Drachengasse Live-Stream: Spielräume. Elfriede Gerstl

April 8, 2021 in Buch, Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Grass, Kapplstudenten & Kumpel mit Lidstrich

Shlomit Butbul und Tania Golden lesen Elfriede Gerstls „Spielräume“. Screenshot: Theater Drachengasse. @ Beseder, Verein für darstellende und bildende Kunst

„Ich bin ein kleines Pinkerl und setzt mich in ein Winkerl, und weil ich nichts kann, fang‘ ich nichts an“, rezitiert Erni Mangold und lächelt verschmitzt. Jahaha, weil man ihr genau das glauben mag! Das 94-jährige ewige Mädchen hat sich aus St. Leonhardsberg zugeschaltet, um eine zu ehren, die sie bei keiner ihrer Lesungen vergisst: die österreichische Literatin Elfriede Gerstl. Dramaturgin Susanne Höhne hat deren

surrealistischen Roman „Spielräume“ für die Bühne adaptiert, Tania Golden hat den Text szenisch eingerichtet und spricht nun gemeinsam mit der „Gerstl-Botschafterin“ Mangold und Shlomit Butbul drei Aspekte der Figur Grit – Butbul, Golden und Mangold als Dreieinigkeit des Alter Egos der Autorin. Die Musikalität, den Rhythmus der Sprache unterstreicht Cellistin Anna Starzinger, die, wenn sie nicht den Bogen führt, als eine Art Gerstl №4 in die Tasten einer mechanischen Schreibmaschine hämmert. Online-Premiere war gestern, als Live-Stream aus dem Theater Drachengasse, weitere Termine sind am Freitag und Samstag.

„Spielräume“ ist eine Sammlung von Gedankensplittern, tagebuchartigen Notizen und experimentellen Arrangements, entsprungen jenem Kopf der Grit, in dem sich die Zuhörerin, der Zuhörer ebenso frei bewegt, wie die Protagonistin in der Berliner linksintellektuellen Szene der 1960er-Jahre. Grit ist Teil einer Gruppe öster- reichischer Emigranten, die sich aus der heimatlichen Enge Richtung Jugend-Protestbewegung abgesetzt haben, wo sie nun – bevorzugt im von ehrbaren Bürgern gemiedenen „Ausländercafé“ Kleist – „herumgammeln“: Man zieht von Festl zu Fest „oder was man so nennt“, sät und erntet nicht, sondern säuft und kifft – Mangolds Zweizeiler dazu: „Was der Bauer nicht kennt, raucht er nicht“, diskutiert sich heiß und plant wilde Aktionen.

„Herumgammeln“, welch Wiederhören mit einem im Zeitgeist verlorengegangenen Wort, derart bietet die Gerstl allerhand, im Prater etwa geht ein „Platzregen aus Krachmandeln“ nieder, dabei ist dies jahrzehntelang vergessene Werk, das dringend nach einem Spielraum verlangte [2003 gab’s eine Uraufführung mit Erni Mangold, Vera Borek und Peter Ponger am Klavier], brandaktuell. Aus den „Spielräumen“ stammt das viel zitierte Wittgenstein-Derivat, das als Motto über Gerstls Schaffen stehen könnte: „Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen“, und das können die drei Damen großartig.

Furios und fordernd ist dieser von ihnen gestaltete Abend, der in der Küche von Grits xenophober Vermieterin beginnt, die von der Untermieterin verlangt, sie „Tante“ zu nennen, wie Tania Golden da das Gesicht verzieht – ist es Freundlichkeit, Falschheit, Feigheit, die „gute Erziehung“, dass sie der im Fremdenhass schwelgenden Frau nicht widerspricht?, bevor sie mit Shlomit Butbul Gerstls „Analogieschlüsse“ zum Besten gibt: Kuchenduft – Kohlehydrate – Achselschweiß – schmutziges Geschirr – Scheiße.

Erni Mangold (M.) Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Elfriede Gerstl (hi.) Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

An das Sch-Wort muss man sich gewöhnen, ganze Absätze handeln davon. „Es sind die kleinen Brüche und sanften idiomatischen Irritationen, die den Reiz dieser uneitlen, präzisen Wortkunst ausmachen, in der Trauer und Ängste ironische Masken tragen, frei von Phrasenschmuck und ohne sich selbst zu verraten“, schrieb weiland der Wiener Germanist Ulrich Weinzierl über die Gerstl in der FAZ. Und wie sie verweigern sich nun Butbul, Golden und Mangold dem preziös Prätentiösen. Sie machen aus „Spielräume“, dieser verschachtelten Geschichte zwischen Innen und Außen, ein Theaterstück mit frei wählbaren Rollen. Ein Spiel mit Verschiebungen, eine scharfsinnige, philosophische Hinterfragung der Wirklichkeit, die noch dazu äußerst humorvoll geschieht.

