Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Januar 8, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

The Good, the Bad und die dazwischen

„Das Gefängnis verschlingt uns, es verdaut uns“, berichtet Paul Hansen über den unangenehmen Geruch des Eingesperrtseins: „Mief kasteiender schlechter Gedanken, sich überall ausbreitende Ausdünstungen schmutziger Einfälle, säuerliche Miasmen alten Bedauerns …“

Paul, im Jahr 2008 Insasse der kanadischen Haftanstalt Montreal, Boulevard Gouin Quest Nummer 800, am Rand des Rivière des Prairies, 1357 Häftlinge, gezählt ohne die zahlreichen Mäuse und Ratten, bis 1962 durch den Strang hingerichtete: 82, ist der Ich-Erzähler in Jean-Paul Dubois‘ jüngstem Roman „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“, der sich 2019 überraschend und durchaus zurecht im finalen Rennen um den Prix Goncourt gegen die belgische Autorin Amélie Nothomb durchsetzte (Rezension von deren Nominee „Die Passion“: www.mottingers-meinung.at/?p=42473).

Wie Nothomb beherrscht Dubois die Kunst, die großen Fragen, die existenziellen Themen des Lebens in Romane zu gießen, doch malt sie bevorzugt mit kräftigen Farben, sind seine Arbeiten gleich

Aquarellen mit getuschten Konturen. Der langjährige Journalist Dubois ist ein exakter Beobachter, der seine Plots und Protagonisten stets entlang der Realität entwirft, und so ist auch „Jeder von uns …“, dies so intensive wie stille Buch, dies hingeschriebene Innehalten, zunächst eine Jedermanns-Geschichte wie dem Chronik-Teil entliehen. Im abgeklärt-lakonischen Tonfall eines Mannes, der nichts mehr sein Eigen nennt und ergo nichts zu verlieren hat, schildert Paul seinen nunmehr zweijährigen Alltag hinter Gittern.

Was ihn in diese Situation gebracht hat, was tatsächlich passiert ist, Paul weiß es ebenso wenig wie die Leserin, der Leser, erst 250 Seiten später werden sie’s gemeinsam erfahren. Sobald Paul sich nämlich wieder erinnern kann. Derweil aber müht sich das Gedächtnis um Rekonstruktion der Straftat, hört Paul ganz hinten im Gehirn „alle Knochen brechen“, gehen seine in Literatur festgehaltenen Gedanken im Kreis.

Die tragikomisch anrührenden rund um seinen Zellengenossen Patrick Horton, ein Hüne von einem Hells Angel, der bestreitet, ein Mörder zu sein. Patrick, der von unberechenbar über aberwitzig bis leutselig die ganze Skala menschlicher Stimmungsschwankungen bespielt, ein Bursche, der mal ein Viertel der Stadtbevölkerung per Machete halbieren möchte und mit einem Blick Wärter wie Mitknackis in Schach hält, mal „wie ein junger Senator im Wahlkampf“ jedem zuwinkt, der seinen Weg kreuzt. Patrick, der seine heilige Harley „Fat Boy“ liebt und wie der biblische Samson panische Angst vorm Haareschneiden hat. Und eine Rattenphobie, was sich wirklich zum Tränenlachen liest.

Die Herzbeklemmung auslösenden Gedankenkreise sind die rund um die Hansen’sche Familiensaga. Paul beginnt diese bei seiner Geburt 1955 in Toulouse. Er ist der Sohn des dänischen Pastors Johanes Hansen und der französischen Programmkinobetreiberin Anna Margerit, der Vater, „ein smørrebrød-Esser, ein Mann aus dem nördlichen Jütland, der zu seinem Wort stand, denn die hierzulande beliebte flickflackernde Dialektik, die das Offensichtliche bereitwillig leugnet und frühere Aussagen bestreitet, war ihm völlig fremd.“

Die Mutter eine Schönheit, von der der Heranwachsende bemerkt, dass sie das Mojo besitzt, das Verlangen der Männer zu erregen, wofür Patrick Paul sofort rügt, so denkt man nicht an die eigene Mutter!, Anna Margerit, die Atheistin, in deren „künstlerischem Sammelbecken der revolutionären Avantgarde“ auf einem Plakat steht: „Wie soll man im Schatten einer Kapelle frei denken?“ Dies Johanes an die Wand gemalter Teufel. Der Protestant hat’s in Katholikenland schwer genug, und zum endgültigen Zerwürfnis kommt’s als Mutter 1972 beschließt, ihrem Publikum den Kassenschlager-Porno „Deep Throat“ zu zeigen.

Des Pastors Schäfchen sind entsetzt, und er ist seine Diözese los. Bis zur Scheidung schreien sich die Eheleute wegen „Deep Throat“ fortan die Kehle aus dem Hals. Also geht Papa als Prediger nach Kanada, ins Tagebau-Armageddon von Thetford Mines, wo in rauen Mengen Chrysotil aus der von Narben verheerten Landschaft gesprengt wird, und Paul folgt ihm in jene Asbesthölle, deren Skandal noch in den Startlöchern steckt – ein Philosoph im Paläolithikum. Pauls bedacht gewählte Ausdrucksweise, gespickt mit markigen Patrick-Zitaten, füllt die Zeilen, in die man beim Lesen eintaucht wie in den ruhigen See von Pauls Seelenruhe.

Die rührt nicht zuletzt her von seinen Begleitern: sein entschlummerter Vater, seine ebenfalls bereits verstorbene Ehefrau Winona Mapechee, eine Tochter der First Nations, und die gemeinsame – no na – tote Hündin Nouk sind die Geistwesen, die Paul nächtens besuchen – „um uns das zu geben, was wir auf grausamste Weise vermissten, ein wenig Trost und Wärme“, inmitten all der Langeweile und des schlechten Essens und dem winterlichen Frost von beinah minus 40 Grad, ab und zu ein Messerattentat, drei Schutzengel, auf deren Erscheinen Verlass ist und in dessen Verläufen sich enträtselt, wie sie zu Tode gekommen sind.

