sich der Regisseur – und dies ist sehr besonders – mit Animationsfilmsequenzen. Bestimmte Ereignisse aus Ediths Leben werden mithilfe knapper, intensiver, schwarz-weißer Szenen illustriert, die im Stil des Film Noir konzipiert sind – zum Beispiel jener Moment, als Edith im Londoner Regent’s Park den berühmt-berüchtigten Philby dem sowjetischen Geheimagenten Arnold Deutsch vorstellt, oder die Verbrennung ihrer Fotonegative, nachdem der englische Geheimdienst MI5 sie Anfang der 1950er-Jahre zum ersten Mal verdächtigte und ihre Wohnung stürmte …

Der Historiker Barry McLoughlin und Filmmacher Peter Stephan Jungk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Peter und Wolf Suschitzky und Misha Donat. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Dass Jungk dabei nie dem Leichtsinn verfällt, seine Verwandte anzuprangern, ist auch seinen Gesprächspartnern geschuldet: Ediths Bruder, der Fotograf und Kameramann Wolf Suschitzky, der 2016 im Alter von 104 Jahren verstorben ist, Paul Broda, Sohn des Physikers und Ediths Geliebtem Engelbert Broda, die Schriftstellerin Anna Kim, der Militär- und Geheimdiensthistoriker Nigel West und die Ex-KGB-Mitarbeiter Alexander Vassiliev und Igor Prelin. „Sowohl mein Vater, als auch mein Stiefvater wurden beschuldigt, den Kalten Krieg mitausgelöst zu haben. Aus meiner Sicht ist das besser, als ein heißer Krieg. Wenn sie zu einem Gleichgewicht des Schreckens beigetragen haben sollten, umso besser!“, sagt Paul Broda. Sein Bruder Christian, der sich früh vom Kommunismus losgesagt hatte, wurde in den siebziger Jahren Bruno Kreiskys Justizminister.

Bild: © Stadtkino Filmverleih

„Die Leute denken immer, Spione gleichen James Bond. Aber in Wahrheit … kann man über Spionage keinen wirklich guten Film machen. Spionage ist langweilig. Oder man muss ein sehr guter Spielfilm-Regisseur sein. Es müsste nämlich ein Film über Beziehungen sein, nicht über Spionage. Alles dreht sich dabei nämlich um zwischenmenschliche Beziehungen.

Zwei Menschen: Der eine will, dass der andere sein Land verrät“, sagt Alexander Vassiliev. Jungk gelingt ein eindringliches Bild eines Lebens, das ihm nicht gefällt. Gleich zu Beginn fragt er die Tante: „Wozu das alles, in das du da hineingeraten bist? Hat es sich gelohnt?“ Und: „Du hast diesem Höllenregime die Treue gehalten, dein Leben lang. Wie konntest du?“

www.trackingedith.com/

www.auf-ediths-spuren.com

Wien, 27. 3. 2017

Literaturwochenende auf der Schallaburg

Oktober 15, 2013 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Mit Josef Winkler, Ilija Trojanow, Susanne Scholl und Edith Kneifl

