Bronski & Grünberg: Die roten Augen von London

Januar 7, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der ultimative Edgar-Wallace-Irrwitz

Die üblichen Verdächtigen: Daniela Golpashin, Elias Krischke, Dominic Oley, Gerhard Kasal. Elisa Seydel, Fritz Hammel und Kimberly Rydell. Bild: © Philine Hofmann

„Hallo, hier spricht …“ muss selbstverständlich der erste Satz sein, auch wenn vors „frei nach“ nicht weniger als sieben sehr geschrieben sind. Fürs Bronski & Grünberg hat sich Theaterdreifaltigkeit Dominic Oley diesmal einen Edgar-Wallace-Fall zur Brust genommen, hat aus den toten „Die roten Augen von London“ gemacht – und die Story um eine blinde Verbrecherbande mit dem ihm eigenen, heißt: Wahn- wie Hintersinn, bronskifiziert. A Show with everything but Ady Berber!

Die Jahresauftaktpremiere an Wiens erster Adresse für Progressiv-Boulevard ist auf Hochglanz gewixxt, Slapstick, Satire, Nebelschwaden, mit elegant-ernsthafter Einfassung an den Rändern. Es ist bemerkenswert, wie mühelos es Autor-Regisseur Oley gelingt, dem Krimi, vor allem der in punkto Skurrilität – ob Augenzwinkern, ob Unvermögen? – nicht festzumachenden Verfilmung, an Irrwitz eins draufzusetzen. Textzeilen wie, Chefinspektor Larry Holt: „Heute Morgen wurde wieder eine Leiche aus der Themse angeschwemmt.“ Sergeant Harvey: „Empörend! Wird denn in diesem Land überhaupt niemand mehr erschossen?“, muss man erst einmal toppen.

Die Aufführung fährt von Anfang bis Ende in Höchstgeschwindigkeit, der Wortwitz fliegt tief, bitte raten, was sich gunstgewerblerisch auf Roger Moore reimt, und apropos: Unvermögen, klar wird sich in diesem Spiel um Sex & Drugs & großes Geld auch ins Politische verbissen – ganz nach der Bronski-Parole, in Zeiten wie diesen, ist es Zeit für die Komödie, denn die Komödie ist immer noch der Glauben an das Gelingen in dieser Welt. Und so werden nun in der Müllnergasse so steinreiche wie steinalte wie mausetote Männer aus der Themse gefischt, offenbar ertrunkene Millionäre mit abnormal geröteten Augen.

Für Scotland Yard und seine Führungsspitze ist das eine verflixte Sache, ist die brillanteste Doppel-Null-Agentin doch auf Zwangsurlaub geschickt worden, nachdem sie die Innenministerin beim Staatsverhökern auf einer spanischen Insel beschattet hat. Meanwhile muss eine ambitionierte, kleine West-End-Bühne mangels Subventionierung beinah schließen, doch wird der selbstironische Seitenhieb von einem geheimnisvollen Spender abgefangen, der dem Theater allmonatlich einen großzügigen Betrag überbringen lässt.

Bild: © Philine Hofmann

Bild: © Philine Hofmann

Bild: © Philine Hofmann

Von einem – Achtung! – blinden Boten, womit die Spur ins nächstgelegene Blindenheim führt, das sich zufällig im selben Haus befindet, wie jene Assekuranz, bei der die ums Leben gebrachten Geldsäcke versichert waren. Während eine Todesliste in Brailleschrift auftaucht, unpassende Aphorismen gerade noch die Kurve kratzen, und die neurotisch-erotische Superermittlerin Colt, Kimberly Rydell, ihr Pantscherl mit dem Chefpathologen Stefan Lasko pflegt, muss der in erster Linie mit Ehefrau und Einkäufen bei Carrotts beschäftigte Polizeichef Fritz Hammel – „Meine Fresse, die Presse!“ – vor ebendieser seine Unfähigkeit rechtfertigen.