Bild: pixabay.com

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Mit Johanes teilt Paul Desillusion und Resignation eines, der „draußen“ in der Welt nichts mehr zu erwarten hat, und Dubois verflicht mit Verve sein Figurenkabinett, im Wortsinn gottvoll ist Kirchenorganist Gérard LeBlond, der unter Bach gern einmal Procul Harum mischt, mit kanadischer Zeitgeschichte: die von René Lévesque und seiner Parti Québécois angestrebte „assoziierte Souveränität“, eine Rechnung, durch die ihm Premier Pierre Trudeau, Vater des aktuellen Amtsinhabers Justin, einen dicken Strich machte; die heraufdämmernde Subprimes-Krise mit ihren in den Sand gesetzten Milliarden; der im 17. Jahrhundert aus Europa importierte „Glaubenskrieg“ Franzosen gegen Engländer, das zweisprachige Land nur einig im Dissen der indigenen Völker. Im Spiegel des Individuums liefert Dubois ein Epochen-Porträt von der linken 1968er-Bewegung bis zum Anbruch eines neuen neoliberal-kalten Millenniums.

Während Patrick sein Lebensmotto auf den Rücken tätowiert trägt, „Life is a bitch and then you die“, denkt sich Paul den Menschen als der Bitch Kollateralschaden. In Montreal wird er erst Hausmeister, später Verwalter der Wohnhausanlage „Excelsior“, die alte Dame nicht weniger „labil, verspielt, grillenhaft“ als ihre 63 Eigentümer, die der freundliche, mitfühlende, ja, zartbesaitete Mann alle mit gleicher Aufmerksamkeit betreut. Einer davon, Kieran Read, ein Schadensregulierer, der für Versicherungen zwecks auszuzahlender Summe den Wert eines eben Dahingeschiedenen kleinrechnet, wird ein Freund. Und wieder beim Lesen das große Fragezeichen, was denn um Himmels Willen passiert sei in diesem irdischen Paradies.

Paul lernt Winona kennen und lieben, sie stolze Besitzerin und Pilotin eines Wasserflugzeugtaxis, eine pragmatische Frau mit Algonkin-Draht zu den „Botschaften des Windes oder des Regens“, „die in jeder Sekunde in dem Bewusstsein lebte, dass das Leben viel zu kurz und zu wertvoll ist, um es in den Warteschlangen zweitrangiger Probleme auszubremsen“. Eines Tages findet sie die verwaiste Nouk und das Paar gibt dem Tier ein neues Zuhause, Nouk, die heißgeliebte, mit der Paul bald eine gemeinsame Sprache spricht.

Alles Friede und Freude im Soziotop, bis sich Edouard Sedgwick der Eigentümer-Versammlung als neuer Vorsitzender aufdrängt. Ein Unsympath und Cost Killer, „ein zwanghafter Anhänger von Memos“, „kontrollierte hier, beschnitt da und vermehrte die nutzlosen Zusätze in den Paragraphen der Hausordnung, bis diese den Umfang eines Telefonbuchs hatte“. Dubois verfasst diese Seiten als Parabel darüber, wie ein böswilliger Mensch alles und alle in seinem Umfeld zum Schlechteren zu ändern vermag.

„Die Atmosphäre im Haus war bedrückend geworden, und eine Art generelles, vom Vorsitzenden qua seines Amtes gesätes Misstrauen hatte sich in allen Stockwerken ausgebreitet. Nach und nach hatte jeder jeden zu überwachen und argwöhnisch darauf zu achten begonnen, dass die Vorschriften, und seien sie noch so unsinnig und marginal, Punkt für Punkt befolgt wurden.“

Allen Schikanen zum Trotz bewahrt Paul lange seinen Gleichmut, bis Sedgwick seinen Hass auf Hunde an Nouk auslässt, und Paul in ungeahnter Rage blutrotsieht … Und so endet die Wechselerzählung von Gefängnis-Jetzt und Freiheits-Vergangenheit mit einem Epilog über des Schicksals ewiges Unentschieden-Spiel zwischen Soll und Haben, Sein und Werden, Vertrauen und Selbst-/Zweifel, Verlust und Scheitern, Hoffnung und immer wieder Neuanfang.

Jean-Paul Dubois‘ Roman über die Guten, die Bösen und die dazwischen, einen Casuality Adjuster mit Anstand, einen skrupellosen Kostenminimierer, einen kuriosen Koloss von einem Kumpel, Winona, Nouk und Paul und „die ganze Wildheit des Rudels“, einen Vater, der post mortem endlich ein „Min son, jeg er stolt af dig“, mein Sohn, ich bin stolz auf dich, über die Lippen bringt, ist bis zum Schluss eine Liebeserklärung an die Condition humaine. Denn „Jeder von uns …“ ist stets nur einen Schritt vom Straucheln, nur einen Schritt vom falschen Weg entfernt.

Jean-Paul Dubois. Bild: © Lee Dongsub

Über den Autor: Jean-Paul Dubois, geboren 1950 in Toulouse, studierte Soziologie und arbeitete zunächst als Sportreporter für verschiedene Tageszeitungen. Später berichtete er für den Nouvel Observateur aus den USA. Er hat mehr als zwanzig Romane veröffentlicht und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Prix Femina und 2019 für „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ mit dem Prix Goncourt, dem bedeutendsten französischen Literaturpreis. Er zählt zu den wichtigsten französischen Autoren der Gegenwart.

dtv Verlag, Jean-Paul Dubois: „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver.

www.dtv.de

  1. 1. 2021

Atticus: The Truth About Magic. Gedichte & Notizen

November 11, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Liebespoesie vom Online Lord Byron

Den Ehrentitel „Byron der Instagram-Generation“ hat ihm immerhin The Times verliehen, Atticus, dem Poeten mit der Silbermaske, der mit seinen gefühligen Gedanken ebendort den Seelennerv von mehr als 1,5 Millionen Followern trifft. Nun findet sich seine Online-Lyrik, nach „Love – Her – Wild“ und „The Dark Between Stars“, einmal mehr in Buchform zusammengefasst. „The Truth About Magic“ heißt der Band voller Gedichte und Notizen übers Suchen und Finden und Verlieren der Liebe.

