Theater in der Josefstadt: Die Kameliendame

Dezember 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik stirbt im Schnee

Katja Bellinghausen, Josef Ellers, Alexander Absenger, André Pohl, Susanne Wiegand, Sandra Cervik Bild: Moritz Schell

Katja Bellinghausen, Josef Ellers, Alexander Absenger, André Pohl, Susanne Wiegand, Sandra Cervik
Bild: Moritz Schell

Es ist der Stoff aus dem die tränentriefenden Schmonzetten sind. Ein Groschenroman getarnt als Weltliteratur. Überlebensgroß gemacht durch Verdis „La Traviata“. Paris‘ größte Kurtisane wird zur Mätresse, zur aufrichtig Liebenden eines jungen Mannes, der glaubt, zum Leben genüge Luft und Leidenschaft. Leider nein. Vom Lobgesang auf den Genuss bis zum Totenbett einer an Tuberkulose Sterbenden geht’s durch drei Akte. Generationen von Regisseuren haben sich an der „vom Weg Abgekommenen“ schon fix und fertig gekitscht.

Das Theater in der Josefstadt spielt nun „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas dem Jüngeren. Er selbst funktionierte sein Buch schon 1852 zum Stück um; hier ist allerdings eine grandios entstaubte Fassung von Herbert Schäfer – der gemeinsam mit Vasilis Triantafillopoulos auch für Bühnenbild und Kostüme zuständig war – zu hören. Torsten Fischer inszenierte. So haben also Fischer und Schäfer der Kunst-Gewerblichen allen Flitter und Firlefanz runtergeräumt. Eiseskalt ist diese Welt, Schnee fliegt und bleibt liegen. Die Gesellschaft vergibt nicht, was man war und nicht mehr sein will. „Hure“ ist das Wort, das Kokottische entrümpelt. Ein riesiger „Spiegel der Gesellschaft“, einmal so gedreht, dass sich das Publikum bis in den obersten Rang darin sehen kann, ist das zentrale optische Instrument. Das war mal was, hat aber mittlerweile einen Bart, länger als der vom Weihnachtsmann. Sei’s drum. Schäfer schafft dadurch auch Bildkompositionen von fantastischer Schönheit.

Die Geschichte ist wahr. Alexandre Dumas verehrte eine Käufliche namens Marie Duplessis. Sie liebte Kamelien, Luxus, war schwindsüchtig, verstarb mit 23 Jahren. Und damit beginnt auch Fischers Arbeit: Das Ende als Anfang. Zu Willy DeVilles „Heaven Stood Still“ mischen sich Fakt und Fiktion. Die erdachte Figur Marguerite Gautier (Sandra Cervik) stirbt in den Armen von Alexandre Dumas (Tonio Arango in einer seiner Funktionen). Der Totentanz kann beginnen, denn kurz darauf erscheint Figur Armand Duval (Alexander Absenger) – und A. D. sagt zu A. D.: „Das bin ja ich.“ Beginn eines Zwiegesprächs. Die beiden werden nicht mehr zu trennen sein. Etwa, wenn Marguerite mit Dumas tanzt, während sie Duval ihre Lebenssituation zu erklären sucht. Beim Beischlaf mit Zweiterem, den Ersterer bei einer Flasche Rotwein und einer Zigarette beobachtet. Viel nackte Haut und monströse Krinolinen machen die Damengarderobe aus. Die Herren sind entweder in Frack und Zylinder oder teilweise bis ganz unbekleidet.

Arango ist der Motor des Abends, über dem die Schwermut als Gedanke liegt. Viel mehr als ein „Erzähler“ ist er Teilnehmer am Geschehen, ständiger Gast im Salon der Lustpaarkeiten, übernimmt kleine Rollen vom Croupier bis zum Totengräber, ist der älter gewordene Armand Duval, der als Last die Schuld trägt, nun den Grund für das Verschwinden Marguerites zu kennen (Stichwort: Georges Duval), will seinem jüngeren Ich helfen, kann aber nicht – und ist zum Glück Humorverweser im Sinne eines Reichsverwesers. Es ist erstaunlich, aber bei Arango eigentlich logisch, dass ausgerechnet er, der keine „Rolle“ hat, am besten spielt. Ein Darsteller, wie sich wenige finden!

Sandra Cervik legt die Kameliendame als vom Leben hart gewordene Frau an, die ihre Dämonen sehr gut kennt und sich selbst von allen vielleicht am meisten verachtet. Was sie mit Champagner kompensiert. „Ich bin ein blutspuckender Geldraffautomat“, sagt sie einmal. Cervik changiert zwischen nobel und nuttig. In ihrer famos gespielten Sterbeszene, „Armand“ (hier Arango) rufend, den verzweifelten Eifersüchtling, der ihr gerade 500 Franc für ihre Dienste hingeworfen hat, ist sie bei sich. Im Sterben im Schnee so allein wie im Leben. Davor gibt es einen Dialog zwischen A. und M., in dem Hochmut auf Demut trifft. Und die Konflikte dieser Amour fou, in der man sich selbst hasst, weil man den anderen liebt, entblößt werden. Diese Szene ist wohl der Höhepunkt der Inszenierung.