Immer wieder fährt Grit mit dem Zug die Strecke Wien-Berlin, der Städtewechsel soll das Leben ändern, doch muss sie erkennen: „Fast überall ist fast überall“. Zum strengen Urteil übers Umfeld gesellt sich Grits missglückende „Selbstreflexion“, Weltpolitik wird bei sich leerenden Bierflaschen erörtert, und ganz Wiener Gruppe stellt sie kritisch fest, um in dieser Gesellschaft voranzukommen, müsse man „ein Arsch werden, der auf jedes Häusl passt“. Das heißt Subkultur! Wenn sich die Niederösterreicherin Mangold die „Landesmuttersprache“ verbietet. Schön die Formulierung von den Medien, die „im Brustton der Borniertheit“ berichten.

Wie die Schriftstellerin kennen auch die Schauspielerinnen keine Scheu vor den Banalitäten des Alltags, jede Alltäglichkeit wird zum avantgardistischen Experiment, und weil „Spielräume“ ein feministischer Text ist, sind die Männer die Witzfiguren. Genüsslich lassen sich Butbul und Golden die Exemplare auf der Zunge zergehen, die Kapplstudenten beim Heurigen und ihre Nazi-Vettern im Parlament, die Alkoholiker von Rang, die Sadomaso-Zwiebelrostbraten-Fresser, die Kumpels mit dem Lidstrich und die Latzhosenträger.

Die Kinder der Kleinbürger, Kleinsparer, Kleingeister, „klein, klein, klein“, die Prügelknaben, die zu Prügelvätern wurden, die Männer, die sagen, man solle sich dran gewöhnen oder einfach nicht mehr hinhören. „Er ist in seinem Kopf“, heißt es an einer Stelle über einen geistig abwesend Wirkenden. „Ist das ein Grund zu verzweifeln?“ – „Wenn man er ist, ja!“ Dazu projiziert Golden Bilder von Protestmärschen, der perfekten Familie, von Gerstl selbst. Konzipiert im Jahr 1968 vergleicht Gerstl in „Spielräume“ die Berliner Revolutionäre mit dem Wiener „Nur Ruhe!“-Denken. Und sie beschreibt ihre Sorge, als weibliche Intellektuelle angemessen zu leben. „Du bist ein Trampel“, sagt ein Textfragment einmal zu ihr.

Tania Golden hat das alles in Kapitel unterteilt, zu denen Anna Starzinger die Stichworte liefert. Ein Kabarettsketch das eine, in dem ein paar österreichische Heimaturlauber im VW-Bus wieder nach Deutschland einzureisen begehren, und die „importierte Dreideutigkeit“ frei nach Karl Kraus am sprachlichen Unverstand des pragmatischen, heißt: urdeutschen Grenzers scheitert. Da nützen weder blondes Haar noch blaue Augen, und auch kein Hinweis aufs „achtbare Nachbarland“ – „der Emigrant lebt von der Hand in die Hand und seinem bisschen Verstand“, schließt Golden.

Mit reichlich Witz und bösem Schalk vermitteln Shlomit Butbul, Tania Golden, Ernie Mangold und Anna Starzinger Elfriede Gerstls von liebevoller Beobachtungslust begleitete scharfsinnige, scharfzüngige Gesellschaftsanalyse. Nach einer Hommage wie dieser im Theater Drachengasse muss die wiederzuentdeckende Literatin Gerstl noch lange nicht den Hut nehmen.

Weitere Streaming-Termine: 9. und 10. April um 20 Uhr.

www.drachengasse.at           Tickets/15 €: www.eventbrite.at

Anna Starzinger (li.) Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Zum Text:

Elfriede Gerstl wohnte zwischen 1963 und 1971 zeitweise in Berlin, dort war sie eingeladen, am Berliner Colloquium teilzunehmen. Günther Grass, der an der Schreibschule unterrichtete und viele Jahrzehnte lang als „die Stimme der deutschen Literatur“ galt, kritisierte Gerstls Arbeit derartig, dass sie dadurch ihren bereits unterzeichneten Vertrag bei Rowohlt verlor und große finanzielle Einbußen erlitt. „Öffentlich von Grass zsammgstaucht: Aichinger-Einflüsse, Poesel, alles kunstgewerblich, perfektioniert geschriebene Variante von Bekanntem. Zwar verteidigen mich meine Kollegen Born, Fichte, aber auch die anderen so gut sie können, aber Grass ist ein Brocken, den viele kleinere nicht aufheben können“, zitiert Kollege Herbert J. Wimmer sie 1964.

Antisemitismus-Vorwürfe gegen Günter Grass wurden erst in späteren Jahren Thema der Literaturkritik. Der aus den Erfahrungen Gerstls in Berlin entstandene Roman „Spielräume“ wurde schließlich nicht von Rowohlt verlegt, sondern erst 1977 beim Verlag Edition Neue Texte, Linz. Die Haltung von Günter Grass und seinen Jüngern trug stark dazu bei, dass sich der deutsche Literaturmarkt gegenüber experimenteller Literatur auf Jahrzehnte hin verschlossen hatte. Heute wird „Spielräume“ von der Literaturwissenschaft als Meisterwerk angesehen.