Singer-Songwriter Kilian Unger aka Liann hat die Zeilen, die sich neben die teilweise Originaltexte reihen, übersetzt – und das Reimen ist ihm mit Bravour geglückt, denn einfach ist solch ein Unterfangen nie, wie das Beispiel „I don’t need to matter to everyone / but I do need to matter to someone“ – „Ich muss nicht für jeden von Bedeutung sein, solange ich jemandem etwas bedeute“ zeigt.

Es sind „die Tagträumer, die Nachtdenker, die Nacktbadenden im Sommer“, die Atticus in seinem Vorwort zum Lesen einlädt, die Betrachter von Sonnenuntergängen und „euch stille Menschen auf Partys“ – und wie diese sind seine wenigen Worte mal ein nachtalbisches Raunen, mal ein geheimnisvolles Verheißungswispern, mal ein lauter Schrei nach Lust/vor Frust.

Seine Magie hat Atticus in die Kapitel Youth, Love, Adventure, Darkness, Words und Stars unterteilt, und selbstverständlich fehlt nicht die „Magic in Her“, sie ist es die beinah alle Seiten dominiert, als steinherzige Königin, als Mädchen von nebenan oder als listige Koboldin. „Liebe existiert / irgendwo zwischen / einem Mädchen, das so tut, / als könnte es ein Glas saurer Gurken nicht öffnen, / und einem Jungen, der so tut, / als wüsste er nicht, / dass sie es kann“, schreibt Atticus über das wilde Gefühl zum ersten Mal zu küssen. Oder: „Um ehrlich zu sein, / du machst mir Angst. / Ich habe Angst, dich hineinzulassen, / mich durch deine Augen zu sehen, / frage mich, ob ich gut genug bin / oder ob ich dich eines Tages verlieren werde. / Aber die Wahrheit ist, / dich gar nicht hineinzulassen, macht mir noch mehr Angst, / und dieser Gedanke / macht mir Mut.“

SIE ist ihm die lächelnde Göttin, für die er für immer ein Spicy Margarita sein möchte, und wie schön ist dies: „Der Sex war nur die Zugabe / zu dem großen und erstaunlichen Privileg / in nächster Nähe / zu ihrem Humor zu sein.“ Atticus erzählt von männlichen Unsicherheiten, einem sich Hin- und Aufgeben in diesem wie jenem Sinn, er fängt Alltäglichkeiten, Banalitäten gar, in einer Art ein, dass sie zauberisch werden: den Duft von Erdnussbutterbroten, den Geruch des eben noch getragenen Pullovers der Liebsten.

Im Schrifttypenwechsel von kursiv zu versal scheint’s, als könne er alte Weisheit an jugendliche Wahrhaftigkeit knüpfen, Melancholie an überbordende Freude an Trauer an Zorn – über die Sorte Liebe, in der sich einer mit den rausgerissenen Stückchen des anderen neu zusammenflickt. „Sometimes / even great love / is not enough“, sagt er – und Verlust und Tod sind wie die ständig mitschwingende Bassline seiner Gedichte.

Bild: pixabay.com

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In seinen Adventures geht’s von Dachstuben in Paris zu osmanischen Märkten über die Strände Spaniens und zum alten Atem Roms, und immer, immer singt Atticus ein Hohelied auf Hochprozentiges: „Whiskey is like poet’s water. / It quenches our thirst for madness.“ Mit Sätzen wie „No good lust goes unpunished“, „Misery at least makes good art“ oder „Obessions are nine tenths of my flaws“ malt er Bilder in die Köpfe, schickt das Sinnieren auf Wanderschaft, auf Erkundungsreise, um zwischen den Zeilen jenen Künstler zu entdecken, der sich gleich Banksy vor der Öffentlichkeit verborgen hält.

Viel Inspiration geht von Atticus‘ Gedichten und Notizen aus, manche, wie „Don’t believe everything you know for sure“ – „Glaub nicht alles von dem, was du ganz sicher weißt“, meint man schon als Graffiti gelesen zu haben. Und wenn nicht, dann bald. Und über allem steht, dass Atticus dem Leser, der Leserin gerade in diesen #Corona-Tagen zeigt, wie sich das Leben trotz gelegentlicher (Lock-)Downs in all seinen Facetten auskosten lässt.

„The Truth About Magic“ eignet sich vom Feinsten zum Immer-wieder-drin-Schmökern, Sacken-Lassen – dies bei einem Glas Champagner oder Rotwein oder (hier die Vorschläge des Autors) „Lagavulin oder eine Badewanne voll Rosé“, und Lebendig-Bleiben. Magie lebt in guten Büchern, sagt Atticus, und wie recht er hat, „sie ist in den traurigen Tagen, die niemals enden, und in den frohen Tagen, die zu schnell vorübergehen.“ Die größte Wahrheit über Magie, schreibt er, ist, dass sie wahr ist.

Zum Schluss dies: „Ich fühle mich wohl damit, allein zu sein, / aber manchmal / ertappe ich mich dabei, dass ich das Gefühl vermisse, / jemanden zu vermissen.“

Atticus. Bild: Bryan Adam Castillo Photography

Über den Autor: Atticus ist Geschichtenerzähler und Beobachter gleichermaßen. Er ist an der Westküste Kanadas geboren, verbrachte allerdings sehr viel Zeit mit Reisen. Heute lebt er in Kalifornien. Er liebt das Meer, die Wüste und Wortspiele. Der Name Atticus ist ein Pseudonym, unter dem er auf seinem Instagram-Kanal zu einem der bekanntesten Insta-Poeten wurde. Dort hat er mehr als 1,5 Millionen Follower, unter anderem Schauspielerin Emma Roberts und das US-amerikanische Topmodel Karlie Kloss.

