Kasino des Burgtheaters: Sechs Tanzstunden in sechs Wochen

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei supersympathische Dancing Stars

Tango mit Pasión: Andrea Eckert und Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich Regisseurin Martina Gredler und Kostümbildnerin Lejla Ganic an Outfits für Markus Meyer ausgedacht haben, ist für sich genommen schon eine Show. Vom goldglitzernden Matador-Jäckchen über eine weiße Fantasieuniform mit Sisi-Enten-Shirt bis zu Jeanshotpants mit „Stars ans Stripes“-Leggins, so angetan wirbelt Meyer als Tanzlehrer Michael Minetti ins Leben der pensionierten Lehrerin Lily Harrison.

Andrea Eckert, die am Burgtheater in der Andrea-Breth-Inszenierung von „Die Ratten“ eine großartige Frau Knobbe gibt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32521), spielt nun in dieser Kasino-Produktion die – zumindest anfangs – spaßgebremste Schülerin, die sich über den exaltierten Kerl, der da in ihrer Tür steht, nur erstaunen kann. Und während sie noch seinen verqueren Humor und seine sozialen Groschenweisheiten für gewöhnungsbedürftig hält, kippt er schon ins Unflätige, muss „die alte Schachtel“ aber letztlich um diesen Job anflehen, weil weit und breit kein anderer in Aussicht ist …

Ein Tüll-Traum für den Walzer: Andrea Eckert. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der exaltierte Michael: Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mit dem tragikomischen Feel-Good-Stück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ des US-Dramatikers Richard Alfieri geht Burg-Herrin Karin Bergmann ins Finale ihrer Direktionszeit. Dass die ansonsten aufs Experiment zugeschnittene Spielfläche auch als Parkett für leichte Theaterkost taugt, ist vor allem den supersympathischen Darstellern zu danken, Markus Meyer in Jugendjahren Turniertänzer, Andrea Eckert seit dem Alter von fünf „Tänzerin aus Leidenschaft“, die an Spielfreude mit Verve für ihre Figuren alles geben. Es ist im Stück nicht anders, als bei den Original-Dancing-Stars: Zwei verlorene Seelen zicken um die Wette, kommen sich beim Ankeifen menschlich aber durchaus näher.

Man will sich dem anderen gegenüber anders zeigen, als es tatsächlich ist, doch – von diesem Spannungsbogen profitiert das Ganze – nach und nach fallen die Masken, werden Schicksale enthüllt, kommen die kleineren Flunkereien und die größeren Unwahrheiten ans Licht. Mit jeder Trainingsstunde offenbaren die beiden mehr von sich, etwa, dass Lily gar keinen Tanzkurs, aber Gesellschaft braucht, um ihr zu viel an Zeit zu füllen, oder, dass Michael nicht nur am Broadway gescheitert ist, sondern in New York auch seine große Liebe Charly begraben musste. Bald ist es zwischen dem Schwulen und der Witwe ein gespielter Witz, wer die größere Bitch ist, und derart holen sich die Hitzköpfe gegenseitig aus den Schneckenhäusern der selbstgewählten Isolation.

Autor Alfieri versteht es in bester amerikanischer Well-made-Play-Manier die Themen Alter, Einsamkeit und Tod in Screwball-Pointen zu verpacken. Eine Krebskrise noch schnell, dann sind Lily und Michael BFF – Best Friends Forever. Neben Eckert und Meyer brilliert noch ein dritter Akteur, das schmissige Salonorchester, bestehend aus Lenny Dickson, Andreas Radovan, Emily Stewart sowie Alexander und Konstantin Wladigeroff, das swingen und rocken und grooven vom Feinsten kann. Bühnenbildnerin Sophie Lux deutet das Seniorenparadies Florida mit einem luftig-kühlen Luxusappartement an, in dem die Eckert in mal sexy, mal eleganten Kleidern die Frustration, auch Wut, ihrer Lily mit viel Elan ausstattet, was den Konfrontationen mit Meyers Michael natürlich Pepp gibt. Dieser gibt nicht nur in den Choreografien von Daniela Mühlbauer Vollgas, sondern auch im Komödiantischen.

Aus zickigen Tanzpartnern werden beste Freunde fürs Leben: Andrea Eckert und Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Lehrer glaubt er an die ganzheitliche Methode, weswegen er beim Tango „spanish“ lispelt und beim Walzer ins „Gnä’ Frau“ verfällt. Er schwoft und springinkerlt und kommt er durch die Tür, sind ihm die Lacher des Publikums schon sicher. Auch bei der spitzen Bemerkung, Lily schwärmt von einem früheren Wien-Besuch und den liebenswerten Leuten dort, die Österreicher seien ja bekanntlich stets ein anschlussfreudiges Völkchen gewesen …

„Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ im Kasino ist einfach rundum entzückend. „Wie beim Sex kommt alles auf die Ausführung an“, sagt Lily übers Tanzen an einer Stelle. Diesbezüglich ist an diesem Abend alles gelungen. TIPP: „Let’s Dance“ – zum Ende jeder Vorstellung lädt die Band das Publikum in den Ballroom, von denen jeder ein besonderes Motto hat: Am 31. Mai „Love and Peace and Dance“, am 1. Juni „Dance the Savoy“, am 11. Juni „Kasino Night Fever“ und am 16. Juni „Kasino Royal“. Ab 23 Uhr steht dann DJane Colette am Mischpult.

