TAG: Dorian Gray. Die Auferstehung

Oktober 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlüssellochsatire auf einen geistesnackten Kunstmarkt

Erbin Eleonora Raffalovich gewährt der Kunstwelt nur einen Schlüssellochblick aufs Kunstwerk: Alexander Braunshör (re.) mit Anna Mendelssohn, Georg Schubert und Alexander E. Fennon, hinten: Raphael Nicholas als Dorian-Gray-Akt. Bild: © Anna Stöcher

Die eigens aus London angereiste Oscar-Wilde-Biografin, eigentlich auf der Suche nach intimen Briefen, hat das Werk als erste gesehen, diesen auf einem Wiener Dachboden versteckten makellosen Männerakt, so lebendig auf die Leinwand geworfen, dass man meinte, er bewege sich. Ein Anruf bei vermeintlichen Freunden in London genügt nun, und die gerüchtesüchtige Kunstwelt steht Kopf. Jetzt wird konspiriert, intrigiert, manipuliert, falsifiziert, was das Zeug hält.

In Mara Mattuschkas wilde’scher Weitererzählung „Dorian Gray. Die Auferstehung“, einer Koproduktion von The Practical Mystery und dem TAG, und ebendort zur Uraufführung gebracht. Was Mattuschka mit ihrer Paraphrase des berühmten Bildnis-Romans geglückt ist, ist eine grandiose Gesellschaftskarikatur. Eine skurrile Schlüssel- lochsatire auf einen geistesnackten Kunstmarkt, Schlüsselloch, weil die Erbin nicht mehr als einen Blick durch dieses aufs Porträt erlaubt. Eine pechschwarze Boulevardkomödie über Sensationsgeilheit und Skrupellosigkeit. Ein Klamauk-Krimi, der Kuratoren, Konservatoren, Galeristen als perfide Geschäftemacher entblößt, während sich deren Schwindeleien-Schraube im typischen TAG-Stil in schwindelerregende Höhen schraubt.

Wien – Malerin Eva Frank und Oscar-Wilde-Biografin Heather Graham finden in jeder Hinsicht zueinander: Elisabeth Veit und Anna Mendelssohn. Bild: © Anna Stöcher

In London bereitet die Konkurrenz Howard und Chris Crisp derweil ihren Unzuchtsbettlaken-Coup vor: Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Die Hype und Hysterie auslöst, ist Anna Mendelssohn als Wilde-Forscherin Heather Graham. Bei ihren Nachlass-Studien stößt diese statt auf pikante Billets von Oscar, John Gray und Marc-André Raffalovich auf eben besagtes Gemälde. Die britischen und der französische Schriftsteller waren eine Zeit lang in eine unglückselige Ménage à trois verstrickt. John soll Wildes Vorlage für die Figur des Dorian gewesen sein, was er jedoch stets dementierte. John und Marc-André blieben schließlich lebenslang ein Liebespaar, der Jude aus Paris folgte dem katholischen Priester sogar zu seinem Amt nach Edinburgh, wo beide 1934 knapp hintereinander verstarben.

Bei Mattuschka ist es Marc-Andrés fiktive Großnichte Eleonora Raffalovich, die in der sich darbietenden Graham-Chance eine Goldgrube erkennt. Ganz großartig spielt Alexander Braunshör die Grande Dame, ein schauerromantisches Nachtschattenwesen, das mit ärgerlich rollenden Augen und verächtlich verzogenen Mundwinkeln und dem Weltklassesatz „Die Geilheit geht nicht auf dem Strich spazieren, sie lauert in der Nationalbibliothek“ den Mitmenschen verdeutlicht, was von ihnen zu halten ist. Seine Warhol’schen „15 minutes of fame“ will aber auch ihr Diener Jirzi, Raphael Nicholas als ergeben-lasziver Kammerkater. Er nämlich ist das tatsächliche Modell im „frame“, rasch in den leeren Rahmen geturnt und in Pose gebracht, um der Handlung zur ihr gebührenden Heiterkeit zu verhelfen.

