Volkstheater/Bezirke: Das Haus am See

Oktober 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Raue Schale, batzweicher Kern

Ein Bühnentraumpaar: Doris Weiner und Michael Abendroth. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Ich halte nur Ausschau nach etwas Interessantem, während ich drauf warte, dass ich wieder dran bin.“ Sagt Norman über Gespräche, die er (nicht) führt. Das ist so seine Art, die spöttisch-sarkastische, quasi seine Tarnung. Denn man weiß ja, wie’s so ist bei Männern – raue Schale, batzweicher Kern.

Das Volkstheater tourt zum Saisonauftakt mit einer super sympathischen Produktion durch die Bezirke: „Das Haus am See“ von Ernst Thompson, und wer glaubt, sich an einen Oscar-prämierten Film erinnern zu können, den einzigen den Jane und Henry Fonda jemals miteinander gedreht haben (außerdem Henry Fondas letzter), Katherine Hepburn als weiterer Star mit dabei, der liegt ganz richtig.

Fürs Volkstheater sind nun Doris Weiner, Michael Abendroth und Steffi Krautz in deren Rollen geschlüpft, Weiner und Abendroth, die schon vergangene Saison bei „Halbe Wahrheiten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438) gezeigt haben, wie gut sie als Bühnenpaar harmonieren. Die Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken feiert mit dieser Premiere auch noch ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum am Haus.

Inszeniert hat Ingo Berk, der sein Ensemble mit leichter, aber bestimmter Hand durch das Stück führt. Die Pointen sitzen, das Tempo und das Timing stimmen – und gemeinsam hat man aus den Figuren fein ziseliert Charaktere geschaffen. Ethel und Norman verbringen also ihren 48. Sommer am goldenen See, die immer gleiche Urlaubsdestination mit alljährlich denselben Freizeitvergnügungen, was in Normans Fall bedeutet: angeln, angeln, angeln … Dies Jahr soll außerdem sein 80. Geburtstag gefeiert werden, weshalb sich nach acht Jahren Absenz Tochter Chelsea angekündigt hat. Ihr Verhältnis zum Vater ist nicht friktionsfrei. Doch Chelsea will ihren Eltern ihren neuen Lebenspartner Bill vorstellen. Man reist an – mit Bills Sohn Billy im Schlepptau. Und der Teenager wird Normans Welt ziemlich auf den Kopf stellen …

Tochter Chelsea kommt nach acht Jahren Absenz wieder an den See: Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bald wird er zum vielgeliebten Stiefenkel avancieren: Florian Appelius mit Doris Weiner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Abend lebt vom so witzigen wie gewitzten verbalen Schlagabtausch zwischen Ethel und Norman. Sie nennt ihn „morbide“, er lacht sie aus, weil sie darauf besteht „in mittlerem Alter“ zu sein. „Du bist ein altes Muttchen“, korrigiert er sie, doch Ethel lässt sich von Normans bärbeißiger Art nicht die gute Laune nehmen. Weiner und Abendroth spielen das auf höchstem humoristischen Niveau, ihr Einander-Necken sozusagen extradry. Weiners Ethel wirkt immer so, als würde sie innerlich ein Liedchen über selektive Wahrnehmung trällern, während der Ehemann vor sich hin brummelt – natürlich hat Abendroth mit Normans unmöglichem Benehmen die meisten Lacher auf seiner Seite.

Dabei hängt über den Ferien eine dunkle Wolke: Norman verliert zunehmend sein Gedächtnis, auch hat er Herzprobleme, eine Tatsache, die selbst beim Publikum für einen kurzen Herzaussetzer sorgen wird. Abendroth zeigt sich in diesen Momenten als der große Charakterdarsteller, der er ist, wenn er etwa mit verstörtem Gesichtsausdruck vom aufgetragenen Beerensammeln zurückkommt, weil er den Weg durch den Wald nicht mehr gefunden hat.

Zu diesem Zyklus aus Vergessen-haben und Sich-wieder-erinnern-Können gehört wohl eine Wampanoag-Squaw, die die Umbauten in dem von Damian Hitz mit viel Liebe fürs Detail erdachten Bühnenbild – das Innere eines putzigen Häuschens mit Wohnbereich und Essplatz und zu erahnendem Aufgang in den ersten Stock – besorgt. Die eigentlichen Einwohner, vertrieben als aus ihrer Heimat „New England“ wurde …

Postbote Charlie macht sich immer noch Hoffnungen auf Chelsea: Doris Weiner und Dominik Warta. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Deren neuer Lover Bill übt sich als Paradeschwiegersohn: Michael Abendroth und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Abendroth stattet seinen Norman mit einer trotzig vorgeschobenen Unterlippe aus, als wolle er, da auf seine Endlichkeit zurückgeworfen, eine Verlängerung seiner Existenz fordern. Das geht freilich nicht ohne zynischen Kommentar ab, in diesem Falle lässt Norman wissen, dass er nur noch Kurzgeschichten lese, weil er sich mehr sowieso nicht merken kann und sich mehr vielleicht ohnedies nicht ausgeht. Weiners Ethel macht, was derlei Frauen in solchen Situationen tun: die eigene Angst hinunter schlucken und sich nichts anmerken lassen. Inszeniert sich Norman als Problemfall, so mimt sie seinen Puffer zur Welt.

