Howard Jacobson: J

Dezember 1, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Shoah als zynische Zukunftsvision

J von Howard Jacobson

J von Howard Jacobson

Es gibt auffallend wenig deutschsprachige Rezensionen dieses Buches. Howard Jacobson, der Darling des Literaturbetriebs, preisgekrönt, weil immer satirisch, stets sarkastisch, durchwegs brillant – diesmal kaum besprochen? Der jüdische Witz ist ja witzig, aber Humor mit Holocaust? „J“ heißt sein neues Buch; das J ist zwei Mal durchgestrichen, der Protagonist kann es nämlich nicht aussprechen, er muss sich dabei den Mund mit zwei Fingern zuhalten. Das J steht für Jacobson und für Jude. Für Joke. Das Hebräische hat kein J. Das J fehlt.

„J“ ist ein beunruhigendes Buch. Zu sagen, es ist ein untypischer Jacobson-Roman stimmt und stimmt nicht. Natürlich erzählt er mit der ihm eigenen Wortwürze über den Krampf der Geschlechter, freilich berichtet er mit Ironie über die Idiotie derer, die glauben, das Leben wäre bewältigbar. Doch da ist mehr. Und dieses mehr fordert vom Leser viel. Es ist, als wäre dieses Buch O’Brien und man selber Winston Smith; es ist, als wäre dieses Buch Ahab und man selbst der weiße Wal. Orwells „1984“ ist das, was einem beim Lesen nicht aus dem Sinn will, Jacobson beruft sich allerdings auf Melville. Wie auch immer, die Jagd ist eröffnet. Die Flucht vor nichts Gutem.

Das heißt, nein. Denn der Autor tut die ersten 200 Seiten lang nichts wesentliches. Eine Geduldsprobe. Er entwirft eine dystopische Welt, faszinierend fremd, und setzt zwei Figuren hinein, derart farblos fade Nichtcharaktere, dass einem ihr Schicksal so ziemlich egal ist, dass man schon … vorblättert zum Ende … es gibt einen Selbstmord. Sprung von der Klippe in die Arme der längst verstorbenen Mutter. Auch sie schied freiwillig – naja? – aus dem Leben. Nun will man wissen, warum. Und ab der Mitte entfaltet sich der Roman zu einer Geschichte, so grauenhaft, dass es einem den Atem abschnürt. Das ist das Buch, das man lesen will. Lesen muss. Um ehrlich zu sein, wenn man’s schließlich weglegt, ist man alles andere als gutgelaunt. Der Zerrspiegel, den Jacobson der Gesellschaft diesmal vorhält, zeigt allzu deutlich das jederzeit wieder Unmenschenmögliche.

Fremd. Ist ein Schlagwort über dem Ganzen, „Ich bin ich, weil ich nicht du bin“, der offizielle Stehsatz. Der Brite Jacobson entwirft ein Inselantiidyll, darauf das Fischerdorf Ludgvennok, nunmehr Port Reuben; alles und jeder hat neue Namen, denn es gab einen Zwischenfall, einen Gewaltausbruch, Celan-esk beschrieben als „was geschehen ist, falls es geschehen ist“. Die Täter nahmen wie zur Buße die Identitäten ihrer Opfer an. Rosenthal, Feigenblat, Gutkind. Eine große, glückliche semitische Familie entstanden aus Antisemitismus. Damit nie wieder geschieht, „was geschehen ist, falls es geschehen ist“, hat man sich strenge Regeln auferlegt. Beispiel Kultur: Kultur ist gefährlich, weil Reaktion auf etwas, das schon Reaktion auf etwas war. Jazz ist ergo nicht „verboten“, sondern vom „populären Geschmack abgeschafft“; noch ein durchgestrichenes J, weil alles was Improvisieren meint, unvorhersehbar und daher unkontrollierbar ist. Bücher sind in diesem Sinne „vergriffen“. Die Bildende Kunst hat sich dem Angenehmen ergeben – kitschige Sonnenuntergänge statt sexuell gequälte Leiber sozusagen. „Entartet“ sagt man aber nicht mehr. Dafür „Entschuldigung!“ wie Guten Tag. Ununterbrochen bittet jemand für etwas um Verzeihung. Nicht Vergebung. Hier wird nichts, kein Verbrechen zugegeben; die Niemalsvergesser sind allesamt Neurotiker. Die moralische Botoxbehandlung – glatt und gleich – nützt aber nichts, die Gesellschaft ist gewaltbereiter denn je. Sie sucht ein neues Ventil. „Gesellschaft bedeutet stets Ärger“, sagt eine Figur im Buch.

