Jüdisches Museum Wien: Die drei mit dem Stift. Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges

Mai 6, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zeichnen als Werkzeug zum Überleben

Bil Spira, Zeichnung aus dem Lager Blechhammer, Gouache und Buntstifte auf Papier, 1944 © Imperial War Museum London

Ab 8. Mai zeigt das Jüdische Museum Wien Zeichnungen von Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges. „Die drei mit dem Stift“ eint ein gemeinsames Schicksal. Drei Künstler, die als jüdische Kinder in Wien aufwuchsen, ihre Heimat nach dem so genannten „Anschluss“ verlassen mussten und anderswo erfolgreich wurden – zwei in den USA, einer in Paris. Ihre Zeichenstifte setzten sie als Werkzeuge zum Überleben ein, als nicht nur friedliche Waffen.

Die drei, das ist zum einen Lily Renée, geboren 1921; sie entkam nach England und konnte sich in New York als Zeichnerin und Illustratorin von Kinderbüchern verwirklichen. Unter anderem machte sie aus der Comics-Superheldin Señorita Rio eine Kämpferin gegen Nazis und andere böse Mächte und schuf damit zur Kultfigur für Generationen von Fans.

Fotografie, Lily Renée, 1940er © Privatbesitz

Lily Renée, Titelblatt Fight Comics, Dezember 1946 © Privatbesitz Lily Renée

Das ist ferner Wilhelm „Bil“ Spira (1913-1999), Porträtist und Karikaturist, Maler und nicht zuletzt ein begnadeter Fälscher: Unzähligen in Vichy-Frankreich Gestrandeten fertigte er Visa und Pässe für eine Passage in die Freiheit an. Spira überlebte Verrat und Vernichtungslager, nach dem Krieg konnte er seine Karriere in Paris erfolgreich fortsetzen.

Bil Spira beim Porträtieren von Fans im Böhmischen Prater, 1938. © Wien Museum / Bild: Robert Haas

Bil Spira, Karikatur für die Arbeiter-Zeitung, 2. Juli 1933 © Jüdisches Museum Wien

Das ist schließlich Paul Peter Porges (1927-2016); als Kind bereits an der Wiener Kunstgewerbeschule, als Halbwüchsiger in der „Kinderrepublik“ und in Internierungslagern in Frankreich, als junger Mann in der Genfer Kunstschule. Mit Mutterwitz und dem Stift in der Hand schaffte er es in die Vereinigten Staaten und dort auf die großen Bühnen für Cartoonisten, allen voran den New Yorker und das Mad Magazine.

Paul Peter Porges, Zeichnung, Anschluss Heldenplatz, ca. 2000 © Jüdisches Museum Wien

Paul Peter Porges, mit Selbstporträt, während seiner Zeit bei der US-Army, 1951-52 © Jüdisches Museum Wien

Diese drei Zeichner haben Erstaunliches zu Papier gebracht – enthüllende Karikaturen und liebevolle Porträts, Satiren auf die Gesellschaft und Dokumente des Schreckens. Aus Wien stammend, mussten und konnten sie sich anderswo behaupten. Während der Flucht beziehungsweise Gefangenschaft und danach setzten sie ihre Fähigkeiten auch als künstlerische Waffen ein. Mit Feder, Bleistift und Pinsel, vor allem mit Witz und Courage, zeigten sie auf, was ist und was anders sein soll, was der Lächerlichkeit preiszugeben ist und was nicht vergessen werden darf. Das Jüdische Museum Wien zeigt eine repräsentative Auswahl an Arbeiten. Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges – für das österreichische Publikum neu entdeckt.

www.jmw.at

6. 5. 2019

Bronski & Grünberg Theater: Kasimir & Karoline

April 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein purer, ehrlicher, beinharter Horváth

Er beherrscht die lauten, wie die leisen Momente der Inszenierung: Christian Strasser als Kasimir. Bild: © Dietmar Tollerian

Und wieder eine sehenswerte Produktion im Bronski & Grünberg Theater. Regisseurin Katharina Schwarz hat „Kasimir & Karoline“ inszeniert, das Stück mit dem Untertitel „Drei Abnormitäten üben Empathie“ und ergo dem Zusatz „nach …“ versehen – doch was sie auf die Bühne stellt, ist ein so purer, ehrlicher, beinharter Horváth, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Wobei, Bühne ist nicht. Schwarz hat im kleinen Spielraum inmitten des Publikums Platz für vier Stationen gefunden, an denen die Oktoberfest-Entgleisungen stattfinden. Eine davon ist eine Karaoke-Bar, in der sich die diversen Unersättlichkeiten von der Seele gesungen werden. Eine ein schnapstrunkener Schanigarten-Campingtisch. Eine unter einer Glühbirne, hier werden die dunkelsten Ecken des menschlichen Daseins ausgeleuchtet. Und der junge Mann, der in der zweiten Reihe Lolli lutscht, gehört natürlich auch schon dazu.

