Kammerspiele: Die Migrantigen

September 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kebap mit polit-scharf

Aus dem Schauspieler Benny und Start-up-Bobo Marko werden Omar Sharif und Tito: Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger. Bild: Jan Frankl

Der Lieblingszweizeiler ereignet sich immer noch an Oktay Oncels Kebapbude, „Mit scharf?“ – „Nein, mit Lamm …“ Für die gestern in den Kammerspielen uraufgeführte Bühnenfassung des Erfolgsfilms „Die Migrantigen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25292) haben Regisseur Arman T. Riahi und seine beiden Hauptdarsteller Aleksandar Petrović und Faris Rahoma, die drei schon die Drehbuchautoren, den Spieß allerdings weitergedreht und mit einer Prise Politwitz gewürzt.

Die Welt rotierte in den zwei Jahren seit dem Kinostart bekanntlich nicht nur astronomisch nach rechts, und so kreisen die Sticheleien nun rund um Ibiza und doppelte Buchführung, „Zack, zack, zack“ Jobverlust für Journalisten – und Özaydin Akbaba, der dieselbe Figur auch im Film verkörperte, wettert als stolzer Marktstandler Oncel über den Mangel an gutem Personal, seit die Regierung Asylwerber mitten in der Lehre abschiebt.

Darüber regt er sich auf der Suche nach sozialen Hängemattlern beim AMS auf, wo die Handlung diesmal einsetzt. Mit der großartigen Susanna Wiegand als exjugoslawischer Putzfrau Romana. „Links, rechts, Mitte“ werde sie bis 29. September noch feudeln, verspricht sie, und ein Publikum, das Sarantos Georgios Zervoulakos‘ Inszenierung mit 90 Minuten Dauerlachen bedankt, schenkt ihr zustimmend den ersten Applaus. Riahi hat die Tour de Farce, auf die er seine Protagonisten Benny und Marko schickt, geschickt gestrafft und die Charaktere kompakter gemacht, ohne dass die genüsslich bedienten Klischees und Vorurteile, Schubladendenken und Stereotype Schaden nehmen, bevor er selbst sie in ihre Bestandteile zerlegt.

Zervoulakos‘ Regie steht der Vorlage in Tempo und Timing und auch Liebenswürdigkeit in nichts nach; Ausstatterin Ece Anisoglu hat dazu eine schnell wandelbare Sichtbeton-Optik erdacht, und Kostüme vom ordinär Feinsten. Im solcherart kenntlich gemachten Problemviertel tummelt sich wie gehabt ORG-〈gesprochen: oarg〉-Redakteurin Marlene Weizenhuber, wie im Film spielt sie Doris Schretzmayer, die dringend „jemand Authentisches“ für ihren angedachten TV-Dokutrash sucht, mit dem sie zwecks Quote ein möglichst katastrophales Bild des „Rudolfsgrund“ auf die Fernsehschirme werfen will. Ihr im Nacken sitzt nämlich der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün, Martin Niedermair als Nach-oben-buckeln-nach-unten-treten-Typ, der von ihr nicht weniger als eine Sensation erwartet, sonst – siehe „Zack“.

Der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün erwartet von Redakteurin Marlene Weizenhuber eine Sensation: Doris Schretzmayer und Martin Niedermair. Bild: Philine Hofmann

Beim AMS spricht aus Frau Weber „das goldene Wienerherz“: Martina Spitzer mit Doris Schretzmayer und Tamim Fattal als Kameramann Andrea. Bild: Philine Hofmann

Als Benny und Marko laufen ihr in den Kammerspielen Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger in die Arme, ersterer immer noch bei Mutti wohnender Schauspieler, der es satt hat, auf Ausländerrollen festgelegt zu werden, zweiterer gerade mit einem Energydrink pleitegegangener Startup-Bobo, dessen schwangere Freundin Sophie, Gioia Osthoff, nichtsahnend um tausende Euro Babyartikel shoppt. Die Bedingungen des Nullbegriffs „Migrationshintergrund“ erfüllen sie mit ägyptischen beziehungsweise serbischen Wurzeln jedoch beide.

Und so wittert der eine Ruhm, der andere hofft auf Geld, als sie das Angebot der Weizenhuber annehmen, die Stars ihrer Serie zu werden. Auf absurd-aberwitzige Art zeigt Riahi nun, wie allzu leicht man Meinung macht, vor allem, wenn es die ist, an die ohnedies geglaubt werden will. Die Fehlerhaftigkeit dieses Ansatzes wird mit allen Mitteln der Satire durchdekliniert, das textende Trio verschont auch am Theater niemanden. Weder die Zuwanderer, die in ihrer mitgebrachten Mentalität steckenbleiben, noch die Einheimischen, die nicht über den Tellerrand hinaus sehen wollen. Und schon gar nicht die Medien, die sich auf der Suche nach Berichtenswertem aus sozialen Brennpunkten, nach dem Culture-Clash, wie die Trüffelschweine durch Blut und Boden wühlen.