Alexander Absenger gibt mit Bravour den unbedarften, netten Bursch‘, dessen Wechselspiel mit Arango Fischer auf den Punkt inszeniert hat. Ein Auf-Augenhöhe-Spiel. André Pohl – und viele im Publikum waren gespannt, wie ihr liebenswerter Theaterwegbegleiter da sein wird – verkörpert mit Arthur de Varville den brutalen Unsympath, den „Vergewaltiger“, aber auch Finanzier nachdem Marguerite Duval verlassen musste. Er ist Täter und Opfer zugleich, lässt sie ihn doch nicht nur ihre Geringschätzung spüren, sondern ihn trotz Schuldentilgung auch nicht „ran“. Ein sehr gelungener, anderer, neuer Einsatz Pohls! Ein paar witzige Metaphern wurden gefunden, um über „es“ zu kommunizieren. Die Schönste: Wenn sich die Damen des Salons gegenseitig das Gesicht ab-budern. Da ist Marguerite bereits ein Gespenst an Varvilles Arm. Bei einem Fest kommt es zum Eklat mit Duval. Der Herr über den Körper gegen den Seelenfolterer, die Frau –  ein schon aus dem Leben schwindender Geist.

Den Schlamassel hat Armands Vater, Georges Duval, angerichtet. Als die Liebenden Zuflucht in einem Landhaus nehmen, wo sich Marguerite erholen soll, taucht er auf: Udo Samel bei seinem Debüt an der Josefstadt. Er verlangt die sofortige Trennung des Paares, hätte er doch eine Tochter zu verheiraten, deren Eltern niemals dulden würden … Es ist kein Platz im Schoß einer Familie für Marguerite, wo doch ihren schon so viele kannten. Samel, ganz strenger Vater, deklamiert emotionslos seine „Rechte“, während er mit der linken – Keuschheit und Religion im Mund – sanft über die Hurenbrust streicht. Nun ist der Georges Duval prinzipiell eine Wurzn. Ein Zehn-Minuten-Auftritt. Für den es Samel nicht gelingt, in seiner Rolle eine Figur zu finden. Auch das Match Burgtheaterdeutsch vs Josefstädterisch geht 0:1 aus. Der Ausnahmeschauspieler Udo Samel als Außenseiter, als Fremdkörper, das war hoffentlich eine Regieidee und kein Passiertsein.

www.josefstadt.org

Trailer: http://youtu.be/JCZLIfIyTTs

www.mottingers-meinung.at/tonio-arango-im-gespraech/

Wien, 19. 12. 2014

Tonio Arango im Gespräch

Dezember 17, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater in der Josefstadt: Die Kameliendame

Tonio Arango, Sandra Cervik Bild: Moritz Schell

Tonio Arango, Sandra Cervik
Bild: Moritz Schell

„Die Kameliendame“, Alexandre Dumas’ (der Jüngere) Geschichte, die auf seinem realen Liebesverhältnis zu der Edelhure Marie Duplessis basiert, wurde vom Autor selbst für die Bühne bearbeitet; den endgültigen Siegeszug trat der Stoff wohl mit Verdis Oper „La Traviata“ an. Nun kommt die mitreißende Geschichte über die alles für ihren jungen Geliebten opfernde Mätresse in einer adaptierten Fassung von Herbert Schäfer auf die Bühne der Josefstadt. Premiere ist am 18. Dezember. Ausnahmeschauspieler Udo Samel gibt als Georges Duval sein Josefstadt-Debüt, Torsten Fischer inszeniert; die tragische Hauptrolle verkörpert Sandra Cervik. Mit diesem Roman setzte Dumas dem Typus der sündigen, aber edelmütigen Dame des Gewerbes ein literarisches Denkmal: Marguerite hat ihren festen Platz im Kanon der großen „Käuflichen“ der Weltliteratur, Verdis Oper und zahlreiche Verfilmungen verhalfen der Kameliendame zu ihrer außerordentlichen Popularität und machten sie zur Ikone tragischer Weiblichkeit.  Fischers Arbeit rückt zeitlos das Individuum, das an starren gesellschaftlichen Konventionen zerbricht, in den Mittelpunkt: eine Liebesbeziehung zwischen einem jungen Mann und einer älteren Frau gilt heute immer noch als skandalös.

Es spielen unter anderem Sandra Cervik (Marguerite Gautier), Tonio Arango (Alexandre Dumas, Erzähler), Alexander Absenger (Armand Duval), Udo Samel (Georges Duval, Armands Vater) und André Pohl (Arthur de Varville). Tonio Arango im Gespräch:

MM: Das Publikum kennt den Stoff meist als Verdis „La Traviata“. Nun hat Regisseur Torsten Fischer den Roman von Alexandre Dumas dem Jüngeren als Vorlage für das Bühnenstück genommen. Da gibt es einige gravierende Unterschiede. Können Sie den Lesern/Zuschauern erklären, was an der Bühnenfassung von Herbert Schäfer anders ist, als am bekannten Dell’invito trascorsa è già l’ora… – abgesehen davon, dass Alfredo in der Josefstadt Armand heißt …?

Tonio Arango: Wir versuchen „Die Kameliendame“ aus ihrer Zeit zu befreien, aus dieser doch schon etwas angestaubten eine zeitlose Liebesgeschichte zu machen. Alles, nur keine Rokoko-Schmonzette. Im Roman und in der Oper scheitert die Liebe an der Eifersucht und natürlich an der Krankheit von Marguerite. Bei uns scheitert das Ganze an der Gesellschaft. Das ist dramaturgisch ein Rieseneingriff. Mit den herkömmlichen „Traviata“-Inszenierungen hat das wenig zu tun, wir versuchen es gnadenlos auf die menschliche Kälte zu fokussieren – und uns nicht auf Tuberkulose zu beschränken.

