Volksoper: Die Räuber

Oktober 15, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Zurücklehnen und genießen

Die dunkle Seite der Macht – Karl inmitten seiner Räuber: Vincent Schirrmacher mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper gibt es zum zweiten Mal seit 1963 eine Inszenierung von Verdis „Die Räuber“ zu erleben – und die Inszenierung krankt vornehmlich an zwei Dingen: An der immer noch verwendeten deutschen Fassung von Hans Hartleb, die so hanebüchen Reim‘-dich-oder-ich-fress‘-dich daherkommt, dass es einem ein Graus ist. Und an dem vollkommen fehlenden Willen zur szenischen Gestaltung des Abends.

Regisseur Alexander Schulin dachte sich offenbar „Zurücklehnen und genießen“, denn dieses kann man mit Dirigent Jac van Steen wunderbar tun. Augen zu und durch! Verdi komponierte „Die Räuber“ 1847 nach Friedrich Schillers gleichnamigen Sturm-und-Drang-Drama für das Haymarket Theatre in London. Bei einem Kuraufenthalt im Veneto fasste er den Entschluss, sich des Stoffes anzunehmen; die Idee dazu entstand wohl in Gesprächen mit seinem Freund Andrea Maffei, der sein Kurgenosse war und Schillers Stück ins Italienische übersetzt hatte. Verdi, der eine Vorliebe für explosive Vater-Kind-Beziehungen hatte, fand Gefallen an der Geschichte rund um den Konflikt des ungleichen Brüderpaars Karl und Franz Moor. Bei der Uraufführung am 22. Juli des Jahres stand der Komponist selbst am Dirigentenpult, die Aufführung wurde zum Triumph.

Das „Melodramma tragico“ des Meisters ist noch ganz dem Belcanto verpflichtet, dies der ausdrückliche Wunsch der britischen Auftraggeber, lässt aber bereits seine späteren Werke erahnen. Entsprechend verbreitet das Orchester der Volksoper unter van Steen keinerlei Italianitá. Man setzt auf Heftigkeit und Kraft, und beides tut der Theatralik der Oper gut. Van Steen versteht Verdis Theaterinstinkt und dessen Abzielen auf größtmögliche Wirkung. Er spannt die Rezitative wie eine Feder für den folgenden Gefühlsausbruch.

Maximilian, Graf von Moor, ist erschüttert über die Intrigen seines Sohnes Franz: Kurt Rydl und Boaz Daniel mit David Sitka als Herrmann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Amalia leidet unter dem Treiben im Schloss: Sofia Soloviy und Boaz Daniel mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er versteht die Vaterfigur des Maximilian, Graf von Moor, gleich wie in „Rigoletto“ oder „Don Carlo“ als den Kern der Melodieschöpfung, und ergo das Duett Amalia/Franz als erotisch und leidenschaftlich, das von Amalia und Karl aber als keusch und bereits himmelwärts gewandt. Verdis Oper endet lapidar mit Amalias Tod von Karls Hand und mit dessen Ausruf: „Und nun zum Schafott!“ Der Chor, Einstudierung: Holger Kristen, ist van Steen die dunkle Seite der Macht – und wie immer an der Volksoper grandios. Das Brüderpaar verkörpern Vincent Schirrmacher als Karl und Boaz Daniel als Franz.

Schirrmacher ist ein Sänger und Schauspieler, wie ihn sich jedes Opernhaus nur wünschen kann. Der Tenor, dessen Stimme sich früher für das italienische Fach als bedingt geeignet erwies, „dreht voll auf“, wenn man’s so flapsig sagen darf, setzt ganz auf die dramatische Verzweiflung seiner Partie – und überzeugt kraftvoll und verwegen gesanglich auf ganzer Linie. Boaz Daniel, seinerseits in der Staatsoper so was wie der „Mann für alle Fälle“, liefert einen korrekten Franz ab. Sein Bösewicht besticht durch seine Trockenheit; Gefühle sind diesem Teufel fremd. Kurt Rydl hat als Maximilian einen „dunklen Abend“.

