MAK: Wiedereröffnung mit drei neuen Ausstellungen

Mai 8, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Wurm und die Frauen der Wiener Werkstätte

MAK-Ausstellungsansicht, 2021. Erwin Wurm. Dissolution. MAK-Expositur Geymüllerschlössel. © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Aslan Kudrnofsky/MAK

Ab sofort ist das MAK wieder geöffnet. Der Museumsbetrieb startet mit der Ausstellung „Breathe Earth Collectiv“ in der Creative Climate Care Galerie. Außerdem ist die Großausstellung „Die Frauen der Wiener Werkstätte“ zu sehen, die mit mehr als 800 Exponaten einen Einblick in das nahezu unbekannte und bisweilen radikale weibliche Design der WW ermöglicht. In der MAK-Expositur Geymüllerschlössel wird ab heute die Ausstellung „Erwin Wurm. Dissolution“ gezeigt.

Erwin Wurm. Dissolution

Das MAK lädt mit Erwin Wurm einen der international bedeutendsten Künstler der Gegenwart in die MAKExpositur Geymüllerschlössel ein. Unter dem Titel „Dissolution“ präsentiert Wurm in einer dramaturgischen Anordnung erstmals Skulpturen der gleichnamigen Serie von 2018 bis 2020 im musealen Kontext. Die plastische Masse aus Ton formte Wurm zu deutenden Händen, Mündern, Ohren oder anderen Fragmenten von Körperteilen, die mit den Sinnen Tasten, Hören, Riechen, Schmecken assoziiertwerden.

Die englische Bezeichnung „Dissolution“ bedeutet Auflösung, Verfall, Zersetzung oder Entgrenzung. Mit seiner gleichnamigen Serie öffnet Erwin Wurm einen Dialog zwischen einem fragilen, soziopolitisch konnotierten Material, zeitgenössischer Skulpturensprache und der Neuinterpretation des Malerischen durch oszillierende keramische Lasuren. Die Skulpturen, aus denen sich Finger, Hände, Lippen, Münder, Busen, Bäuche, Nabel, Nasen oder Ohren schieben, schrauben sich aus einer Masse von Ton. Die experimentellen, surrealen Gebilde aus isolierten Körperteilen und Sinnesorganen gewinnen ein Eigenleben, entwickeln eine expressive Präsenz.

MAK-Ausstellungsansicht, 2021. Erwin Wurm. Dissolution. MAK-Expositur Geymüllerschlössel. © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Aslan Kudrnofsky/MAK

V.l.n.r.: Ear Pointer, 2018. Double Ear Head, 2018. Courtesy Thaddaeus Ropac.  Geymüllerschlössel. © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Aslan Kudrnofsky/MAK

V.l.n.r.: Peace Cautious, 2018, Female, 2020. Courtesy Thaddaeus Ropac. Geymüllerschlössel. © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Aslan Kudrnofsky/MAK

Die keramischen Skulpturen bejahen das inhärent Plastische des Materials Ton. Sie erinnern an die Wirkmächtigkeit der Bozzetti, in denen Künstler ab der Renaissance ihren innersten Ideen der Gestaltung direkten Ausdruck verleihen konnten. Bozzetti waren erste skizzenhafte Modelle, die als Vorstufen für Werke genutzt wurden, die in schwieriger zu bearbeitenden Materialien ausgeführt wurden. Maler nutzten Bozzetti in Ton oder Gips für das Studium von Lichteinfall und Schattenwurf in ihren Gemälden und stellten sie auf miniaturhafte Bühnen. Bildhauer bereiteten ihre Werke in Stein und Keramik im Bozzetto aus Ton selbst vor. Bozzetti enthüllen die künstlerische Konzeption des Werkes, dessen „Idea“ und stehen für die Autonomisierung der Kreativität von Künstlerinnen und Künstlern.

