Rabenhof: Vatermord

Dezember 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genüsslich gespielter Generationskonflikt

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

„Der Oide“ verspätet sich. Nicht zufällig, der Junior hat ihn nämlich absichtlich ins falsche Theater geschickt. Das lässt ihm Zeit, das Publikum auf die Ankunft des Papas vorzubereiten, dieser einst Theater- und Filmstar, jetzt hauptsächlich ein in seiner Villa versauernder Fernsehzuschauer – und, sagt der Sohn, schon ein bissl versulzt. Um die grauen Zellen wieder auf Vordermann zu bringen, soll dem Vater nun zum Revival verholfen werden. Im Rabenhof, und so beginnt dort der Abend „Vatermord“.

In dem Erwin Steinhauer und Matthias Franz Stein erstmals gemeinsam auf der Bühne stehen. Vor zwei Jahren verriet Stein in einem Gespräch (www.mottingers-meinung.at/?p=17699), dass man zusammen an einem Programm tüftle. Da probierte er sich gerade als Kabarettist neu aus, nun ist es also unter der Mitautorenschaft von Alfred Dorfer und Fritz Schindlecker so weit gekommen. Und nicht, dass man prinzipiell erwarte, wenn der Vater mit dem Sohne …, werde aus dem Familien-Nähkästchen geplaudert, so hat die Wuchteldruckerei doch einen wahrheitsgemäßen Kern. Und, apropos: Kern, weil wo Steinhauer drauf steht, auch Politsatire drin ist, gibt es den einen oder anderen Querschläger auf Kanzler Kurz und den von ihm so genannten „Landhäusl“.

Wobei sich Stein nicht nur als begnadeter Parodist in Sachen Echokammer-Effekte entpuppt, sondern auch als ein großartiger Komödiant, der vom Vater den Rhythmus im Blut und auch die Gesangsstimme geerbt hat. Die beiden schenken sich ein und schenken sich nichts, genüsslich wird dieser Generationskonflikt gespielt, wenn der eine erklärt, die abgenudelten Nummern nicht mittragen zu wollen, worauf der andere kontert, „die depperten Sketch“ hätten immerhin dessen Ausbildung finanziert.

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

Drei Spielebenen schieben sich laut Text ineinander. Einerseits steht man schon mitten in der Show, andererseits probt man diese noch daheim, und dort auch einer gegen den anderen den Aufstand, und dann ist da noch Matthias‘ Tagebuch, aus dem er mit heiterer Verzweiflung rezitiert. Während die Männer nämlich über die richtige Konsistenz von Klopapier, das Kiffen und Karriere-Vergleiche streiten, zerbröckelt die überhebliche Fassade des Jüngeren mehr und mehr. Es stellt sich heraus, dass der Josefstadt-Schauspieler von ebendieser gekündigt wurde, und ihn auch die Freundin vor die Tür gesetzt hat.

Was die Frage aufwirft, wer denn nun tatsächlich das Comeback braucht, und ob der Vater wirklich die „Burn-Haut“ des Sohnes retten soll … „Er is a working poor mei Bua“, bedenkt sich Steinhauer, und weil das natürlich für Lacher sorgt, tadelt dieser Richtung Zuschauerraum: „Sie san scho sei Publikum.“ Regisseurin Caroline Welzl ist mit Erwin Steinhauer und Matthias Franz Stein ein supersympathischer Abend gelungen, lustig, hinterlistig und sprachverspielt. „Humor“, sagt Steinhauer an einer Stelle, „ist ein Platzhalter für Intelligenz.“ Besser lässt sich „Vatermord“ nicht beschreiben. Ach ja, was es mit dem auf sich, und warum eine Urne beinah das letzte Wort hat, das muss man sich selber anschauen.

Video: www.youtube.com/watch?v=MjUiW_eV_Js&feature=youtu.be

www.rabenhoftheater.com

  1. 12. 2018

Stadtsaal – Alfred Dorfer: und …

Oktober 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück, das zu wenig politisch ist

Bild: Ernesto Gelles

Wo sein Zorn geblieben sei, fragt ein Theaterdirektor, den Alfred Dorfer spielt, den Alfred Dorfer, den Alfred Dorfer spielt. Der, also Nummer zwei, winkt ab. Mitte Fünfzig und altersmilde, das ist der neue Lebensplan, und tatsächlich turnt der Kabarettstar im Wiener Stadtsaal mit nie geahnter Leichtigkeit und Gelassenheit durch sein aktuelles Programm „und …“ Was nicht heißt, dass ihm der Biss verloren gegangen ist, nur hinschnappen und sich verbeißen will er nicht mehr.

Weil, sagt er, in jedem Zyniker doch ein zartes Herz schlage, und sich immer das „bissige Satire“ nenne, das umgemünzt auf Politik nichts anderes als Populismus sei. Da will er nicht (mehr) mitmachen. Das Kabarettproblem ist ja bekannt, dass die „oben“ und die „unten“ eh immer eines Geistes sind. Vornehmlich, weil die anderen gar nicht erst kommen. Und so kommt’s zu Alfred Dorfers volksbildnerisch politischer Forderung: die „Links-Rechts-Scheiße“ hinter uns zu lassen und „endlich unseren Verstand zu benutzen“.

Ein gewagter Ansatz, so knapp nach der Wahl. Man fühlt sich von ihm in „und …“ immer wieder aufs Glatteis geführt. Sieben Jahre hatte sich Dorfer Zeit gelassen, um sich nach Tourneen durch den deutschen Sprachraum, einer nachgeholten Dissertation und kleineren Lehraufträgen an der Uni seinen Bühnenmonolog zu überlegen. Dessen Kern ist ein Umzug, oder wie die eigene Urgroßmutter sagte: Lieba drei Moi obrennt, ois a Moi um’zogen.  Und so sitzt er auf seiner Bananenkistenbühne und denkt (erstmals ohne Band) laut nach. Über Gewesenes und Seiendes, Veränderung und Neuanfang, und Philosophisches.

