Chigozie Obioma: Der dunkle Fluss

Januar 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Das Schicksal Nigerias erzählt als Familientragödie

9783351035921Akure im südlichen Nigeria Mitte der 1990er Jahre ist der Schauplatz für Chigozie Obiomas Romandebüt „Der dunkle Fluss“, einem beklemmenden Drama und einer sprachmächtigen Fabel über das Schicksal und tragische Auseinanderbrechen der Familie Agwu und letztendlich Nigerias, einem Land, in dem sich die Militärherrscher die Klinke in die Hand gaben. Der Autor verbindet dabei die Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit des bevölkerungsreichsten Staates Afrikas mit den Mythen der Vorzeit, die nach wie vor das Leben vieler Menschen beeinflussen.

Aus dem Abstand von zwei Jahrzehnten erinnert sich Benjamin, der Erzähler, an die Schicksalsspirale, in die er als Neunjähriger geriet. Er und seine Brüder leben wohlbehütet in der Nähe eines gefährlichen Flusses, dem Omi-Ala, der, glaubt man den Alten, Unheil bringt. Ihr strenger Vater hat große Pläne mit seinen Kindern. Ihre Zukunft scheint festgelegt zu sein. Als er jedoch aus beruflichen Gründen die Familie verlassen muss und in eine weit entfernte Stadt versetzt wird, zerbricht die Ordnung innerhalb des Familienverbandes. Erfolglos versucht die Mutter das Gefüge zusammenzuhalten. Doch die Brüder Ikenna, Boja, Obembe und Benjamin im Alter von 9 bis 16 Jahren nutzen die neue Freiheit und verstoßen gegen Vaters Verbot, sich dem Gewässer zu nähern. Die Fische, die sie dort fangen, sind Vorboten einer Tragödie, die auch den Staat Nigeria nach seiner Unabhängigkeit 1960 heimgesucht hat – der Sezessionsversuch Biafras (1967–1970) im Südosten des Landes kostete Schätzungen zufolge bis zu zwei Millionen Menschen das Leben und hinterließ eine bis heute gespaltene Gesellschaft.

Die Streifzüge der Brüder bleiben nicht unentdeckt, sie werden verraten und von ihrem Vater bestraft. Doch damit nicht genug. Der außerhalb der Gemeinschaft stehender Sonderling Abulu, der angeblich die Zukunft vorhersagen kann, konfrontiert die Jungen mit ihrem Schicksal. Er prophezeit Ikenna, dem Ältesten, ein unheilvolles Ende, in einem „roten Fluss“ werde er qualvoll sterben, grausam hingemetzelt von einem seiner Nächsten, seinem Bruder. Aus der Prophezeiung gibt es kein Entrinnen. Ikenna entfernt sich Schritt für Schritt von seinen Geschwistern, wird immer sonderbarer, herrischer, gewalttätiger. Die Jungen werden zu erbitterten Feinden und letztendlich selbst Vollstrecker der Vorsehung. Am Ende sind zwei der Buben tot. Doch die Spirale der Gewalt dreht sich unerbittlich weiter. Der scheinbare Verursacher allen Übels, Abulu, muss büßen. Doch zu welchem Preis? Der dritte Agwu-Junge flüchtet schließlich ins Ausland, der vierte muss für seine Rachetat ins Gefängnis. Der Traum des Vaters von einem besseren Leben für seine Kinder löst sich in nichts auf.

Afrikas neuer großer Erzähler zieht mit seinem Erstling den Leser unaufhaltsam in seinen Bann. Jedes Mal wenn man glaubt, es könne nicht noch schlimmer kommen, nehmen die Geschehnisse eine Wendung in eben diese Richtung. Jene, die die Ereignisse auslösen, finden nicht die Kraft, dem Sog ab einem bestimmten Punkt zu widerstehen. Die Spirale der Gewalt dreht sich unerbittlich. Ein exzellenter Debütroman, der sich aber nicht nur durch seine klare Sprache, sondern auch durch seine mystischen Bilder auszeichnet. Nicht umsonst tragen die 18 Kapitel die Namen von Tieren, wie „Der Phyton“ – „Ikenna war ein Phyton. Eine wilde Schlange, die sich in ein riesiges Reptil verwandelte, das auf Bäumen lebte, hoch über den anderen Schlangen … Ikenna wurde launenhaft, heißblütig, immer auf der Jagd und er fing an, Dinge zu tun, die wir nicht von ihm erwartet hätten. Zum Beispiel, dass er auf einen Erwachsenen losging“ – oder „Die Heuschrecken“. Sie waren Vorboten und fielen zu Beginn der Regenzeit über einen Großteil Nigerias her. „Aber mit dem Regen kam auch ein heftiger Sturm, der Dächer abtrug, Häuser zerstörte, Ertrunkene forderte und ganze Städte in seltsame Flüsse verwandelte. So wurden die Heuschrecken von Boten des Guten zu Herolden des Bösen … auch unserer Familie.“