Das Ventil. Ein Mann und eine Frau werden eingeführt. Sie werden einander auf dem Wochenmarkt in Port Reuben von einem Fremden praktisch in die Arme geschleudert. Kevern Cohen und Ailinn Solomons. Zwei unsympathische Weirdos. Zwei Außenseiter. Er ist besessen zwänglerisch, mit einer angeborenen Trostlosigkeit bestraft, für seine Nachbarn „nicht einfältig, sondern zu schlau“; er sagt, sein Vater war ältlich an Jahren, seine Mutter im Geiste, sie waren jedenfalls „anders“ als die anderen. Sie hat etwas Provisorisches, etwas unfertig Fluchttierhaftes an sich; sie wird als außergewöhnlich schön beschrieben, und als Waisenkind versteckt in einem Kloster. Ihre Mutter war nicht systemkonform, doch das weiß sie nicht. Beide sind unglücklich aus Selbstschutz, in ihnen wohnt ein tausendjähriger Schrecken, und auch das wissen sie nicht. Sie beschließen einander zu lieben. Mit allen Höhen und noch mehr Tiefen. „Du mögest für Liebe Anlass sein, aber nie für Ekel“, war das Gebet von Keverns Mutter für ihren Sohn. Sie wusste, dass Hass verbrennt, aber nie verbrennt. Jacobson richtet den Suchscheinwerfer in diese Seelen, die begreifen möchten, warum sie so geschunden sind. Nun erklärt sich der Aufbau des Romans. Dessen erste Hälfte, das Sittenbild dieser schönen neuen Welt, ist die furchtbare Folie auf der sich die Handlung entwickelt. Weil geschehen wird, was geschehen muss. Zwei Morde geschehen, drei – ein Toter ist eine Katze. „Man kann nur hassen“, sagt wieder diese Figur im Buch, „was Ähnlichkeit mit einem hat, was eine Variante von einem selbst ist.“

Zu diesem Zeitpunkt ist man als Leser in der Postapokalyse bereits aufgegangen. „J“ zeigt sich endlich als zynische Zukunftsvision der Shoah, als eine enigmatische Parabel über Herrenmenschendenken und nationalistischen Irrsinn, über Rassen- und Religionswahn. Wie in Fußnoten spannt Jacobson den Bogen vom Dritten auf weitere Reiche. Denn „J“ liest sich auch als eine Absage an das Treiben der Kolonialmächte, das Königreich England hat sich da durchaus nicht mit Ruhm bekleckert, und den Glauben, ein Vereinigter Staat müsse der ganzen Welt Gesetz und Ordnung bringen. Die Zahl der Toten sei kein Maßstab für die Größe des Unheils, schreibt er an einer Stelle. Und: „Welches Land wäre nicht irgendwann im Verlauf seiner Geschichte ein Mal ein Leichenhaus gewesen?“ Den Ethnien werden Berufe zugeordnet: Afrikaner – Sport, Inder – Elektronik, Araber – ja, ihnen wird die eigentliche Schuld an „was geschehen ist, falls es geschehen ist“ gegeben, sie dürfen gerade noch möglichst unauffällig und untätig herum sitzen. Tatsächlich lässt einen Jacobson lange im Ungewissen, ob hier nicht ein Kontrollstaat, ein Terrorregime gegen den Terror errichtet wurde. Er projiziert ins Buch die Untugenden dieser Tage. Dazu gehört die infantile Hoffnung auf einen Rückzug ins Private als Lösung aller Probleme. Als helfe Kopf in den Sand gegen Kopf ab.

Kontrolle. Ist das zweite Schlagwort über dem Ganzen. Über Kevern, den Kreuz- und Querdenker, wird Protokoll geführt, jemand legt einen Akt über ihn an, diese Passagen in einem anderen Schriftbild. Und auch Ailinn wird überwacht. Ihre Zimmerwirtin, die unwichtigste Figur bislang, wird plötzlich zur großen Spielerin. Zur Gottseibeiunsspielerin einer allmächtigen Behörde. Esme heißt sie, Nussbaum nicht Chestnut, verkrüppelt, weil über den Haufen gefahren, weil selbst kurz nicht systemkonform. Und Kevern und Ailinn sind ihre Adam und Eva, ihre Zuchtobjekte für eine neu aufzuflammende „kulturelle Feindschaft“ an der die Gesellschaft gesunden soll, heißt: sich abreagieren kann.  Das neue Ventil wird das altbekannte sein. Jacobson entwirft ein Weltbild, in dem die Schaffung eines Feindbilds immanent ist. Man muss hassen und verachten, um zu überleben. „Wenn man einen Menschen auswringt wie einen Putzlappen, ist das lustig?“, fragt Kevern nach Erkenntnisgewinn. Und ein Mitbeamter Esmes frohlockt schon in Erwartung der Zuchterfolge über endlich wieder höllischkomischen Boulevard, Pointe, Paradoxa und Bitteres auf der Bühne – und Blasphemie. Jacobson in Hochform über alle Klischees zum Jüdisch sein! Nun gilt es Konsequenzen an der Klippe zu ziehen …

„Die großen von Alleinherrschern angetriebenen Völkermorde aus der jüngsten Vergangenheit haben uns eingelullt, zu glauben, etwas von solchem alle Dimensionen sprengenden Irrsinn könne sich niemals wiederholen – nirgendwo, und schon gar nicht hier. Aber weiter unten auf der Skala des Schreckens und verknüpft mit einer sehr viel bescheideneren Zielsetzung lassen sich immer noch Massaker anstiften – kleinere Blutbäder, nachrangige Morde, Gemetzel bescheideneren Umfangs.“ Das ist aus einem ungeschriebenen Brief von Ailinns Urgroßvater. Welch ein Buch, welch ein wunderliches, aberwitziges, wichtiges Buch.

Über den Autor:
Howard Jacobson, 1942 in Manchester geboren, lebt in London. Er hat bisher dreizehn Romane und vier Sachbücher vorgelegt und zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern und wurden schon vielfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt er für „Die Finkler-Frage“ 2010 den Booker-Preis, den wichtigsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt. Nach „Liebesdienst“ (2012) und „Im Zoo“ (2014, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14443), für den er den Bollinger Everyman Wodehouse Prize for Comic Fiction erhalten hat, ist „J“ Jacobsons neuester Roman. Er stand 2014 auf der Shortlist des Booker-Preises.

