Auf Ediths Spuren – Tracking Edith

März 27, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wiener Superspionin des KGB

Selbstportrait Edith Tudor-Hart. Bild: © Familie Suschitzky

Ihre Fotografien zeigen hungrige Kinder vor Brotläden, ärmliche Menschen in schmutzigen Hinterhöfen, protestierende „Working Women“ im strömenden Regen … Edith Tudor-Hart war eine der wenigen Frauen, die in den 1930-Jahren fotografierten, und sie war eine von denen, die mehr taten, als nur abzulichten – nämlich die Kamera zum gesellschaftspolitischen Gewissen zu machen. Ein Film, „Auf Ediths Spuren – Tracking Edith“, von ihrem Großneffen Peter Stephan Jungk und ab 31. März in den heimischen Kimos zu sehen, beleuchtet nun das Leben dieser kontroversiellen Frau. Denn Tudor-Hart war aufgrund ihrer Überzeugungen eine Sowjetagentin.

Sie rekrutierte den Spion des Jahrhunderts, Kim Philby, und half mit, die Cambridge Five, den erfolgreichsten und berühmtesten Spionagering aufzubauen, den die Sowjetunion je beschäftigt hat. 1973 ist die gebürtige Wienerin im englischen Brighton verstorben. Der Film erzählt die mutmaßlich wahre Geschichte der österreichischen KGB-Starspionin, die maßgeblich daran beteiligt war, dass Russland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den Besitz der Atombombe kam. Jungks Doku folgt ihr wie der „Dritte Mann“ – sein erstes Bild ist tatsächlich wie bei Carol Reed das Riesenrad, Jungk erinnert sich aber auch daran, wie er als Kind mit Tante Edith in einer der Gondeln Richtung Himmel schaukelte.

Wo Originalmaterial aufgrund von Geheimhaltung fehlen muss, hilft sich der Regisseur – und dies ist sehr besonders – mit Animationsfilmsequenzen. Bestimmte Ereignisse aus Ediths Leben werden mithilfe knapper, intensiver, schwarz-weißer Szenen illustriert, die im Stil des Film Noir konzipiert sind – zum Beispiel jener Moment, als Edith im Londoner Regent’s Park den berühmt-berüchtigten Philby dem sowjetischen Geheimagenten Arnold Deutsch vorstellt, oder die Verbrennung ihrer Fotonegative, nachdem der englische Geheimdienst MI5 sie Anfang der 1950er-Jahre zum ersten Mal verdächtigte und ihre Wohnung stürmte …

Der Historiker Barry McLoughlin und Filmmacher Peter Stephan Jungk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Peter und Wolf Suschitzky und Misha Donat. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Dass Jungk dabei nie dem Leichtsinn verfällt, seine Verwandte anzuprangern, ist auch seinen Gesprächspartnern geschuldet: Ediths Bruder, der Fotograf und Kameramann Wolf Suschitzky, der 2016 im Alter von 104 Jahren verstorben ist, Paul Broda, Sohn des Physikers und Ediths Geliebtem Engelbert Broda, die Schriftstellerin Anna Kim, der Militär- und Geheimdiensthistoriker Nigel West und die Ex-KGB-Mitarbeiter Alexander Vassiliev und Igor Prelin. „Sowohl mein Vater, als auch mein Stiefvater wurden beschuldigt, den Kalten Krieg mitausgelöst zu haben. Aus meiner Sicht ist das besser, als ein heißer Krieg. Wenn sie zu einem Gleichgewicht des Schreckens beigetragen haben sollten, umso besser!“, sagt Paul Broda. Sein Bruder Christian, der sich früh vom Kommunismus losgesagt hatte, wurde in den siebziger Jahren Bruno Kreiskys Justizminister.

Bild: © Stadtkino Filmverleih

„Die Leute denken immer, Spione gleichen James Bond. Aber in Wahrheit … kann man über Spionage keinen wirklich guten Film machen. Spionage ist langweilig. Oder man muss ein sehr guter Spielfilm-Regisseur sein. Es müsste nämlich ein Film über Beziehungen sein, nicht über Spionage. Alles dreht sich dabei nämlich um zwischenmenschliche Beziehungen.