Man darf schon gespannt auf Chigozie Obiomas nächsten Roman sein.

Über den Autor:
Chigozie Obioma, 1986 in Akure, Nigeria geboren, studierte Englisch, Literatur und Kreatives Schreiben auf Zypern und an der University of Michigan. Er gewann die Hopwood Awards für „Fiction and Poetry“, seine Essays erschienen u. a. in Virginia Quarterly Review und Transition. Von seinem Debüt „Der dunkle Fluss“ wurden in kürzester Zeit Lizenzen in die USA, nach Australien, Brasilien, Frankreich, Italien und Spanien verkauft.

Aufbau Verlag, Chigozie Obioma: „Der dunkle Fluss“, Roman, 313 Seiten. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner.

www.aufbau-verlag.de

Wien, 11. 1. 2016

Martin Suters „Die dunkle Seite des Mondes“ im Kino

Januar 11, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Moritz Bleibtreu besticht mit radikaler Performance

Moritz Bleibtreu Bild: © Felix Cramer

Moritz Bleibtreu
Bild: © Felix Cramer

Die Bücher des Schweizer Erfolgsautors Martin Suter werden von Film und Fernsehen gern und mit wechselndem Erfolg als Vorlage verwendet. Zwei seiner Werke aus der „neurologischen Trilogie“ hatten es ja schon auf die Leinwand geschafft, während Francis Girods Verfilmung von „Ein perfekter Freund“ allerdings nur in Frankreich zum Hit wurde, erlangte „Small World“ von Bruno Chiche dank Superstar Gérard Depardieu als Demenzpatienten internationale Anerkennung. Nun also kommt am 15. Jänner „Die dunkle Seite des Mondes“ ins Kino, der Titel eine Anspielung auf das Pink-Floyd-Album, von dem Suter sagt: „Es ist bis heute eines meiner liebsten. Und die Musik war zu ihrer Zeit eine treue Tripbegleiterin in der Szene.“

Der deutsche Regisseur Stephan Rick übernahm den Arbeitsauftrag vom ursprünglich vorgesehenen Oliver Hirschbiegel und adaptierte die Geschichte eines Anwalts, dessen Leben sich nach einem durch halluzinogene Pilze ausgelösten Rausch radikal ändert, für die Leinwand. Der Film präsentiert sich als rasanter Psychotrip, der den Zuschauer von der ersten Minuten an in seinen Bann zieht. Die Spannung ist von Anfang an hoch, doch Rick versteht es, die Spirale immer noch weiter anzuziehen. Dass das gelingt, ist nicht zuletzt das Verdienst von Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu, der eine beeindruckende Performance abliefert.

Bleibtreu spielt den Wirtschaftsanwalt Urs Blank. Dieser ist der unangefochtene Star auf seinem Gebiet. Er ist erfolgreich, hat Geld und die für ihn perfekte Frau (Doris Schretzmayer). Der Selbstmord eines Geschäftskollegen wirft Blank jedoch aus der Bahn. Er fängt an, sein bisheriges Leben in Frage zu stellen. Vielleicht auch deshalb fühlt er sich so zu Lucille (Nora von Waldstätten) hingezogen, die ihm mit ihrem alternativen Lebensstil eine ganz neue Welt eröffnet – und ihn mit magic mushrooms verführt. Mit Folgen für Blank, denn nach diesem Abenteuer verändert sich seine Persönlichkeit. Seine dunkle Seite kommt zum Vorschein. Zunächst fast unbemerkt, dann mit unbarmherziger Macht brechen lang unterdrückte Aggressionen aus ihm heraus. Und machen den zivilisierten Anwalt zum instinktgetriebenen Individuum, verwandeln den Dr. Jekyll in Mr. Hyde. Zutiefst verunsichert von seiner Wandlung flüchtet sich Blank aus seinem alten Leben in den Wald, um dort nach einem Gegenmittel für den missglückten Selbstversuch zu suchen. Doch für seinen Geschäftspartner Ott (Jürgen Prochnow) ist der unberechenbare Blank eine tickende Zeitbombe geworden. So wird er zum Gejagten – und sein Kampf um seine Rückkehr zum Wettlauf um sein Leben …