DVA, Howard Jacobson: „J“, Roman, 416 Seiten. Aus dem Englischen von Friedhelm Rathjen.

www.randomhouse.de/dva

Wien, 1. 12. 2015

Mai Jia: Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong

Oktober 1, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Genie und Wahnsinn

Das verhaengnisvolle Talent des Herrn Rong von Jia Mai

Das verhaengnisvolle Talent des Herrn Rong von Jia Mai

Mai Jia ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller im heutigen China: Er ist der meistverdienende Autor des Landes, seine Bücher sind alle Millionenbestseller, alle Romane wurden oder werden verfilmt. Er hat fast jede wichtige Auszeichnung bekommen, und gilt als der Wegbereiter der chinesischen Spionageliteratur – indem er Spionage, Kryptographie, Spannung, Drama, historische Themen und Metafiktion kombiniert. „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ war der vielleicht erste literarische Thriller Chinas, der die Spannung und die Plotwendungen des Kriminalromans mit der Figurencharakterisierung und den Erzähltechniken anspruchsvollerer Literatur verband. Jetzt liegt sein Roman endlich in deutscher Übersetzung vor (2002 bereits in China erschienen). Wer allerdings Einblicke in die tatsächliche Arbeit eines Kryptoanalytikers oder Spions zu finden sucht, wird diese in „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ vergeblich suchen. Aber das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Der chinesische Autor konzentriert sich – zusammen mit einem spannenden Plot – auf die Psychologie, die Gedankenwelt und die Träume seines Protagonisten Rong Jinzhen. Es gelingt ihm meisterhaft das rätselhafte Leben eines tragischen Genies einzufangen und mit großem epischen Atem in all seinen Facetten darzustellen.

Alles beginnt in China Ende des 19. Jahrhunderts mit Großmutter Rong. Um die Kunst der Traumdeutung zu erlernen (wie in den alten chinesischen Gerichts-Erzählungen gelten Träume als Schlüssel zur Wahrheit), schickt die Matriarchin ihren Enkel ins Ausland – und dieser kommt als moderner Mann wieder. Aus der Salzhändlerdynastie Rong wird eine Familie von Mathematikern, in die, einige Generationen später, Jinzhen hineingeboren wird. Ein Junge, der anders ist als alle anderen, sowohl körperlich (mit seinem übergroßen Kopf) als auch geistig. Er wächst einsam auf, versunken in seiner eigenen Welt, und ist in der Lage, das zu sehen, was andere nicht sehen: Er ist ein mathematisches Genie und wird im China der 1920er-Jahre vom polnischen Juden und Austauschprofessor Lisewicz unterrichtet. Was Jinzhen nicht weiß: Lisewicz ist ebenfalls ein Mathematikgenie, veröffentlicht im Geheimen antikommunistische Tiraden unter dem Namen Georg Weinacht. Zudem arbeitet er als verdeckter Analyst im Heeresnachrichtendienst sowohl für Israel als auch für „Land X“, ein Codename für die USA. Jinzhens akademische Laufbahn wird 1956 abrupt beendet, als die längst an der Macht befindlichen Kommunisten ihn für den Geheimdienst rekrutieren und in ein abgeschottetes Regierungsreferat (Einheit 701) versetzen, das sich der Kryptologie widmet. Dort ist man seit Jahren vergeblich damit beschäftigt, den Code PURPUR, ein Verschlüsselungssystem, zu knacken. Dem jungen Genie gelingt das Unmögliche, ohne zu wissen, dass sein Mentor Lisewicz den Code geschaffen hat. Jinzhen wird „Held der Revolution“ und die dankbare Partei ist ihm auch bei der Partnersuche behilflich. Doch er ist alles andere als glücklich. Egal was er sagt oder tut, er wird beobachtet und alles wird dokumentiert. Erst spät muss er erkennen, dass nicht seine Person geschützt werden soll, sondern lediglich die Staatsgeheimnisse, die in seinem Kopf gespeichert sind. Sein Geist verfinstert sich.

Mai Jia taucht in die Geisteswelt dieses Menschen ein, der am schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn wandelt. Mehr und mehr zieht er sich in sich zurück, seine sozialen Bindungen verkümmern, bis schließlich – er ist mittlerweile 37 Jahre alt – ein neuer Code (SCHWARZ) auftaucht, noch schwerer als PURPUR. Wieder macht sich Jinzhen daran ihn zu knacken, doch dieser erweist sich als sein Untergang. Er verfällt am Schluss endgültig dem Wahnsinn. Übrig bleibt die Hülle eines Mannes.