MM: Sie sind der Erzähler. Die Initialen A. D. stehen sowohl für Alexandre Dumas, der eine reale Mätresse namens Marie Duplessis verehrte, deren Gesellschaft er öfter suchte, und der er mit der Kameliendame ein Denkmal schuf, als auch für Armand Duval und seine Marguerite Gautier. Sie stehen in einer Art Wechselspiel mit „Armand“ Alexander Absenger, gleich die erste Szene ist ein „Zwiegespräch“, Sie sind – etwa am Roulettetisch – in die Handlung eingebunden, kommentieren, Sie haben den Schlussmonolog. Wie würden Sie Ihre Aufgabe beschreiben? Wie geht es Ihnen mit diesen vielen Aufgaben?

Arango: Furchtbar. Ich bin am Ende. Ich kann dem nichts hinzufügen, Nächste Frage. (Er lacht.) Und das ist noch nicht alles, ich spiele den Friedhofswärter, der die Leiche exhumiert und noch ein paar Figuren, etwa den Croupier. Ich glaube meine Rolle ist der Motor, der „Zirkusdirektor“. Ich bin dabei, immer mitten drin, ich bin Beobachter der Szenerie. Dumas ist der Erzähler, es ist sein Stoff. Er hatte ja was mit ihr, er weiß wovon er redet – und es ist seine Geschichte, die er endlich loswerden will. Das ist interessant. Dass er es aufschreiben MUSS, es gibt am Anfang diesen Moment wo ich auf Alexander Absenger zeige und sage: Das bin ja ich. So zieht sich das durch den Abend. Am Ende tauschen wir die Rollen. Das große Finale mit Marguerite spiele ich, als eifersüchtiger, von dieser Amour fou zerfressene Mann, der nicht mehr in der Lage ist, die Liebe zu sehen. Der ihr noch einmal Geld hinwirft und geht. Das ist ganz tragisch. Ich bin froh, dass ich das spielen darf, denn es ist meine einzige echte Dialog-Szene. Die Tragödie meiner Figur Dumas ist, dass er um Jahrzehnte älter geworden, die Wahrheit kennt: Dass sein Vater sie gezwungen hat Liebe wegen seiner Schwester zu entsagen … Mit diesem Blick auf die Vergangenheit zu spielen, ist oft schwierig. Dumas trägt eine schwere Schuld mit sich. Und er muss leben mit dieser Last, dass er zu blöde und zu jung war, um das falsche Familienspiel zu durchschauen.

MM: Woher, denken Sie, kommt dieses romantische Bild der Halbwelt (das Schäfer und wie ich annehme Fischer dem Ganzen ziemlich runtergeräumt haben)? Marguerite ist ja durch ihren Verzicht Heilige und Hure zugleich. Zeichnet diese Inszenierung ein kälteres Bild der Käuflichen und ihrer Käufer?

 Arango: Ja, aber nicht zugunsten von Lederklamotten und Swingerclub. Die Damen tragen unglaubliche Reifröcke. Überdimensional. Ich wollte auch mal einen tragen, ich versuche seit drei Produktionen an diesem Haus eine Frau zu spielen, aber ich sah aus wie Conchita Wurst, also haben wir’s gelassen. Wir versuchen den Stoff aus dieser Epoche rauszuholen. Kurtisane, Kokotte, das hört sich doch heute alles an, wie eine Mehlspeise. Da haben wir sehr gekämpft. Ich habe bei meinem Monolog erst heute beschlossen „Hure“ zu sagen. Was passiert, wenn eine Hure einen wirklich liebt, dass ist der tollste Text meiner Rolle. Was passiert dann tatsächlich? Die Gesellschaft sagt: Wir machen euch fertig. Hure bleibt Hure. Ihr könnt hier nicht auf Liebe machen. Das rauszukitzeln ist spannend und schwierig, damit es nicht platt wird. Wir versuchen ein kaltes Bild der Gesellschaft zu zeichnen. Es geht nicht um Huren und Freier. Wir sind alle wie schockgefroren und rechnen miteinander ab. Das ist etwas Wunderbares, das Fischer da gelungen ist. Ich hoffe, die Zuschauer begleiten uns auf diesem Weg, denn Sie haben recht: Die romantische Verklärung des Stoffs – nicht zuletzt durch die Oper – ist gewaltig. Es war der erfolgreichste Roman des 19. Jahrhunderts. Dumas der Ältere, der „Die drei Musketiere“ oder „Der Graf von Monte Christo“ schrieb, sagte einmal über seinen Sohn: „Ich nehme meine Stoffe aus Träumen, er aus dem Leben. Er beobachtet, ich erfinde.“ „Die Kameliendame“ ist ein Groschenroman voll Tränenseligkeit, dahinter steckt aber diese Liebe, nach der wir alle ringen und die die wenigsten von uns erreichen. Das berührt einen

 MM: Sie arbeiten nun zum dritten Mal mit Sandra Cervik zusammen. Darf man da sagen: Die Chemie stimmt?

 Arango: Hundertprozentig. Sie ist eine wunderbare Kollegin. Sie spielt mit mir und sie hat keine Angst. So findet Schauspielerei statt. Die meisten spielen mit sich selbst, dabei ist Zuhören und Antworten das ganze Geheimnis der Schauspielerei. Und nicht gegen die Möbel stoßen. Es gibt nicht viele, mit denen man so arbeiten kann, wie mit Sandra Cervik.

