TAG: Shut (me) down

Oktober 9, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Europas Stier ist nur noch ein Totenschädel

Bild: Anna Stöcher

Bild: Anna Stöcher

Was passiert, wenn ein Philosoph und Mathematiker mit kompliziertem Trümmerbruch im Bett liegt? Er schreibt ein Stück. Und zwar ein großartiges. Steffen Jäger verfasste fürs TAG „Shut (me) down oder Der Weg ins Zentrum des Abseits“, fungierte auch gleich als Uraufführungs-Regisseur, und ließ sich für sein Autoren-Debüt von Iwan Gontscharows Roman “Oblomow” inspirieren. Allerdings: Sehr frei nach … dem Bettgenossen. Zur Erinnerung: Der 1859 erschienene „Oblomow“, nach dem auch ein psychiatrisches Symptom benannt ist, ist der Prototyp des faulen russischen Adligen. Er verliert sich in den Traum eines geborgenen, sicheren, von aller Verantwortung freien Lebens, in dem der Schlaf Zentrum und Schwerpunkt der täglichen Verrichtungen ist. Der Roman ist eine engagierte Anklage gegen die herrschende Gesellschaft der Gutsbesitzer, des Land- und des Dienstadels. Oblomows Tod das Ende eines vergeudeten, ungenutzten Lebens.

Nun Jäger: Lilie (Julia Schranz) hat das Investmentbanking im kleinen Finger. Sie fällt die Karriereleiter steil nach oben. Alles scheint berechenbar. Das Leben ist letztlich nur das, was man fest im Griff hat. Doch eines Morgens steht sie einfach nicht mehr aus dem Bett auf. Ihr schwant etwas. DRAUSSEN sieht es nicht gut aus. DRAUSSEN lauert die Verantwortung. DRAUSSEN bricht das System zusammen. „Hatten wir das nicht schon mal?“, ist der leitmotivische Satz, den im Laufe der Inszenierung alle Figuren sagen werden. Und während die Krise DRAUSSEN ihre Wellen schlägt, bleibt Lilie einfach liegen. Ihr irritiertes soziales Umfeld wählt das Mittel der Belagerung … Dabei beginnt alles so schön auf einem weißen Podest (Bühne: Alexandra Burgstaller; Kostüme: Aleksandra Kica), auf dem Lilies Beförderung gefeiert wird. Gut, dass der Börsenbulle nur noch als Skelettschädel daliegt, könnte irritieren. Und, dass Lilies Boss am nächsten Tag verschwunden ist. Schon mal bemerkt, dass die Begriffe Bankenchef und Bandenchef nur ein Buchstabe trennt? Lilie, gerade noch dabei, durch perfektes Investieren Geld zu machen, um es in die nächste Finanzkatastrophe zu stecken – das Spiel der „neuen“ Generation -, verkriegt sich unter  der Bettdecke. Und findet ihr neopoststrukturistisches Heim plötzlich Scheiße.

Der Dramatiker Steffen Jäger entpuppt sich als Satiriker, als Sprachspieler, als Wortejongleur, der seine Figuren in skurril-sarkastische Situationen treibt. Was in den Dialogen nicht passt, wird passend gemacht. Redest du deins, rede ich meins. So kalauert sich das Ensemble durch Halbsätze im Serve-and-Volley-Spiel. Alles ist eindeutig zweideutig. Etwa Julia Schranz‘ U-Bahn-Ansage, man möge den Spalt zwischen Waggon und Perron beachtet. „Je mehr wir in die Renovierung investieren, um so größer wird er.“ Was will man auch erwarten vom „Proletenschlauch“?

Lilies Unproduktivität – und Schranz kann wunderbar mit der Gesteppten von einer Ecke der Bühne in die andere robben – bringt eine Schar weder so irr- noch so witziger Personen auf. Da muss doch was, da muss man doch … Der erste „Durchgreifer“ ist Georg Schubert als Ehemann Robert, ein Lokalpolitiker, für den das alles wahnsinnig peinlich, aber weil Hochzeitstag und so, und Anschleimen sowieso sein Geschäft – keine Chance. Ein Sieg immerhin: Da außer ihm keiner mehr zur Wahl geht, gewinnt er mit 100% der Stimmen. Jens Claßen spielt den vor Zukunftsfurcht ganz zerfressenen Untergebenen Schachinger, der, es wäre wegen einiger Unterschriften … Elisabeth Veit als Schwester Rosa und Emese Fáy als gleich morgen ihren Jahrhundertroman beginnende Schriftstellerfreundin Helene scheitern ebenso beim Deckenwegziehen. Nur Hund Brutus (Raphael Nicholas erfüllt alle Hol’s-Balli- und Gib‘-dem-Fraudi-ein-Bussi-Erwartungen besser als Martin Rütters Vorzeigewauwaus) freut sich. Was gibt es Schöneres, als sich den ganzen Tag im Bett herumzuflätzen? Da kann aus dem Bäuchleinkraulen schon ein „Ja, ja, ja, tu es“ werden. Na ja.