Vom Feinsten ist sein Zwiegespräch mit dem zum Friseur mutierten einstigen Flimmer-Fred, ein Philosophieren um bedingungsloses Grundeinkommen, Vermögensobergrenze und eine Welt, in der die Menschen ihr Zuviel teilen. Und da die Morde ja kein zack-zack Einzelfall sind, stellt sich nun schon die Frage, ob hier Umverteilung – natürlich nicht vom Staat, mehr privat – in großem Stil betrieben wird. Im durchwegs großartigen Ensemble ist Elias Krischke nicht nur als Freddy, sondern im Mehrfacheinsatz brillant, ob er als dienstbeflissen-dämlicher Sergeant Eddi Arent alle Ehre macht oder als blinder Benny was vom „bösen Ort“ stammelt, bevor er stunttechnisch einwandfrei von der Bühne fällt.

Dass dem Burgtheater-Bakchen-Chorist mit seinem „Die Sache mit den Laufbändern habe ich nicht verstanden“ ein Insidergag und darob amüsiertes Lachen geschenkt ist, ist nur eine der geglückten Petitessen dieser zwischen herzhaft groteskem Humor und geschliffener Politpointe changierenden Produktion. Gerhard Kasal verkörpert in Personalunion Reverend Dearborn und Rechtsanwalt Judd, und per Erscheinungsbild auch des Edgar-Wallace-Publikums liebsten Bösewicht. Again the Ringer! Die somit drei Sehkraftlosen lassen Elisa Seydel als religiös-sadistische Klosterschwester Agnes über, nein – nicht die Klinge, den Blindenstock springen. Virtuos im Dialog-Ping-Pong und in komödiantischer Höchstform sind auch Daniela Golpashin und Florian Carove.

Die zwei gescheiterte West-End-Existenzen, wie Wladimir und Estragon auf Oley-Art, die auf der Suche nach einem Papagei mit Opernsängerqualitäten auf den Plappervogel im Blindenheim stoßen, der immerhin die Uhrzeit sagen und ungarische Kantaten singen kann. Ob der Kriminalfall am Schluss als geklärt zu betrachten ist, bleibt dem Urteil des einzelnen überlassen, jedenfalls taucht weder der unheimliche noch der Mönch mit der Peitsche, aber Stefan Lasko wie ein Frosch ohne Maske aus dem Nass auf. An Schuldigen werden dingfest gemacht: politische Gleichgültigkeit, fehlende soziale Utopien und schlechtes Benehmen. Nach gebührendem Jubel-Trubel zog’s die Zuschauer weiter – ins Gasthaus an der Themse aka die Flamingo-Bar.

www.bronski-gruenberg.at           Little extra for nostalgics: www.youtube.com/watch?v=6l_2D6CpbCo

tv-thek.orf.at/profile/Seitenblicke/4790197/Seitenblicke/14037213/Premiere-im-Bronski-Gruenberg/14619689

  1. 1. 2020

Raimundspiele Gutenstein: Der Diamant des Geisterkönigs

Juli 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Prinzipalin Eckert zeigt Volkstheater vom Feinsten

Ein gütiger Geisterkönig: Karl Ferdinand Kratzl mit Annette Isabella Holzmann, Alexandra-Maria Timmel und Christoph Moosbrugger. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Ein gütiger Geisterkönig: Karl Ferdinand Kratzl mit Annette Isabella Holzmann, Alexandra-Maria Timmel und Christoph Moosbrugger. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Wie Karl Ferdinand Kratzl den Longimanus spielt, so möcht‘ man sich den lieben Gott vorstellen. Gutmütig, solang es nach seinem Willen geht, rechthaberisch grausam, wenn nicht, ein absolutistischer Senior und nur so weit senil, dass er doch noch im rechten Moment die richtige Entscheidung trifft, was die Menschen auf den ersten Blick freilich so nicht sehen … Mit einem Wort: Kratzl ganz in seinem bekannt skurrilen Kabinettstückchen-Element.