Dass die beflissene „Weizi“ ob der neu angenommenen Namen der frisch erfundenen Kleinkriminellen „Omar Sharif“ und „Tito“ nicht stutzt, kommentiert die übliche Scheuklappensicht aufs vermeintlich Fremde. Dass die Bühnenfassung der „Migrantigen“ sich im Gegensatz zum Film keine Zeit nimmt, etwas über Bennys und Markos Zivilleben zwischen Castings und Geschäftsterminen zu erzählen, um so das von ihnen angenommene Anderssein als nicht gegeben zu entlarven, ist denn auch die einzige Schwachstelle der Aufführung. Schließlich haben Benny und Marko keine Ahnung, wie Gangsta geht, es gilt unter den „Brüdern“ im Ghetto zu recherchieren, und so engagieren sie den „echten“ Ganoven Juwel, um es ihnen beizubringen.

Der selbsternannte King im Grätzel ist eigentlich Oncels Gemüselieferant, aber Attitude und Machogehabe stimmen, Wilhelm Iben spielt das mit ausladender „Oida, wos geht?“-Geste, während er Vlatković mit glitzerndem Prolohemd und Elsenwenger mit Trainingsanzug einkleidet. Doch da er sich über die Möchtegerns, die sich in sein Revier vorwagten, ärgert, tischt er ihnen jeden nur erdenklichen Schwachsinn über Drogen-Sex-Geldwäschedeals und illegale Boxkämpfe im Wettbüro auf, der in Juwels Wortlaut an die Weizi weitergegeben wird, die von Flunkerei zu Flunkerei karrieretechnisch mehr aufblüht.

Benny „betreut“ Markos Sliwowitz-seligen Papa Herrn Bilic: Ljubiša Lupo Grujčić und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Juwel zeigt den „Migrantigen“ wie Ausländer wirklich sind: Wilhelm Iben mit Jakob Elsenwenger und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Die Stimme des Volkes, im Film spricht in einer sehr schönen Szene Prekariatsösterreich in die Kamera, wird auf der Bühne Martina Spitzer überantwortet. Als ehemalige Standlerin Frau Weber, die ihren in Konkurs gegangen Betrieb an Oktay Oncel abtreten musste, geht ihr erst im AMS „das goldene Wienerherz“ über, wenn sie über ein Leben ohne Leberkäs lamentiert, weil den verkaufen „die“ ja nicht und darüber will sie das von Weizi versprochene Millionenpublikum dringend informieren, bevor sie als nunmehrige Mitarbeiterin des Marktamts ihrem Erzfeind Oncel auf den Leib rückt.

Die Spitzer macht das sehr spaßig, naserümpfend-borniert, wie sie ihr verdächtige Lebensmittelproben in Plastiksackerln tütet und die Buchhaltung nach illegalen Einnahmen durchforstet. Alldieweil tanzen Vlatković und Elsenwenger urkomisch ihren verzweifelten Tanz auf Messers Schneide, um mit ihrem Schwindel nicht aufzufliegen. Was ihnen bei Sophie natürlich nicht gelingt, weshalb Gioia Osthoff einen Glanzauftritt als zu Hilfe eilende „Ostblocknutte Olga“ hat, der es immerhin gelingt, mit dem grauslichen Energydrink und werbewirksamem Twerking-Popo vor Tamim Fattals Kamera zu posieren.

Herzstück des Abends ist Ljubiša Lupo Grujčić als Markos Vater Herr Bilic, ein vom Sliwo-Witz angeregter Philosoph im Rollstuhl, ein unbeirrbarer Verehrer seines Marschalls, einer, der seinem Sohn unentwegt und ungebeten ununterbrochen Weisheiten mit auf den Weg gibt. Grujčić gehört auch der Highlight-Moment des Abends, sein Kabinettstück, als es der Weizi gelingt, in seine Wohnung vorzudringen, und er sich im elegant-dunklem Anzug als grimmig-gefährlicher Consigliere über dem Geschehen erhebt, um zu verhindern, dass Bennys und Markos übertriebenes Gehabe auf seinem Rudolfsgrund ernsthaft Unheil anrichten …

