Das Beste fürs Patschenkino: 15 Filmtipps zum Streamen

Mai 6, 2020 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Meisterwerke von Jim Jarmusch bis Martin Scorsese

Suspiria: Mia Goth und Dakota Johnson. Bild: Courtesy of Alessio Bolzoni / Amazon Studios

Immer noch sind die Lichtspielhäuser #Corona-bedingt geschlossen, und kein Ende in Sicht. mottingers-meinung.at hat deshalb fünfzehn aktuelle Hochkaräter ausgewählt, die derzeit in diversen Online-Videotheken angeboten werden. Hier die Streaming-Tipps:

Suspiria. Seit Luca Guadagnino als Teenager Dario Argentos „Suspiria“ gesehen hat, wollte er seine eigene Version davon machen. Kein Remake, sondern eine Cover

Version ist es geworden, so seine Hauptdarstellerin Tilda Swinton – die hier mindestens zwei Rollen spielt – über das fulminante, packende und einzigartige Filmfeuerwerk. Ein visuelles Fest mit mitreißenden Tanzszenen, einem betörenden Soundtrack von Radiohead Thom Yorke, einem wunderbaren Ensemble – Dakota Johnson als Berliner Tanz-Stipendiatin mit düsterem Geheimis und Bildern voll atmosphärischen Horrors. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BY6QKRl56Ok

The Irishman. Großmeister Martin Scorsese und sein jüngstes Mafiaepos: Auftragskiller Frank Sheeran erinnert sich an die Zeiten, als er zum Nr.#1-Problemlöser von Big Boss Russell Bufalino avancierte und 1975 auf den korrupten Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa angesetzt wurde. Robert De Niro, Joe Pesci, Al Pacino – noch Fragen? Die Gang mal frisch aus dem CGI-Jungbrunnen, mal im Original, und stets einen originellen Spruch parat. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=WHXxVmeGQUc

Roma. In seinem 70er-Jahre-Drama fängt Alfonso Cuarón mit fast schmerzlicher Schärfe das Lebensgefühl in einer gutbürgerlichen Familie im Mexico City jener Jahre ein. Das wahre Drama erlebt allerdings deren Kindermädchen, die sich mit erschütternd stoischer Selbstverständlichkeit in ihre Klassenzugehörigkeit fügt. Mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet, erhielt der Film als erste Netflix-Produktion Chancen auf Anhieb drei Oscars. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=6BS27ngZtxg

Paterson. Heißt sowohl der von Adam Driver dargestellte Charaker, als auch die Stadt in New Jersey, in der er als Busfahrer arbeitet und daneben Gedichte an die kleinen Dinge des Lebens verfasst. Dieses ein ruhiger Fluss, das heißt: es wäre einer, hätte er nicht die quirlige Laura an seiner Seite. Mit dieser verschrobenen Ode an die Monotonie des Alltags zeigt sich Filmemacher Jim Jarmusch wieder einmal in Höchstform. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=32exBSNsaBw

Marriage Story: S. Johansson, A. Driver. Bild: © 2019 Netflix

Togo: Willem Dafoe. Bild: © Disney

Beautiful Boy: T. Chalamet, S. Carell. Bild: © Amazon Studios

Hell or High Water: C. Pine, Jeff Bridges. Bild: Lorey Sebastian

Marriage Story. Und noch einmal Adam Driver, diesmal in einer Tragikomödie von Noah Baumbach. Off-Broadway-Regisseur Charlie und sein Bühnenstar Nicole stehen vor dem Ende ihrer Ehe. Verläuft die Scheidung anfangs noch gesittet, bricht ein erbitterter Fight aus, als sich die zukünftige Ex Unterstützung von einer Anwältin holt. Scarlett Johansson und Laura Dern brillieren als Damendoppel in diesem Rosenkrieg, den sie so gar nicht als wehmütiges Postmortem einer gescheiterten Romanze führen. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BHi-a1n8t7M

The Report. Adam Driver, die dritte. US-Senatsmitarbeiter Daniel Jones wird die entmutigende Mammutaufgabe übertragen, interne Ermittlungen zu Inhaftierungs- und Vernehmungspraktiken der CIA durchzuführen. Dabei „stolpert“ er über deren „erweiterten Verhörmethoden“ nach den Anschlägen vom 11. September, brutal, unmoralisch und außerdem ineffektiv, Folter wie Waterboarding, Anketten in sogenannten Stresspositionen und laute Heavy-Metal-Musik zum Mürbemachen. Seine Vorgesetzte, die demokratische Senatorin Dianne Feinstein legt daraufhin Barack Obamas Stabschef einen 6700-Seiten-Report vor. So geschehen am 9. Dezember 2014. Sehenswert. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=x79Gf4cJDDE

