Theater Drachengasse: Die Wolfsfrau

Mai 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Skelett steht auf Peter Cornelius

Ein gruseliger Gast: Wiebke Alphei als Fischerin und Friederike Hellmann als Weltenlenkerin mit der Skelettfrau. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Los braust die Ouvertüre, und mit ihr alle Elemente, womit nicht nur Wind und Wasser gemeint sind, sondern auch die, die „Die Wolfsfrau“ zu einem der berückendsten Bühnenzauber machen, den man seit längerem gesehen hat. Ein Motion Comic erzählt die Inuit-Sage von der Frau, die von einem Felsvorsprung ins Eismeer gestoßen worden war, wegen eines angeblichen Gesetzesbruchs, an den sich allerdings keiner mehr erinnern kann. Da sitzt sie im nassen Grab, erst nackt und mit blutendem Herzen.

Bald von den Fischen bis aufs Gerippe abgenagt, und sie singt. Licht fällt auf die gläserne Hütte einer Fischerin. Sie wird von der betörenden Melodie seit Tagen bis auf die Knochen durchdrungen. Also fährt sie im tobenden Sturm hinaus, ihr Boot kentert, diesmal ist nicht sie es, die etwas aus den Fluten zieht, sondern etwas in ihnen zieht an ihr – und da sieht sie die Skelettfrau, die sich ihrer bemächtigt hat … Ihre kühne Verquickung von Schau- und Puppenspiel, mobilen Bühnenobjekten, Beatboxing und animierten Illustrationen machen Lilian Matzke und Joris Löschburg mit dem Kollektiv Rolling Floyd nun zum Theaterereignis in der Drachengasse. Inspiration der Stückentwicklung ist die Mythen- und Märchensammlung „Die Wolfsfrau“ der US-Autorin Clarissa Pinkola Estés.

Nicht nur das Publikum, auch eine Windmaschine sorgt für Sturm: Wiebke Alphei. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Unter Wasser lauert das Grauen: Friederike Hellmann und Wiebke Alphei. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Ein Sachbuch, das Frauen dazu anleitet, sich auf ihre ungezähmten Urinstinkte zurückzubesinnen. „Die Skelettfrau“ ist daraus eine Geschichte von zwanzig, die sie, sagt Regisseurin Lilian Matzke im Gespräch, wegen der starken Bildsprache anziehend fand – und weil sie stets selbst auf der Suche nach ihrer „Wildnatur“ sei. Heißt: Intuition, Instinkt, innere Stimme neu zu ermächtigen, und sich so ein neues, ein richtiges Sehen und Hören anzueignen. Was, interpretiert Matzke, auch der Fischerin in der Begegnung mit der Ahnin gelingt. Weitere Deutungen von Wahnsinn einer Einsamen bis Sinneserlebnis einer Ertrinkenden lächelt sie weg, sie will dem Publikum so viel Gedankenfreiraum wie möglich geben.

Dies wird denn auch von „Weltenlenkerin“ Friederike Hellmann freundlich um Unterstützung gebeten, damit der Orkan so richtig wüten kann. Der Skelettpuppenspielerin und Performerin, Matzke nennt sie den Licht- und Soundninja des Teams, weil ihr die Handhabung der gesamten Technik von Overheadprojektoren bis Loop-Station obliegt, steht Wiebke Alphei als Fischerin gegenüber, und verausgabt sich die eine, erschöpft sich die andere. Multikünstlerin Alphei, die für sich nichts weniger als die Berufsbezeichnung „Schauspielerin“ will, bewältigt den körperlichen Kraftakt, ihr tatsächlich papierenes Origamischiffchen per Paddel und Rollwagen über die Spielfläche zu „rudern“ oder lässt sich am Seil ihrer Korbreusen in die Tiefe hinab.

Im Origamiboot durch den Arktischen Ozean: Wiebke Alphei beim Trockenrudern. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Gedanken und Wellengang als Motion Comic: Wiebke Alphei und Friederike Hellmann. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Gegen die von Windmaschine und Zuschauern produzierten Naturgewalten kann sie sich nur pantomimisch stemmen, denn Worte sind der Fischerin nicht gegeben, die Inszenierung verwendet das Bühnenmaterial als Sprache. Die Geräuschkulisse bilden etwa ein tropfender Eisblock, das schlagende Herz, gegen ihr Erschlagen-Werden aufbegehrende Klarsichtfolien-Fische, auf ihnen aber auch vermerkt die Begriffe Bierflasche, Plastikmüll, Menschenrechte oder Trümmer Europas, als kippe gleich dem Innenleben der menschlichen Protagonistin auch die sie umgebende Welt.