Eleonora bestätigt den Restauratoren die Echtheit des Gemäldes: Alexander Braunshör (M.) mit Raphael Nicholas und Georg Schubert. Bild: © Anna Stöcher

Die Einfassung für menschliche Eitelkeit kippt in Richtung Einsamkeit: Alexander E. Fennon fällt als Kunstkurator Adi Kunz rasch aus dem Rahmen. Bild: © Anna Stöcher

Paul Horn und moritz m. polansky haben dazu eine Perserteppichtreppe mit Koffern der Erinnerung bestückt, ein riesiger Bilderrahmen dreht sich als Tür oder um die Darsteller, er der Dreh- und Angelpunkt dieser Aufführung, eine Projektionsfreifläche für Eitel- wie Einsamkeit. Von mehreren Simultanspielplätzen sind zwei Betten, in denen sich eifrig getummelt wird. Und in denen Multikünstlerin Mattuschka gekonnt mit den Wilde-Motiven Dandytum und Homosexualität, Dekadenz und Geltungsdrang, seinem Doppelgänger-Leitgedanken und dem des Schattenarchetyps spielt. Das Ensemble verkörpert in Kostümen von Peter Paradise jeweils mehrere Charaktere, so Braunshör und Nicholas zum Ende hin die ob all der Lügenstorys amüsiert-verwunderten Oscar Wilde und John Gray, die gespensterhaft stimmverzerrt und vergnügt tänzelnd ihre bissigen Kommentare abgeben.

Apropos, Karikatur: In dieses Setting treten Alexander E. Fennon als Kurator Adi Kunz und Georg Schubert als Kunsthändler Otto Krause, geldgierige Ganoven, denen an Lug und Trug bis hin zur Fälschung eines Echtheits- zertifikats kein Vorgehen zum Zwecke der Gewinnmaximierung zu verbrecherisch ist. Tiefgründig waten Fennon und Schubert durch die Untiefen ihrer Dialoge; Auskenner können sich an der beiden Bonmots über Basil, sowohl Ward, wie Hallward, erfreuen, und an Querverweisen auf Helmut Berger als Massimo Dallamanos verderbter Playboy der Jet-Set-Siebziger. Doch alldieweil Kunz und Krause an der Verbringung des berüchtigten Konterfeis in einen anrüchigen Scheich- oder Oligarchentresor arbeiten, ist auch die Konkurrenz an der Themse nicht untätig.

„Dorian Gray“, das Musical: Raphael Nicholas und Georg Schubert swingen und singen, als Backgroundtänzerinnen Anna Mendelssohn und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Dorian wird zum Werbeträger: Raphael Nicholas mit Elisabeth Veit, Alexander Braunshör und Georg Schubert als Modeschöpfer Kurt Lacomb. Bild: © Anna Stöcher

Schubert und Nicholas als schwule Lover Howard und Chris Crisp, die ein natürlich ebenfalls gefaktes „Unzuchtsbettlaken“ zur Auktion anbieten. Elisabeth Veit als dem figurativen Stil verpflichtete Malerin Eva Frank findet sich derweil nicht nur mit Heather zusammen, sondern in Jirzi auch das ideale Modell – mit freilich absehbaren Folgen. An dieser Stelle zerfasert Mattuschkas Farce über betrogene Betrüger und auf Fälschungen hereingefallene Fälscher ein wenig. Immer, wenn man meint, sie komme zum Schluss, setzt sie noch einen drauf und noch einen und noch einen …

Wohl, weil’s den Dorian-Gray-Stoff in mehr als zehn Musicalfassungen gibt, inszeniert sie auch eine ebensolche Szene. Jirzi, inzwischen völlig davon überzeugt und angetan, John-Dorian zu sein, bekommt als dieser einen Werbevertrag von Schuberts modeschöpfendem Lagerfeldklon Kurt Lacomb. Die Restauratoren bestätigen die Echtheit von Bildnis wie des um 100.000 Euro versteigerten Bettlakens, weil man auf beiden die gleiche DNA gefunden hat. Ein gewisser Churchill spielt dabei eine tragende Rolle.

Trailer: vimeo.com/366787170           dastag.at

  1. 10. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erglimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018

Logan: Hugh Jackman zum letzten Mal als X-Man

März 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wolverine braucht eine Lesebrille

Nicht mehr der Frischeste – Logan ist sichtlich gealtert und verwundbar geworden: Hugh Jackman mit Newcomerin Dafne Keen. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Nie hat jemand behauptet, dass Unverwundbarkeit vor dem Altern und dem Sterben schützt, also war logisch, dass es Wolverine irgendwann erwischen musste. Den Sezessions- und den Zweiten Weltkrieg (in dem er das Kind Erik Lehnsherr/Magneto aus dem KZ befreit) hat er hinter sich gebracht, auch Vietnam und diverse X-Men-Abenteuer. Nun hat Darsteller Hugh Jackman beschlossen, die Marvel-Figur, der er seit 18 Jahren Menschlichkeit verleiht, gehen zu lassen.

