Landestheater NÖ: Árpád Schillings „Erleichterung“

Dezember 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das bröckelnde Bürgerhaus ist schnell neu verputzt

Schriftsteller Felix kämpft mit mehr als nur einer Schreibblockade: Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Beim Satz, man könne doch alle Flüchtlinge in klimatisierten Bussen nach Wien schicken, wird natürlich gelacht. Sein Wahrheitsgehalt ist ja noch frisch im Gedächtnis. So ist das, wenn der ungarische Regisseur Árpád Schilling Theater macht, immer ein Versuch, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Seine jüngste Versuchsanordnung wurde Freitagabend am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt: „Erleichterung“. In diesem Fall eine Familiengeschichte. Das Politische im Privaten. Schilling zeigt, wie dünn der Firnis von Zivilisation und Zivilcourage ist, von dem wir uns zum ersten so gut geschützt, zur zweiteren so kämpferisch bereit fühlen. Er zeigt, wie schnell im Zweifelsfall eine gutbürgerliche Fassade bröckelt, und wie schnell sie sich neu verputzen lässt.

Eine messerscharfe Analyse. Schwarzer Humor. Die Gesellschaftsschelte sitzt diesmal in den eigenen Knochen. Freilich, Orbán weht’s durch alle offenen Ritzen dieses Abends. Schilling wurde vom Ausschuss für Nationale Sicherheit des ungarischen Parlaments zum „potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ erklärt.

Darauf gilt es zu reagieren. Das Landestheater NÖ hat es getan, der steirische herbst, das Burgtheater, wo Schillings „Eiswind“ läuft, ebenfalls – auch dies ein Stück über die Fragilität der „Festung Europa“ und ein neues Salonfähig-Machen von Nationalismus …

Für St. Pölten haben Schilling und seine Co-Autorin Éva Zabezsinszkij zwei Handlungsstränge zu einer Geschichte verwoben. In deren Mittelpunkt steht der Schriftsteller Felix, der an mehr als nur einer Schreibblockade laboriert. Seine Frau Regina, die Vizebürgermeisterin der Stadt, engagiert sich für ein Asylbewerberheim; sein Vater Wolfie, nicht nur politisch der Platzhirsch, möchte stattdessen ein Sportcenter errichten. Das Töchterchen rebelliert.

Da offenbart Felix ein düsteres Geheimnis aus seiner Vergangenheit: Er hat vor 23 Jahren ein Kind mit dem Auto schwer verletzt und Fahrerflucht begangen. Im gehbehinderten Tankstellenwart Lukas glaubt er, dieses Kind zu erkennen. Die Familie lädt den Fremden ein. Doch als sich Tochter Johanna Lukas annähert, stellt die Mutter klar: So ein körperlich Versehrter passt ihr nicht ins Haus …

Johanna nähert sich dem behinderten Lukas: Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Versuch einer Aussprache zwischen Regina und Felix: Bettina Kerl und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

In bester Krétakör-Manier wird auf schwarzer Bühne gespielt. Das Saallicht ist an. Die Mittel, auch die darstellerischen, werden sparsam eingesetzt. Formal schnörkellos, dabei von großer Intensität und erzählerischer Dichte, so ist sie stets, Schillings Theatersprache. Wenige Versatzstücke, ein Tisch, ein paar Sessel, eine Matratze genügen. Eine Schokoladentorte wird auch zum Verdauungsendprodukt.

Michael Scherff spielt den Felix hart an der Grenze zur völligen Verzweiflung, er spielt sich im Wortsinn blutig. „Würde ich mich selbst erkennen, würde ich nie wieder schreiben“, sagt er an einer Stelle. Wie sein Gewissen kommt immer wieder eine Gegenstimme aus dem Zuschauerraum; es ist schon die von Lukas, Tim Breyvogel, der die ganze Aufführung über wie entfesselt agiert und eine körperliche Höchstleistung bietet.

Helmut Wiesinger ist als Patriarch Wolfie ganz Gemütsmensch, so lange alles nach seinem Willen geht. Bettina Kerl mimt als Regina die guten Absichten, die Frau, die Kleinstadt und Familie samt kindischem Ehemann managt, Cathrine Dumont ist als Johanna angemessen aufsässig.

