Christopher Kloeble: Das Museum der Welt

Februar 20, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Waisenbub begleitet drei Bayern durch Indien

„Sie sahen aus, wie drei Versionen desselben Mannes. Der jüngste von ihnen trug einen Hut mit breiter Krempe und hatte abstehende, spitze Ohren wie eine Fledermaus. Er war nicht viel älter als ich. Seinen Blick kann ich nicht anders beschreiben als nach innen gekehrt. Seine etwas reifere Ausführung, der mittlere Mann, ließ den Blick dagegen lustig umherstreifen und blähte seine fetten Backen beim Atmen. Der älteste wiederum kultivierte ein Haarbüschel auf seiner Oberlippe, das wie ein nervöses Tierchen zappelte, wenn er redete. Und er redete viel!“

Mit diesen Worten beschreibt das Waisenkind Bartholomäus die Brüder Robert, Adolph und Hermann Schlagintweit beim ersten Ansehen. Bartholomäus ist „mindestens zwölf Jahre alt“, und spricht beinah ebenso viele Sprachen. Es ist Bombay im Jahr 1854, der Bub der Protagonist von Christopher Kloebles Roman „Das Museum der Welt“, der morgen in die Buchläden kommt, und das titelgebende Museum seine Sammlung „bemerkenswerter Objekte“ – blasenfreies Eis, der Geschmack der Nacktheit, die Bildermaschine, heißt: das Heft,

Robert, Hermann und Adolph Schlagintweit. Urheberrechte: Archiv des Deutschen Alpenvereins, München. Gebrüder Schlagintweit: FOP 1 FF 627

in dem er all die fest- oder nicht festzumachenden Dinge festhält, die ihm auf seiner Reise durch Indien begegnen. Denn Bartholomäus wird die bayerischen Forscher auf ihrer Expedition durch den Subkontinent begleiten. Als Dolmetscher, das haben die Jesuiten, in deren Obhut er bis jetzt war, so beschlossen. Vater Fuchs, ebenfalls aus Bayern, hat den Deal mit seinen Landsmännern eingefädelt, doch nun ist Bartholomäus‘ Deutsch- lehrer, sein einziger Vertrauter wie vom Erdboden verschluckt. Vater Holbein, sadistischer Spezialist für Stockhiebe, hat das Sagen im „Glashaus“, wie die Bombayiten Sankt Helena wegen der vielen Fenster nennen, also ist dessen bevorzugter Prügelknabe nicht böse, das Weite suchen zu können …

Von 1854 bis 1857, kurz vor Ausbruch des ersten indischen Unabhängigkeitskrieges, reisten die Schlagintweits, und Kloeble hat sich beim Schreiben eng an ihrer tatsächlichen Tour orientiert, durch Indien und Hochasien. Auf Empfehlung von Alexander von Humboldt beauftragte die britische East India Company die Brüder mit der umfassenden Kartierung und Dokumentierung ihres Hoheitsgebiets, denn der sogar Gesetze erlassende, eine eigene Soldateska unterhaltende Konzern herrschte über weite Teile des Subkontinents wie eine Staatsmacht, einem Auftrag, dem die Schlagintweits mit einer breiten Palette an Untersuchungen nachkamen.

Robert Schlagintweit: Group of Hindu Women. Sudracaste from Bengal. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 34, Bayerische Staatsbibliothek

Robert Schlagintweit: Rajaram, Rajput, 34 years. Audh, Native Officer. The sword in the right hand is called Talvar. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 4, Bayerische Staatsbibliothek

Sie drangen in bis dahin unentdeckte Gebiete vor, den Himalaya, das Karakorum, das Kuenluen, sammelten an die 40.000 Objekte, von Pflanzensamen und Tierhäuten bis Gebetsfahnen und tibetischen Drucken. Sie verfassten tausende Seiten von Notizen, fertigten hunderte Skizzen, Aquarelle und Platinotypien, viele davon heute im Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek (www.bsb-muenchen.de) und des Deutschen Alpenvereins (www.alpenverein.de) – und nach Art der Toten- von allerdings lebenden „Eingeborenen“ abgenommene Gesichts- masken, die sie nach den damals gängigen Rassentheorien der „People of India“ in vier Hauttönen bemalten.

Mitten im „Great Game“, Rudyard Kiplings Begriff für die zentralasiatischen Konflikte an der Demarkationslinie des chinesischen, russischen und britischen Reichs, sollen sie nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Spione geforscht haben. Adolph, der im Gegensatz zu den die Schiffspassage wählenden Hermann und Robert die Heimreise per Landweg durch diesen politischen Brandherd antrat, wurde in die revolutionären Umwälzungen in der Grenzregion verwickelt und in Kashgar wegen dieser Spionagevorwürfe enthauptet. Eine Hinrichtung, bei der auch Bartholomäus gegen Ende des Buches zugegen ist.