Mai Jia hat im Gegensatz zu international erfolgreichen Autoren wie Ha Jin und Ma Jian China nicht den Rücken gekehrt. Natürlich kann man in seinem Roman aber auch Gesellschaftskritik herauslesen. Etwa als dem Regime die Sicherheit seiner Ideen wichtiger ist als die seiner Person. Doch um in China verlegt werden zu können, muss man sich arrangieren, in den Grenzen bewegen, die die kommunistische Partei festgelegt hat. Dazu musste der Autor die Geschichte auch etwas manipulieren: So konnten 1949 ausländische Personen sicher nicht ungehindert die Grenzen des Landes passieren und sich frei bewegen. Bei sensiblen Bereichen wie die Gründung der Volksrepublik China 1949 werden von der KP bevorzugte Ausdrücke wie „die Befreiung“, und „Partei“ mit „Nation“ gleichgesetzt. Andererseits scheut er sich aber auch nicht Sätze wie „Die Partei benutzt Rong Jinzhen“ zu verwenden, und von der KP gern verwendete Phrasen wie „Dienst am Volk“ oder „Großer Sprung nach vorn“ nicht vorkommen zu lassen.

Der 51jährige Autor macht noch einen Kunstgriff, um die Spannung zu steigern. Als der Roman eigentlich zu Ende ist, hängt er ein fünftes Kapitel an, das er „Schluss“ nennt. Darin gibt der Autor/Erzähler noch ein paar Ergänzungen und Nachbemerkungen zu Rongs Leben. Er bringt Auszüge aus Interviews mit dem Direktor von Einheit 701, erklärt, wer Lisewicz wirklich war, wie seine Frau Fan Lili und Yan Shi, der Entschlüssler von Code SCHWARZ, die Ereignisse erlebt haben, und wie er selbst von der Geschichte erfahren hat: Sein kranker Vater lebte schon seit längerer Zeit in einem Sanatorium, und der verrückt gewordene Rong wohnte nicht nur auf derselben Station, sondern sogar im Nachbarzimmer. „Viele Winter waren vergangen, und er hatte nicht nachgelassen, an seiner Suche nach dem Notizbuch festgehalten. Seit 20 Jahren.“

Jenes Notizbuch, das Mai Jia auszugsweise immer wieder in den Text einstreut, in einer Art Nachwort in Auszügen wiedergibt, und das Rong während einer Bahnfahrt zusammen mit den Unterlagen zu SCHWARZ in seiner Mappe entwendet wird. Rong verschwindet wie sein Notizbuch. Waren fremde Mächte im Spiel? Unterlagen und Buch tauchen wieder auf, ebenso Rong, 16 Tage später. Und immer wieder hört er die Stimme seines Notizbuches: „Das Regenwasser hat dein Notizbuch mit sich fortgespült, doch vielleicht spült es das Buch auch wieder zurück … Zurück zu dir … So vieles ist passiert, warum nicht auch das …’ Das war sein letzter Gedanke.“

Über den Autor:
Mai Jia (ein Pseudonym für Jiang Benhu), geboren 1964, ist einer der erfolgreichsten Autoren Chinas. Seine bisher sieben Romane, stets Bestseller, haben sich fünf Millionen Mal verkauft; alle seine Bücher wurden verfilmt. Die Filmrechte an „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ hat sich 20th Century Fox bereits gesichert. Sein Werk ist mit fast allen chinesischen Literaturpreisen ausgezeichnet worden, einschließlich des renommiertesten, des Mao-Dun-Preises. Mai Jia gilt als der Begründer der chinesischen Spionageliteratur; seine Romane entsprechen jedoch nicht den westlichen Vorstellungen des Genres: Er vermischt, beeinflusst von Borges und Nabokov, Entschlüsselungskunst, Politverbrechen, historisches Setting und menschliches Drama.
Weitere Romane des Autors: „Im Dunkeln“, „Die Botschaft“ und „Windgespräch“

DVA, Mai Jia: „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“, Roman, 352 Seiten. Aus dem Chinesischen von Karin Betz

www.randomhouse.de/dva

Wien, 1. 10. 2015

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter

September 16, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Spät noch spottet die Drossel

Gehe hin stelle einen Waechter von Harper Lee

Gehe hin stelle einen Waechter von Harper Lee

Na, wenn das mal nicht die Nachtigall stört. Da schrieb eine junge Lady aus den Südstaaten 1957, wohl befeuert von der Kraft einer Rosa Parks und eines Martin Luther King, einen Roman und sah sich statt eines Bus- mit einem quasi Buchboykott konfrontiert. Ihre Lektorin Therese von Hohoff Torrey riet der jungen Lady von einer Veröffentlichung ihrer Gedanken ab – und zu versöhnlicheren. Harper Lee schrieb ihren Weltbestseller „Wer die Nachtigall stört“. Der Vogel ist eigentlich eine Spottdrossel, a mockingbird, und spät aber doch: Nun spottet diese Drossel. Denn der zwanzig Jahre danach angesiedelte literarische Vorgänger mit dem etwas sperrigen Titel „Gehe hin, stelle einen Wächter“ wurde nun (wieder-)gefunden und veröffentlicht. Die Story mit dem ach so zufällig von der geschäftstüchtigen Lee-Anwältin Tonja Carter gefundenen Schatz im Safe ist eine eigene, man kann nur hoffen, dass hier im Sinne der 89-jährigen Schriftstellerin gehandelt wurde, und hat nichts mit der Geschichte zu tun …