In dieses Szenario platzt lautstark die Tochter. Steffi Krautz ist eine großartige Chelsea. Auch sie Typ raue Schale, weicher Kern. Lustig und bestens aufgelegt schlüpft sie bei der Fliegentür herein, doch ist durch Krautz‘ prägnantes Spiel die Befangenheit beim Wiedersehen beinah zum Greifen nahe. Das Tackling mit dem Vater geht denn auch sofort los, nie konnte sie seinen Ansprüchen auch nur irgend genügen, auch wenn die Mutter als Schiedsrichterin zu intervenieren versucht.

Während man sich in familiären Zweikämpfen fetzt, übt Günther Wiederschwinger als Bill der zukünftige Paradeschwiegersohn zu sein. Dominik Warta ist als Postbote Charlie ein gutmütiger Einfaltspinsel, der sich, war er doch etliche Sommer lang Chelseas Jugendschwarm, immer noch Chancen ausrechnet.

Und dann ist da noch Billy. Und dann rücken Chelsea und Bill mit ihrem Anliegen heraus. Sie wollen Billy für den Rest der Ferien bei Ethel und Norman lassen, um in Europa die traute Zweisamkeit zu üben. So geschieht’s – und der Junge wird für Norman zum wahren Jungbrunnen. Florian Appelius macht aus Billy einen sich obercool gebenden 16-Jährigen, aber wie er dasteht, wie bestellt und nicht abgeholt, in Normans und Ethels Holzhausrustikalität, das ist schon sehr fein und nuanciert gespielt. Bald wird sich Norman „voll fett“ in Jugendsprech üben und Billy seine Liebe zum Angeln entdecken …

„Das Haus am See“ ist das elegante Beispiel eines aus dem englischsprachigen Raum kommenden well-made play. Die Aufführung besticht dank Ingo Berks Regie bei aller Komödiantik durch große Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit – und vor allem durch den Charme des Darsteller-Sextett, das die Wärme und Zuneigung, die diese komplizierte Familie letztendlich doch zusammenhält, jede Sekunde spüren lässt. Ein gelungener Auftakt für die Bezirke-Tournee 2017/18, ein Abend, auf den man sich freuen kann.

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  1. 10. 2017

Arman T. Riahi : Die Migrantigen

Juni 10, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Schauplatz Filmsatire

Benny und Marko machen auf „Migrationshintergrund“: Faris Rahoma und Aleksandar Petrović. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Vorgestellt werden die beiden Protagonisten so: Szene 1, der Schauspieler: Benny, der Typ mit den pechschwarzen Haaren, der nach irgendwo zwischen Ägypten und Arabien ausschaut, erdreistet sich für die Rolle eines Wiener Strizzi vorzusprechen. Ja, dass es da einen Taxifahrer Omar im Skript gibt, hat er gelesen, aber er doch nicht …!

„Man kann’s auch übertreiben mit der Integration“, befindet „Regisseur“ Josef Hader trocken. Und draußen ist Benny bei der Tür. Szene 2, der Werbefachmann: Marko hat für das „Dr. Mate“-Getränk eine neue Kampagne entworfen. Doch „der Kunde“ Dirk Stermann ist enttäuscht. Er hat sich von Marko „etwas Tschuschenhaftes“ erwartet. Und weg ist der Auftrag. So trifft sich der eine mit der Clique zum laktosefreien White Russian, der andere mit seiner Lebensgefährtin zum Kinderwagenkauf, weil sie: hochschwanger. Ach, wie hart ist das Bobo-Leben, wenn die anderen in einem in erster Linie den Migrationshintergrund sehen …

Mit „Die Migrantigen“, ab 9. Juni in den heimischen Kinos, ist Filmemacher Arman T. Riahi eine fantastische Satire auf die Dysfunktionalität der Multikultigesellschaft gelungen. In einem rasanten Bilderbogen schickt er seine großartigen Hauptdarsteller Faris Rahoma und Aleksandar Petrović auf eine Tour de Farce, in der er genüsslich alle möglichen Klischees und Vorurteile, Schubladendenken und Stereotype bedient, um sie anschließend in ihre Bestandteile zerlegt. Auf aberwitzige Art zeigt er, wie anfällig Zusammenleben ist, und wie allzu leicht man sich ein Bild macht, wenn es das ist, an das man ohnedies glauben will. Die Fehlerhaftigkeit dieses Ansatzes zeigt Riahi auch, indem er keine Rolle in einem Herkunftsland verortet, es wäre für den Film auch völlig gleichgültig. Nur Marko wird als „Ex-Jugo“ ausgewiesen, weil er gar so verbissen gegen seine Wurzeln, heißt eigentlich: gegen seinen Vater ankämpft.

Herr Bilic lässt sich durch sein Grätzel chauffieren: Zijah A. Sokolović. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Wie sich Ausländer-Gangsta halt so aufführen: irgendwie wild und weird. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Marko und Benny, die Freunde, sind also pleite. Und gerade als sie im Glasscherbenviertel Rudolfsgrund ein altes Sofa von Markos Vater entsorgen, steht sie da: die beflissene Fernsehredakteurin Weizenhuber, Doris Schretzmayer, die „jemand Authentisches“ für eine TV-Serie über das Grätzel sucht. Für so eine ultimativ integrativ leiwande Story. Da greifen die beiden zu, der eine, weil er Ruhm, der andere, weil er Geld wittert. Sie geben der naiv-sensationsgeilen Weizenhuber, was sie sehen will.