Bleibtreu begibt sich auf eine darstellerische Tour de Force. Sein Urs Blank ist so sensibel wie brutal, funktioniert als Mörder ebenso wie als Liebhaber. Die Ambivalenz, die der Schauspieler der Suter’schen Figur gelassen hat, macht den großen Reiz des Films aus – und zeigt einmal mehr, wie vielfältig er in seinem Spiel sein kann. Ließ der Autor seinen Roman schon zwischen Psychothriller und Psychogramm eines Mannes in der Midlife-Crisis, zwischen Horror- und -märchen changieren, so tut dies Bleibtreu mit seiner Rolle erst recht. Da hat einer Schubladen souverän und mit so großer Kraft zugeschlagen, dass sie von keinem Katalogisierer mehr zu öffnen sein werden!

Jürgen Prochnow hatte in seiner beeindruckenden Karriere zweifellos schon bedeutendere Rollen, als die des Ott, doch ist es wie immer erfreulich, den Boot-Star wieder einmal im Kino zu sehen. Als eiskalter, unberechenbarer Machtmensch überzeugt Prochnow selbst in seinen seltenen Momenten. Er ist nicht nur erbitterter Gegner Blanks, sondern wird als Kämpfer auch handgreiflich, was zu einem blutigen Showdown im Wald führt, den die gewieften Kameramänner Stefan Ciupek und Felix Cramer mit poetisch-expressiven Bildern ausmalen. Zu einem wiederkehrenden Motiv werden etwa Begegnungen mit einem schwarzen Wolf, das sind geheimnisumwitterte Sequenzen, doch gefertigt, ohne dass der Film dadurch künstlich oder verkopft wirken würde.

Ein Dämpfer für Suter-Auskenner mag es sein, dass Rick, der auch das Drehbuch schrieb, Blanks Halluzinationserfahrungen und seine Naturerlebnisse stark zusammenstrich, obwohl sie beinah die Hälfte der literarischen Vorlage ausmachen. Dennoch ist Ricks Verfilmung von „Die dunkle Seite des Mondes“ eine in sich stimmige, erstklassige Analyse über den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn, auf dem sich der Mensch befindet. Sehenswert!

www.dsdm-film.de

Wien, 11. 1. 2016

Theater in der Josefstadt: Eine dunkle Begierde

November 28, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles sehr Komplex

Martina Ebm (Sabina Spielrein) und Herbert Föttinger (Sigmund Freud) Bild: Sepp Gallauer

Martina Ebm (Sabina Spielrein) und Herbert Föttinger (Sigmund Freud)
Bild: Sepp Gallauer

Es ist der Stofff, aus dem die 500-Seiten-Schmöker sind: Der Beginn der Psychoanalyse. Deren Vertreter sogar nach einen Begriff für ihre Heilmethode suchen. Skeptiker und sexuelle Störungen (und das einer/meiner Generation, der auch noch Rückenmarkschwund beim „Selbermachen“ angedroht wurde) allüberall. Der gottgleiche Sigmund Freud, der seine Jünger vom Glauben abfallen sieht: C. G. Jung, Otto Gross, die eigene Ideen entwickeln, was der Altmeister gar nicht tolerieren mag. Jung, der seine Libido nicht unter Kontrolle hat. Sondern ein Patientinnenpantscherl nach dem anderen. Darunter Sabina Spielrein. Die, bevor sie von Nazis, weil Jüdin, ermordet wird, eine Therapie für Kinder entwickelt …