Und so bleiben „Die Migrantigen“ jene herrlich hundsgemeine Chaos-Komödie wie gehabt, die sich scharfsinnig und mutig mit Identitätsangelegenheiten befasst, darunter der, ob Herkunft und Nationalität zum bestimmenden Charakteristikum eines Menschen zu erklären sind. Riahis Stoff, so das Premiere-Fazit, ist in jeder Spielart von einer wilden Wahrhaftigkeit. Mit Vlatković, Elsenwenger, Schretzmayer, Grujčić und den anderen spielt eine tolle Truppe. Von der inklusive Regisseur Sarantos Georgios Zervoulakos etliche wissen, wie es ist, mit Erschlagworten wie Vaterland und Muttersprache konfrontiert zu werden. Herr Bilic bringt die Antworten auf diese Fragen auf den Punkt: „Weißt du was diese Stadt wäre, wenn sie keine Menschen wie uns hätte? Was dieser Bezirk ohne uns wäre? Diese Stadt würde nicht funktionieren. Keine Stadt der Welt würde funktionieren.“

www.josefstadt.org

  1. 9. 2019

Beale Street

März 7, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Liebesfilm als Statement gegen Rassismus

Tish (KiKi Layne) und Fonny (Stephan James) sind verliebt, doch der junge Bildhauer muss bald ins Gefängnis. Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Nicht allüberall war Freude darüber, dass die so genannte Antirassismus-Komödie „Green Book“ den Oscar für den besten Film bekam, ungeteilt war hingegen jene für Regina King, die als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde – nachdem sie für ihre Rolle als Sharon Rivers bereits bei den Golden Globes und den Independent Spirit Awards zur Preisträgerin auserkoren worden war. „Beale Street“ heißt der Film, in dem sie spielt, ab 8. März im Kino.

Und, nachdem sich Regisseur Barry Jenkins 2016 mit „Moonlight“ von Null auf 100 als starke, schwarze Leinwandstimme etablierte, dessen aktuelle Adaption eines Romans der von der „Black Lives Matter“-Bewegung  der Vergessenheit entrissenen Schriftstellerikone James Baldwin. Baldwins Roman „If Beale Street Could Talk“ erschien im Jahr 1974. Darin schildert er die Geschichte des jungen Liebespaares Tish und Fonny aus Harlem, deren Glück grenzenlos scheint, bis Fonny der Vergewaltigung einer Frau aus Puerto Rico beschuldigt wird. Eine Tat, die der 22-jährige Bildhauer nicht begangen haben kann, weil er zu der Zeit gar nicht vor Ort war – doch Hauptsache, Polizei und Staatsanwaltschaft können einen Schuldigen präsentieren. Umso einfacher, wenn der schwarzer Hautfarbe ist. Als Fonny ins Gefängnis kommt, das vermeintliche Opfer ist längst nach Hause geflüchtet, stellt Tish fest, dass sie schwanger ist. So macht sich Tishs Mutter Sharon auf nach Puerto Rico, um die Fonny anklagende Frau zu suchen.

Tish gibt als Erzählerin den Ton vor, ihre Off-Kommentare passen sich gefühlvoll der subjektiven Prosa der literarischen Vorlage an. Die Atmosphäre ist der Blues, Original-Schwarzweiß-Bilder eines Gordon Parks oder Jack Garofalo aus dem Harlem der 1970er-Jahre kontrastieren mit den Filmaufnahmen, wobei die Kamera von James Laxton die bis zur Kindheit zurückreichenden Rückblenden in helleres Licht taucht, während er über die Gegenwart dunkle Schatten legt. Dies Hin und Her funktioniert perfekt, wenn Tish sich korrigiert oder etwas verdeutlichen möchte, etwas, das sie zuvor vergessen hatte, zu erwähnen.

Tishs Eltern tanzen in Vorfreude aufs Enkelkind: Sharon (Oscar-Preisträgerin Regina King) und Joseph (Colman Domingo). Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Sharon (Regina King) fliegt nach Costa Rica, um das Vergewaltigungsopfer zu suchen und um eine neue Aussage zu bitten. Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Barry Jenkins hat einen bedächtigen Film geschaffen, James Laxton die radikale Schönheit und die überbordende Musikalität Baldwins in hypnotische Bilder übertragen. Wie der Roman im Rhythmus an ein komplexes Jazzarrangement erinnert, so ist auch der Film subtil, eindringlich, konzentriert. Und ganz ohne gängige Empörungsmuster bedienen zu müssen, gibt Jenkins ein kraftvolles Bekenntnis gegen staatliche Willkür ab. Die Themen Rassenhass und Diskriminierung sind allgegenwärtig, auch in Nebenfiguren wie Daniel, der zwei Jahre wegen Autodiebstahls einsitzen muss, obwohl er nachweislich nicht fahren kann.