Mit „Logan“, ab 3. März in den heimischen Kinos zu sehen, bereitet der australische Schauspieler dem bei den Fans der Saga so beliebten Antihelden einen würdigen Abschied. Jackman ist seit den X-Men-Anfangstagen zu einem besseren, einem raffinierteren Schauspieler gereift, und so ist auch sein Zigarre kauender Einzelkämpfer charakterlich vielschichtiger geworden. Das einstige von tierischer Wut befeuerte Kraftwerk gibt unter Qualen den Geist auf. Zwar fährt Wolverine immer noch die Krallen aus – und dies härter, schneller und brutaler als jemals zuvor -, doch Logan ist erschöpft und verletzlich geworden. Das Blutvergießen betrifft auch sein eigenes, Auseinandersetzungen gehen nicht mehr ohne Blessuren aus, und nicht immer zu Logans Gunsten. Dazu plagt ihn die Altersweitsichtigkeit, gegen die er eine Lesebrille braucht.

Jackmans karge, zurückgenommene, fast möchte man sagen zerbrechliche Darstellung seiner „Lebensrolle“ ist überwältigend. Regisseur James Mangold hat mit dem leider letzten auch den besten Teil der Wolverine-Trilogie für die Leinwand gebannt. „Logan“ ist eine apokalyptische Dystopie mit – am Ende – Hoffnungsschimmer. Neben all den Protzern und Posern, die derzeit durch die Kinos poltern, ist dieser melancholisch-düstere, schmerzliche, in sandigem Sepia fotografierte Film eine Wohltat. Und ein Beleg dafür, dass das Superheldengenre auch mit Hirn zu befüllen ist.

Das Jahr ist 2029. Das erste Bild: Ein abgefuckter, dem Alkohol verfallener Logan verdingt sich als Luxuslimousinen-Chauffeur für reiche Las-Vegas-Touristen. Doch raus aus der Stadt, enthüllt sich sein Geheimnis. In einem Wassertank mitten im Nirgendwo der Wüste versteckt er den zweiten überlebenden X-Man, den dement gewordenen Charles Xavier – Patrick Stewart at his best. Der Sir und Shakespeare-Mime liefert ebenfalls seine intensivste schauspielerische Leistung als Professor X ab. Er gibt mit Verve den Kauz im Elendsquartier, der mit Medikamenten stillgelegt wird, weil er seine Kräfte nicht mehr beherrschen kann und deshalb schon Menschen zu Schaden gekommen sind.

Nicht nur Logan kann die Krallen ausfahren: Dafne Keen als Laura. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Ein gereizter Wolverine ist immer noch mordsgefährlich: Hugh Jackmann. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Doch „Amerikas meistgesuchter Mittneunziger“ hat noch lichte Momente, und in einem solchen erspürt er ein Mutantenmädchen, das Hilfe braucht. Newcomerin Dafne Keen spielt diese Laura, ein seltsam glubschäugiges Gör, der ein paar Bösewichte hinterher sind. Zum eigenen Schaden. Denn gereizt kann die Kleine ruckzuck die Metallfänge ausfahren, an Händen und an Füßen, kann ratzfatz eine ganze paramilitärische Einheit enthaupten, und gerade als man sich fragt, ob sich Adamantium vererbt, stellt sich heraus, es gibt mehr solcher Killerkinder. Gezüchtet als zukünftige Supersoldaten haben sie sich aber, weil von Natur aus gutmütig, als solche unbrauchbar erwiesen und werden deshalb der Reihe nach eingeschläfert. Einigen allerdings gelang die Flucht in den Norden – und zu ihnen will Laura.

Der Professor wird in einem Wassertank versteckt: Hugh Jackman mit Patrick Stewart als Charles Xavier. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Es entwickelt sich ein Familienroadmovie mit Opa X, Vater Wolverine und tatkräftigem Töchterlein, gegen den, was Schnetzeln und Metzeln betrifft, die X-Men-Serie reinstes Kuschelkino ist. Die Gegner haben keine Chance, Richard E. Grant als durchgeknallter Doktor und Boyd Holbrook als sein Cyborg auch darstellerisch nicht, sind ihre Figuren doch viel zu flach angelegt, um zu überzeugen – dies tatsächlich die große Schwachstelle des Films.