Prinzipalin Andrea Eckert hat für das erste Jahr ihrer Intendanz bei den Raimundspielen Gutenstein dessen Zauberposse „Der Diamant des Geisterkönigs“ gewählt und zeigt damit Volkstheater vom Feinsten. Bereits im prächtigen Bleichgarten beginnt das Sommerspektakel für Leib und Seele, Picknickkörbe, Gedichte aufsagende Kinder und Blasmusik. Mit klingendem Spiel wird das Publikum ins von Edgar Tezak neu gestaltete Zauberzelt geleitet, drinnen hat Eva-Maria Schwenkel für die magischen Momente gesorgt.

Eckert legte nicht nur die Gestaltung des Bühnenbilds in weibliche Hände, sondern auch Regie, Kostüme und Maske. Während dafür Nina Ball und Regina Tichy zuständig sind, hat Cornelia Rainer inszeniert. Und zwar mit viel Gespür für Tempo und Timing. Rainer hat den Diamanten präzise geschliffen, sie setzt auf Spaß, wenn sie die Raimund’schen Figuren den Wortwitz ihres Schöpfers allzu wörtlich nehmen lässt, vergisst aber bei all dem Happysound nie auf dessen melancholische Baseline. So gelingen dem Ensemble, das mit viel Spielfreude bei der Sache ist, die lauten wie die leisen Töne.

Begleitet von der Livemusik von klezmer reloaded turnen die Darsteller durch eine gute Stube, die schon einmal bessere Zeiten gesehen hat, eine mit Kästen, Kommoden und Kredenzen vollgestopfte Wunderkammer, denn im Altmöbellager verbergen sich zwei Welten, die der Geister und die der Menschen, von Regisseurin Rainer klug ineinander verschoben und verwoben. Die Geister beobachten, kommentieren, greifen ein ins Geschehen, sie sind es, die die menschlichen Bemühungen befördern oder boykottieren.

Nach dem Tod seines Vaters, des Zauberers Zephises muss Eduard in Begleitung seines Bediensteten Florian dem Geisterkönig seine Aufwartung machen. Zephises hat eine Schatzkammer hinterlassen, nur eine wertvolle Statue fehlt, und die soll Eduard erhalten, wenn er Longimanus ein Mädchen bringt, das noch nie gelogen hat. Nach langem Suchen findet sich Amine, doch einmal gefunden will Eduard sie nicht mehr hergeben. Er hat vor, sein dem Luftherrscher gegebenes Ehrenwort zu brechen. Es folgen Irrungen und Wirrungen …

Eduard sucht den Zauberschatz seines verstorbenen Vaters: Alexander Meile und Ensemble. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Eduard sucht den Zauberschatz seines verstorbenen Vaters: Alexander Meile und Ensemble. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Der böse Koliphonius verwandelt den einfältigen Florian in einen Pudel: Eduard Wildner und Matthias Mamedof. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Der böse Koliphonius verwandelt den einfältigen Florian in einen Pudel: Eduard Wildner und Matthias Mamedof. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Alexander Meile und Matthias Mamedof geben Eduard und Florian als ein Paar wie Tamino und Papageno. Vor allem Mamedof brilliert als einfältiger Florian, er zeigt sich nicht nur als großartiger Schauspieler und Gstanzlsänger, sondern auch als einwandfreier Akrobat – und Pudel. Zu Recht gilt seiner Leistung der meiste Applaus. Meile macht aus dem Eduard gerade so viel Elegiebürscherl, dass es immer noch sexy ist. Den beiden steht mit Annette Isabella Holzmann eine resolute Mariandl zur Seite, deren Vormachtstellung als Herrin im Haus mutmaßlich von der stolz die Unterlippe vorschiebenden Amina von Lisa Weidenmüller bedroht werden wird.

Alexandra-Maria Timmel ist Longimanus‘ unzufriedener und ergo dem Alkohol zusprechender Adlatus Pamphilius. Eduard Wildner ist erst der böse Zaubergarten-Wächter Koliphonius, dann der zwielichtige Veritatius. In dessen „Land der Wahrheit und der Sittsamkeit“ erfahren Eduard und Florian die Wirkweisen von Spitzelwesen, Staatsgewalt und Xenophobie. Rainer erlaubt sich an dieser Stelle ein paar aktuelle Bezüge, und auch, dass die Zuschauer per Handtest auf ihre moralische Unversehrtheit geprüft werden. Zum Gaudium der jeweils grad nicht drangenommenen.