Über die Autorin:

Die 1932 in Wien geborene und 2009 in Wien gestorbene österreichische Schriftstellerin Elfriede Gerstl war lange ein literarischer Geheimtipp, heute gilt sie als eine der größten Dichterinnen der deutschsprachigen Moderne. Als jüdisches Kind überlebte sie den Nationalsozialismus in Wien in verschiedenen Verstecken. 1945 besuchte sie eine Maturaschule, die sie 1951 erfolgreich abschloss. Ein Studium der Medizin und Psychologie brach sie 1960 ab, daraufhin Heirat und Geburt einer Tochter. Veröffentlichungen von Elfriede Gerstl sind seit 1955 erschienen.

Sie war die einzige Frau im Umkreis der Autoren der „Wiener Gruppe“ und der frühen Aktionisten. Von 1963 bis 1971 hielt sie sich wiederholt längere Zeit in Berlin auf. „Spielräume“ aus dem Jahr 1968/1977 (erhältlich bei www.droschl.com/buch/spielraeume/) blieb der einzige Roman von Elfriede Gerstl. Ihre jüngere Freundin Elfriede Jelinek erklärte sie zu ihrem Vorbild. In ihren letzten Lebensjahrzehnten erhielt sie zahlreiche literarische Auszeichnungen, etwa den Erich-Fried-, den Georg-Trakl- oder den Heimrad-Bäcker-Preis sowie die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold.

  1. 4. 2021

Theater Drachengasse streamt: (R)Evolution

März 13, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grandiose Groteske auf den Optimierungswahn

Alecto stachelt die Haushaltsgeräte zum Aufstand gegen den Hausherrn an: Sebastian Wendelin und Zeynep Buyraç. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Alecto, die niemals Rastende, das ist in der griechischen und römischen Mythologie eine der drei Erinnyen, zuständig für Verfluchung, familiäre Vergehen, Wahnsinn. Googelt man Alecto allerdings, ist als Nummer eins ein niederländischer Babyartikelhersteller gelistet – und beides passt zu Yael Ronens und Dimitrij Schaads Text „(R)Evolution – eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert“ wie der Faust aufs Gretchen. Gestern hatte das von den „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ des

israelischen Historikers Yuval Noah Harari inspirierte Stück seine österreichische Erstaufführung als Live-Stream aus dem Theater Drachengasse. Nach der Online-Premiere der Inszenierung von Sandra Schüddekopf, Video von Nela-Valentina Pichl, gibt es bereits heute um 20 Uhr den nächsten Streaming-Termin auf www.drachengasse.at. Gewitzt und gruselig verhandeln Ronen und Schaad den menschlichen Imperfekt und wie er von Informationstechnologie überrollt wird, alldieweil er via Biotech doch gepimpt werden könnte.

Es ist das Jahr 2040 und die globale Erwärmung hat die Welt fest im Griff. Elf Millionen niederländischer Klimaflüchtlinge irren, da Holland vom letzten schmelzenden Gletscher als erstes geflutet, durch Europa. Ihnen hinterher Arbeitslose, die ihre Jobs an Algorithmen verloren haben. In schierer Verzweiflung ist aus „Fridays for Future“ eine Terrorbewegung geworden, eine Widerstandsgruppe gegen den Hightech-Theismus, die sich „Die Naturalisten“ nennt und Cyber Attacken gegen Flughäfen und andere Brutstätten von Klimasündern reitet. Der jüngste Selbstmordattentäter war Waldorf-Schüler.

In diese Gegenwart hinein kann man kein auf normalem Weg gezeugtes Kind gebären, ist Lana Fuchs überzeugt, und so schleppt sie Ehemann René zu Dr. Stefan Frank, der Arzt, dem die Frauen vertrauen, wer die TV-Serienschmonzette noch kennt, um sich einen Sohn auf dem gentechnischen Reißbrett entwerfen zu lassen. Dieser wäre dann konkurrenzfähig, sozialversicherungstauglich, immun gegen drei auszuwählende Krebsarten und resistent gegen Klimakatastrophen.

Wie’s im Gegensatz dazu um den Nachwuchs per Sex steht, sieht Lana am erschreckenden Exempel ihrer Tochter Nina: „Sie hat jetzt schon ein Problem in der Ballettgruppe, weil sie ihr Bein nicht hinters Ohr kriegt.“ Die grandiose Schauspielerin Zeynep Buyraç platziert Sätze wie diesen mit einer aufgeregt-ängstlichen Zukunftsgläubigkeit, dass einem vorm Bildschirm lautes Lachen wie leises Schaudern überkommt.