Dass diese Übung romantische Love Story vs gewaltbestimmte Realität gelingt, ist nicht nur dem Respekt des Regisseurs vor James Baldwin, sondern in hohem Maße den Darstellern zu danken. Vor allem KiKi Layne als Tish und Regina King als Sharon verleihen ihren Figuren jenseits jedes Abgleitens in den Pathos eine Integrität, einen stillen Stolz, eine Würde, die einen anrührt. Wenn die Mutter erahnt, was ihr die Tochter sagen will, nämlich, dass sie Fonnys Kind erwartet, genügen den beiden Blicken, um den Betrachter wissen zu lassen, dass sich hier keine Familienkatastrophe, sondern die Freude über ein großes Glück anbahnt.

Wenn Tish von ihrem Job als Parfüm-Mädchen in einem Nobelkaufhaus berichtet, sie sprüht sich den gewünschten Duft auf die Hand, weiße Männer schnüffeln daran, dann ist ihr wohl klar, dass man sie hier als Quotenschwarze angestellt hat. Doch Baldwin, und mit ihm Barry Jenkins, zeigen auch immer wieder Weiße mit Zivilcourage. Dave Franco als jüdischer Hausbesitzer Levy, der als einziger weit und breit bereit ist, an Schwarze zu vermieten. Finn Wittrock als Fonnys Rechtsanwalt Hayward, der den Fall erst gelangweilt übernimmt, bis er, entsetzt über das Fehlen jeglicher Gerechtigkeit, sich geradezu hinein verbeißt. Doris McCarthy als Besitzerin eines kleinen, italienischen Lebensmittelgeschäfts, die Fonny vor einer gefährlichen Rauferei bewahrt.

Fulminante schauspielerische Leistungen zeigen auch Colman Domingo als Tishs Vater, Michael Beach als Fonnys Vater – und selbstverständlich Stephan James als Fonny. Wie er leise verzweifelt die Zerstörung eines Mannes hinter Gittern zeigt, ist beklemmend gut gemacht, im Gesicht die Spuren von Schlägen, Jenkins auch in diesen Sequenzen so fein- wie scharfsinnig, denn darüber zu sprechen, erlauben sich die Protagonisten nicht.

Am Set – Levy will Tish und Fonny ein Loft vermieten: Dave Franco, Stephen James, Regisseur Barry Jenkins und KiKi Layne. Bild: © Tatum Mangus/Annapurna Pictures

James Baldwin liebte das Kino. Und John Wayne. „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“ Dieses Zitat stammt aus Raoul Pecks Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25378), der als Ergänzung zu „Beale Street“ sehr zu empfehlen ist. Zeigt Peck doch den kämpferischen Autor, dessen klarsichtige Gesellschaftsanalysen seine Gegner regelmäßig verstummen ließen.

Zeigt den Vorkämpfer der 1970er-Bürgerrechtsbewegung, der seine Homosexualität erstaunlich offen lebte, und wegen beider „Vergehen“ ins Visier des FBI geriet. Bei dtv macht man sich um Baldwin-Neuübersetzungen samt aktueller Begleittexte verdient, die Romane „Von dieser Welt“ und „Beale Street Blues“ sind bereits erschienen, ebenso der Essayband „Nach der Flut das Feuer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32270), für 2020 ist „Giovanni’s Room“ in Planung, ein Buch, in dem Baldwin in unverschlüsselter Deutlichkeit einen schwulen Hauptcharakter etabliert.

Während Raoul Peck seiner Doku aktuelle Fakten beifügt, Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, Ferguson, Baltimore, Charleston …, bleibt dieses Mittel der Fiktion natürlich verwehrt. Und dennoch versteht es auch Barry Jenkins, klarzustellen, woher der Wind immer noch weht. Wenn er als weißer Sturm die Schicksale derer in Trümmer legt, deren einziges Verbrechen es ist, schwarzer Hautfarbe zu sein.

bealestreet.movie

7. 3. 2019

Volkstheater/Bezirke: Der Raub der Sabinerinnen

Februar 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Hymnus auf die Schmiere

Eleonora Striese lässt sich beim Regieführen verführen: Doris Weiner mit Katrin Grumeth und Günther Wiederschwinger. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Was Katharina Thalbach vor ein paar Jahren in Deutschland mit Verve gelang, nämlich Theaterdirektor Striese nebst Gattin darzustellen, mit dieser Kunst beeindruckt nun auch Doris Weiner bei der Bezirke-Tournee des Volkstheaters. Dass die Leiterin ebendieser in Lukas Holzhausens Inszenierung von „Der Raub der Sabinerinnen“ ein Stück weit auch sich selbst spielt, vergrößert den Spaß an der Persiflage nur noch – ein geplagter Prinzipal in Geldnöten.