Jäger fügt diesen Merk- noch ein paar Denkwürdigkeiten hinzu. Das Highlight: Der Chor der Obdachlosen, von Claßen, Nicholas und Veit angelegt wie in der griechischen Tragödie, samt Wehgeschrei, bekannt nur aus Performances auf Bühnen, nicht aus dem Fernsehen, vielleicht noch als dokumentarische Häppchen, als sozialkritisches Requisit, auf Festen, auf denen „die anderen“ andere Häppchen fressen. Sehr schön auch Fáy als Mona Lisa (echter Kopf in fotokopiertem Gemälde), die erbost ihre Geschichte erzählt. Nämlich, dass erst der Diebstahl durch Vincenzo Peruggia und die damit verbundene öffentliche Erregung ihr ihren Ruhm beschert hätten (und, dass sie seit 500 Jahren ihren podice nicht mehr gesehen hätte) – ein mit Verve hingeworfenes Kabinettstück über die Werteskala von Kunst. Jäger spielt mit virtual und reality, lässt Konsoleninhaftierte und Autorenschaftinternierte miteinander agoraphobien. My home is my pokey. Und dann natürlich sie: Europa (Veit) mit dem Stier(schädel). Sich beklagend, dass ihr Name nur noch ein Wort zum Handeln, im Sinne von Ware, von Preisschacherei, nicht im Sinne von zur Tat schreiten, ist. „Als Hure habe ich begonnen und als Hure werde ich enden.“

„Schleichende Fehler werden erst bemerkt, wenn sie schon rennen.“ Noch so ein jägerscher Halali-Satz. Und so danken die Darsteller den Menschen zum Schluss, dass sie so konsequent inkonsequent sind. Dank zurück für diesen intelligenten, ironischen Abend, für diesen ideenreichen Text und dessen imposante Darbietung. Anm. laut Prof. Jäger, Lexikon der Krise: Stier sind wir schon, jetzt muss es nur noch in den Schädel rein.

http://dastag.at

Trailer: http://vimeo.com/108120574

Wien, 9. 10. 2014

„White House Down“ mit Jamie Foxx

September 9, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und immer sind die armen Amis die Opfer …

Channing Tatum ("John Cale") und Jamie Foxx ("Präsident James Sawyer")  Bild: © 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

Channing Tatum („John Cale“) und Jamie Foxx („Präsident James Sawyer“)
Bild: © 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

„In Emmerich we trust“ schrieben die US-Medien nach des Schwaben jüngstem Streich. „White House Down“, aber geh‘, wieder einmal hat Roland, der Rächer, die freie Welt – oder zumindest die, die sich dafür und ihre Polizei gleich dazu halten – vor dem Bösen gerettet. Nach „Independence Day“ (da waren’s Aliens), „The Day After Tomorrow“ (da war’s die Klimaerwärmung) und  „2012“ (da war’s der Maya-Kalender) bedroht nun eine paramilitärischen Gruppe die USA. Ein Glück für Lunz am See und Schwarzau im Gebirge, dass beide solcherart von zahlreichen Begleitphänomenen wie Erdbeben, Vulkanausbrüchen und  Flutwellen, die allesamt zum Weltuntergang führen,  verschont bleiben. In „White House Down“ also wurde dem Washingtoner Polizisten John Cale (Channing Tatum) gerade sein Traumjob verwehrt, für den Secret Service als Personenschützer von Präsident James Sawyer (Jamie Foxx) zu arbeiten. Weil er seiner kleinen Tochter die schlechte Nachricht schonend beibringen will, nimmt er sie mit zu einer Besichtigungstour durch das Weiße Haus. Aus heiterem Himmel wird der gesamte Gebäudekomplex von einer Horde finsterer Jungs gestürmt und besetzt. Während die Regierung ins Chaos stürzt und allen die Zeit davonläuft, liegt es an Cale, den Präsidenten, seine Tochter und das Land zu retten. Was zu erwarten war … Das Weiße Haus fliegt natürlich -no na – in die Luft.