Er fokussiert seine Stimme auf das Leid seiner Figur, und mit rauem Timbre und merklichem Vibrato gestaltete er einen Vater, der einsehen muss, mehr als eine falsche Lebensentscheidung getroffen zu haben. Die beste Leistung bietet die ukrainische Sopranistin und Hausdebütantin Sofia Soloviy als Amalia, der gefürchteten Jenny-Lind-Partie, von Verdi der „schwedischen Nachtigall“ auf den Leib geschrieben – und angeblich der Grund für die seltene Aufführung der Oper. Soloviy geht durch diesen Mythos ohne Schaden zu nehmen. Sie hat italienisches Timbre, versteht es, klar zu phrasieren und kann ihre Stimme in höchste Höhen schrauben. Als Hermann und Roller ergänzten David Sitka und Christian Drescher achtbar die Riege der Solistin und der Solisten.

Karl will seinen von Franz in den Tod getriebenen Vater rächen: Kurt Rydl und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Was nun die Optik betrifft, hatte Alexander Schulin wenig Einfälle. Nichts ist hier so effektvoll wie die Musik. Das Vorspiel wird ihm zum Celloabend von Roland Lindenthal im Hause Moor. Danach bestimmt ein schwarzer Kubus von Bettina Meyer die Bühne. Er kann sich um die eigene Achse drehen und stellt – siehe Interview im Programmheft – die Innenwelten dar. Die im Schloss und die seelischen. So viel zum Raumkonzept, ah ja, die Bäume im Wald sind Neonröhren. Dazu passen die historisierenden Kostüme von Bettina Walter nicht.

Personenführung gibt es de facto keine. Sämtliche Bewegungen der Solisten und des sonst so spiel- und rollengestaltungsfreudigen Chores sind vorhersehbar (furchtbar, wie Franz mit in der Luft zappelnden Beinchen stirbt); dass Rydls alter Moor auch der Pfarrer Moser ist, fällt nicht weiter auf, man denkt, ein Greis im Nachtgewand … Alle Gesten wirken wie aus den anno-anno-Jahren, als man Opernsängern vorwarf, gerade mal drei Handbewegungen zu beherrschen. Wie Stewardessen beim Erklären des Befindens der Notausgänge.

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  1. 10. 2017

Volksoper: Hoffmanns Erzählungen

Oktober 16, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Jacques Offenbach vom Sockel geholt

Beate Ritter triumphiert als Olympia. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine mannstolle Metall-Colombina: Beate Ritter singt sich als Olympia von Höhepunkt zu Höhepunkt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Teufel macht von Anfang an das Spiel, erzählt, wie er bei der Uraufführung das Wiener Ringtheater in Flammen aufgehen ließ und später in Paris das Orchestermaterial vernichtete, weil ihn Jacques Offenbach in „Orpheus in der Unterwelt“ verlacht hatte. Das sind die Mythen und Legenden, die sich um dessen einzige große Oper „Hoffmanns Erzählungen“ ranken, und in der Brandruine von 1881 findet denn auch die Aufführung von André Barbe und Renaud Doucet an der Volksoper statt.

Das französische Regie-Dreamteam stellt eine gothic graphic novel auf die Bühne, bewegt sich so gewitzt entlang von E. T. A. Hoffmanns romantischen Schauergeschichten, die Fülle an Grauen-Grusel-Gänsehaut-Ideen, ihre überbordende Liebe zu Details hätte auch drei Inszenierungen befüllt. Und so wie einen die wilde Jagd optisch umbraust, alles ist hier Temperament und Tempo, so ist auch das Dirigat von Gerrit Prießnitz weniger subtil als scharf geschliffener Sturm und Drang. Da scheint es fast Konzept zu sein, dass ihm im Giulietta-Akt kurz, aber heftig die Zügel entgleiten, wenn’s im gestreckten Galopp dem Ende zu geht.

Barbe und Doucet haben Jacques Offenbach im Wortsinn von seinem Sockel geholt. Als bronzenes Männlein turnt er durch die Szenerie, dirigiert da, gestikuliert dort, immer ein paar Partiturblätter bei der Hand; Christian Drescher verleiht ihm Gestalt und Stimme, wenn der Komponist wie zum Gaudium in die Rollen der Faktoten Cochenille, Franz und Pitichinaccio schlüpft. Beim Grande Finale schließlich wird er von seinen Figuren geehrt und gefeiert werden.