Und dann treibt Schilling die Inszenierung in die Eskalation. Vorurteile werden für den eigenen Vorteil flugs gefällt. Opportunismus allüberall. Die ach so guten Menschen fallen aus ihren Mustern, wenn sie plötzlich von ihren Schutzbefohlenen selbst betroffen sind. Der Paradebehinderte ist nicht weniger Ausländerfeind als der Großunternehmer, nur wünscht er sich überdachte Fußballplätze statt des Sportcenters. Fragen kommen auf, wofür man Geld „rauswirft“, und wenn einer sagt, „Wo Araber sind, da gibt es auch Angst“, oder man müsse statt für sie „für die eigenen Krüppel“ was tun, dann ist das schon gruselig. Schilling fährt frontal ins Publikum.

Am Ende wird das Fremde entfernt worden sein. Wird geopfert worden sein fürs häusliche Wohlergehen. Die Familie hat sich gestritten und versöhnt. Man versammelt sich am Frühstückstisch, und Felix erklärt: „Ich habe eine Idee für einen neuen Roman.“ „Wir reden immer von Interessen, Interessen, Interessen …“, sagte Árpád Schilling in einem Interview, „die Menschenrechte interessieren weniger.“

Die Produktion ist bis 17. 2. am Landestheater Niederösterreich zu sehen, am 23. und 24. 1. gastiert das Haus damit an der Bühne Baden.

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  1. 12. 2017

Landestheater NÖ: Dantons Tod

September 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Revolution der Museumsarbeiter

Die Museumsarbeiter diskutieren „Dantons Tod“: Michael Scherff, Silja Bächli, Bettina Kerl, Catherine Dumont und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Zu fünft kommen sie auf die Bühne, in Arbeitskleidung, den sogenannten Blaumännern; sie haben Gewichtiges vor, nämlich „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix an die Wand zu hieven (mehr als 6 m2 Gemälde sind das im Original im Louvre), davor kommt eine Sitzbank. Doch die fünf haben noch Wichtigeres zu tun. Denn kaum ist der Kraftakt vollbracht, beginnen sie die Angelegenheiten der Revolution zu verhandeln.

Das Landestheater Niederösterreich eröffnet die neue Spielzeit mit Georg Büchners „Dantons Tod“, und es war die Idee der katalanischen Regisseurin Alia Luque den Fall in die Hände von Museumsarbeitern zu legen. Jeder darf hier mal jeder sein – Robespierre, Saint-Just, Camille, Lacroix. Danton ist immer der oder die, der den Oberkörper aus dem Overall geschält hat und im weißen Herrenunterhemd dasteht. Ein wenig hölzern lässt sie sich an, diese Verhandlung des Prinzips Lebemensch gegen den Tugendterroristen, was daran liegen mag, dass die Aufführung mehr auf das Schildern von Ereignissen denn auf deren schauspielerische Darstellung setzt.

Doch im Laufe des Abends nimmt die Inszenierung Fahrt auf, und kommt zu ihrem Höhepunkt knapp vor der Pause, wenn das Museumspersonal befindet, dass Delacroix‘ Bild „von Grausamkeit und Gewalt“ zerstört gehört, und die Sitzbank gleich mit. Da tanzen die Vorschlaghämmer, bei dieser Revolution der Museumsarbeiter und ihrem symbolischen Sturm auf die Barrikaden.

Bis dahin macht Luque Büchner, diesen fiebrigen Vormärzkämpfer und glühenden Politautor, zum Theoretiker, sein Drama zum Diskurstheater. Sie reduziert es auf Thesen und deren Argumentation, anfangs, wie gesagt, ist das ein wenig akademisch-anämisch. Allzu viel Büchner wird aber ohnedies nicht gespielt; die Regisseurin mischt in ihre zweistündige Arbeit Heiner Müllers „Der Auftrag“ und „Die Hamletmaschine“, den sozialen Realismus von Louis Aragon, ein wenig Dada von Francis Picabia, einen Hauch von Spinozas Bibelkritik und Nietzsches „Gott ist tot!“ – und Rodrigo Garcias „Picknick auf Golgatha“.

