Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen

Januar 26, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine fantastisch gruselige Erzählung

Knapp vor seinem neuen Erfolgsroman „Tyll“ erschien von Daniel Kehlmann das schmale Bändchen „Du hättest gehen sollen“, eine im doppelten Wortsinn fantastische Erzählung, mitreißend spannend und von hohem Gruselfaktor. Vorliegt dem Leser ein Notizbuch, ein Ich berichtet darin über die seltsamen Geschehnisse in einem Ferienhaus in den Bergen.

Dorthin hat sich ein Ehepaar samt Kind, man hat die besten Verliebtheitszeiten schon hinter sich, zurückgezogen, weil er – das Ich – an einem Drehbuch arbeitet. Heißt: An der hanebüchenen Fortsetzung von etwas, das schon beim ersten Mal banal war, wie Fernsehen eben so ist. Die Frau, Schauspielerin, lässt es ihm gegenüber an Verachtung nicht fehlen, so erzählt das Ich die Lovestory seiner Figuren parallel zur eigenen Ehegeschichte.

Bald wird klar, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt. Immer mehr Gänge, immer mehr Zimmer tun sich auf, Türen führen ins Nichts, „… wir hatten das Wohnzimmer verlassen, aber die Tür, durch die wir gegangen waren, hatte uns wieder ins Wohnzimmer geführt …“

Es gibt Albträume von einer erschreckenden Frau, deren Foto neben der Waschmaschine hängt, leere Fenster, wo ein Spiegelbild sein sollte. Der Gemischtwarenhändler im Dorf fragt: „Schon was passiert?“, eine seiner Kundinnen rät: „Geht schnell weg!“ Im Kinderzimmer ereignet sich scheinbar Grauenhaftes: „… als ich den Flur entlang zum Wohnzimmer ging, hörte ich die Stimme wieder, und sie sprach Worte, fremd und alt, ein Flüstern halb, halb ein Seufzen, und als ich das Zimmer erreichte und auf dem Bildschirm eine große Gestalt sah, die sich über Esthers Bett beugte, war mir, als bliebe mein Herz stehen. Dann erst sah ich, dass ich das war.“

Bild: pixabay.com

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Ebenso wie der Verdacht, dass seine Frau fremd geht, erhärtet sich im Ich-Erzähler auch jener, dass er das Haus nicht mehr verlassen kann. Er bleibt in den vier Wänden wie eingekerkert. „Geh weg“ steht auch in seinem Notizbuch, obwohl er sich nicht daran erinnern kann, es hineingeschrieben zu haben. Und dann das: „Vorhin war ein Mann im Zimmer. Er sah nicht gefährlich aus, eher müde … Ich konnte es nicht gut erkennen, weil er nicht auf dem Fußboden stand, sondern an der Decke, und er sah auf mich herunter, als wollte er um Hilfe bitten …“

„Du hättest gehen sollen“ ist eine raffinierte, abgründige Schauergeschichte. Halb Familiendrama, halb Geisterstory. Und unbedingt für eine Verfilmung geeignet. Des Rätsels Lösung ist, es gibt mehr Dimensionen als die Schulweisheit sich träumen lässt, und Raum und Zeit fordern ihren Tribut. Mehr und mehr wird das Geschriebene zu Halbsätzen, bis … letzten Seiten des Notizbuches bleiben leer …

Über den Autor: Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, wurde für sein Werk unter anderem mit dem Candide-Preis, dem WELT-Literaturpreis, dem Per-Olov-Enquist-Preis, dem Kleist-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet. Sein Roman „Die Vermessung der Welt“ ist zu einem der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit geworden. Zurzeit unterrichtet er an der New York University und ist Fellow am Cullman Center for Writers and Scholars der New York Public Library.