Ilija Trojanow Bild: Peter-Andreas Hassiepen

Ilija Trojanow
Bild: Peter-Andreas Hassiepen

Am 19. und 20. Oktober lädt die Schallaburg zu einem besonderen Literaturwochenende. Passend zur aktuellen Ausstellung „Das Indien der Maharadschas“ werden der Büchner-Preisträger Josef Winkler und Bestseller-Autor Ilija Trojanow den Samstagabend eine Lesung mit anschließendem Gespräch mit  Literaturwissenschafter Klaus Zeyringer gestalten. Mit ihren Werken „Mutter und der Bleistift“ (Josef Winkler, Suhrkamp 2013) und „Gebrauchsanweisung für Indien“ (Ilija Trojanow, Piper 2006) beleuchten sie das Phänomen „Indien“ aus literarischer Perspektive. Der Ausklang mit Wachauer Wein  leitet thematisch  zum Sonntag über. Da lädt nämlich Kurt Farasin um 11 Uhr zum (Lust)wandern und (Lust)wandeln in den historischen Garten der Schallaburg ein. Dabei ist zum Beispiel zu erfahren, dass die Gärten der indischen Großmoguln Vorbilder für die Renaissance-Gärten in Europa waren oder dass sich später so mancher indischer Maharadscha beim Bau seines Palastes an Renaissanceschlössern inspirierte.  Zwei weitere Weltbürgerinnen übernehmen im Anschluss mit Lesungen aus ihrem Werk „Donauweiber“ (Edition Aramo 2012) das Ruder. Susanne Scholl, Ikone der Osteuropa-Berichterstattung, portraitiert mit ihren Texten die Starköchin Lisl Wagner-Bacher. Die heimische Krimi-Größe Edith Kneifl begibt sich mit Texten über die Kapitänin Birgit Brandner auf stürmische Fahrt (Moderation: Sylvia Treudl, Unabhängiges Literaturhaus NÖ).

Zeit: Samstag, 19. Oktober 2013, 19:00 Uhr: Lesung und Diskussion zum Thema „Indien“

Josef Winkler und Ilija Trojanow, Moderation: Klaus Zeyringer

Sonntag, 20. Oktober 2013, 11:00 Uhr: Schlossgartenwanderung und Lesung

Gartenführung: Kurt Farasin

Lesung: Susanne Scholl und Edith Kneifl, Moderation: Sylvia Treudl

www.schallaburg.at

Wien, 15. 10. 2013

Maria Bill im Gespräch

September 24, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Glorious!“ am Wiener Volkstheater

Till Firit, Maria Bill Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Maria Bill
Bild: © Lalo Jodlbauer

Am 29. September hat am Wiener Volkstheater „Glorious!“ Premiere – eine Bühnenbiografie von Florence Foster Jenkins. Schon zu Lebzeiten eilte ihr der Ruf voraus, die schlechteste Sängerin der Welt zu sein, dieser schillernden Persönlichkeit des New Yorker Gesellschafts- und Künstlerlebens der 1920er- bis 40er-Jahre. Die reiche Erbin erfüllte sich in reiferem Alter ihren Lebenstraum von einer Gesangskarriere. Mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein trat sie bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und Konzerten vor ihr Publikum, Kritik und Zweifel fochten diese exzentrische und willensstarke Frau nicht an. Dabei war ihre Gesangsdarbietung – gelinde gesagt – abenteuerlich. Mit Intonation und Rhythmus nahm sie es nicht besonders genau, mit traumwandlerischer Sicherheit schrammte sie an vielen Noten des klassischen Liedguts vorbei. Zu hören ist dies heute noch durch eine Handvoll Tonaufnahmen. Bei der berühmten Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte oder bei der „Glöckchenarie“ aus Delibes’ Lakmé ist auch die stoische Ruhe ihres Begleitpianisten Cosme McMoon zu bewundern, der ihr durch alle Unwägbarkeiten geduldig folgt. Florences Auftritte wurden zu einer Art Geheimtipp, hatten Kultstatus in Philadelphia und später in New York, wo sie einmal pro Jahr im Ritz-Carlton-Hotel vor ausgewähltem Publikum in extravaganter Aufmachung erschien. 1944 kam es zu ihrem legendären Konzert in der Carnegie Hall, das in kürzester Zeit bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Das Publikum liebte sie aus einer Mischung von Rührung und Belustigung. Florence sang mit einer unerschütterlichen Begeisterung und ihr Glücksgefühl übertrug sich auf ihre Zuhörer. Das Stück des  englischen Dramatikers Peter Quilter ist eine Hommage an diese unglaubliche Frau und wurde bei seiner Uraufführung 2005 am Londoner Westend zu einem großen Erfolg. Ein kluger und umwerfend komischer Abend, der zeigt, wie man seinen Traum gegen alle Widerstände lebt. „People may say I can’t sing, but no one can ever say I didn’t sing.“ („Die Leute könnten behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte.“) Dieser Satz von Florence Foster Jenkins ist auch auf ihrem Grabstein zu lesen.