Aus ihrer Schwimmweste entweichende Luft klingt nach einem befreiten Ausatmen, denn im Untergehen löst sich die Fischerin von ihren Alltagsritualen. Die Aufführung ist mit so viel überbordender Fantasie ausgestattet, man weiß schier nicht, was zuerst aufnehmen und wirken lassen. Schließlich nimmt die Fischerin die Skelettfrau mit in ihre Behausung, und einige Zeit kann man sich einer apokalyptischen Endzeitstimmung nicht erwehren, wenn die beiden wie ein Memento Mori nebeneinander sitzen. Aber, ein Glück!, der Theaterabend hat mehr Witz als das Buch. In die Totenfrau kommt Leben, was Wiebke Alpheis Fischerin zwischen Angst und Anziehung und vor allem hochkomisch und zutiefst gegruselt zur Kenntnis nimmt.

Gefütterte Fische fallen zur Verwunderung beider durch das Bauchloch im Gebein, aber dann entdeckt die Puppe das Radio – und entpuppt sich als Fan von Peter Cornelius‘ „Du entschuldige i kenn di“. Was bleibt der Fischerin da anderes übrig, als: Schwofen mit dem Skelett. Sonnenuntergang und endlich stille See und zum Schluss die Frage, ob zweitere nicht doch noch ein Opfer verlangt … „Die Wolfsfrau“ im Theater Drachengasse ist eine Staunen machende Sensation, die man gesehen haben sollte.

www.drachengasse.at

  1. 5. 2019

Theater Drachengasse: Tag des Zorns

Januar 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Platz für Protestierer

Der Gesundheitsminister nützt die Demo der Krankenschwestern zur Eigen-PR: Julia Urban, Florian Carove und Suse Lichtenberger. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Den Eingang zum Spielraum hat Kristof Kepler mit einem Wandbild versehen, Viktor Orbán und wie er von einem Hund bepisst wird, ein erster Eindruck von Stimmung und Stoßrichtung, die den Abend im Theater Drachengasse ausmachen werden. Ist das Stück, das gegeben wird, doch von Autorin Éva Zabezsinszkij und Theatermacher Árpád Schilling, und dieser in seiner Heimat Ungarn als „potenzieller Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ von der Fidesz-Regierung zum Feind erklärt worden …

Montagabend war nun Österreichische Erstaufführung von „Tag des Zorns“, eine Koproduktion mit neuebuehnevillach und die erste Regiearbeit von Mercedes Echerer, die zuletzt schon mit ihren Hörbucheditionen kulturelle Entdeckungsreisen durch den europäischen Kontinent unternahm, dessen östlicher Teil ihr aufgrund familiärer Verbindungen ein besonderes Anliegen ist. Schilling und Zabezsinszkij erzählen entlang einer wahren Geschichte: 2015 wagte es Krankenschwester Mária Sándor, bekannt geworden als „Schwester in Schwarz“, weil sie ihre obligate weiße Berufskleidung gegen die Farbe der Trauer tauschte, gegen die herrschenden Zustände an ungarischen Krankenpflegeanstalten zu protestieren.

Sándor trat einen langen Marsch gegen das System an, gegen die unzulänglichen, unmenschlichen Verhältnisse für Patienten und Personal, gegen die erniedrigenden Arbeitsumstände, gegen die unbezahlten Überstunden. Mit der Folge, dass die Kolleginnen und Kollegen sie der Reihe nach im Stich ließen. So ergeht es in der Bühnenfiktion auch Erzsébet, Krankenschwester auf einer neonatologischen Station, die die Situation für die ihr schutzbefohlenen Frühchen verbessern will. Gemeinsam mit Freundin Nicki probt sie den Aufstand bei einer Demonstration, die sich zur landesweiten ausdehnt, und eigentlich ist Nicki die Anstifterin, doch die biblische Strafe wird über Erzsébet kommen.

Mutter und Tochter I: Suse Lichtenberger und Babett Arens. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Mutter und Tochter II: Suse Lichtenberger und Simone Leski. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Suse Lichtenberger spielt diese, eine geschiedene, alleinerziehende Mutter, die auch noch der eigenen Mutter Unterkunft in ihrer kleinen Wohnung gibt, eine Frau voller Selbstzweifel, mit wenig Selbstvertrauen, eine von denen, die Fehler stets bei sich selber suchen. Begleitet wird Lichtenbergers berührende Performance von Simone Leski, die die Tochter Evelyn zwischen Aufsässigkeit (weil ihre Konsumwünsche nicht erfüllt werden) und Anteilnahme am Schicksal der Familie anlegt, und Babett Arens als Erzsébet sen.