Rowohlt, Daniel Kehlmann: „Du hättest gehen sollen“, Erzählung, 96 Seiten

www.rowohlt.de

www.kehlmann.com/

  1. 1. 2018

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Oktober 9, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Unheimliche im eigenen Heim

Dann schlaf auch du von Leila Slimani

„Das Baby ist tot“. Mit einem stärkeren, erschreckenderen, abscheulicheren Satz kann ein Buch wohl kaum beginnen. Leïla Slimani verwendet ihn für ihren jüngsten Roman „Dann schlaf auch du“. In Frankreich bereits mit dem Prix Goncourt und dem Publikumspreis Grand Prix des Lectrices de Elle ausgezeichnet, ist Slimanis Arbeit für die deutschsprachige Leserschaft die Sensation dieses Herbstes. Durchaus auch ein Aufreger. Die junge Autorin berichtet ohne Sentiment, in einem kühlen, lakonischen, reportagehaften Tonfall über eine grauenhafte Familientragödie. Den Stil muss man aushalten, jeder Satz wie mit der Rasierklinge geschrieben, in die Seiten gekratzt von einer Betrachterin, die sich nie involviert, die ihre Figuren vom Spielfeldrand aus beobachtet.

Der in diesem Fall quasi ein Spielplatz ist. Das Ehepaar Myriam und Paul nämlich sucht für die Kinder Mila und Adam ein Kindermädchen. Wie Mary Poppins landet punktgenau Louise. Eine Perle, diese Nounou. Nicht nur, dass sie Kleinen mit ihrem Mutterwitz gleich im Griff hat, sie macht Myriams und Pauls Zuhause zu einem kuscheligen Heim. Sie kommt gern früher, bleibt gern länger, putzt, kocht vor, macht die Hausfrau.

Sie nistet sich ein, macht sich das fremde Leben zu eigen, und niemand merkt es. Die Eltern – schwerbeschäftigt, zwei Workaholics, er Musikproduzent, sie Staranwältin, die sich den Nachwuchs angeschafft haben, wie ein Accessoire, das zu einem gewissen Lifestyle einfach dazugehört. Lass‘ uns Familie spielen, ist das nicht chic? Nein, sympathisch sind einem die beiden nicht. Nicht einmal die Kinder sind es. Baby Adam vielleicht noch, aber die ältere Mila ist eine anstrengende, raunzige Nervensäge. Am ehesten fühlt man mit Louise. Von der man von Anfang an weiß, dass sie zur Mörderin werden wird. Dieses Mitgefühl, das ist das Irre an diesem Buch. Dann der erste Gruselsatz: „Sie hat die stille Wohnung ganz in ihrer Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bittet.“ Sukzessive, so langsam wie eine Depressionen heranschleicht, deckt Slimani auf, wer diese Frau ist. Entfaltet ihre Fallstudie.

Wie zwischen den Zeilen erfährt man vom Unheimlichen, blitzt Louises Biografie in Momentaufnahmen durch – und keiner dieser Momente ist schön. Tod des Mannes, der einen nicht zu bewältigenden Schuldenberg hinterließ, Verlust des Hauses, Verlust der Tochter, die die Mutter nicht länger ertrug. Prügel von der Kindheit bis zur Ehe. An einer Stelle steht das Wort Psychiatrie. Affektive Störung. „Ihr Herz ist hart geworden. Die Jahre haben es mit einer dicken, kalten Kruste überzogen, und sie hört es kaum noch schlagen. Nichts vermag sie mehr zu berühren.“ Louises Wohnsituation wird beschrieben. Erbärmlich im Vergleich zum Appartement im 10. Arrondissement, wo Louise bald auch die Badewanne in Besitz nimmt. Herrlich, und erst die schönen Handtücher.

Myriam und Paul wollen lange nicht sehen, was ihre Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Doch es spitzt sich zu, die Konflikte mehren sich. Die Spannung wird von Tag zu Tag greifbarer, aufgeputscht auch durch die Diskrepanz zwischen einem selbst als wissendem Leser und den arglosen Eltern. An seinen besten Stellen ist das Buch eiskalter Suspense.

Bild: pixabay.com

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Louise übernimmt das Kommando, und duldet bald keinen Widerspruch mehr. Sie sieht nicht ein, warum man ein verlegtes Jäckchen von Mila nicht einmal ansatzweise sucht, sondern Myriam sofort ein neues kauft. Sie hat kein Verständnis für Myriams Lebensmittelverschwendung, bereitet ein bereits weggeworfenes Hühnchen als Abendessen zu und drapiert das Gerippe als Mahnung auf dem Esstisch: „Myriam nähert sich dem Tier, das sie nicht zu berühren wagt. Das kann kein Irrtum, kein Versehen Louises sein. Noch weniger ein Scherz. Nein, das Gerippe riecht nach Spülmittel mit Mandelduft.“