Zwei Menschen: Der eine will, dass der andere sein Land verrät“, sagt Alexander Vassiliev. Jungk gelingt ein eindringliches Bild eines Lebens, das ihm nicht gefällt. Gleich zu Beginn fragt er die Tante: „Wozu das alles, in das du da hineingeraten bist? Hat es sich gelohnt?“ Und: „Du hast diesem Höllenregime die Treue gehalten, dein Leben lang. Wie konntest du?“

www.trackingedith.com/

www.auf-ediths-spuren.com

Wien, 27. 3. 2017

Literaturwochenende auf der Schallaburg

Oktober 15, 2013 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Mit Josef Winkler, Ilija Trojanow, Susanne Scholl und Edith Kneifl

Ilija Trojanow Bild: Peter-Andreas Hassiepen

Ilija Trojanow
Bild: Peter-Andreas Hassiepen

Am 19. und 20. Oktober lädt die Schallaburg zu einem besonderen Literaturwochenende. Passend zur aktuellen Ausstellung „Das Indien der Maharadschas“ werden der Büchner-Preisträger Josef Winkler und Bestseller-Autor Ilija Trojanow den Samstagabend eine Lesung mit anschließendem Gespräch mit  Literaturwissenschafter Klaus Zeyringer gestalten. Mit ihren Werken „Mutter und der Bleistift“ (Josef Winkler, Suhrkamp 2013) und „Gebrauchsanweisung für Indien“ (Ilija Trojanow, Piper 2006) beleuchten sie das Phänomen „Indien“ aus literarischer Perspektive. Der Ausklang mit Wachauer Wein  leitet thematisch  zum Sonntag über. Da lädt nämlich Kurt Farasin um 11 Uhr zum (Lust)wandern und (Lust)wandeln in den historischen Garten der Schallaburg ein. Dabei ist zum Beispiel zu erfahren, dass die Gärten der indischen Großmoguln Vorbilder für die Renaissance-Gärten in Europa waren oder dass sich später so mancher indischer Maharadscha beim Bau seines Palastes an Renaissanceschlössern inspirierte.  Zwei weitere Weltbürgerinnen übernehmen im Anschluss mit Lesungen aus ihrem Werk „Donauweiber“ (Edition Aramo 2012) das Ruder. Susanne Scholl, Ikone der Osteuropa-Berichterstattung, portraitiert mit ihren Texten die Starköchin Lisl Wagner-Bacher. Die heimische Krimi-Größe Edith Kneifl begibt sich mit Texten über die Kapitänin Birgit Brandner auf stürmische Fahrt (Moderation: Sylvia Treudl, Unabhängiges Literaturhaus NÖ).

Zeit: Samstag, 19. Oktober 2013, 19:00 Uhr: Lesung und Diskussion zum Thema „Indien“

Josef Winkler und Ilija Trojanow, Moderation: Klaus Zeyringer

Sonntag, 20. Oktober 2013, 11:00 Uhr: Schlossgartenwanderung und Lesung

Gartenführung: Kurt Farasin

Lesung: Susanne Scholl und Edith Kneifl, Moderation: Sylvia Treudl

www.schallaburg.at

Wien, 15. 10. 2013

Maria Bill im Gespräch

September 24, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Glorious!“ am Wiener Volkstheater

Till Firit, Maria Bill Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Maria Bill
Bild: © Lalo Jodlbauer