In dieser entführt Harper Lee einmal mehr – eigentlich zum ersten Mal – nach Maycomb, Alabama. Das Personal ist großenteils bekannt: Scout Finch, die nun Jean Louise genannt werden will, ist keine kindlich-naive Ich-Erzählerin mehr, sondern lässt über sich berichten, ist 26 Jahre alt, lebt und arbeitet in New York und kommt auf Urlaub nach Hause. Dort führt Atticus‘ Schwester Alexandra den Haushalt, weil die vielgeliebte schwarze Perle Calpurnia in Pension gegangen ist. „Neger“, „negro“, darf man in dem Buch sagen, so die editorische Notiz, weil es zum Zeitkolorit passt. Einer von Calpurnias „Negersöhnen“ wird die Handlung in Gang bringen, hat er doch mit dem Auto unabsichtlich einen Weißen totgefahren und braucht einen Anwalt. Ah! Doch bevor es zu dem kommt, noch ein Schreck: Scouts Bruder Jem ist nicht mehr. Einfach umgekippt wegen eines offenbar von der Mutter ererbten schwachen Herzens, wie Harper Lees Bruder Edwin, der als Pilot den Zweiten Weltkrieg überlebte und 1951 an einem Aneurysma starb. Dann ist da noch Henry Clinton, Hank, ein ehemaliger Schulfreund Scouts, Atticus‘ Protegé, familiär bedingt „white trash“, eine der Depression entstiegene Schicht, die mit den Schwarzen um den Erhalt ihrer Klasse kämpft, der beruflich wie gesellschaftlich in die Finch’schen Fußstapfen treten will und immer schon in Jean Louise verliebt war. Und schließlich Attikus. Überlebensgroß von Gregory Peck zur Ikone aller Aufrechten gemacht. Nun von Arthritis geplagt und Rassist. Einer, der die „Negerbevölkerung“ im Streit mit seiner „farbenblinden“ Tochter als rückständig bezeichnet und sich überdies als Kritiker der NAACP, der National Association for the Advancement of Colored People, entpuppt. Einer, in dessen Zimmer Jean Louise die Hetzbroschüre „Die schwarze Pest“ findet, der nach dem Grundsatz „separate but equal“ agiert. Schlüsselszene ist eine Bürgerratssitzung an gleicher Stelle, an der der Fall Tom Robinson verhandelt wurde, nur dass nun ein weißer Südstaatler unter dem Vorsitz von Scouts Vaters auf übelste Weise für die Rassentrennung plädieren darf.

Lee hat ihrer Leitfigur das Licht entzogen – und es ist weder denen zu trauen, die angesichts dieses Umstands „Pfui!“ rufen, noch denen die darob erklären, so einfach zu beantworten sei diese Rassismusfrage des Romans nicht. Die Botschaft des „Wächters“ ist komplexer und anspruchsvoller als die der „Nachtigall“, wo der Appell zur Empathie alles war, die Charaktere sind ihrer Eindimensionalität entkleidet, zwiegespaltener, facettenreicher. Nun heißt es nach dem titelgebenden Bibelwort Jesaja 21, 6: „Der Wächter eines jeden Menschen ist sein Gewissen. So etwas wie ein kollektives Gewissen gibt es nicht.“ Vieles an diesem Buch ist erstaunlich, erstaunlicher als an seinem Nachfolger, ein unglaublich mutiges Produkt der 1950er-Jahre und unheimlich aktuell. Wegen Baltimore, Ferguson, Charleston, Hempstead … und Lees unmittelbarer Nachbarschaft Tuscaloosa. Wegen Wahlkämpfern, Stimmenfängern auf beiden Seiten des Ozeans, deren Hasslitaneien mit immer den selben Worten die immer gleichen Nicht-Argumente wiederkäuen und damit auftrumpen wollen. Onkel Jack ist in diesem Zusammenhang eine großartige Figur, wenn er argumentiert, dass die Besitzenden keinen weiteren Besitz mehr anhäufen werden können, wenn die Yankees, heißt: die Demokraten, Herr, Obama Dich unser!, ein völlig überflüssiges soziales System aufbauen, dass die Schwachen, ergo „die Krausköpfe“ stützt und schützt. Im Land of the Free darf einem doch nicht die Freiheit genommen werden, in Armut unterzugehen.

Vor derlei Dingen wiegt einen Harper Lee durch gefährlich gefällige Anekdoten, Begebenheiten aus Scouts Kindheit und Jugend – etwa die, wie Scout anlässlich ihrer ersten Menstruation überzeugt ist, sterben zu müssen, weil Atticus sie natürlich nicht übers Frau werden aufgeklärt hat – immer wieder in Sicherheit, auch wenn die Grauslichkeit durchblutet. Ihr Buch ist wie ein Gemälde von Andrew Wyeth. Allein die Ortsbeschreibung: „Wenn man nicht viel brauchte, war alles reichlich vorhanden“, so miefig, Tante Zandras Korsetts ein Synonym für die Enggeschnürtheit dieser Gesellschaft, man möchte aggressiv werden, würde einen nicht der spitzbübische Tonfall der Autorin zum Schmunzeln bringen. Sie zwinkert einem beim Lesen sozusagen verschwörerisch zu. Doch auch ihre Sympathieträgerin schont die Schreiberin nicht: „Sie war verschwenderisch mit ihrem Mitleid und selbstgefällig in ihrer geborgenen Welt“, formuliert sie über Jean Louise, nach heutiger Lesart auch sie von Rassismus nicht frei, sondern befallen von einer Art Toleranzrassismus, einer Gönnerhaftigkeit, nach der man „denen“, die nicht „wir“ sind, von ganzem Herzen auch was Gutes gönnt …

