Burgtheater: Ein Volksfeind

November 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Appell an eine vergartenzwergte Gesellschaft

Doktor Tomas Stockmann entdeckt, dass die Heilquelle verseucht ist: Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die einen stolpern und schlingern übers glatte Bühnenparkett, die anderen gleiten geschmeidig darüber hinweg. Die einen sind Pirouettendreher, die anderen haut es, weil in ihrem Leben nichts hin-, auf den Hintern. Der Bürgermeister kann beides, kann im Fall noch die kunstvollsten Figuren gestalten, während der Bruder-Protagonist in Gesundheitslatschen beständig die nackten Zehen vor den scharfen Kufenkurvern in Sicherheit bringen muss.

Die Welt ist ein Eislaufplatz. Zumindest in Jette Steckels Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“ in der Neufassung von Frank-Patrick Steckel am Burgtheater. Wo magische Bilder im Halbdunkel bezaubern. Wo alles, was irgend Emotion ist, übers Eislaufen abläuft. Wo dagegen aber eher verhalten und artifiziell gespielt wird, „flach“, wie manche in der Pause der dreistündigen Aufführung meinten.

Gemeint ist hier übrigens alles gut. Die Steckels haben den bereits im norwegischen Stück angelegten Konflikt der Profitgier um natürliche Ressourcen, des Kampfes der Ethik, ja der Moral eines einzelnen mit den wirtschaftlichen Interessen vieler zugespitzt, und zeigen nun ein Drama, wie es zeitgenössischer kaum sein könnte. Alles, bis zum Ende die letzten Bilder, dreht sich um Klimakatastrophe, um Weltverschmutzung (denn wie klug angemerkt wird, es gibt keine Umwelt, nur die Welt) und deren Wohlstandsverursacher.

Ein Gesundheitslatschenträger verfolgt vom Kufenkurver: Mirco Kreibich als Peter Stockmann mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Aussprache mit Publikum und den Industriellen-Schwiegervater: Ignaz Kirchner als Morten Kiil mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Fakten werden alternativ, die News zwar nicht Fake, eine Lügenpresse gibt Ibsen nicht her, aber immerhin von Schweigejournalisten unter den Tisch fallen gelassen. Willkommen im Irrwitz der Gegenwart! Wo Dr. Tomas Stockmanns Söhne „boys“ sind, seine Frau Kathrin eine resolute, hemdsärmelige Kinderärztin, was Dorothee Hartinger tatsächlich wenig Spiel-Raum gibt – und er selbst wesentlich weniger ambivalent als im Original.

Dass da einer so konsequent auf der richtigen Seite stehen muss, macht es Joachim Meyerhoff, gewohnt treffsicherer Darsteller ambivalenter Charaktere, nicht unbedingt leicht. Und so raunt er sich mit Reibeisenstimme durch die Rolle, als wär‘ ein Anflug von Heiserkeit eine Fluchtmöglichkeit vorm Kleinstadthickhack, und versucht den „erhabenen Spinner“ als Kauz zu gestalten. Immerhin bleibt er in dieser Sache radikal: Sein Stockmann ist ein Fleisch gewordener Aufruf zur Geradlinigkeit.

Über textliche Längen helfen diesmal andere hinweg, allen voran das formidable Volksboten-Trio Ole Lagerpusch (dieser als aufrechter Hovstad mit Irina Sulaver als Petra auch ein sympathisch-tollpatschiges Liebespaar), Peter Knaack als angstvoll-schmierigem Aslaksen, der Inserate gegen Integrität tauscht, und Matthias Mosbach als wendehälsischem Billing.

Mirco Kreibich als auf Schlittschuhen moonwalkender Bürgermeister und jüngerer Bruder Peter Stockmann läuft – im Wortsinn – Meyerhoff kurzzeitig sogar den Rang ab. Er macht die Pflicht zur Kür, seine große Rede zum artistischen Kabinettstück. In den besten Momenten des Abends stehen die beiden gegeneinander, der Realist vs dem Idealisten. Ignaz Kirchner gibt als stockschwingender Kapitalist einen Morten Kiil der alten Schule, einen Saulus, der zum Paulus werden wird.