Der Umgang miteinander wird gezwungener. Myriam und Paul, ganz liberale Bobos, wollen nicht in Arbeitgeber-Attitüde verfallen. Ihre Gedanken kreisen zunehmend um Louise. Stößt man sie vor den Kopf, lässt man sie spüren, dass sie nur Personal für Besserverdienende ist? Man betrachtet Louise nun mit einer Mischung aus Abscheu, Mitleid und Ärger über die Abhängigkeit, in die man sich ihr gegenüber gebracht hat. Doch man nimmt die Nounou mit in den Griechenlandurlaub, teil aus schlechtem Gewissen, teils aus dem Eigennutz, abends kinderfrei zu haben. „Dann schlaf auch du“ ist ein Buch über Geben und Nehmen. Die Arbeit und die Existenz. Existenz hier auch als Synonym für Leben.

In Frankreich wurde diese politische Brisanz des Buches diskutiert. Denn Slimani hat provokant klug die Verhältnisse umgekehrt, die Klischees zur Kenntlichkeit entstellt. Bei ihr ist die erfolgreiche Myriam ein Mensch mit „Migrationshintergund“. Sie hat wie die Autorin nordafrikanische Wurzeln. Die Ur-Französin ist aus dem Kleinbürgertum ins Prekariat abgerutscht. Im Park ist sie die einzige Weiße unter „farbigen“ Kindermädchen, die reichen Pariserinnen nutzen den Spielplatz als Arbeitsmarkt: „Jeder weiß, dass bestimmte Mütter, die cleversten und gewissenhaftesten, hierher ,auf den Markt‘ kommen, so wie man früher zu den Docks oder in eine Seitenstraße ging, um ein Dienstmädchen oder einen Lagerhalter zu finden.“ Derlei Textstellen waren dem einen oder anderen Rezensenten durchaus eine Bemerkung über die Wohlstandsverlierer der Grande Nation, über den Umgang mit Migranten und einer gegenüber beiden hilflosen Politik wert …

Bild: pixabay.com

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Louise interpretiert die Feriensituation freilich als Aufnahme als Familienmitglied. Eine fixe Idee nistet sich in ihr ein: Myriam muss ein drittes Kind bekommen, damit Louise endgültig unentbehrlich ist. Atemberaubend, was sie alles unternimmt, um ihren Plan in die Tat umgesetzt zu sehen. Doch Myriam und Paul sind viel zu müde für Sex, und in Louises in „delirierender Melancholie“ versunkenem Kopf legt sich endgültig der Schalter um. Leïla Slimani lässt dem Leser keinen Ausweg, sie unterbindet alle Fluchtversuche vor diesem grausigen Wiegenlied. Sie bietet keine Erklärung, keine Er/Lösung. Unausweichlich geht es dem bekannten Ende zu. Ein Sushimesser ist zur Hand. Mila wird im Krankenhaus ihren Verletzungen erliegen, Louises Selbstmordversuch befördert sie fürs Erste ins Koma. „Das Geschrei der Kleinen geht ihr auf die Nerven, sie würde auch gern schreien. Das aufreibende Piepsen der Kinder, ihre schrillen Stimmen, ihr ewiges ,Warum?‘, ihre egoistischen Bedürfnisse spalten ihr den Schädel … ,Ich werde dafür bestraft werden‘, hört sie sich denken. ,Ich werde dafür bestraft werden, dass ich nicht mehr lieben kann.“

Über die Autorin:
Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani gilt als die aufregendste literarische Stimme Frankreichs. Slimani wurde 1981 in Rabat geboren und wuchs in Marokko auf. Nach dem Studium an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po arbeitete sie als Journalistin für die Zeitschrift „Jeune Afrique“. „Dann schlaf auch du“ wurde mit dem höchsten Literaturpreis des Landes, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet und erscheint in 32 Ländern. Ihr ebenfalls preisgekröntes literarisches Debüt „Dans le jardin de l’ogre“ wird derzeit verfilmt. Leïla Slimani ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie lebt in Paris.