Es sind drei Schauspieler, die den Horváth-Text stemmen: Christian Strasser, Katharina Wawrik und Robert Finster, und alle drei verfügen sie über ein ausgeprägtes komödiantisches Talent. Denn Schwarz hat sich das Gfeanzte bei Horváth auf die Fahnen geschrieben, ihre Arbeit changiert zwischen satirisch und sarkastisch, und es ist schon zum Lachen, wenn die berühmten Sätze wie Stammtischsprüche deklamiert werden: „Man muss das immer trennen, die allgemeine Krise und das Private“, „Wenn es dem Manne schlecht geht, dann hängt das wertvolle Weib nur noch intensiver an ihm“, „Wir sind alle nur Menschen, besonders heute“ – und sehr schön: „Jähzornige Leute sind ja meistens gutmütig“.

Der Kommerzienrat hat ein Auge auf Karoline geworfen: Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Doch die lutscht lieber Lolli mit dem Schürzinger: Katharina Wawrik und Robert Finster. Bild: © Dietmar Tollerian

Schwarz zeigt ein tiefes Verständnis für die Horváth-Sprache. Sie charakterisiert über sie die Figuren, lässt ihr Trio wahlweise im brutalen Jargon, im gepflegten Dialekt oder in der vom Autor vorgeschriebenen Kunstsprache sprechen, und so macht sie Kleinbürger zu Kunstfiguren, Proletarier zu Proleten. Dazwischen, nein: in der Hauptsache, weiß sie um die Macht der Horváth’schen Pausen, seine Leerstellen im Gesprochenen, die Sprachlosigkeit und dem Ringen der Charaktere um Ausdrücklichkeit, und pflegt dies besonders sorgfältig. Die Schauspieler „schweigen“ das Unaussprechliche nicht nur an, sie loten es aus. Mit den letzten Takten aus „Cabaret“, Trommelwirbel, Tusch, werden die kurzen Szenen als quasi Blackouts getrennt.

Die Darsteller (re)agieren mit Tempo und Temperament und in erster Linie Trotz aufs Leben an sich und die Verhältnisse im Besonderen. Die Stimmung wechselt zwischen naiver Verbitterung, abgeklärtem Weltverstehen und aggressivem Selbstmitleid, man ist mal personifizierte Empörung, mal hektisch und zänkisch, die Auseinandersetzungen sind lautstark – und umso mehr berühren die leisen Momente der Aufführung. Vor allem Christian Strasser als Kasimir erweist sich diesbezüglich als ein Meister.

Mit einem Handgriff wird aus einer Rolle eine andere. Strasser verwandelt sich mit Sonnenbrille und Zigarre in den großkotzigen Kommerzienrat, Robert Finster ist – graue Strickweste an, graue Strickweste aus – bald ein schüchtern-ängstlicher Zuschneider Schürzinger, bald der Kleinkriminelle Merkl Franz, Katharina Wawrik wird mit rosa Perücke von der Karoline zur Merkl Franz seiner Erna. Es folgen Frontalangriffe mit Alkohol und Freddie Mercurys „Don’t stop me now“. Fantastisch, wie schlecht und falsch das Ensemble insgesamt singt; auf dem Höhepunkt der Handlung und seiner Verlassenheit interpretiert Kasimir/Strasser Tammy Wynettes „Stand by your man“. Auf dem Weg nach Altötting fliegen schließlich ein Büstenhalter weit und ein rechter Arm in die Höhe …

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Katharina Wawrik, Robert Finster und Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Derart subtil sind Schwarz’ Anmerkungen zur Zeitgeschichte und zum gegenwärtigen Zeitgeschehen. Am Ende folgt das Mantra ”Es geht immer besser, besser, besser …“, 1932 so aktuell wie 2017, die Rollen verschwimmen, nicht länger ist klar, wer ist wer, der Bub mit dem Bulldoggenkopf, Juanita, das Gorillamädchen, jeder Zeit ihre Monstrosität. Denn, siehe Untertitel, die Abnormitäten sind längst wir. Freigesetzt, gekündigt, vom Arbeitsplatz entfernt.