Ein Gespräch mit Hauptdarstellerin Maria Bill:

MM: Die wichtigste Frage zu Beginn: Wie kann jemand, der so eine großartige Stimme hat wie Sie, so singen wie Florence Foster Jenkins? Sie hat es ja geschafft jeden Ton NICHT zu treffen. Ich habe die Rachearie aus Mozarts „Zauberflöte“ von ihr gehört. Das ist abenteuerlich, als ob einer „der Katze auf den Schwanz steigt“.

Maria Bill: Das ist nicht einfach, das stimmt. Aber ich habe so unglaublich viel Liebe für diese Figur, für diese schwer zu fassende Persönlichkeit entwickelt, dass es gelingt. Sie war eine Künstlerin, über die die Leute einerseits gelacht, andererseits von Herzen applaudiert haben. iese Frau hat ihren Traum gelebt hat. Das trauen sich viele nicht. Und falls man Gehör hat, wird man auch das „Richtige“ im „Falschen“ hören. Ein Kritiker schrieb allerdings, er würde seinen Feinden wünschen, eine Stunde Florence Foster Jenkins hören zu müssen… Dabei war sie als Mensch offenbar sehr liebenswert, von großer Naivität, – sie glaubte,  zur Diva geboren zu sein.

MM: Florence Foster Jenkins starb mit 76 Jahren, nach einem Konzert, bei dem Sie sich völlig verausgabt hatte. Wie beurteilen Sie das Tragikomische der Figur?

Bill: Das war ein Konzert in der Carnegie Hall, bei dem 3000 Tickets zu Höchstpreisen weggingen. 2000 Leute mussten weggeschickt werden. Es hat eben immer auch Unterhaltungswert „über jemanden zu lachen“ – das ist tragisch. Sie aber war glücklich dabei. Wer kann das von sich behaupten? Dieses Glück weiterzuschenken sah sie als ihre Bestimmung an. Dabei hatte sie Verehrer von Caruso bis Cole Porter. Ersterer sagte: „Dieser Saal wird nie wieder etwas Ähnliches zu hören bekommen.“ Das kann man wunderbar zweideutig auffassen, – sie hat das als Kompliment verstanden. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit ihr klar war, wie sie falsch singt. Nach Studioaufnahmen beispielsweise fand sie „ein Tönchen gegen Ende – möglicherweise“ nicht astrein – der Tontechniker meinte: „Um einen Ton würde ich mir keine Sorgen machen.“ Sie hörte das Positive und konnte dem Leben ebensolches abgewinnen. Ihr Vater, ein Banker, war absolut dagegen, dass sie als Sängerin öffentlich auftritt, offenbar war er musikalischer als sie. Als er starb, hatte er ihr so viel Geld hinterlassen, dass sie auftreten konnte, wo immer sie wollte. Um ihren „Feinden“ zu „trotzen“, musste sich übrigens jeder, der eines ihrer Konzerte besuchen wollte, persönlich bei ihr vorstellen.

MM: Hätten Sie das auch gerne?

Bill: Um Gottes Willen! Nein. Ganz im Gegenteil. Bleibt das Publikum anonym für mich, bildet es eine Einheit. Ich bin im Kopf richtig „besetzt, abgelenkt, wenn ich weiß, dass zum Beispiel meine Eltern drinsitzen.

MM: Menschen wie Florence Foster Jenkins, die sich um ihr Geld alles kaufen können, werfen natürlich auch die Frage nach modernem Mäzenatentum, nach Sponsoren auf …

Bill: Wenn Kunst durch Mäzene zensuriert wird, fehlt ihr die Freiheit… Florence Foster Jenkins hat so etwas allerdings nie gebraucht. Sie hat sich mit ihrem Vermögen ihre Auftritte selbst gesponsert oder Konzerthallen gemietet.