Luchterhand Literaturverlag, Leïla Slimani: „Dann schlaf auch du“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Amelie Thoma

www.randomhouse.de

  1. 10. 2017

Wiener Festwochen: Tianzhuo Chen – 自在天 / Ishvara

Mai 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Magic Mush/Room im MuseumsQuartier

Ein einzigartiges Performerpaar spielt mit Religionen und Riten: Beio (li.) und China Yu (re.) verkörpern den Gegensatz von Fleisch und Geist. Bild: Zhang Yan

Premiere eins unter dem neuen Festwochen-Intendanten Tomas Zierhofer-Kin war nun also … und sie war … weniger spektakulär sensationell, als es die Vorablobpreisungen erwarten hätten lassen. Aber immerhin: sehr schön anzuschauen. Die paar Buhrufer hatten zweieinhalb Stunden Zeit, um sich zu verabschieden, der große Rest des Publikums warf sich einander am Ende glückselig in die Arme. Man selbst warf zwei Kopfschmerztabletten ein.

Was nichts mit der Qualität der Aufführung, sondern lediglich mit den blendenden Lichteffekten zu tun hatte. Tatsächlich forderte eine männliche Stimme mittendrin lautstark „Scheinwerfer aus!“ – was immer sie damit sagen wollte. Und apropos, Kopfschmerz: Beipackzettel gibt es genug. Im – vielen Dank! – immer noch erhältlichen Gratisprogramm findet sich eine präzise Erklärung des zu Sehenden, dazu gibt es ein Beiblatt mit deutschsprachiger Übersetzung der chinesisch gesprochenen Textstellen.

Zierhofer-Kin, der Sprechtheater fad und Musiktheater altvaterisch findet, so zumindest lässt sich seine Pressekonferenz interpretieren, die den „Salon Burgtheater“ gleich mal auf die Barrikaden trieb, eröffnete mit seiner Vorstellung von Festwochen. Er lud den Shootingstar der chinesischen Performerszene, Tianzhuo Chen, Jahrgang 1985, zum Tanz – und das Ergebnis ist – ein Magic Mush/Room im MuseumsQuartier. Der Querdenker der Bejinger Kunstszene arbeitet sich in „自在天 / Ishvara“ an so ziemlich jeder Religion und jedem Ritus ab, den’s/die es überhaupt gibt.

Heißt: Als Vorlage für seine siebenszenige Aufführung dient ihm der indische Mythos Bhagavad Gītā, ein Teil des Mahabharata, der Gesang des Erhabenen im Endloskrieg der Generationen durch die Gezeiten. Darin begegnen einander drei Konzepte, das sterbliche Fleisch, die ewige Seele und die ehrfürchtige Hingabe, und treten von Dämonen gepeinigt in einen Wettstreit ums Überleben. Drei Temperamente gibt es außerdem, davon das liebste „Rajas“ – leidenschaftlich, missgestimmt, sehnsüchtig. „Ishvara“ selbst bezeichnet den jeweils höchsten Gott, egal, ob man – im Hinduismus ist das möglich – diesen als Vishnu oder Shiva glaubt.

Was Tianzhuo Chen daraus entwickelt ist, als hätte sich Monty Python (tatsächlich hält eine Comic-Gotteshand den Kopf eines Enthaupteten, siehe auch die Göttin Durga) mit einem Manga-Mädchen verpaart. Diese wird später zu einer Art Heiliger Sebastian, die Heiligen Drei Könige setzen auf Golgatha vor das Kreuz einen Halbmond, halt: falsch, das sind schon besagte Dämonen. Einer schlägt die Trommel, einer lässt den Zopf kreisen, ein Paar tanzt in Zeitlupe Jive, Darsteller tragen einen aufgemalten Davidstern. Kakushin Nishihara spielt die Satsuma Biwa bis die Ohren bluten, und die Schweizer DJane Aïsha Devi orchestiert das Geschehen mit ihren grandiosen Klagelauten.

Tradition knüpft an Moderne: China Yu spielt mit Geschlechterrollen … Bild: Zhang Yan

… und zerstört in einer späteren Szene eine aufblasbare Riesenfrau. Bild: Zhang Yan

Und dies das tatsächliche Problem des Abends: Man kann der ultimativen Ekstase nicht in Reih und Glied sitzend beiwohnen, da hilft’s auch nichts, dass sich die Herren im Ensemble beim frenetischen Schlussapplaus ihrer Lendenschurze entledigen und wie die Götter sie schufen über die Bühne hüpfen …

Anyway, im Mittelpunkt der Aufführung stehen die beiden exzeptionellen Performer Beio und China Yu, ersterer unverkennbar Butoh-geschult und mit zweiterem Gründer der Asian Dope Boys, schon aufgrund ihrer Körperlichkeit zeigen sie die Gegensätze von Fleisch und Geist an, Prakrti und Bhakti, der Sinnenmensch und der Gläubige am Teichufer. Der Sound wummert in den Eingeweiden, die Augen kämpfen gegen das Licht, die Darsteller wiegen und verbiegen sich höchst ästhetisch, während „Handlung“ abläuft.

