Theater Drachengasse: nach Lulu

Dezember 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Verführerin ist in die Jahre gekommen

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Ein Gedankenexperiment wagen Michaela Hurdes-Galli und Tochter Pippa Galli derzeit im Theater Drachengasse. Als Drachengasse-Koproduktion mit ihrer Truppe „Theaterblau“ zeigen sie die Versuchsanordnung „nach Lulu“. Eine Uraufführung nach Frank Wedekind. Dessen wilhelminisches Enfant terrible ist in die Jahre gekommen. Eine alternde Verführerin ist es, die Michaela Hurdes-Galli spielt, doch scheint sie sich im Laufe des Abends zu verjüngen.

Bis erneut ein Kind auf der Bühne steht. Ihr zur Seite Lorenzo Tonello, der letztverbliebene Mann und doch auch alle Männer in Lulus Leben. Goll, Schwarz, Schigolch und natürlich Dr. Schön. Als solcher, „Erdgeist“-Kenner wissen es, gleichsam auch ein Alter Ego des Autors. Klug gehen die beiden Projektentwicklerinnen nicht nur der Frage nach dem Mythos der Wedekind’schen Figur nach, sondern auch der, wieweit sich das Frauenbild seit 1898 verändert hat. Dazu gibt es spielshowartige Sequenzen, in denen Themen erörtert werden, wie „Wie unsicher muss man sein, um es nötig zu haben, sich überlegen zu fühlen?“ In diesen Momenten ist die Aufführung Satire.

Der Text ist eine Collage, umfasst neben eigenen Passagen unter anderem auch Marguerite Duras, Daphne du Maurier, Jean Cocteau, Marcel Proust, Else Lasker-Schüler, Paul Celan – und Christiane F. Diese Off-Texte kommen via Video von Anna Maria Eder, Pippa Galli, Manfred Baschiera, Thomas Kamper, Hans Wagner und Hendrik Winkler.

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Da steht es nun also, das süße Wunderkind, mit Stock und schlechtem Bein, und abgeflogen sind die Männer, und philosophiert übers sich wild Ausleben und die ideale Verbindung. Michaela Hurdes-Galli bestimmt das Bühnengeschehen, wie wohl nur sie es kann. Im Spiel träumt sie mehr als sie wacht, versucht Antworten zu erträumen auf Fragen, die unbeantwortet geblieben sind aus ihrem Leben.

Sie kontert den Stimmen, sie rebelliert und stimmt manchmal zu, anerkennend, dass was war, Gültigkeit hat, unveränderbar ist. Zukunft sieht sie keine mehr. Was ihr bleibt, ist der geistige Raum, das Erkennen, soviel als möglich noch, wenn geht … „Diese Abstumpfung“, zitiert sie Schön immer wieder, „braucht keine endgültige zu sein“. Oder sie sagt: „Sexualität bedroht prinzipiell jede gesellschaftliche Ordnung“.

Wer war und wer wahr ist, wer hier wen imaginiert, das müssen die Zuschauer selbst entscheiden. Denn sowohl behauptet Sie, dass er nicht da sei, als auch Er, dass sie ein Gedanke sei, den er „loswerden“ wolle. Loslassen müsse.

„nach Lulu“ ist ein rätselhafter Abend, der sich nie ganz die Maske vom Gesicht nimmt, und darum umso faszinierender. Eine spannende, moderne Auseinandersetzung mit einer der bekanntesten literarischen Frauengestalten – und gewollt auch wie eine Büchse der Pandora auf der Bühne.

www.drachengasse.at

www.muni.at/nach_lulu/start.html

  1. 12. 2017

Volkstheater: Der Lechner Edi schaut ins Paradies

November 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Moderner Wanderzirkus mit famosem Herrn Direktor

Wie ein Wanderzirkus: Adrian Hildebrandt, Thomas Frank, Evi Kehrstephan, Christoph Theussl und Thomas Butteweg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sie versuchen es mit Zauber- und anderen Kunststücken, einem patscherten Breakdance, einer aufgrund des Protagonisten Gewichts zu Boden gewalzten Slackline, dem Verschwindenlassen einer leeren Bierdose – fünf Arbeitslose auf der Donaukanalbrücke. Die haben sie zugemüllt mit den Requisiten, mit denen sie ihre Tricks aufführen. Ein Leben am Rand einer städtischen Wohlfühlzone, ein Leben am Rande von Werktätigkeit. Oder eine neue Art von …

Eine Blechbüchse geht herum, spärlich fallen Münzen hinein, das Publikum im Volx/Margareten weiß nicht recht, was tun. Zum Glück entkrampft das gemeinsame Lachen. So beginnt Christine Eders Inszenierung von Jura Soyfers „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“ für das Volkstheater in den Bezirken.