Über den Übersetzer: Kilian Unger ist Singer-Songwriter. Unter dem Namen Liann schreibt er Lieder über verregnete Tage, durchzechte Nächte, übers Leutevermissen, über Kindheitsträume und Zukunftsängste – und über Charlie Chaplin. Er lebt in München.

bold Verlag/dtv Verlagsgesellschaft, Atticus: „The Truth About Magic“, Gedichte & Notizen, 255 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Kilian Unger aka Liann.

www.dtv.de           www.readbold.de           www.instagram.com/atticusxo           www.liann.de

Videobotschaft von Atticus, Teil 1+2: twitter.com/i/status/1313939744548585474           twitter.com/i/status/1313939916720689152

  1. 11. 2020

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt

Februar 20, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Waisenbub begleitet drei Bayern durch Indien

„Sie sahen aus, wie drei Versionen desselben Mannes. Der jüngste von ihnen trug einen Hut mit breiter Krempe und hatte abstehende, spitze Ohren wie eine Fledermaus. Er war nicht viel älter als ich. Seinen Blick kann ich nicht anders beschreiben als nach innen gekehrt. Seine etwas reifere Ausführung, der mittlere Mann, ließ den Blick dagegen lustig umherstreifen und blähte seine fetten Backen beim Atmen. Der älteste wiederum kultivierte ein Haarbüschel auf seiner Oberlippe, das wie ein nervöses Tierchen zappelte, wenn er redete. Und er redete viel!“

Mit diesen Worten beschreibt das Waisenkind Bartholomäus die Brüder Robert, Adolph und Hermann Schlagintweit beim ersten Ansehen. Bartholomäus ist „mindestens zwölf Jahre alt“, und spricht beinah ebenso viele Sprachen. Es ist Bombay im Jahr 1854, der Bub der Protagonist von Christopher Kloebles Roman „Das Museum der Welt“, der morgen in die Buchläden kommt, und das titelgebende Museum seine Sammlung „bemerkenswerter Objekte“ – blasenfreies Eis, der Geschmack der Nacktheit, die Bildermaschine, heißt: das Heft,

Robert, Hermann und Adolph Schlagintweit. Urheberrechte: Archiv des Deutschen Alpenvereins, München. Gebrüder Schlagintweit: FOP 1 FF 627

in dem er all die fest- oder nicht festzumachenden Dinge festhält, die ihm auf seiner Reise durch Indien begegnen. Denn Bartholomäus wird die bayerischen Forscher auf ihrer Expedition durch den Subkontinent begleiten. Als Dolmetscher, das haben die Jesuiten, in deren Obhut er bis jetzt war, so beschlossen. Vater Fuchs, ebenfalls aus Bayern, hat den Deal mit seinen Landsmännern eingefädelt, doch nun ist Bartholomäus‘ Deutsch- lehrer, sein einziger Vertrauter wie vom Erdboden verschluckt. Vater Holbein, sadistischer Spezialist für Stockhiebe, hat das Sagen im „Glashaus“, wie die Bombayiten Sankt Helena wegen der vielen Fenster nennen, also ist dessen bevorzugter Prügelknabe nicht böse, das Weite suchen zu können …

Von 1854 bis 1857, kurz vor Ausbruch des ersten indischen Unabhängigkeitskrieges, reisten die Schlagintweits, und Kloeble hat sich beim Schreiben eng an ihrer tatsächlichen Tour orientiert, durch Indien und Hochasien. Auf Empfehlung von Alexander von Humboldt beauftragte die britische East India Company die Brüder mit der umfassenden Kartierung und Dokumentierung ihres Hoheitsgebiets, denn der sogar Gesetze erlassende, eine eigene Soldateska unterhaltende Konzern herrschte über weite Teile des Subkontinents wie eine Staatsmacht, einem Auftrag, dem die Schlagintweits mit einer breiten Palette an Untersuchungen nachkamen.

Robert Schlagintweit: Group of Hindu Women. Sudracaste from Bengal. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 34, Bayerische Staatsbibliothek

Robert Schlagintweit: Rajaram, Rajput, 34 years. Audh, Native Officer. The sword in the right hand is called Talvar. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 4, Bayerische Staatsbibliothek

Sie drangen in bis dahin unentdeckte Gebiete vor, den Himalaya, das Karakorum, das Kuenluen, sammelten an die 40.000 Objekte, von Pflanzensamen und Tierhäuten bis Gebetsfahnen und tibetischen Drucken. Sie verfassten tausende Seiten von Notizen, fertigten hunderte Skizzen, Aquarelle und Platinotypien, viele davon heute im Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek (www.bsb-muenchen.de) und des Deutschen Alpenvereins (www.alpenverein.de) – und nach Art der Toten- von allerdings lebenden „Eingeborenen“ abgenommene Gesichts- masken, die sie nach den damals gängigen Rassentheorien der „People of India“ in vier Hauttönen bemalten.

Mitten im „Great Game“, Rudyard Kiplings Begriff für die zentralasiatischen Konflikte an der Demarkationslinie des chinesischen, russischen und britischen Reichs, sollen sie nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Spione geforscht haben. Adolph, der im Gegensatz zu den die Schiffspassage wählenden Hermann und Robert die Heimreise per Landweg durch diesen politischen Brandherd antrat, wurde in die revolutionären Umwälzungen in der Grenzregion verwickelt und in Kashgar wegen dieser Spionagevorwürfe enthauptet. Eine Hinrichtung, bei der auch Bartholomäus gegen Ende des Buches zugegen ist.