In der brodelnden Buchstabensuppe Süden wird Sprache als Waffe eingesetzt, „Niggerslang“ zur bewusst gewählten Abgrenzung von den Weißen. Die Übersetzer Ulrike Wasel und Klaus Timmermann setzen das gekonnt um und verhindern wie nebenbei, dass Harper Lees Text zum didaktischen Druckkochtopf wird. Sie finden für Lees klare, emanzipierte Gedanken, für ihre selbstbewusst schlagfertigen Worte unmittelbare und sehr atmosphärische Bilder. Lieblingsszene ist die eines Ehemalige-Schulfreundinnen-Kaffeekränzchens, das Alexandra, diese Blanche-DuBois-Gestalt, ihrer Nichte Jean Louise aufgezwungen hat, wo wild Gandhi, Kommunisten und Katholiken als Alleseins in eben diesen Topf geworfen werden, während Jean Louises Gedanken zum Geplapper sind: „Ich würde gerne deinen Kopf auseinander nehmen, eine Tatsache hineingeben und zusehen, wie sie durch deine Hirnwindungen läuft, bis sie aus deinem Mund wieder herauskommt.“ Gegen verschobene Wahrnehmung ist bis heute kein Kraut gewachsen.

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist das Manifest einer, die an das „Frei und gleich an Würde und Rechten geboren“  glaubte. Interessant, wie man sich hier mit der Autorin identifiziert, deren Figuren keine Identifikationsfläche mehr bieten. Schade, dass einen die späte Veröffentlichung des Aufschreis beraubt, den das Buch bei seinen Zeitgenossen mutmaßlich entfesselt hätte. Schade, dass Harper Lee sich entschloss, nicht mehr zu publizieren. Sie hätte einer Welt, deren Menschlichkeit immer noch in den Geburtswehen liegt, sicher viel zu sagen gehabt. Die Rassismusfrage? Wird zu der von Mitläufertum ob gesellschaftspolitischen Drucks. Jean Louise fragt: „Wie kannst du mit dir selber leben?“ Und Atticus antwortet: „Das ist verhältnismäßig leicht. Manchmal äußere ich meine Überzeugungen einfach nicht, das ist alles.“ Klar, dass das nicht alles sein darf.

Über die Autorin:
Harper Lee wurde 1926 in Monroeville, Alabama geboren. Sie studierte ab 1945 Jus an der Universität von Alabama, ging aber vor dem Abschluss nach New York und arbeitete bei einer internationalen Luftverkehrsgesellschaft. Für das 1960 veröffentlichte Debüt und ihr bisher einziges Buch „Wer die Nachtigall stört“ erhielt sie mehrere Preise, unter anderem den Pulitzer-Preis. Der Roman zählt zu den bedeutendsten US-amerikanischen Romanen des 20. Jahrhunderts, wurde in 40 Sprachen übersetzt und hat sich international etwa 40 Millionen Mal verkauft. „Gehe hin, stelle einen Wächter“ wurde von Harper Lee vor ihrem Weltbestseller „Wer die Nachtigall stört“ geschrieben. Der Roman galt bisher als verschollen und erschien nun, fast sechzig Jahre später, weltweit zeitgleich. Harper Lee, 2007 mit der amerikanischen Freiheitsmedaille des Präsidenten ausgezeichnet, lebt heute zurückgezogen in ihrem Heimatort.

DVA, Harper Lee: „Gehe hin, stelle einen Wächter“, Roman, 320 Seiten. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

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Wien, 16. 9. 2015

Howard Jacobson: Im Zoo

August 24, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesker Grabgesang aufs gute Buch

Im Zoo von Howard Jacobson

Im Zoo von Howard Jacobson

Bei den Amazon-Kundenrezensionen wird er im Schnitt mit vier von den fünf möglichen Sternen bewertet. Für Howard Jacobson eigentlich eine Unmöglichkeit, lässt er doch in seinem Roman „Im Zoo“ sein schriftstellerisches Alter Ego Guy Ableman darüber wehklagen, dass jede Erwähnung auf der Webseite des Buch-und-Mehr-Versands seine Verkaufszahlen weiter in den Keller treibe. Oder ist das eine Übertreibung? Nichts Genaues weiß man nicht, hätte Otto Grünmandl an dieser Stelle gesagt. Wohl aber, dass nicht alles in Ablemans, fast hätte man schon geschrieben Jacobsons, Literatur-Betriebsabrechnung, ihrem satirischen Schrei nach Satisfaktion, der Unwahrheit entspricht. Der vom Briten, beziehungsweise seinem Protagonisten, gewährte groteske Blick in den Bauch des Buchmarkts ist zu authentisch, um nicht alle an der Nase herumzuführen. Fast hätte man schon geschrieben zu verarschen. Aber das führt thematisch zu sehr an den Umstand heran, dass Jacobson seinem an Logorrhoe leidenden Ich-Erzähler die Verstopfung als körperliches Symptom seiner Schreibblockade verordnet hat …