www.burgtheater.at

  1. 5. 2019

Burgtheater: Die Ratten

März 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Versuchstiere irren durchs Lebenslabyrinth

Aug‘ in Aug‘ mit der Ratte: Sylvie Rohrer als Frau Hassenreuter. Bild: Bernd Uhlig

Zurzeit zeigt der Schweizer Fotograf Matthieu Gafsou im Rahmen des Foto-Wien-Festivals in der Otto-Wagner-Postsparkasse seine Bilderserie „H+“ zum Thema Transhumanismus. Darunter ist die Aufnahme einer Laborratte, mittels Gurtenkonstruktion künstlich auf den Hinterbeinen gehalten, in den Kopf eine Elektrode gesteckt, in ihrem Gesicht alles Leid der Welt.

Es ist dieses gequälte Tier, an das einen Andrea Breths Abschiedsinszenierung am Burgtheater von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ denken lässt. Alles ist grau und Beklemmung und Plage, Breth versetzt des Dramatikers Homo homini rattus in eine Atmosphäre diffuser Angst – und selbst ein, zwei die Zuschauer zum Lachen animierende Momente, etwa, wenn die Gesamtschaft der Theatermenschen zu 1920er-Jahre-Schlagern stolpernd auf die Bühne tänzelt, enttarnen sich als kritischer Kommentar zu deren letzter verzweifelter Selbstbehauptung als bildungsbürgerlicher Kreis. Eine Empfindung von Ausweglosigkeit tut sich auf, unterstrichen vom Bühnenbild Martin Zehetgrubers, dieses ein Labyrinth aus durch Verdreckung opaken Plexiglaswänden, durch das die Figuren mal gehetzt laufen, mal wie somnambul irren.

Getriebene, auf der Flucht vor ihren Lebensumständen. Versuchstiere, deren Verhalten die Breth mit ihrer Arbeit erforschen will. Kein Dachboden, keine John’sche Wohnung mehr, kein oben oder unten, sondern ein sich beinahe beständig drehender Müllfundus aus versifften Matratzen, ausrangierten Kloschüsseln, der Boden bedeckt mit Zeitungsfetzen, später mit gesichtslosem Leichen-Volk, in Winkeln hockende Riesenratten. Durch diesen Schmutz-Filter sind die Szenen zu sehen, die Rotation eröffnet immer wieder neue Räume und Perspektiven, doch kein Durchlass, kein Entkommen nirgendwo. Ein Setting, in dem Breth als Großmeisterin des psychologischen Naturalismus nun die Zustände menschlicher Würde auslotet.

Maurerpolier John freut sich über das Söhnchen: Johanna Wokalek, Oliver Stokowski und Alina Fritsch. Bild: Bernd Uhlig

Doch Pauline Piperkarcka will ihr Kind um jeden Preis zurück: Sarah Viktoria Frick und Johanna Wokalek. Bild: Bernd Uhlig

Und in dessen Mittelpunkt sie bemerkenswerter Weise den oft so genannten und mitunter wenig verstandenen zweiten Handlungsstrang stellt – die Begebenheiten rund um den ehemaligen Theaterdirektor Hassenreuter, dessen Frau und Tochter und Schauspielschüler. Deren groteske Proben zu Schillers „Die Braut von Messina“ auf dem Mietshausspeicher, den daraus entstehenden Streit zwischen Hassenreuter und dem aus dem Theologiestudium ausgeschiedenen Erich Spitta. Hie ein Plädoyer für das Pathos, da die Ablehnung alles gestelzten Bombasts.

Spittas kühne Aussage, eine Putzfrau könne ebenso Protagonistin einer großen Tragödie sein, wie eine Shakespeare’sche Lady Macbeth, leitet Breth direkt über zum Drama der Frau John und des ungewollt schwanger gewordenen Dienstmädchens Pauline Piperkarcka.

Sven-Eric Bechtolf spielt sich als Hassenreuter brillant ins Zentrum der Aufführung. Wie alle Darstellerinnen und Darsteller des Abends beherrscht er die Kunst vielschichtiger Charakterzeichnung, Breth hat mit ihrem Ensemble in feinsten Nuancierungen herausgearbeitet, wann die Figuren vorgeben zu sein und wann sie wirklich sind.

Aus Hauptmanns satirischer Überspitzung macht Bechtolf eine brüchige Gestalt, die im Frack und mit Gehstock Halt in ihrer Großmannshaltung sucht. Er geriert sich als Theatergott, der vom hohen, reinen Parnassos in die Probleme der Zinskaserne gezogen wird, wo er gütig zwischen den Sterblichen zu vermitteln sucht, während tatsächlich sein Familienleben nicht weniger von Lüge und Argwohn umwölkt ist, wie das der Johns.