„Der Diamant des Geisterkönigs“ ist ein weises Stück über die Wahrheit, die keine äußere Form, sondern ein innerer Wert ist. Andrea Eckert selbst hat sich die Rolle der Hoffnung zugeschrieben. Friedliebend und freundlich geleitet sie ihre Schützlinge auf deren Weg. Die Hoffnung, sagte die Eckert vorab im Gespräch mit mottingers-meinung.at, werde in Gutenstein in jeder Hinsicht ihre Rolle sein. Sie hat eine mit Bravour erfüllt, nämlich die auf einen samt und sonders gelungenen Theaterabend.

Andrea Eckert im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=19848

www.raimundspiele.at

Wien, 22. 7. 2016

21er Haus: Edgar Honetschläger – „Los Feliz“

Februar 16, 2016 in Ausstellung, Film

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Roadmovie, das ausschließlich im Studio entstand

Filmstill Los Feliz by Edgar Honetschläger, 2015 Bild: © Copyright Edoko Institute Film Produktion Vienne / Edgar Honetschläger 2014

Filmstill Los Feliz by Edgar Honetschläger, 2015
Bild: © Copyright Edoko Institute Film Produktion Vienne / Edgar Honetschläger 2014

Das 21er Haus präsentiert ab 19. Februar exklusiv das neue Filmprojekt des österreichischen Künstlers und Filmemachers Edgar Honetschläger. „Los Feliz“ ist das erste Roadmovie in der Geschichte des Films, das zur Gänze im Studio gedreht wurde. Dreieinhalb Jahre hat Honetschläger gemalt und gezeichnet, um ein zweidimensionales Amerika zu erschaffen.

In der Ausstellung zum Film wird ein Ausschnitt dieses umfassenden Oeuvres gezeigt. Im Zentrum der Ausstellung steht eine Serie großformatiger Zeichnungen, die als Kulissen für die jüngste filmische Produktion Honetschlägers gedient haben. Ebenfalls offenbart wird der aufwändige Mechanismus, der hinter der Herstellung des Films steckt. „Loz Feliz“ läuft auch auf der diesjährigen Diagonale; ab dem 14. März ist der Film österreichweit in den Kinos. Das Metro Kinokulturhaus zeigt dann eine Honetschläger-Retrospektive.

„Die, die Bilder machen, regieren die Welt“ ist das Leitmotiv des Films, der das einstige Zentrum der filmischen Produktion, Rom, mit dem von heute verbindet: Hollywood. Ähnlich wie die biblische Genesis verfügt „Los Feliz“ über eine Sieben-Tage-Struktur. Eine junge Italienerin, der Teufel und eine japanische Shintō-Göttin fahren in einem alten Mercedes Benz von Rom durch ein gezeichnetes und gemaltes Amerika bis nach Los Angeles – eine Reise, die sich in den großen grafischen Arbeiten der Ausstellung nachvollziehen lässt. Von drei Kardinälen in Bewegung versetzte riesige Bühnenbilder und gezeichnete Kulissen deklinieren dabei die klassische Ikonografie amerikanischer Road Movies. Es ist ein Märchen, sowohl Komödie als auch Tragödie, das mit Humor und Ironie die globale Omnipräsenz von westlichen Bildwelten und Hollywood-Filmen nachzeichnet und dabei dennoch sich selbst und das Genre Road Movie nicht allzu ernst nimmt.

www.honetschlaeger.com

losfeliz.at

www.21erhaus.at

Wie, 16. 2. 2016

21er Haus: Abstract Loop Austria

Januar 25, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Raus aus dem „erbärmlichen Schattendasein“ der Op-Art

Gerwald Rockenschaub: Öl auf Leinwand, 1984. Dauerleihgabe Ernst Ploil Bild: © Belvedere, Wien

Gerwald Rockenschaub: Öl auf Leinwand, 1984. Dauerleihgabe Ernst Ploil
Bild: © Belvedere, Wien

Ab 28. Jänner präsentiert das 21er Haus des Belvedere eine Gruppenausstellung, in deren Mittelpunkt vier österreichische Künstler stehen: Marc Adrian, Richard Kriesche, Helga Philipp und Gerwald Rockenschaub. Ergänzt und in einen internationalen Kontext gestellt wird die Schau durch Arbeiten von Josef Albers und Marina Apollonio bis zu Jorrit Tornquist und Ludwig Wilding.