Der um schauspielerische Bravourleistungen und mit schwindendem Publikum ringt, auf der Suche nach jenem Stoff, der endlich das Zeug zum Kassenschlager hat. Im 1885er-Schwank der österreichischen Dramatikerbrüder Franz und Paul von Schönthan glaubt der Wandertruppen-Intendant Emanuel Striese diesen im Werk des Kleinstadt-Professors Gollwitz gefunden zu haben, der seinerseits seine schriftstellerischen Ambitionen vor Frau und Familie zu verheimlichen sucht. Allein, die bildungsbürgerlichen Ansprüche der Schulmeistertragödie lassen sich mit der effekthascherischen Aufführungspraxis des Striese-Ensembles nicht vereinbaren. Doch während alles auf ein Desaster zuläuft, der Gollwitz-Clan aufs Heftigste zerstritten ist, hat Frau Striese die rettende Idee. Die, in der von Anja Herden überschriebenen Textfassung, Doris Weiner einen weiteren großartigen Auftritt sichert.

Nicht nur ist ihr als Emanuel der große Striese-Monolog im zweiten Akt gegönnt, dieser Hymnus auf die Schmiere – „Mein Herr, wissen Sie überhaupt, was eine Schmiere ist? Das ist ein Plätzchen, wo auf wenigen Quadratmetern mehr Hingebung verlangt und gegeben wird, als Sie es sich in ihrem bürgerlichen Hochmut vorstellen können!“ -, sondern als Eleonora in einer Art Zwischenspiel auch eine Probenszene, in der die Direktorengattin die Kollegen vergnüglich fest an die Kandare nimmt. Die zierliche Weiner mal mit geklebtem Bärtchen als künstlerisches Leichtgewicht, mal mit langem Haar als durchsetzungsfreudige, sexy Frau zu erleben, das hat schon was.

David Oberkogler als kulturaffine Haushälterin Rosa. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Doris Weiner als Theaterdirektor Emanuel Striese. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die Idee der Doppelbesetzung jedenfalls scheint es Regisseur Holzhausen derart angetan zu haben, dass er sie gleich auf den Großteil seiner Schauspieler ausdehnte. Am besten weiß diese Gelegenheiten David Oberkogler zu nutzen, der als Gollwitz-Schwiegersohn Leopold ebenfalls seine Geheimnisse hat, vor allem aber mit seinem komödiantischen Kabinettstück als Haushälterin Rosa überzeugt – Gollwitz‘ theaterbesessene Co-Autorin, jedenfalls sieht sie sich selber so, die im Moment, als der Reinfall droht, zum österreichisch-opportunistischen Kulturwendehals wird. Witzig, wenn Oberkogler seine Verwandlung durch ein nicht runtergerolltes Hosenbein oder eine zu spät aufgesetzte Perücke durchblitzen lässt.

Karin Grumeth spielt Leopolds enervierende Frau Marianne sowie deren jüngere und mit dem Vater verbündete Schwester Paula, Günther Wiederschwinger Vater und Sohn Groß, erster ein ernsthafter Spediteur, zweiter verbotenerweise zum fahrenden Volk übergelaufen – und nun schwerst in Paula verliebt. Michael Abendroth brilliert als verpeilter Professor Gollwitz, dessen verknöpfte Weste schon vieles über den Charakter sagt, der als Idealist gegen Theaterpraktiker ankämpfen muss, und der aus Nervosität über seinen wahrscheinlichen Misserfolg mehr und mehr aus der Fasson gerät. Bettina Ernst wechselt als Ehefrau Friederike von der Kleingeistigen zur – in virtuos gespieltem angetrunkenem Zustand – alles Verzeihenden. Dass das Travestiespiel in hohem Tempo ablaufen kann, ermöglichen die Kostüme von Valentina Mercedes Obergantschnig und das fürs Klipp-Klapp bestens geeignete Holzschachtel-Bühnenbild von Sofia Korcinskaja.

Kampf der Geschlechter im Hause Gollwitz: David Oberkogler, Michael Abendroth, Katrin Grumeth und Bettina Ernst. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Und so gewährt Doris Weiner als sächselnder Striese einen höchst unterhaltsamen, satirischen Schlüssellockblick auf die Bretter, die ihr mit Sicherheit die Welt bedeuten, ja, man erlebt mit ihr, wie Bühnenzauber aus dem Fast-Nichts entsteht. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist eine gelungene Produktion für das Volkstheater in den Bezirken, wo die wunderbare Weiner seit nun schon 14 Jahren Unterhaltung mit Haltung zeigt.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2019

Volkstheater/Bezirke: Das Haus am See

Oktober 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Raue Schale, batzweicher Kern

Ein Bühnentraumpaar: Doris Weiner und Michael Abendroth. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Ich halte nur Ausschau nach etwas Interessantem, während ich drauf warte, dass ich wieder dran bin.“ Sagt Norman über Gespräche, die er (nicht) führt. Das ist so seine Art, die spöttisch-sarkastische, quasi seine Tarnung. Denn man weiß ja, wie’s so ist bei Männern – raue Schale, batzweicher Kern.