Ein sinnloser Appell an die vergartenzwergte Gesellschaft: Joachim Meyerhoff als Doktor Tomas Stockmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Jette Steckels Königsidee in dieser Inszenierung sind aber eine gutes halbes Dutzend überdimensionale Gnomenfiguren, die dann und wann auch über die Bühne wandern und bedrohlich die Darsteller einkreisen können. Ausgedacht hat sich dieses herrlich obskure Bühnenbild Florian Lösche, und besser lässt sich die geistige Vergartenzwergung einer Gesellschaft wohl kaum zeigen. Großartig die Szene, in der Meyerhoff gegen die Riesen seine Greenpeace-Parolen anschreit.

Freilich ohne Gehör zu finden. Und so nutzt der passionierte Soloperformer die Szenerie, um zum Schluss wie gewohnt aus seiner Rolle zu fallen: Saallicht an, Sessel umgedreht und los geht die Ansprache an die Publikums-„Arschlöcher“. Seit mehr als hundert Jahren spiele man dieses Stück, und alles, was er sehe sei leicht fadisierte Apathie. (Kein Wort punkto Inszenierung dazu!) Ein Seitenhieb übers politische Schaulaufen Strache-Kurz darf in Zeiten wie diesen obligatorisch nicht fehlen, Meyerhoff zitiert Antonio Gramsci: „Die alte Welt liegt im Sterben. Die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ Aber knapp bevor Eisberge ins Meer brechen und Tsunamis das Land überrollen, ist klar: Die Zwerge, das sind natürlich wir. „Klatschen Sie nicht!“, fordert der Charaktermime die augenblicklich in ihrer Reaktion überforderten Zuschauer immer wieder auf.

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  1. 11. 2017

Akademietheater: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Mai 6, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die unerträgliche Leichtigkeit der Liebe

Markus Hering und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe ist … ein Tanz zwischen Nähe und Distanz: Markus Hering und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Es ist so, wie wenn Nord- und Südkorea ihre Grenzen öffnen würden, sagt der Mann zu seiner an Gedächtnisverlust leidenden Frau. Und erklärt ihr damit die Liebe. Beziehungsweise die Abwesenheit, weil prinzipielle Unmöglichkeit derselben. Das ist in Szene 15 von 19, und der Allerwerteste tut bereits weh, und man kriegt allmählich genug vom Gleichen, man liest ja auch nicht anderthalb Dutzend Kurzgeschichten auf einen Satz, und sogar Zuschauer X in Reihe y wird nun verstanden haben, worum’s hier geht. Akademietheater. Joël Pommerat. Die Wiedervereinigung der beiden Koreas. Ah!

Nach Yasmina Rezas simpel gestricktem „Bella Figura“ ist dies der zweite Glücksfall aus Frankreich, noch ein Stück, in dem das Ensemble glänzen kann, und wie es das tun, nie gab’s daran auch nur den leisesten Zweifel. Ihre „Libido“ sei es nicht, das Publikum mit sperrigen Arbeiten vor den Kopf zu stoßen, sagte Burgtheater-Chefin Karin Bergmann kürzlich im profil-Interview: „Ich brauche die Sicherheit, dass unser Stammpublikum die Inszenierungen annimmt.“ Na dann. Mission erfolgreich erfüllt.

Aufs erste Reinfühlen lässt sich gar nicht beschreiben, wie fabelhaft, vielschichtig und facettenreich das alles ist, jede Formulierung muss wohl oder übel zu kurz greifen. Neun Schauspieler gestalten zweiundfünfzig, in Zahlen: 52!, Rollen, die Prostituierte und den Priester, den Boss und seine Büroangestellte, Putzfrauen, Psychiater, hetero- und homosexuelle Paare, alle in Abhängigkeits- oder andersartig abartigen Verhältnissen, alle in ihren Beziehungen am Point of no Return angelangt, und ein Schelm, wer dabei an Klischees denkt. Bei Szene 7, „Hochzeit“, kichert das Publikum vergnügt in sich hinein, weil so was von klar ist, dass der Bräutigam mit allen vier Schwestern der Braut vorab … wasn Spaß.