Doch dessen Herzstück – und Raum für den typischen Stan-Lee-Humor (der diesmal auf seinen Cameo-Auftritt verzichtete) – ist ohnedies die Beziehungskiste der drei Protagonisten. Nicht nur Patrick Stewart und Hugh Jackman liefern sich da gekonnt einen verbalen Schlagabtausch nach dem anderen, auch mit Dafne Keen klappt’s diesbezüglich bestens. Die Zwölfjährige ist in ihrer Rolle so mürrisch, missmutig und unberechenbar, mit einem Wort „verbiestert“, wie ihr Erzeuger. Jackman, Vater zweier Adoptivkinder, lässt seinen Logan an dessen ohnedies begrenzten pädagogischen Fähigkeiten scheitern. Er ist blind für das deutlich Erkennbare, und als er es endlich sieht, wird sein Opfer verlangt. Endlich nämlich wird das personifiziert, was von Anfang an in der Figur angelegt war: Wolverines Kampf mit sich selbst … nun zum Wohle der Kinder, der nächsten Generation X. Die erprobt unter seiner Anleitung schließlich doch ihre Fähigkeiten. Ihr letzter Kampf gegen die Schurken ist eine der beeindruckendsten Szenen des Films. Und daher mutmaßlich nicht das X-Men-Ende.

www.logan-derfilm.at

Wien, 1. 3. 2016

Theater in der Josefstadt: Der Gockel

November 20, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Pracht-Boulevard!

Karoline Kucera, Matthias Franz Stein, Mathias Hanin, Josef Ellers, Ljubiša Lupo Grujčić und Alexandra Krismer Bild: Erich Reismann

Karoline Kucera, Matthias Franz Stein, Mathias Hanin, Josef Ellers, Ljubiša Lupo Grujčić und Alexandra Krismer
Bild: Erich Reismann

Josef E. Köpplinger ist der regierende König der Komödie. Nach seinem bilderbuchbunten „Weißen Rössl“ an der Volksoper beschert er nun dem Theater in der Josefstadt einen großartigen „Gockel“. Seine Inszenierung von Georges Feydeaus Farce fährt vom Start weg im sexten. Alle sind hier hibbelig bis hypernervös bis Hummeln-im-Hintern, als hätte Louis de Funès als himmlischer Pate über dieser Produktion gestanden.

Des Vaudevillemeisters kritische Begutachtung einer Gesellschaft, in der sich’s alle richten, bis auf den einen, der von ihr am Ende ausgespien wird, lässt Köpplinger außen vor, er will unterhalten. Die Verhältnisse, sie sind schon so. Man muss schließlich nicht an jedem Theaterabend mit den drei Fs aufzeigen. Flüchtlinge, Freihandelsabkommen, FPÖ – die Josefstadt unter Direktor Herbert Föttinger engagiert sich sowieso. Köpplinger setzt aufs vierte – F wie Liebes-Spiel. „Der Gockel“ ist ein wunderbares Ensemblestück für 19 Darsteller, und weil Köpplinger sich nicht regieabarbeitet, sondern hier hochmusikalisch choreografiert, hat sich der Klangkörper der Josefstadt auf ein Vivacissimo eingestimmt.

Den Inhalt des „Gockel“ zu erzählen, ist ein Stück Kunst für sich. Es gibt vier Ehepaare und zwei Solisten und es will beinah jeder mit fast jeder. Schnell jedenfalls, weil jeweils der, der nicht soll, in der Tür steht. Oder unter dem Bett liegt. Oder aus dem Schrank kommt. Wenn hier irgendjemand zu irgendetwas oder überhaupt kommen würde, wären sie allesamt betrogene Betrüger, aber so … Der Salonklippklapp ist ein ständiger Interruptus, wie „Gockel“-Darsteller Dominic Oley im Gespräch sagt. Er wird es auch sein, für den schließlich Schluss ist mit Kissenschlacht. Elfriede Jelinek als Übersetzerin hat Feydeaus Jahrhundertwende an diese herangezogen, sie macht Feydeau zum Frauenversteher. Die Herren sind – bis auf Martin Zauner – eher halbe Hähnchen, mehr Pantoffelhelden als Schürzenjäger, mehr waidwund als -mann; die Amazonen blasen zum erotischen Halali. Die Geschlechter schenken sich nichts, dafür einander kräftig ein. Köpplinger setzt auf den Dominaeffekt.