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln, und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen…“ Zu sehen bis 6. Mai. Im Mai gibt es auch Zusatzvorstellungen von „Der Spieler“ – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24236

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 13. 4. 2017

Wiener Festwochen: Три сестры / Drei Schwestern

Mai 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gottes in Nowosibirsk vergessene Kinder

Bild: Frol Podlesny

Andrej, zwei Schwestern und Anfissa: Ilja Musyko, Irina Kriwonos, Elena Drinewskaja und Darja Jemeljanowa. Bild: Frol Podlesny

Timofej Kuljabin und sein Teatr Krasnyi Fackel aus Nowosibirsk zeigen bei den Wiener Festwochen Tschechows „Drei Schwestern“ in russischer Gebärdensprache. Im Vorfeld erklärte der Intendant und Regisseur, es sei ihm daran gelegen, seine Arbeit mit den „uralten Konventionen der Tschechow-Inszenierungen“ kontrastieren zu lassen.

Der von Schauspielerstimmen quasi bis zum Gehtnichtmehr abgenudelte Text solle via Überzeilen in den Köpfen der Zuschauer neu entstehen – denken statt zuhören sei angesagt. Was nun im Museumsquartier zu sehen ist, ist allerdings keine Neuerfindung des Theaters, nicht einmal eine neue Theaterform, sondern eine ziemlich angestaubte plus eingelernter Gestikulation. Die Inszenierung ist langatmig, langweilig und, was beinah das Schlimmste ist, noch nicht einmal verschmockt.

Für ein Publikum, das den russischen Bildungskanon so oft gesungen hat, dass er ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist, mag das Ganze noch irgendwie eine Möglichkeit sein. Allen anderen würde bei einer Aufführung, die allein aufs Schauen ausgelegt ist, durch das von Kuljabin sogar verordnete Mitlesen des Textes genau dieses genommen. Dabei hat Kuljabin jede Tschechow-Silbe ausinszeniert, mit vier Stunden fünfzehn und drei Pausen sieht man die „Drei Schwestern“ sozusagen in Echtzeit, samt Randfiguren an deren Existenz man sich nicht einmal mehr erinnern konnte, doch geht freilich ohne die Sprache die Lakonie, der Sarkasmus, der Witz der Tschechow’schen Worte verschütt. In Wien wurde diese Saison schon eine Arbeit in Gebärdensprache gezeigt, und die Trainerin, die diese mit den Darstellern einübte, meinte im Gespräch, die Gebärde eigne sich nicht für Zwischentöne, für Stichelei oder Spott, sie sei immer wahrhaftig und nie geschätzig. Das ist in diesem Fall ein Problem, ein großes Problem.

Umso mehr, als es der Nowosibisker Truppe nicht gelingt, Sprache durch Körpersprache zu ersetzen, heißt: das zu gestalten, zu verkörpern, sich einzuverleiben, was zu sagen oder eben auch nicht laut auszusprechen ihnen genommen wurde. Sie hinken im Ausdruck den gebotenen darstellerischen Mitteln hinterher, einzig Denis Frank schaffte es aus dem Kulygin einen Charakter zu formen, zwar den bekannten gutmütig-peinlichen, aber immerhin.  Und auch Andrej Tschernych als Tschebutykin bemüht sich um Konturen. Der Rest ist farblos und mit der Schaffung einer rhythmischen Geräuschkulisse beschäftigt, einer Kakophonie aus Highheels-Gestöckel, Thrillerpfeife, Fingergetrommel und Klappern mit ein paar Schachfiguren. Bilder, die daraus Seelenzustände beschreiben, gibt es zu wenige. Das Schönste ist ein Brummkreisel, ein Geschenk zu Irinas Namenstag, dessen Vibrationen auf dem Tisch der Gesellschaft wie zum Klang einer fremden Welt werden.