Catherine Dumont (mit Michael Scherff) hält ein flammendes Plädoyer als Camille. Bild: Alexi Pelekanos

Jeder schlüpft in jede Rolle: Silja Bächli und Tobias Artner als Robespierre und Saint-Just. Bild: Alexi Pelekanos

Weshalb auf der Bühne auch Fragen wie Warum hat Gott eine Welt erschaffen, die so unvollkommen ist, dass sein Sohn sie retten muss? oder Warum hat Moses 40 Jahre für das Zurücklegen von 400 Kilometern Wüste gebraucht, hat er sich verlaufen? erörtert werden. Dazu kommen zeitgenössische Revolutionseinsprengsel von der ETA bis zum Leuchtenden Pfad, und die Historie erklärende Zwischentexte. Die Methode ist: Prozess von Anfang an, die Schauspieler halten ihre Plädoyers frontal ans Publikum, das damit gleichsam in die Funktion des Wohlfahrtsausschusses gerät.

Die Bezeichnung klingt besser, als sie ist, der Wohlfahrtsausschuss war das maßgebliche Organ der jakobinischen Schreckensherrschaft. „Das Laster muss bestraft werden, die Tugend muss durch Schrecken herrschen“, befindet Bettina Kerl als Robespierre „im Namen des Gesetzes“, während sich die Bühnendiskussion in immer abstraktere Höhen schraubt. Die Schauspielhaus-Wien-geschulte Kerl ist die Erste, der es gelingt, aus der Diskursschablone Robespierre einen harten, strengen, fanatischen „Blutmessias“ zu gestalten. Sie ist die beste aller Revolutionsführer, sie gibt der Figur Profil und formt sie zum Charakter.

Cathrine Dumont, seit dieser Saison neu am Haus, folgt ihr als leidenschaftlicher Camille alsbald nach. Was den Danton betrifft, scheint’s, als hätte sich jeder Darsteller für eine Eigenschaft des eigenwilligen Ex-Volkshelden entschieden, eine legitime Herangehensweise zeigt doch auch Büchner einen Antihelden, in dessen Brust drei Seelen, heißt: drei Weltbilder, hausen. Silja Bächli gibt den liberalen Politiker, den selbstsicheren und von sich selbst überzeugten Epikureer, Bettina Kerl den süffisanten, aufsässigen Revolutionär. Während Danton eins sieht, dass alles Blutvergießen dem Volk kein Brot gebracht hat, und er ergo die Revolution beenden will, ist Danton zwei von Weltmüdigkeit, Fatalismus und Resignation zerfressen und kann sich kaum zum tatsächlichen Handeln motivieren. Nummer drei, Tobias Artner, der sich erst sträubt, seinen Museumskolleginnen nachzufolgen, ist ein wütender, dennoch nihilistischer Danton.

Statt Sturm auf die Bastille, Tod dem Inventar: Silja Bächli. Bild: Alexi Pelekanos

Erst nach der Pause, wenn alle mit Perücke und gepudert (oder angestaubt), in Rokoko-Unterwäsche und mit – je nach politischem Lager – roten oder blauen Kniestrümpfen auftreten, beginnt Danton für sein Leben zu kämpfen. Während er von den anderen Schauspielern, die im ganzen Theaterraum postiert sind, angegriffen wird, beginnt Michael Scherff eine letzte hysterisch-pathetische Rede. Einen Appell für mehr Wahrheit und Gerechtigkeit.

Und gegen Robespierre und sein mörderisches Treiben. „Wenn ich einen Blick auf diese Schandschrift (die Anklage, Anm.) werfe, fühle ich mein ganzes Wesen beben. Wer sind denn die, welche Danton nötigen mussten, sich an jenem denkwürdigen Tage zu zeigen? … Meine Ankläger mögen erscheinen! Ich bin ganz bei Sinnen, wenn ich es verlange. Ich werde die platten Schurken entlarven und sie in das Nichts zurückschleudern, aus dem sie nie hätten hervorkriechen sollen.“ Dieser Moment zweifellos der Höhepunkt des Abends. Doch die Sache ist längst entscheiden, die Guillotine wartet …