„Cale versucht seit Jahren sein Leben in den Griff zu bekommen. Was ihm fehlt, sind die nötigen Werkzeuge, um alles auf die Reihe zu kriegen“, sagt Tatum im Gespräch. „Aber er hat ein gutes Herz – er hat immer davon geträumt, der Held seiner Tochter zu sein. Und jetzt wird ihm bewusst, dass er das nicht sein kann, wegen der Fehler, die er gemacht hat. Er denkt: „Nun, sie bewundert den Präsidenten – wenn ich schon nicht ihr Held sein kann, dann kann ich vielleicht wenigstens denjenigen beschützen, der es ist.’“ „Zu Beginn des Films ist er vermutlich eher ein guter Kumpel als ein guter Vater“, erzählt Tatum weiter. „Er ist kein besonders gutes Vorbild – er ist niemand, zu dem man gehen würde, wenn man Rat benötigt. Aber wenn es hart auf hart kommt, dann ist er der Typ, auf den man sich verlassen kann. Er hat schon einige haarige Situationen gemeistert.“

Jamie Foxx mimt – sehr passend zur Realität – den  46. Präsident der Vereinigten Staaten, einen Mann, so Foxx, „der alles unternehmen würde, um Schaden von Amerika abzuwenden. Er ist aber auch einer, dem bewusst ist, dass man, wenn man Amerika in der heutigen Zeit beschützen will, genau wissen muss, wer der Feind ist, mit dem man es zu tun hat. Wenn man dieses Wissen nicht mitbringt und nicht weiß, wie man einen Dialog führt, dann wird sich die Situation niemals wirklich entspannen und so besteht die Gefahr, dass etwas Drastisches passieren kann.“ Foxx: „Als Präsident Sawyer gewählt wird, will er Berge versetzen. Als er schließlich im Amt ist, stellt er fest, dass es nicht ganz so einfach ist. Er muss viel Zeit mit der Politik seines Jobs verwenden. Während es Cales Ziel ist, sich selbst und seine Tochter zu beeindrucken, strebt der Präsident danach, etwas Großes zu leisten – er will etwas wirklich Präsidentschaftliches erzielen, etwas „Lincoln-haftes“. Er will, dass man sich an ihn als großen Präsidenten erinnert. Das ist also Teil des Spaßes bei diesem Film: Wir haben es mit einem ehemaligen Soldaten zu tun, der es intellektuell mit dem Commander-in-Chief aufnehmen muss, weil sie den ganzen Film über aneinander gebunden sind.“ Na, wenn das nicht lustig ist. Sagt der Spieß zur Truppe: „Rechts um! Das gilt auch für den kleinen Roten da hinten!“ Soldat: „Aber Herr Feldwebel, das ist doch ein Hydrant!“ Spieß: „Na und? Ist mir sowas von egal, was der studiert hat!“

„In dieser Situation wird der Präsident mit dem Beginn einer neuen Weltordnung konfrontiert“, erzählt Foxx über seine Figur. „Er lernt, dass die Macht des Schwertes (?, Anm. der Redaktion, wir dachten Schwerter, bei aller Liebe zur Bibel oder Rosa Luxemburg, hat der böse Islamist) nicht immer die beste Maßnahme in einer Krisensituation ist. Wir schneiden ein paar dieser politischen Themen an, aber wir wollen das Publikum nicht runterziehen.“ Völlig verständlich. Irak, Afghanistan, Syrien – man kann’s doch schon nicht mehr hören. Warum Realität zeigen, wo man dem Zuschauer mit Krachbumm ein paar unbeschwerte Stunden bescheren kann.

Maggie Gyllenhaal ist als Tatums Vorgesetzte für die Frauenquote zuständig.  Und … ? … ach ja: Das Oval Office musste wegen der Explosionsszene zwei Mal gebaut werden. Das hätte sich Bill Clinton auch gewünscht.

www.whitehousedown.de

www.sonypictures.at/filme/white-house-down/

www.whitehousedown.com/site/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=uvx7cvJKEpM

www.youtube.com/watch?v=iXufri0Ts3c

Wien, 9. 9. 2013

Wiener Festwochen: „The Table“

Juni 3, 2013 in Bühne

Moses beim Tabledance

Sie waren schon im vergangenen Jahr auffällig geworden, Nick Barnes, Mark Down und Sean Garratt, besser bekannt als „Blind Summit Theatre“. Da gewegten sie in Simon McBurneys Wunder-Inszenierung von „The Master and Margarita“ die Puppe Behemoth. Und wer Michail Bulgakows Jahrhundertroman kennt, weiß, dass sich der teuflische Geselle eine Menge herausnimmt. Dreimal schwarzer Kater!