Am 29. September hat am Wiener Volkstheater „Glorious!“ Premiere – eine Bühnenbiografie von Florence Foster Jenkins. Schon zu Lebzeiten eilte ihr der Ruf voraus, die schlechteste Sängerin der Welt zu sein, dieser schillernden Persönlichkeit des New Yorker Gesellschafts- und Künstlerlebens der 1920er- bis 40er-Jahre. Die reiche Erbin erfüllte sich in reiferem Alter ihren Lebenstraum von einer Gesangskarriere. Mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein trat sie bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und Konzerten vor ihr Publikum, Kritik und Zweifel fochten diese exzentrische und willensstarke Frau nicht an. Dabei war ihre Gesangsdarbietung – gelinde gesagt – abenteuerlich. Mit Intonation und Rhythmus nahm sie es nicht besonders genau, mit traumwandlerischer Sicherheit schrammte sie an vielen Noten des klassischen Liedguts vorbei. Zu hören ist dies heute noch durch eine Handvoll Tonaufnahmen. Bei der berühmten Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte oder bei der „Glöckchenarie“ aus Delibes’ Lakmé ist auch die stoische Ruhe ihres Begleitpianisten Cosme McMoon zu bewundern, der ihr durch alle Unwägbarkeiten geduldig folgt. Florences Auftritte wurden zu einer Art Geheimtipp, hatten Kultstatus in Philadelphia und später in New York, wo sie einmal pro Jahr im Ritz-Carlton-Hotel vor ausgewähltem Publikum in extravaganter Aufmachung erschien. 1944 kam es zu ihrem legendären Konzert in der Carnegie Hall, das in kürzester Zeit bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Das Publikum liebte sie aus einer Mischung von Rührung und Belustigung. Florence sang mit einer unerschütterlichen Begeisterung und ihr Glücksgefühl übertrug sich auf ihre Zuhörer. Das Stück des  englischen Dramatikers Peter Quilter ist eine Hommage an diese unglaubliche Frau und wurde bei seiner Uraufführung 2005 am Londoner Westend zu einem großen Erfolg. Ein kluger und umwerfend komischer Abend, der zeigt, wie man seinen Traum gegen alle Widerstände lebt. „People may say I can’t sing, but no one can ever say I didn’t sing.“ („Die Leute könnten behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte.“) Dieser Satz von Florence Foster Jenkins ist auch auf ihrem Grabstein zu lesen.

Ein Gespräch mit Hauptdarstellerin Maria Bill:

MM: Die wichtigste Frage zu Beginn: Wie kann jemand, der so eine großartige Stimme hat wie Sie, so singen wie Florence Foster Jenkins? Sie hat es ja geschafft jeden Ton NICHT zu treffen. Ich habe die Rachearie aus Mozarts „Zauberflöte“ von ihr gehört. Das ist abenteuerlich, als ob einer „der Katze auf den Schwanz steigt“.

Maria Bill: Das ist nicht einfach, das stimmt. Aber ich habe so unglaublich viel Liebe für diese Figur, für diese schwer zu fassende Persönlichkeit entwickelt, dass es gelingt. Sie war eine Künstlerin, über die die Leute einerseits gelacht, andererseits von Herzen applaudiert haben. iese Frau hat ihren Traum gelebt hat. Das trauen sich viele nicht. Und falls man Gehör hat, wird man auch das „Richtige“ im „Falschen“ hören. Ein Kritiker schrieb allerdings, er würde seinen Feinden wünschen, eine Stunde Florence Foster Jenkins hören zu müssen… Dabei war sie als Mensch offenbar sehr liebenswert, von großer Naivität, – sie glaubte,  zur Diva geboren zu sein.

MM: Florence Foster Jenkins starb mit 76 Jahren, nach einem Konzert, bei dem Sie sich völlig verausgabt hatte. Wie beurteilen Sie das Tragikomische der Figur?

Bill: Das war ein Konzert in der Carnegie Hall, bei dem 3000 Tickets zu Höchstpreisen weggingen. 2000 Leute mussten weggeschickt werden. Es hat eben immer auch Unterhaltungswert „über jemanden zu lachen“ – das ist tragisch. Sie aber war glücklich dabei. Wer kann das von sich behaupten? Dieses Glück weiterzuschenken sah sie als ihre Bestimmung an. Dabei hatte sie Verehrer von Caruso bis Cole Porter. Ersterer sagte: „Dieser Saal wird nie wieder etwas Ähnliches zu hören bekommen.“ Das kann man wunderbar zweideutig auffassen, – sie hat das als Kompliment verstanden. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit ihr klar war, wie sie falsch singt. Nach Studioaufnahmen beispielsweise fand sie „ein Tönchen gegen Ende – möglicherweise“ nicht astrein – der Tontechniker meinte: „Um einen Ton würde ich mir keine Sorgen machen.“ Sie hörte das Positive und konnte dem Leben ebensolches abgewinnen. Ihr Vater, ein Banker, war absolut dagegen, dass sie als Sängerin öffentlich auftritt, offenbar war er musikalischer als sie. Als er starb, hatte er ihr so viel Geld hinterlassen, dass sie auftreten konnte, wo immer sie wollte. Um ihren „Feinden“ zu „trotzen“, musste sich übrigens jeder, der eines ihrer Konzerte besuchen wollte, persönlich bei ihr vorstellen.

