KosmosTheater: Contractions

Mai 9, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles für einen sicheren Arbeitsplatz

Bild: Judith Stehlik

Bild: Judith Stehlik

Ab 14. Mai zeigt das KosmosTheater „Contractions (Nachwehen)“. Wie weit, fragt Autor Mike Bartlett in dem  radikalen Zwei-Frauen-Stück, sind wir bereit, für einen sicheren Arbeitsplatz zu gehen? Weit, viel zu weit, zeigt die verstörende Antwort. Denn Firmen fordern heute nicht mehr nur die Arbeitskraft, sie verschlingen den ganzen Menschen.

Emma, eine selbstbewusste junge Frau, ist neu in der Firma. Die Karriereaussichten sind vielversprechend. Ihre Vorgesetzte, eine namenlose Managerin, lädt Emma regelmäßig zum Evaluierungsgespräch und macht sie mit dem Unternehmenskodex bekannt. Alles ist präzise definiert, auch das Zwischenmenschliche. Gefühle sind Störfaktoren im betriebswirtschaftlichen Kalkül. Sie können die Produktivität beeinträchtigen und den Profit gefährden. Emma gibt sich rational und verständig. Doch die Natur ist unberechenbar: Emma verliebt sich und der Albtraum beginnt. In zahlreichen Meetings treffen die beiden Frauen aufeinander. Anfänglich kleiden sich die Dialoge in freundschaftliche Leichtigkeit und vermitteln eine positive Arbeitsatmosphäre. Sukzessive werden die Pausen länger, die Sprachlosigkeit macht die Menschen hinter der Fassade sichtbar, und das „Unerhörte“ wird unüberhörbar.

Bartlett erreicht mit seiner Darstellung von absoluter Macht Orwell‘sche Finesse, indem er die Managerin als Repräsentantin eines erbarmungslosen Systems, als pervertiertes Monster enthüllt, die Emma mit verzweifelter Lust von einer Erniedrigung in die Nächste jagt. In unersättlicher Zerstörungswut benutzt sie den Firmenkodex, um Emma systemkonform zu machen. Wie ein Virus dringt das kapitalistische Prinzip schleichend bis in die letzten Winkel der Intim- und Privatsphäre vor. Vom Verlust des Arbeitsplatzes ständig bedroht, verharrt die verunsicherte Mittelklasse in Angstgehorsam. Dieses Szenario treibt Bartlett auf die Spitze.

Es spielen: Rita Dummer und Rachelle Nkou; Regie: Alexander Braunshör.

www.kosmostheater.at

Wien, 9. 5. 2014

„Being Else“ im Kosmos Theater

Juni 10, 2013 in Tipps

Einblick in verwirrte Gehirnwindungen

Bild: © Judith Stehlik

Bild: © Judith Stehlik

Ab 13. Juni zeigt das Wiener Kosmos Theater „Being Else – ein multiples System“, eine Musiktheater-Koproduktion mit DAS GUT nach dem Originaltext  von Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“. Schnitzlers Novelle  erzählt vom inneren Kampf einer jungen Frau, die sich im Auftrag ihres in Geldnöte geratenen Vaters an einen wohlhabenden „Freund“ der Familie wenden und sich von diesem einen großen Geldbetrag beschaffen soll. Die unterschwellige Aufforderung zur Prostitution, die Erpressung des Familienfreundes und die eingeforderte Loyalität ihren Eltern gegenüber lösen in Else einen tiefschürfenden Konflikt und einen Prozess der Verzweiflung aus, der sie dem Suizid entgegentreibt. Daraus wird nun der atemlose Kampf einer multiplen Persönlichkeit, die versucht dem Missbrauch zu entrinnen.

„Fräulein Else“ alias “Being Else“ ist gezwungenermaßen „being (somebody) else” – „Andere sein“, um es zu ertragen. Persönlichkeitsspaltung als typischer Moment im Leben eines missbrauchten Menschen. Acht Performerinnen (eine Gesangsrolle, eine Tanzrolle, sieben gemischte Rollen) und die Musik als Teilpersönlichkeiten von Else werden zu einem allmählich immer fataler werdenden Diskurs, dessen Dynamik fortwährend ansteigt und der schlussendlich auf dem Höhepunkt implodiert. „Being Else“ ist ein Blick ins Gehirn, durchsichtig und doch undurchdringlich. In der Regie von Rachelle Nkou spielen Johanna Orsini-Rosenberg, Birgit Linauer, Rita Dummer, Sascia Ronzoni, Eli Veit, Ursula Wiednig, Anna Hein, Rachelle Nkou und Alexander Braunshör.

Die Produktion ist im Finale der World Stage Design 2013  im englischen Cardiff.

www.kosmostheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 6. 2013