1936 hat Soyfer sein linkes Volksstück voll Kampfgeist, Witz und Poesie verfasst. Als Mittelstück für die „Literatur am Naschmarkt“, politische Kritik umrahmt von Kabarett. 350.000 Arbeitslose gab es damals in Österreich, heute sind es 7,9 Prozent bei verschobener Sachlage. Schrieb Soyfer, als Kommunist und Jude bald doppelter „Volksschädling“, schrieb der Schöpfer des Dachau-Liedes, der sich im KZ mit Typhus ansteckte und 1939 mit nur 26 Jahren starb, noch gegen eine Automatisierung an, die die Menschen brotlos machte, hat nun die Digitalisierung bereits das Ende einer Arbeitsgesellschaft eingeleitet. Wenige werden überbleiben, die sich „was leisten“ können, die Politik ist darob ideen- und konzeptlos.

Unterwegs auf der Suche nach den Schuldigen: Thomas Frank, Evi Kehrstephan und Christoph Theussl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit dem Auto zurück in die Zukunft: Thomas Frank, Evi Kehrstephan und Christoph Theussl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dies der moderne Rahmen, den Eder Soyfers didaktischem Zaubermärchen gibt: Eine der Figuren liest zwischendurch immer wieder aus dem „Manifest der Glücklichen Arbeitslosen“. Sätze fallen wie „Arbeit verhöhnt die Freiheit!“, „Arbeit ist Massenmord oder Genozid!“ (Zitat Bob Black) und natürlich „Arbeiter aller Länder entspannt euch!“.

Unter diesem theoretischen Überbau darf sich aber herzhaft amüsiert werden. Eder hat einen wunderbaren Wanderzirkus für die Bezirke erschaffen, sie zeigt Theater wie aus dem Koffer, mit einem fabelhaften Thomas Frank als Zirkusdirektor. Die Ruderleiberlrolle des Lechner Edi ist eine mehr, die ihm wie auf den Leib geschneidert ist; wechselnd zwischen aufrechter Wut und komischer Verzweiflung legt Tausendsassa Frank dessen naive Weltsicht mit entwaffnender Logik dar.

Weil also der Fortschritt an allem schuld ist, muss dieser aufgehalten werden. Gemeinsam mit seiner Geliebten Fritzi (Evi Kehrstephan) und „Petersens elektrischem patentierten Industriemotor“, kurz Pepi (Christoph Theussl), macht sich der Edi auf den Weg in die Vergangenheit.

Einst waren er und Pepi, der aggressiv-bullige Proletarier gegen den schlanken Motor, Konkurrenten um den Arbeitsplatz, jetzt steht auch die Maschine auf der Straße, abgebaut, weil sich die von ihr produzierte Ware niemand mehr leisten kann. Und so reist man von Galvani zu Galilei, von Columbus zu Gutenberg (alle: Adrian Hildebrandt), singt dazu statt dem „Wanderlied der Zeit“ Udo Jürgens „Tausend Jahre sind ein Tag“, doch von Erfinder zu Entdecker lässt sich feststellen, keiner von ihnen ist verantwortlich.

Bis das Trio endlich vor den Pforten des Paradieses landet. Wo Edi beschieden wird, dass der Mensch selbst seine Entscheidung von „Ja oder Nein“ treffe und nichts eine Zwangsläufigkeit sei, dass Geschichte von der Masse gemacht wird und von ihr zu gestalten ist. Dies Soyfers marxistisches Credo.