Den übrigens Peter Wittenberg, nach der Ära Peymann erstmals als Burgheimkehrer tätig, inszeniert hat. So zwischen Sarkasmus, Skurrilitätenschau und Sentiment. Die Bühne von Florian Parbs ist so leer wie die Herzen der Figuren, die sie bevölkern. Für Auskenner dürfen die sonst ungern gesehenen, weil übergroß den Bildhintergrund befüllenden Heizkörper nun mittels Bodydoubles die Ausstattungshauptrolle spielen. Nach jeder Episode fährt ein raumfüllendes Kopiererleuchtkreuz von einer Seite zur anderen. Als Symbol für den Ablauf des sich selbst erklärenden Abends offenbar.

Und die Virtuosen üben sich im Virtuossein. Sie spielen, was intensiv bis zur Schmerzhaftigkeit geraten könnte, mit einem heiteren Achselzucken. Die unerträgliche Leichtigkeit der Liebe. Lebensentscheidendes wird leichthin gesagt, es gibt nur entweder das berühmte Wörtchen zu viel oder zu wenig. Als ob eine Silbe nicht alles verändern könnte. Es gibt kleine Gesten und große Abgänge, Augenzwinkern und dramatischen Augenaufschlag. Jede noch so mickrige Pointe wird bis zur Neige ausgekostet. Seht her, ich bin’s und ich kann’s! „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ist eine Katastrophenkomödie über, ein Plauertonrequiem auf die Zwischenmenschlichkeit, auf die Vergeblichkeit des Hoffens und die Vergänglichkeit jedes Harrens.

Eine Raumpflegerin erzählt den anderen, wie sie ihrem Ehemann zurzeit scheidungstechnisch eine reinwürgt, dabei hat sich der längst über ihren Köpfen erhängt. Ein kinderloses Paar engagiert eine Babysitterin, nur um sie zur Schnecke zu machen. Schnitzler, Ibsen, Albee werden beschworen, nur was macht man bei einer Séance, wenn der Geist nicht kommt? Es ist die Szene 13, „Krieg“, Protagonisten: Mutter, Vater, junger Soldat, bei der einem erstmals wieder einfällt, dass der Begriff Liebe auch in „beliebig“ beinhaltet ist.

Daniel Jesch, Frida-Lovisa Hamann und Dirk Nocker. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe ist … ein Hin- und Hergezerre: Daniel Jesch, Frida-Lovisa Hamann und Dirk Nocker. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Daniel Jesch und Sabine Haupt. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe ist … natürlich auch Liebe machen: Daniel Jesch und Sabine Haupt. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe allein reicht nicht. Liebe ist eine Krankheit. Nichts als Körperchemie. Ein surreales Empfinden. Erfährt man. Endlich etwas Neues zum wichtigsten Thema der Theaterwelt. Und dann, aufs zweite Hinschauen, zeigt sich in den Miniaturen der inszenatorische Überhang. Dirk Nocker ist das vierschrötige Sensibelchen, Sabine Haupt die hypernervöse Hysterikerin, Dorothee Hartinger macht auf emanzipiert, ergo hart, Markus Hering gibt den Stadtneurotiker, Petra Morzé die angezählte Sexbombe, Frida-Lovisa Hamann die jugendliche Nicht-mehr-ganz-so-Naive.

Martin Reinke spielt den stillbrütenden Überlebensmenschen und Dörte Lyssewski die exaltierte „Grande Dame“. Auch als Nutte. Ob das alles wirklich so sein muss, und ob Pommerat oder Wittenberg diesen Einheitsbrei angerührt hat, lässt sich von jemandem, der die Vorjahres-Festwochenaufführung in Verantwortung des Autors versäumt hat, nicht sagen. Einzelne Darsteller tänzeln zwischendurch als ein Glitzerwesen, halb böse Fee, halb lasziver Clown, durchs Geschehen, doch verpuffen diese puck’schen Absichten mangels „Zauber“-kraft. Immerhin: Wittenberg hat seinen Schauspielern ein Fest bereitet und die feiern sich und ihre Kunst gehörig.