MM: Hätten Sie das auch gerne?

Bill: Um Gottes Willen! Nein. Ganz im Gegenteil. Bleibt das Publikum anonym für mich, bildet es eine Einheit. Ich bin im Kopf richtig „besetzt, abgelenkt, wenn ich weiß, dass zum Beispiel meine Eltern drinsitzen.

MM: Menschen wie Florence Foster Jenkins, die sich um ihr Geld alles kaufen können, werfen natürlich auch die Frage nach modernem Mäzenatentum, nach Sponsoren auf …

Bill: Wenn Kunst durch Mäzene zensuriert wird, fehlt ihr die Freiheit… Florence Foster Jenkins hat so etwas allerdings nie gebraucht. Sie hat sich mit ihrem Vermögen ihre Auftritte selbst gesponsert oder Konzerthallen gemietet.

MM: „Modern“ an der Geschichte scheint auch, dass sich da jemand selbst zum Star machte. So etwas kennt man heute am besten aus dem Fernsehen. Florence Foster Jenkins als Urmutter der It-Girls?

Bill: Ja, es gibt Menschen, die sich selbst inszenieren, und es gibt Plattformen, die das kaufen. Der Unterhaltungswert ist der, dass sich diese Leute lächerlich machen. Das sind meist gescheiterte, bedauernswerte Existenzen, die sich dem aussetzen. Florence Foster Jenkins hingegen hat sich rar gemacht. Sie gab ganz wenige Konzerte im Jahr. Schlechte Kritiken haben ihr sicher zugesetzt… Unter einem ihrer Programme stand: „Oh Sänger, wenn du nicht träumen kannst, lass dieses Lied ungesungen.“ Niemand wird jemals behaupten, dass Florence Foster Jenkins nicht träumen konnte. Sie schöpfte Freude und Kraft aus der Musik, und war überzeugt, diese Freude weiterschenken zu müssen.

MM: Sie haben Ihr Publikum 2012 mit einer „Farewell Tour“ Ihrer Lieblingslieder aufgeschreckt. Das war aber offenbar nicht so ernst gemeint. Es gibt demnächst eine neue CD.

Bill: Also: „aufschrecken“ wollte ich niemanden. Vor zwei Jahren entschloss sich die Plattenfirma, die ersten CDs, die längst vergriffen waren, mit Liedern wie „I mecht landen“ oder „Der Kaktus“ als Doppel-CD neu herauszubringen. Daraus wurde die „Farewell Tour“, ein Programm mit den Liedern von damals, – einmal noch! Abschied zu nehmen vom Singen, – damit würde ich mir selbst eine Lebensader abschneiden. Eben habe ich neue Piaf-Lieder mit meinen Musikern einstudiert. Diese Lieder werden im Piaf-Theaterabend eingebaut und in Konzerte. Die Geschichte dieser starken, emanzipierten Frau zu erzählen, die verschwenderisch lebte und liebte, das macht für mich Sinn. Eines meiner schönsten Erlebnisse war, als nach einem Konzert ein älteres Ehepaar auf mich zukam und sagte: „Wir haben heute Abend beschlossen, wieder mehr Feste zu feiern.“ Ist das nicht großartig? Das ist auch mein Motto: Den Tag zu nehmen, wie er ist, und ihn zu leben.

MM: Die neue CD erscheint am 10. Oktober. Wie muss ein Lied – oder auch eine Rolle – sein, dass Sie sich interessieren?

Bill: Das passiert nach Lust, Emotionen, Empfinden. Das entsteht durch Tipps, Anhören, Verlieben. Eines der neuen Lieder brachte ein Musiker mit ins Studio: Norbert Glanzberg, der für Piaf das berühmte „Padam, padam“ oder „Mon manège à moi“ geschrieben hat, komponierte auch das eher unbekannte „Le ballet des coeurs“. Das nehmen wir jetzt auf.