Der Spielmacher: Josef Wagner, hier als Doktor Mirakel, mit Anja-Nina Bahrmann als Antonia. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Spielmacher: Josef Wagner, hier als Doktor Mirakel, mit Anja-Nina Bahrmann als Antonia. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der Lasterhöhle der Giulietta: Mirko Roschkowski als Hoffmann und Juliette Mars als Muse/Niklaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der Lasterhöhle der Giulietta: Mirko Roschkowski als Hoffmann und Juliette Mars als Muse/Niklaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Zu den schönsten Pop-up-Bildern dieses Cherchez la femme! gehören die Offenbach’sche Kopfmaschine in Lutters „Höllenbar“, das Labor des Spalanzani, in dem sich eine verrückte Cyborg-Gesellschaft amüsiert, und der Schneepalast der ihre Seele aushauchenden und bereits als halbes Röntgenbild erscheinenden Antonia. Ach, die Anatomie der Liebe. Dass allerdings auch hier, im Überleiten zum verruchten Venedig, nicht auf Gags und Gimmicks verzichtet werden konnte, Dr. Mirakel macht auf Max Schreck, die Walküren-Mutter aufersteht, als ob der Geist von Richard Wagner einen schlechten Tag gehabt hätte, ist schade.

Gerade die ohnedies schon als solche angedachte Eiswelt der Antonia hätte sich für einen Temperaturwechsel in dieser überhitzten Aufführung voller sexueller Anspielungen angeboten, der eine Zäsur an dieser Stelle gutgestanden hätte. Als ein Zur-Ruhe-kommen auf der Bühne und im Zuschauerraum, als ein stillerer Albtraum inmitten der irren Nachtmahre.

Als Dämon der Kunst brilliert einmal mehr Josef Wagner. Wie er den Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel oder einen Mussolini’schen Dapertutto gestaltet, kann man’s wohl sagen: Sein Name ist Legion. Sehr schön auch die lebende Köpfekiste, die Coppelius zur Anpreisung seines optischen Sortiments an der Leine mit sich führt. Wagner, am Haus zuletzt ein fabelhafter Don Giovanni, überzeugt darstellerisch wie gesanglich, ist ein gespenstischer und unheimlicher Spielmacher, mal berechnender Zyniker, mal kalter Nihilist, dann wieder so superschurkisch wie ein Comic-Bösewicht. Welch eine Show!

An seiner Seite wird Mirko Roschkowski als Hoffmann mit seiner stattlichen Statur und seiner schön timbrierten Stimme mit fast immer sicherer Höhe in das Format seiner Rolle bald hineinwachsen, er überzeugt fürs Erste mit seiner sehr charmanten und sympathischen Studiosus-Art. Aus der ausgezeichneten Gesamtleistung stechen Juliette Mars als Muse/Niklas mit satirischen Zwischentönen, Anja-Nina Bahrmann als hinreißend lyrische Antonia und Stefan Cerny vor allem als Krespel hervor. Einige Gesangsstücke wurden im französischen Original belassen: die berühmte Barkarole samt Hoffmanns „Chant bachique“, die Romanze der Antonia und ihr Liebesduett mit Hoffmann und die „Air“ der Olympia.

Das große Finale wird zur Hommage an Offenbach: Christian Drescher (M.). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das große Finale wird zur Hommage an Offenbach: Christian Drescher (M.) als in Bronze gegossener Komponist. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Als diese holt sich Beate Ritter verdient den größten Applaus ab. Ihre Olympia ist eine von Offenbach per Fernbedienung gesteuerte und bald überdrehte Colombina, eine mannstolle Roboterfrau, die sich im Laufe ihres Auftritts zum bestrapsten Sextoy entblättert. Ob das eine Doppel-D-Körbchen freiwillig oder unfreiwillig abging, man wird’s nie erfahren, klar ist jedenfalls, dass Ritters einwandfreie Koloraturen in vielfacher Hinsicht ein Höhepunkt sind.

Zum Schluss gab’s großen Jubel, nur da und dort blieben ein paar Bemurmler, denen das Ganze zu wenig Weihetempel war. Die Arbeit von André Barbe und Renaud Doucet aber macht einfach Spaß, sie ist ein fantastisches Spektakel, gedacht für ein Publikum, das sich in einen Regierausch entführen und von Eindrücken trunken machen lassen will. Heißt: Wenn hier einer lieber in den Keller lachen geht, muss es schon der Auerbach’sche sein.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=PplGIV313lU

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Wien, 16. 10. 2016

Volksoper: Fürst Igor

März 20, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Seltsames Werk mit Sonnenblumen

Sebastian Holecek als Fürst Igor, Chor der Volksoper Wien Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Sebastian Holecek als Fürst Igor und der Chor der Volksoper Wien
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

An der Volksoper kann eine Wiederentdeckung nur teilweise gefeiert werden. „Fürst Igor“ von Alexander Borodin wurde unter der musikalischen Leitung von Alfred Eschwé und in der Regie von Thomas Schulte-Michels zumindest zum Triumph für Sebastian Holecek in der titeltragenden Rolle und für den Volksopern-Chor. Beide wurden mit Bravorufen bedankt, Eschwé und Schulte-Michels hingegen mussten sich mit einigen Buhs abfinden.