Erwin Wurms skulpturale Körpersegmente nehmen die einzelnen Räume und Salons des Geymüllerschlössels von der Eingangshalle, der Bibliothek, dem Musikzimmer, dem Kuppelsaal, dem Schlafzimmer bis zum Orientzimmer ein und schaffen Tableaux vivants. Die Arbeiten, die an abstrakte Charaktere denken lassen, spiegeln Dekonstruktionen, Deformationen, Verzerrungen, Verdrehungen sowie Auflösung und Verfall wider. In den Formen verbindet der Künstler Realismus und Abstraktion. Die Besucherinnen und Besucher erwartet eine Inszenierung aus facettenreichen Gesten eines imaginären Rollenspiels, bei denen die abstrakten skulpturalen Formen figurative, menschliche Züge annehmen. In seinem Œuvre verbindet Erwin Wurm unterschiedliche Genres und überrascht mit der Vernetzung der malerischen Geste, der Bildhauerei, der Konzeptkunst, der Performance und der Erzählung. Gleichzeitig überzeichnet er die Funktionalität und Symbolhaftigkeit von Objekten.

Wurm testet die konzeptuellen Grenzen der skulpturalen Form und ihrer Materialien. Staub, den er als Werkstoff einsetzt, impliziert das Moment der Zeit, Kleidung als zweite Haut oder Gehäuse erklärt er zu skulpturalen Körpern, deren Proportionen er erweitert oder verzerrt. Wurm schreibt die Funktionen von Möbelstücken neu und pflanzt Versatzstücke derKonsumkultur einer surreal kippenden Welt – das Auto, das Haus oder Samples österreichischer Esskultur – als Skulpturen. Im Garten des Schlössels laden Erwin Wurms massive Skulpturen aus Carrara-Marmor als Diwane quasi zum Sitzen ein. Die eingedrückten oder gequetschten Skulpturen „Sitting on Freud’s House“ aus dem Jahr 2020 und „Sitting on Friedrich Nietzsche“, ebenfalls 2020 entstanden, spannen einen weiten Bogen zur Rolle des Künstlers, die Welt kritisch zu beleuchten und zu verzerren.

Charlotte Billwiller, Mathilde Flögl, Susi Singer, Marianne Leisching und Maria Likarz, Fotografie, 1924. © MAK

Fritzi Löw und Hedwig Schmidl, Dekorobjekte für die Kunstschau 1920 (Fotografie). © MAK

Die Frauen der Wiener Werkstätte

Mit der Ausstellung „Die Frauen der Wiener Werkstätte lenkt das MAK den Blick auf bisher wenig beachtete Gestalterinnen, die das Spektrum der Wiener Werkstätte wesentlich erweitert haben. Das Schaffen der Künstler der Wiener Werkstätte, allen voran Josef Hoffmann, Koloman Moser und Dagobert Peche, genießt weltweites Renommee. Den Künstlerinnen galt dagegen bisher nur vereinzeltes Interesse. Gudrun Baudisch, Mathilde Flögl oder Vally Wieselthier sind bekannt. Aber wer waren Martha Alber, Rose Krenn oder Anny Wirth? Mehr als 800 Exponate geben Einblick in das nahezu unbekannte und bisweilen radikale weibliche Design in Wien zwischen 1900 und 1930, das die einzigartige Stellung der WW zwischen Jugendstil und Bauhaus mitbegründet hat.

Eindrucksvoll belegt die MAK-Ausstellung den Ideenreichtum der Entwerferinnen und ihre maßgebliche Beteiligung an der Entwicklung des Wiener Kunsthandwerks. Chronologisch wie thematisch geordnet, zeichnet die MAK-Schau den Weg der Künstlerinnen von der Ausbildung bis zur Rezeption in den 1920er Jahren nach. Mit den Recherchen zur Schau leistete das MAK Pionierarbeit: Etwa 180 Künstlerinnen wurden als Mitarbeiterinnen der WW identifiziert, etliche Biografien konnten für den Katalog aktualisiert oder neu geschrieben werden.