Und dann doch. Daniel Jesch als Lehrer, der einen Schüler in einer misslichen Lage getröstet hat und sich nun des Missbrauchs bezichtigen lassen muss. Und je gefühlsbetonter er erklärt, wie sehr er seine Arbeit und die Kinder mag, umso empörter reagieren die Eltern und die Schuldirektorin. Und der einzige, der selbstlos liebt, wird gesellschaftlich zerstört werden. Da bekam die Untiefe auf einmal Tiefgang. Mehr davon wäre mehr gewesen. Nun heißt es warten auf Árpád Schillings Europa-Dystopie „Eiswind“.

www.burgtheater.at

Wien, 6. 5. 2016

Kasino des Burgtheaters: dosenfleisch

September 22, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Hirn klebt quasi auf der Straße

Dorothee Hartinger (beate) Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Dorothee Hartinger (beate)
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Percussionistin Katharina Ernst beginnt am Schlagzeug. Ihr Rhythmus wird den Abend begleiten, wird das Wortwuchtgewummere bestimmen. Herzschlag, bis das Herz aussetzt. Wenn das „dosenfleisch“ in seiner Blechbüchse zu Tode kommt.

Ferdinand Schmalz, Autor mit steirischem Lebensmittel-Punkt, seinen Erstling nannte er „am beispiel der butter“, sein nächstes Stück „der herzerlfresser“, da wird eine Frauenleiche mit herausgebissenem, das heißt: ohne Linksorgan gefunden, eröffnet mit „dosenfleisch“ die neue Saison am Kasino. Endlich wieder wird der beste Theaterraum des Burgimperiums bespielt. Die Regiearbeit von Carina Riedl wurde bei den Berliner Autorentheatertagen uraufgeführt, nun folgte die Übernahme nach Wien. Riedl, besser gesagt: Bühnenbildnerin Fatima Sonntag, gestaltet einen Spielraum aus Metall und Neon, da rein setzt sie Schmalz‘ Protagonisten.

Aufgefahrene in einer Autobahnraststätte. „dosenfleisch“ meint ja nicht nur Konserveninhalt, sondern auch das blutende Innere der Blechkarossen, wenn sie sich in der dortigen Todeskurve zu Schrott zerquetschen. Ein Versicherungsinspektor, rolf (Tino Hillebrand), besessen von Verkehrsunfallspuren, untersucht das Phänomen, das sich von der Raststätte aus perfekt überblicken lässt. der fernfahrer (Daniel Jesch) muss wegen einer desaströsen Karambolage hier Halt machen. Frustriert über den erzwungenen Stillstand, beobachtet er durch seine Windschutzscheibe das nächtliche Geschehen. beate, die Betreiberin der Raststation (Dorothee Hartinger), teilt ein dunkles Geheimnis mit jayne, einer schönen, autoaggressiven Fernsehschauspielerin (Frida-Lovisa Hamann), die süchtig ist nach Hochgeschwindigkeit. Beide Frauen sind tatkräftige Spezialistinnen für inszenierte, mitunter tödliche Autounfälle.

Schmalz verleiht der Sprache Fliehkraft. Sie, der eigentliche Star des Abends, schwadoniert sich kurvengängig vom Hundertsten ins Tausendste, jeline(c)kisch, Sie machens alle, er staffiert mit seinen wunderbaren Wortneuschöpfungen seine Figuren aus. Jesch etwa entwickelt als fernfahrer in seinem Auftrittsmonolog aus dem schönen Begriff „Fleischnebel“ eine Poetik des Insektengatschs auf der Windschutzscheibe. Stimmsicher satzschlängelt er sich durch seine Kadaver-Ode an den Fernverkehr. Inmitten dieser Kalauereien entwickelt sich eine Art von Krimihandlung. Hartinger und Hamann staksen in knöchelbrecherischen Extrem-Highheels und mit kreischfarbenen Perücken umher und verströmen Aggression, Thelma-und-Louise-Air, weil sie doch vom Lebensleerlauf gleich in die Fünfte schalten wollen. Da ist Hillebrands rolf, der genug hat von Autoerotik, natürlich ein gutes Opfer. Auch er wird den Weg allen Fleisches gehen …

