Armes Theater Wien: Die Frau vom Meer

August 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Ebbe und Flut in den Seelen

Krista Pauer und Aris Sas. Bild: Martin Hauser

Es ist das Faktotum Ballested, Schauspieler, Maler, Tanzlehrer, hier nun auch Fremdenführer, der die „Reisegruppe aus Wien“ im kleinen Kurorthotel empfängt, und gleich einmal auf die Fjordcard hinweist, mit der es alles um zehn Prozent preiswerter gibt. Das Hotel ist im Ottakringer Bockkeller des Wiener Volksliedwerks untergebracht, wo Erhard Pauer Ibsens „Die Frau vom Meer“ in einer Bearbeitung von Krista Pauer inszeniert hat.

Dies mit heiter-melancholischem Grundton und in ihrer Bittersüße exakt gearbeiteten Figuren. Bei Pauer wird das Schauspiel um platzende Träume und verschüttgehende Weltbilder beinah zur Tragikomödie, immer wieder darf man auch schmunzeln, wenn die vereinten Frauenmissversteher am Werk sind, wenn sie sich der einzelgängerischen Protagonistin des Stücks ungeschickt nähern, nur, um die nächste Abfuhr zu erhalten. Die Pauers geben dabei dem Feministen Ibsen Raum, wenn sie Männer zeigen, die Frauen nach ihren Wünschen formen und manipulieren wollen, und Frauen, die sich deshalb neue – in der Regel allerdings ungesunde – Wirklichkeitsbilder schaffen. In ihren Händen wird „Die Frau vom Meer“ ein Spiel um Ebbe und Flut in den Seelen.

Krista Pauer spielt die Ellida. Die Tochter eines Leuchtturmwärters, die auf einer Insel mitten im Meer aufwuchs, hat den Arzt Wangel geheiratet, mit dem und seinen beiden Töchtern aus erster Ehe, Bolette und Hilde, sie nun in der Kleinstadt am Ende des Fjords lebt. Nie hat Ellida in Wangels Haus wirklich Wurzeln geschlagen, jeden Tag zieht es sie ans Meer, dessen Unberechenbarkeit sie zugleich abschreckt und anzieht. Um sie aufzuheitern hat Wangel Bolettes ehemaligen Lehrer und in früheren Tagen verschmähten Anbeter Ellidas, Arnholm, eingeladen. Der interpretiert die Geste falsch, als Aufmunterung um Bolette anzuhalten.

Florian Sebastian Fitz. Bild: Martin Hauser

Daniel Ruben Rüb. Bild: Martin Hauser

Und dann ist da noch der junge Kurgast Lyngstrand, der eines Tages die Geschichte vom ertrunkenen Seemann erzählt, der zurückkehrt aus der schwarzen See, eine Geschichte, die Ellida sehr vertraut ist, ist es doch ihre eigene. Erschüttert ist sie nun überzeugt davon, dass der Amerikaner sie holen kommen wird. Und während man sich noch fragt, ob man es mit Albtraum, einer pathologischen Todessehnsucht oder doch der Realität zu tun hat, dreht sich dies Stück ums Ungesagte, nur Angedeutete weiter. Die Hintergrundgeräusche in ihrem Kopf werden lauter, und Ellida trifft eine schwerwiegende Entscheidung …

Krista Pauer legt Ellida als hochgradig bipolar Gestörte an, mit großem Feingefühl bewegt sie die Figur zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Als sei sie in einem Käfig eingesperrt stolpert sie über die Spielfläche, seufzend unter der erdrückenden Last der bevorstehenden Heimsuchung. Sie vollzieht emotionelle Kraftakte, mit denen sie nach Haltung sucht, um gleich wieder zusammenzubrechen unter dem Gewicht ihrer Gefühle. Die Männer rund um sie, wiewohl sie alle um sie buhlen, wissen wenig mit ihr anzufangen. Jeder lebt hier in den anderen verschlossenen Welten.

Aris Sas als Wangel, liebevoll, bemüht einfühlsam, doch unfähig sich aus seiner Stasis zu befreien, tut einem als Ellidas Ehemann fast schon leid. Er glaubt an Heilung durch Umzug zurück auf die Inseln, muss aber natürlich an diesem Lebensansatz scheitern. Daniel Ruben Rüb schlüpft in die Rolle des Arnholm. Als solcher trudelt er umher auf der Suche nach immer neuen Möglichkeiten, die ihn umgebenden Frauen zu ergründen, hilfsbereit will er sich zeigen, vor allem gegenüber Bolette, doch scheitert er jedes Mal aufs Neue wegen mangelnder Sehkraft für das Wesen der Dinge.

Klaus Fischer. Bild: Martin Hauser

Cornelia Mooswalder und Celina Dos Santos. Bild: Martin Hauser

Auch das Dreieck Bolette, Lyngstrand, Hilde – Cornelia Mooswalder, Florian Sebastian Fitz und Celina Dos Santos – hat Erhard Pauer mit großer Sensibilität in Szene gesetzt, die ältere Tochter gegenüber der außer sich seienden Stiefmutter einlenkend, dennoch im Wortsinn das Weite suchend, die jüngere eine kindliche Hintertreiberin. Der lungenkranke Lyngstrand ahnt hier nichts von seiner kurzen Lebensdauer, gibt sich als egomanischer Möchtegernkünstler, der erst um das eine Mädchen, dann um das andere tänzelt, jedoch an deren emanzipatorischen Ansätzen scheitert. Bleibt schließlich Klaus Fischer, der einen wunderbar kauzigen Conférencier Ballested spielt, und als solcher quasi durch die Handlung führt. Er ist der einzige Freie unter all den Ibsen-Figuren, die doch nur auch das eine wollen – Freiheit, sich aber von ihren kleinbürgerlichen Ängsten und Zwängen nicht lösen können.

