Theater Drachengasse: Tag des Zorns

Januar 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Platz für Protestierer

Der Gesundheitsminister nützt die Demo der Krankenschwestern zur Eigen-PR: Julia Urban, Florian Carove und Suse Lichtenberger. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Den Eingang zum Spielraum hat Kristof Kepler mit einem Wandbild versehen, Viktor Orbán und wie er von einem Hund bepisst wird, ein erster Eindruck von Stimmung und Stoßrichtung, die den Abend im Theater Drachengasse ausmachen werden. Ist das Stück, das gegeben wird, doch von Autorin Éva Zabezsinszkij und Theatermacher Árpád Schilling, und dieser in seiner Heimat Ungarn als „potenzieller Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ von der Fidesz-Regierung zum Feind erklärt worden …

Montagabend war nun Österreichische Erstaufführung von „Tag des Zorns“, eine Koproduktion mit neuebuehnevillach und die erste Regiearbeit von Mercedes Echerer, die zuletzt schon mit ihren Hörbucheditionen kulturelle Entdeckungsreisen durch den europäischen Kontinent unternahm, dessen östlicher Teil ihr aufgrund familiärer Verbindungen ein besonderes Anliegen ist. Schilling und Zabezsinszkij erzählen entlang einer wahren Geschichte: 2015 wagte es Krankenschwester Mária Sándor, bekannt geworden als „Schwester in Schwarz“, weil sie ihre obligate weiße Berufskleidung gegen die Farbe der Trauer tauschte, gegen die herrschenden Zustände an ungarischen Krankenpflegeanstalten zu protestieren.

Sándor trat einen langen Marsch gegen das System an, gegen die unzulänglichen, unmenschlichen Verhältnisse für Patienten und Personal, gegen die erniedrigenden Arbeitsumstände, gegen die unbezahlten Überstunden. Mit der Folge, dass die Kolleginnen und Kollegen sie der Reihe nach im Stich ließen. So ergeht es in der Bühnenfiktion auch Erzsébet, Krankenschwester auf einer neonatologischen Station, die die Situation für die ihr schutzbefohlenen Frühchen verbessern will. Gemeinsam mit Freundin Nicki probt sie den Aufstand bei einer Demonstration, die sich zur landesweiten ausdehnt, und eigentlich ist Nicki die Anstifterin, doch die biblische Strafe wird über Erzsébet kommen.

Mutter und Tochter I: Suse Lichtenberger und Babett Arens. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Mutter und Tochter II: Suse Lichtenberger und Simone Leski. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Suse Lichtenberger spielt diese, eine geschiedene, alleinerziehende Mutter, die auch noch der eigenen Mutter Unterkunft in ihrer kleinen Wohnung gibt, eine Frau voller Selbstzweifel, mit wenig Selbstvertrauen, eine von denen, die Fehler stets bei sich selber suchen. Begleitet wird Lichtenbergers berührende Performance von Simone Leski, die die Tochter Evelyn zwischen Aufsässigkeit (weil ihre Konsumwünsche nicht erfüllt werden) und Anteilnahme am Schicksal der Familie anlegt, und Babett Arens als Erzsébet sen.

Dies freilich die dankbarste Rolle, erst eine schrullige Alte, die trinkt wie ein Husar und schimpft wie ein Rohrspatz, eine Sprichwort-Schleuder, die mit ihrer „Hab ich’s nicht gleich gesagt“-Attitüde nervt, bis sie ein Unglück in tiefste Hilflosigkeit stürzt. Klar, dass die Arens alle Facetten ihrer Figur mit ihrem schauspielerischen Können füllt.

Nicht nur für diesen Charakter haben Schilling und Zabezsinszkij pointierte Sätze geschrieben, die beiden verstehen es, die Brisanz des Themas, dessen politische Dimension in eine krachende Satire zu betten, und Mercedes Echerer inszeniert das ohne Schnörkel.