Dies freilich die dankbarste Rolle, erst eine schrullige Alte, die trinkt wie ein Husar und schimpft wie ein Rohrspatz, eine Sprichwort-Schleuder, die mit ihrer „Hab ich’s nicht gleich gesagt“-Attitüde nervt, bis sie ein Unglück in tiefste Hilflosigkeit stürzt. Klar, dass die Arens alle Facetten ihrer Figur mit ihrem schauspielerischen Können füllt.

Nicht nur für diesen Charakter haben Schilling und Zabezsinszkij pointierte Sätze geschrieben, die beiden verstehen es, die Brisanz des Themas, dessen politische Dimension in eine krachende Satire zu betten, und Mercedes Echerer inszeniert das ohne Schnörkel.

Doch bei aller Härte des Gezeigten mit wohldosiertem, trockenem Humor. So dass trotz der Trostlosigkeit, in der die Figuren leben, sie noch unterstrichen vom Bühnenbild Zsolt Kemenes‘ und den Kostümen von Michaela Wuggenig, ein ab und zu Auflachen möglich ist. Das Spieltempo ist hoch, was vor allem Julia Urban und Florian Carove fordert, die in jeweils mehreren Rollen zu sehen sind.

Julia Urban unter anderem als Nicki, als Evelyns Klassenvorstand, die kommt, um die Familie auszuspionieren, sowie als diverse Karriere- und Ehefrauen, jede von ihnen darstellerisch auf den Punkt gebracht, entworfen mit wenigen, energisch gesetzten Strichen. Ganz großartig ist die Wandlungsfähigkeit von Florian Carove, der als Gesundheitsminister und als Krankenhausdirektor von Populist zu Opportunist wechselt, wobei letzterer die windigen Versprechungen des ersteren genau kennt, später als Erzsébets Ex-Mann auf Pantoffelheld macht – und als exaltierter Schönheitssalonbesitzer Norbi ein Kabinettstück liefert. Bei ihm nämlich findet Erzsébet endlich neue Arbeit – die diplomierte Fachkraft als Putzfrau, wird sie doch im Krankenhaus gefeuert, weil des Ministers Problemlösung lautet, die Frühchen-Station zu schließen.

Am Ende begeht Erzsébet eine Wahnsinnstat: Julia Urban, Florian Carove und Suse Lichtenberger. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

„Die Menschen lieben Schreihälse nicht, weil sie sie daran erinnern, dass sie selber schweigen“, konstatiert Erzsébet sen., als sich alle von ihrer Tochter abwenden und die, nun als Störenfried verschrien, keine Stelle mehr in einem Spital findet. Die Spirale dreht sich unaufhaltsam nach unten, Erzsébet wird reingelegt, finanziell, in der Liebe, in ihrem Glauben an Mitmenschlichkeit, wird immer aggressiver werden – und am Ende eine Wahnsinnstat begehen …

400 Überstunden pro Jahr, für die die Konzerne drei Jahre Zeit haben, um sie zu bezahlen, hat das ungarische Parlament im Dezember des Vorjahres per Gesetz verordnet. Doch „Tag des Zorns“ beschreibt nicht nur ein Land, das vom Kommunismus in einen Nationalismus mit zunehmenden sozialen Missständen gefallen, und mit zügigen Schritten Richtung Totalitarismus unterwegs ist. Die erfolgreiche Zerstörung gesellschaftlicher Solidarität, deren Spaltung durch das Säen politischer Zwietracht, und im speziellen Fall das Krankmachen des Gesundheitssystems, passiert auch anderswo. Wer Parolen à la „Wer anständig arbeitet, wird schon sein Auslangen finden“ hören will, muss über keinen Grenzzaun schauen. In diesem Sinne ist dem Aufruf zum Früher-Aufstehen unbedingt zu folgen, gilt es dieser Tage doch hellwach zu sein.

www.drachengasse.at

  1. 1. 2019

Theater Drachengasse: All das Schöne

November 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Liste für die Lust am Leben

Michaela Bilgeri und Andreas Dauböck spielen mit dem Publikum. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Nummer eins: Schokolade, Nummer zwei: Wasserschlachten mit Wasserbomben, Nummer drei: Achterbahnen … So beginnt eine Reihenfolge der Dinge, die eine Siebenjährige nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter auflistet, um diese an „All das Schöne“ zu erinnern, für das es sich zu leben lohnt. Im Theater Drachengasse hat Esther Muschol den Monolog des britischen Dramatikers Duncan Macmillan inszeniert. Eine wunderbare One-Woman-Show für Schauspielerin Michaela Bilgeri, die sich von Andreas Dauböck musikalisch beistehen lässt.