Das mag beim traditionsbewussten Opernpublikum auch daran gelegen haben, dass das Leading Duo etliche, durchaus sinnhafte Änderungen und damit eigentlich Restaurierungen vorgenommen hatte. So aber war das Werk in Wien, wo es an der Staatsoper ohnedies erst zwei Mal als Neuinszenierung, zwei Mal als Gastspiel aufgeführt worden war, noch nie zu hören. 18 Jahre lang arbeitete Borodin an dieser Oper, bis er sie, weil 1887 verstorben, unvollendet zurückließ. Es kam seinem Kollegen und Freund Rimski-Korsakow und dessen Schüler Glasunow zu, sie zu Ende zu schreiben.

Eschwé nun strich diesen Zugriff wieder großzügig aus der Partitur, er kürzte das Ganze auf zweimal 70 Minuten, die Ouvertüre um ihrer „Ausstattung“ beraubt gar auf dreieinhalb, und erlaubte sich den klugen, als publikumswirksam gedachten Schachzug, die Polowetzer Tänze, das einzige, das an „Fürst Igor“ irgend bekannt und berühmt ist, weil ein von Bing Crosby und Tony Bennett unter dem Titel „Stranger in Paradise“ interpretierter Welthit, vor die Pause zu stellen. Das wurde ihm dadurch möglich, dass auch Schulte-Michels kräftig umstellte, abwechselnd Szenen in Russland und bei den Polowetzern zeigte, also die von Rimski-Korsakow vorgenommene Vertauschung der Akte eins und zwei rückgängig machte. An den Schluss, und dies die größte Erregung bei den After-Show-Gesprächen, stellte er nicht die große Rede Igors, sondern eine komische Nummer der beiden Bänkelsänger Skula und Eroschka.

„Fürst Igor“ ist ein seltsames Werk. Es hat einen klar ausgewiesenen Schurken, doch die meisten Figuren bleiben ambivalent, einen Helden sucht man vergebens. Borodins Sympathien mögen bei der Fürstin Jaroslawna, Igors Frau, gelegen haben, ihr widmet er nämlich einige der schönsten Melodien. Fürst Igor also bricht auf in den Krieg gegen die Polowetzer, die immer wieder sein Reich überfallen. Dieses und die Gattin übergibt er in die Obhut seines Schwagers Galitzky. Igor und sein Sohn Wladimir werden vom Khan vernichtend geschlagen und gefangen genommen, doch der Khan erweist sich als großmütig und bietet Igor gegen einen Nichtangriffspakt die Freiheit an. Der nimmt natürlich nicht an. „Ehre!“ ist das in dieser Oper am meisten geschmetterte Wort, und was wurde dieser Begriff nicht menschheitsgeschichtlich falsch verstanden, doch schließlich flieht er, weil Galitzky in der Heimat ein Schreckensregiment errichtet. Wladimir und die Tochter des Khans aber haben sich unsterblich ineinander verliebt, und der Herrscher gibt seinen Segen dazu, unter der Auflage, dass der Sohn am nächsten Tag an seiner Seite gegen den Vater in die Schlacht zieht. Der ahnt derweil noch nichts Böses und sorgt erst einmal daheim für Recht und Ordnung. Aus. In Russland ist die Oper eine Art Nationalheiligtum. Der „Einigkeit macht stark“-Gedanke passte zu jeder Zeit und unter jedem Regime ins Großreich.

Borodin aber hatte, so scheint’s, für die Polowetzer nicht weniger Sym- oder Antipathie wie für die Russen. Für die einen hat er opulente, heitere, orientalisch gefärbte Klänge komponiert, die anderen können mit bedeutungsschweren Melodien, wie russischen Volks- und Kirchenliedern entliehen, glänzen. Wohlklingende Chöre nehmen musikalisch den breitesten Raum der Oper ein. Das Orchester allerdings hatte am Premierenabend keine Sternstunde. Eschwé gelang es kaum die Feinheiten der Borodin’schen Kompositionen zu bedienen, weder wurden Folkloreklangfarben großzügig aufgetragen, noch lyrische Momente mit großer Zartheit entfaltet. Die meiste Zeit wurde plakativ und wenig differenziert musiziert.