Oscarpreisträger Christopher Hampton hat daraus ein Theaterstück gemacht, dann ein Drehbuch, aus dem ein grottiger (wenn auch in Wien gedrehter) Hollywoodschmarrn entstand. Nun hat er „Eine dunkle Begierde“ für die Uraufführung im Theater in der Josefstadt neu geschrieben. Die deutsche Fassung entstand in Zusammenarbeit mit Daniel Kehlmann. Hampton hat selbst Regie geführt. Und er weiß, was er von und mit seinem Drama will. Autor und Regisseur haben einander Atemluft gelassen. „The Talking Cure“ heißt das Ganze im Original. Was schon darauf schließen lässt, dass Hampton seinem Zuschauer Sitzfleisch abverlangt. Vor und hinter Schreibtischen wird nämlich viel geredet. Zweidreiviertel Stunden lang. „Action“ gibt es so gut wie keine. Das hier ist Sprech-Theater im Wortsinn. Und man braucht ein herausragendes Ensemble, wie das Josefstädter, an der Spitze Direktor Herbert Föttinger als Freund, um das „freudvoll“ über die Rampe zu bringen. Nichts zwischen-, un- und anderer Art menschliches wird ausgelassen. Der Zuschauer fällt mit den Figuren von Höhen in Tiefen. Gefühlen wird im Unterdrücken Ausdruck verliehen. Und eine Frau steht plötzlich zwischen zwei Analytikern, was wahrscheinlich noch schlimmer ist, als zwischen zwei Liebhabern … Dazu – man bleibt optisch zeitlos in der Zeit – als Bühnenbild von Tim Goodchild eine Art Narrenturm, der sich zu vier drehbaren Räumen öffnet. Vom Behandlungsraum zum Bettgeflüsterkämmerlein. Die Kostüme sind von Birgit Hutter.

Die schwierigste Rolle kommt Martina Ebm zu. Und sie meistert sie mit Bravour. Sie braucht kein Keira-Knightley’sches Zähneknirschen und wildes Treten, um die seelischen Qualen der Sabina Spielrein glaubhaft darzustellen. Ebm spielt eine hochgebildete, im Herzen bereits emanzipierte, emotional aber verkrüppelte junge Frau. Wie sie stockend ihre Geschichte erzählt, statt um sich zu schlagen – das hat sie vom jähzornigen Vater oft genug erlebt. Wie sie deshalb jede Berührung von „Krankenschwester“ Therese Lohner scheut. Wie sie Jung verfällt – und später, als er die Bindung löst, zum Zynismus findet, um dann doch Freundschaft mit ihm zu schließen … Ebm, die am Haus nach der Kathi im „Zerissenen“, ihre zweite Rolle absolviert, sollte damit bewiesen haben, dass sie für Komödie und Tragödie gleichermaßen einsetzbar ist. Eine Autodidaktin der Extraklasse.

Stark agiert auch Alma Hasun als Emma Jung. An der Seite eines Mannes, der kein Interesse mehr an ihr hat, außer seinem Lustprinzip folgend unvermeidlich ein Kind nach dem anderen mit ihr zu zeugen, bietet sie ihm sarkastisch Paroli. Und dem Publikum am Ende einen Hoffnungsschimmer: Auch sie wird sich, die Kleinen sind ja jetzt groß genug, dem Berufsleben zuwenden. Sie, der zuvor in Gesellschaft, mit intelligenteren Aussagen aufzutreten als ihr Mann, untersagt war. Der „Ungustl“ ist Michael Dangl als Carl Gustav Jung. Ein Arzt als Oberlehrer, der vierbuchstäblich zum Zuchtmeister wird, weil Sabina auf Popoklatschen mit dem Lederriemen steht. Dabei findet zwischen den beiden kaum erotisches Knistern statt; was Jung für Frauen so attraktiv gemacht haben soll, hält Dangl wie hinter einer Maske im Verborgenen. Soll das schweizerisch-steif sein? Nur einmal, als sie ihn verlässt und er auf dem eben noch Liebeslager in Tränen ausbricht, regt sich etwas.

Ist Jung der Oberlehrer, ist Freud natürlich „der Herr Professor“. Mit sehr gelungener, fast perfekter „Ähnlichkeit“ zeigt Herbert Föttinger die Ganze Bandbreite seines Könnens. In seinem der Berggasse nachempfundenen Arbeitszimmer agiert er ruhig, überlegt, wortgewandt – und hat dabei Widersacher und Widersprüchler im strengen Blick. Ein Aposteleinsammler, dessen Dialoge mit Dangl-Jung nicht unkomisch sind. Gelungen auch, wie Föttinger die schwere Krankheit des schweren Rauchers schon vorwegnimmt. Sabina Spielrein landet schließlich unter seinen Fittischen, auch, wenn er ihre Theorien … Die kluge Frau schweigt und macht Karriere. Der Bruch mit Jung erfolgt als sich dieser Mystik, Esoterik, Parapsychologie zuwendet. Von den mehr Dingen zwischen Himmel und Erde will Freud nichts wissen. Sondern die Wissenschaft rein halten, nicht über ihre Grenzen gehen. Föttinger ist auch im freud’schen Zorn über den Unfug seines von ihm ernannten Kronprinzen großartig.