Skeptiker René und die tech-gehorsame Lana: Sebastian Wendelin und Zeynep Buyraç. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Lass‘ mich dein Implantat sein, Baby! Alecto materialisiert sich: Maddalena Hirschal. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Turnen mit graphischem Alter Ego: Maddalena Hirschal macht Yoga-Übungen. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Stefan und Ehemann Ricky fehlt’s an echtem Sex: Johannes Schüchner und Felix Rank. Bild: © Nela-Valentina Pichl

René hingegen hat keine Lust auf ein Designerbaby, und Sebastian Wendelin gestaltet ihn so schlurfig, aufsässig und system-nonkonform, als wären die Millennials die neuen 68er. Als Zeichen der Schande muss der defizitäre Gatte ein gelbes Armband tragen, hat er sich doch geweigert sich einen Chip implantieren zu lassen, das seinen mangelhaften Gesundheitszustand dokumentiert. Dieser wird vom mit Mutters Stimme sprechenden Kühlschrank überwacht – und Sebastian Wendelins Sternstunde schlägt in der Szene, in der sich alle kalorienzählenden Küchengeräte gegen ihn verschworen haben, der Toaster nicht toastet, der Mixer nicht mixt, und das Bett gemeinsam mit dem Fernsehapparat zwecks ruhigeren Schlafs ein abendliches Krimi-Verbot ausspricht.

All dies freilich eine Intrige von Alecto, dieser eine nur vorgeblich serviceorientierte, omnipräsente, allwissende Allmacht, der das Komplott angestiftet hat. Doch noch sind Lana und René bei Dr. Stefan Frank, ein aalglatter Rekommandeur seiner Kunst, Johannes Schüchner, der Arzt als Typ Autoverkäufer, der statt vom bestellten Basispaket vom besseren ist gleich teureren Survivorpaket schwadroniert, mit dem der Super-Spross sogar energieeffizient wäre. Im Hintergrund auf „Handle with Care“-Plastikplanen, Sci-Fi-Bühne vs. altvaterische Kostüme von Martina Mahlknecht, läuft nonstop die Matrix, die Darstellerinnen und Darsteller und ihre Augmented Reality.

Zusammen mal wie der vitruvianische Mensch, dessen virtueller Teil sich bald wie ein böser Schatten selbstständig macht, mal wird für Dr. Frank Michelangelos „Erschaffung Adams“ imitiert, mal beißt eine graphische Close-Up-Lana ins Sandwich, obwohl René hungern muss. Fantastische Bilder sind das, ein Tron-Theater, das Überflutung, Überforderung, Überinformation ist auch keine Information, deutlich macht. Dies alles offenbar dirigiert von Alecto, der je nach Nutzer mit Frauenstimme säuselt oder mit Männerstimme hämisch lacht.

Felix Rank, Maddalena Hirschal, Sebastian Wendelin und Johannes Schüchner. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Selbst Arzt Stefan lässt sich von ihr infantilisieren, sich alle Entscheidungen abnehmen und seine Emotionen analysieren, während Lana und René ihm Big-Brother-artigen Gehorsam schulden. Allüberall stehen Identitäts- und Kontrollverlust auf Alarmstufe rot. Ins Spiel kommt hier Renés Ex, Maddalena Hirschal als Tatjana, der Alecto schon ein Naturalisten-Sympathisantentum unterstellt, als sie’s erst träumt – „Da fängt Terrorismus an: im Unterbewusstsein!“ -, und sich behufs einer Verhör-Imagination als good Cop, bad Cop materialisiert. Als Alecto Tatjana zusätzlich mit sinnlicher „Lass mich dir nahe sein!“-Stimme

eine Verschmelzung mittels Implantat vorschlägt, ist klar: Genisys ist Skynet. Bleibt als letzter im Bunde und in einer der pointiertesten Szenen des Abends Stefans Ehemann Ricky, Felix Rank, Ricky, der Cybersex dem körperlich längst vorzieht, und sich schließlich als trans outet – nein, nicht falscher Körper, sondern gar keiner, trans als transhuman, und der sich die Cloud als Wolke sieben vorstellt. „Liebt Stefan mich?“, fragt er Alecto. Antwort: „Bitte präzisiere die Frage.“

„(R)Evolution“ ist eine bissige Farce, eine großartige Groteske auf Optimierungswahn und den von den Sozial Media befeuerten Perfektionsfanatismus. Ronen und Schaad deklinieren alle Stufen der psychischen Abhängigkeit bis zur Selbstaufgabe an die neuen Technologien durch – in Zeiten, da „nur“ natürlich zu sein ein Makel ist, aber authentisch rüberzukommen das höchste Gut. Realiter landen GPS-Fehlgeleitete zwar noch im nächsten Sumpf und warnen Smartphones nicht vor Verkehrsunfällen, doch in ihrer Tech-Theokratie, McKinsey listet derzeit gleich den Aposteln zwölf zukunftsbestimmende Technologie-Trends, entwerfen die Autorin und der Autor ein Szenario, in dem die Artificial Intelligenz die menschliche überflügelt.