Das Volkstheater tourt zum Saisonauftakt mit einer super sympathischen Produktion durch die Bezirke: „Das Haus am See“ von Ernst Thompson, und wer glaubt, sich an einen Oscar-prämierten Film erinnern zu können, den einzigen den Jane und Henry Fonda jemals miteinander gedreht haben (außerdem Henry Fondas letzter), Katherine Hepburn als weiterer Star mit dabei, der liegt ganz richtig.

Fürs Volkstheater sind nun Doris Weiner, Michael Abendroth und Steffi Krautz in deren Rollen geschlüpft, Weiner und Abendroth, die schon vergangene Saison bei „Halbe Wahrheiten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438) gezeigt haben, wie gut sie als Bühnenpaar harmonieren. Die Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken feiert mit dieser Premiere auch noch ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum am Haus.

Inszeniert hat Ingo Berk, der sein Ensemble mit leichter, aber bestimmter Hand durch das Stück führt. Die Pointen sitzen, das Tempo und das Timing stimmen – und gemeinsam hat man aus den Figuren fein ziseliert Charaktere geschaffen. Ethel und Norman verbringen also ihren 48. Sommer am goldenen See, die immer gleiche Urlaubsdestination mit alljährlich denselben Freizeitvergnügungen, was in Normans Fall bedeutet: angeln, angeln, angeln … Dies Jahr soll außerdem sein 80. Geburtstag gefeiert werden, weshalb sich nach acht Jahren Absenz Tochter Chelsea angekündigt hat. Ihr Verhältnis zum Vater ist nicht friktionsfrei. Doch Chelsea will ihren Eltern ihren neuen Lebenspartner Bill vorstellen. Man reist an – mit Bills Sohn Billy im Schlepptau. Und der Teenager wird Normans Welt ziemlich auf den Kopf stellen …

Tochter Chelsea kommt nach acht Jahren Absenz wieder an den See: Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bald wird er zum vielgeliebten Stiefenkel avancieren: Florian Appelius mit Doris Weiner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Abend lebt vom so witzigen wie gewitzten verbalen Schlagabtausch zwischen Ethel und Norman. Sie nennt ihn „morbide“, er lacht sie aus, weil sie darauf besteht „in mittlerem Alter“ zu sein. „Du bist ein altes Muttchen“, korrigiert er sie, doch Ethel lässt sich von Normans bärbeißiger Art nicht die gute Laune nehmen. Weiner und Abendroth spielen das auf höchstem humoristischen Niveau, ihr Einander-Necken sozusagen extradry. Weiners Ethel wirkt immer so, als würde sie innerlich ein Liedchen über selektive Wahrnehmung trällern, während der Ehemann vor sich hin brummelt – natürlich hat Abendroth mit Normans unmöglichem Benehmen die meisten Lacher auf seiner Seite.

Dabei hängt über den Ferien eine dunkle Wolke: Norman verliert zunehmend sein Gedächtnis, auch hat er Herzprobleme, eine Tatsache, die selbst beim Publikum für einen kurzen Herzaussetzer sorgen wird. Abendroth zeigt sich in diesen Momenten als der große Charakterdarsteller, der er ist, wenn er etwa mit verstörtem Gesichtsausdruck vom aufgetragenen Beerensammeln zurückkommt, weil er den Weg durch den Wald nicht mehr gefunden hat.

Zu diesem Zyklus aus Vergessen-haben und Sich-wieder-erinnern-Können gehört wohl eine Wampanoag-Squaw, die die Umbauten in dem von Damian Hitz mit viel Liebe fürs Detail erdachten Bühnenbild – das Innere eines putzigen Häuschens mit Wohnbereich und Essplatz und zu erahnendem Aufgang in den ersten Stock – besorgt. Die eigentlichen Einwohner, vertrieben als aus ihrer Heimat „New England“ wurde …

Postbote Charlie macht sich immer noch Hoffnungen auf Chelsea: Doris Weiner und Dominik Warta. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Deren neuer Lover Bill übt sich als Paradeschwiegersohn: Michael Abendroth und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Abendroth stattet seinen Norman mit einer trotzig vorgeschobenen Unterlippe aus, als wolle er, da auf seine Endlichkeit zurückgeworfen, eine Verlängerung seiner Existenz fordern. Das geht freilich nicht ohne zynischen Kommentar ab, in diesem Falle lässt Norman wissen, dass er nur noch Kurzgeschichten lese, weil er sich mehr sowieso nicht merken kann und sich mehr vielleicht ohnedies nicht ausgeht. Weiners Ethel macht, was derlei Frauen in solchen Situationen tun: die eigene Angst hinunter schlucken und sich nichts anmerken lassen. Inszeniert sich Norman als Problemfall, so mimt sie seinen Puffer zur Welt.