Etwa die Hälfte der Künstlerinnen sind mit Werken in der Schau vertreten. Sie arbeiteten auf allen Gebieten des Kunsthandwerks und studierten mehrheitlich an der Wiener Kunstgewerbeschule, die von Anbeginn das Frauenstudium erlaubte. Die Studentinnen wurden zunächst in Blumen– und Dekorationsmalerei ausgebildet, später in den Spezialateliers für Emailarbeiten und Spitzenzeichnen, also in traditionell „weiblichen“ Bereichen. Das Spektrum vergrößerte sich unter dem 1899 bestellten Direktor Felician von Myrbach. Er verpflichtete die Secessionskünstler Hoffmann und Moser als Leiter der Fachschulen für Architektur und Malerei. Im Sinne der Gesamtkunstwerk-Idee weiteten sie die Lehre auf das gesamte Kunstgewerbe aus und banden die Schülerinnen in die Zusammenarbeit mit Produzenten ein.

Einige dieser Arbeiten fließen in die Ausstellung ein, darunter Service von Jutta Sika und Therese Trethan, ausgeführt von der Porzellanmanufaktur Josef Böck, oder Stoffmuster von Else Unger, ausgeführt von Joh. Backhausen & Söhne. Unger entwarf auch Möbel, Gisela von Falke bemerkenswerte Keramiken. Gemeinsam mit Marietta Peyfuss und fünf Studienkollegen gründeten sie 1901 die Vereinigung „Wiener Kunst im Hause“, einen direkten Vorläufer der Wiener Werkstätte. Den Auftakt der MAK-Ausstellung bilden früheste Arbeiten der WW-Künstlerinnen wie Entwürfe für Postkarten, die die Wiener Werkstätte ab 1907 vertrieb. Die Sujets zeigen Glückwünsche, Städtebilder, Landschaften, Kinderspiele und vor allem Mode. Besonders kreativ waren hier Mela Koehler und Maria Likarz, die die Gebrauchsgrafik der WW bis zuletzt prägte.

Mathilde Flögl (Dekor) und Josef Hoffmann (Form), Exglas, 1919. © MAK/Katrin Wißkirchen

Vally Wieselthier, Kaminverkleidung, um 1925. © MAK/Christoph Schleßmann

Gudrun Baudisch, Keramikfigur (WW-Originalkeramik Nr. 5941), 1927. © MAK/Katrin Wißkirchen

1910 entstand die Stoffabteilung der WW, 1911 folgte die Modeabteilung. Die umfangreichen Modeentwürfe dokumentiert das Mappenwerk „Mode Wien 1914/5“, an dem mehrheitlich WW-Künstlerinnen beteiligt waren. Bei der großen Modeausstellung 1915 im Museum für Kunst und Industrie, heute das MAK unternahmen sie mitten im Ersten Weltkrieg den Versuch, sich gegenüber der französischen Konkurrenz zu behaupten. Hier fanden sich bereits alle Namen, die man gemeinhin mit den WW-Künstlerinnen verbindet: Mathilde Flögl, Hilda Jesser, Fritzi Löw, Reni Schaschl, Felice Rix oder Vally Wieselthier. 1916 gründete die WW eine eigene Künstlerwerkstätte, die die Aufmerksamkeit der Presse erregte. „Ein Emaillierofen, eine Nähmaschine, ein Treibtischchen für Metallarbeiten, Kleistertöpfe, ein Batikapparat […] ein Schrank voll von geheimnisvollen Tiegeln wie in einer Zauberküche, dazwischen eine Schar lachender, junger Mädchen und ganz selten einmal ein männliches Wesen, – so sieht es in der Künstlerwerkstätte aus“, berichtete etwa das Neue Wiener Journal.