Kostüme und Ganzkörperbemalungen sind opulent, wie schade, dass vieles oft im künstlichen Nebel außer Sicht gerät. Manieristisch? Ist dieser Abend zweifellos. Tianzhuo Chen setzt mehr auf Effekt denn auf Erleuchtung, setzt auf Eskapismus statt auf Erklärungen.

In zwei vergleichsweise stillen Szenen schildert die junge JoJo den mehrfachen Mord an ihrem immer wiederkehrenden Ehemann (daher: vorher Text lesen!), China Yu zerstückelt später eine aufblasbare Riesenfrau, entreißt ihr Gedärme und Nabelschur – und lässt so JoJo wieder in die Welt treten. Provokation mag das in Bejing gewesen sein, beim abgeklärten Wiener Publikum lösen diese Sequenzen freundliches Interesse aus. Eine Gruppe in den oberen Reihen hat sich entschlossen, jeden Bühnenfurz zu bejubeln, um den Schimpf-Zuschauern etwas entgegenzuhalten. Die opulenten Bilder werden von unzähligen Handykameras dokumentiert.

Der Rave erreicht den Höhepunkt, im orgiastischen Geschehen hat man längst kapiert, dass hier mehr Event-Fashion-Show als sonst was abläuft. Und dann – haut’s einem Tianzhuo Chen um die Ohren – die Emotion – in einem berührenden Schlussbild. China Yu hält JoJo in einer Art Pietà fest und singt mit ihr ermattet-grotesk ein berührendes Pop-Liebesduett. Danach dreht er wieder, wie zu Anfang, Schirmchen … Der bildende Künstler Tianzhuo Chen changiert bei seiner ersten Theaterarbeit zwischen symbol/trächtig und bedeutungs/schwanger. Der Mensch unterwirft das Göttliche, um selbst gottgleich zu werden, und das alles ist dann wie ein Ecco homo. Oder ist das schon zu viel interpretiert? Man sollte „Ishvara“ einfach einsickern und wirken lassen – die #viennapartyweeks 2017 sind jedenfalls eröffnet.

www.festwochen.at

Wien, 14. 5. 2017

Theater an der Wien: Hans Heiling

August 18, 2015 in Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Saisonstart mit Anne Frank und einem Erdgeist

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Das Theater an der Wien startet mit der romantischen Oper „Hans Heiling“ von Heinrich Marschner in die neue, seine zehnte, Opernsaison. Premiere ist am 13. September. Intendant Roland Geyer selbst inszeniert, Constantin Trinks dirigiert. Michael Nagy singt den Hans Heiling, Katerina Tretyakova seine Braut Anna, Angela Denoke ist die Königin. Mit dem ORF Radio Symphonieorchester Wien und dem Arnold Schoenberg Chor.

Hans Heiling möchte der vereinnahmenden Liebe seiner Mutter entkommen und zieht in ein Dorf, wo er sich in Anna verliebt. Für sie ist er bereit, sein Leben völlig zu ändern. Annas Mutter ist von Heilings teuren Geschenken angetan und ermutigt ihre Tochter, den Fremden zu heiraten. Allerdings fühlt sich die junge Frau in Gegenwart des geheimnisvollen und besitzergreifenden Mannes nicht wohl. Sie hat noch einen anderen Verehrer: den feschen Konrad. Heiling beansprucht seine Braut stets für sich. Er scheut die Gesellschaft der Dorfgemeinschaft und will nicht, dass Anna auf einem Fest tanzt. Heilings Mutter sucht Anna auf, enthüllt das wahre Wesen ihres Verlobten – er ist ein Erdgeist aus der Unterwelt – und bedroht sie, damit sie von der geplanten Heirat lasse. Anna löst die Verlobung und wendet sich Konrad zu. Heiling entbrennt voll Eifersucht, stellt Konrad und sticht ihn im Streit nieder. Danach lassen ihn seine inneren Stimmen über seine Tat zweifeln. Er wird darüber fast wahnsinnig …