„Abstract Loop Austria“, so der Titel der Schau, zeigt anhand einer Gegenüberstellung, wie Österreich in den späten 1950er/1960er und 1970er Jahren einen wichtigen Betrag zur Op-Art und Konkreten Kunst geleistet hat und wie Gerwald Rockenschaub diese Tradition in unsere Gegenwart überführt.

In der Wahrnehmung der österreichischen Kunst des 20. Jahrhunderts führt die konstruktive, konkrete Kunst der Nachkriegszeit, tatsächlich eine wichtige internationale Tendenz, nicht nur laut Dieter Ronte „ein erbärmliches Schattendasein“. Dabei zeigten sich gerade hierzulande vielseitige Ausgangs- und Anknüpfungspunkte wie beispielsweise der Wiener Kinetismus, Op-Art, Konkrete Kunst, Konzept- und Computerkunst. Grundlegend für die konstruktiv-konkrete Kunst der Nachkriegszeit sind die radikalen Ideen des Aufbruchs in die Moderne, von Wiener Kreis bis Zwölftonmusik, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Abkehr von den figurativen Tendenzen des österreichischen Expressionismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt die generelle Idee eines Neuanfangs. Die konstruktiv-konkreten Kunst bildet dabei eine wichtige Konstante und wurde unter unterschiedlichen Vorzeichen immer wieder aufgegriffen – beispielsweise in der Neo-Geo-Bewegung der 1980er-Jahre.

Im Mittelpunkt der Ausstellung im 21er Haus stehen aber die Anfänge dieser Kunstrichtung und erste Vertreter. Marc Adrian etwa hat bereits in den 1950er-Jahren die individuelle und unterschiedliche Betrachterposition vor den Kunstwerken in seinen Arbeiten mitgedacht. Der Teilnehmer an der legendären Ausstellung „The Responsive Eye“ 1965 im New Yorker MoMA, die als Geburtsstunde der Op-Art gilt, war nicht nur einer der Begründer des österreichischen Experimental- beziehungsweise Avantgardefilms, sondern hat sich bereits in seinen Objektkästen und Hinterglasmontagen mit kinetischen Effekten, zeitlichen Interferenzen und optischen Strukturproblemen beschäftigt. Sie werden in der Schau ebenso gezeigt, wie seine plastischen Werke, die Mobiles, und frühe Experimentalfilme. Im Zuge der Ausstellung wird auch das Werkverzeichnis dieses zu Unrecht vergessenen, national wie international bedeutenden Künstlers vorgestellt.

Durch Marc Adrian kam Helga Philipp in Kontakt mit Kinetik und Konkreter Kunst und untersuchte in ihren frühen schwarz-weißen Objektkästen und ihren Plexiglasarbeiten optische Phänomene im Sinne der Op-Art. Durch die Verwendung neuer Materialien wie Acrylglas und später die Siebdrucktechnik wollte Philipp eine Kunstform ohne persönliche Handschrift finden. Richard Kriesche wiederum übertrug in seinem Frühwerk die Ideen konzeptuell geometrischer Malerei in farbige Objekte, häufig auf der Grundlage von mathematischen Codes und definierten Regeln. Später geht Kriesche von den Ideen der Konkreten Kunst über zur Medienkunst und elektronischen Bildverfahren.

Und einer bedingte den nächsten: Gerwald Rockenschaub war an der Universität für Angewandt Kunst nicht nur ein Schüler von Helga Philipp, sondern vielmehr griff er Mitte der 1980er-Jahre ihre optische Erforschung der Oberfläche und Struktur von Kunstwerken auf. Er spezialisierte sich auf die Untersuchung der künstlerischen Wahrnehmung von Alltagscodes und der Zeichen neuer Informationstechnologien. Später wurde seine Malerei durch mechanische Verfahren und industrielle Materialen, wie Folien oder Plexiglas, abgelöst und Club-Kultur, Techno-Musik und Computertechnik miteinbezogen.