 MM: Weil grad auch ein Stück über Freud und Jung auf dem Programm der Josefstadt steht: Freie Assoziation: Ich sage Liebe. Sie antworten … ?

 Arango: Hoffnung. Scheitern, noch besser. Wir haben viel gesprochen über die Liebe. Ich habe mit Sandra wunderbar vier Wochen lang darüber „gestritten“, wo in diesem Stück die Liebe ist. Ich bin immer noch auf der Suche: Ist Liebe Verzicht, Aufgabe von Erwartungen, hat Liebe nur noch mit dem anderen zu tun und nicht mehr mit sich selbst. Hochspannend. Oder sagen wir so: Wenn Sie Liebe sagen, sage ich: unmöglich.

 MM: Marie Duplessis sagt: „Warum ich mich verkauft habe? Weil ehrliche Arbeit mir niemals den Luxus erlaubt hätte, nach dem ich mich so sehnte.“ Für welchen Luxus würden Sie sich „verkaufen“ – wobei mit Luxus nicht nur Warenwerte, sondern auch wahre Werte gemeint sind?

Arango: Sehr gut. Ich verkaufe mich ja. Ich sehe meinen Beruf in einer ehrenhaften, konstanten Linie mit Madame Duplessis, eine Form der Prostitution. Daran ist überhaupt nichts Ehrenrühriges. Und ich mache es für den Preis der Freiheit. Die Freiheit, mich einmal ein paar Wochen zurückzuziehen. Mein Luxus ist Rückzug. Sonst würde ich wahnsinnig.

 MM: Sie haben mit einigen meiner Lieblings-Filmregisseure zusammengearbeitet: Oskar Roehler, Urs Egger, Heinrich Breloer … Muss man, um Theater spielen zu können, dem Film aus Zeitgründen ganz entsagen? Oder haben Sie was in der Hinterhand, worüber Sie schon plaudern dürfen?

 Arango: Erste Frage: Ja, leider. Wenn Filmproduktionen hören, dass man gleichzeitig Theater spielt, werden sie nervös. Und umgekehrt. Ich finde das völlig unnötig. Aber für mich ist es in Ordnung, weil ich sowieso nicht zwei Dinge gleichzeitig mache. Ich habe einen großen Film in Berlin pfeifen gehen lassen, weil ich nicht ständig hin und her fliegen kann. Das tu ich mir nicht mehr an. Ich mache etwas ganz, dann das nächste. Für kommendes Jahr habe ich einige Filme in petto, aber, da bin ich abergläubisch, ich mag noch nichts darüber sagen. Ich mag beide Medien: Film ist komplette Reduktion auf das Denken, abzulesen an den Augen. Das heißt, das was man am Theater groß macht mit Gesicht und Körper, damit es auch noch der dritte Rang sieht, ist beim Film ein absolutes No-Go. Die Kamera holt dich ran, du bist mit ihr ganz allein. Wie ein Mikrophon, wenn man ein Hörbuch aufnimmt. Das sind Sachen, die ich extrem schätze.

 MM: Ich habe gehört, dass Sie in Pausen in den Probenraum entwischen, um dort Klavier zu spielen. Sie sind Bariton. Warum nicht einmal was Musikalisches auf der Bühne?

 Arango: Ich spiele leidenschaftlich Klavier, habe ab elf Jahren Unterricht bekommen, wollte auch Pianist werden, bin dann zum Jazz gewechselt. Jazz ist für mich komplette Meditation. Ich hätte auch beinah Klavier gespielt in der Produktion, aber das wäre zu viel gewesen. Man muss nicht auch noch jonglieren und Einrad fahren. Was Musikalisches auf der Bühne würde ich sehr gerne einmal machen. Torsten Fischer und ich sollten das Musical „Next to Normal“ machen – da geht’s um eine Mutter, die ihren toten Sohn sieht und natürlich einen Arzt konsultiert; der Arzt wäre meine Rolle gewesen. Das war ein Riesen-Broadwayerfolg, hat einen Pulitzerpreis gekriegt. Aber auch das wäre mir jetzt zuviel. Es wird was kommen, da bin ich sicher. Denn Singen ist überhaupt Wow! Ich trainiere auch meinen Körper, kann tanzen. Ich finde, als Schauspieler muss man ein Rundumtalent sein. Singen, tanzen, gut spielen – das macht den Beruf aus, da bin ich dabei. Es sind andere Dinge, die mich mitunter mürbe machen …

 MM: Außerdem sind Sie bei 1.90 Metern Basketballer. Noch „aktiv“? Oder mit Herz und Seele Zuschauer?

 Arango: Ich habe lange gespielt, seit der Schulzeit. Das hat mich gerettet, denn ich war ein grottiger Schüler. Ich war bis zur Berlinauswahl durchgesichtet für den Kader. Jetzt kaufe ich mir für 180 Dollar jedes Jahr einen NBA-Internetzugang, damit ich alle Spiele sehen kann: Nowitzki Dallas Mavericks … Selber spielen ist mir heute zu riskant.

 MM: Dann bleibt mir nur zu wünschen, dass Sie diesmal auch in den Korb treffen.