Alia  Luque hat eine interessante und sehr zeitgemäße Interpretation von „Dantons Tod“ entwickelt, die sie im Widerspruch zur Bühnensituation aus allem Musealen befreit hat, die aber ein bisschen Zeit braucht, bis sie sich entfaltet. Ihre Verweigerung, Geschichte als solche zu erzählen, und stattdessen ganz aufs papierraschelnde Thesentheater zu setzen, muss man zweifellos mögen, um an dieser Inszenierung Gefallen zu finden. Ein „easy listening“ lassen die von Luque verschränkten Texte nicht zu, Aufmerksamkeit ist gefordert, will man der Aufführung folgen. Interessant auch, dass sie Dantons dunkle Seite, die Septembermorde, darob die Gewissensbisse und Albträume, die übermäßige Völlerei und die Sexsucht völlig auslässt, um ihren im Wortsinn vielgesichtigen Protagonisten nicht zu beschädigen. Die Schauspieler überzeugen nach anfänglicher Stasis zunehmend und laufen bis zur „Halbzeit“ zu guter Form auf.

In St. Pölten bekennt man sich mit dieser Produktion einmal mehr zum eingeschlagenen Weg als moderne, urbane Spielstätte. Dies Politikerdebatierstück im Wahlkampfjahr 2017, im Herbst der Elefantenrunden, TV-Duelle und Plakatslogans anzusetzen, ist als gesellschaftspolitische An- und Aussage verstanden worden. Ein „nach“ oder „frei nach“ im Titel hätte dieser Theaterarbeit allerdings gutgestanden. Die Produktion ist bis 2. Dezember im Landestheater Niederösterreich zu sehen und am 24. und 25.Oktober zu Gast an der Bühne Baden.

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  1. 9. 2017

Pyotr Magnus Nedov: „Zuckerleben“

August 19, 2013 in Buch

Das Leben ist auf Zucker gebaut

97838321870572011: Der Moldawier Tolyan Andreewitsch ist im krisengeschüttelten Italien mit seinem Wagen unterwegs. Auf der Suche nach seiner geheimnisumwitterten Teedose und einem Begräbnis überfährt er beinahe ein junges Liebespaar, das sich gemeinsam das Leben nehmen will, nachdem beide – wie viele andere auch – gerade ihren Arbeitsplatz in der Zuckerfabrik von Termoli verloren haben. Die Zuckerpreise sind im Keller. Also müssen Stellen abgebaut werden. Tolyan wird kurzerhand für tot gehalten. Doch Moldawier leben länger. Zu Dritt reisen sie weiter. Treffen schräge Typen: eine lesbische Hotelchefin, zwei serbische Geistliche, die einen katholischen Selbstmörder, der auch in der Zuckerfabrik gearbeitet hat, kurzerhand taufen, bevor er seine letzte Ruhe findet …  Doch wer zusammen unterwegs ist, kommt sich näher. Andreewitsch erzählt den Teenagern eine (seine) Geschichte von Zucker, Schnaps und Gold, aber auch die der alten Sowjetunion, den Konflikten, Umbrüchen, Spekulanten, Gewinnern und Verlierern.
Der Autor führt die Leser zurück: 20 Jahre lässt er Revue passieren. Ein Stück Weltgeschichte. 1991: Die Sowjetunion bricht auseinander, Präsident Michail Gorbatschow wird unter Hausarrest gestellt. Die alt-Kommunisten wollen die verlorene Macht zurück (2000 wird Wladimir Putin das Zepter wieder ansichreißen und – mi Unterbrechung – noch viele Jahre nicht aus der Hand geben), und in der nordmoldawischen Industriestadt Donduseni beschließt der junge Spekulant Pitirim Tutunaru, sich seinen Traum von einem sorgenfreien Leben in Italien zu erfüllen. Dafür sucht und findet er 40 unterschlagene Tonnen Zucker des verschollenen Fabrikdirektors Hlebnik, verarbeitet sie mithilfe des Rentners Ilytsch, genannt „Lenin“, der anfänglich noch an den Sozialismus glaubt, jedoch bitter enttäuscht wird, und anderen Freunden zu Schnaps und bereitet mit dem Erlös ihre Ausreise vor. Doch auch andere sind hinter dem Zucker her, schließlich geht es um viel Geld und noch mehr. Denn: „Gutes Leben ist Zuckerleben“. Doch so einfach wie es sich alle vorstellen, ist es dann doch nicht.
Mit Tempo und Witz verwebt Pyotr Magnus Nedov auf schräge und skurrile Art die Umbrüche in Europa. Die Protagonisten– Kleinkriminelle, Glücksritter, Afghanistan-Veteranen, Scharfschützen aus Litauen mit Tuborg-Bier-Vorliebe, Wunderheiler, Paten und Nieren-Händler –  könnten durchaus aus einem der Romane des großen Autors Victor Pelewin („Das Leben der Insekten“ „Buddhas kleiner Finger“, „Das Heilige Buch der Werwölfe“) stammen, der ebenfalls nicht mit Kritik an seiner Heimat, wenn auch in surrealistischer Form, spart.
Aber sind Ledovs Akteure wirklich überzeichnet? Oder gibt/gab es sie doch? So entsteht ein Sittengemälde einer Weltmacht im Umbruch, Menschen, die ihr Glück suchen. Mehr oder weniger erfolgreich.