Bilgeri holt sich für ihre Protagonistin auch Unterstützung aus dem Publikum. Noch bevor’s losgeht werden Zettel verteilt, darauf Worte und Halbsätze, wer einen in die Hand gedrückt bekommt, wird im Laufe des Abends seinen Punkt der Lebenslust-Liste laut vorzulesen haben. Bilgeri holt ihre Zuschauerinnen und Zuschauer mitunter sogar Richtung Spielfläche ab. Eine wird spontan zur Tierärztin, aus einer ausgeborgten Fleecejacke und einem Kugelschreiber werden Hund und Spritze, einer wird zum Vater, eine Schulpsychologin, die, entledigt von Schuh und Strumpf, versucht sich dem verstörten Kind durch „Socki“ anzunähern.

Dass die Mitmach-Übung gelingt, dass die Gruppendynamik bald den ganzen Raum ergreift, ist Bilgeris und Dauböcks sympathischer Art zu danken. Nie sind die Interaktionen peinlich oder übergriffig oder erzwungen, im Gegenteil: die Stimmung ist froh gestimmt und offenherzig, erstaunlich wie die Leute mitgehen und wie sich manch einer als Bühnentalent entpuppt, verblüffend, wie man zur Gemeinschaft wird, wie man näher zusammenrückt. Der Abend wirkt trotz des schweren Themas leichtfüßig. Bilgeri turnt zwischen Sitz- und Satzreihen, spielt auf den Punkt, spielt mit Feuer und auch Verzweiflung, ist berührend und selbst gerührt, erzählt und erklärt und fragt und hinterfragt, und erweist sich insgesamt als großartige Entertainerin, die ihre Figur mit viel Humor, der nötigen Portion Galgenhumor ausstattet. Mutterwitz, mit dem sie die ständige Angst vor dem nächsten Absturz mit Anekdoten tarnt.

„Wenn etwas Schlimmes passiert, spürt das der Körper, bevor der Verstand weiß, was passiert ist“, sagt sie. Da ist es, zehn Jahre später, wieder so weit, die Mutter nach einem weiteren Suizidversuch wieder im Krankenhaus, und die nunmehr Teenager-Tochter, die ihr erst empfiehlt, keine Tabletten mehr zu nehmen, sondern „Spring von einer Scheiß-Brücke!“, setzt die Liste fort. Erweitert sie um „Wayne’s World“ und Johnny Depp. Macmillans liebenswerter, und ebenso dargebotener, Text lässt deutlich erkennen, was die ständige Sorge um die Mutter, was deren Depression mit der Familie macht, mit der Tochter, die mit dem Erwachsenwerden mehr und mehr mit der Furcht konfrontiert wird, so zu werden wie sie, mit dem schweigsamen Vater, der sich in seine Schallplattensammlung verkriecht.

Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Dauböck und Bilgeri geben dessen Lieblingsmusik live zum Besten. Von Johnny Cashs „Ring of Fire“ bis zur Vertonung der Konrad-Bayer-Lyrics „Glaubst i bin bled“ von der Worried Men Skiffle Group. Auch die Mutter in ihren besten Momenten ist anwesend, wenn sie am Klavier in der Küche sitzt und singt.  Doch eine Universitätsprofessorin lässt ausgerechnet den „Werther“ lesen, ein erster Freund wird erst zum Ehemann, dann zum Ex. Bilgeri bringt ihr Publikum mit ihrer Spontanität bis zum Küssen, und ja, ein bissl arbeitet da schon der Schadenfreude-Faktor, wenn man grad selber nicht drankommt.