Edgar Knoop: Subway 813

Parallel zu „Abstract Loop Austria“ findet anlässlich einer Schenkung des Künstlers an die Österreichische Galerie Belvedere die Präsentation von Edgar Knoop „Subway 813“ statt. Zu sehen sind Werke der 1970er- bis 2010er-Jahre. Kinetische Lichtobjekte nennt Knoop seine Werke, die sich dem Auge des Betrachters durch Lichtreflexionen als immer wieder veränderlich darstellen.

www.belvedere.at

Wien, 25. 1. 2016

Theresia Walser im Gespräch

April 18, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich brauche Anarchie beim Schreiben“

Theresia Walser, Tochter des berühmten Autors Martin Walser, auf Kurzbesuch in Wien. DIE Gelegenheit für ein Gespräch:

MM: Sie haben bei Ihrem Wien-Besuch nun  Ihre beiden Österreichischen Erstaufführungen „Die Liste der letzten Dinge“ im KosmosTheater und „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ im Schauspielhaus gesehenen. Wie hat’s Ihnen gefallen?

Theresia Walser: Es sind natürlich zwei völlig verschiedene Stücke. Aber beide Aufführungen fand ich sehr beglückend.

MM: Ersteres ist ein Traumspiel, ein Albtraumspiel, Zweiteres ist an Realitäten angedockt. Obwohl die Stücke so verschieden sind, kann man der Autorin einen Hang zum Skurrilen, zum Makaberen nicht absprechen.

Walser: Beiden Stücken kann man, wenn man so will, ein dunkles Lachen abgewinnen, wobei das Lachen in den „Äpfeln“, wie man in Wien wunderbar sehen konnte, viel befreiender sein kann. Das letzte Mal war ich in Wien im Jahr 2000, da hat Chris Pichler am Volkstheater meinen Monolog „Kleine Zweifel“ gespielt – einer meiner ersten Texte. Dass ich jetzt in kurzer Zeit hier gleich zwei Mal aufgeführt wurde, ist wohl Zufall. Beides zwei Frauenstücke!  Man schreibt wahrscheinlich immer das, was man selbst gern gespielt hätte.

MM: Warum haben Sie aufgehört, Schauspielerin zu sein?
Walser: Das ist eine lange Geschichte. Ich wollte Sängerin werden, habe ich Graz studiert, und irgendwann eine stimmliche Krise gekriegt. Ich musste pausieren, bin auf die Schauspielschule gegangen, damit sich meine Stimme erholt. Als Schauspielerin war ich aber nie gern auf der Bühne. Während des Spielens liefen bei mir innerlich ständig Subtexte mit, die wurden mit der Zeit  immer lauter. Ich brauchte also offensichtlich meinen eigenen Text – und so hat’s begonnen. Ich habe angefangen, Rollen für mich zu schreiben. Und als die fertig waren, hatte ich jedes mal das Gefühl, diese beim Schreiben schon genug gespielt zu haben, so, dass ich froh war, wenn das auf der Bühne andere übernehmen. Ich habe mich sozusagen von der Bühne runter geschrieben.
 
MM: Es ging also tatsächlich darum, eigene Texte haben zu wollen …
Walser: Mein Schreiben ist bis heute kein leises Schreiben. Ich spreche oder flüstere die Sätze mit. Ich schreibe, wenn man so will, dem Klang nach. Es gibt ja auch Leute, die tippen leise in sich hinein. Bei mir ist es meistens laut, gestikulierend. Der Text muss eine Melodie, einen Klang haben, das Hörbare muss ich mir vorsagen.
 
MM: War Prosa, Lyrik, Essays nie ein Thema für Sie?
Walser: Alle Versuche, die ich da gemacht habe, habe ich dann doch wieder fürs Theater benutzt.
 
