Raimundspiele Gutenstein: Der Diamant des Geisterkönigs

Juli 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Prinzipalin Eckert zeigt Volkstheater vom Feinsten

Ein gütiger Geisterkönig: Karl Ferdinand Kratzl mit Annette Isabella Holzmann, Alexandra-Maria Timmel und Christoph Moosbrugger. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Ein gütiger Geisterkönig: Karl Ferdinand Kratzl mit Annette Isabella Holzmann, Alexandra-Maria Timmel und Christoph Moosbrugger. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Wie Karl Ferdinand Kratzl den Longimanus spielt, so möcht‘ man sich den lieben Gott vorstellen. Gutmütig, solang es nach seinem Willen geht, rechthaberisch grausam, wenn nicht, ein absolutistischer Senior und nur so weit senil, dass er doch noch im rechten Moment die richtige Entscheidung trifft, was die Menschen auf den ersten Blick freilich so nicht sehen … Mit einem Wort: Kratzl ganz in seinem bekannt skurrilen Kabinettstückchen-Element.

Prinzipalin Andrea Eckert hat für das erste Jahr ihrer Intendanz bei den Raimundspielen Gutenstein dessen Zauberposse „Der Diamant des Geisterkönigs“ gewählt und zeigt damit Volkstheater vom Feinsten. Bereits im prächtigen Bleichgarten beginnt das Sommerspektakel für Leib und Seele, Picknickkörbe, Gedichte aufsagende Kinder und Blasmusik. Mit klingendem Spiel wird das Publikum ins von Edgar Tezak neu gestaltete Zauberzelt geleitet, drinnen hat Eva-Maria Schwenkel für die magischen Momente gesorgt.

Eckert legte nicht nur die Gestaltung des Bühnenbilds in weibliche Hände, sondern auch Regie, Kostüme und Maske. Während dafür Nina Ball und Regina Tichy zuständig sind, hat Cornelia Rainer inszeniert. Und zwar mit viel Gespür für Tempo und Timing. Rainer hat den Diamanten präzise geschliffen, sie setzt auf Spaß, wenn sie die Raimund’schen Figuren den Wortwitz ihres Schöpfers allzu wörtlich nehmen lässt, vergisst aber bei all dem Happysound nie auf dessen melancholische Baseline. So gelingen dem Ensemble, das mit viel Spielfreude bei der Sache ist, die lauten wie die leisen Töne.

Begleitet von der Livemusik von klezmer reloaded turnen die Darsteller durch eine gute Stube, die schon einmal bessere Zeiten gesehen hat, eine mit Kästen, Kommoden und Kredenzen vollgestopfte Wunderkammer, denn im Altmöbellager verbergen sich zwei Welten, die der Geister und die der Menschen, von Regisseurin Rainer klug ineinander verschoben und verwoben. Die Geister beobachten, kommentieren, greifen ein ins Geschehen, sie sind es, die die menschlichen Bemühungen befördern oder boykottieren.

Nach dem Tod seines Vaters, des Zauberers Zephises muss Eduard in Begleitung seines Bediensteten Florian dem Geisterkönig seine Aufwartung machen. Zephises hat eine Schatzkammer hinterlassen, nur eine wertvolle Statue fehlt, und die soll Eduard erhalten, wenn er Longimanus ein Mädchen bringt, das noch nie gelogen hat. Nach langem Suchen findet sich Amine, doch einmal gefunden will Eduard sie nicht mehr hergeben. Er hat vor, sein dem Luftherrscher gegebenes Ehrenwort zu brechen. Es folgen Irrungen und Wirrungen …

Eduard sucht den Zauberschatz seines verstorbenen Vaters: Alexander Meile und Ensemble. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Eduard sucht den Zauberschatz seines verstorbenen Vaters: Alexander Meile und Ensemble. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Der böse Koliphonius verwandelt den einfältigen Florian in einen Pudel: Eduard Wildner und Matthias Mamedof. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Der böse Koliphonius verwandelt den einfältigen Florian in einen Pudel: Eduard Wildner und Matthias Mamedof. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Alexander Meile und Matthias Mamedof geben Eduard und Florian als ein Paar wie Tamino und Papageno. Vor allem Mamedof brilliert als einfältiger Florian, er zeigt sich nicht nur als großartiger Schauspieler und Gstanzlsänger, sondern auch als einwandfreier Akrobat – und Pudel. Zu Recht gilt seiner Leistung der meiste Applaus. Meile macht aus dem Eduard gerade so viel Elegiebürscherl, dass es immer noch sexy ist. Den beiden steht mit Annette Isabella Holzmann eine resolute Mariandl zur Seite, deren Vormachtstellung als Herrin im Haus mutmaßlich von der stolz die Unterlippe vorschiebenden Amina von Lisa Weidenmüller bedroht werden wird.

Alexandra-Maria Timmel ist Longimanus‘ unzufriedener und ergo dem Alkohol zusprechender Adlatus Pamphilius. Eduard Wildner ist erst der böse Zaubergarten-Wächter Koliphonius, dann der zwielichtige Veritatius. In dessen „Land der Wahrheit und der Sittsamkeit“ erfahren Eduard und Florian die Wirkweisen von Spitzelwesen, Staatsgewalt und Xenophobie. Rainer erlaubt sich an dieser Stelle ein paar aktuelle Bezüge, und auch, dass die Zuschauer per Handtest auf ihre moralische Unversehrtheit geprüft werden. Zum Gaudium der jeweils grad nicht drangenommenen.

