Theater Drachengasse VoD: Das weiße Dorf

Januar 29, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles im Griff auf dem sinkenden Beziehungsschiff

Ruth und Ivan und eine getanzte Fantasie, wie’s hätte sein können: Johannes Benecke und Naemi Latzer, vorne: Julia Müllner und Hugo Le Brigand. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Vom bequemen Nickisuit übers Strickwesterl bis zu den Hausschlappen, rein nach den Kostümen von Thomas Garvie sind Darsteller wie Publikum modisch absolut Lockdown-up-to-date. Dass der Ausstatter auch tollkühn den kompletten Bühnenraum des Theaters Drachengasse geflutet hat, lässt sich Pandemie-bedingt nur via Bildschirm erleben. Ab heute, 20 Uhr, wenn die Drachengasse die Uraufführung von „Das weiße Dorf“ als Video on Demand anbietet. www.mottingers-meinung.at sah den Mitschnitt vorab.

Und siehe, während vielerorts Dramen zu Textflächen komprimiert und in diesen Charaktere zur Beliebigkeit gesplittet werden, findet hier Dialog statt. Ein höchst konkreter zwischen Ruth und Ivan, die beiden offenbar früher ein Paar, jetzt mit jeweils neuem Partner, neuer Partnerin auf Amazonas-Kreuzfahrt – und wie sich auf einem Schiff nicht ständig über den Weg laufen? An der Reling wie aneinander gekettet geht’s erst um die vorbeiziehende Landschaft, den perfekten Service an Bord, später wird gelobhudelt über zwischenzeitlich gemachte Karrieren.

Doch plötzlich knattert’s und knistert’s, wird anfängliche Verlegenheit mit gemeinsamer Vergangenheit weggelacht. Ist das schon ein Flirt? Nein, da steht man doch längst drüber … Teresa Dopler gewann für ihr Stück den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2019, Valerie Voigt hat’s nun inszeniert. Und Naemi Latzer und Johannes Benecke sind fabelhaft als Ruth und Ivan, die beiden lupenreine Bobos, die sich dies Echtheitszertifikat mittels heftigem Polieren ihrer glatten Oberfläche erarbeiten.

Mit Allerwelts-Small-Talk kaschieren sie den gemeinsamen Imperfekt, lächeln nicht vergessen, positiv äußern, durch Nachfragen Interesse zeigen, Reaktionen interpretieren, das geht so weit, bis einen das Zuschauen schmerzt, und man sich fragt, wann diese Überfreundlichkeit in die Katastrophe kippen wird. Valerie Voigt bringt mit ihrer sich ganz auf die Schauspielerkraft und deren Sinn für Rhythmus verlassenden Arbeit das Impropre von Doplers Figuren auf den Punkt. Latzer und Benecke interpretieren dies mit Mimik und Gestik, sie machen ihre Körper zum Lügendetektor, der Ruths und Ivans Schönrederei in ihrer Falschheit entlarvt.

Latzer und Benecke. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Benecke und Latzer. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Ihre erwähnt glatte Oberfläche wird in der des knöcheltiefen schwarzen Wassers gespiegelt, fast fühlt man das feuchte Urwaldklima aufsteigen, und mitten drin Hugo Le Brigand und Julia Müllner als Gegensatz-Paar, sich – in einer Choreografie von Karin Pauer – umtänzelnd, sich umschlingend, Ruth und Ivan und eine Liebe, wie sie hätte sein können …

Teresa Doplers „Das weiße Dorf“ ist ein feiner Glücksgriff zum 40. Jubiläum des 1981 von Emmy Werner gegründeten Theaters Drachengasse. Die gebürtige Linzerin versteht es, den Weg eines jungen, modernen Europas auszuschildern, dessen Protagonistinnen und Protagonisten im steten Vorwärtsstreben vieles opfern – die Einsamkeit im Privaten, dieser Tage freilich virulent, ist bei Weitem kein Corona-Symptom, die im Ringen um „Authentizität“, heißt: Natürlichkeit, auf die Künstlichkeit eines sorgsam gebastelten Social-Media-Images setzen.

Auch via Bildschirm überträgt sich diese Atmosphäre, doch bleibt zu hoffen, dass die Drachengasse die Aufführung auch live wird zeigen können. Bis dahin, heute Abend, 20 Uhr! Tickets: www.drachengasse.at/spielplan_detail.asp?ID=937 bzw. www.eventbrite.de

www.drachengasse.at

  1. 1. 2021

Anne Bennent und Otto Lechner …

Mai 8, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

… erzählen die Geschichte von „Leila und Madschnun“

Anne Bennent Bild: privat

Anne Bennent
Bild: privat

Im Wonnemonat Mai – genauer gesagt ab 16. – liest die großartige Schauspielerin Anne Bennent  im „Dorf“ (Obere Viaduktgasse 2/1, 1030 Wien) die wundersame orientalische Liebesgeschichte „Leila und Madschnun“, ein großer Stoff der Weltliteratur von Nizami, in musikalischer Begleitung von Otto Lechner und Musikern aus dem Umfeld des Vienna Rai Orchester (Peter Rosmanith, Kadero Ray, Raouf Kahouli …). Die Geschichte der Liebe von Leila und Madschnun erzählt man sich in den Wüsten Arabiens seit über 1000 Jahren. Der persische Dichter Nizami hat sie im 12. Jahrhundert aufgeschrieben und man liebt, liest und spielt sie noch heute im gesamten arabischsprachigen Raum. Diese orientalische Geschichte spielt in der Welt der Beduinen und handelt von einer hohen Form der Liebe. Rudolf Gelpke, leidenschaftlicher Islamwissenschaftler, hat die Verse in deutsche Prosa übertragen.

Wie Romeo und Julia, so können auch Leila und Madschnun nicht zusammenkommen, da es die Familien nicht erlauben. Da bricht Madschnun (der Verrückte) alle gesellschaftlichen Normen und geht in die Wüste, um sich seiner unerfüllten, ihn aber ganz erfüllenden Liebe hinzugeben. So bedeutet „Madschnun“ auch Versinken in einen Gedanken und „Leila“ die Nacht der Verdunklung. Die Geschichte ist von Anfang bis Ende eine Lehre über den Pfad der Hingabe. Oder wie Otto Lechner sagt: „Die zentrale Frage des Buches ist für mich: Wer bin ich, und wer kann mich davor zurückhalten?“ „Ich glaube, ohne Poesie und Musik gehen wir zugrunde“, ergänzt Anne Bennent.

Der letzte Abend endet mit einem orientalischen Fest.

www.dasdorf.at

Wien, 8. 5. 2014