Riedls Choreografie dieses Ausdruckstanzes bleibt unter cool und stahlhart. Sie lässt sich nicht zur angeheiterten Horrorshow verführen, was am Ende irgendwie ein bisschen schade ist. Mehr subversiver Splatter, etwas mehr Fleisch hätte dem „dosenfleisch“ nämlich gut getan, dieser verkappt hirnigen, hochphilosophischen Analyse des Weltblechschadens. Das Hirn klebt quasi auf der Straße. „Die Welt ist alles, was der Unfall ist“, dieses Zitat Ludwig Wittgensteins ist ergo dem Text vorangestellt. Im Kasino ist aber trotz sich quatschig quatschender Muskelmasse kein Crash passiert. An Verkehrsberuhigung ist an der Burg auch nicht gedacht. Im Februar inszeniert Claus Peymann das Stück des bekennenden Nichtautofahrers Peter Handke: „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“.

www.burgtheater.at

www.dieschmalzette.at

Mehr Burg-Kritiken:

„Der Revisor“ www.mottingers-meinung.at/?p=14630

„Engel des Vergessens“: www.mottingers-meinung.at/?p=14710

Wien, 22. 9. 2015

Im August in Osage County

Februar 28, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Meryl Streep und Julia Roberts im Duell der Diven

Julia Roberts und Meryl Streep Bild: Tobis Film

Julia Roberts und Meryl Streep
Bild: Tobis Film

Der Stoff ist bekannt. Alvis Hermanis inszenierte Tracy Letts‘ mit dem Pulitzer Preis (und fünf Tonys für die Broadway-Fassung) ausgezeichnetes Stück 2009 am Akademietheater. Unter dem Titel „Eine Familie“.  Und starbesetzt mit Kirsten Dene, Dorothee Hartinger, Dörte Lyssewski, Barbara Petritsch, Sylvie Rohrer, Martin Reinke, Falk Rockstroh, Dietmar König und Michael König. Nun zieht Hollywood nach. Regisseur John Wells bringt „Im August in Osage County“ – trotz Protesten des Dramatikers und Drehbuchautors nicht in der Original-US-Theaterbesetzung – auf die Leinwand. Als Kammerspiel, in meist abgedunkelten Räumen, ohne Chichi und Trara. Wells will die Bühnenherkunft der bitterbösen Tragikomödie gar nicht verschleiern. Das tut dem Ganzen gut. Er lässt den Vorarbeitern der Traumfabrik Raum. Und die entfalten sich prächtig. Allen voran Julia Roberts  als Barbara und Meryl Streep als Violet. Beide Damen waren für einen Golden Globe nominiert und sind es für einen Oscar.

Violet ist die Matriarchin einer Familie aus Oklahoma. Da ihr alkoholkranker Mann Beverly auf rätselhafte Weise ums Leben kam, finden sich die Familienmitglieder zur Beerdigung zusammen. Man hat einander lange nicht gesehen und diesen Zustand durchaus genossen. Violets herrische Art, ihr Zwang stets sofort auszusprechen, was sie  denkt, macht den Aufenthalt im Elternhaus zur Hölle. Für die Töchter Barbara und Karen, die erstmals mit ihren Lebenspartnern in ihre Heimatstadt reisen. Für Ivy, die bei Violet wohnen blieb. Außerdem kommt Violets Schwester Mattie Fae mit ihrem Mann und ihrem Sohn zur Trauerfeier. Obwohl alle Beteiligten das Ereignis möglichst schnell und friktionsfrei hinter sich bringen wollen, reizt Violets Zynismus schließlich alle zu Aussagen, die pünktlich zum Leichenschmaus allerlei dunkle Familiengeheimnisse ans Licht bringen …