Bild: Frol Podlesny

Die Tischgesellschaft unterhält sich in russischer Gebärdensprache. Bild: Frol Podlesny

Bild: Frol Podlesny

Doch einzig Denis Frank als Kulygin gestaltet aus seiner Figur einen Charakter. Bild: Frol Podlesny

Nun sind der Interpretation natürlich Tür und Tor geöffnet, wenn Kuljabin eine Intelligenzija zeigt, die in der kulturellen Dumpfheit der Provinz stumm in der Erstarrung verharrt. Schließlich sollte er ob seiner „Tannhäuser“-Inszenierung vor etwa einem Jahr wegen Gotteslästerung angeklagt werden. Der Metropolit von Nowosibirsk berief sich dabei auf das wegen des Pussy-Riot-Punkgebets verabschiedete Blasphemie-Gesetz. Jetzt zeigt der Theatermacher Theater mundtot gemacht. Einzig Sergej Nowikow als Ferapont hat eine Stimme, der im Original gegenüber allen Beschwerden schwerhörige Amtsdiener, der neue Sowjet-Mensch, dessen Zeit längst gekommen ist und schon wieder kommt. Und doch erschließt sich auch an dieser Logik nicht, warum Natascha nichts zu sagen hat; alles in allem stellt sich die Sinnfrage. Kuljabins „Drei Schwestern“ sind ein Planspiel in einem von Schminktisch bis Standuhr genauestens definierten Puppenhaus, aufs Durchdeklinieren seiner Figuren hat der Regisseur nicht so viel Sorgfalt verwandt. Aber „Verfremdung“ als Selbst-Zweck, die Gebärde eingesetzt als l‘art pour l’art, das ist einfach ein bisschen zu wenig.

Video: www.youtube.com/watch?v=eeqCspD4gv4

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Идеальный муж / Ein idealer Gatte: www.mottingers-meinung.at/?p=20289

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Wien, 29. 5. 2016

Burgtheater: Drei Schwestern

März 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Blabla-Chor aus dem Provinzkaff

Fabian Krüger, Martin Vischer, Falk Rockstroh, Michael Masula, Karten Riedel, Philipp Hauß, Bernhard Moshammer, Marie-Luise Stockinger, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek / Burgtheater

Fabian Krüger, Martin Vischer, Falk Rockstroh, Michael Masula, Karsten Riedel, Philipp Hauß, Bernhard Moshammer, Marie-Luise Stockinger, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek / Burgtheater

Es ist zwar nicht die Neuerfindung der Tschechow-Interpretation, aber eine gut gemachte Arbeit. Und vor allem eine sehr sympathische. David Böschs Inszenierung der „Drei Schwestern“ am Burgtheater kann sich sehen lassen. Ein Regisseur, der die Protagonisten des russischen Dramatikers mitten in ihrem pseudophilosophischen Geplapper als Blabla-Chor eines Provinzkaffs Aufstellung nehmen lässt, hat vieles bis ins Innerste verstanden.

Beispielsweise Tschechows tragikomische Sicht auf die Tücken eines alltäglichen Lebens. Denn dessen „Drei Schwestern“ und andere Theaterwerke verhandeln nicht das überwältigende Weltenunglück, sondern das kleine, überspannt und überdrüssig machende und nur aus diesem Grund elementar große. Niemand erkenne, wie glücklich er eigentlich sei, singen Karsten Riedel und Bernhard Moshammer zu Beginn, ersterer hat sich zur musikalisch-russischen Seele eine Balalaika-ähnliche Laute zugelegt, und das ist es im Kern. Mag sein, es liegt am eigenen Älterwerden, aber der Revolutionsruf „Nach Moskau!“ klang noch nie so hohl, man muss sich die kleinen Freuden selber machen, riesig erscheinen von allein nur die Probleme. „Mit Bart oder ohne, ich bin zufrieden“, sagt der Lehrer Kulygin. Und es kann an der Spielkraft von Darsteller Dietmar König liegen, aber man ist mit ihm d’accord.