„Der Diamant des Geisterkönigs“ ist ein weises Stück über die Wahrheit, die keine äußere Form, sondern ein innerer Wert ist. Andrea Eckert selbst hat sich die Rolle der Hoffnung zugeschrieben. Friedliebend und freundlich geleitet sie ihre Schützlinge auf deren Weg. Die Hoffnung, sagte die Eckert vorab im Gespräch mit mottingers-meinung.at, werde in Gutenstein in jeder Hinsicht ihre Rolle sein. Sie hat eine mit Bravour erfüllt, nämlich die auf einen samt und sonders gelungenen Theaterabend.

Andrea Eckert im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=19848

www.raimundspiele.at

Wien, 22. 7. 2016

Andrea Eckert im Gespräch

Mai 13, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ist neue Intendantin der Raimundspiele Gutenstein

Andrea Eckert. Bild: Laurent Ziegler

Prinzipalin Andrea Eckert. Bild: Laurent Ziegler

„Prinzipalin“ steht auf der Webseite der Raimundspiele Gutenstein neben dem Namen Andrea Eckert – und als solche zeigt sich die Schauspielerin beim Interview auch. Vor einem dreiviertel Jahr hat sie ihre neue Aufgabe begonnen, hat sich ihr künstlerisches Team gewählt, wurde erstmals mit den Sorgen einer Intendanz konfrontiert – und hat sich so richtig ins Zeug geworfen. Nach dem Motto: Problem? – Lösung!

Am 21. Juli geht’s los, mit „Der Diamant des Geisterkönigs“. Die Eckert spielt die „Hoffnung“, weil’s zu diesem Neubeginn passt, wie sie findet. In Gutenstein soll es ab diesem Jahr nämlich ein Fest für alle Sinne geben. Mit Zauberzelt und magischen Wesen und einem Park, der in eine mystische Landschaft verwandelt wird. Ein Gespräch über Publikum mit Picknickkörben, ein Filmprojekt über minderjährige Flüchtlinge und ein Theaterleben ohne Wiener Bühne:

MM: Wer keine Sorgen hat, wird Intendantin?

Andrea Eckert (sie lacht): Ich habe diese Aufgabe Ende 2015 übernommen. Ich freue mich sehr darüber, aber wenn man im Jänner anfängt, Regisseurin und Schauspieler für den Sommer zu suchen, lacht jeder nur. Nach vielen Gesprächen hatte ich das Glück, Cornelia Rainer zu treffen. Bei unserem ersten Treffen sagte sie einen Satz, der mich staunen ließ :“Bei Raimund gibt es ganz viel Traurigkeit.“ Sie war die Erste, die jene tragische Seite von Ferdinand Raimund angesprochen hat, die zwar im Leben dieses großen Dichters eine zentrale Rolle gespielt hat, in den Aufführungen seiner Stücke aber so gut wie nie spürbar ist. Ich glaube, der Neubeginn der Raimundspiele in Gutenstein ist ein guter Moment, um Raimund aus einer gewissen lieblichen Entrücktheit wieder in unsere Nähe zu bitten und uns auch mit den Dämonen und Ängsten zu beschäftigen, die ihn sein Leben lang verfolgt haben, ohne dabei den „Volksdichter“ zu beschädigen. Darüberhinaus habe ich mir natürlich Gedanken gemacht, wie ich, von Raimund abgesehen, das durch den vielfältigen niederösterreichischen Theatersommer verwöhnte Publikum verführen kann, nach Gutenstein zu kommen.

MM: Sie haben sich 2003 aus der Bewerbung um die Volkstheater-Intendanz zurückgezogen. Sind nun die Voraussetzungen besser?

Eckert: Das ist nicht  zu vergleichen. Das Volkstheater war mein Lebensort, mein künstlerisches Zuhause, an dem ich über lange Jahre mit  vielen Menschen verbunden war, nicht nur mit Schauspielerinnen und Schauspielern, auch aus den Sparten Bühne, Maske, Kostüm, Technik gab es Leute, die ich unglaublich schätze wegen ihres Könnens und ihrer Liebe zum Theater, und mit denen ich gerne weitergearbeitet hätte. Als ich mit diesem Vorhaben gegen die Wand gefahren war, beschloß ich, derartiges nie wieder zu versuchen. Mein Verlangen  nach Selbstverletzung ist endenwollend. Aber die Sehnsucht nach einem Ort, an dem ich Leute versammeln kann, um eine künstlerische Idee gemeinsam zu verwirklichen, ist geblieben. Vielleicht glückt es in Gutenstein. Bei meinem ersten Kontakt mit Bürgermeister Michael Kreuzer stellte ich erstaunt fest, wie wichtig ihm die Zukunft der Raimundspiele ist und sein ehrlicher Enthusiasmus war für mich ausschlaggebend, die Aufgabe der „Prinzipalin“ zu übernehmen (sie lacht).

MM: Nun denkt man bei der Schauspielerin Andrea Eckert nicht als erstes an Raimund-Rollen. Das ist doch gar nicht ihr „Fach“?