Tatsächlich waren hier, auch kriegsbedingt, anfänglich vor allem Frauen tätig. Als „Ideenlaboratorium“ bot die Künstlerwerkstätte Möglichkeiten zum uneingeschränkten Experimentieren, die Ergebnisse wurden von der WW angekauft oder abgelehnt. Von Buntpapieren, Perlarbeiten und bemalten Gläsern über Stickereien, Schmuck und Spielzeug bis zu expressiver Keramik und sensationellen Stoffdesigns reichte das Produktionsspektrum. Arbeiten in größerem Maßstab ermöglichte die Gestaltung der WW-Filiale in der Kärntner Straße 32, die 1918 für den Verkauf von Spitzen, Stoffen und Lampen eingerichtet wurde. Die Wände und Decken wurden von Lotte Calm, Lilly Jacobsen und Anny Schröder mit Natur- und szenischen Motiven bemalt und werden in der Ausstellung fotografisch dokumentiert.

Der Ausstellungsparcours mündet in die Rezeption der „weiblichen“ WW-Kunst in den 1920er Jahren. Im Zuge des Ersten Weltkriegs erforderte die wirtschaftliche Situation der Frauen Erwerbstätigkeit und ließ einen neuen Typus Frau entstehen: eigenständig und souverän. In der zeitgenössischen Literatur wird er durch die kurzhaarige, rauchende und extravagant gekleidete „Kunstgewerblerin“ versinnbildlicht. Diesen Beruf umgab etwas Elitäres: Er garantierte keinen sicherenVerdienst und war daher eine Domäne für Frauen aus begüterten Verhältnissen. Adolf Loos sah in ihnen gelangweilte höhere Töchter, die sich „‚Künstlerinnen‘ nennen, weil sie batiken können“. Die Kritik kulminierte in der Bezeichnung „Wiener Weiberkunstgewerbe“ durch den Grafiker Julius Klinger.

Dieser Diffamierung stand die Würdigung bei großen Ausstellungen der Zwischenkriegszeit, etwa der Deutschen Gewerbeschau in München 1922 oder der Art-déco-Ausstellung in Paris 1925, gegenüber. Der von Gudrun Baudisch, Mathilde Flögl und Vally Wieselthier gestaltete Katalog zum 25-Jahr-Jubiläum der Wiener Werkstätte 1928 führte das grafische und plastische Können noch einmal beispielhaft vor Augen.

Aerosol Installation, Ausstellung Dynamics of Air, RMIT Gallery, Melbourne, 2018. © Mark Ashkanasy

Breathe Earth Collective, Airship.01-Kulturwald, Tulln, 2018. © eSeL

Airship.02-Evapotree im Öster. Skulpturenpark, Artist-in-Residence-Programm des Joanneum. © Simon Oberhofer

Breathe Earth Collective, Breathe.Austria, Österreichischer Expo-Pavillon, Mailand, 2015. © Breathe Earth Collective

Breathe Earth Collective. Klima-Kultur

Die Ausstellung „Breathe Earth Collective. KlimaKultur“ in der Creative Climate Care Galerie des MAK stellt Prinzipien einer neuen, vom transdisziplinären Breathe Earth Collective entworfenen Klimakultur vor. GezeichneteVisionen, atmosphärische Videoaufnahmen und Bildmaterialien von bisherigen Projekten machen ein klimapositives Leben sichtbar. Das MAKProjekt steht in direktem Bezug zum Grazer Kulturjahr, wo das Breathe Earth Collective den KlimaKulturPavillon, einen Prototyp zur Kühlung der Stadt Graz, umsetzt. Der Waldpavillon schafft einen multisensorischen Erfahrungsraum und fungiert als Agora für einen vielfältigen Diskurs zu Klimathemen. Mittels VideoLiveSchaltung werden die Waldatmosphäre und die Aktivitäten vor Ort im MAK sichtbar gemacht und aktiver Teil der Ausstellung.