Beeindruckend ist auch Johanna Wokalek, die die Frau John früh changierend zwischen depressivem Irresein und kalter Berechnung anlegt. So, wie sich in dieser Inszenierung alles zwischen Wahnsinn und Wahnwitz bewegt, hält sie das Söhnchen der Piperkarcka bald für ihr eigenes, vor drei Jahren verstorbenes, und manipuliert ihren offensichtlich geistig beeinträchtigten Bruder, bis er zum Mörder wird. Nicholas Ofczarek macht aus diesem Bruno einen Psychopathen, der einen schaudern lässt und gleichzeitig doch auch Mitleid erregt. Wie man es hier angesichts dieser Erniedrigten, Ausgestoßenen, Hoffnungslosen eigentlich mit jedem hat. Oliver Stokowski gelingt als Maurerpolier John die imposante Studie eines gutherzigen Kerls, der den latenten Gewalttäter allerdings in sich trägt.

Frau Johns Bruder Bruno ist ein gefährlicher Psychopath: Nicholas Ofczarek und Johanna Wokalek. Bild: Bernd Uhlig

Hassenreuter versucht zu vermitteln: Sylvie Rohrer, Oliver Stokowski, Johanna Wokalek und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Christoph Luser als aufmüpfiger Erich Spitta und Marie-Luise Stockinger als Walburga gehören ebenfalls zu den Erfreulichkeiten des Abends. Und natürlich Sarah Viktoria Frick, die als gekaufte und verratene Piperkarcka im Wortsinn gegen die ihr widerfahrenden Ungerechtigkeiten anrennt. Viel große Schauspielkunst zeigt sich auch in den kleineren Auftritten: Roland Koch als rigoroser Gottesmann Pastor Spitta, Stefan Hunstein, der als Käferstein ein Kabinettstück liefert, Elisabeth Augustin als Frau Kielbacke, Bernd Birkhahn als Schutzmann oder Branko Samarovski als Hausmeister Quaquaro.

Als Königinnen des Dramatischen beweisen sich einmal mehr Sylvie Rohrer als realitätsferne Hassenreuters-Gattin, Andrea Wenzl als Wienerisch parlierendes Hassenreuters-Pantscherl Alice Rütterbusch – und die wunderbare Andrea Eckert.

Bis sie erscheint, hält man die Morphinistin Knobbe in der Haushierarchie für die Geringste, doch dann kommt eine Aristokratin des Elends, die sich von den anwesenden Herren gern umgarnen lässt. Eindrucksvoll, wie die Eckert mit minimalen Mitteln maximale Wirkung erzielt. Das Ende ist ein leises. Alina Fritsch verkündet als Selma den Selbstmord der Frau John.

Darauf kein Aufschrei, kein Ausbruch, keine Anklage, sondern stumm stehen die Figuren auf und setzen ihren Gang durchs Lebenslabyrith fort … Dass Andrea Breth mitten im tosenden Schlussapplaus zum Mikrophon griff, um sich beim Burgtheater-Publikum „für seine Treue“ zu bedanken, kam unerwartet und war schön. Zu hoffen ist, dass dies nur den Abschied vom Haus, aber nicht von Wien bedeutet.

www.burgtheater.at

  1. 3. 2019

Schauspielhaus Wien: Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)

November 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hinterlassenschaft ist auch ein Wort für Scheiße

Sophia Löffler und der Chor. Bild: © Matthias Heschl

Thomas Köck ist wieder zu Hause. Künstlerisch zumindest ist das im Schauspielhaus Wien, wo die Diskurstexte des oberösterreichischen Dramatikers aufs perfekteste für die Bühne umgesetzt werden. Diesmal hat Köck erstmals selbst Hand an sein Stück gelegt, gemeinsam mit Elsa-Sophie Jach zeichnet er auch für die Regie von „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ verantwortlich, das am Donnerstagabend in der Porzellangasse zur Uraufführung gebracht wurde.

Köck, ein Meister im Verfassen von poetisch-bedeutungsvoll raunenden Satzkaskaden, befasst sich diesmal mit dem Komplex Schulden/Erben. Ein überreifes Feld, um seine liebsten Problematiken zu beackern, und so mäandern des Autors Gedanken auch diesmal von Weltpolitik zu Weltfinanzkrise zu Weltklimakatastrophe und anderen De-facto-Pleiten wie Donald Trump. Heißt zu dem, was eine gewesene und eine jetzige Generation der zukünftigen mit ins Leben geben werden, eine Hinterlassenschaft aus Miseren und Konflikten, all die Scheiße also, die diese aber nicht länger hin- und annehmen will.