Worum sich’s dreht ist schwer zu sagen bei einem Roman, der um einen Autor kreist, der sich der Handlung als bourgeoiser Anbiederung an den, als Buckelei vor dem Leser verweigert. Guy Ableman rotiert um sich selbst, weinerlich, wehleidig, ein Pornograf des allgemeinen Intellektverfalls, der so gern wie in besseren Tagen unfromme Verstörung unter seinen Anhängern verbreiten würde, aber ausgeschlossen, weil die gibt es ja nicht mehr, sondern nur noch analphabetische Hirnamputierte, die ganze Literaturwelt in Trümmern, das Verlagswesen so tot wie sein sich selbst aus dem Leben geschossen habender Verleger, sein Agent auf dem Weg in die Pension; die neuen Bosse der Bücherbranche verlangen von ihm, dem 600-bis-700-Seiten-Fossil, zu „tittern“ und eine Idee für eine App vorzulegen und wer hätte das je von den Henrys James und Miller verlangt … Jacobsons Ableman sudert seinen Grabgesang in konzentrischen Kreisen, badet in Selbstmitleid wie Kleopatra in Eselsmilch. Lasterhaft luxuriös und lasziv. Für sein als Trauerrede getarntes, prall gefülltes Branchenbashing sind Feindbilder schnell gefunden: Erstens alles von wie gesagt Amazon und Kindle bis zum Literarischen Quartett und Nimm-drei-zahl-zwei-Diskonteraktionen, zweitens – und niemals mag Jacobson an eben dieses verfassende Kolleginnen und Kollegen gedacht haben – Teenievampirschnulzen, Zauberschüleridiotien, Tudorwälzer, schwedische Kommissare und welch anderer Schwachsinn ihn sonst noch aus den Regalen der Buchhandlungen vertrieben haben mag. Mit Ironie und noch mehr Selbstironie legt Jacobson den Offenbarungseid offen. „Ich weiß, wann ein Schriftsteller in Schwierigkeiten steckt. Wenn er Zuflucht darin sucht, über das Schreiben zu schreiben“, schreibt er.

Natürlich ist „Im Zoo“ von Jacobsons Lieblingsthemen gespickt. Sexualität und Eifersucht (die in „Liebesdienst“ im Zentrum stand) sind zwei davon. Ableman, kurzzeitig berühmt durch „Schweinskram“-Bücher, ist seit zwanzig Jahren Ehe unsterblich verliebt – in seine Schwiegermutter. Er will Poppy poppen. Wähnt sie und Ehefrau Vanessa, die beiden schwesterngleichen rothaarigen Hexen, die mit ihrem Wildkatzenduft ihre Umgebung kirre machen, in allerlei eindeutig zweideutigen Stellungen mit allerlei Herren, und geht damit doch nur seiner Fantasie auf den Leim. Der Nabelschauer, der so gern der Wüstling von Wilmslow – Ablemans Heimatort – wäre, ist aber nicht einmal ein, wie er’s auch so gern wäre, „Im Zoo“ der Zivilisation gezähmtes Tier, sondern nur ein Biedermann. Jacobsons drastisch-provokanter Umgang mit dem Judentum, der die „Finkler-Frage“ zu einem berauschenden Lesevergnügen machte, entlädt sich diesmal an Ablemans Elternhaus, einem Kabinett des Schreckens, wo man sich urplötzlich mit tiefer Inbrunst an seine jüdischen Wurzeln erinnert.

Um den Seelen- und Geisteszustand seines Ego- und Erotomanen zu beschreiben, hat Jacobson das „indirekte Schreiben“ (artverwandt mit der indirekter Rede) erfunden. Dazu gehören auch Wortneuschöpfungen wie „mundschreiben“, heißt: etwas, das im Kopf schon Gestalt angenommen hat, steht deswegen noch lange nicht auf dem Papier, oder „Wortwundbrand“. Jacobson bewitzelt den Genderzwang („sein Schrägstrich ihr“), lässt Ableman mit Grammatikregeln hadern, lässt Nebenfiguren auf unvergleichliche Weise lebendig werden: „Er hätte gerne gelächelt, schien mir, aber sein Gesicht ließ ihn nicht“, formuliert er über einen Buchkritiker. Ein Literaturveteran leidet an durchgescheuertem, weil als Radiergummi verwendetem Mittelfinger. „Ich muss die Wörter berühren, selbst diejenigen, die ich verwerfe“, sagt er. Für die Figur eines Filmproduzenten hingegen entschuldigt sich der Autor, welcher der beiden auch immer. Es sei ihm peinlich, einen so platten Charakter eingeführt zu haben, lässt er den Leser wissen. Und hat für diesen gleich die nächste Breitseite parat. Zum Schluss hin nimmt „Im Zoo“ nämlich noch einmal gewaltig Fahrt auf; alles kommt für Ableman anders als man gedacht hätte. Als „Guy Ableman unter dem Pseudonym Guido Cretino“, das macht man so, um zu zeigen, dass man auch schlichter kann, um Spuren seines anderen, hochtrabenden Schreibstils zu verwischen, und doch auf sich zu verweisen – und niemals hat Jacobson hier an einen weiteren Man-Booker-Preis-Kollegen gedacht – wird er wieder extrem erfolgreich. Mit dem dümmsten Buch der Welt. Einer Welt, wie man ja jetzt schon weiß, voller hirnamputierter Analphabeten. Welch ein Spaß. Welch ein ab- und tiefgründiger, boshafter, brillanter, motherfucking Spaß.