MM: Florence Foster Jenkins hatte auf der Bühne einen Pianisten, im Volkstheater spielt ihn Till Firit, der sie über alle Unwegsamkeiten begleitet hat. Wie wichtig sind Bühnenpartner für Sie?

Bill: (Sie lacht.) Ja, der arme Mann musste alle ihren falschen Töne und Rhythmen nachhoppeln.  Florende Foster Jenkins hatte es auch mit Texten nicht so genau genommen , hat bei nicht-englischsprachigen Arien einfach das gesungen, was sie verstanden hat. Mit Bühnenpartner ist es wie mit Lebenspartnern: Wenn die Chemie stimmt, geht alles wie von selbst, dann fühlt man sich gut aufgehoben. Und zu Till Firit darf ich sagen, dass er diesbezüglich einer meiner liebsten Kollegen ist.

MM: Wenn Sie sich, wie Florence Foster Jenkins, alles kaufen könnten, was wäre das?

Bill: Uff. Da muss ich nachdenken. – Pause – Ich würde mir eine Wohnung kaufen, damit ich keine Angst haben muss, einmal auf der Straße zu stehen. Ich würde mein Kind finanziell absichern und schöne Reisen machen wollen. Und den Rest würde ich umverteilen – dorthin, wo’s gebraucht wird.

MM: Michael Schottenberg ist der Regisseur von „Glorious!“. Wie geht er an das Thema heran?

Bill: So, dass Komödie und Tragödie sichtbar werden. Es darf nicht das Bild einer Lachnummer gezeigt werden, sondern  glaubhaft gemacht werden, dass sie sich als Diva erlebte, bezaubernd unfähig, einen Ton zu treffen und dabei Glück zu empfinden. Und die Beweggründe ihrer Fans, die sie über alles geliebt haben, sollen verständlich gemacht werden. Weil sie ein Herz hatte, weil sie Chuzpe hatte. Dem muss man etwas Positives abgewinnen können, um diese faszinierende „Künstlerin“ zu begreifen. Das wird eine Gratwanderung, die wir schön austarieren müssen.

www.volkstheater.at

www.mariabill.at

Zum Reinhören – Florence Foster Jenkins‘ „Rachearie“: www.youtube.com/watch?v=6h4f77T-LoM

Wien, 24. 9. 2013

Wiener Festwochen: „Tartuffe“

Juni 5, 2013 in Bühne

Deklamieren bis zum Defibrillieren

Joachim Meyerhoff, Gert Voss  Bild: Ruth Walz

Joachim Meyerhoff, Gert Voss
Bild: Ruth Walz

Als der große Gert Voss in Matthias Hartmanns Einstandsinszenierung „Faust“ als Mephisto so unglücklich stürzte, dass er sich schwer verletzte, und Joachim Meyerhoff für ihn einsprang, gab’s für die Wiener endlich wieder was zum Raunen: Der bessere Teufel ist … in dieser Stadt bekanntlich ja jeder ein Burgtheaterdirektor. Nun gab es Gelegenheit, die Titanen gemeinsam am Werk zu sehen. Festwochen-Chef Luc Bondy persönlich inszenierte am Akademietheater Molières „Tartuffe“. Mit Meyerhoff in der Titelrolle und Voss in der des Orgon. Und siehe da: kein „Kampf“, sondern feinstes Zusammenspiel. Die beiden sind eben unvergleichlich. Gut. Sprachartisten, selbst wenn ihnen die Situation gerade Sprachlosigkeit vorschreibt. Meister des Humors, den Ersterer sich auf der Zunge zergehen lässt, während ihn Zweiterer mit zunehmender Entdeckung der Täuschung zwischen den Zähnen zerbeißt. Der Abend: ein Solo für zwei.