Harald B. Thor hat auf die Bühne ein Zelt aus transparenten Abdeckplanen gestellt. Herbstblätter fallen pausenlos, eine Baustelle ist das hier, eine mit Klavier und Sofa, alles hat etwas Provisorisches, etwas so Beiläufiges, wie diese Gesellschaft eben ist. Unnützes Zeug schwätzend ist man unnütz. Und die Arbeit? Mein Gott, jeder, der sie ausprobiert, ist von ihr doch angewidert. Die Figuren sind allesamt Träumer ohne den Willen zur Verwirklichung, Müßiggänger, aber anrührend in ihrer Fehlbarkeit. Nichts, das nicht aus Langeweile passiert, von Lesen bis Lieben, von Saufen bis Sex. Letztlich ist „Drei Schwestern“ ein Stück beinah ohne Handlung, gewisslich ohne Hauptrolle, in den Akten eins und zwei ein endlos enervierender Party-Small-Talk, das „Gewaltige“, das da auf die Menschen zukommen wird, hält sich noch bedeckt. Nichts und niemand entwickelt sich, Katharsis, Peripetie – Fehlanzeige, und in diesem Sinne darf man in Tschechows Stücken beruhigt absurdes Theater sehen. Seine Figuren sind wie Versatzstücke in einem Endzeitdrama, geredet wird nicht miteinander, sondern aneinander vorbei. So hat das David Bösch in Szene gesetzt. Unaufgeregt, ohne ausholende Gesten, aber mit viel Liebe zu inszenatorischen Details und mit empathischem Blick auf das Menschsein.

Dieser trifft auch Natalja Iwanowa, die Stefanie Dvorak von der Landpomeranze zur Bissgurn verwandelt, die Rache fürs Verlachtwerden macht die neue Hausherrin zur Haustyrannin, und dennoch gewährt Bösch diesem Geschöpf einer neukeimenden Schicht einen effizienzbefreien Moment – sie weint mit Baby am Busen ob der Abgestumpftheit ihres Ehemanns Andrej. Das ist der Moment. Ein Beleg dafür, wie die anämische Abwartehaltung der Intelligenzija auch dem Volk das Blut aussaugt. Nie wird es Gleicher unter Gleichen sein, dabei sind die Lebenskonzepte des Bürgertums doch an ihrem Ende angelangt, sie taugen nichts mehr. Der Prosorow-Erbe und seine Schwestern sind passive Zuschauer eines Geschehens, das die Geschichte ihres Untergangs verhandelt. Entsprechend bewegt sich Philipp Hauß als Andrej auch wie ein vor Müdigkeit gealterter Mann. Die Geige spielend und sein Schicksal mit deren Bogen anfechtend scheint er von Auftritt zu Auftritt hüftspeckiger, ein Frustfresser zu werden. Er ist blind aus Bequemlichkeit, an anderen prangert er an, was er selber ist. Dvorak und Hauß spielen das sehr gekonnt. Vor allem Hauß liefert ein Kabinettstück der Untüchtigkeit.

Von den Schwestern trifft wohl Aenne Schwarz als vom Dasein lasziv angewiderte Mascha am besten die Tschechow-Temperatur. Katharina Lorenz gibt eine spröde, vernunftbewehrte Olga, Marie-Luise Stockinger die störrisch-sehnsüchtelnde Irina. Wie sie sorgenvoll auf Sörgchen herumkauen, um ihre Sorgen zu verdrängen, wie sie zwischen Trübsalblasen und Temperamentsausbruch changieren, zwischen Mutlosigkeit und Misstrauen in die Zukunft. Dann kauft euch doch ein Bahnticket und los geht’s!, möchte man rufen, und weil man das möchte, zeigt sich das schauspielerische Können, mit dem diese Kümmernisse über die Rampe kommen. Und dann ist da eine, Elisabeth Augustin ganz großartig als Anfissa, deren Leben tatsächlich bedroht ist, von Arbeitsplatzverlust und ergo Altersarmut, und die drei werden samt ihrem Seelenschmerz ganz klein.

Tatsächlich ans Herz gehen an diesem Abend zwei Herren. Eben Dietmar König als Maschas Mann Kulygin, peinlich bis zum Fremdschämen, aber dennoch voller Würde in seiner Witzlosigkeit. Und Fabian Krüger als Werschinin, der gar nicht zynisch, sondern sehr lapidar ist in seinen Lebensbetrachtungen. Wie Krüger seinen Werschinin als Architekt für eine bessere Zukunft entwirft, an der er aber nicht mehr teilhaben will, wie man erahnt, dass seine beiden Töchter in Gefahr sind, die nächsten „Schwestern“ zu werden, macht er den Garnisonskommandanten zur tragischsten Gestalt der Aufführung. Zu dem einen, dessen Geschick wirklich etwas Unausweichliches hat. Michael Masula, Martin Vischer und Falk Rockstroh fügen sich als brutal-erotomanischer Soljony, dessen Konkurrent um Irinas Gunst Tusenbach und meist volltrunkener Militärarzt Tschebutykin perfekt ins Bild. Martin Vischer gestaltet den Leutnant-Baron angepasst unschneidig, wie von einer morbiden Angst zerfressen, Rockstroh den desillusionierten Mediziner als Gespenst dessen, der er mal war.

