Werk X-Petersplatz streamt: Gott ist nicht schüchtern

März 3, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

La création de l`homme Baschar

La création de l`homme Baschar al-Assad, davor: Diana Kashlan. Bild: © Alexander Gotter

Amal: Und was stimmt mit dir nicht?

Hammoudi: Ich habe zugesehen, wie neunhundertsiebzehn Menschen starben.

Diese erste Szene ist das stärkste, das die Bühnenfassung von Olga Grjasnowas Roman „Gott ist nicht schüchtern“, erarbeitet von Regisseurin Susanne Draxler und Dramaturgin Lisa Kärcher, noch bis heute Mitternacht auf werk-x.at

kostenlos zu streamen, zu bieten hat. Mann und Frau, beide in blütenweißen Anzügen, sie flüstert ihm etwas ins Ohr, seine Miene verdüstert sich, das ist geheimnisvoll, da will man mehr erfahren … Gleich wird man wissen, dass die beiden hier am Schluss ihrer Geschichte angelangt sind, die Schauspielerin und der Chirurg, zwei junge Menschen, die sich im Arabischen Frühling in Damaskus engagierten und im syrischen Bürgerkrieg endeten – und es ist wichtig, dass es diese Inszenierung nun gibt, begeht doch dieser zwischen dem Regime Assad, der kurdischen Miliz, dem IS und Gott weiß noch wem ausgetragene Kampf 2021 sein schauriges zehnjähriges Jubiläum. Die Fluchtrouten aus der Krisenregion – geschlossen, die Festung Europa hat grad Pandemie. Bitte bleiben Sie Zuhause, auch wenn dieses eine unbeheizbare, durchnässte Notunterkunft am Rande von Nirgendwo ist! Einmal sagt Hammoudi Europa hätte „die neue Rasse Flüchtling“ erfunden.

Gott. Der kommt einem an diesem Abend des Öfteren in den Sinn. Nicht nur wegen des Buch- wie Stücktitels. Auch wegen der Bühnengestaltung von Hawy Rahman, der Bagdad-Wiener, der die drei Golfkriege überlebte, und für den Spielraum Petersplatz ein Graffito frei nach Chagalls „La création de l’homme“ entwarf. Doch, doch, man ist sich auch beim zweiten Hinsehen ziemlich sicher – und wird bestätigt, als Assad-Anhänger die Zeichen an der Wand mit „Baschar ist unser Gott“ preisen.

Es spielen die tschechisch-arabisch-österreichische Schauspielerin Diana Kashlan und Werk-Xler Johnny Mhanna, er tatsächlich in Damaskus geboren und vergangenen September live in „Geleemann“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41554). Das heißt: Die beiden spielen eben nicht, sie sind die meiste Zeit in der Erzählerrolle – wie das Romandramatisierungen halt oft so mit sich bringen, noch dazu eine von Olga Grjasnowa, in dem viel passiert, doch wenig gesprochen wird. Und so fehlt im Wortsinn das Dramatische, und die protokollarische, authentische Härte, mit der die Autorin und Ehefrau des syrischstämmigen Schauspielers Ayham Majid Agha auf Gewalt, Grausamkeit und Folterzellen blickt, wird zu einem künstlichen künstlerischen Distanzhalten.

Diana Kashlan und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Verhört von der Geheimpolizei. Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Nur ab und zu blitzt auf, was Grjasnowa zu schildern hat. Mit Humor, wenn Mhannas Hammoudi, gerade auf dem Möbiusband einer Behördenendlosschleife gelandet, sagt, in Syrien seien diese Wartezimmer wie Gefängnisse, man wisse nicht warum und wie lange man sitzen müsse. Mit Schrecken, wenn Kashlans Amal, mitten in der Nacht von der Geheimpolizei verhaftet und zum Verhör gebracht, erklärt, was der Mensch der Reihe nach verliert: Zähne, Würde, Freiheit, Leben. Und nein, hier will niemand einen Gewaltporno sehen, und ja, es ist an dieser Stelle niemals üblich Künstlerinnen und Künstler mit Herkunfts- und Heimatbegriffen zu punzieren.