Kloeble, überzeugt davon, dass sein Ich-Erzähler so fiktiv nicht sein kann, nützt die Figur für einen Kunstkniff. Er lässt den Bediensteten der Forscher die Spielregeln umdrehen, indem er die Herren Wissenschaftler zu seinen Untersuchungsgegenständen macht. Er beobachtet sie, analysiert sie, hinterfragt ihr Handeln und ihre Absichten. „Bartholomäus lässt uns erleben, wie es gewesen sein muss, wenn fremde weiße Männer plötzlich in dein Leben platzen, dich zum Sprechen ihrer Sprache zwingen, alles in deiner Heimat so benennen, wie es ihnen beliebt, und all das immer mit der Haltung, dass du ihnen in jeder Hinsicht unterlegen bist und sie die Spitze der Evolution sind“, sagt Kloeble im Interview.

Diese hochaktuelle, da bis in die Gegenwart Nachwehen zeitigende Kritik am Aufblühen Europas durch die Unterwerfung und Plünderung seiner Kolonien führt als roter Faden durch „Das Museum der Welt“. „Die Vickys“, so nennt Bartholomäus die Briten, es ist seine Abkürzung für viktorianisch, „hatten das Land vernachlässigt, um Profit zu machen, und so mordete der Hunger Abertausende Indier.“ An anderer Stelle ist der Heranwachsende ein durchaus humorbegabter, still-satirischer Betrachter der Betrachter sowie deren Sitten und Gebräuche. „Leider ist im Durchschnitt nur jeder vierte Bayer angenehm“, notiert er über die drei Brüder.

Robert Schlagintweit: Maadhab Doss, Writer – Kaste of the Kalkutta Bengal (Detail). Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 21, Bayerische Staatsbibliothek

Robert, Adolph und Hermann Schlagintweit. Urheberrechte: Archiv des Deutschen Alpenvereins, München. Gebrüder Schlagintweit: FOP 1 FF 627 und FOP 1 FN 190

Über Hermann, er „war der unbarmherzige König des Redens. Auf den Bazars flohen selbst Banias und Jains vor uns, weil er sie kaum zu Wort kommen ließ“, und über dessen Fluch auf die britische Bürokratie, die die Karawane wieder einmal ausbremst: „Was ein Zwirn ist, weiß ich, und Himme bedeutet wahrscheinlich Himmel – aber was ist ein O-asch?“ Eine Vokabel, die sich der Abenteurer-Azubi flugs einverleibt und zunehmend routiniert gebraucht. Andere, Hindi-, Marathi-, Punjabi-, Bengali-Worte, hätten der Übersetzung und Erläuterung bedurft. Man merkt dem Roman an der Detailverliebtheit der farbenprächtigen Schilderungen an, dass sein Autor in Indien im Gegensatz zum Leser zu Hause ist – und wie bei mehr als 500 Seiten Umfang noch ein Glossar fordern?

Nicht nur der schweigsame, sich meist unters schwarze Tuch seiner Kamera verkriechende Robert, nicht nur die in permanenter Streitpose aufgestellten Hermann und Adolph haben Bartholomäus‘ Aufmerksamkeit. Mit spürbarer Zuneigung entwirft Kloeble auch die anderen Charaktere im Train. Die Köchin Smitaben aus Gujarat, von allen Maasi/Tante genannt, eine stattliche, nicht auf den Mund gefallene Person, die Mutter der Kompanie, vor der sogar die Schlagintweits Habt-Acht stehen. Der Punjabi Devinder, der vom faulen Klostergärtner zum nicht minder arbeitsscheuen Lastenträger zum strammen Kriegsdiener wird. Der Parsi Hormazd, Herr über Zahlen und die Buchhaltung der Schlagintweits, dessen exotisch anmutender Glaube an die Lehre des Zoroastrismus verwundert. Der als Präparator eingestellte, indo-portugiesische Mr. Monteiro, der gutmütige, wenn auch glutäugige, Khansaman/Butler Mani Singh, ein Sikh, der Makadam genannte Hüter der Kamele, schließlich der seltsame Brahmane und Arzt Dr. Harkishem und Eleazar, der Sinistre, ein Bania mit jüdischem Namen.

„Wir sind eine Gruppe aus Firengi, Sikhs, Moslems, Hindus, die unterschiedlich aussehen, unterschiedliche Sprachen sprechen und zu unterschiedlichen Göttern beten. Ich würde uns auch nicht trauen“, sagt Bartholomäus, alldieweil er zu „Adolphji“ doch eine besondere Beziehung aufbaut, den Firengi, der nicht gekommen ist, um Indien Ordnung zu bringen, sondern mit dem es so ist, als ob er schon immer hier gewesen wäre, der Bartholomäus auf seinem Pferd mitreiten lässt, dem er beim abendlichen Aquarellieren die Fackel hält – und mit dem er durch ein Guckloch die Gopis/eigentlich: Kuhhirtinnen, mit denen allerdings Gott Krishna eine orpheusische Begebenheit erlebt, eines Maharadschas bestaunt.