Nach dem Brand zieht Bösch die Schraube stärker an, entwickelt Verzweiflung und Verdrossenheit bis zum Finale. Dieses ebenfalls ohne Furioso, sondern unter dem Feldzeichen der Resignation. Wenn hier Stockinger als Irina weggeht, darf man annehmen, dass es ihr an neuer Stelle wiederum nicht passen wird, diesem verwöhnten Kind. Sie reißt die Plastikplane ein, doch der Wind wird nicht zum Aufbruch durchs Haus wehen. „Das Leben, so wie es ist, und weiter weder piep noch pup“, so wollte Tschechow laut seinen Tagebüchern die menschliche Existenz beschreiben. David Bösch hat das mit seiner Inszenierung getan, nicht mehr, nicht weniger, und wohltuend wollte er an keiner Stelle schlauer sein, als der Autor. So einer, der sich als Regisseur jeden erklärbemühten Ausstattungsschnickschnack verwehrt, der einfach und ehrlich und offenherzig Tschechow spielen lässt, hätte sich für seine Arbeit mehr als nur Anerkennungsapplaus verdient.

www.burgtheater.at

Rezension: „Iwanow“ am Volkstheater: www.mottingers-meinung.at/?p=18246

Wien, 29. 3. 2016

Forum Frohner: Friedrich Cerha. Sequenz & Polyvalenz

Februar 10, 2016 in Ausstellung, Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Komponist als bildender Künstler

Friedrich Cerha Bild: Hertha Hurnaus/Archiv der Zeitgenossen

Friedrich Cerha
Bild: Hertha Hurnaus/Archiv der Zeitgenossen

Am 17. Februar feiert Friedrich Cerha seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass zeigt das Forum Frohner in Kooperation mit dem Archiv der Zeitgenossen einen Aspekt des Œuvres dieses Ausnahmekünstlers, der der Öffentlichkeit bislang wenig geläufig ist: sein bildnerisches Werk. Mit der Schau „Sequenz & Polyvalenz“ , die am 13. Februar mit einem Werkgespräch zwischen dem Künstler und Dieter Ronte, dem Leiter des Ausstellungshauses, eröffnet wird, zeigt sich die Konsequenz, mit der der Komponist sein bildnerisches Schaffen seit vielen Jahrzehnten verfolgt. In Maria Langegg, nicht weit von Krems entfernt, sind die Arbeiten vorwiegend entstanden. Mit Niederösterreich verbindet Friedrich Cerha über seinen Wohnsitz im Dunkelsteinerwald hinaus auch eine Kindheit im Weinviertel: Adolf Frohner war in Kindertagen Spielgefährte. Und auch später verlor man sich nicht aus den Augen. Im Forum Frohner begegnen die Künstler nun einander im Werk, in ihrem Sinn für das Archaische und Materialhafte.

Parallel zu seinem bedeutenden musikalischen Schaffen hat Friedrich Cerha seit den 1950er-Jahren seine kontinuierliche Auseinandersetzung im visuellen Bereich vorwiegend in Form von Assemblagen, aber auch in Form von Malerei verdichtet. Reliefartige Oberflächen dominieren. Plastizität wird ebenso durch den Einsatz von Fundstücken erzeugt wie durch einen materialhaften Zugang zur Farbe. Friedrich Cerha, der in seinen Texten sprachgewaltig Bezüge zwischen den unterschiedlichen Disziplinen seines umfassenden künstlerischen Ausdrucks herstellt, verfolgt – in serieller Bearbeitung nachvollziehbar – gewisse Stränge über mehrere Jahrzehnte. Seine abwechslungsreiche Vertiefung und Fokussierung von Faktoren wie Rhythmus oder Polychromie strukturiert das mehr als 900 Objekte umfassende Werk.