Im Juli 1831 erhielt Heinrich Marschner ein anonymes Libretto zugesandt. Diesen „Hans Heiling“ betitelten Text, der auf einer böhmischen Sage basiert, fand Marschner sofort inspirierend und forschte nach dem Autor: es war Eduard Devrient, Bariton an der Berliner Oper. Binnen eines Jahres war die Komposition fertig, im Mai 1833 kam sie mit grossem Erfolg zur Uraufführung in Berlin – Devrient verkörperte die Titelfigur. Marschner war bereits durch seine Opern „Der Vampyr“ (1828) und „Der Templer und die Jüdin“ (1829) bekannt, „Hans Heiling“ vertiefte sein Ansehen als Nachfolger von Carl Maria von Weber. Das romantische Sagenthema gab Marschner Gelegenheit zu strukturellen Experimenten, er verwendete konventionelle und völlig neue Formen nebeneinander. Einem durchkomponierten Vorspiel folgt die Ouvertüre, in der eigentlichen Oper sind die Nummern teils durch Dialoge, teils durch Rezitative miteinander verbunden. Die musikalische Ausleuchtung von Heilings komplizierter Psyche zwischen Sehnsucht nach Liebe, Eifersucht, Wut und Traurigkeit ist richtungsweisend: Wagner verfolgt diese Ideen mit seinem „Der fliegende Holländer“ weiter.

Saisoneröffnung an der Wien ist am 10. September mit dem Konzert „Das Tagebuch der Anne Frank“. Grigori Frids Monooper wird Strawinskis Suite „L’Histoire du Soldat“ vorangestellt. Es spielen die Wiener Virtuosen unter der Leitung von Leo Hussain.

www.theater-wien.at

Wien, 18. 8. 2015

Eugène Dabit: Hotel du Nord

August 6, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Vom Leben der kleinen Leute