Und verwandeln sich in die beiden Kleinkriminellen Tito und Omar Sharif. Das heißt: So einfach ist es nicht, denn die beiden haben ja keine Ahnung. Sie müssen unter den „Brüdern“ recherchieren. Irrwitzige „Wir tauchen in die Szene ab“-Szenen folgen, wenn Rahoma und Petrović mit Prolo-Lederjacke und Trainingsanzug um die Häuser ziehen, laut kurdische Musik vor einem türkischen Lokal spielen, aus einem „Tschuschenbeisl“ fliegen.

Weil sie die Männer ringsum anstarren. Oder einen Stand mit Bio-Kebap suchen. Lieblingsdialog: „Mit scharf?“ – „Nein, mit Lamm.“ Schließlich engagieren sie sogar Juwel (Mehmet Ali Salman) als Ausländercoach. Dass der die beiden Möchtegern-Migranten verarscht, wird Folgen haben … Riahi verschont in seinem Film niemanden. Weder die Zuagrasten, die in ihrer mitgebrachten Welt steckenbleiben, noch die Hiesigen, die nicht über den Tellerrand hinaussehen wollen. Und schon gar nicht die Medien, die sich auf der Suche nach Berichtenswertem aus sozialen Brennpunkten, nach dem Culture-Clash, wie die Trüffelschweine durch Blut und Boden wühlen. In einer sehr schönen Szene spricht Prekariatsösterreich in die Kamera. Und klagt, was sonst? Dass der Asylant ebenso viel Mindestsicherung kriegt. Man selber dafür keinen Leberkäs und keinen Schweinsbraten mehr auf dem Markt. Und der Wirt, dass es kein G’schäft sei, weil die alle keinen Alkohol trinken.

Juwel hat von der TV-Tante bald die Nase voll: Doris Schretzmayer und Mehmet Ali Salman. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Und so machen Marko und Benny auf Gangsta und merken gar nicht, dass sie mit ihrem übertriebenen Gehabe, nämlich weil sie ihrerseits jeden Schwachsinn, den Juwel ihnen über Drogen-Sex-Geldwäschegeschäfte erzählt, glauben, dem Ruf des Viertels ernsthaft schaden. Derart outrieren sie, derart gehen sie in ihren Rollen auf, dass die Stadt Wien von einer geplanten Revitalisierung wieder Abstand nehmen will.

Als dann auch noch unbescholtene Marktstandler ins Visier der Behörden geraten, weil jedermann die TV-Serie für echt nimmt, eskaliert die Situation … „Die Migrantigen“ ist nicht nur eine herrlich komische, hundsgemeine  Chaos-Komödie, sondern befasst sich scharfsinnig und mutig mit Identitätsfragen und eben jener, ob Herkunft und Nationalität zum bestimmenden Charakteristikum eines Menschen zu erklären sind. Der Film ist von einer wilden Wahrhaftigkeit. Mit Rahoma, Petrović, Salman und Schretzmayer spielt eine tolle Truppe: Zijah Sokolovic ist als Markos Vater, Herr Bilic, der in den 1970er-Jahren als Gastarbeiter ins Land kam, Daniela Zacherl als Markos Freundin Sophie zu sehen. Margarethe Tiesel ist Bennys Mutter Monika. Maddalena Hirschal und Mahir Jamal geben ein befreundetes Paar, das Benny und Marko zu Hilfe kommen will, indem sie das Spiel für die Weizenhuber mitspielen. Sie als Ostblocknutte Olga, er als schwarzer Drogendealer Jambo. Wie die beiden – schon wieder Klischees – bei ihren Bemühungen übers Ziel hinausschießen, ist das Kabinettstück des Films.

Die Message desselben bringt Herr Bilic auf den Punkt: „Weißt du was diese Stadt wäre, wenn sie keine Menschen wie uns hätte? Was dieser Bezirk ohne uns wäre? Diese Stadt würde nicht funktionieren. Keine Stadt der Welt würde funktionieren.“

www.diemigrantigen.at

Wien, 10. 6. 2017

Volkstheater in den Bezirken: Stella

April 29, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein besonders bizarrer flotter Dreier

Regisseur Robert Gerloff macht aus „Stella“ eine knallbunte Komödie: Hanna Binder, Andreas Patton, Bettina Ernst, Günther Wiederschwinger, Doris Weiner, Constanze Winkler und Sofie Gross. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Natürlich singt Stella „Fernando“. ABBA, das ist an diesem Abend so aufgelegt, das kann gar nicht anders sein. Und natürlich meldet sich der so angebetete Kriegsveteran mit einem hingeschmetterten „Hoch auf dem gelben Wagen“ zurück. Schließlich beginnen doch alle Herzensirrungen und -wirrungen in der Poststation. Robert Gerloff hat für das Volkstheater in den Bezirken Goethes „Stella“ inszeniert, keine Bange: nicht als Sing-along.

Doch der junge Duisburger Regisseur, in Deutschland längst bekannt als Spezialist für humoristische Lesarten und entfesselte Figuren, hat im Trauerspiel die Komödie entdeckt. Und das ist so frech und frisch, so schrill und schräg, so temperamentvoll und temporeich, dass die zwei Stunden Aufführung eine reine Freude sind. Gerloff hat mit Gabriela Neubauer (Bühne) und Johanna Hlawica (Kostüme) eine bonbonbunte Welt zerzauster Perücken und ausladender Reifröcke erdacht, bei den beiden sitzengelassenen Damen ist „Schnürbrust“ ja quasi Pflicht, und durchpflügt diese nun mit hunderterlei stimmig-spaßigen Ideen, bei denen stets die Wertschätzung von Goethes geschliffener Sprache im Vordergrund steht. Dessen Zitatenschatzkästleinsätze finden sich im Bühnenbild mit „… und der Geliebte ist überall, Alles für den Geliebten“, wie auf Glückskeksen – man speist gemeinsam aus Chinapappschachteln – oder auf Stellas und Cäciliens Schnupftüchern.“ Nichts ist bleibend“ ist in das der zweiten gestickt.