Derart durchwandert man mit den Augen Bartholomäus‘ Indien, sieht die „schöne Vicky“ Calcutta mit ihrem Tram Car, hört seinen Gedankendisput mit dem Generalgouverneur James Broun-Ramsay, wenn der herrenmenschlich-überheblich seinen „bescheidenen Geniestreich“, die Doctrine of Lapse, lobt, die es der Company erlaubt, bei Bedarf jeden Staat eines „verbündeten“ indischen Fürsten zu annektieren, geht mit ihm auf Bälle und ins Gefängnis, wo Häftlinge von den Wärtern unter Schlägen zur Gesichtsmaskenprozedur gezwungen werden, entrinnt den Thugs und ihrer blutigen Göttin Kali, gelangt bis an den Himalaya, in die Unendlichkeit von Eiseskälte und Entbehrungen und lässt sich darob mit ihm von Göttin Nanda Devi die Sinne rauben.

Robert Schlagintweit: Sumsan, Musalman, 42 years, Agra (Musalman Fakir) He is a leper. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 58, Bayerische Staatsbibliothek

Robert Schlagintweit: Group of Kulis. Northern Bengal. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 31, Bayerische Staatsbibliothek

 

Nicht nur Bartholomäus entwickelt sich, auch sein Coming-of-Age-Roman. Er wird vom historischen mehr und mehr zum politischen, denn man nähert sich nicht nur geografisch, sondern auch zeitlich dem sogenannten Sepoyaufstand. „Ich bin jemand, der alles dafür tun würde, damit Indien wieder frei ist“, sagt einer der Expeditionsteilnehmer zu Bartholomäus, und dann tut sich eine ganze Gruppe Widerstandskämpfer aus allen Kasten um ihn auf. Die Papierpatronen des Enfield-Gewehres werden geschmuggelt, nach einem hartnäckigen Gerücht mit einer Mischung aus Rindertalg und Schweineschmalz behandelt, und daher weder für hinduistische noch muslimische Armeemitglieder abzufeuern.

Bartholomäus soll die Schlagintweits ausspionieren, sonst werde Smitaben ermordet – und bald gibt es im Train erste mysteriöse Todesfälle. Und am Schlimmsten: Bartholomäus erkennt die Wahrheit hinter Vater Fuchs‘ Verschwinden. Kloeble entwirft eine Gemeinschaft jenseits von ganz gut und komplett böse, er zeichnet seine Figuren in bemerkenswerter Vielschichtigkeit, Rollenspieler die meisten, die ihr Ich erst nach und nach offenbaren – und am 20. Oktober 1857 wird’s der jüngste Rebell sein, der dies tut …

Den Schlagintweits war bei ihren britischen Auftraggebern kein Ruhm beschert. Das Londoner Wissenschaftsjournal Athenaeum formulierte süffisant über die „Inanspruchnahme“ englischer Erkenntnisse durch Deutsche: „Die preußischen [sic!] Gentlemen, so erfahren wir, haben Tibet erschlossen und sind nun dabei, Indien in Europa bekannt zu machen. Wir in England dachten, dass wir ein bisschen über Indien gewusst und etwas dafür getan hätten, seine physischen und geografischen Merkmale bekannt zu machen. Aber anscheinend unterlagen wir, so scheint es nun, merkwürdigen Trugbildern …“

Über den Autor: Christopher Kloeble wuchs in Oberbayern auf und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, unter anderem den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung für das beste Romandebüt 2008, „Unter Einzelgängern“, und für das Drehbuch zu „Inklusion“ den ABU-Prize für das beste TV-Drama. Er war Gastprofessor in Cambridge, Großbritannien, sowie an diversen Universitäten in den USA, zuletzt am Dartmouth College. 2012 veröffentlichte er den vielbeachteten Roman „Meistens alles sehr schnell“, der auch in Israel und den USA erschien. Derzeit arbeitet er an der Verfilmung. Kloeble lebt in Berlin und Delhi, da seine Frau in Neu-Dehli aufgewachsen ist.

dtv, Christopher Kloeble: „Das Museum der Welt“, Roman, 528 Seiten.

Christopher Kloeble liest aus „Das Museum der Welt“: www.youtube.com/watch?v=UIkcKf7vicE

www.dtv.de           www.christopherkloeble.de

Die Platinotypien von Robert Schlagintweit, aus: Schlagintweitiana IV.2, wurden vom Nachlassreferat der Bayerischen Staatsbibliothek, München www.bsb-muenchen.de, die Porträts der Gebrüder Schlagintweit vom Archiv des Deutschen Alpenvereins, München www.alpenverein.de zur Veröffentlichung auf mottingers-meinung.at freigegeben.

  1. 2. 2020

James Baldwin: Nach der Flut das Feuer

März 3, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wer mich für einen Nigger hält, hat das wohl nötig“

Dies also ist endlich das Werk, das James Baldwin zur weltweiten Ikone antirassistischer Bewegungen machte, jenes Buch, auf das alle späteren zum Thema zurückzuführen sind. Zehn Jahre war der Autor alt, als er zum ersten Mal Opfer weißer Polizeigewalt wurde, drei Jahrzehnte später, 1963, erschütterte er mit „Nach der Flut das Feuer“ die amerikanische Selbstwahrnehmung in ihren Grundfesten. Der Titel des Essaybands entstammt der Strophe eines Sklavenlieds, God gave Noah the rainbow sign, No more water, the fire next time!, und mit kraftvoller, präziser Sprache seziert Baldwin darin, was es bedeutet, in den USA mit schwarzer Hautfarbe geboren zu sein.