Im Vergleich mit den selbstlernenden KI-Systemen muss sich die Krone der Schöpfung hintanstellen – und mutmaßlich kostet das, was in Wien über die Bildschirme flimmert, den Kreateuren im Uncanny Valley angesichts von Transferred Consciousness in der Terasem Movement Foundation oder bei Humanity+ nur ein müdes Lächeln. An dieser Stelle bricht die Handlung so unvermutet ab, als wär’s ein Filmriss. Das ist schade und nicht zu verstehen, da Regie und Ensemble bis dahin fantasievoll und fabelhaft komödiantisch unterwegs waren.

Keine Künstliche Intelligenz der Welt könnte ein solch schelmisches Augenzwinkern auf die großen Fragen des Menschseins (re)produzieren!, nun bleiben die Schicksale in der Luft hängen, wie ein Laptop, der sich „aufgehängt“ hat. Es erscheint Zeynep Buyraç als hauptplatinene Datafrau, als Mother Board und verkündet dem Homo sapiens, er werde sich als Homo deus unsterblich machen. Die „(R)Evolution“ wird ihn die Barrikaden verborgenen Wissens stürmen lassen, ah, wie schön ist’s Gott zu spielen. Kein Grund für Dystopien also! Oder?

Weitere Streaming-Termine: 13., 18., 26. und 27. März um 20 Uhr. Tickets um 10 €: www.eventbrite.at/o/theater-drachengasse-31844603687           www.drachengasse.at

  1. 3. 2021

Theater Drachengasse VoD: Das weiße Dorf

Januar 29, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles im Griff auf dem sinkenden Beziehungsschiff

Ruth und Ivan und eine getanzte Fantasie, wie’s hätte sein können: Johannes Benecke und Naemi Latzer, vorne: Julia Müllner und Hugo Le Brigand. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Vom bequemen Nickisuit übers Strickwesterl bis zu den Hausschlappen, rein nach den Kostümen von Thomas Garvie sind Darsteller wie Publikum modisch absolut Lockdown-up-to-date. Dass der Ausstatter auch tollkühn den kompletten Bühnenraum des Theaters Drachengasse geflutet hat, lässt sich Pandemie-bedingt nur via Bildschirm erleben. Ab heute, 20 Uhr, wenn die Drachengasse die Uraufführung von „Das weiße Dorf“ als Video on Demand anbietet. www.mottingers-meinung.at sah den Mitschnitt vorab.

Und siehe, während vielerorts Dramen zu Textflächen komprimiert und in diesen Charaktere zur Beliebigkeit gesplittet werden, findet hier Dialog statt. Ein höchst konkreter zwischen Ruth und Ivan, die beiden offenbar früher ein Paar, jetzt mit jeweils neuem Partner, neuer Partnerin auf Amazonas-Kreuzfahrt – und wie sich auf einem Schiff nicht ständig über den Weg laufen? An der Reling wie aneinander gekettet geht’s erst um die vorbeiziehende Landschaft, den perfekten Service an Bord, später wird gelobhudelt über zwischenzeitlich gemachte Karrieren.

Doch plötzlich knattert’s und knistert’s, wird anfängliche Verlegenheit mit gemeinsamer Vergangenheit weggelacht. Ist das schon ein Flirt? Nein, da steht man doch längst drüber … Teresa Dopler gewann für ihr Stück den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2019, Valerie Voigt hat’s nun inszeniert. Und Naemi Latzer und Johannes Benecke sind fabelhaft als Ruth und Ivan, die beiden lupenreine Bobos, die sich dies Echtheitszertifikat mittels heftigem Polieren ihrer glatten Oberfläche erarbeiten.

Mit Allerwelts-Small-Talk kaschieren sie den gemeinsamen Imperfekt, lächeln nicht vergessen, positiv äußern, durch Nachfragen Interesse zeigen, Reaktionen interpretieren, das geht so weit, bis einen das Zuschauen schmerzt, und man sich fragt, wann diese Überfreundlichkeit in die Katastrophe kippen wird. Valerie Voigt bringt mit ihrer sich ganz auf die Schauspielerkraft und deren Sinn für Rhythmus verlassenden Arbeit das Impropre von Doplers Figuren auf den Punkt. Latzer und Benecke interpretieren dies mit Mimik und Gestik, sie machen ihre Körper zum Lügendetektor, der Ruths und Ivans Schönrederei in ihrer Falschheit entlarvt.

Latzer und Benecke. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Benecke und Latzer. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Ihre erwähnt glatte Oberfläche wird in der des knöcheltiefen schwarzen Wassers gespiegelt, fast fühlt man das feuchte Urwaldklima aufsteigen, und mitten drin Hugo Le Brigand und Julia Müllner als Gegensatz-Paar, sich – in einer Choreografie von Karin Pauer – umtänzelnd, sich umschlingend, Ruth und Ivan und eine Liebe, wie sie hätte sein können …

Teresa Doplers „Das weiße Dorf“ ist ein feiner Glücksgriff zum 40. Jubiläum des 1981 von Emmy Werner gegründeten Theaters Drachengasse. Die gebürtige Linzerin versteht es, den Weg eines jungen, modernen Europas auszuschildern, dessen Protagonistinnen und Protagonisten im steten Vorwärtsstreben vieles opfern – die Einsamkeit im Privaten, dieser Tage freilich virulent, ist bei Weitem kein Corona-Symptom, die im Ringen um „Authentizität“, heißt: Natürlichkeit, auf die Künstlichkeit eines sorgsam gebastelten Social-Media-Images setzen.