Aber diese österreichische Erstaufführung der „Nestbeschmutzer & innen“ hat eine Wahrhaftigkeit „verspielt“, die die Vorlage erstens hat, und für die die Autorin vom deutschen Feuilleton teils sogar getadelt wurde, und für die nicht zuletzt der großartige Johnny Mhanna ein Garant gewesen wäre. Und ginge es darum, ein österreichisches Publikum abzuholen, so hätte man die Claire-Story, Hammoudis Lebensgefährtin in Paris, wo er sieben Jahre lang gelebt und studiert hat, und zu der er nicht mehr zurückkehren wird, ausbauen können. Die Entsetzlichkeit, den geliebten Mann in einem Krisengebiet zu wissen und nur mit viel Glück eine Handyverbindung zu haben …

Für all das entschädigt, und das ist der Punkt: sehenswert, Johnny Mhanna mit einem abschließenden Monolog. Die Protagonisten begegnen einander in Berlin wieder. Er als gewesener Chirurg, der im Untergrund von Deir ez-Zor in einer illegalen Ambulanz die Notversorgung für die Bevölkerung aufrechterhielt, sie, die ihren Namen „auf der Liste“ fand, flüchtete und im Mittelmeer fast ertrunken wäre. Sie, die höchst erfolgreich eine TV-Kochshow über orientalische Spezialitäten moderiert, er, der ohne Papiere in Europa kein Mensch, geschweige denn ein Arzt ist.

Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Und wie bezeichnend sind diese letzten Augenblicke. Hammoudi berichtet von seiner Odyssee, Polizei, Erstaufnahmestelle, Unterbringung in Hostels quer durch Deutschland, fünf Asylwerber aus fünf verschiedenen Ländern mit fünf verschiedenen Sprachen schnarchen in einem Zimmer, „wir können uns gegenseitig nicht einmal Gute Nacht wünschen“. Das Warten auf die Anhörung, die Verachtung, die Missachtung, Asylverfahren

und Deutschkurs. Und schließlich Kashlan als gelangweilte Beamtin, die es nicht einmal der Höflichkeit Wert findet, Hammoudis Namen richtig auszusprechen, und die, was Deir ez-Zor und eine Flucht nach Deutschland betrifft, sprichwörtlich keine Ahnung hat, wo Gott wohnt und wie er heißt …

werk-x.at/premieren/gott-ist-nicht-schuechtern

  1. 3. 2021

KosmosTheater: Ronald Kuste in „Wunsch und Wunder“

März 2, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine groteske Fortpflanzungskomödie von Felicia Zeller

Ronald Kuste spielt Dr. Flause. Bild: Bettina Frenzel

Ronald Kuste spielt Dr. Flause. Bild: Bettina Frenzel

Eine aktuelle Umfrage in Deutschland kommt zu dem Schluss, etwa 64 Prozent der 18- bis 30-Jährigen stehen dem sogenannten. „Social Freezing“ aufgeschlossen gegenüber oder haben diese Methode sogar schon genutzt. In Österreich kann die Familienplanung durch das Einfrieren von Eizellen bis zu zehn Jahre nach hinten verschoben werden und steht der Karriereplanung damit nicht im Weg.

Großkonzerne wie Google, Apple und Facebook unterstützen ihre Mitarbeiterinnen dabei sogar finanziell. Aber auch kinderlose Paare können die Erfolgschancen einer Schwangerschaft mit Hilfe der Reproduktionsmedizin erhöhen, sofern sie bereit sind, die damit verbundenen physischen wie auch psychischen Strapazen auf sich zu nehmen, welche die notwendige Hormontherapie mit sich bringt.

In ihrem Stück „Wunsch und Wunder“ beschäftigt sich Felicia Zeller mit den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin und dadurch real gewordenen Schöpfungsfantasien. Während sich diverse Kliniken hauptsächlich auf Paare mit unerfülltem Kinderwunsch konzentrieren, stellt Zeller nicht das persönliche Leid in den Fokus, sondern schreibt eine groteske Komödie rund um das Team der erfolgreichen Kinderwunschpraxis „Praxiswunsch“. Der Text, 2015 für den Mühlheimer Dramatikerpreis nominiert, hat am 10. März im KosmosTheater Premiere. Regisseurin der österreichischen Erstaufführung ist Susanne Draxler.