MM: „Modern“ an der Geschichte scheint auch, dass sich da jemand selbst zum Star machte. So etwas kennt man heute am besten aus dem Fernsehen. Florence Foster Jenkins als Urmutter der It-Girls?

Bill: Ja, es gibt Menschen, die sich selbst inszenieren, und es gibt Plattformen, die das kaufen. Der Unterhaltungswert ist der, dass sich diese Leute lächerlich machen. Das sind meist gescheiterte, bedauernswerte Existenzen, die sich dem aussetzen. Florence Foster Jenkins hingegen hat sich rar gemacht. Sie gab ganz wenige Konzerte im Jahr. Schlechte Kritiken haben ihr sicher zugesetzt… Unter einem ihrer Programme stand: „Oh Sänger, wenn du nicht träumen kannst, lass dieses Lied ungesungen.“ Niemand wird jemals behaupten, dass Florence Foster Jenkins nicht träumen konnte. Sie schöpfte Freude und Kraft aus der Musik, und war überzeugt, diese Freude weiterschenken zu müssen.

MM: Sie haben Ihr Publikum 2012 mit einer „Farewell Tour“ Ihrer Lieblingslieder aufgeschreckt. Das war aber offenbar nicht so ernst gemeint. Es gibt demnächst eine neue CD.

Bill: Also: „aufschrecken“ wollte ich niemanden. Vor zwei Jahren entschloss sich die Plattenfirma, die ersten CDs, die längst vergriffen waren, mit Liedern wie „I mecht landen“ oder „Der Kaktus“ als Doppel-CD neu herauszubringen. Daraus wurde die „Farewell Tour“, ein Programm mit den Liedern von damals, – einmal noch! Abschied zu nehmen vom Singen, – damit würde ich mir selbst eine Lebensader abschneiden. Eben habe ich neue Piaf-Lieder mit meinen Musikern einstudiert. Diese Lieder werden im Piaf-Theaterabend eingebaut und in Konzerte. Die Geschichte dieser starken, emanzipierten Frau zu erzählen, die verschwenderisch lebte und liebte, das macht für mich Sinn. Eines meiner schönsten Erlebnisse war, als nach einem Konzert ein älteres Ehepaar auf mich zukam und sagte: „Wir haben heute Abend beschlossen, wieder mehr Feste zu feiern.“ Ist das nicht großartig? Das ist auch mein Motto: Den Tag zu nehmen, wie er ist, und ihn zu leben.

MM: Die neue CD erscheint am 10. Oktober. Wie muss ein Lied – oder auch eine Rolle – sein, dass Sie sich interessieren?

Bill: Das passiert nach Lust, Emotionen, Empfinden. Das entsteht durch Tipps, Anhören, Verlieben. Eines der neuen Lieder brachte ein Musiker mit ins Studio: Norbert Glanzberg, der für Piaf das berühmte „Padam, padam“ oder „Mon manège à moi“ geschrieben hat, komponierte auch das eher unbekannte „Le ballet des coeurs“. Das nehmen wir jetzt auf.

MM: Florence Foster Jenkins hatte auf der Bühne einen Pianisten, im Volkstheater spielt ihn Till Firit, der sie über alle Unwegsamkeiten begleitet hat. Wie wichtig sind Bühnenpartner für Sie?

Bill: (Sie lacht.) Ja, der arme Mann musste alle ihren falschen Töne und Rhythmen nachhoppeln.  Florende Foster Jenkins hatte es auch mit Texten nicht so genau genommen , hat bei nicht-englischsprachigen Arien einfach das gesungen, was sie verstanden hat. Mit Bühnenpartner ist es wie mit Lebenspartnern: Wenn die Chemie stimmt, geht alles wie von selbst, dann fühlt man sich gut aufgehoben. Und zu Till Firit darf ich sagen, dass er diesbezüglich einer meiner liebsten Kollegen ist.