„kann aber nicht sein dass wir uns die hände nicht / schmutzig machen wollen es / wird nicht ohne hässliche bilder gehen es / es wird nicht ohne hässliche bilder gehen kurz / hätt ich was falsches gesagt / kurz / hätt ich mich verplappert / kurz“, steht dazu an einer Stelle über einen feschen, gegelten Sunnyboy, einem „alten Blutbad“ entstiegen, ein Strahlemann als Wiedergänger …

Wohl weil Misere zu Miserere führt, hat Köck seinen Text als Kantate angelegt, als Werk für Solistin und einen Chor. Erstere ist Sophia Löffler in ihrer ersten Rolle nach der Babypause. Die Musik stammt von Bach („Klagt, Kinder, klagt“ natürlich), reicht von Chinawoman, Alive She Died und Roy Orbison bis William Basinski und Max Richter. Köck hat sich für „Die Zukunft reicht uns nicht …“ eine eigene Zeitform erfunden, eine Art „Plusquamfutur“, in der Überlegung, die Sprache verlaufe nicht linear, sondern könne sich wie der Raum krümmen, und ergo alles immer gleichzeitig sein.

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Und so ist Löfflers Figur zunächst eine gewesene alte Frau, eine Seherin, Kassandra (später ein zukünftig reicher Erbe in New York), die wahrsagt, was gewesen sein wird werden. Mit ihr, eigentlich gegen sie, spielt ein 14-köpfiger Chor aus Jugendlichen, und die da gekommen sein werden, wollen sich nicht mehr von Sachlage, Schicksal und „Erbschuld“ verschaukeln lassen. Sie fordern Sophia Löffler, sie animieren sie zum Zwietracht säen. Es wird zum Konflikt gekommen sein müssen.

Jach und Köck lassen das alles auf weißer Bühne verhandeln, Leichensäcke liegen herum, ein Plastikvogel fliegt und stürzt ab, und eine Drohne, die stürzt nicht ab, mehr brauchen die beiden nicht an Ausstattung. Die schlanke Optik tut Köcks Text gut, sie unterstreicht ihn an den aussagestarken Stellen. Bemerkenswert ist, wie präsent der Chor im Geschehen ist, junge Menschen, Mona Abdel Baky, Nils Arztmann, Hanna Donald, Nathan Eckert, Magdalena Frauenberger, Alexander Gerlini, Ljubica Jaksic, Daniel Kisielow, Anna Kubiak, Rhea Kurzemann, Cordula Rieger, Karoline Sachslehner, Gemma Vanuzzi und Juri Zanger, die von der Musik, vom Tanz kommen, nur teilweise Theater-, etliche gar keine Bühnenerfahrung hatten. Mit kalkweißen Gesichtern und Glitzerleggings sind sie wie eine Legion von Verlorenen, eigentlich vermutete man sie in den Säcken, doch mit ihrem langsamen Auftritt ist klar, da kommt was auf uns zu. Präpotenz, Stolz, Provokation steht auf den blutig ernsten Mienen.

Bild: © Matthias Heschl

„ich scrolle gelangweilt durch / schneemangel waldsterben überhitzung desertifikation scrolle / mich erschöpft durch verbrannte erde / scheißhaus übermüllung wohin das auge reicht scrolle / durch plastikinseln in kontinentalem ausmaß scrolle / … durch sinkende rettungsboote scrolle / durch frisch gezogene außengrenzen mythologischen ausmaßes …“, skandieren sie, vier von ihnen, mit den Schriftzügen „Game over“, „No specials“, „Bad liar“ und „Eure Party ist Scheiße“ auf den Rücken ihrer Bomberjacken, stechen dabei aus der Masse heraus. Mit dem Chor entwickelt die Aufführung im doppelten Wortsinn eine ungeheure Wucht.

Noch schmeicheln sie, sehen in der Seherin Schutz und Schirm, eine Mutter, die diese nie hat sein wollen. Kassandra mutiert zu „Ivanka Kassandra on the 68th floor“, beide Seiten spekulieren über Mutter/Vater/Elternmord. Wurde ihr bisher zugesetzt, greift nun sie an. Beschuldigt den Klage-Chor, als die privilegierteste, überfüttertste aller Generationen nur zu schreien und zu jammern, „du mittelstandschor was hast du denn für zukunftssorgen?“. Pickt schließlich einen heraus, „der den halben kuchen ganz alleine kriegt“. So genüsslich humorvoll dieser Hakenschlag, so hart die darin liegende Realität. Laut aktueller Oxfam-Studie besitzen acht Milliardäre mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Es steht derzeit 426 Milliarden US$ zu 409 Milliarden.

Und schon ist auf der Bühne Krieg. Blut wird fließen – sehr effektvoll vom Balkon herunter. In der letzten halben Stunde gewinnt die Inszenierung von Jach und Köck rasant an Fahrt. Und mit ihr vieles von dem, das ohnedies so klar scheint, an neuaufgeladener Bedeutung. Man fühlt sich gemeint und gemein, der eigene ökologische Fußabdruck sich plötzlich wie der eines Riesen an. So macht man das, macht Texte, wie diesen, fürs Theater unverzichtbar. Im Epilog auf seinen Abgesang bietet Köck übrigens einen Ausweg, eine Art Lösung an. „THE FUTURE IS FEMALE“ lautet sein letzter Satz. Wie schön. Dann darf sie aber nicht die May machen.

Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27173

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=8K_Yz8_feIU

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2017

Raimundspiele Gutenstein: Der Diamant des Geisterkönigs

Juli 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Prinzipalin Eckert zeigt Volkstheater vom Feinsten

Ein gütiger Geisterkönig: Karl Ferdinand Kratzl mit Annette Isabella Holzmann, Alexandra-Maria Timmel und Christoph Moosbrugger. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Ein gütiger Geisterkönig: Karl Ferdinand Kratzl mit Annette Isabella Holzmann, Alexandra-Maria Timmel und Christoph Moosbrugger. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Wie Karl Ferdinand Kratzl den Longimanus spielt, so möcht‘ man sich den lieben Gott vorstellen. Gutmütig, solang es nach seinem Willen geht, rechthaberisch grausam, wenn nicht, ein absolutistischer Senior und nur so weit senil, dass er doch noch im rechten Moment die richtige Entscheidung trifft, was die Menschen auf den ersten Blick freilich so nicht sehen … Mit einem Wort: Kratzl ganz in seinem bekannt skurrilen Kabinettstückchen-Element.

Prinzipalin Andrea Eckert hat für das erste Jahr ihrer Intendanz bei den Raimundspielen Gutenstein dessen Zauberposse „Der Diamant des Geisterkönigs“ gewählt und zeigt damit Volkstheater vom Feinsten. Bereits im prächtigen Bleichgarten beginnt das Sommerspektakel für Leib und Seele, Picknickkörbe, Gedichte aufsagende Kinder und Blasmusik. Mit klingendem Spiel wird das Publikum ins von Edgar Tezak neu gestaltete Zauberzelt geleitet, drinnen hat Eva-Maria Schwenkel für die magischen Momente gesorgt.

Eckert legte nicht nur die Gestaltung des Bühnenbilds in weibliche Hände, sondern auch Regie, Kostüme und Maske. Während dafür Nina Ball und Regina Tichy zuständig sind, hat Cornelia Rainer inszeniert. Und zwar mit viel Gespür für Tempo und Timing. Rainer hat den Diamanten präzise geschliffen, sie setzt auf Spaß, wenn sie die Raimund’schen Figuren den Wortwitz ihres Schöpfers allzu wörtlich nehmen lässt, vergisst aber bei all dem Happysound nie auf dessen melancholische Baseline. So gelingen dem Ensemble, das mit viel Spielfreude bei der Sache ist, die lauten wie die leisen Töne.

Begleitet von der Livemusik von klezmer reloaded turnen die Darsteller durch eine gute Stube, die schon einmal bessere Zeiten gesehen hat, eine mit Kästen, Kommoden und Kredenzen vollgestopfte Wunderkammer, denn im Altmöbellager verbergen sich zwei Welten, die der Geister und die der Menschen, von Regisseurin Rainer klug ineinander verschoben und verwoben. Die Geister beobachten, kommentieren, greifen ein ins Geschehen, sie sind es, die die menschlichen Bemühungen befördern oder boykottieren.

Nach dem Tod seines Vaters, des Zauberers Zephises muss Eduard in Begleitung seines Bediensteten Florian dem Geisterkönig seine Aufwartung machen. Zephises hat eine Schatzkammer hinterlassen, nur eine wertvolle Statue fehlt, und die soll Eduard erhalten, wenn er Longimanus ein Mädchen bringt, das noch nie gelogen hat. Nach langem Suchen findet sich Amine, doch einmal gefunden will Eduard sie nicht mehr hergeben. Er hat vor, sein dem Luftherrscher gegebenes Ehrenwort zu brechen. Es folgen Irrungen und Wirrungen …

Eduard sucht den Zauberschatz seines verstorbenen Vaters: Alexander Meile und Ensemble. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Eduard sucht den Zauberschatz seines verstorbenen Vaters: Alexander Meile und Ensemble. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Der böse Koliphonius verwandelt den einfältigen Florian in einen Pudel: Eduard Wildner und Matthias Mamedof. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Der böse Koliphonius verwandelt den einfältigen Florian in einen Pudel: Eduard Wildner und Matthias Mamedof. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Alexander Meile und Matthias Mamedof geben Eduard und Florian als ein Paar wie Tamino und Papageno. Vor allem Mamedof brilliert als einfältiger Florian, er zeigt sich nicht nur als großartiger Schauspieler und Gstanzlsänger, sondern auch als einwandfreier Akrobat – und Pudel. Zu Recht gilt seiner Leistung der meiste Applaus. Meile macht aus dem Eduard gerade so viel Elegiebürscherl, dass es immer noch sexy ist. Den beiden steht mit Annette Isabella Holzmann eine resolute Mariandl zur Seite, deren Vormachtstellung als Herrin im Haus mutmaßlich von der stolz die Unterlippe vorschiebenden Amina von Lisa Weidenmüller bedroht werden wird.

Alexandra-Maria Timmel ist Longimanus‘ unzufriedener und ergo dem Alkohol zusprechender Adlatus Pamphilius. Eduard Wildner ist erst der böse Zaubergarten-Wächter Koliphonius, dann der zwielichtige Veritatius. In dessen „Land der Wahrheit und der Sittsamkeit“ erfahren Eduard und Florian die Wirkweisen von Spitzelwesen, Staatsgewalt und Xenophobie. Rainer erlaubt sich an dieser Stelle ein paar aktuelle Bezüge, und auch, dass die Zuschauer per Handtest auf ihre moralische Unversehrtheit geprüft werden. Zum Gaudium der jeweils grad nicht drangenommenen.