Bleibt Florian Teichtmeister als Otto Gross, ein rotzfrecher Schlurf, der, weil drogensüchtig in Jungs Apothekerschrankerl nach dem ihm Allerheiligsten sucht. Er ist Täter, nicht „Talker“, bringt die Drehzahl der Inszenierung auf  Touren, jeder seiner Auftritte eigentlich ein Kabinettstück. Verführerisch neurotisch haut er mit der Krankenschwester ins Nobelhotel auf ein Tête-à-Tête ab. Und schickt Jung die Rechnung. Man soll im Leben nichts unterdrücken, ist sein Credo. Mit vielen dergestalt liebevollen „Kleinigkeiten“ sorgt Hampton auch für Lacher im Publikum.

Die rundum geglückte Aufführung muss den Streit zwischen Freud und Jung natürlich offen lassen. Er ist bis heute nicht gelöst. Immer noch werden Symptome behandelt, nicht Ursachen. Da schließt sich der Narrenturm mit Getöse.

www.josefstadt.org

Trailer: http://youtu.be/B4bT5IDyaMI

www.mottingers-meinung.at/martina-ebm-im-gespraech

Wien, 28. 11. 2014

Martina Ebm im Gespräch

November 25, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater in der Josefstadt: Eine dunkle Begierde

Michael Dangl (C. G. Jung), Martina Ebm (Sabina Spielrein) Bild: Sepp Gallauer

Michael Dangl (C. G. Jung), Martina Ebm (Sabina Spielrein)
Bild: Sepp Gallauer

Am 27. November wird in der Josefstadt „Eine dunkle Begierde“ uraufgeführt. Die Väter der modernen Psychoanalyse in einem neuen Stück. Spannende Rivalität zwischen Sigmund Freud und C. G. Jung, Dreiecksbeziehungen und Psychoduelle. Oscarpreisträger Christopher Hampton inszeniert sein Stück „Eine dunkle Begierde“ (deutsche Übersetzung von Daniel Kehlmann) über C. G. Jung, seinen „Übervater“ Sigmund Freud und das Verhältnis zur „Hysterie“-Patientin und späteren Psychoanalytikerin Sabina Spielrein. „Eine dunkle Begierde“ erzählt wie sich Sigmund Freud (Herbert Föttinger) und sein „Lieblingsschüler“ Carl Gustav Jung (Michael Dangl) entzweiten; einerseits wegen der 18-jährigen Sabina (Martina Ebm), aber auch wegen Jungs Neigung zu erotischen, esoterischen und mystizistischen Abwegen. Und wie aus der einstigen Hysterie-Patientin eine Pionierin der Psychoanalyse wurde. Im Kern aber berichtet „Eine dunkle Begierde“ von der Tragödie des revolutionären Denkers Sigmund Freud, der in einer Welt, die seinen Lehren und Erkenntnissen meist feindlich begegnete, an den Rand der Resignation gerät. In weiteren Rollen: Alma Hasun (Emma Jung), Florian Teichtmeister (Otto Gross), Therese Lohner (Eine Krankenschwester). Ein Gespräch mit Martina Ebm:

MM: Zu Beginn gleich die ganz private Frage: Jung oder Freud?

Martina Ebm: Jung hat seinen Reiz, weil er so ein schöner, intelligenter, verständnisvoller Mann war, der Empathie hatte mit seinen Patienten. Ich kann mir schon vorstellen, dass man sich in so einen verliebt. Auch vom Alter her. (Sie lacht.)

MM: Ich denke, es ist eine ziemliche Herausforderung, Sabina Spielrein darzustellen. Ihre Krankheit, ihre Ticks, ohne zu übertreiben, diese Verwundungen der Kindheit, die in der einen oder anderen Form jeder in sich trägt. Wer hat seine Kindheit schon ohne „Tick“ hinter sich gebracht?