The Table Bild: Blind Summit Theatre 2011

The Table
Bild: Blind Summit Theatre 2011

Nun sind die Londoner mit einer eigenen Produktion in Wien: „The Table“ läuft in der neuen Festwochen-Schiene „New Performance – Late Hour“ am Schauspielhaus. „The Table“ ist der Tisch, auf dem ein stein- (eigentlich papier- und stoff-)alter Mann seit 40 Jahren lebt. Ein eigenwilliger Kopf, ein subversiver Prophet, ein Spinner, aber auch ein Charismatiker, der eine laaange Geschichte zu erzählen hat. Keine Angst, bei Adam und Eva beginnt er nicht, aber immerhin bei den letzten zwölf Stunden im Leben Moses. Und auch die sind mit biblischem Maß gemessen. Da kommen nicht nur gewisse Steintafeln oder eine Endloswanderung durch die Wüste oder brennende Büsche vor, sondern auch Samuel Beckett (mit dem die Figur eine gewisse Ähnlichkeit hat) und Ikea. Man verliert sich ja in so einer Schilderung. Und wer möchte nicht behaupten, dass ein Besuch im Wir-duzen-euch-alle-Möbelhaus nicht erstens was Surreales hat und zweitens oft als „Happy Days“ beginnt, bis es zum „Endspiel“ an der Kassenschlange wird. Gespickt ist der Abend mit Rückblenden auf das Leben der Puppe, Anspielungen auf existenzielle Krisen im Kleinen wie im Großen. Zwischendurch wagt der Alte auch ein Tänzchen auf seinem Table. Und Barnes nutzt jede Gelegenheit für Abschweifungen, improvisierte Scharmützel mit seinen Mitspielern und bissige Kommentare zum aktuellen Weltgeschehen. Das ist amüsant, intelligent, bissig und handwerklich meisterlich perfekt.

Die Truppe hat für ihr Puppenspiel die traditionelle Technik des japanischen Bunraku zeitgenössisch adaptiert, einer Theaterform, die 1684 in Osaka erfunden wurde. Die Puppenspieler, in Schwarz gekleidet, sind während der ganzen Aufführung auf der Bühne zu sehen, sie bedienen die Figuren mit Hilfe von in den Puppen angebrachten Griffen. Ein „Hauptdarsteller“ benötigt drei Puppenspieler zur Führung: der angesehenste Spieler bedient Kopf und rechten Arm, ein zweiter den linken Arm und der Dritte die Beine. Meist werden tragisch-tödliche Liebesgeschichten (von einem Rezitator) erzählt. Da sorgen Barnes und Konsorten für mehr Lacher. Hoffentlich bald wieder hierzulande.

www.festwochen.at

www.blindsummit.com

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-gift-eine-ehegeschichte/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-in-agonie/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-the-wild-duck/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-le-retour/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

www.schauspielhaus.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 1. 6. 2013

Peter Turrini schrieb ein Tanzspiel

Februar 28, 2013 in Bühne

Die I Dance Company im Theater in der Josefstadt

I Dance Company

Bild: Jork Weismann

Von 1. bis 21. März findet in Wien  das Down-Syndrom Festival 2013 statt. In dessen Rahmen zeigt die I Dance Company im Theater in der Josefstadt an fünf Abenden die Produktion „Schritte – ein Tanzspiel“. Uraufführung ist am 1. März, 20 Uhr, auf der Probebühne der Josefstadt. Kyrre Kvam komponierte die Musik und singt und spielt die Lieder mit seiner Band live. Peter Turrini – Schirmherr und Mentor der I Dance Company – verfasste den Text. Es tanzen und spielen die Mitgliede der I Dance Company, junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren mit Down-Syndrom. Regie: Beata Vavken. Mit „Schritte – Ein Tanzstück“ begeben sich die jungen Künstler auf neues Terrain: Sie gehen über ihre Domäne, das Tanzen, hinaus, und werden erstmals auch Dialoge sprechen. „Zum ersten Mal in meinem fünfzigjährigen Dramatikerleben habe ich ein Stück für Menschen mit Down-Syndrom geschrieben“, so Peter Turrini. “ Das Tanzspiel ,Schritte‘ schreitet den Bogen des Lebens ab: Von der Geburt, über das Aufwachsen, über die erste Liebe bis hin zum Altwerden und Vergehen und endet mit einer fröhlichen Wiederauferstehung.“

Eine Empfehlung!

www.idancecompany.at

www.josefstadt.org

Von Michaela Mottinger; Wien, 28. 2. 2013