Das Bild „Baals Frauen“, das im Forum Frohner zu sehen sein wird, kann als Angelpunkt zwischen bildnerischem und kompositorischem Werk, konkret der Oper „Baal“, betrachtet werden. Doch nicht nur in diesem Fall zeigt sich die Querverbindung zum musikalischen Schaffen deutlich. Dem 1969 entstandenen Stück für Kammerensemble „Catalogue des objets  trouvés“, das 1970 durch „die reihe“ uraufgeführt wurde, ging die Studie auf Bildebene voraus. Im Ensemblestück wie in vielen anderen Assemblagen wird Friedrich Cerhas Verhältnis zu Fundstücken erkennbar: „Ich hatte schon als Kind eine besondere Beziehung zu den kleinen Dingen, die uns umgeben. Und die ich schön und anziehend fand, habe ich gesammelt: Steine, Wurzeln, altes Holz, Metallteile, Samen, Baumrinde, Münzen … und ich habe mit ihnen gelebt.“

Die Ausstellung steht in Verbindung mit einem wissenschaftlichen Symposium, das im Archiv der Zeitgenossen stattfindet. Im Fokus steht der Komponist Friedrich Cerha als neugierig Experimentierender, der mit verschiedenartigem „Material“, sei es musikalischer, sprachlicher oder tatsächlich greifbarer Natur, künstlerisch arbeitet und sich von Denk- und Strukturmodellen unterschiedlicher Disziplinen inspirieren lässt.

Friedrich Cerha im Musikverein: Uraufführung durch das RSO Wien

Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Chefdirigent Cornelius Meister spielt an zwei Abenden Werke von Cerha: Am 3. März sind im Wiener Konzerthaus neben Joseph Haydns Ouverture zu „Acide e Galatea“ und Gustav Mahlers „Adagio“ Cerhas „Baal-Gesänge“ zu hören, es singt Jochen Schmeckenbecher Am 9. April steht im Musikverein die Uraufführung von Friedrich Cerhas „Drei Sätze für Orchester“  aus dem Jahr 2015 auf dem RSO-Programm, ein Auftragswerk der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Weitere Werke dieses Konzerts sind Joseph Haydns Symphonie Nr. 6 und Benjamin Brittens „Spring Symphony“. Es singen Eleanor Dennis, Alice Coote, Andrew Staples, die Wiener Sängerknaben und der Wiener Singverein.

Zum Künstler:

Friedrich Cerha zählt zu den bekanntesten Komponisten des Landes. Seine Opern „Baal“, „Der Rattenfänger“, „Der Riese vom Steinfeld“ werden an renommierten Bühnen gezeigt, seine Werke werden bei vielen internationalen Festivals und Konzertzyklen aufgeführt. Er leistete wichtige Pionierarbeit bei der Präsentation neuer Werke, aber auch der Musik der Klassischen Moderne, vor allem der Wiener Schule. Cerhas Herstellung einer spielbaren Fassung des 3. Akts der Oper „Lulu“ von Alban Berg (Uraufführung 1979 in Paris), hat der Musikwelt ein wesentliches Werk des 20. Jahrhunderts vollständig erschlossen. Im Alter von sechs Jahren begann Cerha Geige zu spielen, bereits als Zehnjähriger stellte er seine Kompositionen vor und erhielt auf eigenen Wunsch Unterricht in Kontrapunkt und Harmonielehre. Noch vor Abschluss des Gymnasiums leistete er als Luftwaffenhelfer aktiven Widerstand, desertierte zweimal von der deutschen Wehrmacht und erlebte das Kriegsende als Hüttenwirt in den Tiroler Bergen. Ab 1946 studierte er in Wien Komposition, Geige und Musikerziehung sowie Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaften. Gemeinsam mit Kurt Schwertsik gründete er 1958 das Ensemble „die reihe“ zur Schaffung eines permanenten Forums für Neue Musik in Wien. 1978 gründete er mit Hans Landesmann im Wiener Konzerthaus den Zyklus „Wege in unsere Zeit“. Lange Jahre war Friedrich Cerha Lehrer an der Hochschule für Musik in Wien, er war als Professor für „Komposition, Notation und Interpretation neuer Musik“ ein wichtiger Wegbereiter für viele junge Komponisten. Friedrich Cerha ist nach wie vor kompositorisch tätig. Aktuell entstanden etwa die komische Oper „Onkel Präsident“, die 2013 in München zur Uraufführung kam und auch an der Volksoper gezeigt wurde, und eben die „Drei Sätze für Orchester“, die das RSO im April erstmals zu Gehör bringen wird.

www.friedrich-cerha.com

www.forum-frohner.at

rso.orf.at

Wien, 10. 2. 2016