Baldwins Essays seien wie Brandbomben in Trump-Land, vermeldet Der Spiegel, und es ist kein Wunder, dass diese wichtige Stimme des 1960er-Civil Rights Movement dieser Tage auch im deutschsprachigen Raum ein Revival erlebt. Zu Zeiten von Hass und Hetze gegen geglaubt „Andersseiende“, zu Zeiten, da sich die Abwesenheit von Empathie erschreckend ausdehnt, zu Zeiten der Polittermini freiwillige Nachtruhe, Sicherungshaft und Ausreisezentren.

Bei dtv macht man sich um Neuübersetzungen samt aktueller Begleittexte verdient, die Romane „Von dieser Welt“ und „Beale Street Blues“ (dessen Kinoadaption durch Barry Jenkins ab 8. März zu sehen ist, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32324) sind bereits erschienen, für 2020 ist „Giovanni’s Room“ in Planung. Im Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ beleuchtet Regisseur Raoul Peck Baldwins Leben (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25378).

Wenn Baldwin schreibt, so ist das stets politisch scharf und vehement poetisch. „Nach der Flut das Feuer“ beginnt mit einem Brief an seinen Neffen, Anlass ist der 100. Jahrestag der Sklavenbefreiung, in dem er diesen dazu aufruft, sich gegen die de facto vorhandene Segregation zu stemmen – Schwarze sind der ständigen Angst ausgesetzt, von der Polizei willkürlich verhaftet und misshandelt zu werden, in den Südstaaten wird nach wie vor gelyncht -, und führt zu seiner frustrierenden Erkenntnis über die fehlende Solidarität weißer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Da passiert gerade der Marsch auf Washington, wo Martin Luther King seine berühmte Rede „I Have A Dream“ hält, da ist auch Malcolm X noch nicht ermordet. Da kommt es zum in die Geschichte eingegangenen Baldwin-Kennedy-Meeting – der Kennedy ist in diesem Fall der damalige Justizminister Robert F.

Baldwin macht sichtbar, was verschleiert oder verharmlost wird, die Tragweite von Unterdrückung, Ausgrenzung und Elend, er lässt ein „Du übertreibst“ seiner weißen Freunde nicht gelten. „Weiße müssen sich darüber klar werden, wozu sie den Nigger überhaupt erfunden haben, denn ich bin kein Nigger. Ich bin ein Mensch, aber wer mich für einen Nigger hält, hat das anscheinend nötig“, analysiert er treffend und fügt hinzu: „Hautfarbe ist keine menschliche oder persönliche Realität; sie ist eine politische Realität.“

Voller Zuneigung und kämpferischer Zuversicht will Baldwin seinen Neffen auf das Erwachsenwerden vorbereiten. So nüchtern der Schriftsteller die Verhältnisse bloßlegt, etwa, wenn er davor warnt, die Eigenbewertung nach dem Wertebild der Weißen zu orientieren, so ermutigend ist sein Brief. Auch zum Konzept der Integration hat der Autor eine klarsichtige Meinung, ist sie für ihn doch nur ein weiteres weißes Machtinstrument, das auf der Überzeugung basiert, Schwarze müssten sich nach deren Vorstellungen verhalten. Baldwin enttarnt Worte, Begriffe, Redewendungen als das rhetorische Gerüst des Rassismus: „Wer andere erniedrigt, erniedrigt sich selbst.“

Malcolm X. Bild: pixabay.com

Robert Kennedy. Bild: pixabay.com

Martin Luther King. Bild: pixabay.com

Im zweiten Essay berichtet Baldwin von seiner Jugend. Vom „Kniff“, der ihn vor der Straße rettete, die Religion nämlich, von der Popularität, die ihm seine Berufung zum Laienprediger brachte, schließlich von der Begegnung mit den Black Muslims – und einer Abkehr von jeglichem institutionalisierten Glauben. Von den Auseinandersetzungen mit seinem Stiefvater, einem Baptistenprediger, der von der Panik besessen war, „dass das Kind, indem es die Anmaßungen der weißen Welt infrage stellt, den Weg der Verdammnis einschlägt“. Von der Erkenntnis, dass er, da er die Klischees singen, tanzen oder boxen zu können, nicht erfülle, wohl ein Schreibender werden müsse.