Auch via Bildschirm überträgt sich diese Atmosphäre, doch bleibt zu hoffen, dass die Drachengasse die Aufführung auch live wird zeigen können. Bis dahin, heute Abend, 20 Uhr! Tickets: www.drachengasse.at/spielplan_detail.asp?ID=937 bzw. www.eventbrite.de

www.drachengasse.at

  1. 1. 2021

Theater Drachengasse: Weißer Rauch. Pocahontas im Virginia-Megastore

Oktober 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Disney-Magie, weder Mops noch Waschbär

Schauspielerin Nancy will sich von Theaterdirektorin Mensah-Offei in keine Schublade stecken lassen. Bild: © Barbara Pálffy

Als „professionelle Suderantin“ bezeichnet sie sich, dies kein Bonmot, kein Scherz, sondern ein Aufbegehren gegen ein von Männern verpasstes Image. John Smith, John Barth, Neil Young, Walt Disney … Mehr als zehn Orte in den USA und Kanada sind nach ihr benannt, ein Steinkohlevorkommen, ein Luxuszug, fünf Schiffe der US-Navy. Der George-Bush-Clan, Nancy Reagan, Polarforscher Richard Byrd, Mode-Ikone Pauline de Rothschild zählen sich via Verwandtschaft mit ihr zu den First Families of Virginia. Im Kuppelraum des Washingtoner Kapitols ist auf dem Wandgemälde von John Gadsby Chapman ihre Taufe nachempfunden.

Von 1891 bis 1896 schaffte sie es, abgebildet in der Hoftracht nach dem 1616er-Kupferstich von Simon van de Passe, sogar auf die Zwanzig-Dollar-Note, nach Martha Washington als zweite Frau überhaupt auf einen US-Geldschein – und bis dato als letzte. Statt ihres Porträts prangt nun das Konterfei von Andrew Jackson auf dem $, statt der Indianerprinzessin ein Indianerschlächter, unter dessen Präsidentschaft der Indian Removal Act, ein Ausweisungs- und Umsiedlungsgesetz zur Vertreibung der Native Americans von ihrem Land, erlassen wurde.

Dass ihm 2020 die schwarze Sklaverei-Bekämpferin Harriet Tubman, die über die Underground Railroad (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=27113) abertausende Leben rettete, folgen sollte, weiß Donald Trump – noch – zu verhindern. „Suderantin“, sagt also Schauspielerin Nancy Mensah-Offei. In „Weißer Rauch. Pocahontas im Virginia-Megastore“, einer Koproduktion von 3000THEATER und dem Theater Drachengasse, verwandelt sie sich ebendort in die auch Amonute genannte Matoaka, Lieblingstochter des Powhatan Wahunsonacock von den Virginia-Algonkin. Der von Effe U Knust verfasste, von Anna Laner auf der Bar&Co-Bühne zur Uraufführung gebrachte Monolog setzt selbstverständlich nicht auf Niedlichkeiten wie Mops und Waschbär. Komplett ohne Disney-Magie gibt es nun Tatsachen und Medisancen, das heißt: erstere oh ja, zweitere oha!

Jedenfalls verspricht Mensah-Offei bereits aus dem Off die vollkommene Wahrheit – als Beiwerk zu großer Show und Signature Cocktails, und entlarvt gleich einmal die Captain-John-Smith-Story als G’schichtl. Dessen durch nichts bewiesene, dennoch in die Annalen eingegangene Angabe, Pocahontas hätte sich schützend vor ihn geworfen, als ihr Vater ihn an den Marterpfahl band, weshalb es nicht zum Foltertod, sondern zwischen der erst zehnjährigen Savage und dem Jamestown-Mitbegründer und späteren Käufer der ersten schwarzen Sklaven zu einer Amour fou kam. Welch sagenhafte Legende. Der Otis Blackwell die vorletzte Strophe seines Songs „Fever“ widmete. Den Nancy Mensah-Offei als exzellente Entertainerin und superbe Komödiantin ohne Scheu vor Overacting ins Mikrofon haucht.

Christianisiert, zivilisiert, assimiliert: Aus Pocahontas wird die Tabakpflanzersgattin Rebecca Rolfe. Bild: © Barbara Pálffy

Im Jenseits beklagt Ehemann John Rolfe seine unwichtige Rolle im Pocahontas-Mythos. Bild: © Barbara Pálffy

Die historische Pocahontas, ihr Spitzname steht für „die Verspielte“, wurde 1613 von den Kolonialherren verschleppt, konvertiert und auf den biblischen Namen Rebecca getauft. Als solche heiratete sie mit mutmaßlich 19 Jahren den Tabakpflanzer John Rolfe. Zwölf Monate später wurde Sohn Thomas Rolfe geboren. 1616 berief sie James I. als Botschafterin ihres königlichen Vaters an seinen Hof – wo der „gewöhnliche“, weil nicht blaublütige John Rolfe nicht willkommen war. Pocahontas aka Rebecca verstarb kurz vor Antritt der Rückreise je nach Quelle an Lungenentzündung, Tuberkulose, Typhus oder Pocken.