 Arango: Ich gehe davon aus. Wir sind auf einem guten Weg.

www.josefstadt.org

Trailer: http://youtu.be/JCZLIfIyTTs

http://arango.de/

Wien, 17. 12. 2o14

TAG: Kissing Mister Christo

März 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alexandre Dumas‘ „Deal or No Deal“

Michaela Kaspar (Mercedes), Raphael Nicholas (Eddy Dantes), Jens Claßen ("Showmaster" Villeforte) Bild: Anna Stöcher

Michaela Kaspar (Mercedes), Raphael Nicholas (Eddy Dantes), Jens Claßen („Showmaster“ Villeforte)
Bild: Anna Stöcher

„Kissing Mister Christo“ im TAG führt etwas höchst Betrübliches vor: Diese Trash-TV-Terroristen, diese schmierig-schleimigen Showinisten, Herzschlitzer, Seelenausbeuter – die gibt es wirklich. Wenn man den richtigen Fernsehanbieter hat, auf mehr als 100 Kanälen. Der Flimmerkasten als moralische Anstalt. Wer ist dein Schmerzblatt? Fragt in diesem Fall Regisseur und Texter Dominic Oley, der den Dumas’schen Schauerroman noch schauriger gemacht hat. „Genial daneben“ treibt der Sprachmarxist (Eigendefinition) Schabernack mit etwas, das heute Weltliteratur ist, doch als Fortsetzungsgeschichte in in der Zeitschrift Le Journal des débats begann. Das diffuse Chaos ist auf der Bühne nicht geringer als im Buch. Wie glaubwürdig: Mir findma einen Schatz! Verrückt! „Millionenshow“, oder was?

Verrückt beginnt auch Oleys Dramatisierung des Stoffes. Der Showmaster Bruce („Allmächtig“, Jens Claßen, der später auch Villefort ist) hat ein – man ist ja heutig – lesbisches Paar eingeladen, um ihre Beziehungsstreitigkeiten coram publico auszutragen. Man will ja was sehen bei seinem Bier und den Chips. Für jede falsche Antwort erteilt Assistent Georg Schubert (auch Daniel Danglars und Abbe Ferreira) „Adolfa“/“Mercedes“ Michaela Kaspar und „Eve“ Elisabeth Veit, dem späteren Cousin Ferdl, einen Punkteabzug. Es geht „Am laufenden Band“, „Einer wird gewinnen“, „Wetten, dass …?“ Jetzt aber „Dalli Dalli“! Claßen und Schubert erinnern mit ihren zu Masken geschminkten Gesichtern und den grotesk-glitzernden Kostümen, an die armen Schweine, die, ja jetzt noch einen Buchstaben, dann haben Sie das richtige Tier gefunden und gewinnen …, verkaufen müssen. „Wien – Tag & Nacht“. Einer muss „The Biggest Loser“ sein, der „Mein dunkles Geheimnis“ enhüllt. Schließlich stehen „Familien im Brennpunkt“ – „Schicksal – und plötzlich ist alles anders“.

Die Schauspieler lassen ihre Figuren diesen Oberflächlichkeitsstrip bis zur völligen geistigen Nacktheit vollenden. Als Kontrapunkt legt ihnen Oley kluge Sätze in den Mund. Ein personifizierter Tötungsversuch stärkt das Immunsystem. Das Geld will uns nicht, es ist nur an Zirkulation interessiert. Das Leben ist eine soziale Ermunterung zum Unsozial sein.  Na, das ist doch Dumas pur. Tristesse privatesse. Sex ist tot, Gott uninteressiert. Unwillkürlich fällt einem Frank Zappas Bobby Brown www.youtube.com/watch?v=ZUq_T_Bhau8&list=RDZUq_T_Bhau8 ein. Nun aber bringt Oley den Kern der Sache ins Spiel: Rache. Haben wir in unserer gemütlichen Zeit noch ein Recht darauf – und wenn ja, gegen wen? Dürfen wir wieder Freude an der Wut, der Zerstörung und dem sozialen Brandschatzen haben. Aber ja! Empört euch! Als Stargast zum Thema tritt nun Eddy Dantes (ganz großartig: Raphael Nicholas) auf. Plötzlich klingt’s nach fronzösischer Onomatopoesie, riecht’s nach Flieder und Fromage. Nach 1844. Eddy will Ras-che. Was? Ras-che. Was? Ah, Rache! An Mercedes. Welches Modell? Klamaukt der Showmaster. Und nun kommen sie alle: der bordschwüle Buchhalter Danglars, der Nebenbuhler Ferdl, Staatsanwalt Villeforte, der den Kopf seines Vaters (ein Brief von Napoleon) aus der Schlinge ziehen muss. Die Geschichte ist bekannt: Intrige, Inhaftierung, Château d’If. Schön, wie Eddy in einem kurzen Blackout Haare und Bart wie seit Jahren gewachsen sind. Ein Philosophisches Duett mit Abbe Ferreira. Dantes wird zum Erfinder des Kapitalismus. My Favorite Things: www.youtube.com/watch?v=33o32C0ogVM. Nicholas fuchtelt dabei gekonnt mit dem Degen herum.