Und Ágnes Hamvas‘ Raumgestaltung gibt immer weitere Listenplätze preis, und viele davon legen eigene Erinnerungen an „All das Schöne“ frei. Bis eine Million will die Ich-Erzählerin kommen. Im Foyer liegt nicht zuletzt deshalb ein Buch auf, in das das Publikum selbst seine schönsten Dinge eintragen kann. Neben „schwanger sein“ und „ein Kind zur Welt bringen“, dies wohl als Frage darauf, warum das Macmillans Mutterfigur nicht Lebensgrund genug ist, steht da:

Zu sehen, wie Jamie Cullum nach seinem Konzert auf der Donaubühne Tulln beim Schlussapplaus samt Band ins Wasser sprang. Na bitte. Bis 24. November kann man sich noch in die Liste eintragen.

www.drachengasse.at

  1. 11. 2018

Theater Drachengasse: nach Lulu

Dezember 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Verführerin ist in die Jahre gekommen

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Ein Gedankenexperiment wagen Michaela Hurdes-Galli und Tochter Pippa Galli derzeit im Theater Drachengasse. Als Drachengasse-Koproduktion mit ihrer Truppe „Theaterblau“ zeigen sie die Versuchsanordnung „nach Lulu“. Eine Uraufführung nach Frank Wedekind. Dessen wilhelminisches Enfant terrible ist in die Jahre gekommen. Eine alternde Verführerin ist es, die Michaela Hurdes-Galli spielt, doch scheint sie sich im Laufe des Abends zu verjüngen.

Bis erneut ein Kind auf der Bühne steht. Ihr zur Seite Lorenzo Tonello, der letztverbliebene Mann und doch auch alle Männer in Lulus Leben. Goll, Schwarz, Schigolch und natürlich Dr. Schön. Als solcher, „Erdgeist“-Kenner wissen es, gleichsam auch ein Alter Ego des Autors. Klug gehen die beiden Projektentwicklerinnen nicht nur der Frage nach dem Mythos der Wedekind’schen Figur nach, sondern auch der, wieweit sich das Frauenbild seit 1898 verändert hat. Dazu gibt es spielshowartige Sequenzen, in denen Themen erörtert werden, wie „Wie unsicher muss man sein, um es nötig zu haben, sich überlegen zu fühlen?“ In diesen Momenten ist die Aufführung Satire.

Der Text ist eine Collage, umfasst neben eigenen Passagen unter anderem auch Marguerite Duras, Daphne du Maurier, Jean Cocteau, Marcel Proust, Else Lasker-Schüler, Paul Celan – und Christiane F. Diese Off-Texte kommen via Video von Anna Maria Eder, Pippa Galli, Manfred Baschiera, Thomas Kamper, Hans Wagner und Hendrik Winkler.

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Da steht es nun also, das süße Wunderkind, mit Stock und schlechtem Bein, und abgeflogen sind die Männer, und philosophiert übers sich wild Ausleben und die ideale Verbindung. Michaela Hurdes-Galli bestimmt das Bühnengeschehen, wie wohl nur sie es kann. Im Spiel träumt sie mehr als sie wacht, versucht Antworten zu erträumen auf Fragen, die unbeantwortet geblieben sind aus ihrem Leben.

Sie kontert den Stimmen, sie rebelliert und stimmt manchmal zu, anerkennend, dass was war, Gültigkeit hat, unveränderbar ist. Zukunft sieht sie keine mehr. Was ihr bleibt, ist der geistige Raum, das Erkennen, soviel als möglich noch, wenn geht … „Diese Abstumpfung“, zitiert sie Schön immer wieder, „braucht keine endgültige zu sein“. Oder sie sagt: „Sexualität bedroht prinzipiell jede gesellschaftliche Ordnung“.

Wer war und wer wahr ist, wer hier wen imaginiert, das müssen die Zuschauer selbst entscheiden. Denn sowohl behauptet Sie, dass er nicht da sei, als auch Er, dass sie ein Gedanke sei, den er „loswerden“ wolle. Loslassen müsse.

„nach Lulu“ ist ein rätselhafter Abend, der sich nie ganz die Maske vom Gesicht nimmt, und darum umso faszinierender. Eine spannende, moderne Auseinandersetzung mit einer der bekanntesten literarischen Frauengestalten – und gewollt auch wie eine Büchse der Pandora auf der Bühne.

www.drachengasse.at

www.muni.at/nach_lulu/start.html

  1. 12. 2017

Theater Drachengasse: Thomas Kampers „Anfangen“

Dezember 8, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das virtuos gespielte Kabinettstückchen

Julia Schranz und Pippa Galli Bild: Daniel Wolf

Julia Schranz und Pippa Galli
Bild: Daniel Wolf

Es muss natürlich mit einem Vorspiel auf dem Theater beginnen. Im Halbdunkel. Als Hör-Spiel. Drei Stimmen. Ein Vorsprechen. Und die Frage: Vorbereitet sein oder im Augenblick sein? Oder ist man im Augenblick, wenn man sich vorbereitet? Anmut oder Armut – das ist hier die Frage.