„Der Diamant des Geisterkönigs“ ist ein weises Stück über die Wahrheit, die keine äußere Form, sondern ein innerer Wert ist. Andrea Eckert selbst hat sich die Rolle der Hoffnung zugeschrieben. Friedliebend und freundlich geleitet sie ihre Schützlinge auf deren Weg. Die Hoffnung, sagte die Eckert vorab im Gespräch mit mottingers-meinung.at, werde in Gutenstein in jeder Hinsicht ihre Rolle sein. Sie hat eine mit Bravour erfüllt, nämlich die auf einen samt und sonders gelungenen Theaterabend.

Andrea Eckert im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=19848

www.raimundspiele.at

Wien, 22. 7. 2016

Andrea Eckert im Gespräch

Mai 13, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ist neue Intendantin der Raimundspiele Gutenstein

Andrea Eckert. Bild: Laurent Ziegler

Prinzipalin Andrea Eckert. Bild: Laurent Ziegler

„Prinzipalin“ steht auf der Webseite der Raimundspiele Gutenstein neben dem Namen Andrea Eckert – und als solche zeigt sich die Schauspielerin beim Interview auch. Vor einem dreiviertel Jahr hat sie ihre neue Aufgabe begonnen, hat sich ihr künstlerisches Team gewählt, wurde erstmals mit den Sorgen einer Intendanz konfrontiert – und hat sich so richtig ins Zeug geworfen. Nach dem Motto: Problem? – Lösung!

Am 21. Juli geht’s los, mit „Der Diamant des Geisterkönigs“. Die Eckert spielt die „Hoffnung“, weil’s zu diesem Neubeginn passt, wie sie findet. In Gutenstein soll es ab diesem Jahr nämlich ein Fest für alle Sinne geben. Mit Zauberzelt und magischen Wesen und einem Park, der in eine mystische Landschaft verwandelt wird. Ein Gespräch über Publikum mit Picknickkörben, ein Filmprojekt über minderjährige Flüchtlinge und ein Theaterleben ohne Wiener Bühne:

MM: Wer keine Sorgen hat, wird Intendantin?

Andrea Eckert (sie lacht): Ich habe diese Aufgabe Ende 2015 übernommen. Ich freue mich sehr darüber, aber wenn man im Jänner anfängt, Regisseurin und Schauspieler für den Sommer zu suchen, lacht jeder nur. Nach vielen Gesprächen hatte ich das Glück, Cornelia Rainer zu treffen. Bei unserem ersten Treffen sagte sie einen Satz, der mich staunen ließ :“Bei Raimund gibt es ganz viel Traurigkeit.“ Sie war die Erste, die jene tragische Seite von Ferdinand Raimund angesprochen hat, die zwar im Leben dieses großen Dichters eine zentrale Rolle gespielt hat, in den Aufführungen seiner Stücke aber so gut wie nie spürbar ist. Ich glaube, der Neubeginn der Raimundspiele in Gutenstein ist ein guter Moment, um Raimund aus einer gewissen lieblichen Entrücktheit wieder in unsere Nähe zu bitten und uns auch mit den Dämonen und Ängsten zu beschäftigen, die ihn sein Leben lang verfolgt haben, ohne dabei den „Volksdichter“ zu beschädigen. Darüberhinaus habe ich mir natürlich Gedanken gemacht, wie ich, von Raimund abgesehen, das durch den vielfältigen niederösterreichischen Theatersommer verwöhnte Publikum verführen kann, nach Gutenstein zu kommen.

MM: Sie haben sich 2003 aus der Bewerbung um die Volkstheater-Intendanz zurückgezogen. Sind nun die Voraussetzungen besser?

Eckert: Das ist nicht  zu vergleichen. Das Volkstheater war mein Lebensort, mein künstlerisches Zuhause, an dem ich über lange Jahre mit  vielen Menschen verbunden war, nicht nur mit Schauspielerinnen und Schauspielern, auch aus den Sparten Bühne, Maske, Kostüm, Technik gab es Leute, die ich unglaublich schätze wegen ihres Könnens und ihrer Liebe zum Theater, und mit denen ich gerne weitergearbeitet hätte. Als ich mit diesem Vorhaben gegen die Wand gefahren war, beschloß ich, derartiges nie wieder zu versuchen. Mein Verlangen  nach Selbstverletzung ist endenwollend. Aber die Sehnsucht nach einem Ort, an dem ich Leute versammeln kann, um eine künstlerische Idee gemeinsam zu verwirklichen, ist geblieben. Vielleicht glückt es in Gutenstein. Bei meinem ersten Kontakt mit Bürgermeister Michael Kreuzer stellte ich erstaunt fest, wie wichtig ihm die Zukunft der Raimundspiele ist und sein ehrlicher Enthusiasmus war für mich ausschlaggebend, die Aufgabe der „Prinzipalin“ zu übernehmen (sie lacht).