Die gesanglichen Leistungen der Solistinnen und Solisten stehen allerdings außer Frage. Allen voran brillierte Sebastian Holecek, der als Fürst Igor seinen kraftvollen Bariton von Höhepunkt zu Höhepunkt führte. Seine große Arie war zweifellos der Moment des Abends. Auch Melba Ramos als Jaroslawna und Annely Peebo als Khan-Tochter Kontschakowna überzeugten stimmlich, wiewohl Peebo kleinste Probleme in der Tiefe hatte. Dies lässt sich auch über den Charakterbariton von Martin Winkler als Galitzky sagen, Winkler sah sich allerdings und offenbar als einziger im Stande, aus seiner Rolle einen spannenden, in seinem Fall sinistren Charakter zu formen. Ihm beim Spielen und Intrigieren und Grausamsein zuzusehen war eine Freude. Soran Coliban als Khan kämpfte ebenfalls ein wenig mit extremen Lagen, ließ seinen Bass aber dennoch kräftig klingen. So wie Vincent Schirrmacher seinen schönen, glockenhellen Tenor. Auch Stefan Cerny und Christian Drescher als Skula und Eroschka waren stimmlich deutlich mehr auf der Höhe als darstellerisch-komödiantisch. Da wäre viel mehr möglich gewesen.

Und dies der große Vorwurf an die Aufführung: An der Rampe wurde prächtig gesungen und mit den Händen gerungen, aber ansonsten? Lethargie. Es ist unverständlich, warum Schulte-Michels, der dem Volkstheater unter Michael Schottenberg etliche auch in ihrer Aussagekraft herausragende Abende schenkte, hier mit seiner Theaterpratzn nicht hinlangte. Eigentlich ist doch schauspielerischer Stillstand auch am Musiktheater und an der Volksoper unter Direktor Robert Meyer im Besonderen längst passé. Optisch entwirft Schulte-Michels für die Russen eine schwarz-düstere Hölle, während die Polowetzer zwischen riesigen Sonnenblumen lustwandeln dürfen. Die sind auch Sitzmöbel und Kerker für die Gefangenen und dies der Hinweis darauf, dass hier der Schein trügt, und weit und breit der einzige Regieeinfall.

Ausführlicheres hätte man zum Werk durchaus sagen dürfen. Über einen Ehrbegriff von vorgestern, der Völker in immer wieder neue, alte Kriege hetzt – und die Frage, ob sich das je ändern mag. Schließlich weist Borodin sogar musikalisch aus, dass der Heide auch ein kultivierter Herrscher sein kann, wenn er nur will, Coliban gibt ihn als bauchigen Gemütsmenschen, während sich die sogenannte zivilisierte Gesellschaft unter Galitzky in Windeseile von jeglicher Mitmenschlichkeit selbstbefreit. Die Jaroslawna hat hier die ganz große Szene, wenn die vom Bösewicht und seinen Mannen sexuell bedrängten Mädchen sie um Hilfe anflehen. Es genügt eben nicht ins Ballett ein paar Streetdanceelemente einzustreuseln und in den Logen Fanlichter erklimmen zu lassen, um für ein Publikum anno 2016 eine Botschaft zu formulieren. Warum spielt man heute ein Werk wie „Fürst Igor“ überhaupt noch? Und wenn ja, wie?

Als Politsatire, beispielsweise. Als Kommentar zu Europas neuem Nationalismus, seinem Chauvinismus, dem politischen Säbelrasseln allerorts. Schulte-Michels tut das immerhin in der Schlussszene mit Skula und Eroschka. Die beiden politischen Wendehälse schaffen es gerade noch rechtzeitig zurück ins nunmehr richtige Lager. Von Galitzky zu Fürst Igor. Sie haben verstanden, dass das Volk bald einem als Führer nachläuft, und lassen laut ihre Rufe nach dem aktuell starken Mann erschallen. Die Opportunisten und Manipulatoren obsiegen, sie schwimmen sicher durch jedes System, das ist das Schönste, das man über eine Oper, die deren mehrere gesehen hat, sagen kann. Zeitlos gültig und zurzeit gültig. Mehr davon wäre mehr gewesen.

www.volksoper.at

Wien, 20. 3. 2016