Sie wurde am 21. März 1617 in der St. George’s Church in Gravesend begraben. Aus all dem hat Autorin Effe U Knust einen kunstvollen Textteppich gewoben, sprachverspielt, geistreich, wortdreherisch, dabei stets dem wirklich Stattgefundenen verpflichtet, und der weiblichen Sicht auf die Ereignisse. Amüsant ist das, wenn Mensah-Offei als längst verschiedener John Rolfe – inklusive leuchtendem Heiligenschein, glaubte er doch die Seele der Wilden Pocahontas per Ehe- schließung zu retten – beklagt, dass ihm John Smith punkto Berühmtheit weit überrundet hat.

„Harte Arbeit“, seufzt der Leichnam, „dafür interessiert sich Disney nicht.“ Dabei – und nun Kloß im Hals – sei er es gewesen, der Land wie Frau „genommen“, Land und Frau fruchtbar gemacht hätte, beide davor unberührt, bis der Eindringling eindrang. Knust spielt bei ihrer „Repräsentationsrevue“ mit den Begriffen Virgin/Virginia, Laner lässt ihre Protagonistin die Neue Welt zur gigantischen Kaugummiblase aufpusten. Steht Christianisierung an, benebelt Mensah-Offei das Publikum mittels dampfendem Weihrauchgefäß. Losgelöst von allen stereotypen Perspektiven erzählt Pocahontas Witze: „Treffen sich eine Raucherin, eine Trafikantin und eine Nichtraucherin …“, und zielt mit einer Bemerkung über Nikotin-Junkies als eine Art Antifa im Freiheitskampf für ihre Sucht treffsicher auf gegenwärtige Reibereien.

Kriegsbeil gegen Friedenspfeife, sozusagen, und John Rolfe brüstet sich damit, dass der lukrative Tabakhandel die Sklavenwirtschaft erfunden hätte – „Geh‘ scheißen, Baumwolle!“ Nancy Mensah-Offei, geboren in Ghana, das westafrikanische Land 1874 von den Briten zur Kronkolonie erklärt, und dessen Bevölkerung ergo dem selben Empire ausgeliefert wie Pocahontas, turnt vom amerikanischen Gründungsmythos (siehe: nur Gründerväter, niemals -mütter) zur „Mankind“-Massenvergewaltigung zur Mondlandung 1969, der Landnahme eines Himmels-Körpers. „Steckt in diesem Loch schon eine Fahne?“, fragt sie unzweideutig, und baut die Bühne mit einem Abschlagnetz zur Driving Range um.

Beim Upper-Class-Sport kann Pocahontas schließlich bestens übers „depperte Patriarchat“ lästern. Eine Meta-Decke haben Knust, Laner und Mensah-Offei außerdem eingezogen. Die Schauspielerin – im von Elke Auer gestalteten Video – möchte nämlich Dramatikerin und Theaterdirektorin, beide weiß, beide Mensah-Offei live, zwecks anfangs angekündigtem Comeback von ihrer Vielschichtigkeit überzeugen. Sie hat genug von den Schubladen, in denen sie verstaut wird, und demonstriert das ganze Spektrum ihres Könnens. Vergebens. Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft bestimmen nach wie vor den Status einer Person. „Rasse“ macht den Menschen. Und weit und breit kein „Weißer Rauch“ in Sicht.

www.drachengasse.at

BUCHTIPP: Hanser Berlin, Tommy Orange: „Dort Dort“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35082

  1. 10. 2019

Theater Drachengasse: Die Wolfsfrau

Mai 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Skelett steht auf Peter Cornelius

Ein gruseliger Gast: Wiebke Alphei als Fischerin und Friederike Hellmann als Weltenlenkerin mit der Skelettfrau. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Los braust die Ouvertüre, und mit ihr alle Elemente, womit nicht nur Wind und Wasser gemeint sind, sondern auch die, die „Die Wolfsfrau“ zu einem der berückendsten Bühnenzauber machen, den man seit längerem gesehen hat. Ein Motion Comic erzählt die Inuit-Sage von der Frau, die von einem Felsvorsprung ins Eismeer gestoßen worden war, wegen eines angeblichen Gesetzesbruchs, an den sich allerdings keiner mehr erinnern kann. Da sitzt sie im nassen Grab, erst nackt und mit blutendem Herzen.