MM: Nun denkt man bei der Schauspielerin Andrea Eckert nicht als erstes an Raimund-Rollen. Das ist doch gar nicht ihr „Fach“?

Eckert: Es stimmt, vielleicht passe ich nicht wirklich in diese Wiener Volksstücke, ich habe auch nie Nestroy gespielt, aber nein, falsch! Raimund habe ich gespielt!  Ein einziges Mal, natürlich am Volkstheater. Und zwar die „Hoffnung“ im „Diamant des Geisterkönigs“. Diese kleine, wunderschöne  Rolle werde ich auch in Gutenstein spielen. Die „Hoffnung“ ist eine Allegorie, die sich dem Wienerischen Flair und Duktus entzieht. Eine Intendanz ist eine schwierige Aufgabe mit viel Verantwortung. Es war mir klar, daß ich während der ganzen Spielzeit vor Ort präsent sein will, und dachte mir, da kann ich ja gleich mitspielen. Ich freue mich auf den Sommer. Die „Hoffnung“ wird dort in jeder Hinsicht meine Rolle sein.  (Sie lacht.) Ich denke nun beinah täglich an Emmy Werner. Jetzt verstehe ich erst, was es heißt, mit einem Haufen Individualisten ein künstlerisches Projekt auf die Welt zu bringen. Ich bekomme viel Unterstützung von allen Beteiligten, für ihren Enthusiasmus kann ich nicht genug danken. Der technische Leiter des Volkstheaters,  Michael Mayerhofer, hat bei uns in Gutenstein die technische Leitung übernommen und wir können Teile unseres Bühnenbilds in den gerade noch bestehenden Werkstätten fertigen lassen. Das ist großartig, denn dort arbeiten Menschen, die ihr Handwerk wirklich verstehen.

MM: Bleiben wir beim Thema Geld. Subventionsgeber und Sponsoren?

Eckert: Ja, das liebe Geld!!!  Ich bin auf der Jagd nach Sponsoren. Es gibt das Land Niederösterreich als Hauptgeldgeber, die Gemeinde hat Sponsoren aus der Gegend, ich schnorre, wo ich kann. Ich fühle mich dem Geld und der Kunst verantwortlich, das ist ein Spagat, der mich zuweilen um den Schlaf bringt.

MM: Konkret heißt das?

Eckert: Dass ich ein sparsamer Mensch bin. Wir haben 230.000 Euro, 20.000 mehr wären gut. Da könnte ich entspannter agieren.

Die Intendantin mit einem Modell des neuen Zelts. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

Eckert mit einem Modell des neuen Zelts. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

Regisseurin Cornelia Rainer. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

Regisseurin Cornelia Rainer. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

MM: Regisseurin Cornelia Rainer haben Sie für diese Inszenierung erst kennengelernt. Das Ensemble sind alte Bekannte und ein Best of der jungen Kräfte in Österreich.

Eckert: Ich habe Schauspieler angesprochen, die ich schätze, und da ich viel ins Theater gehe, standen einige bereits auf „der Liste“. Im Hamakom  habe ich Alexander Meile gesehen, der Eduard spielen wird. Lisa Weidenmüller ist sein „Diamant“, Amine,  Matthias Mamedof, ehemals Volkstheater, der ideale Florian, Annette Isabella Holzmann – sie hat mit mir in dem Stück „Du bleibst bei mir“ gespielt – ist das Mariandl. Karl Ferdinand Kratzl, Edu Wildner und Christoph Moosbrugger runden den Cast ab, weiters werden noch Sophie Behnke, Uli Hübl, Tany Gabriel und Ronald Rudoll zu sehen sein.

MM: Wie Sie schon sagten, Sie planen ein Fest für alle Sinne, das sozusagen bei der Gutensteiner Ortstafel beginnt. Dafür haben Sie sich einen ganz besonderen Verbündeten geholt: Edgar Tezak.

Eckert:  Egar Tezak ist ein großartiger Maler, der sein Leben auf Reisen verbracht hat, lange in Indien und New York gelebt hat, bevor er sich  wieder in Österreich niedergelassen hat. Er ist bestens bewandert in der Fantasiewelt Ferdinand Raimunds und hat meinen Vorschlag, unser Theaterzelt mit Motiven, inspiriert von der Fantasiewelt des Dichters zu versehen, schöner verwirklicht, als ich es mir je hätte träumen lassen.  Auch im Park werden im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten Lichtskulpturen von Edgar Tezak aufgestellt, er gestaltet unser Plakat, die Eintrittskarten, alles. Ich möchte für die Zeit der Raimundspiele den Park, das Theaterzelt und den Ort verwandeln. Mir schwebt auch eine andere Art des üblichen Theaterbuffets vor, an dem man sich üblicherweise bis zum Pausenende um ein Getränk anstellt:  Picknickkörbe und Decken werden bei uns bereitgestellt sein, damit das Publikum es sich vor oder nach der Vorstellung im Park gemütlich machen kann und sich eingeladen fühlt, noch ein wenig zu verweilen. Ich hoffe, das klappt alles so und wird schön für die Leute …

Edgar Tezak gestaltet das Theaterzelt und den Zaubergarten. Bild: © / www.raimundspiele.at

Edgar Tezak gestaltet das Theaterzelt und den Zaubergarten. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

MM: Den Willen, eine regieführende Intendantin zu sein, haben Sie nicht?