Pyotr Magnus Nedov wurde 1982 in der Sowjetunion geboren und lebt in Berlin. Aufgewachsen in Moldawien, Rumänien und Österreich. Er studierte Keltologie, Romanistik und Filmregie in Wien, Paris, Moskau, Montreal und Köln. Nedov ist promovierter Filmwissenschaftler und arbeitete zuletzt als Archäologe im Ausgrabungsareal rund um den Kölner Rathausplatz.

Dumont Buchverlag, Pyotr Magnus Nedov: “Zuckerleben“, 380 Seiten

www.dumont-buchverlag.de

Von Rudolf Mottinger

Wien, 19. 8. 2013

Wiener Festwochen: „In Agonie“

Mai 25, 2013 in Bühne

Martin Kušejs inszenatorisches Meisterwerk

Johannes Zirner, Manfred Zapatka Bild: Thomas Aurin

Johannes Zirner, Manfred Zapatka
Bild: Thomas Aurin

Das Münchner Residenztheater ist im Rahmen der Wiener Festwochen mit der Koproduktion, der Schauspieltrilogie „In Agonie“  – in einer Übersetzung von Milo Dor – am Volkstheater zu Gast. Intendant und Regisseur des Abends, Martin Kušej, hat Miroslav Krležas (1893–1981) dramatische Meisterleistung so genannt, wie es überhaupt eine ist, diesen wichtigen kroatischen Autor, Romancier und Essayisten, der nicht nur vom Untergang der k.u.k.-Welt erzählt (an deren Spätfolgen Europa und nicht zuletzt seine Heimat bis heute zu genesen sucht), sondern auch die Stellung der Kunst in Zeiten des Umbruchs beleuchtet, für die Bühne, für das Publikum zurück zu gewinnen. Ein Schatz ist da gehoben und erstmals in dieser Anordnung gezeigt worden, die sich sechs Stunden lang vom Gesellschaftsporträt zum Schlachtengemälde zum Kammerspiel entwickelt. An je einem Tag in den Jahren 1914, 1916, 1922 wird exemplarisch die Vorkriegs-, Erster Weltkriegs- und Nachkriegszeit thematisiert. Ein Totentanz der Dekandenz, ein Triptychon der Trauer, der große Zusammenbruch. Der gebürtige Kärntner Theatermacher Kušej bietet dazu beinah alle Spitzenkräfte auf, die sein Ensemble zu bieten hat. Und er erfindet (gemeinsam mit Bühnenbildnerin Annette Murschetz und dem Leading Team) für jeden der drei Teile eine eigene Atmosphäre, Ton, Licht, Stimmung. Von Blutrot zu Untergangsschwarz zu Totenhemdweiß. Eine großartige, fabelhafte, wunderbare, alle Sinne (und das Sitzfleisch 🙂 überwältigende Arbeit.