Ebm: Das war die schwierigste Aufgabe, da einen Weg zu finden, der emotional ist, der auch den Zuschauer packen wird, der aber kein „Theater“ ist. Man muss in den eigenen Wunden kramen, sonst kann es nicht funktionieren, dass das Publikum mitfühlt. Jeder hat aus seiner Kindheit ein Packerl zu tragen, das man aufzuarbeiten versucht. Manche verstecken, weil’s ihnen besser geht, wenn sie diese Box nicht öffnen. Mir gibt diese Rolle sehr viel, ich habe schon davor viel über Psychoanalyse gelesen und alles immer auf mich bezogen – und dachte mir dann, was ist das, das Sabina ausmacht. Wie zeigt man diese Hysteriediagnose, wie sie damals war – heute. Denn die „Frauenkrankheit Hysterie“ gibt es heute nicht mehr. Damals lebten Frauen in anderen Korsetten und Konventionen, hatten wenig Freiraum, dafür viel Freizeit,  in der sie erst recht nichts tun durften. – vielleicht hat sich dieser Begriff daraus entwickelt. Eine Situation, in die man sich mehr und mehr hineinsteigert … Wir waren bei einem Psychiater, der meinte, heute würde man es am ehesten definieren als Borderline mit Psychose, bipolare Störung … Ich begann dann, mir zu überlegen, wie sehr man den inneren Schmerz äußerlich noch zeigen muss. Wie notwendig das ist. Ich habe viele Sachen ausprobiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass das Emotionale vor dem „Körperlichen“ der Krankheit im Vordergrund ist.

MM: Das heißt?

Ebm: Weniger Vasenzerschmeißen als Stimmungsschwankungen. Von ganz oben nach ganz unten –sehr sprunghaft. Ich wollte mehr von innen agieren als die „Ticks“ zu zeigen. Ich hoffe, es transportiert sich in den Zuschauerraum. Wenn man Gefühle zeigt, sollten die auch in der hintersten Reihe noch erspürbar sein. Sabina musste ja ein halbes Leben lang ihre Sexualität unterdrücken, ihre Mutter war sogar bei ihrem Biologielehrer, um ihm zu sagen, dass er über das „Schmutzige“ vor ihrer Tochter nicht reden darf. Und wenn man dann in die Pubertät kommt und beginnt, seinen Körper zu erfahren, und alle sagen, das ist Böse, dann kann man schon ex- beziehungsweise implodieren. Weil man nicht weiß, wie man mit der von aussen oktroyierten „Schuld“ umgehen soll.

MM: Später war die Spielrein sehr emanzipiert, hat als erste Frau in der Psychoanalyse promoviert, hat eigene Ideen entwickelt, hat Freud (!) widersprochen, der ihr aber dennoch, oder gerade deshalb Patienten zukommen ließ … Wie haben Sie sich in sie eingelesen?

Ebm: Ich habe Tagebücher quergelesen, Freud, Jung; das ist das Spannende an der Figur, dass sie hochintelligent ist – g’scheiter als Freud und Jung zusammen -, dass sie nach ihrer Heilung ein klares Berufsziel vor Augen hat, aus ihrer eigenen Geschichte heraus, Kinderpsychologin wird, weil sie glaubt, dass man nicht früh genug zu heilen beginnen kann, um unsägliches Leid abzuwenden. Ich glaube, dass sie auch emotional sehr großzügig war. Mit solchen Leuten passiert etwas Großes. Sie musste sich erst zerstören, um sich neu zu erschaffen.

MM: Was konnte ihr Freud geben, was ihr Jung nicht mehr geben konnte?

Ebm: Im Stück sage ich zu Jung: „Ich gehe zu Freud, weil du für mich nicht mehr verfügbar bist.“ Das war so eine starke Liebesbeziehung, so ein starkes Freiheitsgefühl, das die beiden miteinander entwickelt haben. Dennoch ist Jung nie zu dieser Beziehung gestanden und hat gleich danach die nächste angefangen und dazwischen schon welche gehabt. Er hat mit allen geliebäugelt. Das macht mich persönlich so traurig. Gut, ich revidiere meine Antwort von der ersten Frage: Freud. Eindeutig. Mit Vollbart voll verlässlich.