Wenn etwas jemandes „Grille“ ist, zirpt eine ebensolche, überhaupt durchkreuzen Tierlaute vom Hahnenschrei bis zum Ebergrunzen jegliche Chance des Pathos‘ aufzukommen. Fliegen einem die Gedanken hoch, muss sich sein gegenüber tief ducken. Und muss Töchterchen Lucie über eines stillschweigen, dann über die finanziellen Vater-litäten, in denen sie sich wegen des Fehlverhaltens ihres Erzeugers befindet. Er, der als Offizier eben noch „half die sterbende Freiheit der edlen Korsen unterdrücken“, bringt als Gastgeschenk von dort, als wär‘s im Auftrag des Geheimrats, Käse mit. Kein Wunder, dass da Stellas Keksherzen gebrochen aus dem Ofen kommen …

Ein Mann zwischen der Geliebten: Hanna Binder und Andreas Patton … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und der Ehefrau: Andreas Patton und Bettina Ernst. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Doch Gerloff kann mehr als Gags, Gimmicks und Kalauer. Er bringt dem Ganzen eine moderne Note bei. Fernando, bei Goethe noch der verzweifelt Doppelliebende, der hehre Leidende an der Situation, wird vom dramatischen Sockel geholt. Andreas Patton, schauspielerisch wie immer fabelhaft, macht aus ihm einen ziemlichen Pantoffelhelden (tatsächlich trägt er auch nur noch einen Soldatenstiefel und ein Stiefeletterl) – und konterkariert so das „Verständnis“, das der Tunichtgut und Seitenspringer für sich beansprucht, und das ihm im Original auch entgegengebracht wird. Wenn Stella und Cäcilie hier seine Treulosigkeit vergeben, so schimmert hinter dem Gnadenakt die Heuchelei durch. Hanna Binder als Geliebte und Bettina Ernst als Ehefrau (an beide ergeht ein Extrapreis fürs Gesichter schneiden – von angeekelt bis höchst angetan) sind einander verwandtere Seelen als mit dem Herrn der Schöpfung. Und weil’s ihm die beiden, mit Lucie eigentlich: die drei, mitunter ganz schön keifzangig geben, freut man sich als Frau insgeheim diebisch, dass Fernando sein weiteres Schicksal nun zwischen diesen Moiren verbringen darf.

Denn selbstverständlich bezieht sich die Inszenierung auf das Ende von 1775. Das Gleichnis vom Ritter von Gleichen wird erzählt, ja, Goethe selbst tritt auf, um dem Publikum zu versichern, dass es doch weder Klostergang noch Selbstmord ernsthaft sehen wolle – und so einigt man sich auf „eine Wohnung, ein Bett und ein Grab“. Er habe nur „ein repräsentatives Männerbild“ entworfen, entschuldigt sich der Autor – und man ahnt, dass dieser hier ein besonders bizarrer flotter Dreier werden wird.

Mit dem großartig komödiantischen Trio Patton-Binder-Ernst agiert das gesamte Ensemble voll von Spiellust. Sofie Gross ist eine glubschäugige Lucie, die ihren Teenager-Sturkopf kaum mit der antrainierten Mädchen-Lieblichkeit zu kaschieren vermag. Doris Weiner ist eine hinreißende, klatschsüchtige Postmeisterin in einem entzückenden Tutu-Hosenanzug. Günther Wiederschwinger spielt als Postillon/Verwalter sein Talent für Slapstick aus – und gemeinsam mit Doris Weiner auch Trompete und Posaune.

Singt sich nach „Fernando“ die Seele aus dem Hals: Hanna Binder, Sofie Gross und Bettina Ernst. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Constanze Winkler schließlich darf nicht nur als Goethe himself auftreten, sondern sie spielt auch das Annchen und den Bedienten Stellas. Der heißt zwar mal Friedrich mal Wilhelm mal Heinrich, macht Lucie aber unter jedem Namen Avancen. Mit dem Teppichklopfer Popoklatsch auf die Tournüre – auch da mag man sich schon vorstellen, wie es weitergeht. Am Ende wird noch einmal gesungen: Georg Danzer – „Heute ist der Tag“.

www.volkstheater.at

Wien, 29. 4. 2017

Volkstheater: Claudia Sabitzer im Gespräch

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dem „Mittelschichtblues“ geht sie in die Bezirke

Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am 30. September eröffnet das Volkstheater in den Bezirken die Spielzeit mit der Premiere von „Mittelschichtblues“. Claudia Sabitzer (mehr: www.volkstheater.at/person/claudia-sabitzer/) spielt die Hauptrolle in dieser Komödie des US-Dramatikers David Lindsay-Abaire. Sie ist Margaret, fünfzig, alleinerziehende Mutter einer Tochter mit Behinderung, mit miesen Job in einem Ein-Dollar-Shop. Den sie dann auch noch verliert. Was also tun?, wird in der Freundinnenrunde beratschlagt. Jean gibt einen Hinweis: Mike hat’s geschafft, er ist Arzt geworden, führt eine Praxis in der Innenstadt, verfügt über ein mutmaßlich finanzkräftiges soziales Netzwerk – und war in Jugendjahren einen Sommer lang Margarets Liebe.