Ihre skurrilen Figuren stehen, so Zeller in einem Interview,  stellvertretend für verschiedenste Haltungen und Lebensläufe, sind zugleich „Handelnde als auch Zubehandelnde“: Dr. Flause, Pionier der Reproduktionsmedizin und Gründer der Kinderwunschpraxis wird von der ständigen Angst geplagt, von einem der zahlreichen – mit eigenen Samenspenden – gezeugten Wunschkind entlarvt zu werden. Während seine Praxiskollegin Dr. Betty Bauer verzweifelt versucht, ein Kind zu bekommen, ist die Sprechstundenhilfe schon wieder ungewollt schwanger. Eine Karenzvertretung muss her und noch ahnt niemand, dass es sich dabei ausgerechnet um eines der gezeugten Wunschkinder handelt, auf der Suche nach dem biologischen Vater…

Zeller nähert sich dem Thema auch sprachlich an und lässt Sätze ineinander verschmelzen, wie es sich eben ergibt: unregelmäßig, absurd und ungeplant. Die Rolle des Zufalls ist für Felicia Zeller wesentlich, er ist nicht nur in der Natur ein entscheidender Faktor, sondern bleibt es auch im sterilen Reagenzglas – eine Schwangerschaft kann schlussendlich auch mit medizinischer Hilfe und hoher emotionaler und monetärer Investition nicht garantiert werden. Wunsch und Medizin konkurrieren in Zellers Text, die Realität wird dem Märchen gegenüber gestellt und die „Machbarkeit“ dem Zufall.

Für „Wunsch und Wunder“ wurde ein erstklassiges Ensemble zusammengestellt. Ronald Kuste, bis 2015 Schauspieler am Volkstheater, spielt den Dr. Flause. Mit ihm stehen Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Nikolaus Firmkranz und Katharina Haudum auf der Bühne.

www.kosmostheater.at

Wien, 2. 3. 2016

Kosmos Theater: Dr. Österreicher sieht fern

Januar 15, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück in 3 TV-Sendungen und 2 Werbepausen

Maria Fliri, Nikolaus Firmkranz, Peter Bocek Bild: Bettina Frenzel

Maria Fliri, Nikolaus Firmkranz, Peter Bocek
Bild: Bettina Frenzel

Am 21. Jänner hat am Kosmos Theater „Dr. Österreicher sieht fern“ Premiere. Ein Stück in drei Fernsehsendungen und zwei Werbepausen. Am Tag des deutschnationalen und politisch weit rechts einzustufenden Akademikerballs, Jahr für Jahr symbolträchtig in der Hofburg zelebriert und von der  Wiener FPÖ als „märchenhaft rauschende Ballnacht“ bezeichnet: Wien tanzt! Wien brennt!

Dr. Österreicher sieht fern.
Er zappt durch das Angebot.
Bei den Bildern von der Protestkundgebung zum Ball hält er inne.
Morgen wird er sie bereits vergessen haben.
Gesehen, registriert, vielleicht kurz dazu geäußert und weitergezappt.
Die Nachricht als vergänglichstes aller Güter.

In Form der drei TV-Formate, „Am Schauplatz Hofburg“, „Club 3000“ und „Messer Gabel Hirn“, gestalten vier AutorInnen in Anlehnung an Frisch, Bernhard und Handke einen „Theaterabend in drei Episoden mit mehreren Werbepausen“ rund um die Frage der Tradition des Akademikerballs in Wien. Der Theaterraum mutiert zum TV-Studio und zeigt eine multimedial inszenierte Wirklichkeit.

Mit: Peter Bocek, Maria Fliri und Nikolaus Firmkranz. Texte: Martin Fritz, Thomas Köck, Gerhild Steinbuch und Cornelia Travnicek. Regie: Susanne Draxler.

www.kosmostheater.at

Wien, 15. 1. 2015