Thomas Kamper hat ein Theaterstück geschrieben, „Anfangen“, und hat es im Theater Drachengasse selbst inszeniert. Damit ist Wien um einen wunderbaren Autor und Regisseur reicher. Eine grindige Wohnküche steht auf der Bühne, ein mit Kaffeemaschine und Abwasch voll funktionsfähiges Endzeitkabinett, und darin läuft ein virtuos gespieltes Kabinettstückchen. „Anfangen“ erzählt von drei Frauen, die genau das nicht können. Also geht es um Abbruch und Wiederbeginn, um Alkohol und Zigaretten. Man befindet sich mitten in dem, was man eine Stückentwicklung nennt, nur, dass sich nichts entwickelt. Also wird philosophiert über Rausch und Nüchternheit.

Die drei Frauen, lässt sich mutmaßen, sind Schauspielerinnen. Sie haben sich der Welt und den von ihr auferlegten unentwegten  Probenprozessen entzogen, um eine bessere zu suchen, eigentlich zu schaffen. Zwischen Mager-, Trunk- und der Sucht, Feuer zu legen. „Wir haben abgesagt, wir haben entschieden uns abzukapseln, um von drinnen zu sehen, was draußen ist“, sagen sie sich vor. Ein Absurdes Theater, das da abläuft. Denn die Welt lässt sich freilich nicht ausschließen – siehe Straßenlärm in den leisesten Momenten. Wie die Kunst in das Leben sickert, so auch umgekehrt … Das Projekt, das die drei Schauspielerinnen in der Wohnküche zusammengeführt hat, holt sie jedenfalls ebenso wieder ein, wie der ihm zugrunde liegende Text von ihnen eingeholt wird. Ins Textbuch schreiben sie während ihres Divenkriegs – die „Irina“ in Wien gewesen zu sein, schlägt selbstverständlich die Gestaltung der Rolle in St. Gallen – wie Klassenbucheinträge. Nicht, um eine Klischeeschublade zu, sondern um eine Gedankentür auf zu machen, könnte man’s etwa so erklären: Drei Schwestern warten auf Godot.

Thomas Kamper beschreibt das alles mit einem sehr eigenwilligen, feinsinnig-schwarzen Humor. Er lässt seine Figuren durch alle Tiefen und Untiefen des Künstlerdaseins waten. „Anfangen“ ist ein großartiger Beschluss über seinen Berufsstand und dessen Randerscheinungen. Dazu gehört auch, dass Michaela Hurdes-Galli in Selbstironie ihren angegrauten „Förderpreis zur Kainzmedaille“ küsst und kost. Sie bildet mit Pippa Galli und Julia Schranz das verteufelt verzweifelte Trio, das sich um ein paar Chipstüten schart, deren Inhalt geprüft und verkostet wird wie edler Wein. An einigen Merkmalen sind sie festgemacht, diese Clowninnen, allesamt auch fabelhaft als Artistinnen, wie eine Stuhlaufklapp- und eine Kaffekochzeremonie belegen. Galli ist die mit dem Putzfimmel, eine federleichte Fee, der die Welt bestenfalls kaleidoskopartig erscheint. Schranz die burschikosere, körperliche, die von Unruhe getrieben über die Bühne turnt. Hurdes-Galli hat sich ihrem Selbst in Selbstverliebtheit ergeben. Als Aggregatzustände wären sie fest, flüssig und flüchtig.

So entspinnt sich ein überspanntes Hin und Her, ein Auf und Ab der Emotionen, an dessen Höhepunkt der Handstaubsauger alleine laufen darf. Kamper versteht es, Komik punktgenau einzusetzen. Es macht ja immer surreal viel Spaß anderen dabei zuzusehen, wie sie sich abmühen. Das Publikum in der Drachengasse war hellauf begeistert ob der Entdeckung dieses neuen Dramatikers – wiewohl Thomas Kamper vor seinem Engagement im Volkstheater-Ensemble als solcher schon gewirkt hatte. „Wenn wir einen Anfang haben, geht es von selbst“, sind seine drei Frauenfiguren sich sicher. Dann laufen sie bei der Tür hinaus. Hoffentlich in die nächste Kamper-Arbeit hinein. Denn was ihn betrifft, lässt sich mit großer Freude sagen: Er ist gerade beim „Anfangen“.

Thomas Kamper im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16238

www.drachengasse.at

Wien, 8. 12. 2015