In dieses Szenario platzt lautstark die Tochter. Steffi Krautz ist eine großartige Chelsea. Auch sie Typ raue Schale, weicher Kern. Lustig und bestens aufgelegt schlüpft sie bei der Fliegentür herein, doch ist durch Krautz‘ prägnantes Spiel die Befangenheit beim Wiedersehen beinah zum Greifen nahe. Das Tackling mit dem Vater geht denn auch sofort los, nie konnte sie seinen Ansprüchen auch nur irgend genügen, auch wenn die Mutter als Schiedsrichterin zu intervenieren versucht.

Während man sich in familiären Zweikämpfen fetzt, übt Günther Wiederschwinger als Bill der zukünftige Paradeschwiegersohn zu sein. Dominik Warta ist als Postbote Charlie ein gutmütiger Einfaltspinsel, der sich, war er doch etliche Sommer lang Chelseas Jugendschwarm, immer noch Chancen ausrechnet.

Und dann ist da noch Billy. Und dann rücken Chelsea und Bill mit ihrem Anliegen heraus. Sie wollen Billy für den Rest der Ferien bei Ethel und Norman lassen, um in Europa die traute Zweisamkeit zu üben. So geschieht’s – und der Junge wird für Norman zum wahren Jungbrunnen. Florian Appelius macht aus Billy einen sich obercool gebenden 16-Jährigen, aber wie er dasteht, wie bestellt und nicht abgeholt, in Normans und Ethels Holzhausrustikalität, das ist schon sehr fein und nuanciert gespielt. Bald wird sich Norman „voll fett“ in Jugendsprech üben und Billy seine Liebe zum Angeln entdecken …

„Das Haus am See“ ist das elegante Beispiel eines aus dem englischsprachigen Raum kommenden well-made play. Die Aufführung besticht dank Ingo Berks Regie bei aller Komödiantik durch große Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit – und vor allem durch den Charme des Darsteller-Sextett, das die Wärme und Zuneigung, die diese komplizierte Familie letztendlich doch zusammenhält, jede Sekunde spüren lässt. Ein gelungener Auftakt für die Bezirke-Tournee 2017/18, ein Abend, auf den man sich freuen kann.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017

Arman T. Riahi : Die Migrantigen

Juni 10, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Schauplatz Filmsatire

Benny und Marko machen auf „Migrationshintergrund“: Faris Rahoma und Aleksandar Petrović. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Vorgestellt werden die beiden Protagonisten so: Szene 1, der Schauspieler: Benny, der Typ mit den pechschwarzen Haaren, der nach irgendwo zwischen Ägypten und Arabien ausschaut, erdreistet sich für die Rolle eines Wiener Strizzi vorzusprechen. Ja, dass es da einen Taxifahrer Omar im Skript gibt, hat er gelesen, aber er doch nicht …!

„Man kann’s auch übertreiben mit der Integration“, befindet „Regisseur“ Josef Hader trocken. Und draußen ist Benny bei der Tür. Szene 2, der Werbefachmann: Marko hat für das „Dr. Mate“-Getränk eine neue Kampagne entworfen. Doch „der Kunde“ Dirk Stermann ist enttäuscht. Er hat sich von Marko „etwas Tschuschenhaftes“ erwartet. Und weg ist der Auftrag. So trifft sich der eine mit der Clique zum laktosefreien White Russian, der andere mit seiner Lebensgefährtin zum Kinderwagenkauf, weil sie: hochschwanger. Ach, wie hart ist das Bobo-Leben, wenn die anderen in einem in erster Linie den Migrationshintergrund sehen …

Mit „Die Migrantigen“, ab 9. Juni in den heimischen Kinos, ist Filmemacher Arman T. Riahi eine fantastische Satire auf die Dysfunktionalität der Multikultigesellschaft gelungen. In einem rasanten Bilderbogen schickt er seine großartigen Hauptdarsteller Faris Rahoma und Aleksandar Petrović auf eine Tour de Farce, in der er genüsslich alle möglichen Klischees und Vorurteile, Schubladendenken und Stereotype bedient, um sie anschließend in ihre Bestandteile zerlegt. Auf aberwitzige Art zeigt er, wie anfällig Zusammenleben ist, und wie allzu leicht man sich ein Bild macht, wenn es das ist, an das man ohnedies glauben will. Die Fehlerhaftigkeit dieses Ansatzes zeigt Riahi auch, indem er keine Rolle in einem Herkunftsland verortet, es wäre für den Film auch völlig gleichgültig. Nur Marko wird als „Ex-Jugo“ ausgewiesen, weil er gar so verbissen gegen seine Wurzeln, heißt eigentlich: gegen seinen Vater ankämpft.