Meister. Das war generell das Motto. Im detailverliebten Bühnenbildsalon (Richard Peduzzi) konnten die Zuschauer vor allem dem Sport frönen, der hier am Beliebtesten ist: Gemma Schauspielstars schauen! An der Burg kann Bondy aus dem Vollen schöpfen, Charakterdarsteller bis in die kleinsten Rollen. Schade, dass er in seiner zweistündigen Aufführung manche zu etwas ausführlicheren Stichwortgebern schrumpfte (Peter Knaack als wunderbar-cholerischer Damis, Philipp Hauß als sein aufgeklärt-abgeklärtes Pendant Cleante). Denn Bondy interessierte sich offenbar für die Dreiecksehedramakomödie – um das Ganze noch Lustspiel zu nennen, fehlte das dafür unerlässliche Timing – Tartuffe/Orgon/dessen Ehefrau Elmire, sehr schön verkörpert von Johanna Wokalek, in sehr schönen, sich in ständiger Selbstauflösung befindlichen Wickelkleidern. Dass hier ein Betrüger einen ganzen Haushalt in seine Gewalt bringen will, kommt schon auch vor. Am Ende dann. Selbst Gertraud Jesserer, deren Rolle „Madame Pernelle“, Orgons Mutter, man auch ausführlicher kennt, wurde fürs Regiekonzept mit dem Rollstuhl an die Wand gefahren.

Aber: Der Abend war in sich stimmig. Kompliment. Ein typischer Bondy. Bei niemandem als bei ihm ist das deutschsprachige Theater „frönsosischer“. Die Schauspielerei kein Hand-, sondern ein Kunstwerk. Pathos pur, lausig lustig, große Gesten, Edel-Ennui, Darsteller, getragen, tragen den Abend, Deklamieren bis zum Defibrillieren. Voss, unterm Tisch als Grandseigneur in der Geig’n, spielt den Herzkasperl. Oder sich in dessen Nähe. Er legt seinen Orgon nicht als bibberndes Häufchen Bigotterie an, sondern ist in Anzug samt Uhrenkette ein Herr, herrisch bis zur Tyrannei. Konzernchef könnte er sein. Industrieller. Politiker. Kein Wunder, dass sich Tochter Marianne (Adina Vetter, leider auch nur „Aufputz“) und ihr Verlobter Valere (Peter Miklusz) vor ihm fürchten. Der Mann ist ein Raubtier, aber sofort handzahm, tritt Tartuffe auf. Der hat seinen großen Auftritt hinter einem roten Samtvorhang heraustretend, einem Knaben noch die Haare und die Kleidung richtend, ihm versichernd, dass Gott ihnen beiden gewiss vergeben werde … Ja, Zeitbezug, schon gut, muss auch irgendwo hin. Immerhin ist Meyerhoff für Ahnungslose damit sofort als Schein-Heiliger enttarnt. Da können der brave Seitenscheitel und die Oberlehrer-Nickelbrille nichts mehr ausrichten. Man hat sich das Rampenlichtspektrum also aufgeteilt. Während Voss vom sonnigen Gelb in den Wutrotbereich wechselt, bleibt Meyerhoff lange für die anderen Figuren verdeckt im Ultraviolett. Als sanfter Schleimer, Wortklingler, Gehirnwäscher, mit dem schließlich sein Lustmolch durchgeht. Entgleist. Oje.

Die genial-gewagteste Besetzung Bondys ist aber Edith Clever als aufsässige Dienerin Dorine. Darf man über die Grande Dame sagen, sie liefere ein Kabinettstückchen nach dem anderen? So stellt man sich das vor, ein Faktotum, seit ewig im Haus, zu allem eine Meinung, auch, wenn man ihr ständig den Mund verbietet. Eine Fädenzieherin, fast Dea ex machina. Doch ist diese Aufgabe in männlicher Ausführung Michael König vorbehalten, der als Polizeibeamter zu Tartuffes Verhaftung erscheint. Und dabei zu einer erheiternden, beinah Hornek’schen Österreichrede antritt: „Wir sind ein Staat, der Korruption ahndet …“ Da tritt das Publikum hin und denkt sich seinen Teil … Bondy zeigt, auch durch seine Prosabearbeitung des Textes, dass es zwischen alt- und neumodisch eine beinah buddhistische Mitte gibt. Einer wie er  darf sich in Gelassenheit ergehen. Die „Welt“ schrieb, Bondy sei längst in seiner eigenen Klassik angelangt. Dem ist nichts hinzuzufügen.

www.festwochen.at

www.burgtheater.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-the-table/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-gift-eine-ehegeschichte/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-in-agonie/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-the-wild-duck/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-le-retour/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 6. 2013