Wie fatal nach Heute es klingt, wenn er notiert, die US-Polizei sei „völlig unvorbereitet … auf alles, was sich nicht mit einem Schlagstock, der Faust oder einem Schießeisen regeln lässt.“ Oder: „Manchmal denke ich verzweifelt, dass Amerikaner jede politische Rede unterschiedslos schlucken.“ Oder: „Vielleicht liegt die Wurzel unserer Misere, der menschlichen Misere darin, dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen.“

Am Ende hält James Baldwin in „Nach der Flut das Feuer“ ein Plädoyer dafür, diese Welt gemeinsam zu gestalten. Sein Buch, formuliert Jana Pareigis in ihrem Vorwort, sei „Ausdruck eines radikalen Humanismus“. Allerdings auch Ausdruck der Überzeugung, dass es für die Umsetzung gleicher Rechte für alle, Freiheit und Menschenwürde grundlegender Strukturänderungen in Politik und Gesellschaft bedürfe. Wenn die Weißen gelernt hätten, sich selbst und einander zu akzeptieren, vielleicht sogar zu lieben, schreibt Baldwin, dann „gibt es kein ,Negro problem‘ mehr, das wird dann nämlich nicht mehr gebraucht.“

Über den Autor: James Baldwin, 1924 in New York geboren, war und ist vieles: ein verehrter, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und eine Ikone der Gleichberechtigung aller Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Herkunftsmilieus. Baldwin starb 1987 in Südfrankreich, aber sein Bann ist ungebrochen bis heute. Zuletzt erschien bei dtv die Neuübersetzung seines Romans „Beale Street Blues“.

dtv Literatur, James Baldwin: „Nach der Flut das Feuer“, Essays, 128 Seiten. Mit einem Vorwort von Jana Pareigis. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow.

www.dtv.de/special-james-baldwin/tappingintobaldwin/c-1722

  1. 3. 2019

Min Jin Lee: Ein einfaches Leben

Januar 5, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Migranten als Menschen zweiter Klasse

Sie werden Zainichi genannt, das heißt „Ausländer mit Wohnsitz in Japan“ und ist als Bezeichnung gleichsam der Nährboden für rassistische Ressentiments, für Charakterzuschreibungen von hinterhältig bis faul, für Diskriminierungen aller Art. Die ersten kamen 1910 ins Land, als das Kaiserreich die Nachbarshalbinsel als Provinz Chōsen annektierte, doch als im Zuge des Zweiten Weltkriegs Arbeitskräfte gebraucht wurden, kam es auch zu gewaltsamen Umsiedelungen. Sie wurden gezwungen japanische Namen anzunehmen, in bestimmte Berufe gezwungen, gezwungen sich regelmäßig via Meldekarten behördlich registrieren zu lassen – immer in der Angst, abgeschoben zu werden. Selbst in dritter, vierter Generation in Japan lebend, bleiben sie als Migranten Menschen zweiter Klasse.

In ihrem Roman „Ein einfaches Leben“ schildert Autorin Min Jin Lee, New Yorkerin mit Wurzeln in Seoul, die Lage der koreanischen Minderheit in Japan anhand des Schicksals einer Familie. Seit 30 Jahren verfolgt sie das Thema, Erzählungen hat sie darüber schon verfasst, nun endlich ein Buch.

Und es ist erstaunlich, wie speziell und zugleich universell diese Geschichte, die in einem fernen Fischerdorf um die Jahrhundertwende beginnt und 1989 in Yokohama endet, ist. Lee berichtet von einer restriktiven Gesellschaft und vom täglichen Überlebenskampf derer, denen man die Zugehörigkeit verweigert, sie erklärt die Stellung der Frau und, was es mit der Männerehre auf sich hat. Sie zeigt nach der Teilung Koreas in Nord und Süd, wie Koreaner, die zurückkehren müssen, in Seoul als „japanische Bastarde“ gelten, und in Pjöngjang spurlos verschwinden. Keine Heimat, nirgendwo. Das gilt auch hier für Flüchtlinge, und nimmt die nicht aus, denen das diskreditierende Wort Wirtschafts- vorneweggestellt wird.

„Ein einfaches Leben“ beginnt mit der Fischerstochter Sunja, die vom Großhändler Hansu, einem verheirateten Mann, schwanger wird. Da quartiert sich Pastor Isak Baek im Logierhaus der Mutter ein, er ist auf dem Weg zu seiner neuen Gemeinde in Osaka, erkrankt schwer, gesundet, und heiratet aus Dankbarkeit und Nächstenliebe Sunja. Die ihm bereitwillig nach Japan folgt, kann sie so doch Schmach und Schande abwenden. In Osaka findet das Paar Unterschlupf bei Iaks Bruder Yoseb und dessen Frau Kyunghee im koranischen Ghetto Ikaino. Bald fühlt man als Leser intensiv mit den vieren, Lee schreibt klar und schnörkellos und doch voller Empathie für ihre Figuren. Und während sie deren Leben ausbreitet, flicht sie die Historie ein. Japan als Kolonialmacht, als Kriegstreiber gegen China, als Verbündeter des Dritten Reichs, als Opfer zweier Atombomben …