Das Ensemble agiert mit großer Spielfreude. Mit viel Humor turnt es über die Bühne und durch das Soyfer’sche Pathos, die teils gereimten Textstellen werden wie Kalendersprüche aufgesagt. Auch das lockert den Abend. Ein Tuch wird zum Segel der Santa Maria, zack aufgezogen, zack weggeräumt, Thomas Buttewegs Beine werden zu zuckenden Froschschenkeln, Pappkartons zu Roboterbauteilen oder zum Auto. Gutenberg schließlich wird mit heutigen Druckerzeugnissen zur Räson gebracht, angesichts derer schmilzt er sogar seine Lettern ein.

Im Hintergrund laufen derweil auf einer Scheibe – denn wäre die Erde nur eine solche geblieben! – Bilder von Arbeitswelten anno dazumal und künstlichen Intelligenzen samt Knight Rider, Terminator und den neuesten Humanoiden wie dem „Atlas“.

Die drei von der Donaukanalbrücke: Evi Kehrstephan, Christoph Theussl, Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Neben Evi Kehrstephan als resoluter Pepi und Manifest-Vorleserin brillieren Christoph Theussl als pragmatischer Pepi und Adrian Hildebrandt als toter Freund Toni und als mal abgeklärter, mal aufgeklärter Forscher. Ein feiner fünfter Mann ist Thomas Butteweg, der nicht nur den blinden Andraschek gibt, sondern auch Matrosen, Wachhunde und Inquisitoren – und auf Wassergläsern wunderbare Musik macht.

In den 1980er-Jahren gab es in Wien am Spittelberg ein „Jura Soyfer Theater“, nach dessen Ende war es auf den heimischen Bühnen lange still um den bedeutenden politischen Autor. Ein Theatermacher, vor einiger Zeit darauf angesprochen, meinte, Soyfer sei nicht mehr zeitgemäß, seine vor Feierlichkeit und Inbrunst glühenden Stücke seien einem jetzigen Publikum nicht mehr vorzusetzen. Christine Eders Aufführung beweist mit Verve das Gegenteil. Alles ist möglich, wenn man die richtigen Einfälle hat.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2017

Volkstheater: Alles Walzer, alles brennt

Oktober 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der linken Faust zum rechten Arm

Thomas Frank, Jutta Schwarz, Jan Thümer, Katharina Klar, Steffi Krautz und Luka Vlatkovic. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank, Jutta Schwarz, Jan Thümer, Katharina Klar, Steffi Krautz und Luka Vlatkovic. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater brachte Christine Eder ihre Politrevue „Alles Walzer, alles brennt“ zur Uraufführung. Der Abend ist so etwas wie die kleine Schwester ihrer fabelhaften Arbeit über Heinz Rudolf Ungers „Proletenpassion ff.“, nur dass Eder diesmal präziser und konkreter auf die Jahre 1883 bis 1934 fokussiert. Jene Jahre, die also das Schlachtfeld Europa vorbereiteten. Und erst einmal ist man, bevor man sich zum satirischen Lachen zurücklehnen kann, schockiert wie sich die Themen gleichen.

Eder verwendet für ihre Collage Originaltexte von Zeitgenossinnen und -genossen, Kaiser Franz Joseph, Viktor Adler, Engelbert Dollfuß, Otto Bauer, Julius Tandler … Durch die Geschichte führen als im Wortsinn rote Fäden die Biografien von Adelheid Popp, Arbeiterkind, Sozialistin und Begründerin der proletarischen Frauenbewegung; Elisabeth Petznek, Tochter von Kronprinz Rudolf und überzeugte Sozialdemokratin, da der „roten Erzherzogin“ in der Kapuzinergruft keine Kränze gewunden werden, ist ihre Entdeckung die spannendste der Aufführung; und ein fiktives Dienstmädchen, das entlang des Lebens der Widerstandskämpferin und KZ-Überlebenden Rosa Jochmann entworfen wurde.

Der Sound ist Wienerisch, wozu nicht zuletzt die großartige Musik von Eva Jantschitsch beiträgt. Das Ensemble agiert hochmusikalisch, mit viel Lust auf Klamauk und Klamotte. Jan Thümer, der Vielspieler, der sich von Inszenierung zu Inszenierung als unverzichtbarer für das Haus erweist, changiert zwischen Trotteladel und Viktor Adler, ebenso Christoph Rothenbuchner, der sich einmal mehr auch als vorzüglicher Balletteuser erweist und einen zunehmend desillusionierten Otto Bauer gibt. Thomas Frank ist als Stimme des Volkes mal eine Art Bratfisch, mal ahnungsloser Gewerkschafter, vor allem aber auch ein gewichtiger alter Herr in der Hofburg.