Wiener Festwochen: Programmvorschau

April 25, 2013 in Bühne

Martin Kusej, Bruno Ganz, Edith Clever, Johan Simons

Nicolas Stemann und Robert Lepage sind zu Gast

Ein Tränlein hatte er schon im Blick, als Wiener-Festwochen-Intendant Luc Bondy am 25. April im MuseumsQuartier das letzte von ihm verantwortete Festival (10. Mai bis 16. Juni) in Österreichs Hauptstadt ansagte. „Ich bin kein wehmütiger Mensch, vor allem keiner, der das Geschehen in seiner Vergangenheit preist“, so Bondy, der seiner Mitstreiter Klaus Michael Grüber, Peter Zadek, Frank Castorf, Christoph Marthaler, Patrice Chéreau, Luca Ronconi, Alvis Hermanis, Johan Simons, Peter Stein, Peter Sellars, Simon McBurney, Krystian Lupa, Deborah Warner, William Kentridge …. gedachte. Und Marie Zimmermann als Schauspielchefin. „Wir vermissen sie. Es war mitten in der Festwochen-Zeit, als ich Lear an der Burg probte, als sie sich das Leben nahm. Es war ein riesiger Schock.“

Le Retour / Die Heimkehr Bruno Ganz Bild: Ruth Walz

Le Retour / Die Heimkehr
Bruno Ganz
Bild: Ruth Walz

Mehr oder weniger Tränlein wischten sich auf dem Podium des Achitekturzentrums auch ihre Nachfolgerin als Schauspieldirektorin, Stefanie Carp, aus den Augenwinkeln. Welch ein Verlust für Wien! Eine Garantin für „Aufwind“ und Innovationswillen, die Überschreitung von Grenzen zwischen Genres und in viele weitere Länder und Kontinente, hin zu neuen Formaten und Ästhetiken. Und der (meist durch Abwesenheit) glänzende Musikdirektor Stephane Lissner. Die Wiener Festwochen 2013 bieten 41 Produktionen – darunter zehn Uraufführungen und vier Neuinszenierungen aus 36 Ländern.

Die Eröffnung findet am 10. Mai auf dem Wiener Rathausplatz unter dem Motto „Wien, Wien, nur du allein?“ statt  und ist -no na – dem Wienerlied gewidmet. Als Moderator wird Nicholas Ofczarek durch die Nacht führen. Mitwirkende: Die Strottern, Angelika Kirchschlager, Ernst Molden, Philharmonia Schrammeln Wien, Willi Resetarits & Stubnblues, Michael Schade, Walther Soyka, Fatima Spar und Ursula Strauss.

Das Musikprogramm dominiert der 200. Geburtstag von Wagner und Verdi. So wird die Verdi-Trilogie der Festwochen mit einer Neuinszenierung von „Il Trovatore“ abgeschlossen. Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl wird zum ersten Mal in Wien inszenieren; es dirigierit der Israeli Omer Meir Wellber. Mit der Sensation der diesjährigen Opernsaison, dem im Sommer beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführten „Written on Skin“ von George Benjamin mit einem Text von Martin Crimp, kommt eine Oper nach Wien, der das schier Unmögliche gelungen ist, die Erwartungen der unterschiedlichsten Publikumskreise zu erfüllen – von den vom hohen Können des Komponisten begeisterten Liebhabern der klassisch-romantischen Oper bis zu den Fans des zeitgenössischen Theaters, die der „poetische Realismus“ des Librettos und seine eindrucksvolle dramatische Umsetzung in der Inszenierung von Katie Mitchell faszinierten. Die Uraufführungen der Musiktheaterprojekte JOIN! (Oper von Franz Koglmann nach einem Libretto von Alfred Zellinger) und „Die Ballade von El Muerto“ (Musiktheater von Diego Collatti mit einem Text von Juan Tafur im Rahmen der Programmschiene Into the City), koproduziert mit den Ensembles netzzeit und progetto semiserio, demonstrieren den Willen der Wiener Festwochen, der innovativen zeitgenössischen Wiener Szene jene Bühne zu bieten, auf der diese im Blickfeld der Welt den Blick auf die Welt richten kann.
Die Reihe Into the City widmet sich dem Thema music and politics und stellt in unterschiedlichen Formaten und Zusammenhängen die gesellschaftliche Bedeutung von Musik in unserer Zeit heraus. Workshops und Konzerte in verschiedenen Einrichtungen und Örtlichkeiten verbinden das diesjährige Into the City Festivalzentrum im Wien Museum Karlsplatz mit der Stadt.