Mit beißender Komik und in rasanten Diskursen lässt Oley seine Figuren durch ein Szenario mit zerrissenem Riesenherz im Bühnenhintergrund stolpern, das sie längst nicht mehr durchschauen. Die Darsteller, dank Sound of Music mit blutenden Ohren, wollen nur noch das skurril-surrealistische „Scheißende“ zum Schluss bringen. Wer mag schon einen, der seine Rache mehr liebt, als sich selbst? Ermüdend auf die Dauer. Ein Losermärchen mit einem Opfer, das sich in seiner Rolle als Racheengel Gottes gefällt. Da beschließen Adolfa und Eve – Namen von zeithistorischer Bedeutung – lieber in Frieden von einander zu scheiden, da treten Bruce und sein Assistent zum letzten Tanz an, bevor sie sich erschießen. Oley hat Dumas aufs Trefflichste dekonstruiert, eine räudige Revue inszeniert, die man erst mal in Ruhe Revue passieren lassen muss. Für den Nachhauseweg hat er uns Dumas eingejetzt: Sklaventreiberei heißt nun Betriebsklima, Prostitution freies Dienstverhältnis. Apropos, Rache: Jeden Manager in die Mangel nehmen, bis ihm die Boni wie Golddukaten aus dem Arsch fallen. Gehaltsobergrenze statt Luxusdienstwagen. Nie vergessen, womit Dominic Oley sein Publikum aus dem Theater entlässt: www.youtube.com/watch?v=wxrWz9XVvlswww.youtube.com/watch?v=KodNFsP6r88

www.dastag.at

Trailer: http://vimeo.com/89249676

Wien, 20. 3. 2014

Sommerspiele Melk: „Monte Christo“

Juni 21, 2013 in Bühne, Klassik

Das Unmögliche möglich gemacht

Denis Petkovic Bild: www.photo-graphic-art.at

Denis Petkovic
Bild: www.photo-graphic-art.at

Alexander Hauer, Intendant und Regisseur der Sommerspiele Melk, war ja noch nie ein Mann, der große Aufgaben scheute. Jahr für Jahr ackert er sich durch die Weltliteratur, kein mindestens 1500-Seiten-Schmöker, den er nicht auf die Bühne stellen würde. Und das stets mit größtem künstlerischen Feingefühl. Hauer macht das Außergewöhnliche möglich. Und dieses Jahr sogar das Unmögliche. Denn noch wenige Tage vor der Premiere stand seine Wachauarena 2,80 Meter unter Wasser; hunderte helfende Hände entfernten nach dessen Abfließen die Massen an Donauschlamm; die Künstler probten derweil in der zweiten Spielstätte, der kleinen „Tischlerei“. Und – Glück im Unglück? – die durch die Enge der Situation erzwungene Intimität tat dieser Inszenierung von „Monte Christo“ mehr als gut. Denn Autorin Susanne Felicitas Wolf, die die Bühnenfassung von Alexandre Dumas‘ „Abenteuerroman schrieb, legte an der Geschichte, die jeder in- und auswendig zu kennen glaubt, völlig neue Seiten frei. Sie befreite den Stoff von allem, was nach Mantel-und-Degen riecht, ließ die Figuren stattdessen mit der Feder fechten. Mit Diagolen, die weniger messerscharf, als schmerzhafte Nadelstiche unter die Nägel sind. Mit psychologischer Kriegsführung wird hier die Intrige, der vermeintliche Hochverrat Edmond Dantès‘ eingefädelt. Als der im Château d’If in Klarfolie gefesselt, wie in einen Kokon eingesponnen wird, bis ihm die Luft wegbleibt, schießt einem kurz durch den Kopf: Guantanamo. Interessant auch, wie sich bei Wolf von Monte Christo über seine Widersacher Danglars, de Villefort bis Fernando in ihren Taten und Untaten alle auf den einen Gott berufen … Und Stift Melk als Hintergrundkulisse …

Die Bühne von Daniel Sommergruber dann: ein Gesamtkunstwerk, ein Gerüst aus unzähligen leeren Bilderrahmen, Schatten der Vergangenheit, das die Schauspieler wie Freeclimber erklettern, zwei Plattformen und eine aufklappbare Mittelrampe, auf denen Marseille, Paris, der Kerker … nebeneinander Platz finden. Dazu ein ausgeklügeltes Licht- (Dietrich Körner) und Sounddesign (Bernhard Sodek). Schon als Edmond als verliebter, hoffnungsfroher, junger Seemann seinen Feinden noch mit naiver Ehrlichkeit begegnet, lässt die – teilweise Live- Musik das nahende Unheil bereits ahnen.

Das Ensemble überzeugt mit intensivem Spiel. Gänsehaut selbst bei Sarahawindtemperaturen. Allen voran brilliert Denis Petkovic als Monte Christo. Nun ein freier, reicher Mann, der Liebe haben könnte, und den doch nur der Hass bewegt. Einer, der sich selbst als Racheengel Gottes bezeichnet, ein Gotteskrieger, ein Spinner, eine Spinne, die in ihrem Netz auf die Opfer wartet. Rote Handschuhe trägt Petkovic – von Nick Cave weiß man, dass auch der Teufel solche haben soll. Petkovic zeigt alle Facetten des Wahnsinns, der als Gift der Vergeltung durch seine Adern strömt. Und endet endlich in tiefster Verzweiflung. Er ist kein triumphierend abgehender Graf, sondern muss erkennen, dass sein „Feldzug“ auch Kollateralschäden verursacht. Den Tod Unschuldiger. Ergo: Keine Erleichterung, keine Erlösung. Im überaus stimmigen Schlussbild öffnet sich wieder die Gefängniszelle. Monte Christos Seele bleibt für immer darin gefangen. Eine starke schauspielerische Leitung. Ebenso großartig agieren – um nur ein paar zu nennen – Julian Loidl als verschlagener Bankier Danglars, Alexandra Maria Timmel als seine zur Zynikerin gewordene Frau, Giuseppe Rizzo als versprecherischer Staatsanwalt de Villefort, dem das Ganze den Verstand kostet. Und Christian Preuss, berührend als gutherziger Reeder Morrel und später als Abbé Faria. Für 2014 hat sich Hauer übrigens Fritz Langs „Metropolis“ vorgenommen …