Und auf die 1960-er Jahre. Die retrochicen Figuren bewegen sich, heißt: sie knallen und fallen, über Zebrawollteppiche, unter Deckenleuchten, als hätte Louis Weisdorf wieder seinen Turbo eingeschaltet, zwischen Coffee Table und Daybed (Bühnenbild: Judith Leikauf und Karl Fehringer, Kostüme: Alfred Mayerhofer). Aus dem Plattenspieler, ja, den gibt’s noch, singt die Piaf. Die Platte hängt, wie das Verlangen. Je ne regrette rien … regre … regr … Das waren noch Zeiten. Die sexuelle Revolution der 68er hat schon den Fuß in der Tür, sonst aber keine entscheidenden Körperteile. Alles atmet ängstlich Erwartung, weil der Aufbruch ins neu wie zum Greifen scheint, aber bis es soweit ist, bleibt die Biedermannsmoral ein sicherer Ruhepolster.

Köpplinger zeigt eine Welt, in der Contenance eine Konvention ist. Vernichtende Blicke und wegwerfende Gesten sagen mehr als das Unausgesprochene, wobei ausgesprochen spannend ist, in wie vielen Nuancen man Ja sagen kann. Die Schauspieler fechten Feydeaus Wortscharmützel mit feiner Florettklinge aus. Sie relativieren ihre Versprechen mit Versprechern. Sie behelfen sich gegen die Unzulänglichkeiten ihrer Existenzen mit Drüber-, Zwischen- und Beiseitereden. Keiner tut, was er soll, keiner kann, wie er will. Nur in den seltenen Augenblicken, in denen einer nicht mehr an das denkt, was er sagt, sagt er, was er denkt. Den Höhepunkt, wiewohl diesen eigentlich nicht, hat das Ganze im Hotel, wo Nerven und Popos blank liegen. Die Sache mit der Zimmer-Nummer ist nämlich gar nicht so leicht zu vollziehen. Köpplinger formuliert auch noch das kleinste Detail aus und erschafft so eine Reihe reizender Randalierer und aufsässiger Angestellter für die Supporting Actors, wie Ljubiša Lupo Grujčićs planlosen Kommissar, Matthias Franz Steins servilen Hoteldirektor oder den Hotelpagen von Josef Ellers, die Kammerdiener der Alexander Strobele und Absenger und – ein Highlight! – das entschleunigt schlurfende Dienstmädchen von Karoline Kucera.

Dominic Oley als „Gockel“ Pontagnac und Michael Dangl als Vatelin stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Glaubt sich zweiterer gut verheiratet, ist für ersteren die Ehe „ein Roman, den ich schon zu oft durchgeblättert habe“. So wie Dangls – pardon im Zusammenhang – stocksteifem, gequälten Vatelin der aufgezwungene Seitensprung keinen Spaß macht, so ist bei Oleys Pontagnac die Lust los. Selten hat jemand so charmant die größten Unverschämtheiten serviert, nachdem er sich frech im eigenen Lügenkonstrukt verfangen hatte. Der vorbildliche Ehemann hingegen betrügt seine Frau nie, ohne sie dabei aufrichtig zu bedauern. Dennoch geht das ungleiche Paar gemeinsam durch Freud und Frauen. Sigmund kommt übrigens vor, ein Zahntraum, man weiß ja, was das bedeutet. Roman Schmelzer kommt als Hausfreund Rédillon über den Aperitif nicht hinaus, muss aber angesichts geballter Weiblichkeit ohnedies w.o.-geben. Siegfried Walther wandelt als brillanter Britverschnitt Soldignac auf Amors Spuren. Martin Zauner ist ein herrlich herrischer Pinchard. Der schleicht zwar nicht auf Freiersfüßen umher, aber Zauner spielt ein „Er würde schon wollen, wenn …“ mit. Im Leben wählt ein Mann unter zwei Übeln meistens das hübschere oder das jüngere, sagte Feydeau. Da kannte er Zauners Pinchard nicht.