Teil eins, Die Glembays: Vorabend der Katastrophe in Zagreb. Ein junger Maler kehrt zur großen Abrechnung noch einmal in sein Elternhaus zurück. Die Glembays – es gibt wohl keine Machenschaft, in die sie nicht verstrickt sind: dubiose Bankgeschäfte, Herstellung von Schrapnellen, Bestattungsunternehmen, Affären, Morde. Eine arrogant-überspannte Gesellschaft, die sich in Smalltalk und Suiziden ergeht, ihre Rechte als selbstverständlich annimmt – etwa, vor Gericht freigesprochen zu werden, wenn man eine Bettlerin vom Pferd niedertrampeln lässt -, von der sozialistischen Presse aufgegriffene Skandale vom Hausanwalt vernichten lässt, und in Wahrheit längst alle Pleitiers. Die Glembays – sie haben Krleža ein Leben lang nicht losgelassen. Prosa hat er über sie verfasst, Stammbäume gezeichnet, einen Irrenhäusler – den Maler –  gesunden und eine aus ihrem Orden wieder ausgetretene Nonne – die Schwester seines von eigener Hand verstorbenen Bruders – heiraten lassen. In den mit Stühlen und Sofas zugerammschten Salon am Volkstheater kommt Maler Leo allerdings als Störenfried, als Staubaufwirbler in diese sich sudelig suhlende Society, wo jeder gegen jeden Intrigen in der Hinterhand hält, die Damen es mit den Nerven haben und die Herren mit der Wut. Man ergeht sich gerade in Fadesse und Tristesse, als Zyniker Leo ins Allgemeine hineinsagt, die Frau Stiefmama sei eine Dirne, niemals echte Baronin gewesen, und empfange so ziemlich jeden Herren, derzeit ihren jesuitischen Beichtjüngling, zur mitternächtlichen Stunde. Auch ihn als 17-Jährigen habe sie einst „zwischen den Schenkeln“ gehabt, der Anlass für seine damalige überstürzte Abreise. Peng. Explosion. Es beginnt ein gnadenloser, blutendende Lippen fordernder Infight zwischen „Leo“ Johannes Zirner und seinem Vater, Manfred Zapatka, später auch mit „Mutti“, Sophie von Kessel (die als einzige Darstellerin in allen drei Episoden mitwirkt). Diese drei Schauspieler tragen den tonnenschweren ersten Teil der Trilogie wie „federleicht“ auf ihren Schultern. Drei Ausnahmeerscheinungen auf deutschsprachigen Bühnen. Bravo! Den alten Glembay (Zapatka) trifft der Schlag, der Krieg bricht aus, alle hoffen, dass das Geld nun wieder rollt. Der Künstler packt seinen Koffer und geht …

Teil zwei, Galizien: Gehört nicht zur Krleža’schen Glembay-Trilogie. Er hatte hier „In Agonie“ (siehe unten)  und als Coda die Karnevalskomödie „Leda“ vorgesehen. Diese allerdings war Kušej und seinem Dramaturgen Sebastian Huber zu beliebig, zu wenig zu ihrer Intention passend, so fügte man – ein Glück! – „Galizien“ ein, ein Stück, das 1920 eine Stunde vor der Uraufführung von der Zensur abgesetzt wurde. Auch Galizien ließ den Autor nie los. Er tat seinen Militärdienst dort, zur Zeit der russischen Brussilow-Offensive (General Alexei Brussilow entwickelte an der Ostfront eine moderne Art der Kriegsführung, die Angriffe kleinerer Einheiten vorsah, denen der schwerfällige Habsburger Apparat nichts entgegen zu setzen hatte. Fazit: eine Million Tote und Gefangene auf beiden Seiten). Krleža verarbeitete die Erlebnisse in der Novellen-Sammlung „Der kroatische Gott Mars“ und sagte später: „Ich glaube, dass ich nie so viel über die menschliche Dummheit gelacht habe, wie gerade in Galizien während der Brussilow-Offensive.“ Kušej zeigt im düsteren Dauerregen die Schrecken der Front. Und ein Offizierskasino, in dem Amüsement, der Tanz auf dem Vulkan angesagt sind. Der junge Pianist (erneut ein Künstler!) und Kadett Horvat (Shenja Lacher) legt sich mit den Oberen an. Er muss daher – seine Strafe für Schöngeistigkeit –  eine alte Frau durch den Strang richten. Ihr Verbrechen: Sich beschwert zu haben, dass ihr die Soldaten ihr letztes Kalb zum eigenen Proviant nahmen. Danach wird Horvat gebeten, die illustre Kasino-Partie-Party am Klavier zu begleiten. Krleža verpackt in dieses Drama zwischen den Zeilen und doch offensichtlich sein politisches Credo. Seine Radikalisierung 1918, die ihn zum glühenden Lenin-Fan machte. Seine Freundschaft mit Tito, seinen Hass auf die „Charkower Linie“ (eine Vorgabe, wie der kommunistische Literat sich zu publizieren habe) und Stalin. 1952 in Ljubljana als Redner zu einem Schriftstellerkongress eingeladen, rechnete er mit diesem weiteren in der langen Linie von Massenmörder-„Führern“ ab. Kušej zeigt, wie der Krieg entmenschlicht, wahnsinnig, brutal macht. Ihn erniedrigt, auch sexuell. Er zeigt auch, dass „der Mensch ein unheimlich zähes Tier“ ist. Norman Hacker dominiert (neben Lacher und „Fähnrich“ Franz Pätzold) diese Episode als durchgeknallter Oberleutnant, dem die feschen Burschen unter seinem Kommando „zu Diensten“ sein müssen. Ein Säufer, ein Sadist – und trotzdem für Kreaturen, wie den Fährich, ein die Karriere fördernder „Arschkriecher“. Was er bei höheren Rängen tatsächlich nicht nur in der Doppeldeutigkeit ist. Hacker spielt diesen Unsympath, als ginge es um sein Leben. Für die von ihm verkörperte Figur tut’s das auch: Die fröhliche Veranstaltung im Kasino endet, weil erstens alkoholschwanger, zweitens von Horvats immer atonaler werdendem, verzweifeltem Geklimpere, irritiert in einem Shootout à la Peckinpah. Wurscht, dass die Front da längst verloren ist. Klappe zu, Affe tot.