Im Schauspielprogramm finden acht Uraufführungen statt: „Todo el cielo sobre la tierra. El sindrome de Wendy“ von Angelica Lidell und Swamp Clup von Philippe Quesne erkunden im Grenzbereich von Performance, Tanz und Schauspiel die Beziehungen zwischen privatem Erlebtem und politschem Raum. Eine Auftragsarbeit ist Christoph Marthalers neues Projekt „Letzte Tage. Ein Vorabend“. Im Mittelpunkt der Aufführung im historischen Sitzungssaal des Parlaments stehen Kompositionen aus Wien vertriebener Komponisten und Texte, die sich mit der nationalen Aufrüstung vor dem Ersten Weltkrieg und rassistischen wie nationalsozialistischen Tendenzen in Europa auseinandersetzen. In „Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine“ versuchen Regisseur Nicolas Stemann und eine Gruppe von Künstlern aktuelle Geschehnisse in einen Theaterabend umzuwandeln. Jeden Abend ist so etwas Neues zu sehen.

Die Stars: Als Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater führt der dortige Intendant Martin Kusej bei der Schauspieltrilogie „In Agonie“. Eine Neuinszenierung für Wien. Autor Miroslav Krležas beschreibt den Zerfall des Habsburgerreichs von Kroatien aus. Es spielen Manfred Zapatka, Sophie von Kessel und  Johannes Zirner. Luc Bondy selbst inszeniert Molieres „Tartuffe“ am Burgtheater mit Edith Clever, Johanna Wokalek, Joachim Meyerhoff und Gert Voss. Aus seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, bringt er seine Harold-Pinter-Arbeit „Le Retour“ (Die Heimkehr) mit Bruno Ganz und Emmanuelle Seigner mit.

Die junge brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy erzählt in der teils theatralischen, teils filmischen Arbeit „Julia“ (nach Strindbergs „Fräulein Julie“, dass überkommene patriarchale Machtstrukturen in einer segregierten Gesellschaft stärker sind als die Gefühle. Der junge australische und gerade zu entdeckende Regisseur Simon Stone verhandelt in einer heutigen Ibsen-Wildente „The Wild Duck“ die private und soziale Krise der abstürzenden Middle Class.

Neu im Programm ist Johan Simons Regiearbeit von Lot Vekemans Stück „Gift. Eine Ehegeschichte“, die Story eines Ehepaares, das sich nach dem Tod ihres einzigen Kindes getrennt hat. Sechs Jahre nach der Scheidung treffen sie einander wieder am Grab des Kindes und sprechen über ihren Schmerz. Simons inszeniert dieses ergreifend. Mit Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen und dem Countertenor Steve Dugardin. Robert Lepage kehrt mit seiner neuen Idee „Playing Cards 1: Spades“ ebenso zurück nach Wien wie Romeo Castelluci mit seinem berühmten „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio / Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“, bei dem sich ein Mann um seinen greisen Vater kümmert.

Neuentdeckung: Die Wiener Regisseurin, Salon-5-Prinzipalin und Reinhardt-Seminar-Professorin wird Robert Neumanns Roman „Die Kinder von Wien oder oder HOWEVERSTILLALIVE“ für die Bühne adaptieren. In seinem satirischen Roman führt uns Neumann, nach London emigrierter jüdischer Romancier aus Wien, in einen Keller im Nachkriegsjahr 1946. Fünf Kinder hausen hier in einer Wohngemeinschaft des Schreckens, aber auch der anarchischen Freiheit. Eine Geschichte über die „Trotzdemimmernochlebendigen“, die den Krieg, jeden Krieg überstehen …

Gesamtprogramm und Termine: www.festwochen.at

Interviews zu den wichtigsten Produktionen und Rezensionen: www.mottingers-meinung.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 4. 2013