An Sunjas Seite geht es durch die Jahrzehnte. Noa wird geboren, dann Isaks leiblicher Sohn Mozasu – Moses. Doch die Christen sind bei der japanischen Regierung unbeliebt, und als Isaks Küster dem Kaiser die wöchentliche Ehrerbietungszeremonie, die ihn als Gott würdigt, verweigert, wird auch Isak ins Gefängnis geworfen – und stirbt. Yoseb bleibt nach einem Feuer in der Fabrik, in der er arbeitet, schwerstbehindert. Bleiben die beiden Frauen, die versuchen, die Kinder mit dem Verkauf von hausgemachtem Kimchi zu ernähren, aber oft reicht das Geld nicht einmal für etwas Tee. Die Söhne entwickeln sich entgegen ihren Vätern. Noa wird in Tokio auf die Universität gehen, Mozasu, dem niemand einen Job geben will, weil er Koreaner ist, steigt ins Pachinko-Geschäft ein – für die Japaner ein mehr als zwielichtiges Gewerbe. Doch nicht Mozasu in seiner Spielhölle, sondern Hansu, der die ganze Zeit über im Hintergrund für die Familie Baek die Fäden zieht, entpuppt sich als Yakuza.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Die Spuren dieser Zeit prägen die Zainichi bis heute. Und so erzählt Lee auch von koreanischen Schulbuben, die sich von Dächern stürzen, weil sie von Mitschülern als schmutzig und stinkend beschimpft werden. Von Notlügen, in die man sich verstrickt. Von Vätern, die sich lieber erschießen, als dass die Frau, die Kinder, der Arbeitgeber erfahren, dass sie sich als Japaner nur ausgegeben haben, tatsächlich aber Koreaner sind. Von Menschen, die, weil ihnen jeder Kontakt zur Umwelt fehlt, Japanisch nur schlecht sprechen, und schon gar nicht schreiben können. Von einer scheinheiligen Welt aus Schuld und Strafe und verbotenem Sex. Dazu webt Lee ein Netz aus faszinierenden Nebenfiguren, die teils nur als Streiflichter auftauchen und schon wieder weg sind.

Wie Phoebe, ebenfalls Koreanerin, aber in Seattle geboren, und nicht imstande die gesellschaftliche Kluft in Japan zu begreifen. Phoebe ist Solomons Freundin, Solomon Mozasus Sohn. Der erste, der’s schafft, der Banker – und dann doch wieder nur hereingelegt wird. Doch der erste, der die Demütigung nicht erduldet, sondern sich dagegen auflehnt. Ein Hoffnungsschimmer. Geschätzte 600.000 bis 700.000 koreanischstämmige Menschen leben derzeit in Japan. Sie sind Künstler wie die Schriftstellerin Miri Yū, Politiker wie Shinkun Haku, Sportler wie der Fußballspieler Ri Han-jae oder Wirtschaftsbosse wie Masayoshi Son, Gründer der SoftBank und laut Forbes-Magazine der reichste Mann Japans.

Über die Autorin: Min Jin Lee wurde 1968 in Seoul, Südkorea, geboren und immigrierte, als sie acht Jahre alt war, mit ihrer Familie in die USA. Sie hat in Yale studiert und vor der Veröffentlichung ihres ersten Romans als Anwältin gearbeitet. „Ein einfaches Leben“ stand auf der Shortlist des National Book Award und auf allen Bestsellerlisten der USA. Min Jin Lee lebt in New York.

dtv, Min Jin Lee: „Ein einfaches Leben“, Roman, 552 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel.

www.dtv.de

  1. 1. 2019

Michael Köhlmeier: Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle

Dezember 10, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die politischen Reden des großen Erzählers

„Mir wäre lieber gewesen, man hätte mich nicht gefragt, ob ich hier sprechen will“, sagte Michael Köhlmeier am 4. Mai 2018 in der Wiener Hofburg. Nur etwas mehr als sechs Minuten sprach er, doch seine Rede hallte durchs ganze Land. Eindringlich wandte sich der große Erzähler gegen eine nicht nur in Österreich, sondern weltweit immer salonfähiger werdende Staatsführung der Ablehnung und der Ausgrenzung.

Im bei dtv erschienenen Band „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“ sind nun erstmals Köhlmeiers gesammelte Reden nachzulesen. Unerschrockene Kommentare zur Politik dieser Tage, in der Sinnverdrehungen durch „alternative Fakten“ hoffähig geworden sind, wortmächtige Appelle, sich der so entstehenden Wortverzerrungen bewusst zu bleiben und sich zu empören – über den schleichenden Verfall jeglicher Debattenkultur. Neben dem vor gerechtem Zorn glühenden Hofburg-Auftritt sind im Buch unter anderem eine Rede zur Einweihung eines Mahnmals zur Erinnerung an die Bücherverbrennung 1938, die ORF-Rede 2017, an jenem Neujahrstag, als es keinen Bundespräsidenten gab, und eine zur zehnjährigen EU-Mitgliedschaft Österreichs enthalten.

Als keinen besonders wachen Bürger, „wankelmütig, urteilsunsicher, voller Zweifel, allerorts mit der eigenen Uninformiertheit und Ungebildetheit konfrontiert, schwankend zwischen schmachtender Mediengläubigkeit und anarchistischer Garnichtsgläubigkeit“, bezeichnet sich Köhlmeier. Eine Aussage, die sich spätestens dann ad absurdum fühlt, wenn dem Bürger Köhlmeier, wieder einmal der Geduldsfaden reißt. Wenn Politiker ihre „Sorge“ um den Antisemitismus dazu missbrauchen, Rassismus gegen Muslime zu schüren, wenn der Europagedanke zum Witz degradiert, wenn Demokratie zum Recht der Mehrheit über Minderheiten pervertiert wird.