Die Pinchards, die gehörlose Madame großartig verkörpert von Susanna Wiegand, sind nicht die einzigen, die nicht wissen, wie ihnen, sondern auch nicht, was geschieht. Pinchard will doch nur „die Taube in die Oper führen“. Pauline Knof als Lucienne Vatelin und Silvia Meisterle als Clotilde Pontagnac begreifen rechtzeitig, dass man als Ehefrau seinen Mann stehen muss, und wenn’s auch nicht der eigene ist, kann dieser trotzdem mit strenger Hand in jede beliebte Position gezwungen werden. Alexandra Krismer verfolgt als Maggy Soldignac den Vatelin mit ihren Avancen, geht schließlich in Stellung und greift ebenfalls zu harten Mitteln – einer Reitgerte. Susa Meyer spielt als Armandine im Audrey-Hepburn-Outfit eine ganz vorzügliche Charade. Motto: „Sex-Appeal  kann ich ebenso gut voll bekleidet rüberbringen, beim Äpfelpflücken oder wenn ich im Regen stehe.“ Die großen Zehn spielen, als ob es um ihr Liebes-Leben ginge.  Mit Tempo, Temperament und Tremolo. Josef E. Köpplinger zeigt einen Pracht-Boulevard! Ein Abend, den man nur empfehlen kann. Dieses naturellement nicht auf Französisch.

Dominic Oley im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15965

www.josefstadt.org

Rezension: Josef E. Köpplingers „Weißes Rössl“ an der Volksoper: www.mottingers-meinung.at/?p=14600

Wien, 20. 11. 2015

Volksoper: Im weißen Rössl

September 7, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein hinreißendes himmelblaues Bilderbuch

Sigrid Hauser (Josepha Vogelhuber), Carsten Süss (Dr. Otto Siedler), Ensemble, Fuhre Mist (li.) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Sigrid Hauser (Josepha Vogelhuber), Carsten Süss (Dr. Otto Siedler), Ensemble, Fuhre Mist (li.)
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Achtung, dies ist eine Gesundheitswarnung: Rund um die Volksoper wurden gestern nach 21.30 Uhr Menschen mit seligem Dauergrinsen gesichtet. Nicht wenige sollen sogar vor sich hin gesummt haben! Sollten Sie diese oder andere glücklich machende Nebenwirkungen nicht wünschen, meiden Sie Vorstellungen von „Im weißen Rössl“. Sie könnten sonst hin- und mitgerissen sein.

Regisseur Josef E. Köpplinger beschenkte die Volksoper zum Saisonauftakt mit seiner großartigen Inszenierung des Benatzky-Singspiels. Da ging’s nicht nur optisch nach dem Motto: Alles dreht sich, alles bewegt sich!, da wurde, weil Schmelz ja nicht von Schmalz kommt, und das eine daher ohne das andere existieren kann, der Operette auch ihre Würde zurückgegeben. Köpplinger brachte eine erst 2008 in Zagreb wiedergefundene Originalfassung mit nach Wien. Mit Jazzcombo, Zithertrio, Todesjodler und Kuhglocken. Und siehe, die himmelblaue Welt kann mit Michael Brandstätter am Pult swingen und grooven, was das Zeug hält. Zum Schenkelklopfen kommen allerdings nur die Schuhplattler. Die Kriegs- und durch seltsame Verfilmungen Nachkriegsgeschädigte darf wieder eine frivole, mit parodistischen Elementen versetzte Revue sein. Eine Travestie der Alpenglühromantik. Man möchte vermuten, der Benatzky hätt‘ seinen Spaß g’habt!

Es gibt so viel zu sehen, man weiß gar nicht, wo zuerst hinschauen. Köpplinger ließ sich von Erik Charells Uraufführungsgeist inspirieren. Rainer Sinell gestaltete als Bühnenbild ein quietschbuntes Bilderbuch mit Schäfchenwölkchen auf Häuserfassaden, hinten – nona – der Wolfgangsee, dahinter ein Postkartenidyll, eine bis in die Berg‘ hinauf begehbare Ansichtskarte. Auf diesen Spielebenen spielt sich’s ab. Etwa die Tragödie von Lois und Hias, zwei rechtschaffenen Salzkammergütlern, die nur ihrer ehrlichen Arbeit nachgehen wollen, aber von Unfug treibenden Touristen ins Seebadliegenlotterleben getrieben werden. Oder das Drama der vom wirren Oberförster mit der Flinte verfolgten Briefträgerin. Sie wird im See eine schöne Leich‘ sein. Köpplinger inszeniert mit erkennbarer Lust an der Freude alles, was Haxn hat. Mit Papierbus, Minibahn oder Dampfschifferl Zuagraste. Sportler, die ihrem Sportsgeist zum Opfer fallen. Tanzende Kühe und Marienkäfer im Frack. Blumen, eigentlich ohne Beine, herausgeputzt als schillernde Revuegirls. Amore in glitzerblauen Lederhosen. Und wenn dem wunderbar gewalzten Liebeslied gar nicht mehr zum Zuaaaschau’n is‘, schickt er einen Bauer mit einer Fuhre Mist vorbei. Hurra! Mitunter passt nicht einmal mehr ein Löschblattl auf die Bühne.