Eckert: Es stimmt, vielleicht passe ich nicht wirklich in diese Wiener Volksstücke, ich habe auch nie Nestroy gespielt, aber nein, falsch! Raimund habe ich gespielt!  Ein einziges Mal, natürlich am Volkstheater. Und zwar die „Hoffnung“ im „Diamant des Geisterkönigs“. Diese kleine, wunderschöne  Rolle werde ich auch in Gutenstein spielen. Die „Hoffnung“ ist eine Allegorie, die sich dem Wienerischen Flair und Duktus entzieht. Eine Intendanz ist eine schwierige Aufgabe mit viel Verantwortung. Es war mir klar, daß ich während der ganzen Spielzeit vor Ort präsent sein will, und dachte mir, da kann ich ja gleich mitspielen. Ich freue mich auf den Sommer. Die „Hoffnung“ wird dort in jeder Hinsicht meine Rolle sein.  (Sie lacht.) Ich denke nun beinah täglich an Emmy Werner. Jetzt verstehe ich erst, was es heißt, mit einem Haufen Individualisten ein künstlerisches Projekt auf die Welt zu bringen. Ich bekomme viel Unterstützung von allen Beteiligten, für ihren Enthusiasmus kann ich nicht genug danken. Der technische Leiter des Volkstheaters,  Michael Mayerhofer, hat bei uns in Gutenstein die technische Leitung übernommen und wir können Teile unseres Bühnenbilds in den gerade noch bestehenden Werkstätten fertigen lassen. Das ist großartig, denn dort arbeiten Menschen, die ihr Handwerk wirklich verstehen.

MM: Bleiben wir beim Thema Geld. Subventionsgeber und Sponsoren?

Eckert: Ja, das liebe Geld!!!  Ich bin auf der Jagd nach Sponsoren. Es gibt das Land Niederösterreich als Hauptgeldgeber, die Gemeinde hat Sponsoren aus der Gegend, ich schnorre, wo ich kann. Ich fühle mich dem Geld und der Kunst verantwortlich, das ist ein Spagat, der mich zuweilen um den Schlaf bringt.

MM: Konkret heißt das?

Eckert: Dass ich ein sparsamer Mensch bin. Wir haben 230.000 Euro, 20.000 mehr wären gut. Da könnte ich entspannter agieren.

Die Intendantin mit einem Modell des neuen Zelts. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

Eckert mit einem Modell des neuen Zelts. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

Regisseurin Cornelia Rainer. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

Regisseurin Cornelia Rainer. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

MM: Regisseurin Cornelia Rainer haben Sie für diese Inszenierung erst kennengelernt. Das Ensemble sind alte Bekannte und ein Best of der jungen Kräfte in Österreich.

Eckert: Ich habe Schauspieler angesprochen, die ich schätze, und da ich viel ins Theater gehe, standen einige bereits auf „der Liste“. Im Hamakom  habe ich Alexander Meile gesehen, der Eduard spielen wird. Lisa Weidenmüller ist sein „Diamant“, Amine,  Matthias Mamedof, ehemals Volkstheater, der ideale Florian, Annette Isabella Holzmann – sie hat mit mir in dem Stück „Du bleibst bei mir“ gespielt – ist das Mariandl. Karl Ferdinand Kratzl, Edu Wildner und Christoph Moosbrugger runden den Cast ab, weiters werden noch Sophie Behnke, Uli Hübl, Tany Gabriel und Ronald Rudoll zu sehen sein.

MM: Wie Sie schon sagten, Sie planen ein Fest für alle Sinne, das sozusagen bei der Gutensteiner Ortstafel beginnt. Dafür haben Sie sich einen ganz besonderen Verbündeten geholt: Edgar Tezak.

Eckert:  Egar Tezak ist ein großartiger Maler, der sein Leben auf Reisen verbracht hat, lange in Indien und New York gelebt hat, bevor er sich  wieder in Österreich niedergelassen hat. Er ist bestens bewandert in der Fantasiewelt Ferdinand Raimunds und hat meinen Vorschlag, unser Theaterzelt mit Motiven, inspiriert von der Fantasiewelt des Dichters zu versehen, schöner verwirklicht, als ich es mir je hätte träumen lassen.  Auch im Park werden im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten Lichtskulpturen von Edgar Tezak aufgestellt, er gestaltet unser Plakat, die Eintrittskarten, alles. Ich möchte für die Zeit der Raimundspiele den Park, das Theaterzelt und den Ort verwandeln. Mir schwebt auch eine andere Art des üblichen Theaterbuffets vor, an dem man sich üblicherweise bis zum Pausenende um ein Getränk anstellt:  Picknickkörbe und Decken werden bei uns bereitgestellt sein, damit das Publikum es sich vor oder nach der Vorstellung im Park gemütlich machen kann und sich eingeladen fühlt, noch ein wenig zu verweilen. Ich hoffe, das klappt alles so und wird schön für die Leute …

Edgar Tezak gestaltet das Theaterzelt und den Zaubergarten. Bild: © / www.raimundspiele.at

Edgar Tezak gestaltet das Theaterzelt und den Zaubergarten. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

MM: Den Willen, eine regieführende Intendantin zu sein, haben Sie nicht?

Eckert: Ich habe großen Respekt vor diesem Beruf, den ich nicht erlernt habe, und hohe Ansprüche an mich selbst. Beim Dokumentarfilm mit einem kleinen Team habe ich die Erfahrung gemacht, ja, das kann ich. Am Theater, bei derartig personenreichen, komplizierten Stücken wie bei Raimund, traue ich mir das nicht zu. Ich nehme die Intendanz sehr ernst, die Aufgabe allein ist eine Herausforderung, ich bin im Grunde für alles verantwortlich und zuständig. Regie soll jemand führen, der Erfahrung hat und sich darauf konzentrieren kann.

MM: Sie haben den Wunsch geäußert, die Raimundspiele in Gutenstein mögen kommendes Jahr wieder Mitglied des Theaterfests Niederösterreich sein. Was muss dafür geschehen?