Was Erhard Pauer und seinen Darstellern hier gelungen ist, ist große Kunst, nicht, weil dieser Abend Antworten und Lösungen anbietet, sondern weil er die erschreckende Ahnung von der Einsamkeit der Menschen und deren vergeblichen Mühen um Zusammenleben und Kommunikation mit anderen ins Bewusstsein zerrt. Was einem mitunter den Hals zuschnürt. „Die Frau vom Meer“ des Armen Theater Wien ist zu verstehen als Tauchgang in die eigene Psyche.

www.armestheaterwien.at

  1. 8. 2018

Wiener Festwochen: „Julia“

Mai 15, 2013 in Bühne

Im brut wird ein Strindberg-Film gedreht

Julia Bernat, Rodrigo dos Santos Bild: Photo: Marcelo Lipiani

Julia Bernat, Rodrigo dos Santos
Bild: Photo: Marcelo Lipiani

„Cut“, ruft der Kameramann (David Pacheco – er wird später als Julias Vater immer  den selben Satz „Ich brauche den Wagen in fünf Minuten“ sagen) mehrmals. Und zu Jean, der hier Jelson (Rodrigo dos Santos) heißt: „Kannst den Schuh da noch einmal wegkicken?“ Dann erst ist er mit der Einstellung zufrieden und kann wie die beiden Hauptdarsteller einen Schluck Rotwein trinken. Im brut wird ein Strindberg-Film gedreht. Die Autorin und Regisseurin Christiane Jatahy (bei den Festwochen 2008 mit „A falta que nos move“ zu Gast) und ihre Truppe „Cia. Vértice de Teatro“ aus Rio de Janeiro haben August Strindbergs Schockertrauerdrama „Fräulein Julie“ aus dem Jahr 1889 auf ihre Art interpretiert.

Künstlerisch – ein Gewebe aus Theater, zwei Darstellern, denen ständig eine Live-Kamera folgt und intime Close-ups (etwa bei der Sexszene „hinter den Kulissen“, oder als sie zu dritt aus dem Theater laufen und mitten ins Zeltfest der „Tiroler Tage“ beim Künstlerhaus gelangen) auf drei bewegliche Leinwände projiziert, und vorproduzierten Filmszenen. Die ob der sich entwickelnden Ereignisse angewiderte Köchin (Tatiana Tiburcio) des Hauses kommt überhaupt nur via Film vor. Gegenwartstheater und -kino, eine virtuose, fabelhaft gespielte Versuchsanordnung. Ein Spiel im Spiel. „Er ist doch nur eine Attrappe“, ruft Jelson, nachdem er Julias Kanarienvogel den Kopf abgeschnitten hat und sie an diesem kleinen Blutbad verzweifelt. Rodrigo dos Santos kokettiert mit Kamerablicken wie Oliver Hardy, einst Erfinder dieser darstellerischen Technik. Viel scheint Improvisation, ein Statement gegen die vierte Wand. „Und jetzt?“, fragt nämlich die großartige „Julia“ Julia Bernat provozierend, ungeduldig das Publikum mit dem Messer in der Hand. Soll sie sich zum Schluss a la Strindberg das Leben nehmen? Eine Zuschauerin nimmt ihr das scharfe Selbstmordinstrument ab (ein Theatermitarbeiter holt es Sekunden nach Ende der Vorstellung), trotzdem färbt sich auf den Leinwänden Wasser blutrot. Poetisch. Brutal. Strindbergs Subtilität in Auflösung.

Inhaltlich – hält sich Jatahy vordergründig an die Story: Höhere Tochter, verwöhnt-verspielt, flirty dank Damenspitzerl und natürlich weiß, macht beim Bedientenball den Gärtnerssohn und Chauffeur so lange kirre, bis der, trotz Angst um seinen Job, nicht mehr widerstehen kann. In Brasilien ist er ein Schwarzer, ein Kind aus der Favela nebenan. So lebt diese Gesellschaft: miteinander und doch Schichten von einander getrennt. Die sozialen Verhältnisse, sie sind eben so. Aber: Während beim alten Schweden der Subalterne der Hochadeligen nach Vollzug als besten Ausweg zu ihrem Aus-dem-Leben-Scheiden rät, hat er hier große Zukunftspläne. Die er ausgerechnet beim Beischlaf zwischen vielen Ays und Ohs erklärt. Jelson hat Unternehmergeist, will etwas aus sich machen, einen Hotelier. In zehn Jahren wäre er reich, sie müsse nur das Startkapital aus Papas Safe holen – dann Flucht. Da bricht er aus Julia heraus, der Alltagsrassismus. Sie demütigt den „Diener“. „Sie wissen ja nicht einmal seinen Namen“, kreischt sie in den Raum. „Leider“ schreit jemand „Jelson!“ zurück. „Super“, grummelt sie, „Sie haben mir soeben die Szene ruiniert.“ Und facebooked mit dem Handy: „Second day Wiener Festwochen A Disaster“. Was natürlich überhaupt nicht stimmt (außer für Julia und Jelson). Das Publikum dankt für diesen überraschenden, klugen, nachdenklich und doch irgendwie fröhlich stimmenden Abend mit Riesenapplaus. Der kurze, aber heftige Parforceritt der Darsteller war ein Erfolg.

www.festwochen.at

www.brut-wien.at

www.christianejatahy.com.br

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013