Togo. Willem Dafoe in einem Wettlauf gegen die Zeit und das Wetter. Als im alaskischen Städtchen Nome im Winter 1925 die Diphtherie ausbricht, müssen ein Hundeführer und sein Leittier per Hundeschlitten schleunigst das Heilmittel herbeischaffen. Regisseur Ericson Core erzählt sein Survivaldrama nach einer tatsächlich stattgefunden habenden Rettungsmission. Der Norweger Leonhard Seppala und sein Hund Togo übernahmen dabei den gefährlichsten Teil der Tour. Spektakuläre Actionszenen und Taschentuchalarm, was will man mehr? Bei Disney+. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HMfyueM-ZBQ

Casting JonBenét. Zu Weihnachten 1996 wurde die sechsjährige JonBenét in ihrem Elternhaus in Boulder, Colorado, ermordet. Bis heute ist dies Verbrechen ungeklärt. Was natürlich den wildesten Spekulationen Tür und Tor öffnete – zumal es sich beim Todesopfer um ein kleines Mädchen handelte, das barbiehaft zurechtfrisiert und in nationalfarbene Rüschen gepackt eine ganze Reihe Little-Miss-Wahlen gewonnen hatte. Regisseurin Kitty Green lud für ihren doku-fiktionalen Film Menschen aus JonBenéts Umfeld zum „Casting“ für einen freilich nur fiktiven Spielfilm ein. Und lässt sie ihre Sicht auf die Ereignisse schildern und – schauspielern. Das Ergebnis ist so experimentell wie verstörend. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=-KMEOaMCJss

Hala: G. Viswanathan. Bild: © Courtesy of Sundance Institute

Roma: Marina de Tavira. Bild: Carlos Somonte

The Irishman: Robert De Niro und Al Pacino. Bild: © Netflix 2019

Casting JonBenet: Hannah Cagwin. © Netflix 2017

Beautiful Boy. Basierend auf dem Buch des New York Times-Autors David Sheff und seines Sohnes Nic spielt Steve Carell in Felix Van Groeningens Film den besorgten Vater des Crystal-Meth-abhängigen Sprösslings. Timothée Chalamet ist als Nic von schmerzhafter Eindringlichkeit, der Jungstar agiert, als ob sein Leben davon abhänge, wechselt Stimmungen in Sekunden, raunt, lallt, weint und zeigt die körperlichen und geistigen Veränderungen eines Süchtigen mit beinahe gespenstischer Präsenz. Ein Drogendrama nicht in irgendwelchen Slums, sondern gemäß der realen Geschichte in einem Wohlstandsghetto. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=y23HyopQxEg

Hala. Die 17-jährige Hala, eine Amerikanerin mit pakistanischen Wurzeln, kämpft darum, ihre Wünsche und Sehnsüchte mit ihren familiären, kulturellen und religiösen Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Bald aber trägt sie sie ein Geheimnis mit sich herum, das ihre traditionell denkenden Eltern in Aufruhr versetzen würde, wenn’s denn herauskäme. Geraldine Viswanathan im Film von Minhal Baig – ein Muss! Bei Apple TV+. Trailer: www.youtube.com/watch?v=4aS-qGHH6E0

Die zwei Päpste. Anthony Hopkins und Jonathan Pryce brillieren in Fernando Meireilles‘ Drama als Päpste Benedikt XVI. und Franziskus, zwei Pontifexe ganz unterschiedlicher Art im hintersinnig-witzigen Dialog über Gott und die Welt und die Kirche. Regisseur Meireilles entwirft großartige Bilder und Szenarien, wie sie vielleicht gewesen sein könnten. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=otP0z24W1yg

Hell or High Water. Um ihre Ranch vor dem finanziellen Ruin zu retten, werden zwei Brüder zu Outlaws. Der ungestüme Tanner Howard und sein jüngerer Bruder Toby beginnen einen Raubzug durch Texas, keine Bank, keine Postfiliale ist vor ihnen sicher, bis sie schließlich sogar einen Treuhandfonds anlegen können. Grandiose Loserstory mit Chris Pine, Ben Foster und Jeff Bridges als Texas Ranger. Regisseur David Mackenzies setzt mit seinem Neo-Western statt auf sinnlosee Schießereien auf eine souveräne Dramaturgie und ausgearbeitete Charaktere. Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=JQoqsKoJVDw