Fordert jemand Köhlmeier auf, eine politische Rede zu halten, so Hanno Loewy in seinem fabelhaften Nachwort, erzählt er von seinen Begegnungen mit Menschen, oder vom Schmerz darüber, dass ihm solche nicht gelungen sind, erzählt von seiner Großmutter, die ihn in die Welt der Märchen eingeführt hat, von seiner Mutter, dieser unermüdlichen Krankheitsbekämpferin im Rollstuhl. Doch dann kann es ihm passieren, dass seine Trauer über jene, die ihre Geschichte nicht leben konnten, weil sie von der Politik ausgelöscht oder zum Spielball zynischer Ressentiments gemacht wurden, in Wut umschlägt. In eine Wut, der es gilt, die Würde des Menschen zu verteidigen. Das ist mehr politisches Programm, als manche Parteien sich ausdenken können.

Köhlmeier schärft die Sinne seiner Zuhörer, nun Leser, für den Missbrauch von Sprache durch politische Parolen, und für die Aufmüpfigkeit, sich dem Populismus zu widersetzen. Er zitiert Roberto Benigni und Leonard Cohen und Giorgio Agamben und Bertolt Brecht. Er sagt: „Ich nehme unseren Innenminister ernst. Er hat alle Tassen im Schrank; sie sind nur anders angeordnet als meine Tassen, aber geordnet sind sie.“ Er denkt laut darüber nach, was es bedeutet, Flüchtlinge „konzentriert an einem Ort zu halten“, über den Hochmut gegen jene, die sich gefälligst hintanstellen sollen, wenn vor ihnen die Schalter geschlossen, die Mittelmeergrenzen abgeschottet werden, es ihnen „ungemütlich gemacht“ wird.

Er philosophiert beinah prophetisch über die, die „den Namen George Soros als Klick verwenden zu Verschwörungstheorien in der unseligen Tradition der Protokolle der Weisen von Zion“. „Sichthaltige Gerüchte“, sagt Köhlmeier, dieser Terminus werde schon bald seinen Weg in die Wörterbücher finden. Und er kommt zu dem Schluss: „Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem großen Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung.“ Unbedingt nachlesenswert!

Über den Autor: Michael Köhlmeier wurde 1949 in Hard am Bodensee geboren und lebt heute in Hohenems in Vorarlberg. Er studierte Germanistik und Politologie in Marburg sowie Mathematik und Philosophie in Gießen und Frankfurt. Michael Köhlmeier schreibt Romane, Erzählungen, Hörspiele und Lieder und trat sehr erfolgreich als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten auf. Er erhielt für seine Bücher zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Rauriser Literaturpreis, den Johann-Peter-Hebel-Preis, den Manès-Sperber-Preis, den Anton-Wildgans-Preis und den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur. Im Herbst 2018 erschien sein neuer großer Roman „Bruder und Schwester Lenobel“.

dtv Literatur, Michael Köhlmeier: „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle. Reden gegen das Vergessen“, politische Reden, 96 Seiten. Mit einem Nachwort von Hanno Loewy.

www.dtv.de

  1. 12. 2018

Matt Ruff: Mirage

April 24, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Wie aus 9/11 ein 11/9 wird

mirage-9783423280211Matt Ruff ist kein Vielschreiber. Sein erster Roman „Fool on the Hill“ erschien 1988, die nächsten 1997, dann 2003 und 2007 und sein neuester „Mirage“ schließlich 2012. Denn gut Ding braucht bekanntlich Weile. Und das wissen auch seine Fans zu schätzen, zu denen ich mich zähle. Aber eines gleich vorweg: Man muss sich auf seine fantastischen Geschichten einlassen. So auch auf „Mirage“, wo sich der Amerikaner auf das politische Terrain wagt und die Geschichte rund um den 11. September 2001 kurzer Hand umschreibt – oder besser gesagt: Was wäre, wenn alles genau anders herum passiert wäre? Denn in seinem nun auch auf Deutsch erschienenen Roman stehen nicht die USA sondern eine muslimische Weltmacht im Bann des Terrors.