Luka Vlatkovic, seit dieser Saison festes Ensemblemitglied, ist die Revolution in Fleisch und Blut übergangengen. Steffi Krautz spielt die Popp. Katharina Klar die Elisabeth und Jutta Schwarz, eine der Grandes Dames der Wiener Off-Szene, Kriegskind, 68erin, Theaterschaffende, die immer und so auch hier ihr Selbst in die Rolle einbringt, das Dienstmädchen, heißt: die Gemeindebaulerin. Nun ließe sich manches Sagen über Rap-Sessions vom Frank, der sich mit gefakter Goldkette als Ottakringer Elendsjugend sein Schicksal von der Seele reimt, über Agitprop meets musicalvienna und Christine Eders Talent dem Publikum die Ungeheuerlichkeiten des Lebens als Travestie zu servieren.

Luka Vlatkovic, Jan Thümer, Thomas Frank, Steffi Krautz und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Luka Vlatkovic, Jan Thümer, Thomas Frank, Steffi Krautz und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank, Jan Thümer, Luka Vlatkovic, Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank, Jan Thümer, Luka Vlatkovic, Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Doch unterm Strich, vor allem wenn ein Originalfilm die Errungenschaften der Sozialdemokratie preist, bleibt der Geschmack im Mund ein bitterer. Sehr schön etwa eine Szene, die zeigt, wie weit der bis heute gültige Nationalstolz Klimt-Schnitzler-Freud vom Volk entfernt war. Großes Gelächter, wenn Dollfuß wegen verlangter Wahlwiederholung das Parlament ausschaltet. So geht’s von der Forderung nach einer Gesamtschule über leistbare Wohnungen bis zur Gesundheitsreform. Vom Schattendorfer Urteil über Justizpalastbrand bis zur steigenden Arbeitslosigkeit. Die, die die linke Faust stolz emporreckten, werden bald den rechten Arm heben. Eine Partei wird ihren Grundsätzen untreu – und dies sogar noch ohne fadenscheinige Mitgliederbefragung. Die Zögerlichkeit der Linken öffnet der Rechten den Raum …

Ein Lehrstück. Eine verpflichtend sehenswertes.

www.volkstheater.at

Wien, 17.10. 2016

Volksoper: Axel an der Himmelstür

September 18, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Operettenrarität als ganz großes Kino

Bettina Mönch als Gloria Mills, die Hollywood Harmonists Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Stefan Bischoff und Andreas Bieber als Axel Swift. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bettina Mönch als Gloria Mills, die Hollywood Harmonists Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Stefan Bischoff und Andreas Bieber als Axel Swift. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Volksoper startet mit einem Riesenerfolg in die neue Saison. Das Premierenpublikum von „Axel an der Himmelstür“ amüsierte sich zweieinhalb Stunden lang prächtig, entsprechend gab’s am Ende viel Jubel und Applaus. Dabei ist das musikalische Lustspiel von Ralph Benatzky und Paul Morgan gar nicht das Hitfeuerwerk, wie man es vom berühmten Komponisten gewohnt ist, und auch die Handlung ist überschaubar. Aber was Regisseur Peter Lund und sein Leading Team aus der Operettenrarität zaubern, ist einfach hinreißend. Ein gut gelauntes Ensemble präsentiert sich in Bestform und geht mit überbordender Spielfreude ans Werk.

Das Ergebnis ist ganz großes Kino. Im Wortsinn. Denn Lund, Bühnenbildner Sam Madwar und Kostümbildnerin Daria Kornysheva, die drei am Haus schon verantwortlich für „Frau Luna“, machen aus dem Stück einen Live-Schwarzweißfilm in bester Stummfilmtradition, so als müssten jeden Moment Harold Lloyd oder Fatty Arbuckle von der im Hintergrund gespannten Leinwand steigen. Auf dieser läuft Zeichentrick, laufen die Darsteller immer wieder mit den Strichmännchen um die Wette, dazu alte Fotografien von Beverly Hills Villen und den großen Studios. Was man eben so braucht für „Holly-Holly-Hollywood“, und eine Show mit allem – inklusive Showtreppe.