„Im August in Osage County“ ist ein Frauenfilm. Streep, Roberts und Juliette Lewis als Karen sind derart brillant, dass die Kollegen Ewan McGregor (Barbaras Nochehemann Bill; man ist schon mitten drin in der Scheidung, will aber darüber schweigen, was natürlich nicht gelingt), Benedict Cumberbatch (als Mattie Faes problematischerSohn) und Sam Sheperd, ein Rückblenden-Beverly, schwer dagegen ankommen. Wiewohl auch sie fantastisch sind. Meryl Streep gestaltet die tablettensüchtige Violet – die Dene-Rolle – hart am Rande des Abgrunds. Und mit jenem Mut zur „Hässlichkeit“ (im Guck-mal,-nur-schöne-Leute-Business heißt das ja was), den man an der großen Schauspielerin immer wieder bewundern darf. Mit bröckelnder Fassade, Make-up und Perücke gehen im Laufe der Entgleisung verloren, lebt sie ihre seelischen Qualen, lang unterdrückte Begierden aus. Ist immer auf der Suche nach einem neuen Opfer für einen Schlagabtausch. Will verletzen – und verletzt vor allem ihre älteste, Barbara. Die spielt Julia Roberts zunächst noch mit hart erarbeiteter, hochdisziplinierter Zurückhaltung. Doch man merkt schon: Da brodelt’s unter der Oberfläche. Die angestauten Aggressionen brechen sich am Esstisch Bahn; wie Furien fallen die Frauen übereinander her.

Das ist großes Kino. Ein Familienk(r)ampf auf höchstem Niveau. Wie sich hier alles ums Geliebtwerdenwollen und Ungeliebtsein dreht, ist fast wie echt. Verwandte sind eben eine ererbte Krankheit. Mit den übrigen Leuten identifiziert man sich per Zufall.

Zu sehen ab 7. März.

www.augustosagecountyfilm.com

www.imaugustinosagecounty.de

Wien, 28. 2. 2014

Kasino des Burgtheaters: Wunschloses Unglück

Februar 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Katie Mitchell inszeniert sogar noch

Peter Handkes Leerzeichen

Auf der Leinwand: Liliane Amuat (Die Tochter), im Hintergrund: Ensemble Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf der Leinwand: Liliane Amuat (Die Tochter), im Hintergrund: Ensemble
Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ob das stimmt? Das Burgtheater schweigt. Die FAZ nennt „monströs“, dass „gerade jetzt, nach Bekanntwerden der Finanzkrise des Burgtheaters, das britische Team ständig zwischen London und Wien gependelt sein soll. Mitchell habe dazu noch auf der Anschaffung eines neuen, sündteuren Beamers für ihr Filmspektakel bestanden.“ Die sensationssuchenden medialen Trüffelschweine suhlen sich im kaufmännischen Skandal. Dass an der Burg gleichzeitig herausragendes Theater gemacht wird, geht da mancherorts zwischen Schlag-Zeilen unter. Die britische Regisseurin Katie Mitchell, vormals von den deutschen Medien als Theaterneuerin gefeiert, Nestroy-Preisträgerin für „Reise durch die Nacht“ nach Friederike Mayröcker in Köln, Frauenthemenstückesucherin, Kameraspezialistin, Burgdebütantin, inszenierte im Kasino des Burgtheaters „Wunschloses Unglück“ nach Motiven aus der Erzählung von Peter Handke. Eine herausragende Arbeit – wenn man Film am Theater mag. Denn Mitchell verlegt Handkes Buch teilweise auf die Leinwand. Mittels Video und dreier Kameraleute (insgesamt bestand das „handwerkliche Team“ aus 30 Leuten), die den Darstellern durch das Bühnenbild, die Handkesche Familienwohnung in den 1970-ern samt der damals üblichen Augen-Aushau-Tapete, erweitert um Versatzstücke aus Griffen, dazu die passenden Retro-Kostüme, folgen.