Bagdad, 9. 11. 2001: Das Attentat erschüttert die Vereinigten Arabischen Staaten (VAS), eine Supermacht, die sich vom Maghreb über die arabische Halbinsel und das Zweistromland hinweg bis zur Türkei erstreckt. Christliche Fundamentalisten steuern zwei Flugzeuge in die Türme des Welthandelszentrums von Bagdad, ein drittes ins arabische Verteidigungsministerium in Riad, während mutige Passagiere das vierte, für Mekka bestimmte, in der Wüste zum Absturz bringen. Die wirtschaftliche Supermacht sagt daraufhin dem Terror den Kampf an und besetzt 2003 die Ostküste von Amerika – Entwicklungsland und mutmaßliche Heimat der Terroristen. Acht Jahre später: Der Krieg neigt sich seinem Ende. Die Terrorgefahr ist allerdings nicht gebannt. Von einem verhafteten Selbstmordattentäter erfahren die Agenten der arabischen Homeland Security Mustafa, Samir und Amal Unglaubliches: In Wahrheit sei Amerika die Großmacht, die arabischen Staaten hingegen rückwärtsgewandte Dritte Welt-Länder. Bald entdecken sie, dass auch noch andere von dieser vermeintlichen Parallelwelt wissen und vor nichts zurückschrecken, um die Wahrheit über die „Fata Morgana-Legende“ zu verschleiern.
Mustafa und seine Kollegen bekommen von höchster Stelle den Auftrag, diesen mysteriösen Fall zu untersuchen und stoßen schon bald auf weitere Spuren: Der dubiose Unterweltsboss Saddam Hussain ersteigert regelmäßig im Internet Artefakte aus der Parallelwelt und auch Senator Osama bin Laden, dem enge Verbindungen zur Al Kaida, einer geheimen Dienststelle der arabischen Regierung, deren Spezialität antiterroristische Einsätze sind, nachgesagt werden, scheint daran sehr interessiert.
Eine Reise nach Amerika soll das Rätsel lösen. Schnell werden sie bei den Ermittlungen in das Geheimnis des Golf-Syndroms (allerdings das Golf-von-Mexiko-Syndrom – 1991 annektierten amerikanische Truppen Louisiana und machten es zum 19. amerikanischen Bundesstaat, bevor es von VAS-Truppen wieder befreit wurde) verwickelt. Die Betroffenen haben häufig Träume von einer anderen Welt, in der alles ganz anders ist und sind sich sicher in der „falschen“ Realität zu sein.

Matt Ruff spielt mit der Geschichte, und das macht dem 1965 geborenen Autor sichtlich Spaß. Alles ist 2009, in diesem Jahr spielt der Roman, genau anders herum, als wir es kennen. Und nicht erst seit 2001, sondern schon seit Jahrzehnten. Denn die Christlichen Staaten von Amerika bestehen bloß aus den Ostküstenstaaten, während Texas sich zur Evangelikalen Republik ausgerufen hat, Louisiana und Mississippi autonome Königreiche sind und Kalifornien sich aus allem heraushält. In Europa wiederum ist nach dem Beistand arabischer Truppen der Sieg über Hitler gelungen und Deutschland geteilt worden: in einen jüdischen und einen christlichen Staat.
Ruff überrascht nicht nur mit einer fantastischen Geschichte, bei der auch die persönlichen Schicksale der „Helden“ nicht zu kurz kommen, sondern auch mit liebevoll geschaffenen Details: Der Photoshop heißt nun Photobasar, die beliebteste TV-Serie der VAS ist der Echtzeit-Thriller „24/7 Jihad“, die Musik-Charts werden von der Punk-Band „Green Desert“ mit ihrem Hit „Arabian Idiot“ angeführt, in den USA gibt es natürlich auch die CIA, allerdings heißt sie „Christian Intelligence Agency“, und ist der primäre Spionagearm der Regierung der Evangelikalen Republik Texas, und Lyndon B. Johnson war von 1963 bis 2003 Präsident der Christlichen Staaten von Amerika, bevor er durch die arabische Invasion abgesetzt wird.
Dazwischen gibt es immer wieder eingestreut Auszüge aus der „Library of Alexandria“ Datenbank – der Spiegelwelt-Version von Wikipedia – durch die der Leser bei politischen Fragen oder wichtigen Figuren auf den nötigen Wissensstand dieser anderen Welt gebracht wird.
Was wie ein Thriller beginnt führt zu einer überraschenden Auflösung. Am Ende holt die Realität alle ein. Ein gigantischer Sandsturm löst alles auf, und keiner, ob Saddam Hussain, seine beiden Söhne oder Osama bin Laden, entgehen ihrem Schicksal, wie in der realen Welt.
Kleine Kritik an einem sonst aussergewöhnlichen Buch, das man nicht zur Seite legen möchte: Eine Zeittafel mit den wichtigsten Ereignissen und Akteuren in beiden „Welten“ wäre für alle nicht 100prozentig geschichtsaffinen Lesern durchaus empfehlenswert gewesen.

Über den Autor:
Matt Ruff, 1965 in New York geboren, wuchs als Sohn eines lutherischen Pfarrers in Queens auf. Er studierte Englische Literatur und Creative Writing. Er ist Autor der preisgekrönten Romane „Bad Monkeys“ und „Ich und die Anderen“ sowie der Kultklassiker „Fool on the Hill“ und „G.A.S. Die Trilogie der Stadtwerke“ und lebt heute mit seiner Frau in Seattle/Washington. An seinem neuen Buch „Mirage“ schrieb Ruff viereinhalb Jahre. Es erschien 2012 in englischer Sprache.

dtv, Matt Ruff: „Mirage“, 496 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini.

www.dtv.de

Wien, 24. 4. 2014