Eckert: Ich bin noch nicht ganz in diese Materie eingedrungen, aber ich habe zur Kenntnis genommen, dass Gutenstein bei der Ankündigung des Theaterfests Niederösterreich nicht dabei war. Ich möchte das natürlich ändern. Wir gehören zu Niederösterreich, wir möchten einen ernsthaften künstlerischen Beitrag leisten, also wollen wir auch Teil des Theaterfestes sein, mit aller zusätzlichen Bewerbung, die das mit sich bringt. Ich freue mich auch sehr über Besuch von Intendanten-Kolleginnen und -Kollegen, denn ich halte viel vom Miteinander, um gemeinsame Anliegen zu realisieren.

MM: Sie bereiten auch einen neuen Dokumentarfilm vor?

Eckert: Das ist eine Geschichte, die mir sehr am Herzen liegt, die aber immer noch in der Projektfinanzierung steckt. Ich habe glückliche Zeiten meiner Kindheit  in der Nähe von Eggenburg verbracht, einer kleinen Stadt im Weinviertel. Bis heute bin ich dort verwurzelt wie nirgends sonst. Seit Kurzem sind in Eggenburg 50 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Über sie, ihre erschütternden Lebensgeschichten und über die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Eggenburg möchte ich einen Dokumentarfilm machen. Kann man sich einander annähern? Überwiegen Ablehnung und Vorurteile oder Solidarität und Empathie? Es findet dort gerade ein mutiges Wagnis statt, gerade in der momentanen Situation, mit offenem Ausgang …

MM: Woher kommt Ihre Liebe zum Dokumentarfilm?

Eckert: Aus  Begegnungen mit herrlichen Menschen und dem Trauma des endgültigen Abschieds – diese Erfahrung, dass mit den Menschen ihre Erinnerungen, eine ganze Welt, verschwindet. Ich empfinde das als ungeheuren Verlust. Und so sind all diese Filme entstanden, aus der Sehnsucht, Wesen wie die Zirkusartistin Lucia Westerguard, den Schriftsteller Frederic Morton oder den Schauspieler Walter Schmidinger hier zu behalten, für uns zu bewahren. Ein ganz egoistischer Wunsch. Trotzdem: diese Art des Filmemachens  ist das genaue Gegenteil vom Schauspielen.  Man konzentriert sich ganz auf den anderen,  versucht nur, eine Membran für ihn zu sein, um die richtige nächste Frage zu stellen und ihn noch tiefer zu sich selbst zu bringen. Es ist so wohltuend, auf sich selbst zu vergessen. Wir Schauspieler kreisen ein Leben lang um unsere  Rollen und damit in gewisser Weise um uns, da ist Egozentrik ein notwendiges Arbeitsvehikel. Beim Dokumentarfilm geht es ausschließlich um das gegenüber und wie man es am Richtigsten erfassen kann. Zuhören, zuhören, zuhören …

MM: Haben Sie auch weitere Pläne für die Bühne?

Eckert: Nicht in Wien. Ich mache im Herbst ein schönes Theaterprojekt in Zürich, ich spiele von Deutschland über Israel bis in die USA meinen Lotte-Lenya- und andere -Chansonabende, und ich freue mich darüber, dass diese selbst kreierten Arbeiten weite Kreise ziehen. An Wiener Theatern  finde ich zur Zeit  nicht statt.

MM: Was wird in Zürich sein?

Eckert: Eine Crossover-Produktion zwischen Musikern, Tänzern und  einer Schauspielerin, die im Zentrum  des Abends steht. Es ist ein Projekt über Arnold Schönberg, seine Frau Mathilde und Richard Gerstl, der ja mit ihr liiert war und sich nach dem Scheitern der Beziehung erhängt hat. Premiere wird in Zürich sein, dann gehen wir nach Frankfurt, New York – und kommen damit eventuell auch nach Wien.

www.raimundspiele.at

www.andrea-eckert.com

Wien, 13. 5. 2016

Andrea Eckert spielt wieder Maria Callas

März 30, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Meisterklasse“ im Metro Kinokulturhaus

Andrea Eckert als Maria Callas Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Andrea Eckert als Maria Callas
Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Andrea Eckert kehrt in einer ihrer wichtigsten Rollen zurück auf die Bühne. Wegen der großen Nachfrage von Fans dieser Erfolgsproduktion ist die Schauspielerin ab 7. April wieder als Maria Callas in „Meisterklasse“ von Terrence McNally zu sehen. Diesmal im Metro Kinokulturhaus und für vorerst sechs Abende.

„Meisterklasse“ war eines der Theaterereignisse der Intendanz Emmy Werner am Volkstheater, wo die legendäre Inszenierung von Arie Zinger von 1996 bis 2008 vor mehr als 170.000 Zuschauern gezeigt wurde. Hinter der Ikone der „Primadonna assoluta“, die die Callas darstellt, werden in McNallys Stück nach und nach auch die lebensbestimmenden wie auch die lebensvernichtenden Zwänge und Opfer sichtbar, die großes Künstlertum und eine weltweit begeistert aufgenommene Karriere fordern. Ein Drama über Größe und Grausamkeit der Kunst, die nichts weniger als das Leben kostet.

Andrea Eckert gelingt das Bühnenwunder, die Callas in ihrer Leidenschaft und Hingabe an die Kunst ergreifend zu verlebendigen.