Legitimation genug, sich zu seiner Geburtstagsparty einzuladen. Doch Mike, der hehre Self-Made-Man mitten im American Dream, sieht in Margarets misslicher Lage allein ihr persönliches Versagen … In der Regie von Ingo Berk spielen mit Sabitzer Günter Franzmeier den Mike, Nancy Mensah-Offei, Martina Spitzer, Lukas Watzl und Doris Weiner.

Claudia Sabitzer im Gespräch:

MM: Der „Mittelschichtblues“ ist eine Kleine-Leute-Komödie. Worum geht’s konkret?

Claudia Sabitzer: Um eine Frau mittleren Alters, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, etwas aus ihrem Leben zu machen, was aufgrund der äußeren Umstände für sie nicht so leicht ist. Aber sie ist unerbittlich, eine sympathische Figur, die versucht aus allem das Beste zu machen und auch in allem das Beste zu sehen. Das finde ich sehr schön, denn die Figur ist mir diesbezüglich ähnlich, wir treffen einander da ein bissl.

MM: Eine sympathische Figur wird diese Margaret in Ihrer Darstellung. Beim Lesen des Stücks schwankte ich zwischen vorurteilsbehafteter Nervensäge und unsympathisch – wiewohl das natürlich komisch geschrieben ist…

Sabitzer: Ich finde es interessant, dass Sie das sagen. Margaret hat ein schwer behindertes Kind, für das zwei Männer als Vater infrage kommen: Mike, der Arzt, der es geschafft hat, und ein Teenagerflirt, ein Loser, der mittlerweile die Flucht ergriffen hat. Das Stück klärt die Frage und klärt sie auch nicht. Wir haben das bei den Proben diskutiert, und je nachdem wen die Leute für den Kindsvater halten, halten sie Margaret für sympathisch oder nur eigenartig. Zum Schluss wird eindeutig angesprochen, welcher Mann der Erzeuger ist, sage ich. (Sie lacht.)

MM: Das Stück sorgt jetzt schon für Diskussionen, wie schön! Der „Mittelschichtblues“ behandelt Themen unserer Zeit, den Zwei-Klassen-Kampf. Es geht um Herkunft und ob man sich von ihr befreien kann.

Sabitzer: Das ist eine Sache, die mir immer präsenter wird, seit ich selber Kinder habe. In der Schule ist Herkunft leider oft ein Thema, in kleinen Dingen wird den Kindern da gesagt, du bist, wo du herkommst. Deine Mutter ist Alleinerzieherin mit mehreren Kindern? Na, dann kann aus dir ja nichts G’scheites werden, du kommst sicher nicht ins Gymnasium. Ich bin da immer wieder irritiert, wieso so etwas Thema ist. Wir sind eine Gesellschaft mit Standesdünkel! Furchtbar!

MM: Im Stück gibt es eine Szene zwischen Margaret und Mike, in der Sie ihm die besseren Karten unterstellt, weil sich seine Eltern für seine schulischen Leistungen interessiert haben, während es den ihren ganz egal war. Wie wichtig sind Eltern bei der Schulbildung, was muss Schule alleine leisten?

Sabitzer: Eltern haben einen nicht unerheblichen Anteil. Sollten ihn haben. Eltern sollten Kindern alles ermöglichen können, womit wir leider wieder beim Geld sind. Kann man sich Nachhilfestunden leisten? Oder ist meine eigene Ausbildung so gut, dass mein Kind mich fragen kann? Kann ich mit meinem Sohn Englisch machen? Das sind lauter so Dinge, die aufs Kind zurückfallen. Der Zwei-Klassen-Kampf, wie Sie gesagt haben, beginnt im Elternhaus. Wenn daheim gewisse Voraussetzungen nicht gegeben sind, wird es für das Kind ungleich schwieriger.

MM: Kinder brauchen beim Lernen ein Vorbild?

Sabitzer: Sie brauchen eine Bezugsperson für die Bildung. Ich hatte eine Bibliothekarin, die mich sehr gepusht hat. Die hat gemerkt, ich lese gern, und hat mir immer schon Bücher ausgesucht und hingeschoben, die ich so nie aus dem Regal gezogen hätte. An dieser Frau habe ich mich sehr orientiert, auch im späteren Leben, ich denke oft an sie zurück, ach, das würde Elsa jetzt so oder so machen. Auch da kann eine Möglichkeit sein. So ein Mensch öffnet im Kopf Türen, wenn man so einen Menschen nicht hat, braucht man viel Kraft, um das selber zu tun.

MM: Margaret hat durch ihre mangelnde Ausbildung schlechte Jobs, die sie auch immer wieder verliert. Aus immer denselben Gründen. Ein AMS-Mitarbeiter würde sagen: Die üblichen Ausreden, warum das und das nicht geht, und er kennt sie alle schon.

Sabitzer: Ich glaube, als Alleinerzieherin mit einem schwerstbehinderten Kind hat sie Mitgefühl verdient. Auf Joyce aufpassen oder Geld verdienen – beides unter einen Hut zu bringen, ist schon sehr schwer. Ich finde man kann Margaret keinen Vorwurf machen, sie versucht zu managen, woran andere verzweifeln würden. Der „Mittelschichtblues“ spielt in den USA, in der übelsten Gegend von Boston, ich bin aber nicht sicher, ob es hier einfacher ist.