Kloeble, überzeugt davon, dass sein Ich-Erzähler so fiktiv nicht sein kann, nützt die Figur für einen Kunstkniff. Er lässt den Bediensteten der Forscher die Spielregeln umdrehen, indem er die Herren Wissenschaftler zu seinen Untersuchungsgegenständen macht. Er beobachtet sie, analysiert sie, hinterfragt ihr Handeln und ihre Absichten. „Bartholomäus lässt uns erleben, wie es gewesen sein muss, wenn fremde weiße Männer plötzlich in dein Leben platzen, dich zum Sprechen ihrer Sprache zwingen, alles in deiner Heimat so benennen, wie es ihnen beliebt, und all das immer mit der Haltung, dass du ihnen in jeder Hinsicht unterlegen bist und sie die Spitze der Evolution sind“, sagt Kloeble im Interview.

Diese hochaktuelle, da bis in die Gegenwart Nachwehen zeitigende Kritik am Aufblühen Europas durch die Unterwerfung und Plünderung seiner Kolonien führt als roter Faden durch „Das Museum der Welt“. „Die Vickys“, so nennt Bartholomäus die Briten, es ist seine Abkürzung für viktorianisch, „hatten das Land vernachlässigt, um Profit zu machen, und so mordete der Hunger Abertausende Indier.“ An anderer Stelle ist der Heranwachsende ein durchaus humorbegabter, still-satirischer Betrachter der Betrachter sowie deren Sitten und Gebräuche. „Leider ist im Durchschnitt nur jeder vierte Bayer angenehm“, notiert er über die drei Brüder.

Robert Schlagintweit: Maadhab Doss, Writer – Kaste of the Kalkutta Bengal (Detail). Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 21, Bayerische Staatsbibliothek

Robert, Adolph und Hermann Schlagintweit. Urheberrechte: Archiv des Deutschen Alpenvereins, München. Gebrüder Schlagintweit: FOP 1 FF 627 und FOP 1 FN 190

Über Hermann, er „war der unbarmherzige König des Redens. Auf den Bazars flohen selbst Banias und Jains vor uns, weil er sie kaum zu Wort kommen ließ“, und über dessen Fluch auf die britische Bürokratie, die die Karawane wieder einmal ausbremst: „Was ein Zwirn ist, weiß ich, und Himme bedeutet wahrscheinlich Himmel – aber was ist ein O-asch?“ Eine Vokabel, die sich der Abenteurer-Azubi flugs einverleibt und zunehmend routiniert gebraucht. Andere, Hindi-, Marathi-, Punjabi-, Bengali-Worte, hätten der Übersetzung und Erläuterung bedurft. Man merkt dem Roman an der Detailverliebtheit der farbenprächtigen Schilderungen an, dass sein Autor in Indien im Gegensatz zum Leser zu Hause ist – und wie bei mehr als 500 Seiten Umfang noch ein Glossar fordern?

Nicht nur der schweigsame, sich meist unters schwarze Tuch seiner Kamera verkriechende Robert, nicht nur die in permanenter Streitpose aufgestellten Hermann und Adolph haben Bartholomäus‘ Aufmerksamkeit. Mit spürbarer Zuneigung entwirft Kloeble auch die anderen Charaktere im Train. Die Köchin Smitaben aus Gujarat, von allen Maasi/Tante genannt, eine stattliche, nicht auf den Mund gefallene Person, die Mutter der Kompanie, vor der sogar die Schlagintweits Habt-Acht stehen. Der Punjabi Devinder, der vom faulen Klostergärtner zum nicht minder arbeitsscheuen Lastenträger zum strammen Kriegsdiener wird. Der Parsi Hormazd, Herr über Zahlen und die Buchhaltung der Schlagintweits, dessen exotisch anmutender Glaube an die Lehre des Zoroastrismus verwundert. Der als Präparator eingestellte, indo-portugiesische Mr. Monteiro, der gutmütige, wenn auch glutäugige, Khansaman/Butler Mani Singh, ein Sikh, der Makadam genannte Hüter der Kamele, schließlich der seltsame Brahmane und Arzt Dr. Harkishem und Eleazar, der Sinistre, ein Bania mit jüdischem Namen.

„Wir sind eine Gruppe aus Firengi, Sikhs, Moslems, Hindus, die unterschiedlich aussehen, unterschiedliche Sprachen sprechen und zu unterschiedlichen Göttern beten. Ich würde uns auch nicht trauen“, sagt Bartholomäus, alldieweil er zu „Adolphji“ doch eine besondere Beziehung aufbaut, den Firengi, der nicht gekommen ist, um Indien Ordnung zu bringen, sondern mit dem es so ist, als ob er schon immer hier gewesen wäre, der Bartholomäus auf seinem Pferd mitreiten lässt, dem er beim abendlichen Aquarellieren die Fackel hält – und mit dem er durch ein Guckloch die Gopis/eigentlich: Kuhhirtinnen, mit denen allerdings Gott Krishna eine orpheusische Begebenheit erlebt, eines Maharadschas bestaunt.

Derart durchwandert man mit den Augen Bartholomäus‘ Indien, sieht die „schöne Vicky“ Calcutta mit ihrem Tram Car, hört seinen Gedankendisput mit dem Generalgouverneur James Broun-Ramsay, wenn der herrenmenschlich-überheblich seinen „bescheidenen Geniestreich“, die Doctrine of Lapse, lobt, die es der Company erlaubt, bei Bedarf jeden Staat eines „verbündeten“ indischen Fürsten zu annektieren, geht mit ihm auf Bälle und ins Gefängnis, wo Häftlinge von den Wärtern unter Schlägen zur Gesichtsmaskenprozedur gezwungen werden, entrinnt den Thugs und ihrer blutigen Göttin Kali, gelangt bis an den Himalaya, in die Unendlichkeit von Eiseskälte und Entbehrungen und lässt sich darob mit ihm von Göttin Nanda Devi die Sinne rauben.