Karten: oeticket.com

www.andrea-eckert.com

Wien, 30. 3. 2016

Volkstheater: Gift. Eine Ehegeschichte

Januar 24, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Großes Theater, ganz untheatralisch

Andrea Eckert, Günter Franzmeier Bild: © Gabriela Brandenstein

Andrea Eckert, Günter Franzmeier
Bild: © Gabriela Brandenstein

Ein Mann und eine Frau, die erst ein Kind verloren haben, dann sich selbst und dann einander. So beschreibt er die Situation, mit der er sich „abgefunden“ hat: „Dass er mir fehlt.“ Sie sagt über ihre bloße Existenz: „Ich mache mit, mehr kann  man von mir nicht verlangen.“

„Gift. Eine Ehegeschichte“ heißt das Stück von Lot Vekemans, das Michael Schottenberg am Volkstheater inszeniert hat. Ein einfaches Stück, alltäglich in der Sprache, so klug und so wahr. So, dass einem beim Spiel kein Spielraum bleibt, dass auch der Schauspieler, die Schauspielerin schmerzhafte Offenheit, eine Schlichtheit fern allen „Theaterhandwerks“, auf die Bühne bringen müssen. Andrea Eckert und Günter Franzmeier ist das gelungen. Ganz untheatralisch erzählen sie die dramatische Geschichte. Man trifft einander wieder, nach zehn Jahren, auf dem Friedhof, in einem Raum der Verwaltung. Die Erde auf dem Gelände ist verseucht. Ihr Sohn, der bei einem Autounfall ums Leben kam, muss umgebettet werden. Damals ist er gegangen, ohne ein Wort, hat in Frankreich neu angefangen. Hat wieder geheiratet, wird wieder Vater. Wie weh das tut, wenn einer weiter macht mit Leben und man es nicht kann. Sich selbst das Glücklich sein verwehrt. Sie stellt ihm diese „Falle“, lockt ihn zu einer bisher nie stattgefundenen Aussprache, hofft auf Heilung, denn mit Friedhof und Grab ist alles in Ordnung – und sie erfährt Erstaunliches …

Hans Kudlich hat als Schauplatz der Begegnung einen weißen Raum erdacht. Steril, nicht einmal belebt durch einen armseligen Ficus. Hier, zwischen Sein und Nicht-mehr-Sein, ist keine Flucht möglich. Schottenberg arbeitet im Weiß mit Blackouts. Begleitet von Kameraklicks. Momentaufnahmen. Nur ein paar Requisiten lässt er seinen Akteuren. Plastikwasserbecher, Schirm und Schal, ein Handy. Eckert und Franzmeier sind auf ihre Darstellung zurückgeworfen, in die Situation geschleudert, mit jemandem zu reden, dem man nichts und doch alles zu sagen hat. Und sie machen das fabelhaft. Von der anfänglichen peinlichen Berührtheit – ohne einander zu berühren, davor schrecken beide zurück -, über kleine Gesten, die sich zur Handgreiflichkeit steigern, bis zur Nähe einstiger Vertrautheit. Man war einmal und es war einmal …

Andrea Eckert oszilliert zwischen fahriger Nervosität und verletzendem Zynismus. Steht stets an der Schwelle zum Zorn, der doch nur ihre Trauer überdeckt. Alles in ihr Sein ziselierte Zeichen für Depression. Günter Franzmeier bleibt da nicht mehr, als schon vor zehn Jahren: tief durchatmen, seufzen, die ihm zugeschobene Schuld wegschieben. Der Journalist will sich seinen Sohn in einem Roman zwischen zwei Buchdeckeln erhalten. Er ist ein leiser Leidender. Das erkennt sie, nachdem ihm die endlose Wartezeit auf jemanden von der Friedhofsverwaltung, von der natürlich niemand kommen kann, die Rationalität runtergeräumt hat. Ob das die Heilung ist? Ob hier einer recht und einer unrecht hat? Gibt es Regeln, einen Messwert für den Härtegrad von Trauer“arbeit“? Der Abend birgt Fragen, auf die die Antworten in einem selber liegen. Auch das macht ihn spannend.

Für Vekemans Text braucht man aber zu allererst zwei große Schauspieler und einen Regisseur, der ihnen ihr Ich lässt. Das alles trifft auf diese Arbeit zu. Chapeau allen Beteiligten! Eckert und Franzmeier sind wie Feuer und Eis, die gemeinsam zu Tränen schmelzen. Auf möglichst unauffälliges Schniefen im Zuschauerraum folgte Riesenapplaus. Ein Erlebnis, das jeder so oder so schon einmal hatte, ein Verlust, kann niemanden ungerührt lassen. Man muss sich drauf einlassen. Ein Taschentuch bei der Hand zu haben, ist hilfreich.

www. volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/andrea-eckert-und-guenter-franzmeier-im-gespraech

Wien, 24. 1. 2015

Andrea Eckert und Günter Franzmeier im Gespräch

Januar 21, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Volkstheater: Gift. Eine Ehegeschichte

Andrea Eckert, Günter Franzmeier Bild: © Gabriela Brandenstein

Andrea Eckert, Günter Franzmeier
Bild: © Gabriela Brandenstein

Ein Mann und eine Frau. Eine gemeinsame Vergangenheit, ein gemeinsamer Verlust, danach Trennung, Schweigen. Nach mehr als zehn Jahren, in denen sie jeden Kontakt vermieden haben, steht sich das Paar auf dem Friedhof zum ersten Mal wieder gegenüber. Das Grab des gemeinsamen Sohnes soll verlegt werden, offenbar wurden im Boden giftige Substanzen gefunden. Allerdings ist nirgendwo jemand von der Friedhofsverwaltung zu sehen … Die Bewältigungsstrategien der beiden hätten nicht unterschiedlicher sein können: Während er nach dem Tod des Kindes das Land verlassen und sich in Frankreich ein neues Leben aufgebaut hat, ist sie in ihrem gemeinsamen Haus wohnen geblieben und sieht sich außer Stande, diesen Schicksalsschlag überwinden zu können. Er, ein Journalist, hat den Verlust akzeptiert, möchte seine Geschichte „in Buchform zuklappen und wegstellen“. Sie will und kann nicht loslassen und kämpft doch, steckengeblieben in ihrem Schmerz, um so etwas wie Normalität.