1972 schrieb Handke die Erzählung „Wunschloses Unglück“. Im Versuch, die äußerste Sprachlosigkeit in Worte zu formen, nahm der 28 Jahre alte, bereits sehr erfolgreiche Autor den Freitod seiner Mutter zum Anlass für ein literarisches Experiment. Das Ergebnis ist eine Erzählung, die Schilderung einer einzigartigen „Allerweltsgeschichte“. Entscheidend geprägt vom Anschluss Österreichs 1938, entstand so poetisch und präzise die Erinnerung an eine einst lebensfrohe Frau, die versucht ihrer bäuerlichen Herkunft im Grenzgebiet zwischen Österreich und Slowenien, inmitten sozialer Repression und ländlich-katholischem Dogmatismus, zu entkommen. Eine Mutter von vier Kindern, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg nach einem Leben jenseits der häuslichen Pflichten sucht und an den sogenannten Umständen scheitert. Am Ende dieses beklemmenden Frauenschicksals steht die minutiös geplante Selbsttötung als einziger Ausweg. Handke tastet sich gedankenscharf und gänzlich unsentimental an die Lebensgeschichte seiner Mutter heran; er verweigert sich einem abgeschlossenen Bild, lässt Fragen, Rätsel, Geheimnisse offen. Dies das Manko von Mitchells Inszenierung: Sie formuliert aus, wo Handke Leerzeichen stehen lässt. Jeder Gedanke der Figuren wird zum Bild, jede Emotion eingefroren.

Mitchells virtuoser Effektsicherheit kann man den Respekt nicht versagen – aber sie schießt damit auch übers Ziel hinaus. Als Zuschauer möchte man eben manches im Kopf entstehen lassen und nicht fertig vorgesetzt bekommen. Handkes schlanke Prosa wird hier – unter anderem mit melodramatischer Filmmusik – gemästet und dadurch gleichsam, ein Schock für Handke-Puristen, simplifiziert. Mitchell folgt der Mutter-Biografie, und genau das versuchte Handke durch Ich-Erzähler-Distanz am Dringlichsten zu vermeiden. Wenn es bei Handke heißt, dass „eine Arbeitsanstrengung nötig sein wird, damit ich nicht einfach, wie es mir gerade entsprechen würde, mit der Schreibmaschine immer den gleichen Buchstaben auf Papier klopfe“, klopft Handke-Darsteller Daniel Sträßer (inklusive dessen Oberlippenbärtchen aus der Zeit seiner „Publikumsbeschimpfung“) doch immer den gleichen Buchstaben auf seiner Schreibmaschine auf Papier. Überall dort, wo es in der Erzählung Angebote für mögliche Requisiten gibt, werden sie garantiert in Großaufnahme eingeblendet: die Bob-Dylan-Kassette, der Fernsehapparat mit dem Abspann von „Wenn der Vater mit dem Sohne“ … Das hätte so nicht sein müssen. Aber das ist zugegeben Jammern auf höchstem Niveau. Eine Uraufführung ist eine Uraufführung. Und jede Kunstform hat die ihr eigene Ausdrucksweise.

Mitchell versteht es nicht nur die Kamera, sondern auch ihre Schauspieler zu führen. Und die sind – wie immer an der Burg – top. Allen voran Dorothee Hartinger, die als Mutter Maria stoisch-sorgsam-pragmatisch ihren Abgang vorbereitet: An der Abwasch Tablettencocktail mixen und trinken, dann „Monatshose“ mit Binden anziehen, weil man im Sterben ja bekanntlich …, Kinn raufbinden, ins Bett legen, nur keinen Schmutz machen. Welch ein Menschendrama. Dazu Handke-Sträßer und seine Schwester, Liliane Amuat. Lautlos. Stumm. Ihre Stimme bekommen Mutter und Sohn aus dem Off, großartig gelesen von Peter Knaack und Petra Morzé. Auch dies ein Kunstgriff, der Mitchells Liebe zum Detail unterstreicht. Daneben gefallen Pfarrer Robert Reinagl und Schwiegersohn Laurence Rupp – er führt ebenso wie Amuat auch eine Kamera. Fazit: Matthias Hartmann sollte weder Personal noch großartige Erwachsenen-Arbeiten wie diese streichen, er sollte statt dessen sein seit Bochum gehütetes Bring-Your-Family-Prinzip überdenken. Denn großartiges Kinder- und Jugendtheater machen in Österreich das Theater der Jugend, der Dschungel Wien, Next Liberty … Den spannenden Experimentalort Kasino trotz einer Katie Mitchell so brachliegen zu lassen, wie es demnächst passieren wird, ist jedenfalls eine Schande. Und, Herr Hartmann, auch keine Lösung für Ihr Problem.

www.burgtheater.at

Wien, 20. 2. 2014