Über diese wird später Bettina Mönch schweben. Ganz überspannte Leinwandgöttin und immer am Rande des Nervenzusammenbruchs. Vor exakt 80 Jahren wurde „Axel an der Himmelstür“ am Theater an der Wien uraufgeführt, und die bis dahin unbekannte Zarah Leander über Nacht zum Star. „Gebundene Hände“ ist ihr bekanntestes Lied daraus. Es wirkt wie ein schlechter Scherz der Geschichte, dass, während Benatzky angewidert in die Schweiz ging, sich Leanders Bühnenpartner Max Hansen nach Dänemark flüchtete, und Paul Morgan noch 1938 im KZ Buchenwald ermordet wurde, Zarah Leander dank dieser Rolle zum Liebling des NS-Regimes aufstieg.

Peter Lund nun hat das Stück liebevoll restauriert, ein paar dramaturgische Holprigkeiten behoben und ein von den Erfindern allzu kurz angedachtes Buffopaar weiterentwickelt. Mit viel Pep erzählt er diese Persiflage aufs Filmbusiness, der Abend ist schwungvoll, schmissig und satirisch, letzteres nicht zuletzt dank der fein hinterlistigen Gesangstexte aus der Feder von Hans Weigel. Das Tempo ist hoch, das Timing stimmt. Zu all dem trägt wesentlich Lorenz C. Aichner am Pult bei, der die neuen Arrangements von Kai Tietje zum Strahlen bringt. Musikalisch geht’s von Wienerlied bis Walzer, von Blues und Foxtrott bis L’Amour-Hatscher, Höhepunkt ist ein Verführungstango, bei dem freilich sie führt.

Roman Martin, Boris Eder, Stefan Bischoff, Jakob Semotan, Kurt Schreibmayer als Cecil McScott, Maximilian Klakow, Johanna Arrouas und Oliver Liebl. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Set fehlt der Star: Kurt Schreibmayer als Filmmogul McScott, mit Sekretärin Johanna Arrouas und seinem Stab. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bettina Mönch und Andreas Bieber. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Doch die Leinwandgöttin champagnisiert mit dem Schreiberling: Bettina Mönch und Andreas Bieber. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Sie, das ist die unvergleichliche Gloria Mills. Eine unnahbare, vor allem auch interviewunwillige Schauspielerin. Das weckt den Ehrgeiz des kleinen Klatschreporters Axel Swift, der sich mit einer Story über den Kinostar den journalistischen Durchbruch erhofft. Er verkleidet sich, um in ihr Haus zu kommen, und fliegt natürlich auf. Doch, ah, die kühle „Abgöttin dieses Jahrhunderts“ hat ein einsames und ergo heißes Herz. In der Zwischenzeit läuft Axels Geliebte Jessie wegen seines vermuteten Seitensprungs Amok, sie schnappt sich den arglosen Friseur Theodor und macht sich ebenfalls auf zur Mills-Villa. Und dann gibt es da noch Glorias verbrecherischen Verlobten Prinz Tino, einen Heiratsschwindler par excellence, und den berühmten Douglas-Fairbanks-Diamanten. Und plötzlich ist der wertvolle Stein verschwunden …

Bettina Mönch brilliert als Gloria Mills. Als großartige Komödiantin versteht sie es, diese Schönheit in Stasis aus der Fasson zu bringen, immer wieder trägt sie ihre Figur gekonnt aus der Kurve, wenn diese klagt, sie sei eine Puppe mit aufgepfropftem Image, wenn die Diva die Contenance verliert und die Stimme vom Kristallklaren ins Keifende driftet. Die Mills ist auch im echten Leben eine wahre Tragödin – und wie die Mönch das zeigt ist filmreif. Singt sie „Yes, Sir!“ macht sie daraus eine freche Revue-Nummer, wird sie von Axel aufgefordert „Zieh‘ dich aus, schöne Frau, denn du musst ins Bett“, wirft sie sich mit Verve aus der Schale.