MM: Sabina Spielrein heiratet, hat ein Kind. Liegt die Ruhe in der Familie?

Ebm: So habe ich das bis jetzt noch nicht gesehen. Aber Sabina hat nach der Affäre mit Jung sehr schnell geheiratet und sehr schnell ein Kind bekommen, so, dass Freud ihr Briefe schrieb, ob das die richtige Entscheidung war, wenn etwas so schnell geht. Man müsste eigentlich dran zweifeln. Wir haben aber gegen jede Form von Klischeedenken ein sehr ausgeglichenes Ende gefunden.

MM: Apropos, Ende …

Ebm: Das kommt in einer Art Traum- oder Trancesequenz oder Vision vorweggenommen auch vor: Sabina Spielrein ging ja zurück nach Russland und wurde vom Stalinregime als Jüdin, als Akademikerin, als Psychoanalytikerin geächtet, denn Stalin hat Psychoanalyse verboten, und von den Nazis erschossen. Man soll ja wissen, was mit ihr passiert ist.

MM: Wie ist es, mit einem Oscarpreisträger zu arbeiten? Das hat man ja auch nicht alle Tage.

Ebm: Stimmt. Aber Christopher Hampton ist so ein lieber, bodenständiger Mensch, so drauf bedacht, dass es uns gut geht. Ich fühle mich beschützt bei ihm. Er weiß immer, was er sagt, man kann ihm die dümmsten Fragen stellen und er behandelt sie trotzdem ernsthaft. Er kennt das Thema ja in- und auswendig. Man kann sich mit ihm Stück für Stück an seinen Gedanken abarbeiten. Er ist echt ein großer Mann.

MM: Das ist Ihre erste Saison an der Josefstadt, die zweite Rolle nach der Kathi im „Zerrissenen“ …

Ebm: Und ich glaube immer noch, ich träume. Ich war vorher in der freien Szene unterwegs, habe „Alma“ gemacht, mit Freunden das „Ensemble 08“ gegründet, wo unsere bekannteste Produktion „Shoppen und Ficken“ war, aber ich wollte immer an die Josefstadt, das ist hier wie eine Familie. Die Möglichkeit, zwei so unterschiedliche Rollen in so kurzer Zeit zu gestalten, ist ein Wahnsinn. Manchmal wache ich in der früh auf und denke mir: Arg, wie super g’rad alles ist.

MM: Man kennt Sie aber auch aus Film und Fernsehen.

Ebm: Ich hatte mehrere kleine Rollen, die größte kommt erst: die ORF-„Vorstadtweiber“ mit Maria Köstlinger, Gerti Drassl, Nina Proll und Adina Vetter. Ich bin schon ganz gespannt. Ich spiele eine umtriebige Frau, die mit ihrem älteren Mann sexuell nicht ausgelastet ist und sich ein bissl umschaut. Die „Vorstadtweiber“ sind alle guuute Freundinnen, aber keine würde ihren Schein aufgeben, alle haben ihre Geheimnisse und Intrigen. Ich hoffe, es ist lustig anzuschauen.

MM: Die berüchtigte Frage „Wo sehen Sie sich in …?“ entfällt also?

Ebm: Toi, toi, toi! Mir geht’s sehr gut, so wie es derzeit ist. Ich mag es so, wie es jetzt ist. Arg, dass ich mein Geld verdiene, mit dem was ich am Allerliebsten mache.

 

Sabina Spielrein (1885-1942)

Sabina Spielrein gilt als Pionierin der Psychoanalyse des Kindes. Sie entwickelte als Erste die These, nach welcher der Sexualtrieb aus zwei gegensätzlichen Komponenten besteht, die von Freud übernommen wurde. Ihre erste Begegnung mit der Psychoanalyse hatte sie allerdings als Patientin. Sabina Spielrein wurde 1904 mit der Diagnose „Hysterie“ in die Psychiatrie eingewiesen und von C.G. Jung behandelt. 1906 begann Jung einen Briefwechsel mit Freud über Spielrein – dies war die Geburtsstunde der Lehranalyse. Nach Spielreins Promotion wurde sie als eine der wenigen weiblichen Ärztinnen in Freuds Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. 1942 wurde Sabina Spielrein mit ihren Kindern von den Nazis ermordet.

www.josefstadt.org

Trailer: http://youtu.be/B4bT5IDyaMI

Wien, 25. 11. 2014