Dabit_Hotel_du_NordDas Hôtel du Nord, ein sogenanntes Wohnhotel, liegt jenseits der großen Boulevards am Quai de Jemmapes im 10. Arrondissement von Paris. Emile und Louise Lecouvreur haben es gepachtet und herausgeputzt. Die Zimmer sind voll, viele Gäste leben hier schon seit vielen Jahren. In dem keineswegs mondänen Hotel wohnen bzw. fristen Arbeiter, Flussschiffer, Wäscherinnen, Rollkutscher und Dienstmädchen ihr Dasein. In der wunderbaren Neuübersetzung von Julia Schoch schildert Eugène Dabit in unzähligen Episoden, manche oft nur einige Seiten lang, das Leben dieser „kleinen“ Leute. Zusammen ergeben die Geschichten ein Kaleidoskop des Paris der 1920er Jahre.
Der Autor kannte das Milieu: 1923 übernahmen seine Eltern das Hôtel du Nord, er selber half oft als Nachtwächter aus. Die Geschichten seiner einfachen Bewohner faszinierten ihn, und denen hat er mit seinem 1929 erschienen Roman ein Denkmal gesetzt.
Dabit beschreibt diese Menschen bis ins kleinste Detail. Fast könnte man meinen, sie würden einem gegenübersitzen – wie etwa Mimar. „Mimar hatte das plumpe Benehmen eines Bauern … Das Schicksal hatte ihn mit der Gesichtsfarbe einer reifen Tomate bedacht, dazu kleine blinzelnde Augen, sein allzu kurzer Hals verschwand zwischen den Schultern.“ Oder die Schwestern Pellevoisin. Delphine und Julie lebten wie sie in der Provinz gelebt hätten: „Träge, kleinkrämerisch und in ständiger Angst vor der Zukunft oder möglichen Zufällen, gingen sie nie aus.“ Ihr Zimmer „entsprach ihrem Charakter: eine anmutslose, leicht muffige Einrichtung, wo die Träume alter Mädchen gediehen und verdorrten.“
Manche Hotelgäste haben noch Träume, wollen es zu etwas bringen, und sind auf der Suche nach ihrem Glück. So auch Renèe, die schwanger von ihrem Freund verlassen wird und schließlich im Hotel als Dienstmädchen arbeitet. Als ihr kleines Kind stirbt, beschließt sie auf andere Art als durchs Putzen zu Geld zu kommen. Von nun an steht ihre Zimmertür für die männlichen Hotelgäste offen. Am Ende muss sie das Haus verlassen. Ihr Glück sucht sie auf den Straßen von Paris.
Andere haben schon längst resigniert, wie der alte Deborger, der viele Jahre bei einem Buchdrucker gearbeitet hat. Man hält ihn auf Abstand, lässt ihn allein in seinen Erinnerungen. „Eine Einsamkeit, an der er erstickt. Sobald er den Mund aufmacht, tönt es: ,Mensch, Deborger, deine Geschichten haben so einen Bart!‘“ Wie Deborger haben viele Bewohner des Hôtel du Nord eine Geschichte, die der Autor einfühlsam in die Geschichten einfließen lässt. Dabei wird er nie peinlich oder drückt auf die Tränendrüse, auch wenn Krankheit, Armut, aufgestaute Sexualität und Tod das Leben der Leute prägen – tagein, tagaus. All das spülen sie mit viel Rotwein und jeder Menge Aperitifs hinunter, um abends ins Bett zu fallen und auf den nächsten Tag zu warten, der nicht anders als der vorherige verlaufen wird.
Zusammengehalten wird die Handlung von den Inhabern, der Familie Lecouvreur, die als Besitzer des Hôtel du Nord ihren Traum vom Glück verwirklichen wollen. „Eine Zigarette im Mundwinkel, schlendert Lecouvreur durchs Viertel … Immer der gleiche Spazierweg, gemächlich, beruhigend. Die Kulisse von Fabriken, Werkstätten, Fußgängerbrücken, Kippkarren, die beladen werden, dieser ganze Betrieb am Kanal stimmt Lecouvreur fröhlich.“ Doch auch den Lecouvreurs ist das Schicksal nicht hold. Der Roman endet mit dem Abriss des Hotels, und auch die letzten Gäste müssen raus, wie die beiden Alten, Pelican und Louis, für die man noch zwei Zimmer in einem anderen Hotel findet. Die Jüngeren tun sich leichter. Sie packen ihre Koffer und ziehen weiter. Weiter, um woanders ihr Glück zu finden.
Die Wirklichkeit ist barmherziger: Das Hôtel du Nord steht noch heute. Nicht zuletzt durch Marcel Carnés Verfilmung des Romans ist es zu einer Kultstätte geworden. 1993 wurde es wiedereröffnet und die Fassade des Hauses endgültig unter Denkmalschutz gestellt.

Dabits Roman stellte einen Pradigmenwechsel in der französischen Literatur dar. In „Hôtel du Nord“ stehen nicht die Vertreter gehobener Gesellschaftsschichten im Mittelpunkt, sondern die sogenannte breite Masse. Dabit erzählt ohne politische Ideologie und von keinem politischen Standpunkt aus, wie damals durchaus üblich. Der Autor wollte sich von keiner politischen Strömung und Ideologie instrumentalisieren lassen. Ein schwieriges Unterfangen im Europa der 1930er-Jahre.

Über den Autor:
Eugène Dabit, 1898 geboren als Sohn eines Lastenfahrers und einer Putzfrau, machte eine Schlosserlehre und diente als Soldat im Ersten Weltkrieg. Studium der Malerei und Aushilfe im Hotel der Eltern. Im April 1927 sendete er das Manuskript seines Erstlings „Hôtel du Nord“ an André Gide, der es an seinen Schriftstellerkollegen Roger Martin du Gard weitergab. Dieser versah es mit einigen Anmerkungen. Allerdings fand das Buch keinen Verlag. Schließlich traf Dabit eine Abmachung mit dem belgischen Verleger Robert Denoel. Um die Kosten für die Veröffentlichung seines Buches zu decken, verzierte Dabit Luxusausgaben, die Denoel herausbrachte, mit Aquarellen. Der Roman wurde 1931 mit den Prix populiste ausgezeichnet. Dabit starb 1936 auf einer Reise mit einer Delegation von Schriftstellern durch die Sowjetunion in Sewastopol an Typhus.

Schöffling & Co., Eugène Dabit: „Hôtel du Nord“, Roman, 224 Seiten. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Julia Schoch

www.schöffling.de

Wien, 6. 8. 2015