MM: Holt Ingo Berk die Handlung näher an Europa?

Sabitzer: Jein. Die Themen sind allgegenwärtig, diese sozialen Brennpunkte gibt es überall, auch in Wien. South-Boston ist vielleicht extrem, aber solche Grätzel sind hier auch nicht anders. Wir spielen das Stück nicht speziell amerikanisch, aber auch nicht speziell Wienerisch.

MM: Margaret, die selbst um Verständnis heischt, hat für Leute anderer Hautfarbe und Herkunft sehr wenig Empathie. Der Gegenpol ist Mikes Frau Kate, die an das „Frei und gleich an Würde und Rechten Geboren“ glaubt. Kate ist aus bestem Hause. Ist Intoleranz etwas Schichtspezifisches?

Sabitzer: Nein! Ich weiß es nicht. Kate hat auch ihre Schwierigkeiten, sie ist dunkelhäutig und wird auf dem Spielplatz für die Nanny ihrer Kinder gehalten. Nur in ihrem privaten Umfeld spielt ihre Hautfarbe keine Rolle. Margaret wiederum kommt aus einer Gegend, in der es immer wieder Rassenunruhen gab, also beurteilt sie die Dinge anders. Sie ist mit Diskriminierung aufgewachsen, sich im Kopf davon zu befreien, ist sicher nicht ganz einfach. Ich versuche ihre Art nachzuvollziehen, was nicht einfach ist, weil ich aus einem ganz anderen Umfeld komme.

MM: Ken Loach gewinnt mit solchen Stoffen, siehe „Ich, Daniel Blake“, Preise …

Sabitzer: Das ist auch Thema bei den Proben. Den Zeitbezug zu sehen, den Bezug zu sich selber und eigenen Erlebnissen zu sehen. Ja, darüber sprechen wir viel.

MM: … dem Bezirke-Publikum wird damit aber ein Stück präsentiert, das Probleme spiegelt, möglicherweise ein Stück eigenen Alltags, denen es im Theater vielleicht gern für zwei Stunden entfliehen möchte. Wie soll da die Reaktion sein?

Sabitzer: Das wird sich zeigen. Wir spielen eine Komödie, aber Humor ist ja eine persönliche Sache. Wir haben sehr gelacht bei den Proben, was aber nichts heißen will. Ich bin selber schon sehr gespannt, wie das Publikum reagieren wird …

Mittelschichtblues: Mit Günter Franzmeier als Mike. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mittelschichtblues: Mit Günter Franzmeier als Mike. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Wechselbälgchen: mit Florian Köhler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Wechselbälgchen: Mit Florian Köhler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Sie waren vergangene Saison mit dem „Wechselbälgchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16498) auf Bezirke-Tour. Wie war’s? Welche Erfahrungen haben Sie gesammelt?

Sabitzer: Es war lustig. Und wahnsinnig anstrengend. Wir hatten ein Superteam, eine eingeschworene Truppe, mit der wir durch die Lande gezogen sind. Mit dem Publikum war es manchmal ein bisschen schwierig, da kam beispielsweise überhaupt kein Applaus, und man fragt sich, ob die das überhaupt wollen, und dann hört man von Doris Weiner, es hat ihnen so gut gefallen. Ich bin da ein bisschen altmodisch, für mich ist Applaus ein Zeichen von Respekt und Lohn der Arbeit. Das ist für uns Schauspieler das Zuckerl nach zwei Stunden Arbeit.

MM: Sie sind seit mehr als zehn Jahren am Haus. Wie sind Sie ursprünglich hierhergekommen?

Sabitzer: Über den Schotti. Ich habe am Schubert Konservatorium studiert, und gehört, das Michael Schottenberg ein Vorsprechen macht, an dem ich in meinem Jahrgang noch gar nicht hätte teilnehmen dürfen. Aber ich bin mit den höheren Semestern mitgeschlichen, hab‘ mich eingetragen in die Liste, und so hat’s geklappt. Das war der „Cyrano“, seither hat er meinen Weg begleitet, und als er das Volkstheater übernommen hat, habe ich ihm ein Kärtchen geschrieben: Wenn du mich brauchst, ich komme.

MM: Und unter der neuen Direktion hier zu bleiben, war keine Frage?

Sabitzer: Ich finde Anna Badora in der derzeitigen österreichischen Theaterlandschaft die spannendste Intendantin und Theatermacherin. Als klar war, dass sie kommt, habe ich mich sehr darüber gefreut, dass ich hier weitermachen kann. Wobei es gar kein Weitermachen, sondern ein Neumachen ist. Es hat sich sehr viel verändert, nicht nur das Ensemble, auch die Strukturen, selbst der Zuschauerraum ist neu, die Akustik, die Ästhetik, alles … das Volkstheater ist wirklich ein neues Haus.

MM: Was ist Ihre Bilanz der ersten Saison? Es gab Ups, es gab Downs …

Sabitzer: (Sie lacht.) Ich finde, das ist absolut normal. Ich habe das am Nationaltheater Mannheim mit Jens-Daniel Herzog erlebt, da haben wir drei Jahre lang vor 80 Leuten gespielt – bei 700 Sitzplätzen. Da waren die Leute wahnsinnig: Uäh, was ist das? Und plötzlich wurden wir angenommen. Die Suppe muss schmecken, aber man muss sie immer wieder anders würzen. Ein Haus neu aufzustellen, einmal durchzublasen, das braucht seine Zeit.