Doch bei aller Härte des Gezeigten mit wohldosiertem, trockenem Humor. So dass trotz der Trostlosigkeit, in der die Figuren leben, sie noch unterstrichen vom Bühnenbild Zsolt Kemenes‘ und den Kostümen von Michaela Wuggenig, ein ab und zu Auflachen möglich ist. Das Spieltempo ist hoch, was vor allem Julia Urban und Florian Carove fordert, die in jeweils mehreren Rollen zu sehen sind.

Julia Urban unter anderem als Nicki, als Evelyns Klassenvorstand, die kommt, um die Familie auszuspionieren, sowie als diverse Karriere- und Ehefrauen, jede von ihnen darstellerisch auf den Punkt gebracht, entworfen mit wenigen, energisch gesetzten Strichen. Ganz großartig ist die Wandlungsfähigkeit von Florian Carove, der als Gesundheitsminister und als Krankenhausdirektor von Populist zu Opportunist wechselt, wobei letzterer die windigen Versprechungen des ersteren genau kennt, später als Erzsébets Ex-Mann auf Pantoffelheld macht – und als exaltierter Schönheitssalonbesitzer Norbi ein Kabinettstück liefert. Bei ihm nämlich findet Erzsébet endlich neue Arbeit – die diplomierte Fachkraft als Putzfrau, wird sie doch im Krankenhaus gefeuert, weil des Ministers Problemlösung lautet, die Frühchen-Station zu schließen.

Am Ende begeht Erzsébet eine Wahnsinnstat: Julia Urban, Florian Carove und Suse Lichtenberger. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

„Die Menschen lieben Schreihälse nicht, weil sie sie daran erinnern, dass sie selber schweigen“, konstatiert Erzsébet sen., als sich alle von ihrer Tochter abwenden und die, nun als Störenfried verschrien, keine Stelle mehr in einem Spital findet. Die Spirale dreht sich unaufhaltsam nach unten, Erzsébet wird reingelegt, finanziell, in der Liebe, in ihrem Glauben an Mitmenschlichkeit, wird immer aggressiver werden – und am Ende eine Wahnsinnstat begehen …

400 Überstunden pro Jahr, für die die Konzerne drei Jahre Zeit haben, um sie zu bezahlen, hat das ungarische Parlament im Dezember des Vorjahres per Gesetz verordnet. Doch „Tag des Zorns“ beschreibt nicht nur ein Land, das vom Kommunismus in einen Nationalismus mit zunehmenden sozialen Missständen gefallen, und mit zügigen Schritten Richtung Totalitarismus unterwegs ist. Die erfolgreiche Zerstörung gesellschaftlicher Solidarität, deren Spaltung durch das Säen politischer Zwietracht, und im speziellen Fall das Krankmachen des Gesundheitssystems, passiert auch anderswo. Wer Parolen à la „Wer anständig arbeitet, wird schon sein Auslangen finden“ hören will, muss über keinen Grenzzaun schauen. In diesem Sinne ist dem Aufruf zum Früher-Aufstehen unbedingt zu folgen, gilt es dieser Tage doch hellwach zu sein.

www.drachengasse.at

  1. 1. 2019

Zweisprachige Hörbücher: Mercedes Echerer lädt zur „Kopfreise nach … Istanbul“

Mai 2, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Fest für die Vielfalt im Theater am Spittelberg

Bild: Mercedes Echerer

Bild: Mercedes Echerer

Bild: Fuat Saka

Fuat Saka kommt nach Wien. Bild: Mercedes Echerer

Mercedes Echerer und ihr Kulturverein „Die 2“ haben ein neues Projekt begonnen, eine zweisprachige Hörbuchedition, die Texte mit Musik verbindet. Die erste Ausgabe führt in die Metropole Istanbul und ist eine Einladung einander auf lustvolle Weise kennenzulernen. „Durch das Lesen – noch – unbekannter Geschichten und dem Lauschen – noch – fremder Sprachen werden wir sensibilisiert für die Kultur der anderen“, sagt Echerer.