Systemsprenger: Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Systemsprenger. Bei Neflix. Filmkritik: Lauter Schrei nach Liebe

Wenn dieses Mädchen pink sieht, hat das nichts mit einer Barbie-Puppen-Welt zu tun. Grelles Rosa durchströmt Bennis Kopf, wenn sie einen ihrer Ausraster hat. Dann tobt die zierliche Neunjährige, schlägt – sogar nach Erwachsenen -, attackiert Gleichaltrige bis deren Blut fließt, schmeißt mit Tretautos, bis selbst Sicherheitsglas birst.

Die Bobbycars, die in einer der ersten Szenen durch die Luft fliegen, sind als Synonyme für eine glückliche Kindheit und eine frühe Zugehörigkeit zur Konsumgesellschaft gleichsam Bennis Feindbild. Derlei ist ihr nämlich verwehrt. Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule: Alles hat sie schon hinter sich, und überall fliegt sie wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art wieder raus. Benni ist das, was man beim Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt hat für dies Debüt, das auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann und als deutscher Bewerber für den Auslands-Oscar eingereicht wurde, intensiv recherchiert. „Systemsprenger“, erklärt sie, „sind Kinder mit unglaublicher Kraft und Ausdauer. Aber sie sind tragische Figuren, weil sie so früh schon Schlimmes erleben müssen, im schlimmsten Fall gewalttätige Jugendliche werden, und als nunmehr ,Täter‘ ihre Chancen für die Zukunft aufs Spiel setzen.“

Auch bei Benni ist nur der Rucksack mit ihren paar Habseligkeiten leichtes Gepäck, der emotionale Ballast samt Trauma aus der Babyzeit wiegt schwer. Und wenn ihr die Wut der Verzweiflung gar unkontrollierbar hochkommt, landet die Außenseiterin in der Kinderpsychiatrie, von Medikamenten „ruhiggestellt“ und im Bett fixiert. Helena Zengel, mit elf Jahren schon ein Profi vor der Kamera, spielt die Benni. Wie diese junge Schauspielerin mit einer jede Minute neu explodierenden Energie die Benni verkörpert, ist einfach phänomenal. Zengel changiert zwischen Frechheit und Fragilität, zwischen Tragi- und -komik, wenn sie das gibt, was man auf Wienerisch ein Rotzmensch nennt. Zum Herzbrechen traurig ist ihr ausdrucksloses Gesicht, wenn sie unter Drogen gesetzt auf Station liegt. Beängstigend wirkt ihr zuckender Körper, wenn sie ein anderes Kind krankenhausreif prügelt … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=34792

The Big Sick: Kumail Nanjiani. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

The Big Sick. Bei Amazon. Filmkritik: Multi-Kulti Love Story

Es kommt nicht oft vor, dass eine Liebeskomödie so gehyped wird wie „The Big Sick“. Nach der Weltpremiere beim Sundance Film Festival standen die Kritiker vor Freude Kopf, in Locarno gab’s den Publikumspreis, von Rotten Tomatoes 98 Prozent, und der Siegeszug geht weiter. Es scheint, als wäre Hauptdarsteller Kumail Nanjiani, der mit seiner

Frau Emily V. Gordon ihr Kennenlernen zu Papier brachte, ein Wurf gelungen.  Dabei beginnt „The Big Sick“ wie das Abziehbild jeder romantic comedy, die man jemals gesehen hat, die Charaktere klassische Archetypen, die Handlung eh-schon-wissen. Und dann kommt es auf einmal ganz anders. Kumail Nanjiani spielt sich selbst, den zur damaligen Zeit mäßig erfolgreichen Stand-up-Comedian (später machte er mit der Startup-Comedy „Silicon Valley“ Karriere) und Taxifahrer Kumail. Einen US-Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, der eher orientierungslos durchs Leben driftet. Nach einem Auftritt lernt er in der Bar Emily, gespielt von Zoe Kazan, kennen, man landet gleich im Bett, Beziehung kommt erst später. Doch der Haken an der Sache ist, Kumail bringt es nicht übers Herz, seinen liebenswert nervtötenden und natürlich schwer traditionellen Eltern von seiner „weißen“ Freundin zu erzählen. Ein Cousin hat nämlich eine, und ein Baby namens Da-ve, wer nennt sein Kind schon Da-ve?, und ist nun für die Familie gestorben.