Lot Vekemans‘ „Gift. Eine Ehegeschichte“  (Premiere ist am 23. Jänner) ist ein kostbarer Dialog zweier Menschen, die ein Kind verloren haben, dann sich selbst und dann einander. Zwischen Abrechnung und Annäherung, Trost und Trauer, Zärtlichkeit und Härte oszillieren die Szenen dieser Wiederbegegnung. Dabei blitzen selbst in der tiefsten Tragik auch komische Momente auf – wie im Leben selbst. Michael Schottenberg inszeniert zum vorletzten Mal als Hausherr am Volkstheater. Seine Protagonisten Andrea Eckert und Günter Franzmeier im Gespräch:

MM: Braucht man als Schauspieler wie als Mensch nicht unendliche Kraft um „Gift“, diese Ehegeschichte um ein verstorbenes Kind zu spielen?

Andrea Eckert: Probenzeiten empfinde ich immer als intensive, oft psychisch ungemein fordernde Prozesse. Bei diesem Stück allerdings, das als Zentrum den Tod eines innigst geliebten Menschen, des eigenen Kindes hat!, bekommt mein Gefühlsleben langsam eine dunkle Färbung. Es ist schwer, sich zu bewahren, man schöpft ja aus dem eigenen Erleben, aus der eigenen Vergangenheit, soweit das zulässig ist. Doch wir sind SchauspielerInnen geworden, um gerade das zu tun. Wenn das Spiel gelingt, können wir das Publikum erreichen und berühren. Durch Berührung werden Räume leise wieder geöffnet, die sich durch Lebensroutine irgendwann unbemerkt geschlossen haben. Aber es wäre gelogen, wenn ich sagte, es wäre leicht. Gift ist eben keine leichte Kost.

Günter Franzmeier: Man fällt von einer Emotion in die andere. Es gibt leichte Passagen, dann solche, die einen sehr mitnehmen. Da versucht man natürlich in sich selbst zu kramen, Erinnerungen raus zu holen. Das ist wirklich anstrengend.

MM: Noch dazu, denke ich, kommt zur psychischen Anstrengung – denn wer wäre noch nicht mit Verlust konfrontiert gewesen? – die physische, zu zweit diese Riesenbühne zu befüllen.

Franzmeier: Das werden wir sehen. Die Bühne ist nicht groß, das ist interessant, schwierig, aber gewohnt. Der Zuschauerraum ist wahnsinnig groß, wie immer, und die Zuschauer haben keine Möglichkeit, von irgendetwas abgelenkt zu sein. Es gibt keine inszenatorischen „Mätzchen“, man muss sich in die Geschichte reinziehen lassen – und wer das zulässt, der lässt sich auch von unseren Emotionen mitreißen.

Eckert: Das Stück ist ein Kammerspiel, das Volkstheater ist ein riesiges Theater. Die Bühne wird vorgezogen, wir sind also weit vor dem „Eisernen“ und verringern dadurch die Distanz zum Zuschauer. Es wird, auch durch das Licht ein sehr konzentrierter Raum sein. Der Abend ist schauspielerisch ein Hochseilakt. Wir können uns aufeinander verlassen, aber wer stürzt, der stürzt tief. Wenn Kommunikation mit dem Publikum stattfindet, dann macht der Abend Sinn für uns alle. Es gilt ,den Balanceakt größter Wahrhaftigkeit zu versuchen. Keine Wiederholungen, Äußerlichkeiten, Selbstergriffenheit. Selbst keuscheste „Tricks“ sind hier zum Scheitern verurteilt.

MM: Apropos, Tricksen und Mätzchen, die ich nie unterstellen würde: Die Sprache von Autorin Lot Vekemans ließe solche auch gar nicht zu. Ihre Sprache für die Figuren ist die „Sprachlosigkeit“, Halbsätze, die man sagt, um die ganze Wahrheit zu vermeiden, im Unvermögen, das Unaussprechliche in Worte zu fassen.

Franzmeier: Ganz genau so hab’ ich’s auch empfunden. Der Dialog bricht immer wieder ab, die Sätze werden nicht „ausgesprochen“, es werden Sachen stehengelassen, weil man nicht darüber reden kann. Die Sprache ist eigentlich eine Alltagssprache. Aber dadurch, wie man sie benutzt beziehungsweise nicht weiß, wie man weitermachen soll, sie so wertvoll und gar nicht belanglos. Die Figuren WOLLEN ja miteinander reden, um zehn Jahre Nicht-mehr-Ehe aufzuarbeiten, da kann man nicht „hochgestochene“ Literatur über die Rampe bringen.

Eckert: Wenn man das Stück zum ersten Mal liest, denkt man, die Sprache ist eigentlich kunstlos, fast banal – das ist aber nicht wahr, bei näherer Beschäftigung merkt man bald, wie genau es geschrieben ist. Natürlich ist es in einer anderen Sprache als dem Deutschen entstanden. Ich habe mich sehr mit der englischen Übersetzung angefreundet und viel mit ihr gearbeitet … In jedem Fall … Das ist ein sehr gut geschriebenes Stück.