Robert Schlagintweit: Sumsan, Musalman, 42 years, Agra (Musalman Fakir) He is a leper. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 58, Bayerische Staatsbibliothek

Robert Schlagintweit: Group of Kulis. Northern Bengal. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 31, Bayerische Staatsbibliothek

 

Nicht nur Bartholomäus entwickelt sich, auch sein Coming-of-Age-Roman. Er wird vom historischen mehr und mehr zum politischen, denn man nähert sich nicht nur geografisch, sondern auch zeitlich dem sogenannten Sepoyaufstand. „Ich bin jemand, der alles dafür tun würde, damit Indien wieder frei ist“, sagt einer der Expeditionsteilnehmer zu Bartholomäus, und dann tut sich eine ganze Gruppe Widerstandskämpfer aus allen Kasten um ihn auf. Die Papierpatronen des Enfield-Gewehres werden geschmuggelt, nach einem hartnäckigen Gerücht mit einer Mischung aus Rindertalg und Schweineschmalz behandelt, und daher weder für hinduistische noch muslimische Armeemitglieder abzufeuern.

Bartholomäus soll die Schlagintweits ausspionieren, sonst werde Smitaben ermordet – und bald gibt es im Train erste mysteriöse Todesfälle. Und am Schlimmsten: Bartholomäus erkennt die Wahrheit hinter Vater Fuchs‘ Verschwinden. Kloeble entwirft eine Gemeinschaft jenseits von ganz gut und komplett böse, er zeichnet seine Figuren in bemerkenswerter Vielschichtigkeit, Rollenspieler die meisten, die ihr Ich erst nach und nach offenbaren – und am 20. Oktober 1857 wird’s der jüngste Rebell sein, der dies tut …

Den Schlagintweits war bei ihren britischen Auftraggebern kein Ruhm beschert. Das Londoner Wissenschaftsjournal Athenaeum formulierte süffisant über die „Inanspruchnahme“ englischer Erkenntnisse durch Deutsche: „Die preußischen [sic!] Gentlemen, so erfahren wir, haben Tibet erschlossen und sind nun dabei, Indien in Europa bekannt zu machen. Wir in England dachten, dass wir ein bisschen über Indien gewusst und etwas dafür getan hätten, seine physischen und geografischen Merkmale bekannt zu machen. Aber anscheinend unterlagen wir, so scheint es nun, merkwürdigen Trugbildern …“

Über den Autor: Christopher Kloeble wuchs in Oberbayern auf und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, unter anderem den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung für das beste Romandebüt 2008, „Unter Einzelgängern“, und für das Drehbuch zu „Inklusion“ den ABU-Prize für das beste TV-Drama. Er war Gastprofessor in Cambridge, Großbritannien, sowie an diversen Universitäten in den USA, zuletzt am Dartmouth College. 2012 veröffentlichte er den vielbeachteten Roman „Meistens alles sehr schnell“, der auch in Israel und den USA erschien. Derzeit arbeitet er an der Verfilmung. Kloeble lebt in Berlin und Delhi, da seine Frau in Neu-Dehli aufgewachsen ist.

dtv, Christopher Kloeble: „Das Museum der Welt“, Roman, 528 Seiten.

Christopher Kloeble liest aus „Das Museum der Welt“: www.youtube.com/watch?v=UIkcKf7vicE

www.dtv.de           www.christopherkloeble.de

Die Platinotypien von Robert Schlagintweit, aus: Schlagintweitiana IV.2, wurden vom Nachlassreferat der Bayerischen Staatsbibliothek, München www.bsb-muenchen.de, die Porträts der Gebrüder Schlagintweit vom Archiv des Deutschen Alpenvereins, München www.alpenverein.de zur Veröffentlichung auf mottingers-meinung.at freigegeben.

  1. 2. 2020

James Baldwin: Nach der Flut das Feuer

März 3, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wer mich für einen Nigger hält, hat das wohl nötig“

Dies also ist endlich das Werk, das James Baldwin zur weltweiten Ikone antirassistischer Bewegungen machte, jenes Buch, auf das alle späteren zum Thema zurückzuführen sind. Zehn Jahre war der Autor alt, als er zum ersten Mal Opfer weißer Polizeigewalt wurde, drei Jahrzehnte später, 1963, erschütterte er mit „Nach der Flut das Feuer“ die amerikanische Selbstwahrnehmung in ihren Grundfesten. Der Titel des Essaybands entstammt der Strophe eines Sklavenlieds, God gave Noah the rainbow sign, No more water, the fire next time!, und mit kraftvoller, präziser Sprache seziert Baldwin darin, was es bedeutet, in den USA mit schwarzer Hautfarbe geboren zu sein.

Baldwins Essays seien wie Brandbomben in Trump-Land, vermeldet Der Spiegel, und es ist kein Wunder, dass diese wichtige Stimme des 1960er-Civil Rights Movement dieser Tage auch im deutschsprachigen Raum ein Revival erlebt. Zu Zeiten von Hass und Hetze gegen geglaubt „Andersseiende“, zu Zeiten, da sich die Abwesenheit von Empathie erschreckend ausdehnt, zu Zeiten der Polittermini freiwillige Nachtruhe, Sicherungshaft und Ausreisezentren.

Bei dtv macht man sich um Neuübersetzungen samt aktueller Begleittexte verdient, die Romane „Von dieser Welt“ und „Beale Street Blues“ (dessen Kinoadaption durch Barry Jenkins ab 8. März zu sehen ist, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32324) sind bereits erschienen, für 2020 ist „Giovanni’s Room“ in Planung. Im Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ beleuchtet Regisseur Raoul Peck Baldwins Leben (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25378).