Benefizkonzert: Michael Schade, ab kommendem Jahr Intendant der Barocktage Stift Melk, veranstaltet am 22. Juni, 17 Uhr, im Kolomanisaal des Stifts, ein Benefizkonzert für die Hochwasseropfer. Mit ihm interpretieren Florian Boesch, Nina Bernsteiner und Mitglieder des Concentus Musicus Wien Werke von Händel und Bach.

www.kultur-melk.at 

www.kultur-melk.at/sommerspiele/programm.php

www.mottingers-meinung.at/denis-petkovic-im-gesprach

www.barocktagemelk.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 20. 6. 2013

Denis Petkovic im Gespräch

Juni 11, 2013 in Bühne

„Monte Christo“ bei den Sommerspielen Melk

Bild:  www.photo-graphic-art.at

Bild: www.photo-graphic-art.at

Am 19. Juni soll in der Wachauarena Melk „Monte Christo“ uraufgeführt werden. Da heißt es derzeit: Daumen halten. Ein Gespräch mit dem Titel(anti)helden Denis Petkovic über Hochwasser, Hass und Herkunft:

MM: Wie ist wegen des Hochwassers die Probensituation?

Denis Petkovic: Wir haben eine Woche auf der Bühne, die tatsächlich überschwemmt war, verloren. Einerseits. Andererseits gab uns die Zeit, in der wir uns in den kleinen Spielraum, die „Tischlerei“, zurückziehen mussten, die Möglichkeit, an der Psychologie der Figuren zu arbeiten und Details zu klären.

MM: „Der Graf von Monte Christo“ – kennt jeder, vielfach verfilmt. Was haben Sie für sich Neues in dem Stoff entdeckt?

Petkovic: Durch die Verfilmungen glaubt man, dass Alexandre Dumas einen Abenteuerroman geschrieben hat. Hat er auch. Aber nicht nur. Das ist Weltliteratur, brillant geschrieben. Für uns ist das Thema aber jenseits dieser Abenteuergeschichte interessant: wir erkunden wir bei einer Tiefenbohrung das Thema der Rache. Und welche Konsequenzen sie hat. Wenn man Selbstjustiz übt, selber für Gerechtigkeit sorgt, fühlt man sich dann besser? Fühlt man sich dann erlöst? Das treibt Monte Christo: Jemand, der aus unerfindlichen Gründen in Einzelhaft gesteckt wird, bis heute eine der schlimmsten Foltern, die es gibt, nach 14 Jahren durch eine Schicksalsfügung frei kommt und sich rächt – und zwar nicht „billig“, sondern mit einem ausgeklügelten Plan. Er trifft jeden seiner Feinde dort, wo’s ihm am meisten weh tut. Den Bankier Danglar beim Geld; beim Staatsanwalt Villefort vergiftet er die Familie. Dabei stirbt auch ein Kind – ein Kollateralschaden, den er nicht auf dem Plan hatte und der Monte Christo auch Gewissensbisse macht.

MM: Die Bühnenfassung ist von Susanne F. Wolf. Klingt, als ob sie sich tatsächlich den „psychotherapeutischen“ Teil herausgefiltert hätte.

Petkovic: Genau. Es wird mit Sicherheit kein Happy End geben. Er wird mit Sicherheit implodieren. Meine Aufgabe ist, auf der Bühne sinnlich sichtbar zu machen, dass Rache zu keiner Erlösung führt. Denn er fühlt sich ja anfangs als Werkzeug Gottes, als „Hammer“ Gottes, wie Attila sich genannt hat. Das Ganze ist überhaupt religiös durchtränkt, daher passt Stift Melk als Kulisse wieder einmal wunderbar dazu. Wie vergangenes Jahr bei der „Päpstin“.

MM: Was hat Sie an der Figur des Monte Christo angezogen?

Petkovic: Die Zerrissenheit, die innere Zerfressenheit. Was tut sich jemand an, um diese Rache durchzuziehen? Wie verhärtet, wie gebrochen muss man sein, um das umzusetzen? Monte Christo geht für seinen Plan über Leichen. Das ist eine Form von Wahnsinn. Das was man anderen antut, tut man letztendlich sich selber an. Er sucht nach Liebe und ist tatsächlich nur noch ein Fanatiker. Da gibt es genug Parallelen zu heute. Im arabischen Raum, in den USA, wo George W. Bush „der Stimme Gottes“ folgte. Monte Christo trägt eine Fassade von Charme, von Eloquenz vor sich her, aber hinter dieser Fassade ist alles zerbrochen. Das ist höchst spannend zu spielen.

MM: Können Sie das nachvollziehen, dass jemand 14 Jahre über seiner Rache brütet?