Während Kumail sein Gewissen und vor allem Emily plagen, unternimmt die Mutter (Zenobia Shroff) in Endlosschleife hinreißend peinliche Versuche, ihn zu verkuppeln, an ihrer Seite Anupam Kher als stylischster Vater aller Zeiten. Was sich wie eine weitere Version von Multi-Kulti-„My Big Fat Pakistani Wedding“ anlässt, ist aber nur der erste Akt, die erste halbe Stunde, bis sich vor die -komödie ein Tragi- schiebt. Denn der Plot nimmt eine ungeahnte Wendung, die der bisherigen Fluffigkeit einen ernsteren Ton verschreibt. Man trennt sich, no na. Doch dann erkrankt Emily schwer an einem Lungeninfekt, der Virus bringt ihr Herz fast zum Stillstehen. Kumail rast ins Krankenhaus, wo ihre Eltern kein Interesse am Ex-Lover ihrer Tochter haben. Kumail muss sich beweisen und entscheiden, wie er sein Leben leben will … Die Gags sind trocken, die Dialoge witzig, die Story ist herzlich, Mentalitäten werden ausgelotet, ohne plakativ zu werden – das Ganze zündet fantastisch … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=27314

Beasts of No Nation: Idris Elba. Bild: Netflix

Beasts of No Nation. Bei Netflix. Filmkritik: Der Tod als Kindergesicht

Es gibt dieses 15-minütige Gemetzel. Da ist Agu schon unter Drogen gesetzt und setzt die Machete ein, wie’s und wo’s geht. Köpfe fliegen und Hände, und die Röcke von Frauen bei den Vergewaltigungen. Regisseur Cary Fukunaga rechtfertigt die gezeigten Grausamkeiten mit der Feststellung, der Krieg sei grausamer als jeder Film über den Krieg. Die Message hätte dieses Gemetzel nicht gebraucht, man versteht schon.

Aber die erste große Filmproduktion des Onlineanbieters Netflix will auf Hollywood machen. Irgendwo zwischen „Inglourious Basterds“ und „Gesichter des Todes“. Hier hat der Tod ein Kindergesicht. „Beasts of No Nation“ ist ein Film über Kindersoldaten in Afrika. Nach Angaben des sogenannten Machel-Berichts der UNO gibt es derzeit etwa 20.000 kämpfende Kinder im Alter zwischen neun und 18 Jahren. Olara Ottuno, der UN-Sonderbeauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten, schätzt, dass zwischen 1990 und 2000 etwa zwei Millionen Kinder gefallen sind, sechs Millionen Kinder zu Invaliden wurden und zehn Millionen Kinder schwere seelische Schäden davontrugen. „Beasts of No Nation“ ist ein wichtiger Film. Er basiert auf dem 2005 erschienen Debütroman von Uzodinma Iweala mit dem Titel „Du sollst Bestie sein!“ Der erschütternde Text ist eine Zusammenfassung von Schilderungen real gewesener Kindersoldaten, die Iweala „verstehen, nicht entschuldigen“ will.

Agu, Darstellerentdeckung Abraham Attah wurde in Venedig mit dem Marcello-Mastroianni-Preis ausgezeichnet, flieht in den Dschungel nachdem seine Familie abgeschlachtet wurde. Die Terrormiliz des Commandante greift ihn halbverhungert auf, Agu ergibt sich den Umständen. Kinder und Jugendliche sind in der Regel leichter zu rekrutieren als Erwachsene. Sie suchen Schutz, hoffen, ihre Existenz zu sichern, wollen soziale Anerkennung und möglicherweise ein Machtgefühl, das sie als Unbewaffnete nie hätten. Manche sinnen auf Rache, weil ein Feind Angehörige ermordet hat. „Sie zu töten war nicht schwer“, sagte der damals 15-jährige Sylvère in weltweiten Interviews, nachdem er von der UNO aus den Fängen der burundischen Hutu-Rebellenorganisation FNL befreit wurde. „Wer hat dieses Ding hierher gebracht?“, fragt der Commandante. Und man weiß nicht, ob das „Ding“ Agu ist oder der ganze Krieg. Idris Elba spielt den Anführer mit der lässigen Eleganz eines Brad Pitt als Lieutenant Aldo Raine … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=15922