Teil drei, In Agonie: Das titelgebende Ende des Ganzen unterscheidet sich inhaltlich wie ästhetisch vom Rest. Es ist ein fein ziseliertes Kammerspiel. Die Figuren fürs Erste so leb-, so temperamentlos, wie die Kulisse farblos-weiß. In bisschen Schnitzler blitzt hier durch, ein wenig Doderer keimt dort auf. Baron Lenbach (Götz Schulte), Berufssoldat, Ex-Offizier, findet sich im Zivilleben nicht zurecht. Er findet keinen Platz für sich. Er verprasst das letzte Geld bei Karten- und Trinkwetten. Hinter einem Schreibtisch zu sitzen, wäre der Tod. Den er sich schließlich auch gibt. Was Frau Baronin (Britta Hammelstein) nicht unglücklich macht. Das besorgt ihr langjähriger Liebhaber, der einzige Mensch, auf den sie sich je verlassen hat – und der nun ein zweites Pantscherl, ja ein Eheversprechen mit einer russischen Comtesse gestehen muss. Markus Hering spielt diesen Rechtsanwalt Dr. Ivan Edler von Križovec pragmatisch unsentimental. Welch ein Schwein! Keinen Deut besser als der hingegangene Gatte. Ein Karrierist, der auf dem Weg zum Justizministerposten den ermittelnden Beamten gleich einlädt, sein Büroleiter zu werden. Bestechung? Nein! Man müsse ja nur nicht jedes Detail dieser Angelegenheit … Hering „besticht“ in dieser Rolle. Ist facettenreich, wechselt Gemütszustände und Meinungen wie ein Chamäleon die Farbe. Und: Sophie von Kessel taucht zum dritten und letzten Mal auf. Als überkandidelte, pseudo-französisch parlierende, blaublütige Nervensäge. Der Polizist muss Ivan enttäuschen. Die „Verlobte“ ist eine amtsbekannte Professionelle aus St. Pölten. Man geht auseinander. Die Baronin bleibt allein. Ein Schuss. Schluss.

Außer beim Publikum. Das dankte für diese hervorragende Leistung mit langem, tosendem Applaus. Mittlerweile war’s weit nach Mitternacht. Aber wenn einen Theater so sehr fesselt, gibt’s vor ihm kein Entkommen. Kušej kann’s! Man weiß es ohnedies.

Am Volkstheater bis 26. Mai, am Münchner „Resi“ ab 1. Juni zu sehen.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-the-wild-duck/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-le-retour/

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www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

www.volkstheater.at

www.residenztheater.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 24. 5. 2013