Herr Bilic lässt sich durch sein Grätzel chauffieren: Zijah A. Sokolović. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Wie sich Ausländer-Gangsta halt so aufführen: irgendwie wild und weird. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Marko und Benny, die Freunde, sind also pleite. Und gerade als sie im Glasscherbenviertel Rudolfsgrund ein altes Sofa von Markos Vater entsorgen, steht sie da: die beflissene Fernsehredakteurin Weizenhuber, Doris Schretzmayer, die „jemand Authentisches“ für eine TV-Serie über das Grätzel sucht. Für so eine ultimativ integrativ leiwande Story. Da greifen die beiden zu, der eine, weil er Ruhm, der andere, weil er Geld wittert. Sie geben der naiv-sensationsgeilen Weizenhuber, was sie sehen will.

Und verwandeln sich in die beiden Kleinkriminellen Tito und Omar Sharif. Das heißt: So einfach ist es nicht, denn die beiden haben ja keine Ahnung. Sie müssen unter den „Brüdern“ recherchieren. Irrwitzige „Wir tauchen in die Szene ab“-Szenen folgen, wenn Rahoma und Petrović mit Prolo-Lederjacke und Trainingsanzug um die Häuser ziehen, laut kurdische Musik vor einem türkischen Lokal spielen, aus einem „Tschuschenbeisl“ fliegen.

Weil sie die Männer ringsum anstarren. Oder einen Stand mit Bio-Kebap suchen. Lieblingsdialog: „Mit scharf?“ – „Nein, mit Lamm.“ Schließlich engagieren sie sogar Juwel (Mehmet Ali Salman) als Ausländercoach. Dass der die beiden Möchtegern-Migranten verarscht, wird Folgen haben … Riahi verschont in seinem Film niemanden. Weder die Zuagrasten, die in ihrer mitgebrachten Welt steckenbleiben, noch die Hiesigen, die nicht über den Tellerrand hinaussehen wollen. Und schon gar nicht die Medien, die sich auf der Suche nach Berichtenswertem aus sozialen Brennpunkten, nach dem Culture-Clash, wie die Trüffelschweine durch Blut und Boden wühlen. In einer sehr schönen Szene spricht Prekariatsösterreich in die Kamera. Und klagt, was sonst? Dass der Asylant ebenso viel Mindestsicherung kriegt. Man selber dafür keinen Leberkäs und keinen Schweinsbraten mehr auf dem Markt. Und der Wirt, dass es kein G’schäft sei, weil die alle keinen Alkohol trinken.

Juwel hat von der TV-Tante bald die Nase voll: Doris Schretzmayer und Mehmet Ali Salman. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Und so machen Marko und Benny auf Gangsta und merken gar nicht, dass sie mit ihrem übertriebenen Gehabe, nämlich weil sie ihrerseits jeden Schwachsinn, den Juwel ihnen über Drogen-Sex-Geldwäschegeschäfte erzählt, glauben, dem Ruf des Viertels ernsthaft schaden. Derart outrieren sie, derart gehen sie in ihren Rollen auf, dass die Stadt Wien von einer geplanten Revitalisierung wieder Abstand nehmen will.

Als dann auch noch unbescholtene Marktstandler ins Visier der Behörden geraten, weil jedermann die TV-Serie für echt nimmt, eskaliert die Situation … „Die Migrantigen“ ist nicht nur eine herrlich komische, hundsgemeine  Chaos-Komödie, sondern befasst sich scharfsinnig und mutig mit Identitätsfragen und eben jener, ob Herkunft und Nationalität zum bestimmenden Charakteristikum eines Menschen zu erklären sind. Der Film ist von einer wilden Wahrhaftigkeit. Mit Rahoma, Petrović, Salman und Schretzmayer spielt eine tolle Truppe: Zijah Sokolovic ist als Markos Vater, Herr Bilic, der in den 1970er-Jahren als Gastarbeiter ins Land kam, Daniela Zacherl als Markos Freundin Sophie zu sehen. Margarethe Tiesel ist Bennys Mutter Monika. Maddalena Hirschal und Mahir Jamal geben ein befreundetes Paar, das Benny und Marko zu Hilfe kommen will, indem sie das Spiel für die Weizenhuber mitspielen. Sie als Ostblocknutte Olga, er als schwarzer Drogendealer Jambo. Wie die beiden – schon wieder Klischees – bei ihren Bemühungen übers Ziel hinausschießen, ist das Kabinettstück des Films.

Die Message desselben bringt Herr Bilic auf den Punkt: „Weißt du was diese Stadt wäre, wenn sie keine Menschen wie uns hätte? Was dieser Bezirk ohne uns wäre? Diese Stadt würde nicht funktionieren. Keine Stadt der Welt würde funktionieren.“

www.diemigrantigen.at

Wien, 10. 6. 2017