„Dinge wahrzunehmen ist der Keim der Intelligenz“, zitiert er Laotse. Dorfer bedient sich in seinem Solo mehrmals beim Unter-dem-Mandelbaum-Sitzer. Was dem aktuellen Träger des Deutschen Kabarettpreises nämlich gegen den Strich geht, und was der chinesische Vordenker auf seine Art vorformuliert habe, ist die unhinterfragende „Instanzengläubigkeit“ selbsterklärter Intellektueller, eine allgemeine Tendenz sich lieber auf den Hausverstand der Hauszeitung als aufs eigene Hirn zu verlassen. Ausgeteilt wird in „und …“ gegen denkfaule Besserwisser wie gegen die Sexgrapscher von Köln. Gegen letztere zieht er mit dem neu aufgekommenen „Vulgärfeminismus“ ins Feld: „Unsare Weiber belästig’n mia scho söba!“ Die Allianzen werden immer unheilvoller. Dorfer macht klar, „dass es nicht wichtig ist, wer was sagt, sondern wer was sagt“. Er fürchtet eine Zukunft, in der Idealisten nur noch nützliche Idioten sind.

Bild: Ernesto Gelles

Diese Brandpredigten schlittern, mitten unter Plädoyers fürs Stehpinkeln als Männlichkeitssymbol und den obligaten Witzchen über Veganer und Kevin-Kinder (die übrigens genauer betrachtet allmählich das mittlere Management besetzen und unser, der Mittfünfziger, Vorgesetzte werden …), blitzeisglatt durchs Gesagte und verschwinden ebenso schnell wieder. Das ist konsequent gemacht, denn Dorfer macht dessen Beiläufigkeit und Beliebigkeit diesmal zum Programm, und streut zwischendurch die Pointen ins Publikum, als Sand für Lachtränenaugen.

Und so ist eine der schöneren von Dorfers Weisheiten: „Ich denke, also bin ich: Wenn ich beim Aldi zwei Bananen stehle und mir nichts dabei denke, war ich es dann nicht?“, und eine der fordernden: „Wann hat in der Menschheitsgeschichte dieser Schwachsinn begonnen, dass man Dinge trennt, die man im Grunde nur unterscheiden kann?“

Dorfer schlüpft von einer Rolle in die nächste. Gibt Studienkollegen, Nachbarn, einen einfältigen, was sonst?, Journalisten, Gastarbeiter, Osteuropamafiosi und einen Schwyzer mit Sprengstoffgürtel. Er tritt als sein jüngeres Ich ins Zwiegespräch mit der Mutter und ihrer Frage, warum er sich eine so depperte Arbeit ausgesucht hat, „wo du dein Geld damit verdienst, dass sie dich auslachen.“ Virtuos und temporeich agiert Dorfer in den von ihm erdachten Parallelwelten, spielt mit den Figuren und deren Perspektiven, und macht sein Solo damit zu einem Ein-Mann-Theater.

Die Story mit dem Theaterdirektor geht natürlich auch zu Ende, der Dorfers Stück trotz Auftrag schließlich um die Burg nicht wollte. Weil: „Es war in keinster Weise politisch.“ Da blieb wohl nichts anderes übrig, als zurück auf die Kabarettbühne. In der Zugabe macht Dorfer das deutlich. „Ich weiß, warum er jetzt wieder spielt, weil’s nix geworden ist mit seiner Partei“, imitiert er einen angeödeten Zuschauer. Wobei, ist das nicht ein anderer, der nach seinem Gang in die Politik gerade „Der Kanzler“ wird?

www.dorfer.at

www.stadtsaal.com

  1. 10. 2017

Andreas Vitásek wird 60 und verreist mit Alfred Dorfer

April 27, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Freitag im ORFeins-Porträt „Paris, Favoriten“

Bild: Robert Sattler, e&a-Film, ORF

Erinnerungsgrinser vor dem Eifelturm: Bild: Robert Sattler, e&a-Film, ORF

Am 1. Mai wird Andreas Vitásek 60 Jahre. Aus diesem Anlass blickt er auf sein künstlerisches Leben zurück. Und um nicht alleine in Gedanken zu schwelgen besucht er zusammen mit Alfred Dorfer Orte seiner Vergangenheit. Vom Käfig in Favoriten, in dem er täglich gekickt hat, über Paris, wo er in jungen Jahren die berühmte Schauspielschule LeCoq besuchte, bis hin zur Kulisse, einem Ort, der für Vitásek und Dorfer zu den Ursprüngen ihrer Kabarettkarriere zählt, und in dem Vitásek in seinen wilden Jahren ohnmächtig in Strapsen von der Rettung gefunden wurde. Später wurde er auch als Bühnendarsteller und Regisseur in Operette und Theater sowie Darsteller in diversen Kino- und Fernsehproduktionen bekannt. Doch das Gespräch der Humorkapazunder verweilt nicht nur in der Vergangenheit, sondern es stellt sich auch die Frage der Rolle des Kabarettisten in der bedrohlichen Gegenwart und Zukunft … Ein hintergründiges und humorvolles Porträt, das auch unbekannte Facetten des österreichischen Künstlers zeigt.

„Paris – Favoriten“ ist zu sehen am 29. April um 23.05 Uhr in ORFeins.

www.vitasek.at

Wien, 27. 4. 2016