MM: Was kommt diese Saison noch von Ihnen?

Sabitzer: „Rechnitz“ von Elfriede Jelinek, darauf freue ich mich schon sehr. Regie führen wird Miloš Lolić, mit dem ich am Haus schon sehr feine „Präsidentinnen“ gemacht habe. Miloš ist ein sehr genauer Regisseur, ich bin gespannt, was er aus dem Stück, das ja eine Textfläche mit vielen Interpretationsmöglichkeiten ist, machen wird. Intensiv beschäftige ich mich aber erst nach der „Mittelschichtblues“-Premiere damit.

MM: Für die Sie uns in Aussicht stellen?

Sabitzer: Ein tolles Ensemble! Und dass man mit dem Feeling nach Hause gehen kann, das Leben kann auch gut sein. Egal, wie’s läuft, es geht immer irgendwie weiter. Heute ist heute, morgen ist morgen. Das ist doch eine wunderbare Message.

www.volkstheater.at

Wien, 22. 9. 2016

Sommerspiele Melk: Odyssee

Juni 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Antiheld mit posttraumatischem Stress-Syndrom

Während Odysseus (Nicki von Tempelhoff, gefesselt) erzählt, wie er den Sirenen entkam, wird Penelope (Doris Schretzmayer, hinten) von den Freiern bedrängt - die Odyssee als Spiel auf mehreren Ebenen. Bild: DanielaMatejschek

Während Odysseus (Nicki von Tempelhoff, gefesselt) erzählt, wie er den Sirenen entkam, wird Penelope (Doris Schretzmayer, hinten) von den Freiern bedrängt – die Odyssee als Spiel auf mehreren Ebenen. Bild: Daniela Matejschek

Inmitten oranger Rettungswesten schwemmt es einen letzten Überlebenden an. Er sei dem Krieg entronnen, sagt er, aber war es nicht „nur“ der Hunger, der den schmutzigen Bettler an die Küste trieb? Die Bewohner derselben wollen den Parasiten, der sich ins Land schleicht, um ihre Luft zu atmen, jedenfalls nicht haben – und das machen sie ihm unter Schlägen und Fußtritten klar.

Was so beginnt, ist Alexander Hauers Inszenierung der „Odyssee“ bei den Sommerspielen Melk. Mit Autor Stephan Lack hat der für seine innovativen Arbeiten bekannte Intendant Homers Epos in ein Schauspiel verwandelt – und es ist sein bisheriges Meisterstück geworden. Der Theatermacher, den bekanntlich Vorlagen unter 1500 Seiten oder in diesem Fall 12.000 Hexameterversen gar nicht erst reizen, folgt der vom antiken Dichter vorgegebenen Vielschichtigkeit in vielerlei Hinsicht. Wie er haben Lack und Hauer eine komplexen Erzählweise mit ineinander verflochtenen Parallelhandlungen, Rückblenden, Einschüben und Perspektivwechseln für ihre Geschichte entwickelt. Das Ganze wird nicht chronologisch geschildert, sondern setzt mit der Rückkehr des Odysseus in Ithaka ein. Wo er seinem ihn erkennenden Vater Laertes und seinem ihn verkennenden Sohn Telemach von seinen Irrfahrten berichtet.

Die Zeiten- und Seitenwechsel funktionieren am Beispiel der Kalypso-Episode erklärt so: Während Odysseus Vater und Sohn aus seiner Sicht die Geschehnisse beschreibt, unterhält die Magd Melantho die Freier Penelopes mit der ihren, der weit weniger heroischen, dafür umso erotischeren. Derweil trauert die treue Ehefrau hoch oben im Gemach um den Gemahl und klagt im Bühnenvordergrund die Nymphe den Liebhaber an, was er durch die Flucht von ihrer Insel denn gewonnen hätte. Odysseus steigt zu ihr aufs Felsenpodest, umarmt sie in der Vergangenheit wie im Jetzt, aber Telemach sieht sich gegenwärtig schon mit einer anderen seiner Geliebten, der Zauberin Kirke, konfrontiert … Dass sich das alles ausgeht, dass man dem allen zu folgen vermag, dass so eine aberwitzige Spannung aufgebaut und aufrechterhalten wird, ohne durch Video- oder andere Künste den Polyphem oder Skylla und Charybdis oder die Sirenen-Vogelfrauen zu generieren, dass statt dessen der ganze Abend aus einer Beschwörung der gemeinschaftlichen Fantasie entsteht, ist ein großartiges Geschenk an das Publikum. Und wurde zum Schluss mit entsprechend tosendem Applaus bedankt.

Der Empfang in Ithaka ist alles andere als herzlich: Nicki von Tempelhoff mit "Iro" Thomas Dapoz, "Telemach" Matti Melchinger und "Laertes" Christian Preuß. Bild: Daniela Matejschek

Der Empfang in Ithaka ist alles andere als herzlich: Nicki von Tempelhoff mit „Iro“ Thomas Dapoz, „Telemach“ Matti Melchinger und „Laertes“ Christian Preuß. Bild: Daniela Matejschek

Am Hof der Phaiaken zeigt Königstochter Nausikaa (Valerie Anna Gruber), wie Odysseus' Gefährte Eurylochos (Eleftherios Chladt) der Kirke entkam. Bild: Daniela Matejschek

Am Hof der Phaiaken zeigt Nausikaa (Valerie Anna Gruber), wie Odysseus‘ Gefährte Eurylochos (Eleftherios Chladt) der Kirke entkam. Bild: Daniela Matejschek

Viel Verdienst an dieser Umsetzung hat das Bühnenbild von Daniel Sommergruber, das mit Sockeln, Rampen, einem kippbaren Tunnel und einer Kemenate dieses Spiel auf mehreren Ebenen erst möglich macht. Die Kostüme von Julia Klug dazu sind angedacht antik-orientalisch mit Ausflug in eine opulente Zeitlosigkeit. Der Text holt das Homer’sche Pathos ins Heute. „Du mich auch, Antinoos“, darf etwa Telemach auf den Gruß eines Penelope-Belagerers erwidern.