MM: Das Miteinander reden ist vor allem ein Anliegen der Frau. Das Paar hat den Tod des Sohnes völlig unterschiedlich bewältigt. Sie – die Figuren haben keine Namen – hat sich in ihrer Trauer verkapselt, er die Flucht ergriffen. Machen Frauen das so? Und: Warum will sie ihn wieder sehen?

Eckert: Ich denke, dass durch sein lapidares Weggehen ohne jede Erklärung eine Sprachlosigkeit und gleichzeitig ein monologisch – manisches Denken um das Vergangene über sie verhängt wurde, das keine Lösung zuließ und den Schmerz nicht vergehen ließ. Ich glaube nicht, dass das eine weibliche Attitüde ist. Ich glaube aber, dass, wenn man etwas gemeinsam Erlebtes nicht gemeinsam verarbeiten kann, der Schmerz aus der Zeit genommen wird, er ist wie vakuumverpackt. Er kann sich nicht verändern, er kann nicht milder werden und schon gar nicht vergehen. Es gibt keine Zeit, also heilt sie auch keine Wunden. Deshalb ist das Treffen mit ihm für sie lebensnotwendig. Ich bin tief überzeugt davon, dass diese Begegnung, auch, wenn sie kein Happy End hat, für sie eine Wendung bedeutet; sie sich wieder dem Leben zuwenden wird können. Weil es eine Aussprache gegeben hat. Wie wichtig es ist, gemeinsamen Schmerz gemeinsam zu bewältigen, ist mir durch dieses Stück klar geworden.

MM: Wird die Inszenierung von Michael Schottenberg diesen Silberstreifen am Horizont aufreißen?

Eckert: Jede Zuschauerin wird eine andere Fantasie dazu haben. Ich hoffe, dass dieses brutale Rendezvous, das sie herbeigeführt – man muss eigentlich sagen – inszeniert hat, dazu führt, dass sie danach die Möglichkeit hat, in der Gegenwart anzukommen und dadurch am Spiel des Lebens aktiv teilzunehmen, nicht nur als Zuschauerin wie in den vergangenen zehn Jahren.

MM: Der Mann, „der Flüchtling“, könnte vordergründig als der große Verdränger gesehen werden. Wenn man tiefer in die Figur hineinschaut, war er aber nicht weniger verletzt, getroffen, als ihm unterstellt wird.

Franzmeier: Ganz genau. Er konnte nicht damit umgehen, wie sich die Frau in der Zeit der Aufarbeitung des Todes des Sohnes verhalten hat. Es kommt aber ganz klar raus, dass er genauso an der Situation genagt hat. Er hat nicht verdrängt, sondern einfach weitergemacht. Mit seinem Beruf, mit einer neuen Beziehung. Er hat sich damit abgefunden. Und das konnte die Frau nicht.

MM: Ist das nicht ein stereotypes Frauen- und Männerbild? Und was kann man dem entgegenhalten?

Eckert: Ich glaube nicht an männliche oder weibliche Stereotypen, das Leben ist viel facettenreicher. Trotzdem: Eine Mutter ist etwas anderes als ein Vater. Das Kind ist in ihr gewachsen, sie hat es nach neun Monaten auf die Welt gebracht. Es kommt aus ihrem Leib. Ich hab keine Kinder, aber ich hatte eine Mutter und als sie starb, habe ich darüber viel verstehen können.

Franzmeier: Ich habe ein Kind – und widerspreche keineswegs. Die Erfahrung, ein Kind zur Welt zu bringen, kann man als Mann, auch wenn man bei der Geburt dabei war, nicht nachvollziehen. Stereotyp, ja, aber ich glaube wirklich, dass es daher kommt, dass die Mutter-Kind-Bindung enger ist und ein Ende schwerer.

Eckert: Die Frau in unserem Stück ist kein Heimchen am Herd. Sie ist intelligent, mit einem klaren Intellekt und gutem Instinkt. Sie ist verletzt und kann verletzen und sie tut das auch. Die Wunde hat sich bei ihr noch nicht geschlossen, deshalb muss er auch „bluten“.

MM: Muss man da als Schauspieler sehr „pur“ sein auf der Bühne?

Eckert: Eine andere Chance haben wir an dem Abend nicht. Das ist eine Herausforderung und in gewisser Weise gnadenlos.

Franzmeier: Man kann nichts vorschieben, man kann sich keine „Stimme“, keinen Gang für die Rolle aneignen, man kann sich in keinem Kostüm verstecken …  man muss also schauen, wie weit man kommt, in der Privatheit nicht zu privat zu sein. Das ist die Schwierigkeit. Der Zuschauer muss spüren, was man gerade NICHT macht.

MM: Lot Vekemans hat eine eigene Theatergruppe „M.A.M.“ (Mehrere Antworten Möglich). Ich finde, das trifft auch ganz stark auf die Situation in „Gift“ zu. Es gibt Paare, die werden durch Schicksalsschläge zusammengeschweißt, andere treiben sie auseinander. Haben Sie darüber philosophiert? Wie spielt das Leben da? Was überlegt man sich da?

Franzmeier: Ganz ehrlich: gar nichts, wenn ich so eine Rolle angehe. Ich versuche, die Situation mitzuerleben, mitzufühlen. Die Frage, was anders hätte sein können, stellt sich gar nicht. Der Mann war weg, ist kurz da, geht wieder. Das Stück ist eines, wo man jeden Abend spontan sein muss, da kann man sich keine „Vorher-Biografie“ für die Figur ausdenken, dann klappt die Spontanität vielleicht nicht.