„Diese Gedanken wurden quasi ,über Nacht‘ ein Projekt: Wir entschieden uns für Istanbul, die wohl aufregendste Brücke in den Orient als ersten Titel, suchten Literatur im Original und ihre Übersetzungen, oder ließen übersetzen und mit der deutschsprachigen Version produzierten wir auch eine türkische. Beide Sprachversionen wurden eingelesen von ,Natives‘, und schlussendlich bereicherten wir das Hörbuch mit Musik aus der Metropole die zwei Kontinente miteinander verbindet.“ So entstand „Kopfreisen nach … Istanbul“.

Mit Texten von Cem Akaş, Esmahan Aykol, Nursel Duruel, Nazlı Eray, Barbara Frischmuth, Nâzım Hikmet, Orhan Veli Kanık, Orhan Pamuk, Franz Werfel, Mehdi Zana und Feridun Zaimoğlu. Gelesen von Okuyan Alev Irmak, Berk Kristal, Okan Cömert und Zeynep Buyraç. Begleitet mit Musik von Fazıl Say, Fatima Spar & The Freedom Fries.

TIPP: Live gibt es das alles als Konzert zu hören. Am 11. Mai im Theater am Spittelberg. Es spielt der großartige lasisch-türkische „Jazzer“ Fuat Saka, der in Europa bereits ein Star, in Österreich noch immer ein Geheimtipp ist, und der auf seiner aktuellen Tour durch Deutschland und die Schweiz einen Abstecher nach Wien macht. Es sprechen Schauspielerin Zeynep Buyrac, bekannt aus „Gegen die Wand“ im Werk X (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=283) und Mercedes Echerer.

Karten: ticket@die2-online.com

www.die2-online.com

Wien, 2. 5. 2016

Wiener Lustspielhaus: Don Giovanni

April 21, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Adi Hirschal spielt einen Wienerischen Herzensbrecher

Adi Hirschal spielt Don Giovanni. Bild: Sabine Hauswirth

Adi Hirschal spielt Don Giovanni. Bild: Sabine Hauswirth

Ab 14. Juli zeigt das Wiener Lustspielhaus Am Hof „Don Giovanni“ in einer eigenen Variante. Intendant Adi Hirschal führt Regie und spielt die Titelrolle. Seine Inszenierung ist in der Glamour-Welt der Mode, im Modehaus „Da Ponte“, angesiedelt. Das Buch stammt heuer aus der Feder von Max Gruber. Er hat den Da Ponte Stoff überarbeitet und ins Wienerische übertragen.

Don Giovanni ist nun ein ehemals sehr erfolgreicher Modeschöpfer, ein in die Jahre gekommener Liebhaber, der sich vergeblich gegen die Zeit und den Zeitgeist stemmt: Gendering, Binnen-I, Frauenquote, Gleichbehandlungsbeauftragte … Es sind schwere Zeiten für den schwer bedrängten Herzensbrecher. Die Frauen weigern sich, Beute seines unersättlichen Eroberungsdrangs zu werden. Sie durchschauen ihn und seine Unfähigkeit zu lieben, sehen die tragische Lächerlichkeit eines zu echter Beziehung unfähigen Mannes. Das Spiel von Liebe und Verführung ist ein ewig gültiger Stoff, aus dem das Theater schöpft. Und so wird auch das Wiener Lustspielhaus dieses Thema turbulent aufs Neue verhandeln.

Mit Hirschal spielen unter anderem Mercedes Echerer, Gabriele Schuchter und Peter Lodynski.

Kartenvorverkauf ab heute.

www.wienerlustspielhaus.at

Wien, 21. 4. 2016

wennessoweitist: Ganymed goes Europe

Februar 27, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Rückkehr ins Kunsthistorische Museum