MM: Wenn Sie sich, wie Florence Foster Jenkins, alles kaufen könnten, was wäre das?

Bill: Uff. Da muss ich nachdenken. – Pause – Ich würde mir eine Wohnung kaufen, damit ich keine Angst haben muss, einmal auf der Straße zu stehen. Ich würde mein Kind finanziell absichern und schöne Reisen machen wollen. Und den Rest würde ich umverteilen – dorthin, wo’s gebraucht wird.

MM: Michael Schottenberg ist der Regisseur von „Glorious!“. Wie geht er an das Thema heran?

Bill: So, dass Komödie und Tragödie sichtbar werden. Es darf nicht das Bild einer Lachnummer gezeigt werden, sondern  glaubhaft gemacht werden, dass sie sich als Diva erlebte, bezaubernd unfähig, einen Ton zu treffen und dabei Glück zu empfinden. Und die Beweggründe ihrer Fans, die sie über alles geliebt haben, sollen verständlich gemacht werden. Weil sie ein Herz hatte, weil sie Chuzpe hatte. Dem muss man etwas Positives abgewinnen können, um diese faszinierende „Künstlerin“ zu begreifen. Das wird eine Gratwanderung, die wir schön austarieren müssen.

www.volkstheater.at

www.mariabill.at

Zum Reinhören – Florence Foster Jenkins‘ „Rachearie“: www.youtube.com/watch?v=6h4f77T-LoM

Wien, 24. 9. 2013

Wiener Festwochen: „Tartuffe“

Juni 5, 2013 in Bühne

Deklamieren bis zum Defibrillieren

Joachim Meyerhoff, Gert Voss  Bild: Ruth Walz

Joachim Meyerhoff, Gert Voss
Bild: Ruth Walz

Als der große Gert Voss in Matthias Hartmanns Einstandsinszenierung „Faust“ als Mephisto so unglücklich stürzte, dass er sich schwer verletzte, und Joachim Meyerhoff für ihn einsprang, gab’s für die Wiener endlich wieder was zum Raunen: Der bessere Teufel ist … in dieser Stadt bekanntlich ja jeder ein Burgtheaterdirektor. Nun gab es Gelegenheit, die Titanen gemeinsam am Werk zu sehen. Festwochen-Chef Luc Bondy persönlich inszenierte am Akademietheater Molières „Tartuffe“. Mit Meyerhoff in der Titelrolle und Voss in der des Orgon. Und siehe da: kein „Kampf“, sondern feinstes Zusammenspiel. Die beiden sind eben unvergleichlich. Gut. Sprachartisten, selbst wenn ihnen die Situation gerade Sprachlosigkeit vorschreibt. Meister des Humors, den Ersterer sich auf der Zunge zergehen lässt, während ihn Zweiterer mit zunehmender Entdeckung der Täuschung zwischen den Zähnen zerbeißt. Der Abend: ein Solo für zwei.

Meister. Das war generell das Motto. Im detailverliebten Bühnenbildsalon (Richard Peduzzi) konnten die Zuschauer vor allem dem Sport frönen, der hier am Beliebtesten ist: Gemma Schauspielstars schauen! An der Burg kann Bondy aus dem Vollen schöpfen, Charakterdarsteller bis in die kleinsten Rollen. Schade, dass er in seiner zweistündigen Aufführung manche zu etwas ausführlicheren Stichwortgebern schrumpfte (Peter Knaack als wunderbar-cholerischer Damis, Philipp Hauß als sein aufgeklärt-abgeklärtes Pendant Cleante). Denn Bondy interessierte sich offenbar für die Dreiecksehedramakomödie – um das Ganze noch Lustspiel zu nennen, fehlte das dafür unerlässliche Timing – Tartuffe/Orgon/dessen Ehefrau Elmire, sehr schön verkörpert von Johanna Wokalek, in sehr schönen, sich in ständiger Selbstauflösung befindlichen Wickelkleidern. Dass hier ein Betrüger einen ganzen Haushalt in seine Gewalt bringen will, kommt schon auch vor. Am Ende dann. Selbst Gertraud Jesserer, deren Rolle „Madame Pernelle“, Orgons Mutter, man auch ausführlicher kennt, wurde fürs Regiekonzept mit dem Rollstuhl an die Wand gefahren.