Das Breathe Earth Collective entwickelte schon bisher diverse prototypische Klimaund Luftinstallationen, die als Inspiration und 1:1Modelle für großmaßstäbliche Transformationen in den Städten dienen sollen. Im Rahmen der MAKSchau werden erstmals konkrete Transformationen und Visionen im urbanen Kontext von Wien präsentiert. Dabei werden bauliche und systemische Veränderungen an Stadt und Raum mit alltäglichen Praktiken vernetzt. Die Visionen sind damit weit mehr als Utopien in einer unerreichbaren Zukunft. Sie beginnen im Jetzt mit jeder Entscheidung, Klimakultur Raum und Zeit zu geben und im Rahmen alltäglicher Handlungen mitzutragen.

„Es bringt nichts, ständig über Zukunft zu sprechen, wir müssen sie jetzt bereits gestalten,um bis 2030 auch nur annähernd unsere Klimaziele zu erreichen! Bevorstehende Veränderungen gesetzlicher Rahmenbedingungen oder planetare Grenzen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Vielzahl an bereits aktiven Initiativen, Institutionen und Einzelpersonen, die mit allen Kräften an einem KlimakulturWandel arbeiten“, so das Breathe Earth Collective. Die Ausstellung will jede und jeden einladen, Teil bevorstehender Transformationen zu werden und mitzuwirken. Begleitend zur Aus-stellung startet im MAK eine KlimaKulturDiskussionsreihe, die im KlimaKulturPavillon in Graz weitergeführt wird. Die Links zur KlimaKulturDiskussionsreihe im Rahmen von MAK im Dialog und alle weiteren Programmpunkte können direkt über MAK.at/breatheearthcollective abgerufen werden.

www.mak.at

8. 5. 2021

Kunsthaus Wien: Seen on Earth

März 15, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Bilder davon, wie Plastik die Erde zumüllt

Serie „Hong Kong Soup: 1826“ – Lotus Garden, 2012–2014 Bild: © Mandy Barker

Serie „Hong Kong Soup: 1826“ – Lotus Garden, 2012–2014
Bild: © Mandy Barker

Die Ausstellung „Seen on Earth“, ab 17. März im Kunsthaus Wien zu sehen, zeigt auf eindringliche Weise die fortschreitende Zerstörung der Umwelt. Mandy Barker, Eduardo Leal und Simon Norfolk arbeiten mit dem Medium Fotografie, einem der wirksamsten Mittel, um durch Menschen verursachte Umweltschäden zu dokumentieren. Ihre auf drei verschieden Kontinenten – Afrika, Amerika und Asien – aufgenommenen Bilder zeigen die global fortschreitende Verschmutzung der Umwelt und die daraus resultierenden Auswirkungen auf Vegetation und Klima und das sich verändernde Ökosystem. Eine Thematik, die, unabhängig vom Ort des Geschehens, die gesamte Menschheit betrifft. Alle drei Künstler wurden 2015 mit dem EarthAward von LensCulture ausgezeichnet (mehr: www.lensculture.com).

Die Bilder der Serie „Hong Kong Soup: 1826“ der britischen Fotografin Mandy Barker bilden Plastikmüll ab, der seit 2012 an verschiedenen Stränden rund um Hongkong gesammelt wurde. Die unterschiedlichen Objekt- beziehungweise Müllgruppen auf den Bildern beziehen sich auf bestimmte Ereignisse, wie das Drachenbootfest oder sie versammeln Gegenstände wie Eislutscherverpackungen, Feuerzeuge oder Action-Figuren. Die ansprechenden Arrangements, die auf den ersten Blick wie Blumen oder Tapeten aussehen, stellen eine Verknüpfung zu den Handlungen her, die den Müll verursachen.

Mit dem meistverbreiteten Konsumartikel der Welt beschäftigt sich der gebürtige Portugiese Eduardo Leal. Das Plastiksackerl ist zur weltweit führenden Ursache für Umweltverschmutzung geworden. Es ist von Meeresböden bis zur Arktis überall zu finden, und weil sich das Plastik überwiegend nicht biologisch abbauen lässt, wird es sich Hunderte von Jahren in der Umwelt erhalten. Leal hat in der bolivianischen Hochebene Altiplano die Verbreitung von Plastiksackerln dokumentiert, wohin Millionen davon vom Wind getragen werden und sich in Büschen verfangen. Die „Plastic Trees“ hat Eduardo Leal aus einem niedrigen Blickwinkel und bei Sonnenuntergang fotografiert. Die monumentale Wirkung der eigentlich kleinen und leichten Plastiksackerl in den Sträuchern unterstreicht die gigantische Belastung der Umwelt durch ebendiese.