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  1. 5. 2020

 

Theater zum Fürchten: Tschechow in Jalta

April 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als wär’s ein Original vom russischen Dramendichter

Philosophieren und politisieren am Meer: Florian Graf als Gorki, Dirk Warme als Tschechow und Hendrik Winkler als Bunin. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, derzeit als österreichische Erstaufführung „Tschechow in Jalta“. Das ist auch deswegen charmant, weil die älteste und größte freie Theatercompagnie des Landes heuer schon Tschechows „Onkel Wanja“ auf dem Programm hatte, inszeniert vom selben Regisseur, Rüdiger Hentzschel.

Und mit Dirk Warme als Wanja, nun Tschechow, Rainer Doppler als Ástrow, nun Nemirowitsch-Dantschenko, oder Sonja Kreibich als Sonja, nun als Stanislawski-Gattin Lilina, auch vom identen Personal gespielt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24032). „Tschechow in Jalta“ stammt aus den Federn der britischen Dramatiker John Driver und Jeffrey Haddow. Sie haben verschiedenste Quellen genau studiert, Olga Knippers Memoiren und ihren Briefwechsel mit Tschechow, die Lebenserinnerungen seiner Schwester Mascha, Aufzeichnungen von Stanislawski und des Tschechow-Freundes und späteren Nobelpreisträgers Bunin – die beiden haben in ihr Stück so zahlreich biografische Details eingearbeitet, dass man versucht ist zu sagen: So wird es ja wohl gewesen sein.

Der Plot ist schnell erzählt und beruht auf einer wahren Episode aus Tschechows Leben im April 1900: Der unheilbar an Schwindsucht erkrankte Arzt und Autor lebt zur Kur auf Jalta. Er verbringt seine Tage mit den Schriftstellerkollegen Maxim Gorki und Ivan Alexejewitsch Bunin. Da kommt unerwarteter und äußerst aufdringlicher Besuch: Das gesamte Moskauer Künstlertheater reist an, um dem „verehrten Meister“ seine Aufwartung zu machen und in der Stadt „Onkel Wanja“ aufzuführen. Allen voran der egozentrische Direktor Stanislawski, der sich als sensibler Künstler gibt, doch seine eigene Frau seelisch verkümmern lässt, mit von der Partie ist aber auch die Diva Olga Knipper, die so gern Frau Tschechow werden möchte. Weitere Rotten lästiger Schauspieler verleiden Tschechow die Rekonvaleszenz, und schließlich treibt sich auch noch die Geheimpolizei in der Nachbarschaft herum, weil so viel Theatertieren auf einem Fleck sowieso nicht zu trauen ist.

Drei Frauen um Tschechow: Sonja Kreibich als Lilina Stanislawski, Birgit Linauer als Mascha und Monica Anna Cammerlander als Olga Knipper. Bild: Bettina Frenzel

Der ewige Konflikt Autor gegen Theaterdirektoren: Rainer Doppler als Nemirowitsch, Randolf Destaller als Stanislwaski und „Gorki“ Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Driver und Haddow haben ein Stück geschaffen, das alle Elemente enthält, wie sie Tschechow selbst mit Vorliebe schrieb. Motive aus „Die Möwe“, „Die drei Schwestern“ oder „Der Kirschgarten“ schimmern durch die Handlung, Tschechows ewige Selbstbehauptung „Ich schreibe Komödien“ und ergo seine Unzufriedenheit mit den Regiearbeiten Stanislawskis und dessen Hang zu „langweiligen Pausen“ und Tränenauflösung des Publikums, die seltsame Ménage à trois mit seiner altjungferlichen Schwester Mascha und seiner heiß angebeteten Olga.

Nichts tut sich, keiner bewegt sich, alles ist Ennui, die Sorgen sind die einer vorrevolutionären Bourgeoise, nicht eines geknechteten Volkes, und Sätze fallen, wie vom russischen Dichterfürsten original verfasst: „Wie können wir nur leben in dieser Hoffnungslosigkeit …?“ – „Tschechow in Jalta“ ist wie jeder Tschechow ein schönes Konversationsstück, nur ohne eigentlich ernsthaft Inhalt. Alles atmet Birkenallee und Balaleikaklänge, doch werden diese Klischees sofort mit kleinen boshaften Seitenhieben konterkariert.