Gut, dass da eine den Überblick behält: Sigrid Hauser ist als Rössl-Wirtin Josepha eine Idealbesetzung. Hantig, aber herzlich, hat sie das Heft in der Hand. Die resche-fesche Hauser ist wie immer ein Glücksfall fürs Haus. Sie kann nicht nur singen und spielen, sondern auch g’scheit juchazen. Und jodeln. Daniel Prohaska nähert sich mit seiner Charmeoffensive dem großen Peter Minich an. Er ist als Zahlkellner Leopold so erbarmungswürdig liebeskrank, man möchte ihm ein Zwickerbusserl geben. In der Mittellage ist Prohaska bekannt weich und romantisch, diesmal strahlen auch die Spitzentöne. Doch Hauser und Prohaska sind nicht das einzige Traumpaar der Operette. Schwere Konkurrenz steht auf in Form von Mara Mastalir und Carsten Süss (der gewohnt stark bei Stimme ist und seine Belcanto-Qualitäten ausspielt) als Ottilie und Dr. Siedler, sowie von Juliette Khalil und Markus Meyer als lispelndes Klärchen und schönem Sigismund. Volksoperndebütantin Khalil überzeugt in ihrer ersten Rolle mit komischem Talent und S-angeskunst. Sie wird auch die Dorothy in „Der Zauberer von Oz“ übernehmen. Burgschauspieler Meyer genießt sichtlich einmal mehr einen Ausflug ins Musikalische. Er ist nicht nur ein Wirbelwind auf der Bühne, er gibt der manchmal auch verdolmten Figur Charakter und Tiefe. Sein Sigismund betrachtet sich mit Selbstironie und einer Spur Sarkasmus.

Meyer ist nicht der einzige Burggast. Als Giesike ist Bernd Birkhahn so richtig knorke, Hans Dieter Knebel berührt als Professor Hinzelmann. Er interpretiert außerdem Hans von Frankowskis und Franz Pragers Wienerlied „Erst wenn’s aus wird sein“. Köpplinger folgt mit dieser Idee einer Rössl-Tradition, haben doch schon Robert Stolz mit „Die ganze Welt ist himmelblau“ und „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“, Bruno Granichstaedten mit „Zuschau’n kann i net“ und Robert Gilbert mit „Was kann der Sigismund dafür …?“ musikalische Einlagen beigesteuert. Helga Papouschek, selbst einmal eine formidable Rössl-Wirtin, hat nun als nervige Reiseleiterin/ältliche Braut/englische Tourengeherin die Lacher auf ihrer Seite. Sie versprüht ein Feuerwerk an Komödiantik. Simon Fischerauer ist ein drolliger Piccolo. Den jungen Mann behält hoffentlich nicht nur Volksopern-Direktor Robert Meyer im Auge. Weil’s ins Köpplinger-Konzept passt, wird Kaiser Wolfgang Hübsch mit einer Oh-du-mein-Österreich-Kakophonie begrüßt. Sein „Es ist im Leben eben so“  wiederum ist ein in seiner Schlichtheit bewegender Höhepunkt dieser Produktion, die ansonsten vom Tempo regiert wird.

Josef E. Köpplinger hat den Kitsch über Kimme und Korn anvisiert und durch Karikatur zur Strecke gebracht. Er setzt aber nicht nur auf Gags, sondern auch auf Gefühl. Das ist eine angenehme Farbe angesichts einiger zur „Rössl“-Zertrümmerung angetretenen Arbeiten der letzten Zeit. Das Ensemble ist hochkarätig und vom jungen Grazer Brandstätter mit sicherer Hand geführt. Am Ende: Jubel, Trubel. Besser kann’s kaum gehen.

www.volksoper.at

Wien, 7. 9. 2015