Für sein Projekt „When I Am Laid In Earth“ reiste Simon Norfolk zum Lewis-Gletscher, dem größten Gletscher auf Afrikas zweitgrößtem Berg, dem Mount Kenya in Kenia, um zu dokumentieren , was einst da war und was jetzt nicht mehr ist. Neben seiner Fotoausrüstung war eine Fackel das wichtigste Equipment für die Visualisierung der Geschichte des Gletscherrückgangs. Der gebürtie Nigerianer Norfolk, der für seine bedachte Fotografie in Kriegsgebieten international bekannt ist, hat mittels historischer Landkarten und moderner GPS-Technik die ehemaligen Umrisse des Lewis-Gletschers – dieser hat seit 1934 circa 90 Prozent seiner Masse verloren – recherchiert, um sie mit der Fackel abzugehen und durch Langzeitbelichtung fotografisch zu fixieren.

www.kunsthauswien.com

Wien, 15. 3. 2016

Nick Cave: 20,000 Days on Earth

Februar 12, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch im Musiker bleibt ein Mythos

„Music doesn’t come naturally to me. Sitting at a typewriter, writing a script – I can do that. But there is a mystery in music, the process. That’s why I return to it, why it gives me such pleasure.“

RollingStone Interview mit Nick Cave

© Stadtkino Filmverleih

© Stadtkino Filmverleih

Der Wecker klingelt und der zwanzigtausendste Tag im Leben von Nick Cave beginnt. Er steht auf, blickt in den Badezimmerspiegel und sieht  Momente des Alltags als Songs, Gedichte, Romane und Filme Richtung Allmächtigkeit hochgewürgt. Der australische Sänger liebt Metaphern und Mythen und stilisiert sich gerne selbst zum Mythos. Später, am Steuer seines Jaguar XJ sieht er mit seinem schwarzen Anzug und der goldgerahmten Vintage-Brille aus wie ein zwielichtiger Geschäftsmann. Oder ein Auftragskiller. Mit ihm im Wagen Blixa Bargeld oder Kylie Minogue. Cave und Minogue wurden übrigens als ESC-Teilnehmer in Wien vorgeschlagen …

24 Stunden im Leben der Musiklegende Nick Cave – In „20,000 Days on Earth“ treffen Erinnerung, Fiktion und Wirklichkeit des vielfältigen Genies aufeinander. „20,000 Days on Earth“ ist keine herkömmliche Dokumentation, sondern ein rohbehauenes Portrait über Nick Cave, das Einblicke in seinen künstlerischen Schaffensprozess gibt. Ein Film, der sich mit Identität beschäftigt und der Frage auseinandersetzt, was eigentlich den Menschen ausmacht; ein Loblied auf die transformative Macht der Kreativität. Kein Bio-Pic, ein Kunstwerk.

Die Filmemacher Iain Forsyth und Jane Pollard arbeiten bereits seit sieben Jahren an einer Vielzahl von Projekten mit Nick Cave zusammen. „Wir kamen mit Nick schnell überein, was uns an Musik-Dokus nicht gefällt: dieser angeblich unaufdringliche, beobachtende Stil. Den ‚echten’ Nick Cave zu sehen, würde irgendwie mehr von Nick Cave offenbaren. Einem Rockstar dabei zuzusehen, wie er den Abwasch macht oder die Kinder zur Schule bringt, mag als eine stumpfsinnige Art von Promi-Verfolgung interessant sein, fesselt einen aber nicht intellektuell“, sagt Forsyth. Cave hat für den Film von Iain Forsyth und Jane Pollard nicht nur das Drehbuch geschrieben, er führt als Hauptdarsteller auch durch die Rahmenhandlung: Man sieht, wie er in seinem Arbeitszimmer an Texten arbeitet, beim Therapeuten über seine Kindheit spricht, mit einem Bandmitglied zu Mittag isst, in seinem Archiv stöbert und mit seinen beiden Söhnen vor dem Fernseher sitzt. Der Film ist ein einziger Gedankenstrom. Kein Spiel, keine Spielereien.