Es geht um Eitelkeiten, Rivalität und Eifersüchteleien am Theater, die Jagd nach Erfolgsstücken und das Ringen um Auslastungszahlen. Es geht um den immerwährenden Konflikt Autor-Regisseur und Regisseur-Finanzdirektor – und die Schauspieler gegen alle, die sie an ihrer Mimenwürde zu kratzen wähnen. Es geht um Mascha will Bunin, der sie nicht, Lilina betrügt Stanislawski mit Nemirowitsch, dem ist aber der künstlerische Männerbund wichtiger, als der zu einer Frau, und am Ende findet sich doch zumindest ein großes Liebespaar.

Rüdiger Hentzschel inszeniert die Tragikomödie denn auch wie ein Tschechow-Drama. Sein Bühnenbild ist entzückend naturalistisch, ein an eine Nobelvilla angeschlossener Garten mit Meerblick, eine der schönsten Szenen die, wie Tschechow, Bunin und Gorki dieses Meer aus jeweils ihrer gesellschaftspolitischen Sicht beschreiben. Das sagt beinah schon so viel über die russische Seele und deren Verwandtschaften, wie das Studium des gesamten Tolstoi. Der Titan samt seiner an einer Magenverstimmung laborierenden Ehefrau schwebt übrigens über dem Stück – durch ewige Abwesenheit glänzend, aber scheußliche Porträts verschenkend.

Hentzschel hat wie stets mit seinem Ensemble exakt gearbeitet; er versteht es, mit zwei, drei Handgriffen eine Figur entstehen zu lassen, einen Charakter plastisch zu erzählen, und so genügt ihm auch hier wenig, um vieles auszudrücken. Dirk Warme ist ein von seinem Ruhm unangenehm berührter Star, ein ständiger Flüchtling vor der ihm drohenden Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen. So spröde und unfreundlich er sich aber auch gibt, so lakonisch-trocken seine Antworten aufs Leben auch sind, kann der Humanist dennoch nicht verschleiern, dass für ihn der gute Mensch nicht vom großen Künstler zu trennen ist. Monica Anna Cammerlander gibt eine Olga, die, weniger karrieregeil als man’s dem Original mitunter unterstellt, diese besten Seiten im Manne wecken will.

Fjokla belauscht Lilina und Mascha in der Hoffnung auf gute Theatertipps: Samantha Steppan, Sonja Kreibich und Birgit Linauer. Bild: Bettina Frenzel

Florian Graf ist als Gorki ein Salonrevoluzzer, ein Beaujolais-Trinker in seidener Bauernbluse, sein Gegenstück, Hendrik Winkler als Bunin, ein zynischer Bonvivant, der sein Dasein als „bürgerlicher Dinosaurier“ wenigstens offen zur Schau trägt. Es macht Spaß, zu sehen, wie sehr manche Darsteller ihren Vorbildern auch optisch ähneln.

Allen voran Graf-Gorki, aber auch Rainer Doppler als MChAT-Verwaltungsdirektor und Lilina-Verführer Nemirowitsch oder Birgit Linauer als missgelaunte, weil immer von Neuem sitzengelassene Mascha. Randolf Destaller ist ein hinreißend selbstverliebter Stanislawski, der nicht ans Vaudeville glauben will. „Sie begreifen die Tiefe Ihrer eigenen Begabung nicht“, ruft er Tschechow auf dem Höhepunkt der Dramatik hochtrabend zu. („Die Wahrheit kann komisch sein, ja sie ist sogar lächerlich“, gibt Tschechow darauf, wie man weiß, zurück.) Später aber, als er von „Lilina“ Sonja Kreibich als Hahnrei enttarnt wird, wird er berührend kleinlaut sein.

Neben Florian Lebek und Max. G. Fischnaller als Schauspieler Luschki und Moskvin gelingt Samantha Steppan als Tschechows Dienstmädchen Fjokla ein Kabinettstückchen. Das so kokette wie naive Kammerkätzchen hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, ebenfalls zur Bühne zu gehen, und so fällt sie – als Zeichen ihres „Talents“ – zu jeder unpassenden Gelegenheit und zum Erstaunen ihrer Umwelt in höchst hysterische Ohnmachten. Ein Spaß ist das. Einer, den man gesehen haben sollte.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 26. 4. 2017