Péter Esterházy Bild: khm

Péter Esterházy
Bild: khm

Mit ihren Produktionen „Die Reise“ (über Migranten-) und „Das Kind“ (über Kinderschicksale) am Volkstheater haben Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf alias „wennessoweitist“ berührt. Ebenso mit dem Kinderschlepperdrama „fly ganymed“. Der größte bisherige Erfolg des Theaterpaares war aber „Ganymed Boarding“ im Kunsthistorischen Museum. Nun wird das Projekt ab 12. März mit Kornmüllers neuer Inszenierung „Ganymed goes Europe“ fortgesetzt. 14 AutorInnen – darunter Péter Esterházy, Maja Haderlap und Josef Winkler – wurden eingeladen, Texte über Meisterwerke der Gemäldegalerie zu schreiben, um neue Sichtweisen auf Alte Meister zu eröffnen. Ein Ensemble aus 23 SchauspielerInnen, TänzerInnen und Musikern erweckt Bild und Betrachtung zu neuem Leben. Die BesucherInnen werden beim Rundgang durch das Museum in ein theatrales Zwischenreich gezogen und entscheiden selbst, wie lang sie wo verweilen. An jedem der Abende werden alle Stücke zeitgleich und mehrmals hintereinander aufgeführt. Partnerländer der Produktion sind Polen und Ungarn.

Die AutorInnen: Lajos Parti-Nagy, Milena Michiko Flasar, Klemens Lendl, Anna Kim, Maja Haderlap, Peter Esterhazy, Doron Rabinovici, Martin Pollack, Josef Winkler, Johanna von Doderer und Franz Schuh.

Die SchauspielerInnen, MusikerInnen, TänzerInnen: Mercedes Echerer, Nicole Heesters, Judith Aguilar, Frieda Lovisa Hamann, Hans Dieter Knebel, Katharina Stemberger, Janos Kulka, Bert Oberdorfer, Peter Wolf, Nicola Djoric, David Oberkogler, Die Strottern, Nicola Djoric, Yury Revich und Pál Szepesi.

www.wennessoweitist.com

www.khm.at/ganymed/

„Die Reise“: www.mottingers-meinung.at/kein-theater-die-wirklichkeit/

Interview mit Jacqueline Kornmüller: www.mottingers-meinung.at/urauffuhrung-von-das-kind-am-wiener-volkstheater/

„Das Kind“: www.mottingers-meinung.at/das-kind-am-volkstheater/

„fly ganymed“: www.mottingers-meinung.at/bedruckendes-stuck-uber-kinderschlepperbanden/

Wien, 27. 2. 2014

Protestlesung im Schauspielhaus Wien

März 22, 2013 in Tipps

Mit Julya Rabinovich und Susanne Scholl

Julya Rabinowich  Bild: © Margit Marnul

Julya Rabinowich
Bild: © Margit Marnul

Am  24. März, 11 Uhr, findet im Schauspielhaus Wien  die „Protestlesung.Von Tätern und Opfern. Wider die derzeitige Rechtssprechung bei Sexualdelikten.“ statt Es lesen: Andrea Maria Dusl, Sabine Gruber, Olga Flor, Sibylle Hamann, Elfriede Hammerl, Gabriele Kögl, Margaret Kreidl, Lydia Mischkulnig, Helga Christine Pregesbauer, Julya Rabinovich, Eva Rossmann, Susanne Scholl, Andrea Stift, Linda Stift und Cornelia Travnicek. Es moderiert Mercedes Echerer. Musik: Sormeh (Iran/Serbien) – zwischen Kagran und Teheran: Ein  Bogen von orientalischer zu balkanischer Musik.

facebook.com/Sormehmusic

Gesang, Daf, Berimbao: Golnar Shahyar
Klarinette: Mona Matbou Riahi
Gesang, Viola, Loops: Jelena Popržan

Sexueller Missbrauch einer Minderjährigen führt derzeit innerhalb des gesetzlichen Strafrahmens zu 6 Monaten Fußfessel, von denen noch Monate nachgelassen werden sollen, obwohl das Opfer mehrfach angab, vom Täter weiterhin verfolgt worden zu sein. Eine Justiz, unter deren Wirken erwiesene sexuelle Gewalt an Frauen und Minderjährigen zu lächerlich geringen Strafen führt, signalisiert den Tätern freie Bahn. Ein sexueller Übergriff ist Gewalt. Delikte gegen Leib und Leben werden sanfter bestraft als Vermögensdelikte. Als Schriftstellerinnen erheben wir unsere Stimme stellvertretend für die Opfer und ihre Angehörigen. Ein Protest für alle – vorgetragen von vielen.

www.schauspielhaus.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 22. 3. 2013