Eckert: Wenn ich eine Stück annehme, überlege ich mir, wo könnte der Sinn für die Zuschauer und für mich sein? Hier ist es vielleicht die Möglichkeit, über die Zerbrechlichkeit des Lebens nachzudenken, über die Kostbarkeit einer Beziehung, über Achtsamkeit im Umgang miteinander.. über schöne Zeiten, die schnell zu Ende gehen…

MM: Dazu gehört auch Vekemans metaphernhafte Zweideutigkeit über das Leben nach dem Tod. Für die, die bleiben, und die, die uns verlassen haben.

Eckert: Diesem Gedanken kommt das Bühnenbild von Hans Kudlich nahe. Ein vollkommen neutraler Raum, die Aufbahrungshalle, auch ein metaphysischer Raum, ein Warteraum zwischen Sein und Nicht-mehr-Sein, in dem wichtige Dinge des Lebens geklärt werden können.

MM: Haben die Figuren, wenn Sie auseinander gehen, etwas geklärt?

Franzmeier: Ja, das glaube ich schon. Es wurde die Emotion dargelegt, warum die damalige Situation nicht mehr aushaltbar war. Für mich als „der Mann“ ist es fast eine Erlösung, den weggerückten Schmerz doch noch einmal gemeinsam aufzuarbeiten. Er kann jetzt rausgehen, weitermachen auf dem Weg, den er eingeschlagen hat, ohne das Kreuz, das er all die Jahre mitgeschleppt hat. Er fühlt sich leichter. Und es besteht ja die Möglichkeit, dass sie sich auf einer neutralen Fläche wieder treffen – vielleicht -, es kann auch sein, dass sie sich nie wieder sehen. Das bleibt offen.

Eckert: Ich glaube, sie hat sich von ihrer Obsession befreien können. Er war wie ein Nachtmahr, der sie nicht losgelassen hat. Sie war besetzt von ihm. Nun hat sie Klarheit bekommen, wird ihr Leben „neu“ beginnen können. Für sie wurde etwas Entscheidendes geklärt. Es ist ein Treffen mit extremer Gefühlsamplitude von Aggression, Trauer bis zu Zärtlichkeit und Lachen. Sie kann nun seine Art, den Tod des Sohnes zu bewältigen, akzeptieren, weil er sie daran teilhaben ließ. Sie kann eine Schlussstrich ziehen; unter die Beziehung wohlgemerkt. Unter dem Verlust ihres Sohnes wird sie ein Leben lang leiden

MM: Schön, wenn sich das Darstellerduo in der Auslegung so einig ist …

Franzmeier (lacht): Man sagt ja auf dem Theater ist jeder Abend anders. Bei dieser Arbeit wird jeder Abend besonders anders sein. Anders sein müssen, weil es auf unsere Verfassung ankommt. Man weiß nie, wie’s ausgeht. Das ist toll.

MM: Was meint Regisseur Michael Schottenberg dazu?

Franzmeier: Wir sind zur ersten Leseprobe gekommen und haben den Text gesprochen, wie man spricht, und dabei blieb’s im Wesentlichen. Schottenberg inszeniert sozusagen die Leerstellen. Das Unausgesprochene. Was wesentlich schwieriger ist.

Eckert: Ich arbeite das erste Mal mit Michael Schottenberg und es ist ganz besonders schön. Er ist ein ungemein aufmerksamer, liebevoller Zuseher. Er lässt uns spielen, sein, sagt nur zum Schluss der Probe etwas und seine Beobachtungen sind klug und hilfreich. Ich habe fast den Eindruck, unsere Probenarbeit besteht im Weglassen. Es wird einem alles genommen, was man sich zum Schutz umgehängt hat, alle Manierismen, alle Attitüden. Es wird immer konzentrierter, nackter sozusagen.

Franzmeier: Schottenberg hat sich nichts „rausgehirnt“. Er lässt uns machen.

Eckert: Das ist ein riskanter Entschluss für einen Regisseur, aber in diesem Fall wohl der einzig richtige. Ich komme auf die Bühne und weiß, jetzt springe ich, aber ich weiß nicht, wo ich landen werde. Dass Michael Schottenberg uns da so gefolgt ist, mitgesprungen ist sozusagen, und nie versucht hat, zu „inszenieren“, ist sicher die richtige Entscheidung für dieses Stück. Es gibt keine Verabredungen zwischen uns, es gibt nur etwas zu verhandeln. Deshalb ist es hier besonders wichtig, wer mein Partner ist, denn letztendlich sind am Abend die Augen von Günter Franzmeier mein einziger Halt.

Franzmeier: Das Kompliment kann ich nur zurückgehen, Andrea Eckert als Partnerin zu haben und zu wissen: Egal, was sie wie sagt, es wird stimmen, und ich werde agieren, reagieren, abwehren können. Bei manchen Kollegen spielt man ja gegen die Gummiwand, bei ihr kommt eine Welle an Emotionen zurück. Der Zuschauer kann einsteigen, kann einmal dem Standpunkt der Frau folgen, einmal dem des Mannes.

MM: Das ist Ihr Wunsch an den Zuschauer?

Franzmeier: Ich denke, das Publikum wird berührt sein, weil es ähnliche Situationen kennt. Ich hoffe also, dass es nicht ablehnend sein kann. Ich wünsche mir, dass die Zuschauer eineinhalb Stunden nicht vertan haben, sondern emphatisch zuschauen können.

Eckert: Ich wünsche mir, dass man aufmerksam wird auf die Kostbarkeit des Moments. Weil der Moment vergeht, weil wir alle vergehen. Jetzt ist Miteinander.

www.volkstheater.at 

www.andrea-eckert.com

Wien, 21. 1. 2015