Eckert: Ich habe großen Respekt vor diesem Beruf, den ich nicht erlernt habe, und hohe Ansprüche an mich selbst. Beim Dokumentarfilm mit einem kleinen Team habe ich die Erfahrung gemacht, ja, das kann ich. Am Theater, bei derartig personenreichen, komplizierten Stücken wie bei Raimund, traue ich mir das nicht zu. Ich nehme die Intendanz sehr ernst, die Aufgabe allein ist eine Herausforderung, ich bin im Grunde für alles verantwortlich und zuständig. Regie soll jemand führen, der Erfahrung hat und sich darauf konzentrieren kann.

MM: Sie haben den Wunsch geäußert, die Raimundspiele in Gutenstein mögen kommendes Jahr wieder Mitglied des Theaterfests Niederösterreich sein. Was muss dafür geschehen?

Eckert: Ich bin noch nicht ganz in diese Materie eingedrungen, aber ich habe zur Kenntnis genommen, dass Gutenstein bei der Ankündigung des Theaterfests Niederösterreich nicht dabei war. Ich möchte das natürlich ändern. Wir gehören zu Niederösterreich, wir möchten einen ernsthaften künstlerischen Beitrag leisten, also wollen wir auch Teil des Theaterfestes sein, mit aller zusätzlichen Bewerbung, die das mit sich bringt. Ich freue mich auch sehr über Besuch von Intendanten-Kolleginnen und -Kollegen, denn ich halte viel vom Miteinander, um gemeinsame Anliegen zu realisieren.

MM: Sie bereiten auch einen neuen Dokumentarfilm vor?

Eckert: Das ist eine Geschichte, die mir sehr am Herzen liegt, die aber immer noch in der Projektfinanzierung steckt. Ich habe glückliche Zeiten meiner Kindheit  in der Nähe von Eggenburg verbracht, einer kleinen Stadt im Weinviertel. Bis heute bin ich dort verwurzelt wie nirgends sonst. Seit Kurzem sind in Eggenburg 50 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Über sie, ihre erschütternden Lebensgeschichten und über die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Eggenburg möchte ich einen Dokumentarfilm machen. Kann man sich einander annähern? Überwiegen Ablehnung und Vorurteile oder Solidarität und Empathie? Es findet dort gerade ein mutiges Wagnis statt, gerade in der momentanen Situation, mit offenem Ausgang …

MM: Woher kommt Ihre Liebe zum Dokumentarfilm?

Eckert: Aus  Begegnungen mit herrlichen Menschen und dem Trauma des endgültigen Abschieds – diese Erfahrung, dass mit den Menschen ihre Erinnerungen, eine ganze Welt, verschwindet. Ich empfinde das als ungeheuren Verlust. Und so sind all diese Filme entstanden, aus der Sehnsucht, Wesen wie die Zirkusartistin Lucia Westerguard, den Schriftsteller Frederic Morton oder den Schauspieler Walter Schmidinger hier zu behalten, für uns zu bewahren. Ein ganz egoistischer Wunsch. Trotzdem: diese Art des Filmemachens  ist das genaue Gegenteil vom Schauspielen.  Man konzentriert sich ganz auf den anderen,  versucht nur, eine Membran für ihn zu sein, um die richtige nächste Frage zu stellen und ihn noch tiefer zu sich selbst zu bringen. Es ist so wohltuend, auf sich selbst zu vergessen. Wir Schauspieler kreisen ein Leben lang um unsere  Rollen und damit in gewisser Weise um uns, da ist Egozentrik ein notwendiges Arbeitsvehikel. Beim Dokumentarfilm geht es ausschließlich um das gegenüber und wie man es am Richtigsten erfassen kann. Zuhören, zuhören, zuhören …

MM: Haben Sie auch weitere Pläne für die Bühne?

Eckert: Nicht in Wien. Ich mache im Herbst ein schönes Theaterprojekt in Zürich, ich spiele von Deutschland über Israel bis in die USA meinen Lotte-Lenya- und andere -Chansonabende, und ich freue mich darüber, dass diese selbst kreierten Arbeiten weite Kreise ziehen. An Wiener Theatern  finde ich zur Zeit  nicht statt.

MM: Was wird in Zürich sein?

Eckert: Eine Crossover-Produktion zwischen Musikern, Tänzern und  einer Schauspielerin, die im Zentrum  des Abends steht. Es ist ein Projekt über Arnold Schönberg, seine Frau Mathilde und Richard Gerstl, der ja mit ihr liiert war und sich nach dem Scheitern der Beziehung erhängt hat. Premiere wird in Zürich sein, dann gehen wir nach Frankfurt, New York – und kommen damit eventuell auch nach Wien.

www.raimundspiele.at

www.andrea-eckert.com

Wien, 13. 5. 2016