Bald von den Fischen bis aufs Gerippe abgenagt, und sie singt. Licht fällt auf die gläserne Hütte einer Fischerin. Sie wird von der betörenden Melodie seit Tagen bis auf die Knochen durchdrungen. Also fährt sie im tobenden Sturm hinaus, ihr Boot kentert, diesmal ist nicht sie es, die etwas aus den Fluten zieht, sondern etwas in ihnen zieht an ihr – und da sieht sie die Skelettfrau, die sich ihrer bemächtigt hat … Ihre kühne Verquickung von Schau- und Puppenspiel, mobilen Bühnenobjekten, Beatboxing und animierten Illustrationen machen Lilian Matzke und Joris Löschburg mit dem Kollektiv Rolling Floyd nun zum Theaterereignis in der Drachengasse. Inspiration der Stückentwicklung ist die Mythen- und Märchensammlung „Die Wolfsfrau“ der US-Autorin Clarissa Pinkola Estés.

Nicht nur das Publikum, auch eine Windmaschine sorgt für Sturm: Wiebke Alphei. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Unter Wasser lauert das Grauen: Friederike Hellmann und Wiebke Alphei. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Ein Sachbuch, das Frauen dazu anleitet, sich auf ihre ungezähmten Urinstinkte zurückzubesinnen. „Die Skelettfrau“ ist daraus eine Geschichte von zwanzig, die sie, sagt Regisseurin Lilian Matzke im Gespräch, wegen der starken Bildsprache anziehend fand – und weil sie stets selbst auf der Suche nach ihrer „Wildnatur“ sei. Heißt: Intuition, Instinkt, innere Stimme neu zu ermächtigen, und sich so ein neues, ein richtiges Sehen und Hören anzueignen. Was, interpretiert Matzke, auch der Fischerin in der Begegnung mit der Ahnin gelingt. Weitere Deutungen von Wahnsinn einer Einsamen bis Sinneserlebnis einer Ertrinkenden lächelt sie weg, sie will dem Publikum so viel Gedankenfreiraum wie möglich geben.

Dies wird denn auch von „Weltenlenkerin“ Friederike Hellmann freundlich um Unterstützung gebeten, damit der Orkan so richtig wüten kann. Der Skelettpuppenspielerin und Performerin, Matzke nennt sie den Licht- und Soundninja des Teams, weil ihr die Handhabung der gesamten Technik von Overheadprojektoren bis Loop-Station obliegt, steht Wiebke Alphei als Fischerin gegenüber, und verausgabt sich die eine, erschöpft sich die andere. Multikünstlerin Alphei, die für sich nichts weniger als die Berufsbezeichnung „Schauspielerin“ will, bewältigt den körperlichen Kraftakt, ihr tatsächlich papierenes Origamischiffchen per Paddel und Rollwagen über die Spielfläche zu „rudern“ oder lässt sich am Seil ihrer Korbreusen in die Tiefe hinab.

Im Origamiboot durch den Arktischen Ozean: Wiebke Alphei beim Trockenrudern. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Gedanken und Wellengang als Motion Comic: Wiebke Alphei und Friederike Hellmann. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Gegen die von Windmaschine und Zuschauern produzierten Naturgewalten kann sie sich nur pantomimisch stemmen, denn Worte sind der Fischerin nicht gegeben, die Inszenierung verwendet das Bühnenmaterial als Sprache. Die Geräuschkulisse bilden etwa ein tropfender Eisblock, das schlagende Herz, gegen ihr Erschlagen-Werden aufbegehrende Klarsichtfolien-Fische, auf ihnen aber auch vermerkt die Begriffe Bierflasche, Plastikmüll, Menschenrechte oder Trümmer Europas, als kippe gleich dem Innenleben der menschlichen Protagonistin auch die sie umgebende Welt.

Aus ihrer Schwimmweste entweichende Luft klingt nach einem befreiten Ausatmen, denn im Untergehen löst sich die Fischerin von ihren Alltagsritualen. Die Aufführung ist mit so viel überbordender Fantasie ausgestattet, man weiß schier nicht, was zuerst aufnehmen und wirken lassen. Schließlich nimmt die Fischerin die Skelettfrau mit in ihre Behausung, und einige Zeit kann man sich einer apokalyptischen Endzeitstimmung nicht erwehren, wenn die beiden wie ein Memento Mori nebeneinander sitzen. Aber, ein Glück!, der Theaterabend hat mehr Witz als das Buch. In die Totenfrau kommt Leben, was Wiebke Alpheis Fischerin zwischen Angst und Anziehung und vor allem hochkomisch und zutiefst gegruselt zur Kenntnis nimmt.

Gefütterte Fische fallen zur Verwunderung beider durch das Bauchloch im Gebein, aber dann entdeckt die Puppe das Radio – und entpuppt sich als Fan von Peter Cornelius‘ „Du entschuldige i kenn di“. Was bleibt der Fischerin da anderes übrig, als: Schwofen mit dem Skelett. Sonnenuntergang und endlich stille See und zum Schluss die Frage, ob zweitere nicht doch noch ein Opfer verlangt … „Die Wolfsfrau“ im Theater Drachengasse ist eine Staunen machende Sensation, die man gesehen haben sollte.

www.drachengasse.at

  1. 5. 2019