MM: Wenn Sie Ihre Texte beim Schreiben sozusagen Spielen, wie groß ist dann die Enttäuschung, wenn’s auf der Bühne nicht so klingt, wie an Ihrem Schreibtisch. Die Frustrationsskala der Dramatikerin …
Walser: … ist nach oben offen. Glück ist doch langweilig. (Sie lacht.) Nein, im Ernst: Ich brauche eine andere Fantasie, die meine Arbeit weitertreibt, von der fühle ich mich auch abhängig. Deshalb würde ich nie Regie führen. Ich habe nicht so eine genaue Vorstellung, wie das sein muss. Ich muss die Texte für mich selber in Gang bringen, dabei ist mein Ohr der schärfste Kritiker – den Rest überlasse ich sehr gerne anderen.
 
MM: Sie sagen: Schreiben ist körperliche Arbeit.

Walser: Ja, ich nehme dabei auch ab. (Sie lacht.) Ich finde Sprache ist etwas sehr Körperliches. Als Schauspielerin war ich es gewohnt mit Händen und Füßen durch Texte zu gehen. Das empfinde ich heute ähnlich. Natürlich gibt es immer die Angst vor dem Anfang. Aber es ist auch jedes mal eine Art Abenteuer, bei dem ich hoffe, dass die Figuren sich irgendwann in einem gewissen Sinne verselbstständigen. Das birgt natürlich auch ein Risiko, wenn die Figuren mir meine Pläne auf einmal über den Haufen werfen, wie Piraten, die ein Schiff entern. Andererseits brauche ich diese Anarchie beim Schreiben, damit Leben in die Bude kommt. Kann auch sein, dass nur Wust übrig bleibt. Das nimmt man halt dann und wirft es weg. Es gab mal eine Zeit, da blieb von einem Stück nur die letzte Szene übrig. Der Anfang wurde dann ein ganz anderes Stück. Das war „King Kongs Töchter“, ursprünglich ein Text über Billie Holiday, die mir als Figur in allen meinen Absichten brav gefolgt ist, aber völlig leblos blieb.  Erst am Schluss hat sie sich aufgelehnt weil sie nicht sterben wollte. Da fing es auf einmal an zu leben.

MM: In „Die Liste der letzten Dinge“ sind Ihre Protagonistinnen Kunstfiguren, stellen Sie/sie Behauptungen auf. Sie wollen als Erlöserinnen die Welt von sich erlösen. Was in ihren Augen mehr ist, als der neutestamentarische Erlöser geschafft hat. In „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ begeben Sie sich beinah auf das Terrain der Kriegsberichterstatterin. Warum haben Sie diese drei Frauen ausgesucht?
Walser: Dieses Stück hängt mit „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“, das ich vor ein paar Jahren geschrieben habe, zusammen. Da sind drei Schauspieler zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, die alle drei Hitler – das heißt: einer hat „nur“ Goebbels – gespielt haben. Und sie reden, ob und wie man Hitler darstellen darf. Wie menschlich, wie monströs, wie lächerlich, wie unmöglich etc. Als „Der Untergang“ ins Kino kam, konnte man im Fernsehen in den Talkshows immer wieder Schauspieler erleben, die sich fast dafür entschuldigten, dass sie Hitler gespielt haben und die sich nun darüber unterhielten, ob man Hitler denn überhaupt darstellen könne. Diese ganzen Diskussionen über die Unmöglichkeit einer Darstellung fand ich ganz wunderbar für das Theater und später habe ich dann nach einem ähnlichen Stoff für Frauen gesucht. Margot Honecker war als erste da; von der haben wir das deutlichste Bild. Dann ganz klar: Imelda Marcos, die gehört einfach auf die Bühne, diese grausame Operettendiva.
 