Wenn Baldwin schreibt, so ist das stets politisch scharf und vehement poetisch. „Nach der Flut das Feuer“ beginnt mit einem Brief an seinen Neffen, Anlass ist der 100. Jahrestag der Sklavenbefreiung, in dem er diesen dazu aufruft, sich gegen die de facto vorhandene Segregation zu stemmen – Schwarze sind der ständigen Angst ausgesetzt, von der Polizei willkürlich verhaftet und misshandelt zu werden, in den Südstaaten wird nach wie vor gelyncht -, und führt zu seiner frustrierenden Erkenntnis über die fehlende Solidarität weißer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Da passiert gerade der Marsch auf Washington, wo Martin Luther King seine berühmte Rede „I Have A Dream“ hält, da ist auch Malcolm X noch nicht ermordet. Da kommt es zum in die Geschichte eingegangenen Baldwin-Kennedy-Meeting – der Kennedy ist in diesem Fall der damalige Justizminister Robert F.

Baldwin macht sichtbar, was verschleiert oder verharmlost wird, die Tragweite von Unterdrückung, Ausgrenzung und Elend, er lässt ein „Du übertreibst“ seiner weißen Freunde nicht gelten. „Weiße müssen sich darüber klar werden, wozu sie den Nigger überhaupt erfunden haben, denn ich bin kein Nigger. Ich bin ein Mensch, aber wer mich für einen Nigger hält, hat das anscheinend nötig“, analysiert er treffend und fügt hinzu: „Hautfarbe ist keine menschliche oder persönliche Realität; sie ist eine politische Realität.“

Voller Zuneigung und kämpferischer Zuversicht will Baldwin seinen Neffen auf das Erwachsenwerden vorbereiten. So nüchtern der Schriftsteller die Verhältnisse bloßlegt, etwa, wenn er davor warnt, die Eigenbewertung nach dem Wertebild der Weißen zu orientieren, so ermutigend ist sein Brief. Auch zum Konzept der Integration hat der Autor eine klarsichtige Meinung, ist sie für ihn doch nur ein weiteres weißes Machtinstrument, das auf der Überzeugung basiert, Schwarze müssten sich nach deren Vorstellungen verhalten. Baldwin enttarnt Worte, Begriffe, Redewendungen als das rhetorische Gerüst des Rassismus: „Wer andere erniedrigt, erniedrigt sich selbst.“

Malcolm X. Bild: pixabay.com

Robert Kennedy. Bild: pixabay.com

Martin Luther King. Bild: pixabay.com

Im zweiten Essay berichtet Baldwin von seiner Jugend. Vom „Kniff“, der ihn vor der Straße rettete, die Religion nämlich, von der Popularität, die ihm seine Berufung zum Laienprediger brachte, schließlich von der Begegnung mit den Black Muslims – und einer Abkehr von jeglichem institutionalisierten Glauben. Von den Auseinandersetzungen mit seinem Stiefvater, einem Baptistenprediger, der von der Panik besessen war, „dass das Kind, indem es die Anmaßungen der weißen Welt infrage stellt, den Weg der Verdammnis einschlägt“. Von der Erkenntnis, dass er, da er die Klischees singen, tanzen oder boxen zu können, nicht erfülle, wohl ein Schreibender werden müsse.

Wie fatal nach Heute es klingt, wenn er notiert, die US-Polizei sei „völlig unvorbereitet … auf alles, was sich nicht mit einem Schlagstock, der Faust oder einem Schießeisen regeln lässt.“ Oder: „Manchmal denke ich verzweifelt, dass Amerikaner jede politische Rede unterschiedslos schlucken.“ Oder: „Vielleicht liegt die Wurzel unserer Misere, der menschlichen Misere darin, dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen.“

Am Ende hält James Baldwin in „Nach der Flut das Feuer“ ein Plädoyer dafür, diese Welt gemeinsam zu gestalten. Sein Buch, formuliert Jana Pareigis in ihrem Vorwort, sei „Ausdruck eines radikalen Humanismus“. Allerdings auch Ausdruck der Überzeugung, dass es für die Umsetzung gleicher Rechte für alle, Freiheit und Menschenwürde grundlegender Strukturänderungen in Politik und Gesellschaft bedürfe. Wenn die Weißen gelernt hätten, sich selbst und einander zu akzeptieren, vielleicht sogar zu lieben, schreibt Baldwin, dann „gibt es kein ,Negro problem‘ mehr, das wird dann nämlich nicht mehr gebraucht.“

Über den Autor: James Baldwin, 1924 in New York geboren, war und ist vieles: ein verehrter, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und eine Ikone der Gleichberechtigung aller Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Herkunftsmilieus. Baldwin starb 1987 in Südfrankreich, aber sein Bann ist ungebrochen bis heute. Zuletzt erschien bei dtv die Neuübersetzung seines Romans „Beale Street Blues“.

dtv Literatur, James Baldwin: „Nach der Flut das Feuer“, Essays, 128 Seiten. Mit einem Vorwort von Jana Pareigis. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow.

www.dtv.de/special-james-baldwin/tappingintobaldwin/c-1722

  1. 3. 2019

Min Jin Lee: Ein einfaches Leben

Januar 5, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Migranten als Menschen zweiter Klasse

Sie werden Zainichi genannt, das heißt „Ausländer mit Wohnsitz in Japan“ und ist als Bezeichnung gleichsam der Nährboden für rassistische Ressentiments, für Charakterzuschreibungen von hinterhältig bis faul, für Diskriminierungen aller Art. Die ersten kamen 1910 ins Land, als das Kaiserreich die Nachbarshalbinsel als Provinz Chōsen annektierte, doch als im Zuge des Zweiten Weltkriegs Arbeitskräfte gebraucht wurden, kam es auch zu gewaltsamen Umsiedelungen. Sie wurden gezwungen japanische Namen anzunehmen, in bestimmte Berufe gezwungen, gezwungen sich regelmäßig via Meldekarten behördlich registrieren zu lassen – immer in der Angst, abgeschoben zu werden. Selbst in dritter, vierter Generation in Japan lebend, bleiben sie als Migranten Menschen zweiter Klasse.