Andreas Bieber ist ein wunderbarer Axel Swift „mit dem Stift“, den Wienerischen Stiftlmeier hat er aus Karrieregründen abgelegt. Bieber slapstickt sich durch die Szenen, dass es eine Freude ist, er ist nicht nur sängerisch und als Darsteller auf der Höhe, er macht aus seinem Axel eine Mischung aus hoffnungslos gutmütigem Tropf und beruflichem Ehrgeizling, sondern auch als Stepptänzer. Mönch und er agieren als Hinweis darauf, wie sehr Benatzky auf dem Weg war, die ehrenwerte Operette Richtung Musical zu drehen.

Boris Eder als Theodor Herlinger und Johanna Arrouas als Jessie Leyland. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ein bezauberndes Buffo-Paar: Boris Eder als Theodor Herlinger und Johanna Arrouas als Jessie Leyland. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Als Buffo-Paar Jessie Leyland, temperamentvolle Sekretärin der Scott Film Corporation, und ihr melancholischer Studio-Friseur Theodor Herlinger glänzen Johanna Arrouas und Boris Eder. Ihnen zuzuschauen macht einfach Spaß, wie sie vor Eifersucht schäumt und er sie mit Krautfleisch zu beschwichtigen sucht, wie sie später in der Unterwäsch‘ auf der Suche nach einem Liebesnest durchs Nobeldomizil pirschen. Den beiden gehört einer der schönsten Momente der Aufführung, in dem der Emigrant aus Ottakring seinem US-Girl die alte Heimat preist.

„Es sieht nah‘ und ferne das Publikum gerne den echten Film aus Wien“ heißt die Nummer, eine Liebeserklärung an die Stadt samt ihrer Klischees, Strauss und Stephansdom, Kaiser und Grinzing. Da nimmt die Volksoper sich selber und die von ihr gezeigten Genres mit großer Lust aufs Korn. Boris Eder dazu perfekt im Wienerischen und dessen Schmäh, dass er das kann, hat er ja bereits als Kerkermeister im „Bettelstudent“ bewiesen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19470). Die Hollywood Harmonists, Stefan Bischoff, Jakob Semotan, Oliver Liebl, Roman Martin und Maximilian Klakow, in diversen Rollen, Kurt Schreibmayer als tyrannischer Filmmogul Cecil McScott und Gerhard Ernst als kauziger Kriminalinspektor runden mit ihrem vergnüglichen Spiel diesen rundum gelungenen Abend ab.

www.volksoper.at

Wien, 18. 9. 2016

CopStories-Star Kristina Bangert spielt Operette

Juni 16, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Im weißen Rössl“ in Langenlois

Kristina Bangert und Boris Eder als resche Rössl-Wirtin und Oberkellner Leopold. Bild: © Schlossfestspiele Langenlois, Kurt-Michael Westermann

Kristina Bangert und Boris Eder als resche Rössl-Wirtin und Oberkellner Leopold. Bild: © Schlossfestspiele Langenlois, Kurt-Michael Westermann

Als durchsetzungsstarke Vorgesetzte kennt sie das Publikum bereits, ist Kristina Bangert doch in der ORF-Serie „CopStories“ als strenge Chefinspektorin Helga Rauper zu sehen. Im Sommer zeigt sie nun, dass sie außer spielen auch singen kann. Bangert tauscht die Uniform gegen das Dirndl und wird bei den Schlossfestspielen Langenlois zur reschen Rössl-Wirtin Josepha Vogelhuber. Ihr Leopold ist Boris Eder, der zuletzt an der Volksoper im „Bettelstudent“ das Publikum begeisterte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19470).

Außerdem zu sehen sind Melanie Wurzer als höhere Tochter Ottilie, Daniela Lehner als lispelndes Klärchen, André Bauer als Berliner Rechtsanwalt Dr. Siedler, Johannes Seilern als brummiger Fabrikant Wilhelm Giesecke oder Harald Baumgartner als der schöne Sigismund. Regie führt Michael Scheidl, der als Prof. Dr. Hinzelmann auch selbst auf der Bühne stehen wird; es dirigiert Intendant Andreas Stoehr. Premiere ist am 21. Juli.

www.schlossfestspiele.at

Wien, 16. 6. 2016