Petkovic: Ich habe gelesen, dass 81 Prozent aller Männer und 75 Prozent der Frauen schon Mordfantasien hatten. Was anderes ist natürlich, diese umzusetzen. Meine Familie kommt aus Serbien. Mein Großvater hat während des Zweiten Weltkriegs seine gesamte Familie verloren. Er war aus Bosnien-Herzegowina, bei Mostar, und seine Familie wurde von kroatischen Ustaschas buchstäblich lebendig begraben. Das Wunderbare an meinem Großvater aber war, dass er nie Hass oder Wut auf die Kroaten an sich hatte. Aus seiner Traumatisierung heraus, hätte man das sogar verstehen können. Aber er hat nie alle Menschen über einen Kamm geschert. Das hat mich jetzt noch einmal neu beschäftigt. Meine Großmutter ist 93, ich hab’ sie neulich angerufen und sie sagte, er hätte nie Ressentiments gehabt, er hatte in sich eine ungewöhnliche Weisheit. Er sagte nur einmal: Das ist allen auf allen Seiten passiert. Nur meiner Mutter und meiner Tante hat er die Namen seiner beiden getöteten Schwestern gegeben. Damit sie sozusagen weiterleben. Als in den 1990er Jahren auf dem Balkan diese unsäglichen Kriege passiert sind, haben aber bestimmte Menschen genau diese alten Wunden bei vielen aufgerissen. Unter Tito gab es ja keine Vergangenheitsbewältigung.

 MM: Sie sind in Deutschland geboren …

Petkovic: … und aufgewachsen. Habe dann aber einige Jahre bei meiner Großmutter in Zentralserbien gelebt. Wenn man mich heute fragt, wo kommst du her, antworte ich immer noch: Jugoslawien – und kriege zur Antwort: Das gibt’s ja nicht mehr. Neulich war mein Cousin mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in Wien zu Besuch. Da fragte uns auf der Straße jemand nach dem Weg. Und mein Neffe sagt – typisch Kind: Hey, du sprichst ja auch Serbisch. Worauf der Mann antwortet: Nein, ich spreche Bosnisch. Daraus hat der Kleine gelernt, stellt sich am nächsten Tag breitbeinig auf dem Kinderspielplatz auf und rief: Spricht hier jemand Serbisch, Kroatisch oder Bosnisch und will mit mir spielen? Worauf die anderen Kinder dann natürlich ankamen.

MM: Wie war das in Ihrer Kindheit?

Petkovic: Ich stand Anfang der 70er von heute auf morgen in einem Berliner Kindergarten ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Man versucht sich dann als Kind mit allen Mitteln anzupassen, man will ja Freunde haben, nicht „anders“ sein. Man saugt alles auf wie ein Schwamm. Das viel bemühte Schlagwort von der „Integration“ hat auch mit eigener Energie zu tun. Die Integration klopft nicht an deine Tür, da musst du dich schon auch bemühen. Ich habe dann in Deutschland an der Ernst-Busch-Schule Schauspiel studiert, kam 2000 nach Wien, erst unter Bachler ans Burgtheater, dann als Gast ans Volkstheater und gehe im August für zwei Jahre nach Leipzig in ein Fixengagement. Wir sind ja fahrendes Volk …

MM: In Ihren diversen Rollen haben ich Sie immer wieder fechten gesehen. Ziehen Sie gern den Degen. Auch als Monte Christo?

Petkovic: Ja, ich muss gestehen, ich fechte ganz gern. Monte Christo ficht eher im übertragenen Sinne. Er führt den Degen wie von Geisterhand. Einfach jemanden „abzustechen“ wäre ihm doch viel zu simpel. Das brächte ihn doch um den perversen Genuss, aus dem Hinterhalt zu agieren.

MM: Sie arbeiten nun zum zweiten Mal mit Intendant und Regisseur Alexander Hauer zusammen. Wie geht’s?

Petkovic: Gut. Er ist ein Liebender. Das tut wahnsinnig gut. Man fühlt sich bei ihm frei und wertgeschätzt. Das was er da jedes Jahr auf die Beine stellt, ist unglaublich. Die Leute reisen von überall an, um diesen ganz besonderen Ort und diese ganz besonderen Stücke zu erleben.

MM: Eine persönliche Frage noch: Wo fühlen Sie sich zugehörig?

Petkovic: Das ist eine interessante Frage. Es gibt einen spannenden Disput zwischen Monte Christo und Villefort zu diesem Thema, wo Monte Christo ihm eine Menge seiner Haltungen an den Kopf wirft. Und am Ende sagt er: Ich studiere die Städte und die Menschen, bevor ich neue Länder betrete, und es gelingt mir, sie besser zu kennen, als sie sich selbst. Er versenkt sich in den Gegner, bis er weiß, wie er funktioniert. Ich persönlich nehme das Beste aus allen Kulturen auf, das ist eine Chance, ein Reichtum. Ich hatte als Teenager schon die Zweifel: Wer bin eigentlich ich? Heute sage ich: Kosmopolit. Ich lasse mich nicht mehr in Schubladen stecken. Beim Fernsehen beispielsweise bricht sich das an mir wie eine Welle. Ich bin kein pockennarbiger, balkanesischer Bösewicht. Auch, wenn ich Petkovic heiße.

MM: Wenn Sie bald nach Leipzig gehen, was nehmen Sie aus Wien mit?

Petkovic: Erstens die Erkenntnis, dass für die Österreicher der „schlimmste Ausländer“ der Piefke ist. Und ich mitunter wegen meines Hochdeutschs getadelt wurde: Bei uns haaßt des Cafe ned „Kafffe“. Und, dass ein Wiener die größte Boshaftigkeit einem so charmant sagen kann, dass man erst bei längerem Nachdenken dahinter kommt. Vieles, was gesagt wird, geht zumindest einmal um die Ecke. Das ist eine Sprachspielerei, die könnte man sich aneignen.

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Von Michaela Mottinger

Wien, 11. 6. 2013