In ihrem Roman „Ein einfaches Leben“ schildert Autorin Min Jin Lee, New Yorkerin mit Wurzeln in Seoul, die Lage der koreanischen Minderheit in Japan anhand des Schicksals einer Familie. Seit 30 Jahren verfolgt sie das Thema, Erzählungen hat sie darüber schon verfasst, nun endlich ein Buch.

Und es ist erstaunlich, wie speziell und zugleich universell diese Geschichte, die in einem fernen Fischerdorf um die Jahrhundertwende beginnt und 1989 in Yokohama endet, ist. Lee berichtet von einer restriktiven Gesellschaft und vom täglichen Überlebenskampf derer, denen man die Zugehörigkeit verweigert, sie erklärt die Stellung der Frau und, was es mit der Männerehre auf sich hat. Sie zeigt nach der Teilung Koreas in Nord und Süd, wie Koreaner, die zurückkehren müssen, in Seoul als „japanische Bastarde“ gelten, und in Pjöngjang spurlos verschwinden. Keine Heimat, nirgendwo. Das gilt auch hier für Flüchtlinge, und nimmt die nicht aus, denen das diskreditierende Wort Wirtschafts- vorneweggestellt wird.

„Ein einfaches Leben“ beginnt mit der Fischerstochter Sunja, die vom Großhändler Hansu, einem verheirateten Mann, schwanger wird. Da quartiert sich Pastor Isak Baek im Logierhaus der Mutter ein, er ist auf dem Weg zu seiner neuen Gemeinde in Osaka, erkrankt schwer, gesundet, und heiratet aus Dankbarkeit und Nächstenliebe Sunja. Die ihm bereitwillig nach Japan folgt, kann sie so doch Schmach und Schande abwenden. In Osaka findet das Paar Unterschlupf bei Iaks Bruder Yoseb und dessen Frau Kyunghee im koranischen Ghetto Ikaino. Bald fühlt man als Leser intensiv mit den vieren, Lee schreibt klar und schnörkellos und doch voller Empathie für ihre Figuren. Und während sie deren Leben ausbreitet, flicht sie die Historie ein. Japan als Kolonialmacht, als Kriegstreiber gegen China, als Verbündeter des Dritten Reichs, als Opfer zweier Atombomben …

An Sunjas Seite geht es durch die Jahrzehnte. Noa wird geboren, dann Isaks leiblicher Sohn Mozasu – Moses. Doch die Christen sind bei der japanischen Regierung unbeliebt, und als Isaks Küster dem Kaiser die wöchentliche Ehrerbietungszeremonie, die ihn als Gott würdigt, verweigert, wird auch Isak ins Gefängnis geworfen – und stirbt. Yoseb bleibt nach einem Feuer in der Fabrik, in der er arbeitet, schwerstbehindert. Bleiben die beiden Frauen, die versuchen, die Kinder mit dem Verkauf von hausgemachtem Kimchi zu ernähren, aber oft reicht das Geld nicht einmal für etwas Tee. Die Söhne entwickeln sich entgegen ihren Vätern. Noa wird in Tokio auf die Universität gehen, Mozasu, dem niemand einen Job geben will, weil er Koreaner ist, steigt ins Pachinko-Geschäft ein – für die Japaner ein mehr als zwielichtiges Gewerbe. Doch nicht Mozasu in seiner Spielhölle, sondern Hansu, der die ganze Zeit über im Hintergrund für die Familie Baek die Fäden zieht, entpuppt sich als Yakuza.

Bild: pixabay.com

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Die Spuren dieser Zeit prägen die Zainichi bis heute. Und so erzählt Lee auch von koreanischen Schulbuben, die sich von Dächern stürzen, weil sie von Mitschülern als schmutzig und stinkend beschimpft werden. Von Notlügen, in die man sich verstrickt. Von Vätern, die sich lieber erschießen, als dass die Frau, die Kinder, der Arbeitgeber erfahren, dass sie sich als Japaner nur ausgegeben haben, tatsächlich aber Koreaner sind. Von Menschen, die, weil ihnen jeder Kontakt zur Umwelt fehlt, Japanisch nur schlecht sprechen, und schon gar nicht schreiben können. Von einer scheinheiligen Welt aus Schuld und Strafe und verbotenem Sex. Dazu webt Lee ein Netz aus faszinierenden Nebenfiguren, die teils nur als Streiflichter auftauchen und schon wieder weg sind.

Wie Phoebe, ebenfalls Koreanerin, aber in Seattle geboren, und nicht imstande die gesellschaftliche Kluft in Japan zu begreifen. Phoebe ist Solomons Freundin, Solomon Mozasus Sohn. Der erste, der’s schafft, der Banker – und dann doch wieder nur hereingelegt wird. Doch der erste, der die Demütigung nicht erduldet, sondern sich dagegen auflehnt. Ein Hoffnungsschimmer. Geschätzte 600.000 bis 700.000 koreanischstämmige Menschen leben derzeit in Japan. Sie sind Künstler wie die Schriftstellerin Miri Yū, Politiker wie Shinkun Haku, Sportler wie der Fußballspieler Ri Han-jae oder Wirtschaftsbosse wie Masayoshi Son, Gründer der SoftBank und laut Forbes-Magazine der reichste Mann Japans.

Über die Autorin: Min Jin Lee wurde 1968 in Seoul, Südkorea, geboren und immigrierte, als sie acht Jahre alt war, mit ihrer Familie in die USA. Sie hat in Yale studiert und vor der Veröffentlichung ihres ersten Romans als Anwältin gearbeitet. „Ein einfaches Leben“ stand auf der Shortlist des National Book Award und auf allen Bestsellerlisten der USA. Min Jin Lee lebt in New York.

dtv, Min Jin Lee: „Ein einfaches Leben“, Roman, 552 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel.

www.dtv.de

  1. 1. 2019