Über den Autor:
Howard Jacobson, 1942 in Manchester geboren, lebt in London. Er hat bisher dreizehn Romane und vier Sachbücher vorgelegt und zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern und wurden schon vielfach ausgezeichnet, u.a. erhielt er für „Die Finkler-Frage“ 2010 den Man-Booker-Preis, den wichtigsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt. Nach „Liebesdienst“ (2012) und „Im Zoo“ (2014), für den er den Bollinger Everyman Wodehouse Prize for Comic Fiction erhalten hat, ist „J“ Jacobsons neuester Roman. Er stand 2014 auf der Shortlist des Booker-Preises.

DVA, Howard Jacobson: „Im Zoo“, Roman, 448 Seiten. Aus dem Englischen von Friedhelm Rathjen

www.randomhouse.de/dva/

Wien, 24. 8. 2015

Nadeem Aslam: Der Garten des Blinden

März 5, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Am Ende siegt die Liebe

Der Garten des Blinden von Nadeem AslamPakistan in den Monaten nach dem 11. September: Jeo ist mit Naheed, der großen Liebe seines Lebens, verheiratet, die auch sein Adoptivbruder Mikal begehrt. Als er sich auf den Weg macht, in Afghanistan verwundeten Zivilisten zu helfen, ist Mikal an seiner Seite, doch ein Komplott führt die beiden unversehens zwischen die Fronten. Jeo stirbt, und Mikal gerät in Gefangenschaft. Autor Nadeem Aslam schildert beklemmend realistisch die Tour de Force Mikals, die zu seinem Untergang zu werden droht. Ein Warlord möchte für seine Freilassung viel Geld erpressen, dann fällt er den Amerikanern in die Hände, die ihn für einen Taliban-Kämpfer halten und sich von ihm wichtige Informationen erhoffen. Doch wer nichts weiß, kann auch nichts gestehen. Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter. Als er bei seiner Freilassung zwei US-Soldaten tötet, wird er erneut zum Geächteten und flieht in die Berge. Er trifft Menschen, die ihre Kinder, Eltern und Freunde verloren haben. In einer archaiischen Welt, wo Stammesstrukturen und Ehrenkodex regieren, schlägt ihm Ablehnung und Hass entgegen. Als Mikal bei seiner rastlosen Wanderung jedoch einen verletzten Soldaten findet, ändert sich sein Leben. Menschlichkeit und Nächstenliebe lenken von nun an sein Handeln. Er kümmert sich um den Mann – den Feind –, auch wenn er sich dadurch in Lebensgefahr begibt. Aber nicht nur Afghanistan ist Kriegsschauplatz, auch in Pakistan und in das Leben der Familie Jeos in Heer dringt der Krieg ein. Jeos Vater Rohan, gläubiger Muslim und Gründer einer liberalen Schule, sieht sein Lebenswerk durch Fundamentalisten bedroht, und Schwiegertochter Naheed tut alles, um die mühsam erkämpfte Freiheit der Frauen nicht wieder zu verlieren. Ihrer Mutter ist dieses Denken dagegen fremd. Sie hält an den alten Traditionen fest und will ihre Tochter wieder verheiraten. Denn eine Frau ohne Mann ist nichts wert. Naheed trauert um Jeo, gibt aber die Hoffnung nicht auf, dass Mikal eines Tages zurückkehrt.
Ebenso schonungslos wie poetisch beschreibt der vielfach ausgezeichnete pakistanische Autor in „Der Garten des Blinden“ eine sehr gegenwärtige, dabei zeitlose Welt um Liebe und Krieg, Verlust und Verrat und die tiefsten Beweggründe menschlichen Handelns.
Auf den ersten Blick scheinen Gewalt, Terror und Rache omnipräsent zu sein. Recht und Unrecht verschwimmen, alte Feindschaften brechen wieder auf. Die Verflechtungen zwischen pakistanischen Militärs, die noch immer die Taliban unterstützen, der tief verwurzelte Hass eines Großteils der Bevölkerung auf die Amerikaner, die Racheakte der Afghanen an den ehemaligen Taliban-Machthabern sowie die Ränkespiele der unzähligen Warlords, die in ihre eigene Tasche wirtschaften und für ein paar Dollar jeden verkaufen, lassen die Welt in einem tristen Bild erscheinen, wären da nicht Mikal und Naheed, die trotz zahlreicher Schicksalsschläge den Sinn ihres Lebens finden. Aslam schickt den jungen Mann auf eine lange Reise, auf der er sich schließlich selbst findet. Ebenso den alten Rohan, dem das Glück seiner Schwiegertochter wichtiger ist, als seine eigene Gesundheit. Fast erblindet, untersagt er Naheed einen reichen Nachbarn zu heiraten, der im Gegenzug dafür seine Augenoperation finanzieren würde. Realistisch, spannend, einfühlsam.

Über den Autor:
Nadeem Aslam wurde 1966 in Gujranwala, (Pakistan) geboren und musste mit 14 Jahren das Land wegen des Widerstands seines Vaters gegen das Zia ul-Haq-Militärregime verlassen. Er studierte in England Biochemie und Literatur und lebt heute in London als Schriftsteller. Seine Romane wurden vielfach ausgezeichnet. „Atlas für verschollene Liebende“ wurde u.a. für den renommierten Booker-Preis nominiert. „Der Garten des Blinden“ ist sein vierter Roman und steht auf der Shortlist für den DSC Prize for South Asian Literature 2014.

DVA, Nadeem Aslam: „Der Garten des Blinden“, 432 Seiten. Aus dem Englischen von Bernhard Robben.

www.randomhouse.de/dva

Wien, 6. 3. 2014