Aber: Der Abend war in sich stimmig. Kompliment. Ein typischer Bondy. Bei niemandem als bei ihm ist das deutschsprachige Theater „frönsosischer“. Die Schauspielerei kein Hand-, sondern ein Kunstwerk. Pathos pur, lausig lustig, große Gesten, Edel-Ennui, Darsteller, getragen, tragen den Abend, Deklamieren bis zum Defibrillieren. Voss, unterm Tisch als Grandseigneur in der Geig’n, spielt den Herzkasperl. Oder sich in dessen Nähe. Er legt seinen Orgon nicht als bibberndes Häufchen Bigotterie an, sondern ist in Anzug samt Uhrenkette ein Herr, herrisch bis zur Tyrannei. Konzernchef könnte er sein. Industrieller. Politiker. Kein Wunder, dass sich Tochter Marianne (Adina Vetter, leider auch nur „Aufputz“) und ihr Verlobter Valere (Peter Miklusz) vor ihm fürchten. Der Mann ist ein Raubtier, aber sofort handzahm, tritt Tartuffe auf. Der hat seinen großen Auftritt hinter einem roten Samtvorhang heraustretend, einem Knaben noch die Haare und die Kleidung richtend, ihm versichernd, dass Gott ihnen beiden gewiss vergeben werde … Ja, Zeitbezug, schon gut, muss auch irgendwo hin. Immerhin ist Meyerhoff für Ahnungslose damit sofort als Schein-Heiliger enttarnt. Da können der brave Seitenscheitel und die Oberlehrer-Nickelbrille nichts mehr ausrichten. Man hat sich das Rampenlichtspektrum also aufgeteilt. Während Voss vom sonnigen Gelb in den Wutrotbereich wechselt, bleibt Meyerhoff lange für die anderen Figuren verdeckt im Ultraviolett. Als sanfter Schleimer, Wortklingler, Gehirnwäscher, mit dem schließlich sein Lustmolch durchgeht. Entgleist. Oje.

Die genial-gewagteste Besetzung Bondys ist aber Edith Clever als aufsässige Dienerin Dorine. Darf man über die Grande Dame sagen, sie liefere ein Kabinettstückchen nach dem anderen? So stellt man sich das vor, ein Faktotum, seit ewig im Haus, zu allem eine Meinung, auch, wenn man ihr ständig den Mund verbietet. Eine Fädenzieherin, fast Dea ex machina. Doch ist diese Aufgabe in männlicher Ausführung Michael König vorbehalten, der als Polizeibeamter zu Tartuffes Verhaftung erscheint. Und dabei zu einer erheiternden, beinah Hornek’schen Österreichrede antritt: „Wir sind ein Staat, der Korruption ahndet …“ Da tritt das Publikum hin und denkt sich seinen Teil … Bondy zeigt, auch durch seine Prosabearbeitung des Textes, dass es zwischen alt- und neumodisch eine beinah buddhistische Mitte gibt. Einer wie er  darf sich in Gelassenheit ergehen. Die „Welt“ schrieb, Bondy sei längst in seiner eigenen Klassik angelangt. Dem ist nichts hinzuzufügen.

www.festwochen.at

www.burgtheater.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-the-table/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-gift-eine-ehegeschichte/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-in-agonie/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-the-wild-duck/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-le-retour/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 6. 2013