MM: Leïla Ben Ali …
Walser: … ist die aktuellste Figur unter den dreien. Wobei ein bisschen was von Suzanne Mubarak und Asma alAssad in die Figur einfließt. Für alle diese ungeheuren Damen brauchte ich natürlich einen Vermittler: Gottfried, der Übersetzer. Er wurde aus seinem Namen geboren. Dass gibt es manchmal, dass ein Name seine Figur mitbringt. Dass er Gottfried heißt, hat aus ihm die Figur gemacht, die er ist. Dabei ist mir die Komik in diesem Stück sehr wichtig. Ich glaube an das Lachen als große Anteilnahme, als Involviertheit und auch als Verstrickung. Solche Schreckensbilder des Bösen sind ja letztendlich nur Vergrößerungsspiegel dessen, was wir alle von uns selbst bestens kennen.

MM: Der Zerrspiegel, den Sie zeigen, macht das Ganze noch absurder als es ist.

Walser: Stimmt. Wir sind im Theater. Wir sehen Schauspielerinnen, die Diktatorengattinnen spielen, die sich darüber unterhalten, wie sie einmal von Schauspielerinnen dargestellt werden wollen. Es geht also im weitesten Sinn auch um die Darstellung der Selbstdarstellung und damit auch ums Theater. 
MM: Hannah Arendt hat den Begriff der Banalität des Bösen geprägt. Gibt es auch eine Poesie des Bösen?
Walser: Ja. Das ist doch ungeheuer, dass die alle so eine poetische Ader haben. Gaddafi hat einen ganzen Gedichtband geschrieben. Ganz kryptisch-verschwurbelte Poesie. Der Satz „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ stammt aus einen Gedicht von Gaddafi. Mao schrieb Liebesgedichte. Da denkst du, das ist das zarteste Seelchen überhaupt. Diese Selbststilisierung des Tyrannen als einsamer, vom Volk verfolgter Herrscher, ist ungeheuer. Aber dass Poesie und Tyrannei einen Zusammenhang haben wundert mich eigentlich nicht.
MM: Arbeiten Sie von Nine to Five oder mitten in der Nacht?
Walser: Früher saß ich mit der Zigarette im Mund zu jeder Tages- und Nachtzeit am Schreibtisch und habe da Intensität gespielt. Heute habe ich eine Tochter, das ordnet mein Leben ganz anders. Da gibt es Schulzeiten, Hausaufgaben … Ich rauche übrigens auch nicht mehr, außer an Premieren in Wien.
 
MM: Was gibt es an Plänen?
Walser: Einen Abgabetermin. Das Theater Mannheim will am 20. April die erste Arbeitsfassung von „Herrinnen“ lesen. Darin geht’s um Topmanagerinnen, die Chefinnenetage. Die den Männern punkto Skrupellosigkeit, Brutalität, Eigennutz in nichts nachstehen. Und auch dieselben Worthülsen, diese ins Leere drehende Hamsterradsprache. Es nimmt sich dabei nichts, ob es Frauen sind oder Männer. Gott sei dank verliert man dabei die Illusion, dass Frauen die besseren Menschen sein sollen. Das wäre ja auch eine furchtbare Aufgabenverteilung und Anmaßung. Dann habe ich zum 600-jährigen Konzilsjubiläum in Konstanz ein Stück mit meinem Mann Karl-Heinz Ott zusammen geschrieben, der eigentlich Roman-Autor ist. Diese gemeinsameArbeit hat etwas Erleichterndes. Jeder kann dem anderen heimlich die Verantwortung auf die Schulter landen. Trotzdem war  es viel Arbeit, weil wir ja keinen Geschichtsunterricht abliefern wollten.
MM: Eine Frage zur Familie: Ihre Schwester Franziska ist Schauspielerin, ihre Schwestern Alissa und Johanna schreiben Romane. Tauscht man sich aus?
Walser: Ja, wir sehen uns immer wieder. Zur Zeit natürlich am meisten Franziska und ihren Mann Edgar Selge. Die haben jetzt ein Engagement bei Armin Petras in Stuttgart. Das ist ja praktisch bei mir um die Ecke.

www.kosmostheater.at

www.mottingers-meinung.at/kosmostheater-die-liste-der-letzten-dinge

www.schauspielhaus.at

www.mottingers-meinung.at/das-schauspielhaus-wien-spielt-theresia-walser

Wien, 18. 4. 2014