Und Lack und Hauer tun mehr. Sie reichern die Odyssee mit Feuerbach, der Aufklärung und einem Schuss Feminismus an. Penelope ist die Starke; die ständigen Seitensprung-Storys, denn der Zauberinnen, Nymphen und Prinzessinnen waren ja nicht wenige, längst leid, dieses sich immer wiederholende „Halb zogen sie ihn, halb sank er ihn“, fällt ihr Empfang schließlich entsprechend kühl aus. Doris Schretzmayer gestaltet die Königin mit einer angewiderten Würde.

Nicki von Tempelhoff ist Odysseus. Ein Antiheld mit posttraumatischem Stress-Syndrom, ein zerrütteter, wütender, um sein Leben betrogener Mann. Wie er die Gräuel von Troja schildert, weist er die Griechen nicht nur als grausame Kriegsherren aus, sondern verweist auch auf die Sinnlosigkeit dieses, wie jedes blutig ausgetragenen Konflikts.

Doch der Listenreiche wird von den Theaterautoren jeglichen Opfermythos‘ entkleidet, nicht die Götter haben, seine Hybris hat sein Schicksal verschuldet. Bei Lack und Hauer ist Odysseus nicht weniger ein Schwein als seine verwandelten Kameraden, und gejagt von den Geistern seiner Vergangenheit dem Wahn näher als dem Sinn. Tempelhoff ist ein Kraftfeld, das die Aufführung an sich zieht, ein Naturschauspiel, das für sich Aufmerksamkeit einfordert. Wie gebannt folgt man seiner expressiven Darstellung, wie es ihn innerlich schindet und schilt und zerreißt ob der begangenen Taten, wie er sein tatsächliches Ich verbergen und auf seinen Moment der Rache warten muss. Für ihn haben Schlacht und Schlachten noch kein Ende, wird man noch erfahren, für War Pigs gibt es keinen Frieden, das war 1200 vor Christus so wahr, wie es das 2016 nach ist.

Eine ganz bemerkenswerte Erscheinung ist Matti Melchinger, der einen trotzigen, mutigen, jugendlich ungestümen Telemach spielt, dessen Lebensziel es ist, möglichst nicht so zu werden wie der Heldenvater. Er ist in dieser Inszenierung die Lichtgestalt einer hoffentlich aus der patriarchalen Alleinherrschaft aufbrechenden Generation. Melchinger, einerseits „erst“ seit zwei Jahren Schauspielstudent, andererseits mit dem Jungen Theater Wien bereits Compagnie-Chef (mehr: jungestheaterwien.wix.com/junges-theater-wien) gibt eine beachtliche Probe seines Könnens ab. Christian Preuß und Beatrice Fago gestalten Laertes und die Amme Eurykleia mit der ihnen eigenen Prägnanz und Brillanz. Unter den Freiern sticht Giuseppe Rizzo als Eurymachos ebenso hervor, wie Kajetan Dick als Seher Teiresias; Dagmar Bernhard ist eine bösartig-bissige Magd Melantho.

Nicki von Tempelhoff als Odysseus. Bild: © Daniela Matejscheck

Odysseus, umringt von zuviel Weiblichkeit. Bild: Daniela Matejscheck

Im zweiten Teil des knapp dreistündigen Abends entwickelt sich die tiefenpsychologische Betrachtung der antiken Abenteuer zur schnellen Action. Nachdem Odysseus mehrmals aus seiner Bettler-/Rolle fällt, als ihn die Zuhörer auf Ungereimtheiten in seinen fantastischen Ausführungen hinweisen, auch das eine schöne, weil Ungeheuer befreite Idee von Lack und Hauer, steht der ultimative Kampf mit den Freiern an. Doch kaum wieder die Oberhand gewonnen, ist Odysseus ein Despot, wie er früher einer war. Nicht anders als Achill dem Hektor verweigert er den von ihm Geschlagenen ein ehrenvolles Begräbnis, muss, um deren Familien zu entgehen, erneut in die Ferne aufbrechen. Aber ein ihm unbekannter Knabe steht da, sein mit Kirke gezeugter Sohn Telegonos, dessen mütterlicher Arbeitsauftrag in der Telegonie des Eugamon von Kyrene nachzulesen ist …

Der Mensch kann aus der Geschichte nicht lernen, weil sich Geschichte nicht wiederholt, sondern immer wieder von vorne beginnt. „Soll Griechenland zum Lager der verlorenen Seelen werden?“, fragt der alte Laertes. In diesem Sinne ist die „Odyssee“ in Melk über eine gelungene Theaterproduktion hinaus die Beschreibung eines europäischen Krisenzustands und ein Beispiel dafür, wie einer die Kyklopen, die er rief, nicht mehr los werden kann. Bravo.

www.sommerspielemelk.at

Wien, 17. 6. 2016