Im Geiste visionärer Filme wie „The Song Remains the Same“ (1976) über Led Zeppelin und Jean-Luc Godards „One plus One/Sympathy for the Devil“ (1968) begannen Forsyth und Pollard die visuelle und strukturelle Sprache zu entwerfen, die sie verwenden wollten. Beiden Regisseuren war klar, dass sie kein ehrfürchtiges Porträt des Künstlers anstrebten, ihn aber auch nicht demaskieren wollten, um Gewöhnliches aufzudecken. Vielmehr wollten sie mit Rockmythologie spielen und betonen, was Nick Cave so außerordentlich macht. (Nein, es sind nicht die  – mutmaßlich gefärbten – blauschwarzen Haare.) Funktioniert hat nur ein Teil des Plans: Die Filmemacher haben sich wie Schüler Wagner ihrem Helden und Lehrmeister Faust ergeben. Der macht dafür auf Mephisto: Grau, meine Freunde, ist alle Theorie, aber ihr kennt ja meine Songtexte und wisst das…

Cave, Jahrgang 1957, versucht sich tatsächlich als Theoretiker des Songwritings. Im Auftrag der Schule für Dichtung in Wien hielt er eine Vorlesung. Darin formulierte Cave den Gedanken, dass ein Song immer auch Melancholie enthalten müsse. Caves Poetik weist eine Nähe zur Romantik auf, nach deren theoretischem Konzept jedes Kunstwerk durch Ironie gebrochen werden müsse. Ähnlich wie in der Romantik beruhen seine Texte häufig auf  Transzendenz. In seinen frühen Alben stellte meistens das Alte Testament einen wichtigen Bezugspunkt seiner Texte dar, wie auch in seinem epischen Roman „Und die Eselin sah den Engel“. Vor allem mit dem 1997 erschienenen Album „The Boatman’s Call“ tritt das Neue Testament stärker in den Vordergrund. 1998 schrieb Cave eine Einleitung zum Markus-Evangelium. Neben der Bibel lassen sich viele andere literarische Einflüsse in seinen Texten wiederfinden, wie zum Beispiel Nabokov, Dostojewski, William Faulkner und Dylan Thomas. Ganze Seiten könnte man also mit den klugen Aphorismen füllen, die Cave im Film von sich gibt. „Es gibt Wahrheiten, die unter der Oberfläche der Worte ruhen … , die sich urplötzlich zeigen wie die Buckel eines Seemonsters und dann wieder verschwinden. Auftreten und Singen stellen für mich einen Weg dar, dieses Monster an die Oberfläche zu locken.“ Auf der Bühne, eins mit seinen Monstern, gibt sich der Sänger als Prophet. Furchteinflößend, aber das liebevoll. Er rührt die junge Frau in der ersten Reihe zu Tränen, wenn er singt „Can you feel my heartbeat?“. Sie nickt und lächelt selig.  Ach, Nick. Wir hören dich. Und bitten dich: Erhöre uns!

www.20000daysonearth.com/

http://nickcave.com/

http://stadtkinowien.at

Wien, 12. 2. 2015

Will Smith in „After Earth“

Juni 5, 2013 in Film

Wenn der Vater mit dem Sohne

Will Smith (Cypher Raige, l.) und Jaden Smith (Kitai Raige, r.) Bild: © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH

Will Smith (Cypher Raige, l.) und Jaden Smith (Kitai Raige, r.)
Bild: © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH

Der Weltraum beginnt auf der Welt. Oder besser gesagt am 7. Juni in den heimischen Kinosälen. Der einstmals geniale, dann kreativ ins Trudeln geratene Regisseur M. Night Shyamalan („Sixth Sense“, „Unbreakable“) führte Regie beim futuristischen Actionabenteuer „After Earth“, in dem Will und Sohn Jaden Smith  wie auch schon in „Das Streben nach Glück“ wieder das Vater-Sohn-Gespann geben. Man darf also gespannt sein. Denn auch die Handlung des Sony-Film beginnt sozusagen mit Trudeln – dem eines Raumschiffs. Nach einer Bruchlandung stranden der Teenager Kitai Raige (Jaden Smith) und Daddy Cypher (Will Smith) auf der Erde  – 1000 Jahre nachdem katastrophale Ereignisse die Menschheit dazu gezwungen haben, diese zu verlassen. Da Cypher schwer verletzt wurde, muss sich Kitai auf einen gefährlichen Weg machen, um ein Notrufsignal abzusenden. Dabei muss er das feindliche und ihm fremde Gelände erkunden und sich gegen hochentwickelte Tiere zur Wehr setzen, die jetzt die Erde beherrschen. Und auch eine unaufhaltsame Alien-Kreatur, die bei dem Absturz entkommen ist, ist ihm dicht auf den Fersen. Vater und Sohn müssen lernen, zusammenzuarbeiten und einander zu vertrauen, wenn sie je wieder heil nach Hause zurückkehren wollen.

Die Idee kam den Smiths beim gemeinsamen Fernsehen – als plötzlich angesichts eines Katastrophenfilms die Frage zwischen den beiden stand, wie weit der eine gehen würde, um den anderen zu retten. Gedacht war zuerst an Alaska. Aber die Zukunft gibt natürlich computeranimatorisch viel mehr her. „Trotzdem“, sagt Will Smith im Gespräch“, glaube ich, dass das Publikum die für uns alle geltene Message, dass man als Familie zusammen halten muss, auch in Hightech erkennen wird. Jeder Vater, jede Mutter weiß, wenn ihr Kind aus Angst lügt. Und jeder hat seine eigene Methode damit umzugehen. In ,After Earth‘ muss ich meinen Sohn aus der Ferne kontrollieren und dirigieren. Aber letztlich ist es wie im wirklichen Leben: Das Kind geht aus dem Haus und trifft seine eigenen Entscheidungen. Du hast ihnen beigebracht, was du weißt, nun müssen sie alleine weiterlernen. Zum Glück geht’s in der Realität nicht immer gleich um Leben und Tod.“ Er lacht. Lernen muss auch Will Smiths Figur Cypher. Der ist nämlich auf Nova Prime, dem Planeten, auf den sich die Menschheit geflüchtet hat, zum legendären General aufgestiegen. Was sonst. Und lässt seinen Sohn hinter seinen sehr großen Fußstapfen herhecheln. Nun muss der Vater lernen seinem Sohn zu vertrauen. Keine leichte Übung.

Und für Jaden, der mit 14 Jahren vor der Kamera schon ein Vollprofi ist, eine hypermoderne Coming-Of-Age-Story. Anfangs, erzählt er, hat Kitai nur Teeniekram im Kopf, mit dem er den übermächtigen Vater auszublenden versucht: „Kitai fühlt sehr viel Druck, er will sich den Respekt seines Vaters verdienen“, so Jaden. „Aber er muss für ihn immer der Beste der Besten sein. Das macht ihn übermütig und unbesonnen.“ Stolzer Nachsatz: „Am Ende aber hat er seinen Vater von seinen Leistungen überzeugt und ist ein Held.“

Ein Schelm, wer da an die Lehren von Scientologie denkt …

www.afterearth-film.de

www.sonypictures.at/filme/after-earth/

www.afterearth.com/site/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=8pOhtHLqBNM

www.youtube.com/watch?v=2vQaDVjU2EE

Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 6. 2013